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Jenseits der Pandemie leidet Chocó

Aus dem Chocó kom­men erneut schlim­me Nach­rich­ten. Über Ursu­la Holz­pa­fel und Ulrich Kol­witz, die seit über drei­ßig Jah­ren zusam­men mit der Diö­ze­se in Quib­dó in der »Comi­sión Dio­cesa­na Vida, Jus­ti­cia y Paz« in der Men­schen­rechts­ar­beit aktiv sind und mit denen wir von WISSENSKULTUREN seit vie­len Jah­ren eng ver­bun­den sind, erreicht uns ein besorg­nis­er­re­gen­der Bericht. In einem gemein­sa­men Auf­ruf von afro­ko­lum­bia­ni­schen und indi­ge­nen Orga­ni­sa­tio­nen, des »Con­se­jo Comu­ni­ta­rio Mayor de la Aso­cia­ción Cam­pe­si­na Inte­gral del Atrato – COCOMACIA«, dem »Mesa Indí­ge­na del Chocó«, dem »Foro Inte­rét­ni­co Soli­da­ridad Chocó«, dem »Red Depar­ta­men­tal de Muje­res Cho­coanas« und dem »Mesa Ter­ri­to­ri­al de Garan­tí­as Chocó« wird auf die alar­mie­ren­de Zunah­me der Ver­let­zung der indi­vi­du­el­len und kol­lek­ti­ven Rech­te der afro­ko­lum­bia­ni­schen und indi­ge­nen Völ­ker des Chocó durch die Ver­schär­fung des bewaff­ne­ten Kon­flikts im Depar­te­ment auf­merk­sam gemacht.

Schon seit lan­gem wird das Ein­si­ckern para­mi­li­tä­ri­scher Ver­bän­de (ins­be­son­der der Auto­de­fen­sas Gai­ta­nis­tas de Colom­bia, AGC) und Grup­pen der ELN-Gue­ril­la in den Cho­co beklagt. In den besetz­ten Gebie­ten wer­den eige­ne »Geset­ze« zur Gel­tung gebracht und sie über die ver­fas­sungs­mä­ßig garan­tier­ten Rech­te der betroff­nen Gemein­den und Grup­pen gestellt. Die­se Miss­stän­de sind seit lan­gem bekannt, wer­den aber von der kolum­bia­ni­schen Regie­rung igno­riert. Zu befürch­ten ist, dass es wie­der ein­mal ein klamm­heim­li­ches Ein­ver­ständ­nis der Regie­rung mit den para­mi­li­tä­ri­schen Kräf­ten, die mit enor­men finan­zi­el­len und logis­ti­schen Res­sour­cen aus­ge­stat­tet sind, gibt. Ihr vor­ge­ge­be­nes Ziel ist es, die ver­blie­be­nen Gue­ril­la­grup­pen zu eli­mi­nie­ren. Aber nicht nur dar­um scheint es zu gehen (vgl. Jus­ti­cia y Paz, Colom­bia, 30.12.2019). Ver­trei­bun­gen der Bevöl­ke­rung von ihrem Land sind in einem bis­her nicht bekann­tem Aus­maß an der Tages­ord­nung. Ille­ga­le Berg­bau­an­la­gen enste­hen, Regen­wald wird gero­det um Platz für gro­ße Plan­ta­gen oder für Gold­mi­nen zu machen. Die Umwelt­ver­schmut­zung schrei­tet vor­an, ins­be­son­de­re der Flüs­se, die die Lebens­ader die­ser Regi­on dar­stel­len. Queck­sil­ber­ver­seu­chung des Was­sers bedroht die Gesund­heit und das Leben der indi­ge­nen und afro­ko­lum­bia­ni­schen Bevöl­ke­rung, die an den Ufern die­ser Flüs­se sie­deln.

Ursu­la und Uli schrei­ben, dass selbst in der Stadt Quib­do, die Haupt­stadt des Depar­ta­ment­os Cho­co, die Gewalt­grup­pen immer mehr die Kon­trol­le über die Wohn­vier­tel aus­deh­nen. »Sie sind die Ein­zi­gen, die kei­ner­lei Aus­gangs­be­schrän­kun­gen unter­lie­gen. Per­so­nen, die sich die­ser Herr­schaft wider­set­zen wol­len, wer­den ein­ge­schüch­tert und bedroht. Allein hier in Quib­dó haben wir die­ses Jahr bereits 87 Mord­fäl­le regis­trie­ren müs­sen. Es fal­len nach wie vor weit mehr Men­schen den Gewalt­ver­bre­chen zum Opfer als dem Coro­na­vi­rus, der bis­her im gesam­ten Chocó 70 Ster­be­fäl­le vers­ur­sacht hat.« (Rund­brief von Ursu­la Holz­ap­fel & Ulrich Koll­witz, Comi­sión Vida, Jus­ti­cia y Paz, v. 7.7.2020)

Und dies fin­det alles in einem Gebiet statt, wel­ches im Frie­dens­ver­trag als eines der 16 Ter­ri­to­ri­en erklärt wur­de, die beson­ders unter dem Gewalt­kon­flikt gelit­ten hat­ten und des­halb einer beson­de­ren Unter­stüt­zung des Staa­tes bedür­fen. Aber die­se Art von “Unter­stüt­zung” war sicher nicht gemeint vgl. Jus­ti­cia y Paz, Colom­bia, 30.12.2019.

In dem Auf­ruf wird auch beklagt, dass in einer Zeit, in der die Coro­na-Pan­de­mie, den tages­po­li­ti­schen Dis­kurs bestimmt, ihre Hil­fe­ru­fe unge­hört blei­ben. Es wird auf den kata­stro­pha­len Zustand des Gesund­heits­sys­tems (Kran­ken­haus­in­fra­struk­tur, Aus­rüs­tung, Per­so­nal, Leis­tungs­er­brin­gung) im gesam­ten Depar­te­ment Chocó auf­merk­sam gemacht, wel­cher die gesam­te Bevöl­ke­rung, jen­seits der Coro­na­vi­rus-Pan­de­mie, in eine Lage ver­setzt, in der sie stän­dig der Gefahr von Krank­hei­ten oder Unfäl­len schutz­los aus­ge­lie­fert ist. Alle länd­li­chen Gemein­den, vor allem die indi­ge­nen, sind nach wie vor stän­dig ende­mi­schen und epi­de­mi­schen Krank­hei­ten (Tuber­ku­lo­se, Lun­gen­ent­zün­dung, Den­gue-Fie­ber, Mala­ria) aus­ge­setzt, beglei­tet von chro­ni­scher Unter­ernäh­rung und einem schwa­chen Immun­sys­tem.

Wenn die Regie­rung Wirk­sam­keit und Glaub­wür­dig­keit bei den Maß­nah­men zur Bekämp­fung der Coro­na-Pan­de­mie der Pan­de­mie und zum Schutz des Lebens der Bevöl­ke­rung errei­chen will, kann sie sich nicht auf Qua­ran­tä­neer­las­se beschrän­ken und das Pan­ora­ma des bewaff­ne­ten Kon­flikts, der ille­ga­len Wirt­schaft, des Elends, der Kor­rup­ti­on und der man­geln­den Gesund­heits­ver­sor­gung ver­nach­läs­si­gen, die im Depar­te­ment Chocó unzäh­li­ge Men­schen­le­ben for­dern.

Die genann­ten Orga­nis­tio­nen for­dern die Regie­rung dazu auf, wirk­sa­me Maß­nah­men zu ergrei­fen, die dar­auf abzie­len, der Bevöl­ke­rung von Chocó ein ganz­heit­li­ches men­schen­wür­di­ges Leben zu garan­tie­ren. In den Gebie­ten muss die Aner­ken­nung der indi­ge­nen und afro­ko­lum­bia­ni­schen Selbst­ver­wal­tung unver­züg­lich wie­der­her­ge­stellt wer­den. Gefor­dert wird die voll­stän­di­ge Umset­zung des Frie­dens­ab­kom­mens zwi­schen der kolum­bia­ni­schen Regie­rung und den FARC vom Novem­ber 2016, wel­ches auch grund­sätz­li­che Fra­gen der Indi­ge­nen und Afrokolumbianer*innen umfasst.

Der voll­stän­di­ge Wort­laut des Auf­rufs (in spa­ni­scher Spra­che) ist hier zum Down­load ver­füg­bar.

Wei­te­re Bei­trä­ge zu die­sem The­ma:

Frieden in den Zeiten des Coronavirus?

