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Jenseits der Pandemie leidet Chocó

Aus dem Chocó kom­men erneut schlim­me Nach­rich­ten. Über Ursu­la Holz­pa­fel und Ulrich Kol­witz, die seit über drei­ßig Jah­ren zusam­men mit der Diö­ze­se in Quib­dó in der »Comi­sión Dio­cesa­na Vida, Jus­ti­cia y Paz« in der Men­schen­rechts­ar­beit aktiv sind und mit denen wir von WISSENSKULTUREN seit vie­len Jah­ren eng ver­bun­den sind, erreicht uns ein besorg­nis­er­re­gen­der Bericht. In einem gemein­sa­men Auf­ruf von afro­ko­lum­bia­ni­schen und indi­ge­nen Orga­ni­sa­tio­nen, des »Con­se­jo Comu­ni­ta­rio Mayor de la Aso­cia­ción Cam­pe­si­na Inte­gral del Atrato – COCOMACIA«, dem »Mesa Indí­ge­na del Chocó«, dem »Foro Inte­rét­ni­co Soli­da­ridad Chocó«, dem »Red Depar­ta­men­tal de Muje­res Cho­coanas« und dem »Mesa Ter­ri­to­ri­al de Garan­tí­as Chocó« wird auf die alar­mie­ren­de Zunah­me der Ver­let­zung der indi­vi­du­el­len und kol­lek­ti­ven Rech­te der afro­ko­lum­bia­ni­schen und indi­ge­nen Völ­ker des Chocó durch die Ver­schär­fung des bewaff­ne­ten Kon­flikts im Depar­te­ment auf­merk­sam gemacht.

Schon seit lan­gem wird das Ein­si­ckern para­mi­li­tä­ri­scher Ver­bän­de (ins­be­son­der der Auto­de­fen­sas Gai­ta­nis­tas de Colom­bia, AGC) und Grup­pen der ELN-Gue­ril­la in den Cho­co beklagt. In den besetz­ten Gebie­ten wer­den eige­ne »Geset­ze« zur Gel­tung gebracht und sie über die ver­fas­sungs­mä­ßig garan­tier­ten Rech­te der betroff­nen Gemein­den und Grup­pen gestellt. Die­se Miss­stän­de sind seit lan­gem bekannt, wer­den aber von der kolum­bia­ni­schen Regie­rung igno­riert. Zu befürch­ten ist, dass es wie­der ein­mal ein klamm­heim­li­ches Ein­ver­ständ­nis der Regie­rung mit den para­mi­li­tä­ri­schen Kräf­ten, die mit enor­men finan­zi­el­len und logis­ti­schen Res­sour­cen aus­ge­stat­tet sind, gibt. Ihr vor­ge­ge­be­nes Ziel ist es, die ver­blie­be­nen Gue­ril­la­grup­pen zu eli­mi­nie­ren. Aber nicht nur dar­um scheint es zu gehen (vgl. Jus­ti­cia y Paz, Colom­bia, 30.12.2019). Ver­trei­bun­gen der Bevöl­ke­rung von ihrem Land sind in einem bis­her nicht bekann­tem Aus­maß an der Tages­ord­nung. Ille­ga­le Berg­bau­an­la­gen enste­hen, Regen­wald wird gero­det um Platz für gro­ße Plan­ta­gen oder für Gold­mi­nen zu machen. Die Umwelt­ver­schmut­zung schrei­tet vor­an, ins­be­son­de­re der Flüs­se, die die Lebens­ader die­ser Regi­on dar­stel­len. Queck­sil­ber­ver­seu­chung des Was­sers bedroht die Gesund­heit und das Leben der indi­ge­nen und afro­ko­lum­bia­ni­schen Bevöl­ke­rung, die an den Ufern die­ser Flüs­se sie­deln.

Ursu­la und Uli schrei­ben, dass selbst in der Stadt Quib­do, die Haupt­stadt des Depar­ta­ment­os Cho­co, die Gewalt­grup­pen immer mehr die Kon­trol­le über die Wohn­vier­tel aus­deh­nen. »Sie sind die Ein­zi­gen, die kei­ner­lei Aus­gangs­be­schrän­kun­gen unter­lie­gen. Per­so­nen, die sich die­ser Herr­schaft wider­set­zen wol­len, wer­den ein­ge­schüch­tert und bedroht. Allein hier in Quib­dó haben wir die­ses Jahr bereits 87 Mord­fäl­le regis­trie­ren müs­sen. Es fal­len nach wie vor weit mehr Men­schen den Gewalt­ver­bre­chen zum Opfer als dem Coro­na­vi­rus, der bis­her im gesam­ten Chocó 70 Ster­be­fäl­le vers­ur­sacht hat.« (Rund­brief von Ursu­la Holz­ap­fel & Ulrich Koll­witz, Comi­sión Vida, Jus­ti­cia y Paz, v. 7.7.2020)

Und dies fin­det alles in einem Gebiet statt, wel­ches im Frie­dens­ver­trag als eines der 16 Ter­ri­to­ri­en erklärt wur­de, die beson­ders unter dem Gewalt­kon­flikt gelit­ten hat­ten und des­halb einer beson­de­ren Unter­stüt­zung des Staa­tes bedür­fen. Aber die­se Art von “Unter­stüt­zung” war sicher nicht gemeint vgl. Jus­ti­cia y Paz, Colom­bia, 30.12.2019.

In dem Auf­ruf wird auch beklagt, dass in einer Zeit, in der die Coro­na-Pan­de­mie, den tages­po­li­ti­schen Dis­kurs bestimmt, ihre Hil­fe­ru­fe unge­hört blei­ben. Es wird auf den kata­stro­pha­len Zustand des Gesund­heits­sys­tems (Kran­ken­haus­in­fra­struk­tur, Aus­rüs­tung, Per­so­nal, Leis­tungs­er­brin­gung) im gesam­ten Depar­te­ment Chocó auf­merk­sam gemacht, wel­cher die gesam­te Bevöl­ke­rung, jen­seits der Coro­na­vi­rus-Pan­de­mie, in eine Lage ver­setzt, in der sie stän­dig der Gefahr von Krank­hei­ten oder Unfäl­len schutz­los aus­ge­lie­fert ist. Alle länd­li­chen Gemein­den, vor allem die indi­ge­nen, sind nach wie vor stän­dig ende­mi­schen und epi­de­mi­schen Krank­hei­ten (Tuber­ku­lo­se, Lun­gen­ent­zün­dung, Den­gue-Fie­ber, Mala­ria) aus­ge­setzt, beglei­tet von chro­ni­scher Unter­ernäh­rung und einem schwa­chen Immun­sys­tem.

Wenn die Regie­rung Wirk­sam­keit und Glaub­wür­dig­keit bei den Maß­nah­men zur Bekämp­fung der Coro­na-Pan­de­mie der Pan­de­mie und zum Schutz des Lebens der Bevöl­ke­rung errei­chen will, kann sie sich nicht auf Qua­ran­tä­neer­las­se beschrän­ken und das Pan­ora­ma des bewaff­ne­ten Kon­flikts, der ille­ga­len Wirt­schaft, des Elends, der Kor­rup­ti­on und der man­geln­den Gesund­heits­ver­sor­gung ver­nach­läs­si­gen, die im Depar­te­ment Chocó unzäh­li­ge Men­schen­le­ben for­dern.

