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Indigene klagen über Genozid in Kolumbien

Die Dach­or­ga­ni­sa­ti­on der indi­ge­nen Völ­ker Kolum­bi­ens (Orga­ni­za­ción Nacio­nal Indíge­na de Colom­bia, ONIC ) hat in einem dra­ma­ti­schen Auf­ruf der kolum­bia­ni­schen Regie­rung vor­ge­wor­fen, taten­los der zuneh­men­den ras­sis­ti­schen Ver­fol­gung der Indi­ge­nen im Lan­de zuzu­se­hen. Seit der Unter­schrift des Frie­dens­ver­tra­ges von Havan­na 2016 habe es 37.533 gewalt­sa­me Zwi­schen­fäl­le gegen die indi­ge­nen Völ­ker gege­ben. 158 Indi­ge­ne sei­en in die­ser Zeit ermor­det wor­den, davon 97 wäh­rend der Prä­si­dent­schaft des aktu­el­len Prä­si­den­ten Iván Duque.

Der Frie­den — so die ONIC sei in den indi­ge­nen Ter­ri­to­ri­en nicht ange­kom­men, statt­des­sen gesche­he vor den Augen der Welt­öf­fent­lich­keit ein »sys­te­ma­ti­scher Geno­zid«. 70 der 102 indi­ge­nen Eth­ni­en sei­en in dem süd­ame­ri­ka­ni­schen Land akut von der phy­si­schen und kul­tu­rel­len Aus­lö­schung bedroht.

Die Indi­ge­nen lit­ten sehr unter der extrak­ti­vis­ti­schen Ent­wick­lungs­po­li­tik der Regie­rung. Die­se Poli­tik basie­re auf der gewalt­sa­men Aus­beu­tung der Natur im Inter­es­se mul­ti­na­tio­na­ler Kon­zer­ne und habe schwer­wie­gen­de Fol­gen für das Leben der Indi­ge­nen. Der — sehr häu­fig durch gewalt­sa­me Ver­trei­bung her­bei­ge­führ­te — Ver­lust von Land sei ein gro­ßes Pro­blem, wie in Putu­ma­yo, der Pazi­fik­re­gi­on und im Nor­den in La Gua­ji­ra an der Kari­bik­küs­ten. Die Situa­ti­on der dort leben­den Wayuu ist alar­mie­rend. In Fol­ge des Tage­baus zur Koh­le­för­de­rung, der Umlei­tung von Flüs­sen und der Ver­schmut­zung des Trink­was­sers sind dort bereits mehr als 5.000 Kin­der gestor­ben.

Neben direk­ten Bedro­hun­gen, Mor­den und Angrif­fen gegen Indi­ge­ne füh­re auch die Ver­hin­de­rung ihrer tra­di­tio­nel­len Lebens­wei­se zum Aus­ster­ben der Gemein­den. “Die jahr­tau­sen­de­al­ten Noma­den­völ­ker des Pazi­fik, des Ori­no­ko und der Kari­bik” könn­ten wegen der Beset­zung durch Mili­tär und Para­mi­li­tär auf ihren Gebie­ten nicht fischen und jagen und auch kei­ne Lebens­mit­tel in den Wäl­dern sam­meln. Die Spre­che­ring der ONIC, Arman­do Wou­riyu Val­buena, beklagt die Zer­stö­rung der noma­di­schen Wirt­schaft, den Ver­lust an Auto­no­mie und den damit ver­bun­de­nen kul­tu­rel­len Zer­fall. Der Regie­rung wirft sie man­geln­den poli­ti­schen Wil­len vor, sich die­ses Pro­blems anzu­neh­men und spricht klar aus, dass es sich hier­bei um »Völ­ker­mord« han­delt, der zwar kaum zu über­se­hen sei, vor dem auch der kolum­bia­ni­sche Prä­si­dent die Augen nicht ver­schlie­ßen kann, was aber bis­lang weder die kolum­bia­ni­sche Poli­tik noch die inter­na­tio­na­le Gemein­schaft zu ernst­haf­ten und wirk­sa­men Reak­tio­nen ver­an­lasst hat.

Die ONIC ruft des­halb die inter­na­tio­na­le Gemein­schaft, die nega­ti­ven Fol­gen des Extrak­ti­vis­mus zu erken­nen, die damit ver­bun­de­nen Umwelt­zer­stö­run­gen und Men­schen­rechts­ver­let­zun­gen. Ein Auf­ruf, den ins­be­son­de­re wir in Deutsch­land zur Kennt­nis neh­men soll­ten, denn Deutsch­land ist eines der Haupt­ab­neh­mer der kolum­bia­ni­schen Koh­le.

Kon­kret wird von der ONIC vor­ge­schla­gen, eine Veri­fi­zie­rungs- und Unter­stüt­zungs­mis­si­on ein­zu­rich­ten, um die Ver­trei­bung und Gewalt gegen die indi­ge­nen Völ­ker zu stop­pen und einen Sicher­heits­rat in der Pazi­fik­re­gi­on ein­zu­rich­ten, dort wo die indi­ge­nen Völ­ker beson­ders hef­tig von der Gewalt betrof­fen sind. Zuvor hat­te bereits der »Con­se­jo Regio­nal Indíge­na del Cau­ca — CRIC« (»Regio­na­ler Rat der Indi­ge­nen im Cau­ca«) die Ver­ein­ten Natio­nen, die Orga­ni­sa­ti­on Ame­ri­ka­ni­scher Staa­ten (OAS) sowie ver­schie­de­ne kolum­bia­ni­sche Insti­tu­tio­nen, wie die Defen­so­ría del Pue­blo, den »Con­se­jo para los Derechos HUma­nos« und den »Alto Comi­sio­na­do para la Paz«, zu einem kon­kre­ten Ein­grei­fen auf­ge­ru­fen.

Der Frieden ist nicht tot!

Eini­ge Medi­en in Deutsch­land — aber auch in Kolum­bi­en — ver­mit­teln den Ein­druck, dass die FARC den bewaff­ne­ten Kampf wie­der auf­ge­nom­men hat und das Frie­dens­ab­kom­men damit prak­tisch tot sei. (so z.B. ND vom 29.8.2019 oder Ame­ri­ca-21 . Die­sem Ein­druck muss ganz klar wider­spro­chen wer­den. Es ist eine klei­ne Grup­pe von Dis­si­den­ten, die den bewaff­ne­ten Kampf wie­der auf­ge­nom­men hat, aber die FARC als poli­ti­sche Par­tei und mit ihr die über­wie­gen­den Mehr­heit aller Ex-Gue­ril­le­ros ste­hen zum Frie­dens­pro­zess.

Aller­dings, und das ist das Trau­ri­ge, sind unter den Dis­si­den­ten drei hoch­ran­gi­ge ehe­ma­li­ge Kom­man­dan­ten der FARC-EP. Unter ihnen sogar der Ver­hand­lungs­füh­rer bei den Frie­dens­ge­sprä­chen von Havan­na Iván Már­quez. Das macht die Sache außer­or­dent­lich kom­pli­ziert. Und natür­lich — kurz vor den Wah­len zu den Regio­nal­par­la­men­ten im Okto­ber — macht die­se Nach­richt alle­welt völ­lig kon­fus. Ich wür­de mich nicht wun­dern, wenn das Was­ser auf die Müh­len der Gege­ner des Frie­dens­ab­kom­mens ist. Und tatsa­äch­lich hat Alva­ro Uri­be sich auch schon zu Wort gemel­det und die kom­plet­te Annu­lie­rung des Frie­dens­ab­kom­mens gefor­dert. Prä­si­dent Duque sprach in einer Fern­seh­bot­schaft von einer “eine Ban­de von Dro­gen­händ­lern und Ter­ro­ris­ten, die den Schutz und die Unter­stüt­zung der Dik­ta­tur von (dem vene­zo­la­ni­schen Prä­si­den­ten) Nicolás Madu­ro genießt”. Der Ver­tei­di­gungs­mi­nis­ter Vene­zue­las sah dar­in einen Vor­wand, einen mög­li­chen Krieg gegen Vene­zue­la zu legi­ti­mie­ren.

