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Vereinbarung in Havanna: Ende der Kämpfe im März 2016

Am Mitt­woch, den 23. Sep­tem­ber wur­de in Havan­na die Unter­zeich­nung einer von Beob­ach­tern als “his­to­risch” bezeich­ne­ten Ver­ein­ba­rung zwi­schen der kolum­bia­ni­schen Regie­rung und der FARC bekannt­ge­ge­ben, in der die Been­di­gung aller Kämp­fe für spä­tes­tens März 2016 beschlos­sen wur­de. Mit der Unter­zeich­nung eines “Abkom­men über die Schaf­fung einer Son­der­ge­richts­bar­keit für den Frie­den”, in dem die wich­tigs­ten Rege­lun­gen für eine Straf­ver­fol­gung und Amnes­tie für die Betei­lig­ten am bewaff­ne­ten Kon­flikt fest­ge­legt ist, wur­de höchst­wahr­schein­lich ein ent­schei­den­der Grund­stein für einen Durch­bruch der Frie­dens­ver­hand­lun­gen gelegt. Gera­de die­se Fra­ge wie juris­tisch mit den Per­so­nen zu ver­fah­ren sei, denen Men­schen­rechts­ver­let­zun­gen ange­las­tet wer­den, war in den ver­gan­ge­nen Wochen und Mona­ten zu einem der wich­tigs­ten und umstrit­tens­ten Ver­hand­lungs­punk­te in Havan­na. Grund­sätz­li­che stimm­ten bei­de Sei­ten über­ein, es müs­se eine spe­zi­el­le Recht­spre­chung für den Über­gang zum Frie­den geschaf­fen wer­den, die sowohl aus nor­ma­len Gerich­ten als auch aus einem Son­der­tri­bu­nal bestehen wer­de. Die­se Gre­mi­en sol­len vor allem aus kolum­bia­ni­schen Rich­tern bestehen, aller­dings unter Mit­wir­kung aus­län­di­scher Juris­ten, die aber in der Min­der­heit blei­ben sol­len. Die Funk­ti­on die­ser Mecha­nis­men soll laut Ver­ein­ba­rung dar­in bestehen, die bis­lang anhal­ten­de Straf­lo­sig­keit zu been­den, die Wahr­heit über die Gescheh­nis­se ans Licht zu brin­gen, zur Ent­schä­di­gung der Opfer bei­zu­tra­gen, die Ver­ur­tei­lung und Bestra­fung der Ver­ant­wort­li­chen für schwe­re Ver­bre­chen, die wäh­rend des Kon­flikts began­gen wur­den, zu ermög­li­chen, sowie sicher­zu­stel­len, dass sich die­se nicht wie­der­ho­len“ (El Espec­ta­dor v. 24.9.2015). Die Son­der­jus­tiz für den Frie­den, die in den kolum­bia­ni­schen Medi­en auch als “Wahr­heits­kom­mis­si­on” titu­liert wird, soll nicht nur zustän­dig sein für Mit­glie­der der Guer­ril­la, son­dern gleich­falls für alle Per­so­nen im Staats­dienst, die im Kon­text des Krie­ges Ver­bre­chen began­gen haben. Schließ­lich wird in der gemein­sa­men Erklä­rung aner­kannt, dass die Umwand­lung der FARC in eine lega­le poli­ti­sche Bewe­gung ein gemein­sa­mes Ziel sei, das von der Regie­rung unter­stützt wer­de. Prä­si­dent San­tos und der obers­te Chef der FARC, Timo­león Jimé­nez ali­as  „Timo­chen­ko“, waren anläss­lich der Unter­zeich­nung, die in Anwe­sen­heit von Kubas Staats- und Regie­rungs­chef Raúl Cas­tro statt­fand, eigens nach Havan­na gereist. Seit die Gesprä­che in Havan­na began­nen, hat die Regie­rung San­tos aner­kannt, dass in Kolum­bi­en Krieg herrscht und die FARC eine Rebel­len­grup­pe mit poli­ti­schen Zie­len ist. Damit unter­schei­det sie sich vom frü­he­ren Prä­si­den­ten Uri­be, der die FARC ledig­lich als Ter­ro­ris­ten ansah. Aber gleich­zei­tig hat die Regie­rung aner­kannt, dass im Namen des Krie­ges auf bei­den Sei­ten grau­sa­me Hand­lun­gen began­gen wur­den, wes­we­gen die Gue­ril­la nicht ein­fach als revo­lu­tio­när und die Streit­kräf­te nicht  ein­fach als legi­tim bezeich­net wer­den kön­nen. Für die FARC wur­de es unmög­lich zu sagen, die Ent­füh­run­gen von Poli­ti­kern und Sol­da­ten und ihre jah­re­lan­ge Gefan­gen­hal­tung im Urwald sei­en altru­is­ti­sche Taten gewe­sen. Eben­so wenig konn­ten die Streit­kräf­te leug­nen, dass vie­le ihrer Ein­hei­ten Alli­an­zen mit den Para­mi­li­tärs schlos­sen, damit letz­te­re Mas­sa­ker an bestimm­ten Tei­len der Bevöl­ke­rung ver­üben konn­ten (vgl. Sema­na v. 18.7.2015: “?‘Timo­chen­ko’ ir¿a a la cár­cel?”).