Wir hat­ten Glück mit unse­rer Rück­rei­se nach Deutsch­land Mit­te März, dass wir trotz mehr­fa­cher Ver­schie­bung des Flu­ges (aber aus ande­ren Grün­den als der der Pan­de­mie) zwei Plät­ze in der Air Fran­ce Maschi­ne nach Paris erhal­ten hat­ten. Die Coro­na Kri­se war noch nicht rich­tig in Kolum­bi­en ange­kom­men, aber alles was man aus Asi­en und Euro­pa hör­te, konn­te einen nicht opti­mis­tisch machen. Soll­te es tat­säch­lich zu einem Shut­down der Wirt­schaft kom­men? Ange­sichts der unzäh­li­gen Stra­ßen­ver­käu­fer in kolum­bi­ens Städ­ten eigent­lich undenk­bar. Wovon soll­ten sie leben? Groß ange­leg­te Unter­stüt­zungpro­gram­me, so wie in Deutsch­land, konn­te ich mir in Kolum­bi­en nicht vor­stel­len, ins­be­son­de­re nicht für den soge­nann­ten »infor­mel­len Sek­tor, in dem ein Groß­teil der Bevöl­ke­rung sich ihren Lebens­un­ter­halt erwirt­schaf­tet. Und was soll­te aus dem Frie­dens­pro­zess wer­den? Wie kann die Arbeit der drei Kom­mis­sio­nen, der »Comi­son de la Ver­dad«, der »JEP« (Juris­dic­ción para la Paz), sowie der »UBPD« (Uni­dad de Bús­que­da de Per­so­nas dadas por Desa­pa­re­ci­das) wei­ter­ge­hen, wenn Kolum­bi­en so wie in Euro­pa die Mög­lich­kei­ten sozia­ler Kon­tak­te mas­siv ein­schrän­ken soll­te. Mitt­ler­wei­le ist ja genau die­ses Sze­na­rio ein­ge­tre­ten und in der Tat muss man sich Sor­gen um den Frie­dens­pro­zess machen. Wie­der ein­mal, muss man sagen, denn auch schon vor­her muss­te man den Frie­dens­pro­zess in Kolum­bi­en als aus­ge­spro­chen fra­gil bezeich­nen. Die Mor­de an sozia­len Akti­vis­ten der Umwelt‑, der Men­schen­rechts- oder der Frie­dens­be­we­gung sowie an Exko­ma­bant­tan­ten der FARC gehen wei­ter. Unter den Bedin­gun­gen der Aus­gangs­be­schrän­kun­gen schei­nen sich die Gewalt­tä­ter noch siche­rer zu sein, unge­stört ihre Atten­ta­te durch­füh­ren zu kön­nen. Ins­be­son­de­re in den vom Gewalt­kon­flikt beson­ders betrof­fe­nen Gebie­ten scheint sich mit COVID-19 die Lage zum Teil dra­ma­tisch zuzu­spit­zen. Denn hier han­delt es sich meist um weit abge­le­ge­ne Regio­nen, in denen das staat­li­che Gesund­heits­we­sen kaum greift, in denen auf­grund der Umwelt­be­las­tun­gen durch ille­ga­le Minen (v.a. Gold, Sma­rag­den) aber auch durch den »lega­len« Roh­stoff­an­bau (Koh­le, Erd­öl, Erze) der Gesund­heits­zu­stand der Bewoh­ner seit Jah­ren einer star­ken Belas­tung unter­wor­fen ist. Hin­zu kommt noch, dass in die­sen Gebie­ten die sozia­len und kul­tu­rel­le Grund­rech­te nicht aus­rei­chend umge­setzt sind, so dass erheb­li­che Wis­sens­de­fi­zi­te bestehen, um die Zusam­men­hän­ge zwi­schen bestimm­ten Lebens­wei­sen und der Pan­de­mie zu erken­nen und ent­spre­chen­de Ver­hal­tens­maß­nah­men ein­zu­lei­ten. Das alles betrifft in beson­de­rer Wei­se die indi­ge­ne und afro­ko­lum­bia­ni­sche Bevöl­ke­rung. Ein Bei­spiel ist das Depar­ta­ment Cho­co mit sei­ner über­wie­gend afro­ko­lum­bia­ni­schen Bevöl­ke­rung, die seit Mona­ten ver­stärkt unter para­mi­li­tä­ri­schen Aktio­nen lei­det.

Und die Auf­merk­sam­keit der Öffent­lich­keit scheint sich der­art auf die Coro­na-Kri­se zu kon­zen­trie­ren, dass tat­säch­lich die Gefahr besteht, dass der Frie­dens­pro­zess dabei unter die Räder kommt. Zivil­ge­sell­schaft­li­che Grup­pen aber auch ver­schie­de­ne poli­ti­sche Par­tei­en und inter­na­tio­na­le Beob­ach­ter rich­ten des­halb For­de­run­gen an die Regie­rung, den Frie­dens­pro­zess trotz COVID-19 wei­ter vor­an­zu­trei­ben und Bedin­gun­gen zu schaf­fen, wie die Arbeit der dafür ein­ge­rich­te­ten Insti­tu­tio­nen auch in Zei­ten des Coron­vi­rus wei­ter­ge­führt wer­den kann.

Zu den Ereignissen des 21. November

Wer Kolum­bi­en kennt, weiß, dass es kaum ein ande­ren Land gibt, das eine grö­ße­re Diver­si­tät in jeg­li­cher Hin­sicht zu bie­ten hat. Kli­ma­tisch, geo­gra­fisch, bio­lo­gisch, eth­nisch, kul­tu­rell, musi­ka­lisch und vie­les mehr. Der 21. Novem­ber 2019, der Tag des Gene­ral­streiks, war ein Tag, an dem die­se Diver­si­tät in einer ande­ren Hin­sicht deut­lich wur­de: An ein­und­dem­sel­ben Tag konn­ten wir vie­le Kolum­bi­en gleich­zei­tig sehen. Ein Kolum­bi­en mit einer ein­drucks­vol­len, wür­de­vol­len, aus­ge­spro­chen fried­li­chen und auge­las­se­nen Mani­fes­ta­ti­on für die sozia­len und poli­ti­schen Rech­te der Bevöl­ke­rung, mit einer kla­ren Oppo­si­ti­ons­an­sa­ge gegen­über der Regie­rung. »Una fies­ta poli­ti­ca« wie eini­ge der teil­neh­me­nen Poli­ti­ker, Jour­na­lis­ten, Künst­ler in Inter­views wäh­rend der Mani­fes­ta­ti­on sag­ten.

Dann aber sahen wir auch mas­si­ve staat­li­che Repres­si­on, Gewalt, Van­da­lis­mus was zu Aus­gangs­sper­ren in Bogo­tá und Cali führ­te. Dann wie­der tage­lang aus­ge­las­se­ne fried­li­che »Cace­ro­la­sos« — sogar direkt vor dem Wohn­haus des Prä­si­den­ten. Und das teil­wei­se mit Cho­reo­gra­phien, die man­che Fan­kur­ven von Fuß­ball­ver­ei­nen in den Schat­ten stel­len könn­te.

Die Irri­ta­tio­nen, die die­se wider­sprüch­li­chen Bil­der her­vor­rie­fen, hat­ten aber bereits viel frü­her begon­nen. Den­ken wir nur an die wochen­lan­ge Panik­ma­che vor Beginn des Gene­ral­streiks. Dort haben bestimm­te Inter­es­sen­krei­se unter Rück­griff auf ein frag­wür­di­ges kul­tu­rel­les Gedächt­nis der Kolum­bia­ner und unter unver­ant­wort­li­cher Nut­zung der Social-Media-Kanä­le eine Hys­te­rie erzeugt, die letzt­lich den Boden berei­te­te für eine gewalt­vol­le Inter­ven­ti­on.

Die hät­te nicht sein müs­sen. Und sie hat gezeigt, dass die Bot­schaft des Frie­dens­ver­tra­ges von Haban­na immer noch nicht bei allen Kolum­bia­nern ange­kom­men ist. Sehr deut­lich hat dies die neu­ge­wähl­te Bür­ger­meis­te­rin von Bogo­tá, Clau­dia Lopez, — die übri­gens selbst auch mit­de­mons­triert hat — kom­men­tiert, als sie bekräf­tig­te, dass eine Mani­fes­ta­ti­on – auch in die­ser Grö­ßen­ord­nung – selbst­ver­ständ­lich ein ver­fas­sungs­mä­ßi­ges Grund­recht auf poli­ti­sche Opp­so­i­ti­on sei.

Aber die im letz­ten Jahr gewähl­ten Regie­rung Duque hält aber offen­sicht­lich immer noch im alten uri­bis­ti­schen Den­ken fest, dass jeg­li­che Oppo­si­ti­on gegen die Regie­rung ein sub­ver­si­ver Akt ist. Die Macht­de­mons­tra­ti­on des Staa­tes war ein­deu­tig: Ein mas­si­ves Poli­zei- und Mili­tär­auf­ge­bot, äußerst frag­wür­di­ge Pro­vo­ka­tue­re, von denen eini­ge, als sie von Demons­tran­ten zur Rede gestellt wur­den, zuge­ben muss­ten, COP 50.000,– erhal­ten zu haben, um ordent­lich Ran­da­le zu machen. Von wem? Ich weiß es nicht.

Immer­hin gibt es Poli­zis­ten, die sich für die über­zo­ge­ne Här­te beim Poli­zei­ein­satz öffent­lich ent­schul­dig­ten. Die Video­auf­zeich­nun­gen, die ich über Twit­ter gese­hen habe, sind in der Tat beun­ru­hi­gend. Höchst irri­tie­rend auch, dass da Poli­zis­ten waren, die gar kei­ne Iden­ti­fi­ka­ti­ons­num­mern hat­ten und auf Befra­gen jede Aus­kunft dar­über ver­wei­ger­ten.

Zwei­fel­los sind auch die Bil­der über den Van­da­lis­mus, der statt­ge­fun­den hat bedrü­ckend. Da wur­den Bür­ger durch eine Flut von Fake-News in Angst und Schre­cken ver­setzt. Wann hat man zuletzt in Bogo­tá Bewoh­ner mit Mache­ten in der Hand gese­hen, die glaub­ten ihr Hab und Gut gegen einen angeb­lich brand­schat­zen­den Mop ver­tei­di­gen zu müs­sen. Da war sehr viel Panik­ma­che im Spiel.