Die Wie­der­be­waff­nung eines Teils der Farc-EP wird in der öffent­li­chen Dis­kus­si­on in Kolum­bi­en von rech­ten Krei­sen hoch­ge­spielt, um gleich­zei­tig die unheil­vol­le Wir­kung der rechts­ge­rich­te­ten Para­mi­li­tärs her­un­ter­zu­spie­len. In Wirk­lich­keit hal­ten 90 Pro­zent der Ex-Gue­ril­le­ros wei­ter­hin am Frie­dens­pro­zess fest, wie nicht nur die poli­ti­sche Par­tei FARC (»Fuer­za Alter­na­ti­va Revo­lu­cio­na­ria del Común«) son­dern auch kolum­bia­ni­sche Regie­rungs­ver­tre­ter her­vor­he­ben.

Men­schen­rechts­or­ga­ni­sa­tio­nen mach­ten indes die Regie­rung Duque und vor allem das rech­ge­rich­te­te »Cen­tro Demo­cra­ti­co« von Ex-Prä­si­dent Alva­ro Uri­be für die Wie­der­be­waff­nung der FARC-Dis­si­den­ten ver­ant­wort­lich. Sie hät­ten durch Ver­zö­ge­rung und Nicht­er­fül­lung der Ver­ein­ba­run­gen von Havan­na eine gro­ße Ver­ant­wor­tung für die jet­zi­ge Situa­ti­on zu tra­gen.

In einer Pres­se­kon­fe­renz der poli­ti­schen Par­tei FARC (»Fuer­za Alter­na­ti­va Revo­lu­cio­na­ria del Común«) wur­de die Ent­schei­dung von Iván Már­quez und ande­ren Ex-Kom­man­dan­ten scharf kri­ti­siert. Es wur­de bekräf­tig­te, die Ver­ein­ba­run­gen von Havan­na nach wie vor ein­zu­hal­ten und mit Nach­druck und Ent­schlos­sen­heit für die Umset­zung des Frie­dens­pro­zes­ses ein­zu­tre­ten. Gleich­zei­tig wur­de die Regie­rung auf­ge­for­dert, ihre Blo­cka­de­hal­tung auf­zu­ge­ben und end­lich den poli­ti­schen Wil­len für eine zügi­ge Umset­zung der Ver­ein­ba­run­gen von Havan­na zu bewei­sen. Gegen Már­quez, Sant­rich u.a. wird ein Par­tei­aus­schluss­ver­fah­ren bean­tragt.

In der kolum­bia­ni­schen Öffent­lich­keit hat der Schritt der Exkom­man­dan­ten enor­me Irri­ta­tio­nen aber auch eine neue Dis­kus­si­ons­wel­le über den Frie­dens­pro­zess aus­ge­löst. Die Argu­men­te rei­chen von »das war doch zu erwar­ten« bis zu dem Vor­wurf an den Uri­bis­mo, einen Teil der FARC sys­te­ma­tisch und vor­sätz­lich in den Krieg gedrängt zu haben.

Quel­len:

Des Präsidenten neue Schuhe

Das hat­ten sich die Ex-FARC-Gue­ril­le­ros lis­tig aus­ge­dacht. Es war ja zu erwar­ten, dass Iván Duque irgend­wann zu einer sol­chen Good-Will-Show-Tour auf­bre­chen wird, die ihn in ein oder meh­re­re der »Espa­ci­os Ter­ri­to­ria­les de Capa­ci­ta­ción y Rein­cor­por­a­ción« füh­ren wird, um die welt­weit auf­ge­kom­me­nen Zwei­fel an sei­ner Frie­dens­be­reit­schaft zu zer­streu­en. Wie die kolum­bia­ni­sche Tage­zei­tung »El Tiem­po» am 16. März berich­te­te, besuch­te er nun in der Nähe von Val­le­du­par, im Depar­ta­ment Cesar, eine sol­che ETCR und sprach dort mit über 100 ehe­ma­li­gen FARC-Kämp­fern. In einer dort in den letz­ten Mona­ten ent­stan­de­nen Schuh­ma­cher-Werk­statt ver­kauf­ten ihn die Ex-FARC-Guer­ril­le­ros dann doch tat­säch­lich für gera­de mal 140.000 COP (das sind ca. € 40,–) ein paar brand­neue FARC-Wan­der­stie­fel. Kei­ne Gum­mi­stie­fel, nein, son­dern wirk­lich ganz tol­le Leder­stie­fel, wie auf dem Foto unten zu sehen ist. Und Duque ver­sprach auch artig, die­se aus­gie­big zu benut­zen und mit ihnen das gan­ze Land zu berei­sen. »Voy a gastar estas botas recor­ri­en­do Colom­bia« sag­te er. Nun ist es ja kaum vor­stell­bar, dass die Ex-FARC-Leu­te mit dem Ver­kauf nicht eine beson­ders sub­ti­le Stra­te­gie ver­folgt hät­ten. Ich bin sicher, dass es sich bei die­sen Stie­feln um ganz beson­de­re Stie­fel han­deln muss: näm­lich um Frie­dens­pro­zess­be­schleu­ni­gungs­stie­fel! Ein Wort, das man sowie­so nur in deut­scher Spra­che kon­stru­ie­ren kann und des­sen wah­re Bedeu­tung Duque des­halb auch ver­bor­gen blei­ben muss­te. Die Sache hat nur einen Haken, den wie­der­um die FARC-Leu­te nicht bedach­ten: Die Stie­fel haben nur dann eine Wir­kung, wenn sie getra­gen wer­den. Und wer im Casa de Nari­ño dar­über ent­schei­det, wel­che Schu­he der Prä­si­dent trägt, das ent­zieht sich unse­rer Kennt­nis. Egal, wenn’s denn dem Frie­den dient!

Foto: Pre­si­den­cia (El Tiem­po, 15.3.2019)

Menschenrechte: deprimierender Bericht der UNHCR

Unse­re Ankunft in Bogo­tá wur­de nicht nur über­schat­tet von der sich immer wei­ter zuspit­zen­den Kri­se in Vene­zue­la son­dern auch durch depri­mie­ren­de Zah­len über die Men­schen­rechts­si­tua­ti­on in Kolum­bi­en, die allen Erwar­tun­gen, die der 2016 ein­ge­lei­te­te Frie­dens­pro­zess aus­ge­löst hat­te, Hohn spre­chen. Wie der Vetre­ter des Roten Kreu­zes in Kolum­bi­en, Chris­toph Har­nisch, in einem Inter­view mit der Zei­tung »El Tiem­po« bekannt­gab, hat sich die Kon­flikt­si­tua­ti­on in eini­gen Regio­nen im Jahr 2018 nicht nur nicht ver­bes­sert, son­dern sogar ver­schärft. Ver­trei­bun­gen, Bedro­hun­gen, Ver­schlep­pun­gen und Ermor­dun­gen haben Im Jahr 2018 wie­der dra­ma­tisch zuge­nom­men. So gab es bei­spiel­wei­se einen sprung­haf­ten Anstieg der Ver­trei­bun­gen von 13.809 im Jahr 2017 auf 27.780 im Jahr 2018. Das ist die höchs­te Zahl seit 2012. Auch die zivi­len Opfer, die durch Land­mi­nen zu bekla­gen sind, haben wie­der zuge­nom­men. Von 57 im Jahr 2017 auf 221 im Jahr 2018 (Quel­le: El Tiem­po 28. Febru­ar 2019).