Regierung stellt Luftangriffe ein, plant aber Einschränkung der Grundrechte

Am ver­gan­ge­nen Wochen­en­de hat die kolum­bia­ni­sche Regie­rung die Ein­stel­lung der Luft­an­grif­fe auf FARC-Stel­lun­gen ver­fügt. Damit löst sie ein in der gemein­sa­men Erklä­rung vom 12. Juli gege­be­nes Ver­spre­chen ein, die offen­si­ven mili­tä­ri­schen Aktio­nen gegen die FARC ein­zu­schrän­ken. Men­schen­rechts­ver­tre­ter begrü­ßen die­se Ent­schei­dung machen aber dar­auf auf­merk­sam, dass der vor zwei Wochen von einer Pro­jekt­grup­pe des Ver­tei­di­gungs­mi­nis­te­ri­ums, der Sicher­heits­be­hör­den und der Natio­nal­po­li­zei vor­ge­leg­te Ent­wurf zur Erneue­rung des Poli­zei­ge­set­zes im Wider­spruch zu den Zie­len des Frie­dens­pro­zes­ses steht. Der Ent­wurf regelt ver­schie­de­ne Punk­te hin­sicht­lich der Pri­vat­sphä­re von Indi­vi­du­en im Kon­text der neu­en Medi­en und sozia­len Netz­wer­ke bis hin zu Regeln für den öffent­li­chen Nah­ver­kehr. So soll bei­spiels­wei­se die prä­ven­ti­ve Ver­haf­tung von Per­so­nen, die durch “agres­si­ves oder leicht­sin­ni­ges Ver­hal­ten” auf sich auf­merk­sam machen, mög­lich sein. Auch soll es der Poli­zei zukünf­tig erlaubt sein, Haus­durch­su­chun­gen nach eige­nem Ermes­sen ohne Durch­su­chungs­be­fehl durch­zu­füh­ren. Die Oppo­si­ti­on kri­ti­siert die­se Befug­nis­se, da sie leicht dazu miss­braucht wer­den kön­nen, ein­zel­ne Grund­rech­te aus­zu­he­beln. Gera­de in einem Land, in dem immer wie­der über­ma­ßi­ge Poli­zei­ge­walt kri­ti­siert wird, sei ein sol­cher Vor­stoß pro­ble­ma­tisch (El Espec­ta­dor v. 17. Juni 2015: “Códi­go de Poli­cía limi­ta el derecho a la pro­tes­ta de ciu­da­da­nos”).

Wieder Bewegung im Friedensprozess

Es gibt Anzei­chen dafür, dass die “kri­ti­sche Pha­se”, wie der Lei­ter der Regie­rungs­de­le­ga­ti­on bei den Frie­dens­ge­sprä­chen in Havan­na, Hum­ber­to de La Cal­le, am 6. Juli in einem Inter­view den gegen­wär­ti­gen Stand der Frie­dens­ver­hand­lun­gen bezeich­net hat­te, über­wun­den wer­den kann. Am 8. Juli hat­ten die FARC eine ein­sei­ti­ge Waf­fen­ru­he aus­ge­ru­fen und ihre Bereit­schaft zur Fort­set­zung des Frie­dens­pro­zes­ses erklärt. Sie reagier­ten damit auf den drin­gen­den Appell der bei­den Garan­tie­staa­ten des Frie­dens­pro­zes­ses, Nor­we­gen und Kuba, sowie Vene­zue­la und Chi­le, die den Pro­zess beglei­ten.