Die genann­ten Orga­nis­tio­nen for­dern die Regie­rung dazu auf, wirk­sa­me Maß­nah­men zu ergrei­fen, die dar­auf abzie­len, der Bevöl­ke­rung von Chocó ein ganz­heit­li­ches men­schen­wür­di­ges Leben zu garan­tie­ren. In den Gebie­ten muss die Aner­ken­nung der indi­ge­nen und afro­ko­lum­bia­ni­schen Selbst­ver­wal­tung unver­züg­lich wie­der­her­ge­stellt wer­den. Gefor­dert wird die voll­stän­di­ge Umset­zung des Frie­dens­ab­kom­mens zwi­schen der kolum­bia­ni­schen Regie­rung und den FARC vom Novem­ber 2016, wel­ches auch grund­sätz­li­che Fra­gen der Indi­ge­nen und Afrokolumbianer*innen umfasst.

Der voll­stän­di­ge Wort­laut des Auf­rufs (in spa­ni­scher Spra­che) ist hier zum Down­load ver­füg­bar.

Wei­te­re Bei­trä­ge zu die­sem The­ma:

Alarmierende Lage am Amazonas

»Die Situa­ti­on im Ama­zo­nas­ge­biet und sei­ner Haupt­stadt Leti­cia (mit ca. vier­zig­tau­send Ein­woh­nern, meist indi­ge­nen Ursprungs) ist alar­mie­rend« schreibt die kolum­bia­ni­sche Wochen­zeit­schrift »Sema­na« in ihrer neu­es­ten Aus­ga­be vom 10. Mai 2020. In weni­ger als einem Monat hat es eine vier­fa­che Stei­ge­rung der Infek­tio­nen mit COVID-19 gege­ben und ist damit eine der höchs­ten in ganz Kolum­bi­en, höher als in der 10 Mil­lio­nen-Metro­po­le Bogo­tá. Wie ist das mög­lich in einem so abge­le­ge­nen und schwer zugäng­li­chen Gebiet, das auf dem Land­weg über­haupt nicht zu errei­chen ist, son­dern nur mit dem Flug­zeug oder auf dem Was­ser? Fach­leu­te — so SEMANA — ver­wei­sen auf die Nähe zur bra­si­lia­ni­schen Grenz­stadt Taba­tin­ga (fünf­zig­tau­send Ein­woh­ner), die eben­so wie Mana­os zu den am stärks­ten vom Coro­na­vi­rus betrof­fe­nen Gebie­ten Bra­si­li­ens gehört. Und da, wie man weiß, die bra­si­lia­ni­sche Regie­rung so gut wie nichts gegen die Aus­brei­tung des Coro­na­vi­rus unter­nimmt, und zwei­tens die indi­ge­nen Völ­ker in keins­ter Wei­se auf die Pan­de­mie vor­be­rei­tet sind, kann sich die Krank­heit nahe­zu unge­hemmt aus­brei­ten.

Zwar hat die kolum­bia­ni­sche Regie­rung schon vor eini­ger Zeit die Schlie­ßung der Gren­ze zu Bra­si­li­en ange­ord­net, aber in die­ser Regi­on exis­tiert eine Gren­ze nur auf dem Papier. Defac­to sind bei­de Städ­te so zusam­men­ge­wach­sen, dass eine wirk­li­che Grenz­kon­trol­le in die­sem “Pátria de água«, wie es der bra­si­lia­ni­sche Dich­ter Thia­go de Mel­lo aus­ge­drückt hat, nicht mög­lich ist. Die indi­ge­nen Bewoh­ner im Umland der bei­den Städ­te sind beson­ders betrof­fen. Denn auf­grund ihrer spe­zi­fi­schen Lebens­wei­se mit einer aus­ge­präg­ten Ein­ge­bun­den­heit jedes Ein­zel­nen in die Gemein­schaft und damit ein­her­ge­hen­den engen sozia­len und kör­per­li­chen Kon­tak­ten, bedeu­tet »Social Distancing« einen so star­ken Ein­schnitt in das sozia­le Leben, dass es nur schwer vor­stell­bar ist.

Der bekann­te Ama­zo­nas­rei­sen­de und Indi­ge­nen­rechts-Exper­te Frank Sem­per weist in einer an mich gerich­te­ten Email dar­auf hin, dass unter den Opfern auch Scha­ma­nen und Lide­res aus den indi­ge­nen Gemein­schaf­ten sind, was dazu führt, dass in die­sen schrift­lo­sen Kul­tu­ren mit dem Tod ihrer geis­ti­gen Auto­ri­tä­ten das Wis­sen gan­zer Biblio­the­ken ver­schwin­den könn­te. Daher geht es in Ama­zo­ni­en jetzt nicht nur um vie­le Men­schen­le­ben, son­dern auch um die Zukunft der Regi­on als eigen­stän­di­gen Kul­tur- und Natur­raum.

Denn nicht nur die indi­ge­ne Kul­tur ist bedroht, auch ihr öko­lo­gi­sches Umfeld. Durch die gegen­wär­ti­ge Kon­zen­tra­ti­on der staat­li­chen Insti­tu­tio­nen auf die Bewäl­ti­gung der Coro­na-Kri­se gelingt es kri­mi­nel­len Akteu­ren, in einem besorg­nis­er­re­gen­den Tem­po Wald­ro­dun­gen zu betrei­ben, ille­ga­le Minen zu betrei­ben, was mit der Ver­seu­chung von Flüs­sen ein­her­geht und die indi­ge­nen Bewoh­ner von ihrem ver­fas­sungs­mä­ßig als Kol­lek­tiv­ei­gen­tum zuge­stan­de­nen Ter­ri­to­ri­um ver­treibt und immer wei­ter zurück­drängt, was wie­der­um wei­te­re Natur­zer­stö­rung durch ille­ga­le Kräf­te erleich­tert.

Was kön­nen wir hier tun? Ange­sichts die­ser Situa­ti­on möch­te ich auf eine Initia­ti­ve auf­merk­sam machen, die von der »Oga­ni­za­ción Nacio­nal de los Pue­blos Indi­genas de la Ama­zonía Colom­bia­na« (OPIAC) gestar­tet wur­de, mit der Bit­te um Unter­stüt­zung: Emer­gen­cy Respon­se for Indi­ge­nous Colom­bi­an Women.

Wei­te­re Infor­ma­tio­nen fin­den sich in dem Bei­trag von Hel­la Brau­ne und Frank Sem­per auf der Web­site des Deutsch-Kolum­bia­ni­schen Freun­des­krei­ses.

(Fotos: M. Paetau)

Frieden in den Zeiten des Coronavirus?