Nach­dem bereits im Janu­ar die NGO »Front­li­ne Defen­ders« ihren umfang­rei­chen Bericht zur Lage der Men­schen­rechts­ver­tei­di­ger 2018 vor­ge­legt hat­te und dar­in Kolum­bi­en beschei­nig­te, das mit Abstand gefähr­lichs­te Land für Akti­vis­ten sozia­ler Bewe­gun­gen zu sein, hat nun auch die UN-Hoch­kom­mis­sa­rin für Men­schen­rech­te, die ehe­ma­li­ge chi­le­ni­sche Prä­si­den­tin Michel­le Bachel­let, ihren Bericht zur Men­schen­rechts­si­tua­ti­on in Kolum­bi­en vor­ge­legt.

»Front­li­ne Defen­ders« hat­te von 126 getö­te­ten Men­schen­rechts­ak­ti­vis­ten im Jahr 2018 berich­tet, einer Zahl, die dop­pelt so hoch ist, wie die Anzahl der Tötungs­de­lik­te in Mexi­co, dem Land mit der welt­weit zweit­höchs­ten Mord­ra­te. Auch die UNO beklagt die hohe Zahl von Tötungs­de­lik­ten an Men­schen­rechts­ak­ti­vis­ten und kri­ti­siert gleich­zei­tig die aus­ge­spro­chen nied­ri­ge Auf­klä­rungs­ra­te.

Auf die Vor­hal­tun­gen der UNHCR, dass von den Delik­ten nur 5% auf­ge­klärt wer­den konn­ten, ant­wor­tet die kolum­bia­ni­sche Staats­an­walt­schaft mit einem Ver­weis auf die ver­än­der­ten Zah­len seit 2016. Im Zeit­raum von 2016 bis Ende Dezem­ber 2018 sei­en von ins­ge­samt 231 Tötungs­de­lik­ten 126 mittl­wei­le auf­ge­klärt wor­den, was eine Quo­te von 54,5% bedeu­tet. Das sei die höchs­te Auf­klä­rungs­quo­te seit Beginn der 90er Jah­re des ver­gan­ge­nen Jahr­hun­derts und zei­ge, so die Gene­ral­staats­an­walt­schaft, einen deut­li­chen Fort­schritt in der Auf­klä­rung von Gewalt­ta­ten.

Laut UNHCR-Bericht las­sen sich 40% der Mor­de an Men­schen­rechts­ak­ti­vis­ten para­mi­li­tä­ri­schen Grup­pen zuord­nen. Jeweils 8% gin­gen auf das Kon­to der ELN und der FARC-Dis­iden­cia, 4% auf das der EPL, 5% wer­den den staat­li­chen Sicher­heits­kräf­te ange­las­tet. 18% wur­den von Tätern ver­übt, die kei­ner der genann­ten Grup­pen zuzu­rech­nen sind. Und 17% konn­ten über­haupt nicht zuge­ord­net wer­den (Quel­le: El Tiem­po, 15. März 2019).

Des Wei­te­ren wird gro­ße Besorg­nis über die Pres­se­frei­heit geäu­ßert. Von Janu­ar bis Novem­ber hat es dem Bericht zu Fol­ge 477 Angrif­fe auf die Pres­se­frei­heit gege­ben, 200 Bedro­hun­gen gegen­über Jour­na­lis­ten und 3 Mor­de (Quel­le: El Tiem­po 15. März 2019).

El Tiem­po zitiert den Hin­weis, dass die man­gel­haf­te Prä­senz des Jus­tiz­sys­tems vor allem in den länd­li­chen Zonen eine der größ­ten Pro­ble­me ist. Hier­durch wird die Straf­lo­sig­keit von Gewalt­ta­ten enorm begüns­tigt und führt zu einer kon­ti­nu­ier­li­chen Repro­duk­ti­on des Kreis­laufs der Gewalt.

Ein gespaltenes Land

»Un Pais Divi­di­da« titelt die kolum­bia­ni­sche Wochen­zei­tung »Sema­na« in ihrer neu­es­ten Aus­ga­be. Es geht um die Unru­he, die hier ent­brannt ist wegen der umstrit­te­nen Ent­schei­dung des Prä­si­den­ten, dem vom Kon­gress ver­ab­schie­de­ten »Ley Estatu­ta­ria de la JEP« sei­ne Zustim­mung zu ver­wei­gern. Die Oppo­si­ti­on reagier­te zwar scharf, aber den­noch scheint es eine Spal­tung zu geben, die durch alle Par­tei­en geht. Aus den Rei­hen der Konsver­va­ti­ven, die ja Duque unter­stützt haben und die Vize­prä­si­den­tin stel­len, gab es kri­ti­sche Stim­men, wäh­rend aus der »Par­ti­do de U«, also die Par­tei, der San­tos ange­hört, Ver­ständ­nis zu hören war. Inter­es­sant ist die Aus­ein­an­der­set­zung zwi­schen dem »Fis­cal« (Gene­ral­staats­an­walt) Nes­tor Hum­ber­to Mar­tí­nez einer­seits, der schon immer zu den Kri­ti­kern der JEP und des Acuer­do von Havan­na gehör­te, und ander­seits dem »Pro­cu­ra­dor Gene­ral de la Nación«, Fer­nan­do Caril­lo, der die Ent­schei­dung von Duque kri­ti­sert. Der »Pro­cu­ra­dor Gene­ral de la Nación« ist eine Insti­tu­ti­on, die so weit mir bekannt ist, eine Beson­der­heit des kolum­bia­ni­schen poli­ti­schen Sys­tems dar­stellt und die man sich als eine Art »Ober­auf­sicht« über die Recht- und Ord­nungs­mä­ßig­keit der poli­ti­schen Pro­zes­se im Staat vor­stel­len muss, also eine kei­nes­wegs unwich­ti­ge Insti­tu­ti­on. Caril­lo war noch von Prä­si­dent San­tos ernannt wor­den, nach­dem er im Okto­ber 2016 mit 92 von 95 Stim­men im Senat zum Nach­fol­ger des erz­kon­ser­va­ti­ven Ale­jan­dro Ordóñez gewählt wor­den war. Die Zei­tung »El Tiem­po« sprach vor eini­gen Tagen von einem »kal­ten Krieg« der Par­tei Duques gegen den Pro­cu­ra­dor (El Tiem­po, 18.3.2019).

Viel zu tun hat auch der kolum­bia­ni­sche »Can­cil­ler« (das ist die offi­zi­el­le Bezeich­nung für den Außen­mi­nis­ter) Car­los Hol­mes Tru­jil­lo in die­sen Wochen. Zunächst muss­te er in New York dem Gene­ral­se­kre­tär der UNO, Antó­nio Guter­res, die Hal­tung des kolum­bia­ni­schen Prä­si­den­ten erklä­ren, Tei­len der vor­ge­se­he­nen gesetz­li­chen Rege­lun­gen zur Umset­zung des im Frie­dens­ver­trag von Havan­na ver­ein­bar­ten und vom Kon­gress ver­ab­schie­de­ten Son­der­jus­tiz für den Frie­den die Unter­schrift zu ver­wei­gern. Die­se Hal­tung hat­te nicht nur in Kolum­bi­en zu hef­ti­ger Empö­rung geführt, son­dern auch welt­weit Irri­ta­tio­nen aus­ge­löst. Die ableh­nen­de Hal­tung, die Duque im Wahl­kampf gezeigt hat­te, scheint sich also zu bestä­ti­gen.