Die vier Län­der hat­ten am Vor­trag in einer gemein­sa­men Erklä­rung eine sofor­ti­ge Dees­ka­la­ti­on des Kon­flik­tes gefor­dert. Zugleich for­der­ten sie wei­te­re Schrit­te für ver­trau­ens­bil­den­de Maß­nah­men, die als Bedin­gun­gen für Eini­gun­gen bei den noch offe­nen The­men der Ver­hand­lungs­agen­da uner­läss­lich sei­en. Dazu gehö­re auch die Ver­ein­ba­rung eines “bila­te­ra­len und defi­ni­ti­ven Waf­fen­still­stan­des und die Been­di­gung der Feind­se­lig­kei­ten”. Die kolum­bia­ni­sche Regie­rung hat­te zunächst abwar­tend reagiert. Zwar hat­te Prä­si­dent Juan Manu­el San­tos die Erklä­rung begrüßt, gleich­zei­tig jedoch betont, dass “wei­te­re Kom­pro­mis­se not­wen­dig sei­en, um die Ver­hand­lun­gen zu beschleu­ni­gen”. Zwei­fel­los muss­te sich aber nun auch die kolum­bia­ni­sche Regie­rung unter Zug­zwang sehen, eben­falls ein Zei­chen zur mili­tä­ri­schen Dees­ka­lie­rung in die­sem Kon­flikt, der bis­her mehr aus 200.000 Tote gefor­dert hat, zu set­zen. In der Öffent­lich­keit wur­de auch ein sol­cher Schritt erwar­tet zumal Hum­ber­to de La Cal­le, in dem oben erwähn­ten Inter­view die grund­sätz­li­che Bereit­schaft sei­ner Regie­rung zu einer bila­te­ra­len Waf­fen­ru­he bekun­de­te, dies aber an eine Rei­he von Vor­be­din­gun­gen knüpf­te (El Espec­ta­dor, 7.7.2015).

Am 12. Juli haben nun bei­de Ver­hand­lungs­de­le­ga­tio­nen in Havan­na eine gemein­sa­me Erklä­rung ver­öf­fent­licht, (Comu­ni­ca­do Con­jun­to No. 55: Agi­li­zar en La Haba­na y deses­ca­lar en Colom­bia), mit der das Ver­trau­en der Bevöl­ke­rung in den Frie­dens­pro­zess sowie das gegen­sei­ti­ge Ver­trau­en der Kon­flikt­par­tei­en wie­der gestärkt wer­den und die Bedin­gun­gen für eine tat­säch­li­che und bila­te­ra­le Waf­fen­ru­he geschaf­fen wer­den sol­len. Zwar folgt die Regie­rung noch nicht dem Schritt der FARC, die Waf­fen schwei­gen zu las­sen und auf offen­si­ve Aktio­nen zu ver­zich­ten, aber sie erklär­te die Bereit­schaft, ihre seit Jah­res­be­ginn lau­fen­den mas­si­ven Mili­tär­ak­tio­nen zurück­zu­zu­fah­ren. Ziel ist es, nun “ohne Ver­zö­ge­run­gen” auf den end­gül­ti­gen bila­te­ra­len Waf­fen­still­stand und die Abga­be der Waf­fen hin­zu­ar­bei­ten. Zur Über­wa­chung und Prü­fung der Beschlüs­se soll das UN-Gene­ral­se­kre­ta­ri­at und die Unasur-Prä­si­dent­schaft, die der­zeit bei Uru­gu­ay liegt, je einen Ver­tre­ter benen­nen. Wei­te­re Orga­ni­sa­tio­nen oder Län­der könn­ten spä­ter ein­be­zo­gen wer­den.