Auf der Sei­te der Demons­trie­ren­den, wur­de ver­sucht, die gewalt­be­rei­ten Pro­vo­ka­teue­re zu iso­lie­ren. Was nicht immer gelang. Ob wirk­lich Para­mi­li­tärs ein­ge­schleust wur­den, die die Gewalt immer wie­der neu ent­fa­chen woll­ten (oder soll­ten?) — wie behaup­tet wird – lässt sich schwer prü­fen. In Cali waren es off­fen­sicht­lich stadt­be­kann­te Hoo­li­gans, die im Schutz der Mani­fes­ta­ti­on mal ordent­lich die Sau raus las­sen woll­ten. All die­se Erschei­nun­gen sind uns in Deutsch­land ja auch nicht ganz unbe­kannt.

Die Tage nach dem 21. Novem­ber ver­lie­fen fried­li­cher, wenn­gleich die Pro­tes­te tag­täg­lich wei­ter­ge­hen. Ins­be­son­de­re nach dem Tod des acht­zehn­jäh­ri­gen Stu­den­ten Dilan Cruz, der von einer Trä­nen­gas­gra­na­te der berüch­tig­ten Poli­zei­ein­heit ESMAD am Kopf getrof­fen wor­den war, kommt Kolum­bi­en nicht mehr zur Ruhe. Von Prä­si­dent Duque wird nun nicht nur ein kla­res Bekennt­nis zum Frie­dens­pro­zess gefor­dert, son­dern auch sei­ne ziel­stre­bi­ge Umset­zung.

Des Präsidenten neue Schuhe

Das hat­ten sich die Ex-FARC-Gue­ril­le­ros lis­tig aus­ge­dacht. Es war ja zu erwar­ten, dass Iván Duque irgend­wann zu einer sol­chen Good-Will-Show-Tour auf­bre­chen wird, die ihn in ein oder meh­re­re der »Espa­ci­os Ter­ri­to­ria­les de Capa­ci­ta­ción y Rein­cor­por­a­ción« füh­ren wird, um die welt­weit auf­ge­kom­me­nen Zwei­fel an sei­ner Frie­dens­be­reit­schaft zu zer­streu­en. Wie die kolum­bia­ni­sche Tage­zei­tung »El Tiem­po» am 16. März berich­te­te, besuch­te er nun in der Nähe von Val­le­du­par, im Depar­ta­ment Cesar, eine sol­che ETCR und sprach dort mit über 100 ehe­ma­li­gen FARC-Kämp­fern. In einer dort in den letz­ten Mona­ten ent­stan­de­nen Schuh­ma­cher-Werk­statt ver­kauf­ten ihn die Ex-FARC-Guer­ril­le­ros dann doch tat­säch­lich für gera­de mal 140.000 COP (das sind ca. € 40,–) ein paar brand­neue FARC-Wan­der­stie­fel. Kei­ne Gum­mi­stie­fel, nein, son­dern wirk­lich ganz tol­le Leder­stie­fel, wie auf dem Foto unten zu sehen ist. Und Duque ver­sprach auch artig, die­se aus­gie­big zu benut­zen und mit ihnen das gan­ze Land zu berei­sen. »Voy a gastar estas botas recor­ri­en­do Colom­bia« sag­te er. Nun ist es ja kaum vor­stell­bar, dass die Ex-FARC-Leu­te mit dem Ver­kauf nicht eine beson­ders sub­ti­le Stra­te­gie ver­folgt hät­ten. Ich bin sicher, dass es sich bei die­sen Stie­feln um ganz beson­de­re Stie­fel han­deln muss: näm­lich um Frie­dens­pro­zess­be­schleu­ni­gungs­stie­fel! Ein Wort, das man sowie­so nur in deut­scher Spra­che kon­stru­ie­ren kann und des­sen wah­re Bedeu­tung Duque des­halb auch ver­bor­gen blei­ben muss­te. Die Sache hat nur einen Haken, den wie­der­um die FARC-Leu­te nicht bedach­ten: Die Stie­fel haben nur dann eine Wir­kung, wenn sie getra­gen wer­den. Und wer im Casa de Nari­ño dar­über ent­schei­det, wel­che Schu­he der Prä­si­dent trägt, das ent­zieht sich unse­rer Kennt­nis. Egal, wenn’s denn dem Frie­den dient!

Foto: Pre­si­den­cia (El Tiem­po, 15.3.2019)

Menschenrechte: deprimierender Bericht der UNHCR

Unse­re Ankunft in Bogo­tá wur­de nicht nur über­schat­tet von der sich immer wei­ter zuspit­zen­den Kri­se in Vene­zue­la son­dern auch durch depri­mie­ren­de Zah­len über die Men­schen­rechts­si­tua­ti­on in Kolum­bi­en, die allen Erwar­tun­gen, die der 2016 ein­ge­lei­te­te Frie­dens­pro­zess aus­ge­löst hat­te, Hohn spre­chen. Wie der Vetre­ter des Roten Kreu­zes in Kolum­bi­en, Chris­toph Har­nisch, in einem Inter­view mit der Zei­tung »El Tiem­po« bekannt­gab, hat sich die Kon­flikt­si­tua­ti­on in eini­gen Regio­nen im Jahr 2018 nicht nur nicht ver­bes­sert, son­dern sogar ver­schärft. Ver­trei­bun­gen, Bedro­hun­gen, Ver­schlep­pun­gen und Ermor­dun­gen haben Im Jahr 2018 wie­der dra­ma­tisch zuge­nom­men. So gab es bei­spiel­wei­se einen sprung­haf­ten Anstieg der Ver­trei­bun­gen von 13.809 im Jahr 2017 auf 27.780 im Jahr 2018. Das ist die höchs­te Zahl seit 2012. Auch die zivi­len Opfer, die durch Land­mi­nen zu bekla­gen sind, haben wie­der zuge­nom­men. Von 57 im Jahr 2017 auf 221 im Jahr 2018 (Quel­le: El Tiem­po 28. Febru­ar 2019).

Nach­dem bereits im Janu­ar die NGO »Front­li­ne Defen­ders« ihren umfang­rei­chen Bericht zur Lage der Men­schen­rechts­ver­tei­di­ger 2018 vor­ge­legt hat­te und dar­in Kolum­bi­en beschei­nig­te, das mit Abstand gefähr­lichs­te Land für Akti­vis­ten sozia­ler Bewe­gun­gen zu sein, hat nun auch die UN-Hoch­kom­mis­sa­rin für Men­schen­rech­te, die ehe­ma­li­ge chi­le­ni­sche Prä­si­den­tin Michel­le Bachel­let, ihren Bericht zur Men­schen­rechts­si­tua­ti­on in Kolum­bi­en vor­ge­legt.

»Front­li­ne Defen­ders« hat­te von 126 getö­te­ten Men­schen­rechts­ak­ti­vis­ten im Jahr 2018 berich­tet, einer Zahl, die dop­pelt so hoch ist, wie die Anzahl der Tötungs­de­lik­te in Mexi­co, dem Land mit der welt­weit zweit­höchs­ten Mord­ra­te. Auch die UNO beklagt die hohe Zahl von Tötungs­de­lik­ten an Men­schen­rechts­ak­ti­vis­ten und kri­ti­siert gleich­zei­tig die aus­ge­spro­chen nied­ri­ge Auf­klä­rungs­ra­te.

Auf die Vor­hal­tun­gen der UNHCR, dass von den Delik­ten nur 5% auf­ge­klärt wer­den konn­ten, ant­wor­tet die kolum­bia­ni­sche Staats­an­walt­schaft mit einem Ver­weis auf die ver­än­der­ten Zah­len seit 2016. Im Zeit­raum von 2016 bis Ende Dezem­ber 2018 sei­en von ins­ge­samt 231 Tötungs­de­lik­ten 126 mittl­wei­le auf­ge­klärt wor­den, was eine Quo­te von 54,5% bedeu­tet. Das sei die höchs­te Auf­klä­rungs­quo­te seit Beginn der 90er Jah­re des ver­gan­ge­nen Jahr­hun­derts und zei­ge, so die Gene­ral­staats­an­walt­schaft, einen deut­li­chen Fort­schritt in der Auf­klä­rung von Gewalt­ta­ten.

Laut UNHCR-Bericht las­sen sich 40% der Mor­de an Men­schen­rechts­ak­ti­vis­ten para­mi­li­tä­ri­schen Grup­pen zuord­nen. Jeweils 8% gin­gen auf das Kon­to der ELN und der FARC-Dis­iden­cia, 4% auf das der EPL, 5% wer­den den staat­li­chen Sicher­heits­kräf­te ange­las­tet. 18% wur­den von Tätern ver­übt, die kei­ner der genann­ten Grup­pen zuzu­rech­nen sind. Und 17% konn­ten über­haupt nicht zuge­ord­net wer­den (Quel­le: El Tiem­po, 15. März 2019).

Des Wei­te­ren wird gro­ße Besorg­nis über die Pres­se­frei­heit geäu­ßert. Von Janu­ar bis Novem­ber hat es dem Bericht zu Fol­ge 477 Angrif­fe auf die Pres­se­frei­heit gege­ben, 200 Bedro­hun­gen gegen­über Jour­na­lis­ten und 3 Mor­de (Quel­le: El Tiem­po 15. März 2019).