Wir hat­ten Glück mit unse­rer Rück­rei­se nach Deutsch­land Mit­te März, dass wir trotz mehr­fa­cher Ver­schie­bung des Flu­ges (aber aus ande­ren Grün­den als der der Pan­de­mie) zwei Plät­ze in der Air Fran­ce Maschi­ne nach Paris erhal­ten hat­ten. Die Coro­na Kri­se war noch nicht rich­tig in Kolum­bi­en ange­kom­men, aber alles was man aus Asi­en und Euro­pa hör­te, konn­te einen nicht opti­mis­tisch machen. Soll­te es tat­säch­lich zu einem Shut­down der Wirt­schaft kom­men? Ange­sichts der unzäh­li­gen Stra­ßen­ver­käu­fer in kolum­bi­ens Städ­ten eigent­lich undenk­bar. Wovon soll­ten sie leben? Groß ange­leg­te Unter­stüt­zungpro­gram­me, so wie in Deutsch­land, konn­te ich mir in Kolum­bi­en nicht vor­stel­len, ins­be­son­de­re nicht für den soge­nann­ten »infor­mel­len Sek­tor, in dem ein Groß­teil der Bevöl­ke­rung sich ihren Lebens­un­ter­halt erwirt­schaf­tet. Und was soll­te aus dem Frie­dens­pro­zess wer­den? Wie kann die Arbeit der drei Kom­mis­sio­nen, der »Comi­son de la Ver­dad«, der »JEP« (Juris­dic­ción para la Paz), sowie der »UBPD« (Uni­dad de Bús­que­da de Per­so­nas dadas por Desa­pa­re­ci­das) wei­ter­ge­hen, wenn Kolum­bi­en so wie in Euro­pa die Mög­lich­kei­ten sozia­ler Kon­tak­te mas­siv ein­schrän­ken soll­te. Mitt­ler­wei­le ist ja genau die­ses Sze­na­rio ein­ge­tre­ten und in der Tat muss man sich Sor­gen um den Frie­dens­pro­zess machen. Wie­der ein­mal, muss man sagen, denn auch schon vor­her muss­te man den Frie­dens­pro­zess in Kolum­bi­en als aus­ge­spro­chen fra­gil bezeich­nen. Die Mor­de an sozia­len Akti­vis­ten der Umwelt‑, der Men­schen­rechts- oder der Frie­dens­be­we­gung sowie an Exko­ma­bant­tan­ten der FARC gehen wei­ter. Unter den Bedin­gun­gen der Aus­gangs­be­schrän­kun­gen schei­nen sich die Gewalt­tä­ter noch siche­rer zu sein, unge­stört ihre Atten­ta­te durch­füh­ren zu kön­nen. Ins­be­son­de­re in den vom Gewalt­kon­flikt beson­ders betrof­fe­nen Gebie­ten scheint sich mit COVID-19 die Lage zum Teil dra­ma­tisch zuzu­spit­zen. Denn hier han­delt es sich meist um weit abge­le­ge­ne Regio­nen, in denen das staat­li­che Gesund­heits­we­sen kaum greift, in denen auf­grund der Umwelt­be­las­tun­gen durch ille­ga­le Minen (v.a. Gold, Sma­rag­den) aber auch durch den »lega­len« Roh­stoff­an­bau (Koh­le, Erd­öl, Erze) der Gesund­heits­zu­stand der Bewoh­ner seit Jah­ren einer star­ken Belas­tung unter­wor­fen ist. Hin­zu kommt noch, dass in die­sen Gebie­ten die sozia­len und kul­tu­rel­le Grund­rech­te nicht aus­rei­chend umge­setzt sind, so dass erheb­li­che Wis­sens­de­fi­zi­te bestehen, um die Zusam­men­hän­ge zwi­schen bestimm­ten Lebens­wei­sen und der Pan­de­mie zu erken­nen und ent­spre­chen­de Ver­hal­tens­maß­nah­men ein­zu­lei­ten. Das alles betrifft in beson­de­rer Wei­se die indi­ge­ne und afro­ko­lum­bia­ni­sche Bevöl­ke­rung. Ein Bei­spiel ist das Depar­ta­ment Cho­co mit sei­ner über­wie­gend afro­ko­lum­bia­ni­schen Bevöl­ke­rung, die seit Mona­ten ver­stärkt unter para­mi­li­tä­ri­schen Aktio­nen lei­det.

Und die Auf­merk­sam­keit der Öffent­lich­keit scheint sich der­art auf die Coro­na-Kri­se zu kon­zen­trie­ren, dass tat­säch­lich die Gefahr besteht, dass der Frie­dens­pro­zess dabei unter die Räder kommt. Zivil­ge­sell­schaft­li­che Grup­pen aber auch ver­schie­de­ne poli­ti­sche Par­tei­en und inter­na­tio­na­le Beob­ach­ter rich­ten des­halb For­de­run­gen an die Regie­rung, den Frie­dens­pro­zess trotz COVID-19 wei­ter vor­an­zu­trei­ben und Bedin­gun­gen zu schaf­fen, wie die Arbeit der dafür ein­ge­rich­te­ten Insti­tu­tio­nen auch in Zei­ten des Coron­vi­rus wei­ter­ge­führt wer­den kann.

Zu den Ereignissen des 21. November

Wer Kolum­bi­en kennt, weiß, dass es kaum ein ande­ren Land gibt, das eine grö­ße­re Diver­si­tät in jeg­li­cher Hin­sicht zu bie­ten hat. Kli­ma­tisch, geo­gra­fisch, bio­lo­gisch, eth­nisch, kul­tu­rell, musi­ka­lisch und vie­les mehr. Der 21. Novem­ber 2019, der Tag des Gene­ral­streiks, war ein Tag, an dem die­se Diver­si­tät in einer ande­ren Hin­sicht deut­lich wur­de: An ein­und­dem­sel­ben Tag konn­ten wir vie­le Kolum­bi­en gleich­zei­tig sehen. Ein Kolum­bi­en mit einer ein­drucks­vol­len, wür­de­vol­len, aus­ge­spro­chen fried­li­chen und auge­las­se­nen Mani­fes­ta­ti­on für die sozia­len und poli­ti­schen Rech­te der Bevöl­ke­rung, mit einer kla­ren Oppo­si­ti­ons­an­sa­ge gegen­über der Regie­rung. »Una fies­ta poli­ti­ca« wie eini­ge der teil­neh­me­nen Poli­ti­ker, Jour­na­lis­ten, Künst­ler in Inter­views wäh­rend der Mani­fes­ta­ti­on sag­ten.

Dann aber sahen wir auch mas­si­ve staat­li­che Repres­si­on, Gewalt, Van­da­lis­mus was zu Aus­gangs­sper­ren in Bogo­tá und Cali führ­te. Dann wie­der tage­lang aus­ge­las­se­ne fried­li­che »Cace­ro­la­sos« — sogar direkt vor dem Wohn­haus des Prä­si­den­ten. Und das teil­wei­se mit Cho­reo­gra­phien, die man­che Fan­kur­ven von Fuß­ball­ver­ei­nen in den Schat­ten stel­len könn­te.

Die Irri­ta­tio­nen, die die­se wider­sprüch­li­chen Bil­der her­vor­rie­fen, hat­ten aber bereits viel frü­her begon­nen. Den­ken wir nur an die wochen­lan­ge Panik­ma­che vor Beginn des Gene­ral­streiks. Dort haben bestimm­te Inter­es­sen­krei­se unter Rück­griff auf ein frag­wür­di­ges kul­tu­rel­les Gedächt­nis der Kolum­bia­ner und unter unver­ant­wort­li­cher Nut­zung der Social-Media-Kanä­le eine Hys­te­rie erzeugt, die letzt­lich den Boden berei­te­te für eine gewalt­vol­le Inter­ven­ti­on.