Bellizisten auf beiden Seiten

Als soll­te durch die Rea­li­tät bestä­tigt wer­den, wie berech­tigt die in mei­nem letz­ten Blog-Bei­trag über den “9. April und die Fah­ne des Regen­bo­gens” geäu­ßer­te Sor­ge der kolum­bia­ni­schen Bevöl­ke­rung ist, dass der seit zwei Jah­ren ein­ge­lei­te­te Frie­dens­pro­zess durch­aus nicht irrever­si­bel ist und die Bel­li­zis­ten auf bei­den Sei­ten nur dar­auf war­ten, dass etwas pas­siert, um ihn zu tor­pe­die­ren, erschüt­tert ein mili­tä­ri­scher Zwi­schen­fall nun das Land. Am Mitt­woch­mor­gen die­ser Woche hat ein Kom­man­do der FARC eine Patrouil­le der kolum­bia­ni­schen Strei­kräf­te im süd­west­lich der Haupt­stadt gele­ge­nen Depar­ta­men­to Cau­ca ange­grif­fen und dabei 11 Sol­da­ten getö­tet und sieb­zehn wei­te­re ver­wun­det, vier von ihnen schwer. Erst vor weni­gen Mona­ten, im Dezem­ber 2014 hat­ten die FARC eine ein­sei­ti­ge Waf­fen­ru­he ver­kün­det und den zuvor im Cho­co gefan­gen genom­me­nen Gen­ral Rubén Alz­a­te und wei­te­re Gefan­ge­ne frei­ge­las­sen. Drei Mona­te spä­ter, im März d.J. beschloss dar­auf­hin die kolum­bia­ni­schen Regie­rung eine Ein­stel­lung aller Luft­an­grif­fe auf FARC-Stel­lun­gen. Ein gemein­sa­mes Waf­fen­still­stands­ab­kom­men wur­de zwar bis­lang nicht unter­zeich­net, aber zwei­fel­los hat­ten die­se von den Bür­ger­kriegs­par­tei­en ein­sei­tig ver­kün­dig­ten Maß­nah­men zur Ent­wick­lung eines pos­ti­ven Kli­mas für die Ver­hand­lun­gen in Havan­na bei­getra­gen. Seit ges­tern wird nun aber wie­der bom­bar­diert und geschos­sen. Kolum­bi­ens Prä­si­dent San­tos hat­te unver­züg­lich nach Bekannt­wer­den des Angriffs die Wie­der­auf­nah­me der Bom­bar­die­run­gen ange­ord­net. In einer Fern­seh­an­spra­che gestand er sei­ne Wut über den Zwi­schen­fall, mach­te aber auch deut­lich, dass die­se Wut kein guter Rat­ge­ber für wei­te­res Han­deln sei. Man müs­se nun küh­len Kopf bewah­ren und am Frie­dens­pro­zess fest­hal­ten. Denn “dies ist genau der Krieg, den wir been­den müs­sen”. Ja, man müs­se die­se Ver­hand­lun­gen sogar beschleu­ni­gen, um end­lich das Blut­ver­gie­ßen zu been­den (vgl. El Espec­ta­dor: “Lamen­to muer­te de sold­ados. Esta es pre­ci­samen­te la guer­ra que que­re­mos ter­mi­nar”, 15.4.2015; Sema­na: “El cami­no de paz es tor­tuo­so”, 16.4.2015).

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Es lässt sich nicht über­se­hen, dass der Zwi­schen­fall Empö­rung, Wut, Ent­täu­schung und Trau­er in der Bevöl­ke­rung aus­ge­löst hat. Wir woh­nen hier in Bogo­tá in unmit­tel­ba­rer Nähe des für die Haupt­stadt zustän­di­gen Batail­lons der “Eje­r­ci­to Nacio­nal” im “Can­ton Nor­te” und der “Uni­ver­sidad Mili­tar Nue­va Gra­na­da”. In die Maschen des Zau­nes, der das Mili­tär­ge­län­de von der Stra­ße abgrenzt, waren ges­tern tau­sen­de Blu­men (meist Rosen) von Pas­san­ten ein­ge­floch­ten wor­den, um auf die­se Wei­se ihre Kon­do­lenz mit den getö­te­ten Sol­da­ten aus­zu­drü­cken. Im Fern­se­hen wur­den Inter­views mit jun­gen Sol­da­ten gezeigt, die nicht (mehr) dar­an glau­ben, dass die Frie­dens­po­li­tik des Prä­si­den­ten irgend­wann ein­mal tat­säch­lich umge­setzt wer­den kön­ne. Und natür­lich ist die gan­ze Sache Was­ser auf die Müh­len der Bel­li­zis­ten um Alva­ro Uri­be. Wie nicht anders zu erwar­ten äußer­te er vor den Fern­seh­ka­me­ras und twit­ter­te den gan­zen Tag sei­ne For­de­rung, die Frie­dens­ge­sprä­che aus­zu­set­zen. Und auch der “Pro­cu­ra­dor Gene­ral”, Ale­jan­do Ordóñez Mal­do­na­do, den die Rech­ten ger­ne als nächs­ten Prä­si­den­ten sehen wol­len, mel­de­te sich zu Wort (vgl. El Espec­ta­dor v. 15.4.2015). Wenn man bedenkt, dass die Zustim­mung zum Frie­dens­pro­zess nur von knapp 50% der Bevöl­ke­rung getra­gen wird, 50% aber eine har­te mili­tä­ri­sche Lösung favo­ri­sie­ren, könn­te der Zwi­schen­fall tat­säch­lich das Kräf­te­ver­hält­nis zum Kip­pen brin­gen. Ich weiß nicht, was pas­sie­ren wür­de, wenn in der nächs­ten Woche Wah­len statt­fän­den. Bereits im ver­gan­ge­nen Jahr waren nach mili­tä­ri­schen Aus­ein­an­der­set­zun­gen zwi­schen Eje­r­ci­to und FARC die Zustim­mungs­wer­te für den Frie­dens­pro­zess ein­ge­bro­chen, haben sich dann aber lang­sam wie­der erholt (vgl. El Tiem­po: Bajó la con­fi­an­za de los colom­bia­nos en el pro­ce­so con Farc, 4.8.2014).