El Tiem­po zitiert den Hin­weis, dass die man­gel­haf­te Prä­senz des Jus­tiz­sys­tems vor allem in den länd­li­chen Zonen eine der größ­ten Pro­ble­me ist. Hier­durch wird die Straf­lo­sig­keit von Gewalt­ta­ten enorm begüns­tigt und führt zu einer kon­ti­nu­ier­li­chen Repro­duk­ti­on des Kreis­laufs der Gewalt.

Ein gespaltenes Land

»Un Pais Divi­di­da« titelt die kolum­bia­ni­sche Wochen­zei­tung »Sema­na« in ihrer neu­es­ten Aus­ga­be. Es geht um die Unru­he, die hier ent­brannt ist wegen der umstrit­te­nen Ent­schei­dung des Prä­si­den­ten, dem vom Kon­gress ver­ab­schie­de­ten »Ley Estatu­ta­ria de la JEP« sei­ne Zustim­mung zu ver­wei­gern. Die Oppo­si­ti­on reagier­te zwar scharf, aber den­noch scheint es eine Spal­tung zu geben, die durch alle Par­tei­en geht. Aus den Rei­hen der Kon­sver­va­ti­ven, die ja Duque unter­stützt haben und die Vize­prä­si­den­tin stel­len, gab es kri­ti­sche Stim­men, wäh­rend aus der »Par­ti­do de U«, also die Par­tei, der San­tos ange­hört, Ver­ständ­nis zu hören war. Inter­es­sant ist die Aus­ein­an­der­set­zung zwi­schen dem »Fis­cal« (Gene­ral­staats­an­walt) Nes­tor Hum­ber­to Mar­tí­nez einer­seits, der schon immer zu den Kri­ti­kern der JEP und des Acuer­do von Havan­na gehör­te, und ander­seits dem »Pro­cu­ra­dor Gene­ral de la Nación«, Fer­nan­do Caril­lo, der die Ent­schei­dung von Duque kri­ti­sert. Der »Pro­cu­ra­dor Gene­ral de la Nación« ist eine Insti­tu­ti­on, die so weit mir bekannt ist, eine Beson­der­heit des kolum­bia­ni­schen poli­ti­schen Sys­tems dar­stellt und die man sich als eine Art »Ober­auf­sicht« über die Recht- und Ord­nungs­mä­ßig­keit der poli­ti­schen Pro­zes­se im Staat vor­stel­len muss, also eine kei­nes­wegs unwich­ti­ge Insti­tu­ti­on. Caril­lo war noch von Prä­si­dent San­tos ernannt wor­den, nach­dem er im Okto­ber 2016 mit 92 von 95 Stim­men im Senat zum Nach­fol­ger des erz­kon­ser­va­ti­ven Ale­jan­dro Ordó­ñez gewählt wor­den war. Die Zei­tung »El Tiem­po« sprach vor eini­gen Tagen von einem »kal­ten Krieg« der Par­tei Duques gegen den Pro­cu­ra­dor (El Tiem­po, 18.3.2019).

Viel zu tun hat auch der kolum­bia­ni­sche »Can­cil­ler« (das ist die offi­zi­el­le Bezeich­nung für den Außen­mi­nis­ter) Car­los Hol­mes Tru­ji­l­lo in die­sen Wochen. Zunächst muss­te er in New York dem Gene­ral­se­kre­tär der UNO, Antó­nio Guter­res, die Hal­tung des kolum­bia­ni­schen Prä­si­den­ten erklä­ren, Tei­len der vor­ge­se­he­nen gesetz­li­chen Rege­lun­gen zur Umset­zung des im Frie­dens­ver­trag von Havan­na ver­ein­bar­ten und vom Kon­gress ver­ab­schie­de­ten Son­der­jus­tiz für den Frie­den die Unter­schrift zu ver­wei­gern. Die­se Hal­tung hat­te nicht nur in Kolum­bi­en zu hef­ti­ger Empö­rung geführt, son­dern auch welt­weit Irri­ta­tio­nen aus­ge­löst. Die ableh­nen­de Hal­tung, die Duque im Wahl­kampf gezeigt hat­te, scheint sich also zu bestä­ti­gen.

Anschlie­ßend reis­te Hol­mes Tru­ji­l­lo nach Den Haag, dem Sitz des inter­na­tio­na­len Straf­ge­richs­t­hofs, um auch hier Rede und Ant­wort über die Hal­tung der kolum­bia­ni­schen Regie­rung zu ste­hen. Denn es könn­te durch­aus sein, dass nun der inter­na­tio­na­le Straf­ge­richts­hof sich in die Sache ein­mischt und Ange­le­gen­hei­ten, die eigent­lich vor der JEP ver­han­delt wer­den soll­ten, an sich zie­hen. »Colec­tivo de Aboga­dos ‘José Alve­ar Rest­re­po’« Dies kann durch­aus für die kolum­bia­ni­sche Regie­rung bri­sant sein, da gegen­wär­tig 29 Gene­rä­le und Obers­te wegen außer­ge­richt­li­cher Erschie­ßun­gen ange­klagt sind. Aller­dings wür­de eine sol­che Ent­wick­lung den Ver­ein­ba­run­gen von Havan­na wider­spre­chen und ange­sichts der hohen Zahl von Ankla­gen zu einem enor­men Zeit­pro­blem füh­ren. Immer­hin gibt es gegen­wär­tig 3.500 Ankla­gen gegen Ex-Kom­bat­tan­ten der FARC-EP sowie 1.950 Ankla­gen gegen Ange­hö­ri­ge der natio­na­len kolum­bia­ni­schen Streit­kräf­te.

Verwirrspiel um JEP

Der kolum­bia­ni­sche Prä­si­dent Iván Duque hat wahr­ge­macht, was er ange­kün­digt hat­te: Das von bei­den Kam­mern des Kon­gres­ses ver­ab­schie­de­te »Ley Estatu­ta­ria de la JEP«, also das­je­ni­ge Gesetz, wel­ches der im Frie­dens­ver­trag von Hava­na ver­ein­bar­ten Son­der­jus­tiz für den Frie­den (»Jus­ti­cia Espe­cial par la Paz«) die erfor­de­li­che ver­fas­sungs­ge­mä­ße Basis ver­lei­hen soll­te, wur­de von ihm nicht unter­schrie­ben son­dern an den Kon­gress zurück­ver­wie­sen.

Er hat sechs Ein­spü­che gegen das Gesetz gel­tend gemacht und damit eine ernst­zu­neh­men­de Kri­se um die Umset­zung des Ver­tra­ges von Havan­na, des »Acue­dro Final para la Ter­mi­nación del Con­flic­to y la Con­struc­ción de una Paz Estable y Dura­de­ra«, aus­ge­löst, die mittl­wei­le auch die UNO und den Inter­na­tio­na­len Gerichts­hof in Den Haag auf den Plan geru­fen hat.

Die »Jus­ti­cia Espe­cial para la Paz« (JEP) ist das Kern­ele­ment der »Jus­ti­cia Tran­si­tio­nal« des Frie­dens­ver­tra­ges. Als Son­der­jus­tiz neben der nor­ma­len natio­na­len Gerichts­bar­keit bedurf­te es einer ver­fas­sungs­mä­ßi­gen Rege­lung. Die wur­de noch von der Vor­gän­ger­re­gie­rung San­tos auf den Weg gebracht aber lan­ge Zeit von den kon­ser­va­ti­ven Kräf­ten im Kon­gress durch Ein­wän­de, Ände­rungs­an­trä­ge und Ver­fas­sungs­an­fra­gen blo­ckiert. Mitt­ler­wei­le wur­de die Geset­zes­vor­la­ge aber von bei­den Kam­mern des Kon­gres­ses ver­ab­schie­det und ist auch vom kolum­bia­ni­schen Ver­fas­sungs­ge­richt als ver­fas­sungs­kon­form erklärt wor­den. Damit war der Weg frei. In der Erwar­tung, dass Kolum­bi­en sich an die in Havan­na ver­ab­schie­de­ten Ver­ein­ba­run­gen hal­ten wür­de, hat­te die JEP ihre Arbeit bereits im ver­gan­ge­nen Jahr auf­ge­nom­men. Rich­ter wur­den ernannt, inter­na­tio­na­le Beob­ach­ter beru­fen (unter ihnen der deut­sche Rechts­wis­sen­schaft­ler Kai Ambos, Uni­ver­si­tät Göt­tin­gen), ers­te Ankla­gen unter­nom­men, Ver­hö­re durch­ge­führt etc. etc.

Duque hat das Gesetz nun an das Par­la­ment zurück­ver­wie­sen, damit dort erneut über die sechs Arti­kel debat­tiert wird, gegen die der Prä­si­dent Beden­ken vor­ge­bracht hat, sowie über zwei wei­te­re vom ihm ein­ge­brach­te Ände­rungs­an­trä­ge.

Das Vor­ge­hen von Duque hat eine inten­si­ve Dis­kus­si­on nicht nur in Kolum­bi­en son­dern auch inter­na­tio­nal. Über hun­dert Per­sön­lich­kei­ten des öffent­li­chen Lebens, Vetre­ter von diver­sen NGOs, Rechts­an­walts­ver­bän­den sowie Ver­tre­ter bei­der Ver­hand­lungs­de­le­ga­tio­nen der Regie­rung San­tos und der FARC, pro­tes­tier­ten in einem öffent­li­chen Brief an UN-Gene­ral­se­kre­tär Gut­te­res.