Die hät­te nicht sein müs­sen. Und sie hat gezeigt, dass die Bot­schaft des Frie­dens­ver­tra­ges von Haban­na immer noch nicht bei allen Kolum­bia­nern ange­kom­men ist. Sehr deut­lich hat dies die neu­ge­wähl­te Bür­ger­meis­te­rin von Bogo­tá, Clau­dia Lopez, — die übri­gens selbst auch mit­de­mons­triert hat — kom­men­tiert, als sie bekräf­tig­te, dass eine Mani­fes­ta­ti­on – auch in die­ser Grö­ßen­ord­nung – selbst­ver­ständ­lich ein ver­fas­sungs­mä­ßi­ges Grund­recht auf poli­ti­sche Opp­so­i­ti­on sei.

Aber die im letz­ten Jahr gewähl­ten Regie­rung Duque hält aber offen­sicht­lich immer noch im alten uri­bis­ti­schen Den­ken fest, dass jeg­li­che Oppo­si­ti­on gegen die Regie­rung ein sub­ver­si­ver Akt ist. Die Macht­de­mons­tra­ti­on des Staa­tes war ein­deu­tig: Ein mas­si­ves Poli­zei- und Mili­tär­auf­ge­bot, äußerst frag­wür­di­ge Pro­vo­ka­tue­re, von denen eini­ge, als sie von Demons­tran­ten zur Rede gestellt wur­den, zuge­ben muss­ten, COP 50.000,– erhal­ten zu haben, um ordent­lich Ran­da­le zu machen. Von wem? Ich weiß es nicht.

Immer­hin gibt es Poli­zis­ten, die sich für die über­zo­ge­ne Här­te beim Poli­zei­ein­satz öffent­lich ent­schul­dig­ten. Die Video­auf­zeich­nun­gen, die ich über Twit­ter gese­hen habe, sind in der Tat beun­ru­hi­gend. Höchst irri­tie­rend auch, dass da Poli­zis­ten waren, die gar kei­ne Iden­ti­fi­ka­ti­ons­num­mern hat­ten und auf Befra­gen jede Aus­kunft dar­über ver­wei­ger­ten.

Zwei­fel­los sind auch die Bil­der über den Van­da­lis­mus, der statt­ge­fun­den hat bedrü­ckend. Da wur­den Bür­ger durch eine Flut von Fake-News in Angst und Schre­cken ver­setzt. Wann hat man zuletzt in Bogo­tá Bewoh­ner mit Mache­ten in der Hand gese­hen, die glaub­ten ihr Hab und Gut gegen einen angeb­lich brand­schat­zen­den Mop ver­tei­di­gen zu müs­sen. Da war sehr viel Panik­ma­che im Spiel.

Auf der Sei­te der Demons­trie­ren­den, wur­de ver­sucht, die gewalt­be­rei­ten Pro­vo­ka­teue­re zu iso­lie­ren. Was nicht immer gelang. Ob wirk­lich Para­mi­li­tärs ein­ge­schleust wur­den, die die Gewalt immer wie­der neu ent­fa­chen woll­ten (oder soll­ten?) — wie behaup­tet wird – lässt sich schwer prü­fen. In Cali waren es off­fen­sicht­lich stadt­be­kann­te Hoo­li­gans, die im Schutz der Mani­fes­ta­ti­on mal ordent­lich die Sau raus las­sen woll­ten. All die­se Erschei­nun­gen sind uns in Deutsch­land ja auch nicht ganz unbe­kannt.

Die Tage nach dem 21. Novem­ber ver­lie­fen fried­li­cher, wenn­gleich die Pro­tes­te tag­täg­lich wei­ter­ge­hen. Ins­be­son­de­re nach dem Tod des acht­zehn­jäh­ri­gen Stu­den­ten Dilan Cruz, der von einer Trä­nen­gas­gra­na­te der berüch­tig­ten Poli­zei­ein­heit ESMAD am Kopf getrof­fen wor­den war, kommt Kolum­bi­en nicht mehr zur Ruhe. Von Prä­si­dent Duque wird nun nicht nur ein kla­res Bekennt­nis zum Frie­dens­pro­zess gefor­dert, son­dern auch sei­ne ziel­stre­bi­ge Umset­zung.

Indigene klagen über Genozid in Kolumbien

Die Dach­or­ga­ni­sa­ti­on der indi­ge­nen Völ­ker Kolum­bi­ens (Orga­ni­za­ción Nacio­nal Indí­ge­na de Colom­bia, ONIC ) hat in einem dra­ma­ti­schen Auf­ruf der kolum­bia­ni­schen Regie­rung vor­ge­wor­fen, taten­los der zuneh­men­den ras­sis­ti­schen Ver­fol­gung der Indi­ge­nen im Lan­de zuzu­se­hen. Seit der Unter­schrift des Frie­dens­ver­tra­ges von Havan­na 2016 habe es 37.533 gewalt­sa­me Zwi­schen­fäl­le gegen die indi­ge­nen Völ­ker gege­ben. 158 Indi­ge­ne sei­en in die­ser Zeit ermor­det wor­den, davon 97 wäh­rend der Prä­si­dent­schaft des aktu­el­len Prä­si­den­ten Iván Duque.

Der Frie­den — so die ONIC sei in den indi­ge­nen Ter­ri­to­ri­en nicht ange­kom­men, statt­des­sen gesche­he vor den Augen der Welt­öf­fent­lich­keit ein »sys­te­ma­ti­scher Geno­zid«. 70 der 102 indi­ge­nen Eth­ni­en sei­en in dem süd­ame­ri­ka­ni­schen Land akut von der phy­si­schen und kul­tu­rel­len Aus­lö­schung bedroht.

Die Indi­ge­nen lit­ten sehr unter der extrak­ti­vis­ti­schen Ent­wick­lungs­po­li­tik der Regie­rung. Die­se Poli­tik basie­re auf der gewalt­sa­men Aus­beu­tung der Natur im Inter­es­se mul­ti­na­tio­na­ler Kon­zer­ne und habe schwer­wie­gen­de Fol­gen für das Leben der Indi­ge­nen. Der — sehr häu­fig durch gewalt­sa­me Ver­trei­bung her­bei­ge­führ­te — Ver­lust von Land sei ein gro­ßes Pro­blem, wie in Putu­ma­yo, der Pazi­fik­re­gi­on und im Nor­den in La Gua­ji­ra an der Kari­bik­küs­ten. Die Situa­ti­on der dort leben­den Wayuu ist alar­mie­rend. In Fol­ge des Tage­baus zur Koh­le­för­de­rung, der Umlei­tung von Flüs­sen und der Ver­schmut­zung des Trink­was­sers sind dort bereits mehr als 5.000 Kin­der gestor­ben.