Anschlie­ßend reis­te Hol­mes Tru­jil­lo nach Den Haag, dem Sitz des inter­na­tio­na­len Straf­ge­richs­t­hofs, um auch hier Rede und Ant­wort über die Hal­tung der kolum­bia­ni­schen Regie­rung zu ste­hen. Denn es könn­te durch­aus sein, dass nun der inter­na­tio­na­le Straf­ge­richts­hof sich in die Sache ein­mischt und Ange­le­gen­hei­ten, die eigent­lich vor der JEP ver­han­delt wer­den soll­ten, an sich zie­hen. »Colec­tivo de Aboga­dos ‘José Alve­ar Rest­re­po’« Dies kann durch­aus für die kolum­bia­ni­sche Regie­rung bri­sant sein, da gegen­wär­tig 29 Gene­rä­le und Obers­te wegen außer­ge­richt­li­cher Erschie­ßun­gen ange­klagt sind. Aller­dings wür­de eine sol­che Ent­wick­lung den Ver­ein­ba­run­gen von Havan­na wider­spre­chen und ange­sichts der hohen Zahl von Ankla­gen zu einem enor­men Zeit­pro­blem füh­ren. Immer­hin gibt es gegen­wär­tig 3.500 Ankla­gen gegen Ex-Kom­bat­tan­ten der FARC-EP sowie 1.950 Ankla­gen gegen Ange­hö­ri­ge der natio­na­len kolum­bia­ni­schen Streit­kräf­te.

Verwirrspiel um JEP

Der kolum­bia­ni­sche Prä­si­dent Iván Duque hat wahr­ge­macht, was er ange­kün­digt hat­te: Das von bei­den Kam­mern des Kon­gres­ses ver­ab­schie­de­te »Ley Estatu­ta­ria de la JEP«, also das­je­ni­ge Gesetz, wel­ches der im Frie­dens­ver­trag von Hava­na ver­ein­bar­ten Son­der­jus­tiz für den Frie­den (»Jus­ti­cia Espe­cial par la Paz«) die erfor­de­li­che ver­fas­sungs­ge­mä­ße Basis ver­lei­hen soll­te, wur­de von ihm nicht unter­schrie­ben son­dern an den Kon­gress zurück­ver­wie­sen.

Er hat sechs Ein­spü­che gegen das Gesetz gel­tend gemacht und damit eine ernst­zu­neh­men­de Kri­se um die Umset­zung des Ver­tra­ges von Havan­na, des »Acue­dro Final para la Ter­mi­nación del Con­flic­to y la Con­struc­ción de una Paz Estable y Dura­de­ra«, aus­ge­löst, die mittl­wei­le auch die UNO und den Inter­na­tio­na­len Gerichts­hof in Den Haag auf den Plan geru­fen hat.

Die »Jus­ti­cia Espe­cial para la Paz« (JEP) ist das Kern­ele­ment der »Jus­ti­cia Tran­si­tio­nal« des Frie­dens­ver­tra­ges. Als Son­der­jus­tiz neben der nor­ma­len natio­na­len Gerichts­bar­keit bedurf­te es einer ver­fas­sungs­mä­ßi­gen Rege­lung. Die wur­de noch von der Vor­gän­ger­re­gie­rung San­tos auf den Weg gebracht aber lan­ge Zeit von den kon­ser­va­ti­ven Kräf­ten im Kon­gress durch Ein­wän­de, Ände­rungs­an­trä­ge und Ver­fas­sungs­an­fra­gen blo­ckiert. Mitt­ler­wei­le wur­de die Geset­zes­vor­la­ge aber von bei­den Kam­mern des Kon­gres­ses ver­ab­schie­det und ist auch vom kolum­bia­ni­schen Ver­fas­sungs­ge­richt als ver­fas­sungs­kon­form erklärt wor­den. Damit war der Weg frei. In der Erwar­tung, dass Kolum­bi­en sich an die in Havan­na ver­ab­schie­de­ten Ver­ein­ba­run­gen hal­ten wür­de, hat­te die JEP ihre Arbeit bereits im ver­gan­ge­nen Jahr auf­ge­nom­men. Rich­ter wur­den ernannt, inter­na­tio­na­le Beob­ach­ter beru­fen (unter ihnen der deut­sche Rechts­wis­sen­schaft­ler Kai Ambos, Uni­ver­si­tät Göt­tin­gen), ers­te Ankla­gen unter­nom­men, Ver­hö­re durch­ge­führt etc. etc.

Duque hat das Gesetz nun an das Par­la­ment zurück­ver­wie­sen, damit dort erneut über die sechs Arti­kel debat­tiert wird, gegen die der Prä­si­dent Beden­ken vor­ge­bracht hat, sowie über zwei wei­te­re vom ihm ein­ge­brach­te Ände­rungs­an­trä­ge.

Das Vor­ge­hen von Duque hat eine inten­si­ve Dis­kus­si­on nicht nur in Kolum­bi­en son­dern auch inter­na­tio­nal. Über hun­dert Per­sön­lich­kei­ten des öffent­li­chen Lebens, Vetre­ter von diver­sen NGOs, Rechts­an­walts­ver­bän­den sowie Ver­tre­ter bei­der Ver­hand­lungs­de­le­ga­tio­nen der Regie­rung San­tos und der FARC, pro­tes­tier­ten in einem öffent­li­chen Brief an UN-Gene­ral­se­kre­tär Gut­te­res.

Sie­he auch den Arti­kel in
Sema­na v.11.3.2019 sowie die aus­führ­li­che Kri­tik des Anwalts­ver­eins »Colec­tivo de Aboga­dos ‘José Alve­ar Rest­re­po’«.

»¡Ni uno mas!«

¡Ni uno mas! — Unter die­sem Mot­to demons­trier­ten Men­schen heu­te nicht nur in Kolum­bi­en son­dern welt­weit gegen die fort­ge­setz­te Gewalt gegen Men­schen­rechts- und Frie­dens­ak­ti­vis­ten. In Kolum­bi­en sind seit der Unter­zeich­nung des Frie­dens­ab­kom­mens Ende 2016 die Anzahl der Mor­de an Aktivist*innen alar­mie­rend ange­stie­gen. Allein zwi­schen Dezem­ber 2016 und August 2018 wur­den mehr als 300 Bäuer*innen, Ange­hö­ri­ge indi­ge­ner Völ­ker, Stu­die­ren­de, Lehrer*innen, Afro- Nach­fah­ren, sowie Politiker*innen ermor­det, weil sie ihre Ter­ri­to­ri­en, die Umwelt und ihre Rech­te ver­tei­dig­ten, anders dach­ten und sich für den Frie­den enga­gier­ten. Die bis­her ohne­hin schlep­pen­de Umset­zung des Frie­dens­ab­kom­mens zwi­schen der FARC-Gue­ril­la und der schei­den­den Regie­rung unter Prä­si­dent Juan Manu­el San­tos läuft Gefahr zu schei­tern, da der neue Prä­si­dent Iván Duque, der am 8. August 2918 sein Amt antritt, als Geg­ner des Frie­dens­ab­kom­mens gilt. Menschenrechtsaktivist*innen befürch­ten, dass die bis­her erziel­ten Fort­schrit­te im Frie­dens- und Ver­söh­nungs­pro­zess wei­ter gefähr­det wer­den. Dies hät­te ver­hee­ren­de Fol­gen, vor allem für die sozia­len Bewe­gun­gen, die zuneh­men­de Kri­mi­na­li­sie­rung befürch­tet, und für die Land­be­völ­ke­rung, die wei­ter­hin in vie­len Gegen­den von ihrem Land ver­trie­ben wird.