Auch die FARC hoben in einer Stel­lung­nah­me her­vor, dass der Dia­log nicht unter­bro­chen wer­den soll­te. Ein Ver­tre­ter der FARC (ali­as “Pas­tor Alape”) in Havan­na bedau­er­te den Zwi­schen­fall, beton­te jedoch, dass die in der Pres­se und von Regie­rungs­ver­tre­tern erho­be­ne Behaup­tung, die Sol­da­ten sei­en vor­sätz­lich in eine Fal­le gelockt wor­den, nicht der Wahr­heit ent­sprä­che. Letzt­lich ver­ant­wort­lich für den Zwi­schen­fall sei die “Inko­he­renz der Regie­rung, die mili­tä­ri­sche Ope­ra­tio­nen anord­net gegen eine Gue­ril­la, die eine Waf­fen­ru­he aus­ge­ru­fen hat”. Der Ver­tre­ter der FARC appe­lier­te an die Regie­rung, end­lich einer bila­te­ra­len Waf­fen­ru­he zuzu­stim­men. Aber genau das scheint der Knack­punkt in der gan­zen Fra­ge zu sein. Zwar hat­te San­tos im März die Ein­stel­lung der Luft­an­grif­fe ange­ord­net, aber zu einem bila­te­ra­len Waf­fen­stil­stand konn­te er sich nicht durch­rin­gen. Und — das erklär­te er in sei­ner Anspra­che — er lie­ße sich auch nicht unter Druck set­zen, die­sen zu ver­ein­ba­ren, solan­ge nicht die grund­sätz­li­chen Fra­gen in den Ver­hand­lun­gen geklärt sein. Die FARC mach­ten dem­ge­gen­über deut­lich, dass sie zwar eine ein­sei­ti­ge Waf­fen­ru­he aus­ge­ru­fen hät­ten, dass aber, solan­ge die Regie­rung eine sol­che Ver­zichts­er­klä­rung nicht abge­ge­ben habe, sie sich das Recht vor­be­hal­ten müs­se, bei Offen­si­ven des Mili­tärs sich zu ver­tei­di­gen. Und eine sol­che Ver­tei­di­gungs­si­tua­ti­on habe — so der FARC Ver­tre­ter “Pas­tor Alape” — vor­ge­le­gen (El Espec­ta­dor: Farc atri­bu­ye a “acción defen­si­va” muer­te de diez sold­ados en el Cau­ca, 15.4.2015).

Nach­dem das “Casa de Nari­ño” (der Sitz des kolum­bia­ni­schen Prä­si­den­ten) am Mitt­woch zunächst erklärt hat­te, es hät­te kei­ne Mili­tär­ope­ra­ti­on statt­ge­fun­den, wur­de am Sonn­abend von Sei­ten des Mili­tärs aber bestä­tigt, dass eine Ope­ra­ti­on gegen die mobi­le FARC-Ein­heit “Mil­ler Per­do­mo” durch­ge­führt wor­den sei, also genau die­je­ni­ge FARC-Ein­heit, von denen die Sol­da­ten dann wäh­rend einer Ruhe­pau­se über­rascht wur­den. Die Ope­ra­ti­on galt einem Gue­ril­le­ro, der wegen Dro­gen­schmug­gel (Nar­co­trá­fi­co) gesucht wur­de, und der ein füh­ren­des Mit­glied der “Mil­ler-Per­do­mo-Ein­heit” sei. Der Mili­tär­spre­cher, Gen­ral Mario Agus­to Valen­cia, schloss nicht aus, dass der Angriff der FARC eine Ver­gel­tungs­maß­nah­me für die bereits zwei Wochen andau­ern­de Ope­ra­ti­on gewe­sen sein könn­te (El Tiem­po: Mili­ta­res bus­ca­ban a nar­co de Farc, 18.4.2015).