Neben direk­ten Bedro­hun­gen, Mor­den und Angrif­fen gegen Indi­ge­ne füh­re auch die Ver­hin­de­rung ihrer tra­di­tio­nel­len Lebens­wei­se zum Aus­ster­ben der Gemein­den. “Die jahr­tau­sen­de­al­ten Noma­den­völ­ker des Pazi­fik, des Ori­no­ko und der Kari­bik” könn­ten wegen der Beset­zung durch Mili­tär und Para­mi­li­tär auf ihren Gebie­ten nicht fischen und jagen und auch kei­ne Lebens­mit­tel in den Wäl­dern sam­meln. Die Spre­che­ring der ONIC, Arman­do Wou­riyu Val­buena, beklagt die Zer­stö­rung der noma­di­schen Wirt­schaft, den Ver­lust an Auto­no­mie und den damit ver­bun­de­nen kul­tu­rel­len Zer­fall. Der Regie­rung wirft sie man­geln­den poli­ti­schen Wil­len vor, sich die­ses Pro­blems anzu­neh­men und spricht klar aus, dass es sich hier­bei um »Völ­ker­mord« han­delt, der zwar kaum zu über­se­hen sei, vor dem auch der kolum­bia­ni­sche Prä­si­dent die Augen nicht ver­schlie­ßen kann, was aber bis­lang weder die kolum­bia­ni­sche Poli­tik noch die inter­na­tio­na­le Gemein­schaft zu ernst­haf­ten und wirk­sa­men Reak­tio­nen ver­an­lasst hat.

Die ONIC ruft des­halb die inter­na­tio­na­le Gemein­schaft, die nega­ti­ven Fol­gen des Extrak­ti­vis­mus zu erken­nen, die damit ver­bun­de­nen Umwelt­zer­stö­run­gen und Men­schen­rechts­ver­let­zun­gen. Ein Auf­ruf, den ins­be­son­de­re wir in Deutsch­land zur Kennt­nis neh­men soll­ten, denn Deutsch­land ist eines der Haupt­ab­neh­mer der kolum­bia­ni­schen Koh­le.

Kon­kret wird von der ONIC vor­ge­schla­gen, eine Veri­fi­zie­rungs- und Unter­stüt­zungs­mis­si­on ein­zu­rich­ten, um die Ver­trei­bung und Gewalt gegen die indi­ge­nen Völ­ker zu stop­pen und einen Sicher­heits­rat in der Pazi­fik­re­gi­on ein­zu­rich­ten, dort wo die indi­ge­nen Völ­ker beson­ders hef­tig von der Gewalt betrof­fen sind. Zuvor hat­te bereits der »Con­se­jo Regio­nal Indí­ge­na del Cau­ca — CRIC« (»Regio­na­ler Rat der Indi­ge­nen im Cau­ca«) die Ver­ein­ten Natio­nen, die Orga­ni­sa­ti­on Ame­ri­ka­ni­scher Staa­ten (OAS) sowie ver­schie­de­ne kolum­bia­ni­sche Insti­tu­tio­nen, wie die Defen­so­ría del Pue­blo, den »Con­se­jo para los Derechos HUma­nos« und den »Alto Comi­sio­na­do para la Paz«, zu einem kon­kre­ten Ein­grei­fen auf­ge­ru­fen.

Zur Lage der indigenen Bevölkerung in Kolumbien

Seit meh­re­ren Wochen pro­tes­tie­ren indi­ge­ne Grup­pen in ins­ge­samt vier Depar­ta­ment­os Kolum­bi­ens (Hui­la, Nari­ño, Cau­ca, Val­le de Cau­ca) gegen die schlech­te Ver­sor­gungs­la­ge in ihren Gebie­ten, indem sie wich­ti­ge Durch­gangs­stra­ßen, dar­un­ter die »Pan Ame­ri­ca­na«, blo­ckie­ren. In den letz­ten Tagen ist die­se Aus­ein­an­der­set­zung eska­liert. Nach­dem bei einer im Prin­zip gewalt­frei­en und unbe­waff­ne­ten indi­ge­nen Mani­fes­ta­ti­on vor ein paar Tagen ein Poli­zist erschos­sen wor­den ist, star­ben ges­tern im Muni­ci­pio Dagua (Depar­ta­men­to Val­le de Cau­ca) in einer Ver­samm­lung von indi­ge­nen Gemein­schaf­ten 8 Per­so­nen bei einer Explo­si­on. Noch wird dar­über gerät­selt, ob es sich um ein Unglück oder ein geziel­tes Atten­tat han­delt. Die Tat­sa­che, dass die Ver­samm­lung aber der Vor­be­rei­tung einer gro­ßen Kund­ge­bung am kom­men­den Sonn­tag dien­te, lässt befürch­ten, dass es sich um einen geziel­ten Anschlag han­del­te.

In der Ver­fas­sung von 1991 wird den Indi­ge­nen das Recht auf eige­nen gemein­schaft­li­chen Land­be­sitz, Schutz- und Nut­zungs­rech­te der natür­li­chen Res­sour­cen zuge­si­chert. Außer­dem haben sie das Recht auf Mit­be­stim­mung bei der Pla­nung und Durch­füh­rung von staat­li­chen und pri­va­ten (Groß-) Pro­jek­ten im Bereich ihrer Ter­ri­to­ri­en, sowie eine rela­ti­ve Auto­no­mie in Fra­gen der eige­nen Ent­wick­lung und For­men von Selbst­or­ga­ni­sa­ti­on für die poli­ti­sche und admi­nis­tra­ti­ve Ver­tre­tung (u.a. eine eige­ne Poli­zei, der »Guar­dia Indi­gena«).


(Ange­hö­ri­ger der Guar­dia Indi­gena, Pue­blo Pui­na­ve, Comu­ni­dad El Rem­an­so, Rio Iní­ri­da, Guainía;
Foto: M. Paetau)

Aber die­se ver­fas­sungs­mä­ßi­gen Rech­te wer­den durch die gesell­schaft­li­che Rea­li­tät im Lan­de per­ma­nent unter­lau­fen. Vie­le Gemein­schaf­ten sehen sich einer aggres­si­ven Expan­si­ons­dy­na­mik der natio­na­len Gesell­schaft aus­ge­setzt. Ins­be­son­de­re eine Rei­he extrak­ti­vis­ti­scher Unter­neh­mens­stra­te­gien (Erd­öl- und Erd­gas­för­de­rung, Koh­le­mi­nen, Gold­mi­nen, Palm­öl, etc.), die zum Teil lega­ler Bestand­teil der natio­na­len Ent­wick­lungs­po­li­tik sind, zum Teil aber auch voll­kom­men ille­gal und gewalt­sam durch­ge­setzt wer­den, bedro­hen die Exis­tenz der indi­ge­nen Gemein­schaf­ten. Hin­zu kommt, dass Infra­stru­kur, der Zugang zu Bil­dung und zum Gesund­heits­sys­tem kei­nes­wegs gewähr­leis­tet ist, v.a. in den abge­le­ge­nen Gebie­ten.