Die Inter­na­tio­na­le Gemein­schaft, Men­schen­rechts­or­ga­ni­sa­tio­nen, NGOs, poli­ti­sche Par­tei­en und ande­re Orga­ni­sa­tio­nen wur­den auf­ge­for­dert, von der neu­en kolum­bia­ni­schen Regie­rung unter Prä­si­dent Iván Duque die voll­stän­di­ge Umset­zung des Frie­dens­ab­kom­mens zu ver­lan­gen. Das bedeu­tet vor allem, die Straf­lo­sig­keit zu been­den und anzu­er­ken­nen, dass die Aktivist*innen gezielt bedroht sowie ermor­det wer­den. Vom neu­en Prä­si­dent wer­den geeig­ne­te Maß­nah­men erwar­tet, die die Sicher­heit der Akti­vis­ten garan­tie­ren. Auch in Köln fand auf der Dom­plat­te eine von COLPAZ in Koope­ra­ti­on mit ande­ren Kolum­bi­en­grup­pen im Rhein­land orga­ni­sier­te Akti­on statt.

Scheitert Kolumbien?

Enri­que Ser­ra­no hat in sei­ner 2016 erschie­ne­nen Ana­ly­se nicht mehr die Fra­ge des “ob” gestellt, son­dern bereits danach gefragt “¿Por Qué Fra­ca­sa Colom­bia?”. Ich hielt das bis heu­te immer für ein wenig vor­ei­lig, bin aber mitt­ler­wei­le nicht mehr so sicher, ob mein Opti­mis­mus die nächs­ten Jah­re durch­hal­ten wird. Im Moment hal­ten wir uns in Deutsch­land auf und bekom­men die Nach­rich­ten über die Ent­wick­lung des Frie­dens­pro­zes­ses über die Medi­en und über Berich­te von Freun­den und Ver­wand­ten. Und die­se Berich­te sind alles ande­re als geeig­net, Opti­mis­mus und Zuver­sicht zu ver­brei­ten. Auf allen Ebe­nen scheint die Umset­zung des Frie­dens­ver­tra­ges zu sto­cken. Die Ver­sor­gung in den 23 “Zonas Ver­e­da­les” und 8 “Cam­pa­ment­os”, in denen die ehe­ma­li­gen FARC-Kämp­fer sich mitt­ler­wei­le alle ein­ge­fun­den haben und ihre Waf­fen an die UNO über­ge­ben haben, ist immer noch unak­zep­ta­bel. Beson­ders gra­vie­rend ist der Man­gel an Was­ser, an elek­tri­schem Strom und an Bau­ma­te­ria­li­en. Es man­gelt an Vie­lem. Mitt­ler­wei­le zwei­feln vie­le der Ex-Gue­ril­le­ros dar­an, ob sie eine ech­te Per­spek­ti­ve erhal­ten wer­den. Die ver­spro­che­ne Zutei­lung von Land, auf dem sie arbei­ten kön­nen, wur­de bis­lang nicht umge­setzt. Die Ein­glie­de­rung in das zivi­le Leben scheint frag­lich zu sein, nach­dem bereits im August der Dach­ver­band der Ban­ken sei­nen Mit­glie­dern emp­foh­len hat­te, kei­ne Bank­kon­ten für Ex-Gue­ril­le­ros zu eröff­nen, und der Dach­ver­band der mit­tel­stän­di­schen Indus­trie sei­nen Mit­glie­dern emp­foh­len hat­te, kei­ne Ex-Gue­ril­le­ros als Arbeits­kräf­te ein­zu­stel­len. Je mehr die Frus­tra­ti­on der in den Tran­si­ti­ons­zo­nen kon­zen­trier­ten Ex-Kämp­fern wächst, des­to grö­ßer wird die Gefahr des Schei­terns. Es wird von Deser­tio­nen berich­tet. Die sich dar­an anschlie­ßen­de Fra­ge, was die Der­se­tier­ten dann tun, bleibt offen. Aber vie­le Mög­lich­kei­ten, ins­be­son­de­re fried­li­che Mög­lich­kei­ten, kann man sich nicht vor­stel­len.

Bedroh­lich ist auch der von den kolum­bia­ni­schen Streit­kräf­ten nicht ver­hin­der­te Vor­marsch param­li­tä­ri­scher Grup­pen in die von den FARC geräum­ten Gebie­ten. Die Prä­senz die­ser “Ban­d­as Cri­mi­na­les” behin­dert auch die Kon­ver­si­on des Dro­gen­an­baus. Bau­ern, die auf ande­re Agra­pro­duk­te umstei­gen wol­len, wer­den mit Gewalt dar­an gehin­dert. So sind am 5. Okto­ber 10 Bau­ern ums Leben gekom­men, als das Mili­tär die Kon­ver­si­on in einem Gebiet des Muni­ci­pio Tumo­ca (Depar­ta­men­to Nari­ño) durch­set­zen woll­te. Die Bau­ern waren von dort mitt­ler­wei­le die Sze­ne beherr­schen­den bewaff­ne­ten Ban­den der Dro­gen­ba­ro­ne gezwun­gen wor­den, wei­ter­hin Koka anzu­bau­en. Als das Mili­tär ein­schrei­ten woll­te, wur­den sie von der Dro­gen­ma­fia in eine bewaff­ne­te Aus­ein­an­der­set­zung ver­wi­ckelt, wo sie als leben­de Schutz­schil­de benutzt wur­den. Die Mord­an­schlä­ge gegen ehe­ma­li­ge FARC-Kämp­fer aber auch an Akti­vis­ten der Zivil­ge­sell­schaft gehen wei­ter. Bis heu­te sol­len bereits 13 FARC-Mit­glie­der umge­bracht wor­den sein.

Die Men­schen­rechts­or­ga­ni­sa­ti­on Somos Defen­so­res zählt seit Beginn des Jah­res 335 Anschlä­ge gegen Per­so­nen, die sich für Men­schen­rech­te in Kolum­bi­en ein­set­zen und spricht von einem “Krieg gegen die Ver­tei­di­ger des Frie­dens”. Nach dem Nach­rich­ten­por­tal Colom­bia Plu­ral wird alle viert Tage ein Akti­vist für Men­schen­rech­te, Ver­tre­ter der Klein­bau­ern, von indi­ge­nen oder afro­ko­lum­bia­ni­schen Gemein­den umge­bracht. Im “Frie­dens­jahr” 2017 sind es bereits 66 Mor­de (Ende Sep­tem­ber), 2016 waren es 80).

Es scheint sich zu bewahr­hei­ten, was in der Frie­dens- und Kon­flikt­for­schung oft gesagt wird, dass näm­lich gera­de Post-Kon­flikt-Gesell­schaf­ten sich — zumin­dest für eine Wei­le — als beson­ders gewalt­tä­tig erwei­sen. Die ehe­mals mehr oder weni­ger klar defi­nier­ten Fron­ten, die für jeden Betei­lig­ten oder Betrof­fe­nen signa­li­sier­ten, wo er sich gefahr­los bewe­gen kann und wel­che Gebie­te für ihn eher eine No-Go-Aarea dar­stel­len, haben ihre Kon­tu­ren ver­lo­ren. Neue Unsi­cher­hei­ten ent­ste­hen. Genau das lässt sich gegen­wär­tig in Kolum­bi­en beob­ach­ten. Die FARC-Kämp­fer haben zwar ihre Waf­fen an die UN über­ge­ben, aber von Frie­den kann nicht die Rede sein.