Sie­he auch den Arti­kel in
Sema­na v.11.3.2019 sowie die aus­führ­li­che Kri­tik des Anwalts­ver­eins »Colec­tivo de Aboga­dos ‘José Alve­ar Rest­re­po’«.

Die Frage der Gewalt

Wer nach Kolum­bi­en reist oder dort wohnt muss damit leben, stän­dig einem Wech­sel­bad der Gefüh­le aus­ge­setzt zu sein. Wäh­rend uns einer­seits die atem­be­rau­ben­de Schön­heit des Lan­des und die Lie­bens­wür­dig­keit sei­ner Bewoh­ner, die Viel­falt der Natur, der Eth­ni­en und der Kul­tu­ren fas­zi­niert, wer­den wir gleich­zei­tig Zeu­gen von Men­schen­rechts­ver­let­zun­gen und sozia­ler Gewalt, die nicht nur die Besu­cher aus Euro­pa oft in tie­fer Bestür­zung zurück las­sen. Seit fast einem hal­ben Jahr­hun­dert berei­se ich die­ses Land, und seit eini­gen Jah­ren leben Con­stan­za und ich zeit­wei­se in Bogo­tá. Ohne jeden Zwei­fel habe ich die­ses Land lie­ben gelernt. Aber die­se eigen­tüm­li­che Wider­sprüch­lich­keit zwi­schen Lie­be und Gewalt gibt mir bis heu­te Rät­sel auf. Und das, obwohl die Lite­ra­tur über die Gewalt in Kolum­bi­en mitt­ler­wei­le gan­ze Biblio­the­ken fül­len könn­te. Her­vor­zu­he­ben sind vor allem zwei Arbei­ten: zum einen die von G. Guz­man; O. Falls Bor­da & E. Umaña Luna “La Vio­len­cia en Colom­bia” (1962), die sich mit der Pha­se des Bür­ger­krie­ges in den 50er Jah­ren beschäf­tigt und die mitt­ler­wei­le als Klas­si­ker der kolum­bia­ni­schen Sozio­lo­gie gilt. Bei der ande­ren Arbeit han­delt es sich um die 1987 von der “Comi­sión de Estu­di­os la Vio­len­cia” her­aus­ge­brach­te Stu­die “Colom­bia: Vio­len­cia y Demo­cra­cia”. Sie eröff­ne­te eine wah­re Flut von sozio­lo­gi­schen Arbei­ten über die Gewalt in Kolum­bi­en, so dass in der kolum­bia­ni­schen Sozio­lo­gie schon von einer “Vio­len­to­lo­gia” gespro­chen wird.

Der Jus­tiz­pa­last in Bogo­tá: Ein Sym­bol für die gewalt­vol­le Ver­gan­gen­heit

Wer sich auch nur ansatz­wei­se mit die­ser Fül­le von Lite­ra­tur beschäf­tigt, droht in Kom­ple­xi­tät unter­zu­ge­hen. Die Schwie­rig­keit beginnt bereits mit der Beschrei­bung von Tätern und Opfern. Der gegen­wär­ti­ge Dis­kurs des “Poscon­flic­to” — oder prä­zi­ser: des “Posa­cue­do” — behan­delt vor­ran­gig die Rebel­li­on der FARC. Aber die Situa­ti­on ist viel kom­pli­zier­ter, weil eine Rei­he ande­rer Akteu­re in den Gewalt­pro­zess invol­viert sind: Dro­gen-Kar­tel­le, ande­re Gue­ril­la-Grup­pen, wie die ELN, eine gan­ze Rei­he von rechts­ex­tre­mis­ti­schen para­mi­li­tä­ri­schen Grup­pen, und selbst­ver­ständ­lich eine Rei­he von Akteu­ren, die nicht sicht­bar sind, die nicht direkt an den bewaff­ne­ten Aus­ein­an­der­set­zun­gen betei­ligt sind, die aber eine gewis­se Ver­ant­wor­tung tra­gen für das was gesche­hen ist und immer noch geschieht. Und auch auf der Sei­te der Opfer und Betroff­nen steht man vor einer schier unend­lich erschei­nen­den Kom­ple­xi­tät: denn immer geht es ja um spe­zi­fi­sche Bezie­hun­gen zwi­schen den Tätern und den Opfern. War­um und in wes­sen Inter­es­se wur­den gera­de bestimm­te Per­so­nen als Opfer aus­ge­wählt? Wel­che Vor­ge­schich­te ist zu berück­sich­ti­gen? Wel­che Regio­nen sind in beson­de­rer Wei­se betrof­fen und wel­che nicht? Wel­che Stra­te­gien wer­den von den ver­schie­de­nen Akteu­ren ver­folgt und wel­che Rol­le spie­len die­se für die poli­ti­schen Ver­su­che einer Befrie­dung?

Und nicht zu ver­ges­sen ist die Fra­ge nach den gesell­schaft­li­chen Kon­se­quen­zen, die der Kon­flikt hat­te und noch immer hat. Wel­chen Ein­fluss hat die Bereit­schaft, Gewalt ein­zu­set­zen, um poli­ti­schen Ein­fluss zu neh­men  auf die öffent­li­che Mei­nung, auf die Frei­heit der Pres­se und des Rechts- und Jus­tiz­sys­tems, auf die Ver­samm­lungs­frei­heit, auf die freie gewerk­schaft­li­che Betä­ti­gung in den Betrie­ben, auf die Ent­ste­hung und die Ent­fal­tungs­mög­lich­kei­ten sozia­ler Pro­test­be­we­gun­gen. In wel­cher Wei­se hat der Kon­flikt die Sta­bi­li­tät der Zivil­ge­sell­schaft beein­träch­tigt sowie die von Umwelt, Wirt­schaft, Poli­tik., aber auch auf die Fra­ge der Anwen­dung intra­fa­mi­liä­rer Gewalt und Gen­der­ge­walt. Erst das Zusam­men­wir­ken all die­ser Fak­to­ren kann die Basis sein für die Ver­su­che, so etwas wie eine “Land­kar­te des Kon­flik­tes” zu zeich­nen. Mit die­ser “Land­kar­te” lässt sich dann der nächs­te Schritt voll­zie­hen,  die ver­schie­de­ne Bestand­tei­le des Frie­dens­ab­kom­mens dar­auf zu bezie­hen.

Die Ein­stel­lung der kon­ser­va­ti­ven Eli­te zum Frie­dens­pro­zess, deren erbit­ter­ter Wider­stand und das Desas­ter des Ple­bis­zits vom 2. Okto­ber 2016 gibt der Fra­ge nach der Rol­le von Gewalt im Spiel der poli­ti­schen Kräf­te eine neue Bri­sanz. Denn könn­te es sein, dass sich die­se Kräf­te bei den anste­hen­den Wah­len im Jahr 2018 durch­set­zen kön­nen? Was wird dann gesche­hen? Wie kann es über­haupt sein, dass ein Land, dass so lan­ge unter einem erbit­ter­ten Bür­ger­krieg gelit­ten hat, sich zu 50% dafür aus­spricht, den Krieg wei­ter­zu­füh­ren? Wie kann der Hass so groß sein, dass die Mehr­heit der Bevöl­ke­rung nicht bereit ist, end­lich einen Schluss­strich zu zie­hen? Wie kann in einem katho­li­sche Land das Bedürf­nis nach Ver­gel­tung grö­ßer sein als nach Ver­ge­bung? Wie kann die Angst vor gesell­schaft­li­cher Ver­än­de­rung so groß sein, dass bestimm­te Krei­se kei­ne Skru­pel haben, Gewalt als pro­ba­tes Mit­tel anzu­se­hen, dies zu ver­hin­dern anstatt sie in einem gesell­schaft­li­chen Dia­log gemein­sam zu gestal­ten? Ein in Bonn leben­der Kolum­bia­ner hat ein­mal sein Hei­mat­land im Schmerz über die dor­ti­gen Ereig­nis­se als “Locom­bia” bezeich­net. Und in der Tat trifft die­se Bezeich­nung ganz gut die ers­te spon­ta­ne Reak­ti­on vie­ler Kolum­bia­ner auf das, was gegen­wär­tig dort geschieht: ver­rückt. So ähn­lich hat­te es auch schon Anto­nio Nari­ño, der ers­te Prä­si­dent des 1810 tem­po­rär von den Spa­ni­ern befrei­ten Gebie­tes auf dem Ter­ri­to­ri­um des dama­li­gen “Vize­kö­nig­rei­ches Neu­gra­na­da” aus­ge­drückt, als er ange­sichts der Zer­strit­ten­heit der repu­bli­ka­ni­schen Kräf­te, die sich unge­ach­tet der vor­rü­cken­den spa­ni­schen Trup­pen sogar einen Bür­ger­krieg zwi­schen Zen­tra­lis­ten und Föde­rals­ten leis­te­ten, vom “Patria Boba” (när­ri­sches Vater­land) gespro­chen hat. Wil­liam Ospi­na, eine bekann­ter kolum­bia­ni­scher Schrift­stel­ler, beklagt in sei­ner Kolum­ne in “El Espec­ta­dor” zwei Wochen nach dem desas­trö­sen Ergeb­nis des Refe­ren­dums 2016: “Nun­ca se había vis­to una situ­ación más incom­pren­si­ble: la guer­ril­la quie­re dejar de hacer la guer­ra, y los due­ños del país no se ponen de acuer­do para acep­tar­lo.“