Laut Ver­fas­sung ist Kolum­bi­en eine mul­ti-eth­ni­sche Repu­blik. Es leben ca. 100 ver­schie­de­ne indi­ge­ne Gemein­schaf­ten in ver­schie­de­nen Tei­len des Lan­des, die meis­ten jedoch in den Urwald­ge­bie­ten des Ama­zo­nas und des Ori­no­cos, in den nord­öst­li­chen Küs­ten­re­gio­nen von La Gua­ji­ra sowie in den süd­west­li­chen And­en­tä­lern der Depar­ta­ment­os Hui­la, Cau­ca und Val­le del Cau­ca u.a.. Die Anga­ben über die Anzahl der indi­ge­nen Gemein­schaf­ten schwankt und hängt von der jewei­li­gen Defi­ni­ti­on ab, was als eigen­stän­di­ge Gemein­schaft bezeich­net wird. Der offi­zi­el­le Kri­te­ri­en­ka­ta­log der UNO ist hier wenig hilf­reich, weil auch er schwam­mi­ge Begriff­lich­kei­ten ver­wen­det, wie bei­spiels­wei­se a) eth­ni­sche Iden­ti­tät und kul­tu­rel­le Gleich­ar­tig­keit (z.B. Spra­che), b) gemein­sa­me geschicht­li­che Über­lie­fe­rung, c) reli­giö­se oder ideo­lo­gi­sche Ver­wandt­schaft, d) Gebiets­be­zo­gen­heit und e) Gemein­sa­mes Wirt­schafts­le­ben.

Auch ein Ver­gleich der ver­schie­de­nen Sprach­fa­mi­li­en bringt nur eine unge­fäh­re Annä­he­rung, weil man dann näm­lich Ähn­lich­kei­ten von regio­nal sehr weit aus­ein­an­der­lie­gen­den Gemein­schaf­ten fest­stellt. Man unter­schei­det in Kolum­bi­en — grob geschätzt — vier gro­ße Sprach­fa­mi­li­en:

1. Chib­cha-Sprach­fa­mi­li­en, loka­li­siert im Süd­wes­ten (Paez mit ca. 120.000 Per­so­nen; Guam­bia­no; Awa; Kam­sa), im Hoch­land von Cun­dina­mar­ca und Boya­ca (Muis­cas mit ca. 12.000 Per­so­nen), im Osten (U‘wa; Bari), und im Nor­den, der Sier­ra Neva­da de San­ta Mar­ta (Kogi [Kág­ga­ba] mit ca. 10.000 Per­so­nen; Wiwa [Arza­rio, Gua­ma­ca, Malayo, San­já, Duma­na] mit ca. 13.000 Per­so­nen]); und in Cesar (Arhu­aco [Ika]; Arza­rio) sowie dem Grenz­ge­biet zu Pana­ma (Kuna).

2. Ara­wak-Sprach­fa­mi­lie im Nord­os­ten La Gua­ji­ra: Way­úu (Gua­ji­ro) [ca. 140.000 Pers. / 20% der Indi­ge­nen] aber auch im Süd­os­ten, im Ama­zo­nas Gebiet (Achacua, Pia­po­ko, Cur­ri­pa­co).

3. Emeberá-Sprach­fa­mi­lie deren Haupt­sied­lungs­ge­biet im Cho­co liegt (79 res­gua­dos) und Val­le de Cau­ca, Cau­ca, Nari­ño, Putu­ma­yo, Caque­tá und Cor­do­ba (44 res­guar­dos) [ins­ge­samt ca. 70.000 Pers.]

4. Kari­ben-Sprach­fa­mi­lie, an der Kari­bik­küs­te (Yuko [Yup­ka] mit ca. 3.500 Per­so­nen; Cari­jo­na mit ca. 230 Per­so­nen).

Eine gute Über­sicht über die ver­schie­de­nen Indi­ge­nen­grup­pen gibt die Web­site der ONIC, (Orga­ni­za­ción Nacio­nal Indi­gena de Colom­bia), der Dach­or­ga­ni­sa­ti­on der kolum­bia­ni­schen Indi­ge­nen-Ver­bän­de.

Des Präsidenten neue Schuhe

Das hat­ten sich die Ex-FARC-Gue­ril­le­ros lis­tig aus­ge­dacht. Es war ja zu erwar­ten, dass Iván Duque irgend­wann zu einer sol­chen Good-Will-Show-Tour auf­bre­chen wird, die ihn in ein oder meh­re­re der »Espa­ci­os Ter­ri­to­ria­les de Capa­ci­ta­ción y Rein­cor­por­a­ción« füh­ren wird, um die welt­weit auf­ge­kom­me­nen Zwei­fel an sei­ner Frie­dens­be­reit­schaft zu zer­streu­en. Wie die kolum­bia­ni­sche Tage­zei­tung »El Tiem­po» am 16. März berich­te­te, besuch­te er nun in der Nähe von Val­le­du­par, im Depar­ta­ment Cesar, eine sol­che ETCR und sprach dort mit über 100 ehe­ma­li­gen FARC-Kämp­fern. In einer dort in den letz­ten Mona­ten ent­stan­de­nen Schuh­ma­cher-Werk­statt ver­kauf­ten ihn die Ex-FARC-Guer­ril­le­ros dann doch tat­säch­lich für gera­de mal 140.000 COP (das sind ca. € 40,–) ein paar brand­neue FARC-Wan­der­stie­fel. Kei­ne Gum­mi­stie­fel, nein, son­dern wirk­lich ganz tol­le Leder­stie­fel, wie auf dem Foto unten zu sehen ist. Und Duque ver­sprach auch artig, die­se aus­gie­big zu benut­zen und mit ihnen das gan­ze Land zu berei­sen. »Voy a gastar estas botas recor­ri­en­do Colom­bia« sag­te er. Nun ist es ja kaum vor­stell­bar, dass die Ex-FARC-Leu­te mit dem Ver­kauf nicht eine beson­ders sub­ti­le Stra­te­gie ver­folgt hät­ten. Ich bin sicher, dass es sich bei die­sen Stie­feln um ganz beson­de­re Stie­fel han­deln muss: näm­lich um Frie­dens­pro­zess­be­schleu­ni­gungs­stie­fel! Ein Wort, das man sowie­so nur in deut­scher Spra­che kon­stru­ie­ren kann und des­sen wah­re Bedeu­tung Duque des­halb auch ver­bor­gen blei­ben muss­te. Die Sache hat nur einen Haken, den wie­der­um die FARC-Leu­te nicht bedach­ten: Die Stie­fel haben nur dann eine Wir­kung, wenn sie getra­gen wer­den. Und wer im Casa de Nari­ño dar­über ent­schei­det, wel­che Schu­he der Prä­si­dent trägt, das ent­zieht sich unse­rer Kennt­nis. Egal, wenn’s denn dem Frie­den dient!