Die FARC kri­ti­sie­ren, dass sich immer noch über 1.000 ehe­ma­li­ge FARC-Kämp­fer in Haft befin­den, die eigent­lich nach den Ver­ein­ba­run­gen von Hava­na frei­ge­las­sen wer­den müss­ten. Außer­dem sind wei­ter­hin Haft­be­feh­le gegen Mit­glie­der der FARC in Kraft, was immer wie­der zu Kon­flik­ten bei Poli­zei­kon­trol­len führt. Auch die schlep­pen­de gesetz­ge­be­ri­sche Umset­zung der Ver­ein­ba­run­gen wird kri­ti­siert. Das betrifft vor allem die Land­re­form und die “Jus­ti­cia Espe­cial para la Paz (JEP)”. Mir scheint es beson­ders bedroh­lich, dass Tei­le der poli­ti­schen Klas­se des Lan­des offen­bar wenig Inter­es­se zei­gen, die Frie­dens­ver­ein­ba­run­gen auch zügig umzu­set­zen. Steckt dahin­ter ein Kal­kül? Viel­leicht die Erwar­tung, dass bei den Wah­len im nächs­ten Jahr die Gege­ner des Frie­dens­ab­kom­mens um Exprä­si­dent Uri­be die Mehr­heit der Stim­men erhal­ten könn­ten und dann alles zurück­ge­dreht wird?

Medellin und seine “Comuna 13”

Die Medel­lin-Kon­fe­renz des RC-51 ist been­det. Für mich war es eine beson­de­re Ehre, dass mein Vor­trag vom Orga­ni­sa­ti­ons­kom­mit­tee der Kon­fe­renz als “Clo­sing Pre­sen­ta­ti­on” fest­ge­legt wur­de. So hat­te ich über eine Stun­de Zeit, mei­ne Sicht der Din­ge über den kolum­bia­ni­schen Frie­dens­pro­zess dar­zu­le­gen und es blieb auch noch aus­rei­chend Zeit, um mit den Kol­le­gin­nen und Kol­le­gen dar­über zu dis­ku­tie­ren. Mei­ne Sor­ge, dass die kolum­bia­ni­schen Kol­le­gen an der Legi­ti­mi­tät eines sol­chen Vor­tra­ges zwei­feln könn­ten, erwies sich im Nach­hin­ein als voll­kom­men unbe­grün­det. Die Dis­kus­si­on war aus­ge­spro­chen soli­da­risch und kon­struk­tiv.

Micha­el Paetau wäh­rend des Vor­tra­ges (Foto: Alex­an­der Exque­me­lin, Wiki­pe­dia)

Es war rei­ner Zufall aber die sich am Wochen­en­de anschlie­ßen­de gemein­sa­me Stadt­er­kun­dung soll­te sich wie eine Art Anschau­ung­bei­spiel mei­ner Prä­sen­ta­ti­on vom Vor­tag ent­spup­pen. Sie führ­te uns unter ande­rem in die “Comu­na 13”, eines der ärms­ten Stadt­tei­le, der in den 80er und 90er Jah­ren Schau­platz blu­ti­ger und töd­li­cher Aus­ein­an­der­set­zun­gen zwi­schen riva­li­sie­ren­den Dro­gen­kar­tel­len, zwi­schen zwi­schen Gue­ril­la und para­mi­li­tä­ri­scher Grup­pen und zwi­schen ver­fein­de­ten kri­mi­nel­len Ban­den war. Die­ses Bar­rio ist auch durch eine im Jahr 2002 mit äußers­ter Bru­ta­li­tät vor­ge­tra­ge­ne Mili­tär­ope­ra­ti­on (“Ope­ra­ción Orión”) bekannt gewor­den, in der unter dem Befehl des dama­li­gen Prä­si­den­ten Alva­ro Uri­be und mit der Begrün­dung, die Gue­ril­la von ihrer sozia­len Basis abzu­schnei­den, ein unvor­stell­ba­res Mas­sa­ker unter der Zivil­be­völ­ke­rung ange­rich­tet wur­de. Bis vor weni­gen Jah­ren war die Comu­na 13 eine abso­lu­te No-Go-Area. Und das nicht nur für Tou­ris­ten. Con­stan­za und ich sind vor vie­len Jah­ren ein­mal über das Vier­tel hin­weg­ge­schwebt, als wir die Seil­bahn genom­men hat­ten, die zum Par­que Arvi führt, einem Natio­nal­park auf einem der die Stadt Medel­lin umge­ben­den Ber­ge. Es gibt eine Sta­ti­on der Seil­bahn in der Comu­na 13, bei der die Bowoh­ner des Vier­tels ein- und aus­stei­gen kön­nen. Haben wir aber nicht gemacht.

Seil­bahn zum Par­que Arvi über die Comu­na 13 schwe­bend

Mitt­ler­wei­le hat sich die Situa­ti­on geän­dert. Aus der eins­ti­gen No-Go-Area ist eines der belieb­tes­ten Tou­ris­ten-Attrak­tio­nen Medel­lins gewor­den. Seit Ser­gio Fajar­do sich als unab­hän­gi­ger Kan­di­dat gegen die eta­blier­ten Par­tei­en in der Bür­ger­meis­ter­wahl 2004 durch­set­zen konn­te und er anschlie­ßend 2013 bis 2015 Gou­ver­neur des Departa­mane­tos Antio­quia war, wur­de viel in die Struk­tur der armen Stadt­vier­tel Medel­lins inves­tiert. Und trotz der all­ge­gen­wär­ti­gen Kor­rup­ti­on in Kolum­bi­en, schei­nen vie­le der Pro­jekt­mit­tel tat­säch­lich dort ange­kom­men zu sein, wo sie Wir­kung ent­fal­ten konn­ten. Eines der spek­ta­ku­lärs­ten Pro­jek­te war zwei­fel­los die Errich­tung einer 348 Meter lan­gen Frei­luft-Roll­trep­pe, die den Bewoh­nern des steil am Berg­hang lie­gen­den Bar­ri­os den Weg zu ihren Häu­sern enorm erleich­tert. Die Roll­trep­pe ist in sechs Abschnit­te unter­teilt und über­win­det ins­ge­samt einen Höhen­un­ter­schied, der ca. 28 Stock­wer­ke bemes­sen wür­de. Am Anfang und Ende jedes Abschnit­tes haben sich neue infor­mel­le Struk­tu­ren her­aus­ge­bil­det, die zwar noch kei­ne öko­no­mi­sche oder sozia­le Struk­tur-Revo­lu­ti­on dar­stel­len, die aber ein­zel­nen Fami­li­en ein bestimm­tes Ein­kom­men sicher­stel­len. Das liegt auch an den vie­len Tou­ris­ten, die ers­tens die bemer­kens­wer­te Graf­fi­ti­kunst, in der die Bewoh­ner der Comu­ne 13 ihre wech­sel­vol­le Geschich­te künst­le­risch ver­ar­bei­tet haben, bewun­dern, und zwei­tens an der Rie­sen-Roll­trep­pe, die auch in Euro­pa Auf­merk­sam­keit gewon­nen hat.