Nun ja, viel­leicht wird man in naher Zukunft mehr wis­sen. Man muss aber bei der gegen­wär­ti­gen Ver­tei­lung der Kräf­te von Frie­dens­be­für­wor­tern und Frie­dens­geg­nern davon aus­ge­hen, dass auf bei­den Sei­ten Bel­li­zis­ten ver­su­chen, den Frie­dens­pro­zess zu tor­pe­die­ren. Das ist sowohl auf Sei­ten des Mili­tärs als auch auf Sei­ten der Gue­ril­la zu ver­mu­ten. Schon lan­ge wird hier in Kolum­bi­en dar­über dis­ku­tiert, inwie­weit das FARC-Kom­man­do über­haupt ihre dezen­tral und rela­tiv auto­no­men Ein­hei­ten unter Kon­trol­le hat und in der Lage ist, den in Havan­na dis­ku­tier­ten Trans­for­ma­ti­ons­pro­zess in eine aner­kann­te poli­ti­sche Kraft für die gesam­te Orga­ni­sa­ti­on zu garan­tie­ren. Inter­es­san­ter­wei­se ereig­ne­te sich der Zwi­schen­fall im Nor­den des Cau­ca weni­ge Stun­den nach dem die FARC erst­mals ange­deu­tet hat­te, über die Mög­lich nach­zu­den­ken, ihre Waf­fen nie­der­zu­le­gen. Jeden­falls soll in einem Inter­view mit dem Sen­der “Noti­ci­as Cara­col” der FARC Ver­tre­ter in Havan­na “Pas­tor Alape” gesagt haben: “Die Waf­fen sei­en kein Fetisch für die FARC” und “es wird der Moment einer völ­li­gen Waf­fen­nie­der­le­gung kom­men, näm­lich dann wenn die Garan­ti­en für eine poli­ti­sche Oppo­si­ti­ons­be­we­gung funk­tio­nie­ren kön­nen.” (El Espec­ta­dor: Por pri­me­ra vez en el pro­ce­so, Farc con­tem­p­la la posi­bi­li­dad de dejar armas, 14.4.2015).

Das auch inner­halb der FARC der Frie­dens­wil­le von eigen­mäch­ti­gen und bel­li­zis­ti­schen Kräf­ten tor­pe­diert wird, dar­auf könn­te auch eine Stu­die des “Cen­tro de Recur­so para el Aná­li­sis de Con­flic­tos (CERAC)”, eine der wich­tigs­ten Orga­ni­sa­tio­nen, die den Bür­ger­krieg in Kolum­bi­en unter­su­chen, hin­deu­ten. Die Stu­die zeigt, dass allein im ver­gan­ge­nen Monat fünf Offen­siv­ak­tio­nen der FARC statt­ge­fun­den haben, die als Ver­let­zung ihrer eige­nen Erklä­rung zur Waf­fen­ru­he bewer­tet wer­den müs­sen (El Espec­ta­dor: Infor­me sos­ti­ene que las Farc vio­la­ron alto al fue­go en mar­zo, 14.4.2015).

(Alle Über­set­zun­gen von Zita­ten durch den Autor).

Der 9. April und die Fahne des Regenbogens

Heu­te ist der 9. April. Die­ser Tag ist den Kolum­bia­nern ins natio­na­le Gedächt­nis als “Bogo­ta­zo” ein­ge­brannt. An die­sem Tag vor 67 Jah­ren wur­de Jor­ge Elié­cer Gaitán, Hoff­nungs­trä­ger für einen sozia­len Wan­del und aus­sichts­rei­cher Prä­si­dent­schafts­kan­di­dat der Libe­ra­len Par­tei in Bogo­tá auf offe­ner Stra­ße ermor­det. Gaitáns Ein­tre­ten für eine Ver­bes­se­rung der mate­ri­el­len Lebens­be­din­gun­gen der armen Bevöl­ke­rung und sei­ner damit in Zusam­men­hang ste­hen­den anti-olig­ar­chi­schen Rhe­to­rik hat­ten ihm eine enor­me Popu­la­ri­tät in der ein­fa­chen Bevöl­ke­rung aber auch ein gro­ßes Miss­trau­en der soge­nann­ten Eli­te des Lan­des, der Bour­geoi­sie und der Lati­fun­di­stas, sowohl in der kon­ser­va­ti­ven als auch in sei­ner eige­nen Par­tei, den Libe­ra­len, ein­ge­bracht. Nie­mand zwei­fel­te dar­an, dass er die Wah­len gegen den kon­ser­va­ti­ven Amts­in­ha­ber Maria­no Ospi­na Pérez gewin­nen wür­de. Die Hin­ter­grün­de und Hin­ter­män­ner die­ses Mor­des sind bis heu­te nicht rest­los geklärt. Aber die Wut der Anhän­ger Gai­tans kann­te kei­ne Gren­zen. In hef­ti­gen Stra­ßen­schlach­ten mit der Poli­zei wur­den über 3.000 Men­schen getö­tet, die hal­be Inne­stadt von Bogo­tá ver­wüs­tet. Es begann das dun­kels­te Kapi­tel in der Geschich­te Kolum­bi­ens, die soge­nann­te “Vio­len­cia”, ein Bür­ger­krieg, des­sen Aus­wir­kun­gen noch heu­te in den mili­tä­ri­schen und para­mi­li­tä­ri­schen Aus­ein­an­der­set­zun­gen über­all im Lan­de zu spü­ren sind. Der heu­ti­ge 9. April konn­te also genau das rich­ti­ge Datum für eine natio­na­le Mani­fes­ta­ti­on für den Frie­den sein. Und genau dazu hat ihn die kolum­bia­ni­sche Zivil­ge­sell­schaft gemacht.