Foto: Pre­si­den­cia (El Tiem­po, 15.3.2019)

Menschenrechte: deprimierender Bericht der UNHCR

Unse­re Ankunft in Bogo­tá wur­de nicht nur über­schat­tet von der sich immer wei­ter zuspit­zen­den Kri­se in Vene­zue­la son­dern auch durch depri­mie­ren­de Zah­len über die Men­schen­rechts­si­tua­ti­on in Kolum­bi­en, die allen Erwar­tun­gen, die der 2016 ein­ge­lei­te­te Frie­dens­pro­zess aus­ge­löst hat­te, Hohn spre­chen. Wie der Vetre­ter des Roten Kreu­zes in Kolum­bi­en, Chris­toph Har­nisch, in einem Inter­view mit der Zei­tung »El Tiem­po« bekannt­gab, hat sich die Kon­flikt­si­tua­ti­on in eini­gen Regio­nen im Jahr 2018 nicht nur nicht ver­bes­sert, son­dern sogar ver­schärft. Ver­trei­bun­gen, Bedro­hun­gen, Ver­schlep­pun­gen und Ermor­dun­gen haben Im Jahr 2018 wie­der dra­ma­tisch zuge­nom­men. So gab es bei­spiel­wei­se einen sprung­haf­ten Anstieg der Ver­trei­bun­gen von 13.809 im Jahr 2017 auf 27.780 im Jahr 2018. Das ist die höchs­te Zahl seit 2012. Auch die zivi­len Opfer, die durch Land­mi­nen zu bekla­gen sind, haben wie­der zuge­nom­men. Von 57 im Jahr 2017 auf 221 im Jahr 2018 (Quel­le: El Tiem­po 28. Febru­ar 2019).

Nach­dem bereits im Janu­ar die NGO »Front­li­ne Defen­ders« ihren umfang­rei­chen Bericht zur Lage der Men­schen­rechts­ver­tei­di­ger 2018 vor­ge­legt hat­te und dar­in Kolum­bi­en beschei­nig­te, das mit Abstand gefähr­lichs­te Land für Akti­vis­ten sozia­ler Bewe­gun­gen zu sein, hat nun auch die UN-Hoch­kom­mis­sa­rin für Men­schen­rech­te, die ehe­ma­li­ge chi­le­ni­sche Prä­si­den­tin Michel­le Bachel­let, ihren Bericht zur Men­schen­rechts­si­tua­ti­on in Kolum­bi­en vor­ge­legt.

»Front­li­ne Defen­ders« hat­te von 126 getö­te­ten Men­schen­rechts­ak­ti­vis­ten im Jahr 2018 berich­tet, einer Zahl, die dop­pelt so hoch ist, wie die Anzahl der Tötungs­de­lik­te in Mexi­co, dem Land mit der welt­weit zweit­höchs­ten Mord­ra­te. Auch die UNO beklagt die hohe Zahl von Tötungs­de­lik­ten an Men­schen­rechts­ak­ti­vis­ten und kri­ti­siert gleich­zei­tig die aus­ge­spro­chen nied­ri­ge Auf­klä­rungs­ra­te.

Auf die Vor­hal­tun­gen der UNHCR, dass von den Delik­ten nur 5% auf­ge­klärt wer­den konn­ten, ant­wor­tet die kolum­bia­ni­sche Staats­an­walt­schaft mit einem Ver­weis auf die ver­än­der­ten Zah­len seit 2016. Im Zeit­raum von 2016 bis Ende Dezem­ber 2018 sei­en von ins­ge­samt 231 Tötungs­de­lik­ten 126 mittl­wei­le auf­ge­klärt wor­den, was eine Quo­te von 54,5% bedeu­tet. Das sei die höchs­te Auf­klä­rungs­quo­te seit Beginn der 90er Jah­re des ver­gan­ge­nen Jahr­hun­derts und zei­ge, so die Gene­ral­staats­an­walt­schaft, einen deut­li­chen Fort­schritt in der Auf­klä­rung von Gewalt­ta­ten.

Laut UNHCR-Bericht las­sen sich 40% der Mor­de an Men­schen­rechts­ak­ti­vis­ten para­mi­li­tä­ri­schen Grup­pen zuord­nen. Jeweils 8% gin­gen auf das Kon­to der ELN und der FARC-Dis­iden­cia, 4% auf das der EPL, 5% wer­den den staat­li­chen Sicher­heits­kräf­te ange­las­tet. 18% wur­den von Tätern ver­übt, die kei­ner der genann­ten Grup­pen zuzu­rech­nen sind. Und 17% konn­ten über­haupt nicht zuge­ord­net wer­den (Quel­le: El Tiem­po, 15. März 2019).

Des Wei­te­ren wird gro­ße Besorg­nis über die Pres­se­frei­heit geäu­ßert. Von Janu­ar bis Novem­ber hat es dem Bericht zu Fol­ge 477 Angrif­fe auf die Pres­se­frei­heit gege­ben, 200 Bedro­hun­gen gegen­über Jour­na­lis­ten und 3 Mor­de (Quel­le: El Tiem­po 15. März 2019).

El Tiem­po zitiert den Hin­weis, dass die man­gel­haf­te Prä­senz des Jus­tiz­sys­tems vor allem in den länd­li­chen Zonen eine der größ­ten Pro­ble­me ist. Hier­durch wird die Straf­lo­sig­keit von Gewalt­ta­ten enorm begüns­tigt und führt zu einer kon­ti­nu­ier­li­chen Repro­duk­ti­on des Kreis­laufs der Gewalt.

Ein gespaltenes Land

»Un Pais Divi­di­da« titelt die kolum­bia­ni­sche Wochen­zei­tung »Sema­na« in ihrer neu­es­ten Aus­ga­be. Es geht um die Unru­he, die hier ent­brannt ist wegen der umstrit­te­nen Ent­schei­dung des Prä­si­den­ten, dem vom Kon­gress ver­ab­schie­de­ten »Ley Estatu­ta­ria de la JEP« sei­ne Zustim­mung zu ver­wei­gern. Die Oppo­si­ti­on reagier­te zwar scharf, aber den­noch scheint es eine Spal­tung zu geben, die durch alle Par­tei­en geht. Aus den Rei­hen der Kon­sver­va­ti­ven, die ja Duque unter­stützt haben und die Vize­prä­si­den­tin stel­len, gab es kri­ti­sche Stim­men, wäh­rend aus der »Par­ti­do de U«, also die Par­tei, der San­tos ange­hört, Ver­ständ­nis zu hören war. Inter­es­sant ist die Aus­ein­an­der­set­zung zwi­schen dem »Fis­cal« (Gene­ral­staats­an­walt) Nes­tor Hum­ber­to Mar­tí­nez einer­seits, der schon immer zu den Kri­ti­kern der JEP und des Acuer­do von Havan­na gehör­te, und ander­seits dem »Pro­cu­ra­dor Gene­ral de la Nación«, Fer­nan­do Caril­lo, der die Ent­schei­dung von Duque kri­ti­sert. Der »Pro­cu­ra­dor Gene­ral de la Nación« ist eine Insti­tu­ti­on, die so weit mir bekannt ist, eine Beson­der­heit des kolum­bia­ni­schen poli­ti­schen Sys­tems dar­stellt und die man sich als eine Art »Ober­auf­sicht« über die Recht- und Ord­nungs­mä­ßig­keit der poli­ti­schen Pro­zes­se im Staat vor­stel­len muss, also eine kei­nes­wegs unwich­ti­ge Insti­tu­ti­on. Caril­lo war noch von Prä­si­dent San­tos ernannt wor­den, nach­dem er im Okto­ber 2016 mit 92 von 95 Stim­men im Senat zum Nach­fol­ger des erz­kon­ser­va­ti­ven Ale­jan­dro Ordó­ñez gewählt wor­den war. Die Zei­tung »El Tiem­po« sprach vor eini­gen Tagen von einem »kal­ten Krieg« der Par­tei Duques gegen den Pro­cu­ra­dor (El Tiem­po, 18.3.2019).