Über­dach­te Frei­luft-Roll­trep­pe in der Comu­na 13

Wir haben unter der Füh­rung eines Künst­lers und Men­schen­rechts­ak­ti­vis­ten der Koope­ra­ti­ve “Kola­cho” eine Tour durch das Vier­tel unter­nom­men, in der uns anhand der zahl­rei­chen und äußerst bemer­kens­wer­ten Graf­fi­tis die wech­sel­vol­le Geschich­te der Comu­na 13 erläu­tert wur­de. In der Zeit zwi­schen 2002 und 2012 fan­den — nach Berich­ten der Tages­zei­tung El Tiem­po ins­ge­samt 10 mili­tä­ri­sche Säu­be­rungs­ak­tio­nen auf dem Gebiet der Comu­na 13 statt, die sich vor allem gegen ver­meint­li­che oder tat­säch­li­che Sym­pa­thi­san­ten der Gue­ril­la rich­te­ten. In beson­de­rer Wei­se haben sich die bei­den Mili­tär­ope­ra­tio­nen des Jah­res 2002, die “Ope­ra­ción Maris­cal” und die “Ope­ra­ción Ori­on” in das his­to­ri­sche Gedächt­nis der Comu­na 13 ein­ge­brannt. Die “Ope­ra­ción Maris­cal” fand am 21. Mai 2002 noch in den letz­ten Mona­ten der Prä­si­dent­schaft von Andrés Pastra­na statt und for­der­te zahl­rei­che Opfer unter der Zivil­be­völ­ke­rung.

Fünf Mona­te spä­ter — unmit­tel­bar nach dem Amts­an­tritt von Ala­va­ro Uri­be — ereig­ne­te sich der zwei­te Angriff auf das Bar­rio, die “Ope­ra­ción Ori­on”, die mit Unter­stüt­zung para­mi­li­tä­ri­scher Ver­bän­de statt­fand. Es war das erklär­te Ziel von Uri­be, die Gue­ril­la nicht nur durch direk­te mili­tä­ri­sche Ope­ra­tio­nen zu bekämp­fen, son­dern sie auch dadurch zu schwä­chen, dass sie von sozia­len Basis abge­schnit­ten wird. Die­sem Ziel dien­ten die Mili­tär­ope­ra­tio­nen in der Comu­na 13. Denn es wur­de ver­mu­tet, dass gera­de in die­sem armen Stadt­vie­tel, die Gue­ril­la mit einer nicht uner­heb­li­chen Anzahl von Sym­pa­thi­san­ten rech­nen konn­te. Noch heu­te ist der Ver­bleib von über 300 Per­so­nen, die in den bei­den Tagen der Ope­ra­ti­on vom Mili­tär und von Para­mi­li­tärs ver­schleppt wur­den, unge­klärt. Ins­be­son­de­re die Para­mi­li­tärs haben sich durch beson­de­re Grau­sam­keit aus­ge­zeich­net, indem sie ver­meint­li­che oder tat­säch­li­che lin­ke Akti­vis­ten gefol­tert und anschlie­ßend hin­ge­rich­tet haben. Die­go Muril­lo Beja­ra­no, einer der ehe­mals füh­ren­den Köp­fe der para­mi­li­tä­ri­schen “Auto­de­fen­sas Uni­das de Colom­bia (AUC)“, hat­te nach sei­ner Ver­haf­tung der Staats­an­walt­schaft zwar den Ort gezeigt, an dem die Hin­ge­rich­te­ten, ver­scharrt wor­den waren. Ein gegen­über der Comu­na 13 lie­gen­der Hügel, der von der Stadt Medel­lin dazu benutzt wur­de, Bau­schutt abzu­la­den. Aber die Zahl der Toten und ihre Iden­ti­tät ist nach wie vor unklar. Seit Jah­ren kämp­fen die Ange­hö­ri­gen dar­um, dass die Ange­le­gen­heit auf­ge­klärt und die Ver­ant­wort­li­chen zur Rechen­schaft gezo­gen wer­den. Wer Spa­nisch spricht kann sich über meh­re­re You­tube-Vide­os unter dem Stich­wort “Ope­ra­ción Orión” näher über die schreck­li­chen Ereig­nis­se und über die Rol­le, die der dama­li­ge Prä­si­dent Uri­be dabei gespielt hat, infor­mie­ren.

Ope­ra­ción Orión (16./17. Okto­ber 2002)

Die Tat­sa­che, dass sich die Situa­ti­on mitt­ler­wei­le erheb­lich ver­bes­sert hat, heißt indes nicht, dass man hier nun sorg­los durch die engen Gas­sen schlen­dern kann. Bes­ser ist es, wenn man sich nicht all­zu­weit von den Roll­trep­pen ent­fernt. Und in der Dun­kel­heit soll­te man lie­ber auf einen Rund­gang ver­zich­ten.

Frei­luft-Roll­trep­pen in Medel­lin, Comu­na 13

Sociocybernetics in Medellin

Ich freue mich sehr auf unse­re dies­jäh­ri­ge Jah­res­kon­fe­renz des Rese­arch-Com­mit­tee “Socio­cy­ber­ne­tics”, der “Inter­na­ti­onl Socio­lo­gi­cal Asso­cia­ti­on” (ISA-RC-51), die erst­mals in Kolum­bi­en statt­fin­den wird. Dank der inten­si­ven Bemü­hun­gen unse­rer kolum­bia­ni­schen Kol­le­gen Lucia­no Gal­lon von der “Pon­ti­fi­cia Uni­ver­sidad Boli­va­ria­na”, Medel­lin, sei­ner Ehe­frau Glo­ria Lodo­ño und Gabriél Velez von der “Uni­ver­sidad de Antio­quia”, Medel­lin, sowie tat­kräf­ti­ger Unter­stüt­zung aller Mit­glie­der des inter­na­tio­na­len Kon­fe­renz-Kom­mit­tees kann die Kon­fe­renz, wie geplant, vom 20. bis 24. Juni in Medel­lin statt­fin­den. Ich wer­de in die­ser Zeit bereits in Kolum­bi­en sein und habe inso­fern eine kur­ze Anrei­se. Die Kon­fe­ren­zen der Sozio­ky­ber­ne­ti­schen Com­mu­ni­ty sind immer sehr akti­ve Kon­fe­ren­zen. Die Teil­nah­me ist nur mög­lich über die Ein­rei­chung eines Prä­sen­ta­ti­ons­vor­schlags und sei­ner Akzep­tanz durch das inter­na­tio­na­le Kon­fe­renz-Kom­mit­tees. Mein dies­jäh­ri­ger Vor­trag fällt ein wenig aus dem Rah­men mei­ner bis dato prä­sen­tier­ten Vor­trä­ge, die sich meist mit sozio­lo­gi­schen Fra­gen des Inter­nets und der Ent­ste­hung, Sedi­men­tie­rung, Dis­tri­bu­ti­on von und des Zugangs zum gesell­schaft­li­chen Wis­sen aus­ein­an­der­ge­setzt hat­ten. Mein The­ma dies­mal ist die Kom­ple­xi­tät des Frie­dens­pro­zes­ses in Kolum­bi­en. Dabei ist mir voll­kom­men bewusst, wel­ches Risi­ko ich ein­ge­he. Als Aus­län­der, hier in Kolum­bi­en, vor einer Zuhö­rer­schaft, die zwar in ers­ter Linie inter­na­tio­nal zusam­men­ge­setzt ist, bei denen aber zwei­fel­los von einer nicht gerin­gen Anzahl kolum­bia­ni­scher Teil­neh­mer aus­zu­ge­hen ist, über Kolum­bi­en zu spre­chen, mag als anma­ßend emp­fun­den wer­den. Ich fah­re also dies­mal mit einer gehö­ri­gen Por­ti­on Selbst­zwei­fel nach Medel­lin. Wird man sich nicht viel­leicht fra­gen: was bil­det der sich eigent­lich ein, als Aus­län­der, als Euro­pä­er, hier in Kolum­bi­en, einen Vor­trag über unser eige­nes Land zu hal­ten und mög­li­cher­wei­se zu glau­ben, uns etwas erzäh­len zu kön­nen, was wir nicht viel bes­ser wüss­ten? Nun, mit einer sol­chen Reak­ti­on muss ich rech­nen. Aber ich habe Grün­de. Und viel­leicht gelingt es mir, die Moti­va­ti­on für das, was ich in Medel­lin tun wer­de, ver­ständ­lich zu machen. Denn, das ist den Lesern die­ses Blogs natür­lich schon klar, Kolum­bi­en ist mir wirk­lich eine Her­zens­an­ge­len­gen­heit.