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Im gan­zen Land fan­den ein­drucks­vol­le Demons­tra­tio­nen und Kul­tur­ver­an­stal­tun­gen statt. Allein in Bogo­tá nah­men über 300.000 Men­schen an einer Demons­tra­ti­on unter dem Mot­to “Me Mue­vo Por La Paz” (#MeMuevo­Por­La­Paz) teil, unter ihnen Dele­ga­tio­nen der indi­ge­nen und afro­ko­lum­bia­ni­schen Grup­pen aus ver­schie­de­nen Tei­len des Lan­des, beglei­tet von Flashmobs zur Erin­ne­rung an die Ermor­de­ten und Ver­schwun­de­nen. Und wäh­rend ich die­se Zei­len schrei­be, setzt sich ein Kon­zert mit Künst­lern aus ganz Latein­ame­ri­ka (#Con­cier­to­Por­La­Paz) fort, das bereits am Nach­mit­tag im Par­que Boli­var begann, das ich nun aber am spä­ten Abend nur noch im Fern­se­hen ver­fol­gen kann. Ich bedau­re vor allen, dass ich den Auf­tritt von Ruben Bla­des nun nicht live erle­ben kann, 37 Jah­re nach sei­nem legen­dä­ren Auf­tritt auf der Dort­mun­der Ver­an­stal­tung “Frei­heit für Nel­son Man­de­la”. Die viel­fäl­ti­gen For­men des Ein­tre­ten der Teil­neh­mer für die Fort­set­zung des Frie­dens­pro­zes­ses war sehr beein­dru­ckend. Mit Tras­pa­ren­ten wie “El Pue­blo es la Lla­ve de la Paz” (Das Volk ist der Schlüs­sel zum Frie­den) tritt man den bel­li­zis­ti­schen Bemü­hun­gen der rechts­ge­rich­te­ten Kräf­te um den ehe­ma­li­en Prä­si­den­ten Uri­be ent­ge­gen und will den Frie­dens­pro­zess unum­kehr­bar machen. Man darf ja nicht ver­ges­sen, dass Kolum­bi­en in der Fra­ge Krieg oder Frie­den tief gespal­ten ist. Die letz­ten Prä­si­dent­schafts­wah­len 2014 hat­ten die frie­dens­be­rei­ten Kräf­te um Juan Manel San­tos nur hauch­dünn für sich ent­schei­den kön­nen. Bis zum Schluss stand das auf der Kip­pe, da der Kan­di­dat der extre­men Rech­ten, der vom Exprä­si­den­ten Uri­be unter­stütz­te Oscar Ivan Zulua­ga, noch beim ers­ten Wahl­gang zwei Wochen zuvor vor­ne gele­gen hat­te. San­tos wur­de dann aber bei der Stich­wahl von vie­len zivil­ge­sell­schaft­li­chen Grup­pen, die einen Durch­marsch der extre­men Rech­ten ver­hin­dern woll­ten, unter­stützt. San­tos weiß sehr genau, dass er sei­nen Sieg die­sen Grup­pen und auch den Lin­ken, dem “Polo Demo­cra­ti­co Alter­na­tivo”, die zum Schluss zu sei­ner Wahl auf­ge­ru­fen hat­ten, ver­dankt. Und er ist klug genug, die­se Grup­pie­run­gen in ihren Erwar­tun­gen nicht zu ent­täu­schen. Aller­dings ist San­tos ein Spross der tra­di­tio­nal­len kolum­bia­ni­schen Olig­ar­chie, also alles ande­re als ein Lin­ker oder ein Sys­tem­ver­än­de­rer. Aber er will end­lich Frie­den in Kolum­bi­en, wäh­rend die extre­me Rech­te die Gue­ril­la mit mili­tä­ri­schen Mit­teln nie­der­kämp­fen will und dabei die rechts­ex­tre­men para­mi­li­tä­ri­schen Grup­pen unter­stützt hat (natür­lich inof­fi­zi­ell). Die Kolum­bia­ner haben aber end­lich genug von dem seit fast 70 Jah­ren toben­den Bür­ger­krieg.