Für den euro­päi­schen Beob­ach­ter ist das alles nur sehr schwer zu ver­ste­hen. Man muss tief in die His­to­rie und die Sozio­lo­gie des Lan­des ein­tau­chen, um einen Zugang zu die­ser Fra­ge zu gewin­nen. Und dies ist in der Tat auch der Ansatz, den die meis­ten sozio­lo­gi­schen Stu­di­en für ihren Erklä­rungs­ver­such wäh­len (vgl. F.E. Gon­zá­les Gon­zá­les: Poder y Vio­len­cia en Colom­bia. Bogo­tá 2014: CINEP). Und dabei wird immer wie­der eine Fra­ge gestellt: Könn­te es nicht sein, dass die kolum­bia­ni­sche Gesell­schaft durch ihre gewalt­vol­le Geschich­te eine Art “Kul­tur der Gewalt” her­aus­ge­bil­det hat, in der die Anwen­dung von Gewalt zur Durch­set­zung von Macht eine unhin­ter­frag­ba­re Opti­on dar­stellt? Könn­te es sein, dass sich die gewalt­vol­len Ereig­nis­se der Ver­gan­gen­heit so stark in das kul­tu­rel­le his­to­ri­sche Gedächt­nis der Gesell­schaft ein­ge­brannt haben, dass dies Aus­wir­kun­gen auf die Art und Wei­se hat, Kon­flik­te und Inter­es­sens­wi­der­sprü­che aus­zu­tra­gen?  (vgl. E. Ser­ra­no: ¿Por que fra­ca­sa Colom­bia? Deli­ri­os de una Nación que se des­co­no­ce a sí mis­ma. Bogo­tá 2016: Edi­to­ri­al Pla­ne­ta; oder auch: M. Koessl: Gewalt und Habi­tus. Para­mi­li­ta­ris­mus in Kolum­bi­en. Münster:Lit-Verlag)  Der­fran­zö­si­sche Sozio­lo­ge Pierre Bour­dieu hat hier­für den Begriff des “Habi­tus” ver­wen­det, auf den ich spä­ter (in einem mei­ner nächs­ten Bei­trä­ge) noch ein­mal detail­lier­ter zurück­kom­men wer­de.

An die­ser Fra­ge ent­zün­den sich immer wie­der äußerst kon­tro­ver­se Debat­ten. Sicher­lich lässt sich nicht leug­nen, dass in 70 Jah­ren bewaff­ne­ter Aus­ein­an­der­set­zun­gen in gewis­ser Wei­se eine Gewöh­nung an die­sen per­ma­nen­ten Zustand von Gewalt statt­ge­fun­den hat, so dass für vie­le Kolum­bia­ner der Gedan­ke,  ohne die­sen Zustand zu leben, kei­ne so gro­ße Bedeu­tung  besitzt. Aber — das muss jedoch hin­zu­ge­fügt wer­den — trifft dies mit Sicher­heit nicht auf die­je­ni­gen Men­schen zu, die in den umkämpf­ten Gebie­ten unmit­tel­bar betrof­fen sind. Für sie — und das erfährt man immer wie­der in Gesprä­chen auf dem Lan­de oder mit Ver­trie­be­nen in den Städ­ten, kann der Krieg kein Zustand sein, an den man sich in irgend­ei­ner Wei­se gewöh­nen könn­te. Denn immer­hin han­delt es sich um einen Zustand per­ma­nen­ter Lebens­be­dro­hung. Die Bewoh­ner der gro­ßen Städ­ten, die den Krieg vor allem über die Medi­en erfah­ren haben (und zum Teil durch Ein­schrän­kung ihrer Rei­se­frei­heit), mögen dies jedoch anders sehen. Es ist schwer zu ver­ste­hen, wie indif­fe­rent man­che Kolum­bia­ner die­ser so wich­ti­gen Zukunfts­fra­ge ihres Lan­des gegen­über­ste­hen. Es ist ein merk­wür­di­ger Defä­tis­mus, der einem da ent­ge­gen­ge­bracht wird, ohne den Glau­ben an die Mög­lich­keit, die Zukunft des Lan­des gestal­ten zu kön­nen. Und oft fehlt sogar der Wil­le dazu.

Ich tref­fe immer wie­der auf Leu­te, für die es aus­ge­macht ist,  dass der Frie­dens­pro­zess nicht klap­pen wird. War­um? Weil es schon immer so gewe­sen wäre und weil kein Ver­lass sei auf die Poli­ti­ker und der FARC sowie­so nicht trau­en sei. Und über­haupt wür­de die Kor­rup­ti­on im Lan­de schon alle Ansät­ze für eine Ver­än­de­rung von vorn­her­ein zunich­te­ma­chen. Die­se resi­gna­ti­ve Hal­tung wird aber noch über­trof­fen von einer expli­zi­ten ver­schwö­rungs­theo­re­tisch begrün­de­ten Ableh­nung, nach der die San­tos-Regie­rung das Land auf einen kom­mu­nis­ti­schen Weg füh­ren will, unter­stützt von einem kom­mu­nis­tisch unter­wan­ter­ten Kon­gress, beglei­tet von Juris­ten, die in ihrer Aus­bil­dung durch lin­ke Hoch­schul­leh­rer indok­tri­niert wur­den. Die­ses Bild wird von den ultra­rech­ten Kräf­ten um Exprä­si­dent Uri­be gezeich­net und man ist erstaunt, wie oft es einem ent­ge­gen­ge­hal­ten wird von Per­so­nen, die man eigent­lich als durch­aus nüch­tern den­kend gekannt hat­te. Die Wochen­zeit­schrift Sema­na berich­tet, dass angeb­lich die Hälf­te aller Kolum­bia­ner glau­ben, dass das Land sich in Gefahr befin­det, ein “neu­es Vene­zue­la” zu wer­den. Vor einem Jahr hat­te Uri­be das “Gespenst des Cas­tro­cha­vis­mus” an die Wand gemalt und damit — wie bereits berich­tet — das Ple­bis­zit vom 2. Okto­ber nicht uner­heb­lich beein­flus­sen kön­nen.

Die unter­schied­li­che Betrof­fen­heit mag das gro­ße Land-Stadt-Gefäl­le bei der Fra­ge der Zustim­mung zum Frie­densb­kom­men erklä­ren. Aber die­se Beschrei­bung beant­wor­tet noch nicht die gestell­te Fra­ge. In einem mei­ner nächs­ten Bei­trä­ge wer­de ich ver­su­chen, die­se Fra­ge zu ver­tie­fen.

Friedensnobelpreis und die Zivilgesellschaft

Man kann zu Juan Manu­el San­tos eine kri­tisch distan­zier­te Hal­tung ein­neh­men, aber die heu­te in Oslo bekannt gege­be­ne Ver­lei­hung des Frie­dens­no­bel­prei­ses an ihn ist zwei­fel­los eine sehr gute Nach­richt. Denn die­ser Preis ist auch eine Aus­zeich­nung für all die­je­ni­gen, die trotz erbit­ter­ter Wider­stän­de im Lan­de in den letz­ten Jah­ren immer wie­der für den Frie­dens­pro­zess ein­ge­tre­ten sind. Er ist also auch eine Aus­zeich­nung für die kolum­bia­ni­sche Zivil­ge­sell­schaft, die durch Akti­vi­tä­ten von indi­ge­nen Grup­pen, afro-kolum­bia­ni­schen Gemein­schaf­ten, Men­schen­rechts­be­we­gung, LGTB-Bewe­gung, Umwelt­schüt­zer, Gewerk­schaf­ten u.a.m. geprägt ist. San­tos hat den Mut gehabt, die­sen Weg als Ange­hö­ri­ger der tra­di­tio­nel­len poli­ti­schen Klas­se zu gehen und dar­an sein poli­ti­sches Schick­sal zu knüp­fen. Und er wuß­te sehr wohl, dass er die­ses Schick­sal auch in die Hän­de derer gelegt hat, die sich unter der Regen­bo­gen­fah­ne zusam­men­ge­fun­den haben. Er hat sich dazu auch bekannt und ganz schön Prü­gel ein­ste­cken müs­sen von sei­ner eige­nen sozia­len und poli­ti­schen Klas­se, der soge­nann­ten “Eli­te” des Lan­des. Die Aus­zeich­nung mit dem Nobel­preis ist jetzt, nach dem “Nein” beim Ple­bis­zit am 2. Okto­ber dop­pelt wich­tig. Denn er gibt all denen Mut, die sich mit der knap­pen Ent­schei­dung am Sonn­tag, nicht zufrie­den geben wol­len, die sich nicht mit dem Gedan­ken abfin­den kön­nen, einen Krieg fort­zu­set­zen, den offen­sicht­lich nur noch die­je­ni­gen gut fin­den, die weit weg von sei­nen bru­ta­len Wir­kun­gen leben. Denn eins hat sich in den letz­ten Tagen seit Sonn­tag deut­lich gezeigt: Mit dem “Nein” ist der Kampf für Frie­den in Kolum­bi­en nicht zu Ende.