Seit mehr als 30 Jah­ren beob­ach­te ich die Gescheh­nis­se in die­sem Land, habe unter­schied­li­che Peri­oden des Kon­flik­tes mit­er­lebt, die Gewalt­ex­zes­se der 80er und 90er Jah­re, unter­schied­li­che Stra­te­gi­en mit dem Kon­flikt umzu­ge­hen, habe die mehr­fa­chen Bemü­hun­gen um Frie­den bzw. Befrie­dung unter ver­schie­de­nen Prä­si­den­ten, von Betan­cour über Pastra­na, Uri­be und nun San­tos erlebt, die mit ihnen ver­bun­de­nen Hoff­nun­gen, die Ent­täu­schun­gen über ihr Schei­tern, das Miss­trau­en, die Hoff­nung und das Erar­bei­ten neu­er Ansät­ze. Mei­ne fami­liä­ren Bin­dun­gen machen es mir mög­lich, an sehr unter­schied­li­chen Dis­kur­sen zu par­ti­zi­pie­ren. Und ich kann mir vor­stel­len, dass es nicht ganz unin­ter­es­sant für Kolum­bia­ner sein könn­te, zu erfah­ren, wie dies alles von außen gese­hen und gedeu­tet wird.

Nach­dem ich mich mehr in die Ver­ein­ba­run­gen von Havan­na ver­tieft hat­te, das Desas­ter des Ple­bis­zits vom 2. Okto­ber erlebt habe und die nach wie vor andau­ern­de Pola­ri­sie­rung der kolum­bia­ni­schen Gesell­schaft in die­ser Fra­ge mit anse­hen muss, war mir klar gewor­den, dass es sich hier um einen außer­or­dent­lich hoch­kom­ple­xen Pro­zess einer gesell­schaft­li­chen Ent­wick­lung han­delt, der von einer Wis­sen­schafts­dis­zi­plin, wie der Sozio­ky­ber­ne­tik, unwill­kür­lich als Her­aus­for­de­rung betrach­tet wer­den muss. Es sind vor allem zwei Punk­te, die mich moti­viert haben, die­sen Bei­trag zu hal­ten: Ers­tens die Über­zeu­gung, dass die Sozio­ky­ber­ne­tik eine Wis­sen­schaft ist, die ihr Wis­sen über den Umgang mit Kom­ple­xi­tät, ihre Theo­ri­en und Metho­den in die­sen Pro­zess ein­brin­gen soll­te, in wel­cher Wei­se auch immer. Das was in Kolum­bi­en als “Poscon­flic­to”, in Fach­krei­sen aber prä­zi­se­rer als “Posa­cuer­do” bezeich­net wird, ist in Tei­len eine kon­kre­te Anwen­dung des­sen, was in der Poli­tik­wis­sen­schaft als “Tran­si­tio­nal Jus­ti­ce” the­ma­ti­siert wird, eine der aus mei­ner Sicht anspruchs­volls­ten Her­aus­for­de­run­gen, die Fra­ge der Kom­ple­xi­tät anzu­ge­hen. Hier kann die sozio­ky­ber­ne­ti­sche For­schung ihre Ana­ly­se- und Pro­blem­lö­sungs­fä­hig­keit erwei­sen.

Aber es geht nicht nur dar­um, sozio­ky­ber­ne­ti­sche Theo­ri­en und Metho­den für den schwie­ri­gen gesell­schaft­li­chen Pro­zess der nächs­ten Jah­re und Jahr­zehn­te zur Ver­fü­gung zu stel­len, son­dern auch umge­kehrt, aus den Erfah­run­gen, die man in den nächs­ten zehn Jah­ren hier in Kolum­bi­en machen wird, das Wis­sen über Tran­si­tio­nal-Jus­ti­ce-Pro­zes­se zu ver­tie­fen.

Ein wei­te­rer Punkt ist das inter­na­tio­na­le Selbst­ver­ständ­nis unse­rer wis­sen­schaft­li­chen Arbeit und lässt sich in einen direk­ten Bezug zu dem Kap­tel 6 des Frie­dens­ver­tra­ges brin­gen. In die­ser Ver­trags­kom­po­nen­te erklä­ren bei­de Ver­trags­par­tei­en, dass für die Eta­ble­rung eines sta­bi­len und dau­er­haf­ten Frie­dens die Ein­be­zie­hung inter­na­tio­na­ler Beob­ach­ter und Bera­ter sinn­voll und not­wen­dig ist. Es wur­den eine Rei­he von Mecha­nis­men einer der­ar­ti­ge inter­na­tio­na­len Kom­po­nen­te ver­ein­bart. Dar­über­hin­aus ist allen Betei­lig­ten aber klar, dass nicht nur die offi­zi­el­len Insti­tu­tio­nen, wie UNO, Signartar­mäch­te (Cuba und Nor­we­gen) oder ein­zel­ne Län­der, die sich für den Frie­den enga­gie­ren (EU, USA, u.a.), son­dern auch die Unter­stüt­zung der welt­wei­ten Zivil­ge­sell­schaft, der Akti­vis­ten für Men­schen­rech­te, Umwelt und Frie­den, wich­tig ist. Das Glei­che gilt auch für die Wis­sen­schaft, die einen wich­ti­gen Bei­trag leis­ten kann und soll­te. Ein Bei­spiel könn­te das neu­ge­grün­de­te kolum­bia­nisch-deut­sche Insti­tut für den Frie­den sein, dass in Bogo­tá sei­nen Sitz haben wird und noch in die­sem Jahr mit For­schungs- und Bera­tungs­ar­bei­ten begin­nen soll.

Was mei­nen Vor­trag in Medel­lin betrifft, so kann ich zunächst nicht mehr viel mehr tun, als dafür zu apel­lie­ren, unse­re sozio­ky­ber­ne­ti­schen Kapa­zi­tä­ten zur Ver­fü­gung zu stel­len, um einen Bei­trag für die Umset­zung des kolum­bia­ni­schen Frie­dens­pro­zess zu leis­ten. Zunächst sehe ich dafür drei Punk­te: Ers­tens Erhe­bun­gen, Unter­su­chun­gen und Ana­ly­sen bezüg­lich der Kom­ple­xi­tät des Kon­flik­tes selbst, zwei­tens die Ope­ra­tio­na­li­sie­rung der ein­zel­nen Inhal­te des Frie­dens­ab­kom­mens und drit­tens Eva­lu­ie­run­gen hin­sicht­lich der Imple­men­ta­ti­on der ver­ein­bar­ten Zie­le, der Schrit­te zur Ben­di­gung des bewaff­ne­ten Kon­flik­tes und der Eta­blie­rung einer “Post-Kon­flikt Gesell­schaft”.