Viel zu tun hat auch der kolum­bia­ni­sche »Can­cil­ler« (das ist die offi­zi­el­le Bezeich­nung für den Außen­mi­nis­ter) Car­los Hol­mes Tru­ji­l­lo in die­sen Wochen. Zunächst muss­te er in New York dem Gene­ral­se­kre­tär der UNO, Antó­nio Guter­res, die Hal­tung des kolum­bia­ni­schen Prä­si­den­ten erklä­ren, Tei­len der vor­ge­se­he­nen gesetz­li­chen Rege­lun­gen zur Umset­zung des im Frie­dens­ver­trag von Havan­na ver­ein­bar­ten und vom Kon­gress ver­ab­schie­de­ten Son­der­jus­tiz für den Frie­den die Unter­schrift zu ver­wei­gern. Die­se Hal­tung hat­te nicht nur in Kolum­bi­en zu hef­ti­ger Empö­rung geführt, son­dern auch welt­weit Irri­ta­tio­nen aus­ge­löst. Die ableh­nen­de Hal­tung, die Duque im Wahl­kampf gezeigt hat­te, scheint sich also zu bestä­ti­gen.

Anschlie­ßend reis­te Hol­mes Tru­ji­l­lo nach Den Haag, dem Sitz des inter­na­tio­na­len Straf­ge­richs­t­hofs, um auch hier Rede und Ant­wort über die Hal­tung der kolum­bia­ni­schen Regie­rung zu ste­hen. Denn es könn­te durch­aus sein, dass nun der inter­na­tio­na­le Straf­ge­richts­hof sich in die Sache ein­mischt und Ange­le­gen­hei­ten, die eigent­lich vor der JEP ver­han­delt wer­den soll­ten, an sich zie­hen. »Colec­tivo de Aboga­dos ‘José Alve­ar Rest­re­po’« Dies kann durch­aus für die kolum­bia­ni­sche Regie­rung bri­sant sein, da gegen­wär­tig 29 Gene­rä­le und Obers­te wegen außer­ge­richt­li­cher Erschie­ßun­gen ange­klagt sind. Aller­dings wür­de eine sol­che Ent­wick­lung den Ver­ein­ba­run­gen von Havan­na wider­spre­chen und ange­sichts der hohen Zahl von Ankla­gen zu einem enor­men Zeit­pro­blem füh­ren. Immer­hin gibt es gegen­wär­tig 3.500 Ankla­gen gegen Ex-Kom­bat­tan­ten der FARC-EP sowie 1.950 Ankla­gen gegen Ange­hö­ri­ge der natio­na­len kolum­bia­ni­schen Streit­kräf­te.

Verwirrspiel um JEP

Der kolum­bia­ni­sche Prä­si­dent Iván Duque hat wahr­ge­macht, was er ange­kün­digt hat­te: Das von bei­den Kam­mern des Kon­gres­ses ver­ab­schie­de­te »Ley Estatu­ta­ria de la JEP«, also das­je­ni­ge Gesetz, wel­ches der im Frie­dens­ver­trag von Hava­na ver­ein­bar­ten Son­der­jus­tiz für den Frie­den (»Jus­ti­cia Espe­cial par la Paz«) die erfor­de­li­che ver­fas­sungs­ge­mä­ße Basis ver­lei­hen soll­te, wur­de von ihm nicht unter­schrie­ben son­dern an den Kon­gress zurück­ver­wie­sen.

Er hat sechs Ein­spü­che gegen das Gesetz gel­tend gemacht und damit eine ernst­zu­neh­men­de Kri­se um die Umset­zung des Ver­tra­ges von Havan­na, des »Acue­dro Final para la Ter­mi­nación del Con­flic­to y la Con­struc­ción de una Paz Estable y Dura­de­ra«, aus­ge­löst, die mittl­wei­le auch die UNO und den Inter­na­tio­na­len Gerichts­hof in Den Haag auf den Plan geru­fen hat.

Die »Jus­ti­cia Espe­cial para la Paz« (JEP) ist das Kern­ele­ment der »Jus­ti­cia Tran­si­tio­nal« des Frie­dens­ver­tra­ges. Als Son­der­jus­tiz neben der nor­ma­len natio­na­len Gerichts­bar­keit bedurf­te es einer ver­fas­sungs­mä­ßi­gen Rege­lung. Die wur­de noch von der Vor­gän­ger­re­gie­rung San­tos auf den Weg gebracht aber lan­ge Zeit von den kon­ser­va­ti­ven Kräf­ten im Kon­gress durch Ein­wän­de, Ände­rungs­an­trä­ge und Ver­fas­sungs­an­fra­gen blo­ckiert. Mitt­ler­wei­le wur­de die Geset­zes­vor­la­ge aber von bei­den Kam­mern des Kon­gres­ses ver­ab­schie­det und ist auch vom kolum­bia­ni­schen Ver­fas­sungs­ge­richt als ver­fas­sungs­kon­form erklärt wor­den. Damit war der Weg frei. In der Erwar­tung, dass Kolum­bi­en sich an die in Havan­na ver­ab­schie­de­ten Ver­ein­ba­run­gen hal­ten wür­de, hat­te die JEP ihre Arbeit bereits im ver­gan­ge­nen Jahr auf­ge­nom­men. Rich­ter wur­den ernannt, inter­na­tio­na­le Beob­ach­ter beru­fen (unter ihnen der deut­sche Rechts­wis­sen­schaft­ler Kai Ambos, Uni­ver­si­tät Göt­tin­gen), ers­te Ankla­gen unter­nom­men, Ver­hö­re durch­ge­führt etc. etc.

Duque hat das Gesetz nun an das Par­la­ment zurück­ver­wie­sen, damit dort erneut über die sechs Arti­kel debat­tiert wird, gegen die der Prä­si­dent Beden­ken vor­ge­bracht hat, sowie über zwei wei­te­re vom ihm ein­ge­brach­te Ände­rungs­an­trä­ge.

Das Vor­ge­hen von Duque hat eine inten­si­ve Dis­kus­si­on nicht nur in Kolum­bi­en son­dern auch inter­na­tio­nal. Über hun­dert Per­sön­lich­kei­ten des öffent­li­chen Lebens, Vetre­ter von diver­sen NGOs, Rechts­an­walts­ver­bän­den sowie Ver­tre­ter bei­der Ver­hand­lungs­de­le­ga­tio­nen der Regie­rung San­tos und der FARC, pro­tes­tier­ten in einem öffent­li­chen Brief an UN-Gene­ral­se­kre­tär Gut­te­res.

Sie­he auch den Arti­kel in
Sema­na v.11.3.2019 sowie die aus­führ­li­che Kri­tik des Anwalts­ver­eins »Colec­tivo de Aboga­dos ‘José Alve­ar Rest­re­po’«.