Neben den spon­ta­nen Mani­fes­ta­tio­nen in Bogo­tá und ande­ren Städ­ten am Wahl­abend, von denen ich bereits berich­tet hat­te, haben in den letz­ten Tagen nicht nur wei­te­re Demons­tra­tio­nen statt­ge­fun­den. Unter dem Mot­to “La lucha por la paz sigue” haben sich meh­re­re zivil­ge­sell­schaft­li­che Grup­pen zur Situa­ti­on geäu­ßert. Zeit­gleich mit dem ers­ten Tref­fen der Prot­ago­nis­ten der bei­den poli­ti­schen Lager zu einem Gespräch im Pala­cio Nari­ño, dem kolum­bia­ni­schen Prä­si­den­ten­pa­last in Bogo­tá, am 5. Okto­ber, zeig­te sich die kolum­bia­ni­sche Zivil­ge­sell­schaft kämp­fe­risch. “Movi­li­za­ción social es la via para exi­gir la paz” hör­te man auf dem “Con­gre­so de los pue­blos”, auf dem sich Reprä­sen­tan­ten der indi­ge­nen Gemein­schaf­ten, der afro-kolum­bia­ni­schen Gemein­schaf­ten, der Land­ar­bei­ter und ande­rer Grup­pen getrof­fen haben. Hier wur­de eine Reso­lu­ti­on ver­ab­schie­det, in der die sozia­le Mobi­lie­rung als Weg zur Umset­zung des Frie­dens erklärt wur­de. (El Espec­ta­dor v. 5. Okto­ber 2016)

In glei­cher Wei­se hat­te sich der “Pro­ce­so de Comu­ni­dades Negras PCN”, eines der Ver­bän­de, die für die afro-kolum­bia­ni­sche Bevöl­ke­rung Kolum­bi­ens spre­chen, bereits am Diens­tag zu Wort gemel­det. In einem Auf­ruf, der sich sowohl an die inter­na­tio­na­le Gemein­schaft rich­tet als auch an die FARC und die Regie­rung wen­det, beto­nen sie das Recht der Kolum­bia­ner in einem sta­bi­len Frie­den zu leben und erhe­ben die For­de­rung, wei­ter zu ver­han­deln und an der Rea­li­sie­rung des Frie­dens zu arbei­ten. In einem Kom­mu­ni­qué heben sie her­vor, dass sie, die wäh­rend der krie­ge­ri­schen Aus­ein­an­der­set­zun­gen sehr vie­le Opfer gebracht haben, ihren Bei­trag zur Ver­söh­nung leis­ten wol­len und dies auch schon bei den Anhö­run­gen der Opfer wäh­rend der Ver­hand­lun­gen in Havan­na zum Aus­druck gebracht haben. Sie sind aber nicht bereit, sich von der Mehr­heit der Bevöl­ke­rung, die in siche­ren Gebie­ten lebt, vor­schrei­ben zu las­sen, wei­ter­hin die Schmer­zen erdul­den zu müs­sen, die sie in den ver­gan­ge­nen Jah­ren erlit­ten haben. Comu­ni­ca­do al Gobier­no, las FARC-EP, La Sociedad Colom­bia­na en su Con­jun­to).

Wie die FARC reagie­ren wer­den, weiß man nicht genau. Auch sie wol­len, wie sie erklärt haben, wei­ter am Frie­dens­pro­zess fest­hal­ten. Aber sie ste­hen vor dem Pro­blem, dass ihre Ver­bän­de eigent­lich schon seit meh­re­ren Tagen in die für die Ent­waff­nung vor­ge­se­he­nen Zonen ein­rü­cken soll­ten. Unter den gege­be­nen Umstän­den haben die FARC nun aller­dings erklärt, ihre Trup­pen auf siche­re Posi­tio­nen zurück­zu­zie­hen. Die gegen­wär­ti­ge Situa­ti­on stel­le für ihre Kämp­fer eine zu gro­ße Gefähr­dung dar. Die Gue­ril­la steht unter einem gewis­sen Zeit­druck. Der mit der Regie­rung ver­ein­bar­te Waf­fen­still­stand war ja zeit­lich befris­tet und läuft offi­zi­ell Ende des Mona­tes aus. Zwar hat­ten die FARC Ende August ein­sei­tig einen “end­gül­ti­gen Waf­fen­still­stand” ver­kün­det, aber was geschieht, wenn sie von der kolum­bia­ni­schen Armee ange­grif­fen wer­den? Die FARC-Ein­hei­ten war­ten auf den Befehl, ent­we­der die Waf­fen abzu­ge­ben oder wei­ter­zu­kämp­fen.

Viel­leicht ist es nicht über­trie­ben davon zu spre­chen, dass nun eine neue Pha­se im Rin­gen um Frie­den in Kolum­bi­en begon­nen hat. Es geht nicht mehr um die Unter­süt­zung des­sen, was die poli­ti­schen Reprä­sen­tan­ten in Havan­na aus­ge­han­delt haben, son­dern nun mel­det sich die Zivil­ge­sell­schaft stär­ker als zuvor mit eige­nen For­de­run­gen zu Wort. Sie will das “Nein” nicht akzep­tie­ren. Ins­be­son­de­re die vom Krieg beson­ders Betrof­fe­nen kön­nen nicht ein­se­hen, dass die­je­ni­gen, die von den Aus­ein­an­der­set­zun­gen wenig mit­be­kom­men, in einer solch dras­ti­schen Wei­se über ihr wei­te­res Schick­sal bestim­men sol­len.

Nach dem Referendum: Was nun, Kolumbien?

Der Schock sitzt tief. Die Mehr­heit der Kolum­bia­ner haben sich gegen den zwi­schen der Regie­rung und der FARC-Gue­ril­la in Havan­na aus­ge­han­del­ten Frie­dens­ver­trag aus­ge­spro­chen. Mit einer hauch­dün­nen Mehr­heit von ca. fünf­zig­tau­send Stim­men fiel die Ent­schei­dung. Bei einer Wahl­be­tei­li­gung, die man nicht anders als ent­täu­schend bezeich­nen kann. Zwar sind 37% für kolum­bia­ni­sche Ver­hält­nis­se gar nicht so schlecht, bei einer der­art wich­ti­gen Ent­schei­dung aber zu wenig.

Und bei der Wahl­be­tei­li­gung wird in eini­gen Medi­en denn auch mit Erklä­rungs­ver­su­chen für das Desas­ter ange­setzt. Vie­le poten­zi­el­le Befür­wor­ter waren sich — so wird ver­mu­tet — der von den Mei­nungs­for­schungs­in­sti­tu­ten pro­gnos­ti­zier­ten Zustim­mungs­mehr­heit zu sicher und sind dann aus wel­chen Grün­den auch immer zuhau­se geblie­ben, weil sie annah­men, auf ihre eine Stim­me käme es wohl nicht an. Wenn das so war, ein fata­ler Irr­tum. Nun gab es aber auch Kolum­bia­ner, für die der Gang zur Wahl­ur­ne tat­säch­lich mit eini­gen Schwie­rig­kei­ten ver­bun­den war. Das betrifft vor allem die Regio­nen der Kari­bik­küs­te. Hef­ti­ge, durch den Hur­ri­kan “Mat­thew” ver­ur­sach­te Regen­fäl­le, lie­ßen vie­le Kolum­bia­ner zunächst abwar­ten, ob sich die Wet­ter­ver­hält­nis­se bes­sern wür­den. Drei der an der Karib­küs­te gele­ge­nen Depar­ta­ment­os hat­ten des­halb dar­um gebe­ten, den für 16 Uhr vor­ge­se­he­nen Zeit­punkt der Schlie­ßung der Wahl­lo­ka­le um eini­ge Stun­den zu ver­schie­ben, was aber von der Wahl­kom­mis­si­on abge­lehnt wur­de. Und so geschah es, dass vie­le Kolum­bia­ner, die sich dann, nach­dem die Aus­sicht auf eine Bes­se­rung der Wet­ter­ver­hält­nis­se nicht mehr rea­lis­tisch erschien, ver­spä­tet auf den Weg mach­ten, tat­säch­lich vor ver­schlos­se­nen Türen stan­den.

Eini­ge poli­ti­sche Kom­men­ta­to­ren sehen auch in dem popu­lis­ti­schen Wahl­kampf der “Nein”-Verfechter, der mehr an anti­kom­mu­nis­ti­sche Refle­xe als an die zu ent­schei­den­den inhalt­li­chen Fra­gen aus­ge­rich­tet war, einen Grund für das Ergeb­nis. In der Tat hat­ten Uri­bes Anhän­ger alles was kon­ser­va­tiv den­ken­den Men­schen zuwi­der ist, mit der Fra­ge des Frie­dens­ab­kom­mens ver­mengt. So wur­den die Gesprä­che von vorn­her­ein, bevor über­haupt die ers­ten “Pre-Acuer­dos” vor­la­gen — als Bedro­hung der gege­be­nen Ord­nung ange­pran­gert. Der durch sei­ne tra­di­tio­na­lis­ti­sche und erz­ka­tho­li­sche Hal­tung bekann­te Ale­jan­dro Ordó­ñez, den man­che für einen poten­ti­el­len Prä­si­dent­schafs­kan­di­da­ten der Kon­ser­va­ti­ven hal­ten, mach­te gar durch die Aus­sa­ge von sich reden, dass die Ver­ein­ba­run­gen von Havan­na auch ein Angriff auf die “hei­li­ge Insti­tu­ti­on der Ehe” dar­stel­len. Ordó­ñez ist nun nicht irgend­je­mand, son­dern ehe­ma­li­ger Pro­cu­ra­dor Gene­ral de la Nación, eine Insti­tu­ti­on, die so weit mir bekannt ist, eine Beson­der­heit des kolum­bia­ni­schen poli­ti­schen Sys­tems dar­stellt und die man sich als eine Art “Ober­auf­sicht” über die Recht- und Ord­nungs­mä­ßig­keit der poli­ti­schen Pro­zes­se im Staat vor­stel­len muss. Die­ser Mann, der schon in der Ver­gan­gen­heit durch mar­ki­ge und pro­vo­kan­te Äuße­run­gen auf­ge­fal­len ist, freut sich nun, dass “die Gott­gläu­bi­gen” gewon­nen haben und for­der­te den sofor­ti­gen Rück­zug aller an den bis­he­ri­gen Ver­hand­lun­gen in Havan­na betei­lig­ten Per­so­nen (Vgl. zu Ordó­ñez: “Colom­bia Infor­ma” v. 7.9.2016).

Allein die Tat­sa­che, dass San­tos in Havan­na dem Vor­sit­zen­den der FARC die Hand gege­ben hat, macht ihn für die­se Leu­te bereits zu einem Sym­pa­tis­an­ten von Kom­mu­nis­ten. Sie wer­fen ihm vor, das Land in einen sozia­lis­ti­schen Trans­for­ma­ti­ons­pro­zess a la Vene­zue­la zu füh­ren. Die in Havan­na ver­ein­bar­te Par­ti­zi­pa­ti­on der FARC am poli­ti­schen Leben des Lan­des ist für sie ein Indiz, dass er das Land den Kom­mu­nis­ten aus­lie­fe­re. Dabei sehen die Ver­ein­ba­run­gen ledig­lich vor, dass der noch zu grün­den­den lin­ken poli­ti­schen Orga­ni­sa­ti­on für zwei Legis­la­tur­pe­ri­oden bis 2026 fünf Man­da­te in bei­den Häu­sern des Kon­gres­ses zuge­stan­den wird. D.h. fünf Sit­ze in der “Cama­ra de Repre­sen­tan­tes”  und fünf wei­te­re im “Senado”. Nach 2026 wird ihre par­la­men­ta­ri­sche Reprä­sen­ta­ti­on ganz nor­mal wie bei allen ande­ren Par­tei­en vom Ergeb­nis der Wah­len abhän­gen. Eine Rege­lung, die auch in Deutsch­land nach der Wie­der­ver­ei­ni­gung für die dama­li­ge PDS ange­wandt wur­de. Aber der Auf­schrei der kolum­bia­ni­schen Kon­ser­va­ti­ven zeigt, wie ver­ängs­tigt die rechts­ori­en­tiert poli­ti­sche Eli­te des Lan­des sein muss. Sie scheint sich ihrer poli­ti­schen Hege­mo­nie nicht mehr so sicher zu sein.

So zeigt sich denn in der Aus­ein­an­der­set­zung um den Frie­dens­pro­zess mehr als nur die Ein­stel­lung für oder gegen Krieg. Man könn­te fast von einer Aggre­ga­ti­on der viel­fäl­ti­gen poli­ti­schen Kräf­te in zwei gro­ße Lager spre­chen, in denen sich zwei fun­da­men­ta­le Posi­tio­nen iden­ti­fi­zie­ren las­sen: Auf der einen Sei­te die­je­ni­gen, die sich ein welt­of­fe­nes, sozi­al gerech­te­res und moder­nes Kolum­bi­en wün­chen, und auf der ande­ren die­je­ni­gen, die jed­we­de Ver­än­de­rung als Schritt in den Unter­gang der gott­ge­be­nen Ord­nung des Vater­lan­des, also letzt­lich als Angriff auf ihre Pri­vi­le­gi­en, betrach­ten. Also eigent­lich dann doch wie­der die alte Dif­fe­renz zwi­schen Links und Rechts? Doch so ein­fach ist es nicht.

Dass die Ent­schei­dung äußerst knapp aus­ge­fal­len ist, konn­te für auf­merk­sa­me Beob­ach­ter kei­ne Über­ra­schung sein. Das hat­te sich schon lan­ge vor­her ange­deu­tet. Bereits bei der letz­ten Prä­si­dent­schafts­wahl, die bereits ganz im Zei­chen der Aus­ein­an­der­set­zun­gen um die Frie­dens­ver­hand­lun­gen geführt wor­den war, hat­te sich deut­lich gezeigt, wie tief das Land gespal­ten ist. Und auch in den Dis­kus­sio­nen der letz­ten zwei Jah­re war die Pola­ri­sie­rung nicht zu über­se­hen. Der Riss zwi­schen Befür­wor­tern und Geg­nern der Frie­dens­ver­hand­lun­gen in Havan­na ging quer durch alle Klas­sen und auch durch alle Fami­li­en. Die Fami­lie des Prä­si­den­ten ist hier­für selbst ein Bei­spiel. Denn Fran­cis­co San­tos, ein Cou­sin des Prä­si­den­ten Juan Manu­el San­tos, unter­stützt das Lager der Frie­dens­geg­ner, deren popu­lärs­te Figur der frü­he­re Prä­si­dent Alva­ro Uri­be ist. Ähn­li­ches erle­be ich bei den Fami­li­en von Freun­den und Bekann­ten. Und das wird auch bestä­tigt in vie­len Gesprä­chen mit Taxi­fah­rern, denen man ja eine seis­mo­gra­phi­sche Funk­ti­on für die Stim­mung in der Bevöl­ke­rung nach­sagt. In den Umfra­gen der Mei­nungs­for­schungs­in­sti­tu­ten vor dem Wahl­gang gab es immer wie­der Schwan­kun­gen, aber zuletzt lag das Lager der Befür­wor­ter vorn und ich ken­ne eigent­lich nie­man­den, der nicht von einer Zustim­mung der Bevöl­ke­rung aus­ge­gan­gen ist. Nun, wir haben uns alle geirrt. Wie­der ein­mal, muss man sagen, ange­sichts der BRE­X­IT-Ent­schei­dung im Juni die­ses Jah­res.

Eine deut­li­che Spra­che spricht auch ein genau­er Blick auf die ver­schie­de­nen Depar­ta­ment­os. Die­je­ni­gen Depar­ta­ment­os, die am meis­ten unter dem Krieg gelit­ten haben, haben mehr­heit­lich für den Frie­den gestimmt.  Die­je­ni­gen, die von den Kriegs­ge­sche­hen am wenigs­ten betroif­fen waren, haben eher für “nein” gestimmt. Ein nicht ganz unbe­kann­tes Mus­ter.

Man konn­te befürch­ten, dass San­tos, der sein poli­ti­sches Schick­sal voll­stän­dig an den Frie­dens­pro­zess gebun­den hat­te, nach der Nie­der­la­ge zurück­tre­ten wür­de. So war denn am Abend des Wahl­ta­ges, als tau­sen­de Frie­dens­be­für­wor­ter — “que­re­mos la paz, que­re­mos la paz” skan­die­rend — spon­tan vor den Prä­si­den­ten­pa­last zogen und ihm ihre wei­te­re Unter­stüt­zung zusi­cher­ten, eine sehr span­nungs­ge­la­de­ne Stim­mung zu spü­ren. Aber San­tos trat nicht zurück. Im Gegen­teil, ange­sichts der star­ken Pola­ri­sie­rung im Lan­de, beton­te er sei­ne Ver­ant­wor­tung als Garant für die Ein­heit und Sta­bi­li­tät im Lan­de. Er bekann­te sei­ne Nie­der­la­ge, bekräf­tig­te jedoch, wei­ter an sei­nem Ziel, den Frie­den zu schaf­fen, zu arbei­ten. Sei­ne Geg­ner for­der­te er auf, kon­struk­ti­ve Vor­schlä­ge zu machen, wie man nun aus der ver­fah­re­nen Situa­ti­on her­aus­kommt, denn auch ihnen kon­ze­dier­te er, letzt­lich den Frie­den zu wol­len, wenn­gleich mit ande­ren Vor­stel­lun­gen. Nur “nein” zu sagen, kön­ne nicht rei­chen. Sei­ner noch am sel­ben Abend aus­ge­spro­che­ne Ein­la­dung für ein ers­tes Gespräch am Mon­tag, wur­de aller­dings von der Uri­be-Frak­ti­on aus­ge­schla­gen. Man muss abwar­ten.

Die ande­re Fra­ge ist: wie wird die FARC reagie­ren? Auch Rodri­go Lon­do­ño (aka: Timo­chen­ko), der FARC-Chef, trat noch am Abend vor die Kame­ras und äußer­te sich zurück­hal­tend und aus­ge­spro­chen ver­ant­wor­tungs­voll. Auch er sieht kei­ne ande­re Zukunft des Lan­des, als in der Eta­blie­rung des Frie­dens und ver­si­cher­te, dass die FARC an die­sem Ziel fest­hal­ten wer­de. Die Kalasch­ni­kow bleibt also zunächst im Schrank. Angst kann einem dage­gen die grau­en­vol­le Het­ze machen, die die Rechts­ra­di­ka­len auf Twit­ter ges­tern los­ge­tre­ten haben. Ein erschre­cken­des Kriegs­ge­brüll mit viel­fäl­ti­gen Mord­dro­hun­gen an in- und aus­län­di­schen lin­ken Poli­ti­kern. So schnell wird Kolum­bi­en wohl nicht zur Ruhe kom­men.