Nach San­tos Sieg konn­ten die bereits zuvor begon­ne­nen offi­zi­el­len Frie­dens­ge­sprä­che mit den FARC in Havan­na wei­ter­ge­führt wer­den. Aber es wäre eine Illu­si­on zu glau­ben, dass es bedingt durch das brei­te lin­ke Bünd­nis zu einer gene­rel­len Links­ver­schie­bung in der Poli­tik Kolum­bi­en gekom­men sei. Zwei­fel­los kön­nen die Lin­ken und zivil­ge­sell­schaft­li­chen Kräf­te für ihre Unter­stüt­zung des gewähl­ten Prä­si­den­ten gewis­se Zuge­ständ­nis­se hin­sicht­lich sozia­ler Refor­men und in der Men­schen­rechts­fra­ge erwar­ten. Dies wie­der­um ver­sucht die extre­me Rech­te für sich aus­zu­nut­zen, indem sie ver­sucht, San­tos als Kom­mu­nis­ten­freund dar­zu­stel­len. Das ist er mit­nich­ten. In der Pres­se hier­zu­lan­de wird sein Kurs als eher sozi­al­de­mo­kra­tisch dar­ge­stellt, was aller­dings schon erstaun­lich ist, wenn man bedenkt, dass er unter Uri­be Ver­tei­di­gungs­mi­nis­ter war und Uri­be ihn selbst zu sei­nem Nach­fol­ger aus­er­ko­ren hat­te.

Die Rech­te fühlt sich nach der äußerst knap­pen Nie­der­la­ge des ver­gan­ge­nen Jah­res jeden­falls noch stark genug zu ver­su­chen, das Rad der Geschich­te zurück­zu­dre­hen. Vor allem Exprä­si­dent Uri­be hat­te bereits unmit­tel­bar nach den Wah­len mit uner­war­te­ter Hef­tig­keit pola­ri­siert, von der selbst die Fern­seh­mo­de­ra­to­ren über­rascht waren. Uri­be warf San­tos zunächst Betrug und Stim­men­kauf vor und begann eine Twit­ter­kam­pa­gne, die ihres­glei­chen sucht und die bis heu­te anhält. Man muss sich die­se Twit­ter­kam­pa­gne nur mal anschau­en: zum Teil im Minu­ten­takt ergießt sich mit dem­ago­gi­scher Aggres­si­vi­tät eine wah­re Schimpf-Kano­na­de über den gewähl­ten Prä­si­den­ten und sei­ne Frie­dens­po­li­tik. Das alles läuft über den per­sön­li­chen Twit­ter-Account von Uri­be. Man fragt sich, wie er die Zeit hat, die­se Tweeds alle selbst zu schrei­ben. Wäh­rend San­tos anfangs noch ver­sucht hat­te per Twit­ter den Vor­wür­fen ent­ge­gen­zu­tre­ten, igno­riert er nun die per­ma­nen­ten Angrif­fe und kon­zen­triert sich mehr auf die posi­ti­ve Dar­stel­lung sei­ner Poli­tik. Auch das geschieht viel per Twit­ter und zeigt, wie sehr sich der poli­ti­sche Kampf ver­la­gert hat und wel­che Rol­le, die infor­ma­ti­ons­tech­nisch gestütz­ten sozia­len Medi­en dabei spie­len. Es ist übri­gens inter­es­sant zu sehen, wie sehr die kolum­bia­ni­schen Fern­seh­an­stal­ten die Mög­lich­kei­ten der neu­en sozia­len Medi­en, ins­be­son­de­re Twit­ter, für ihre eige­ne Pro­gramm­ge­stal­tung nut­zen. Das geht weit über das hin­aus, was ich von den Deut­schen TV-Anstal­ten gewohnt bin.

Kolum­bi­en befin­det sich gegen­wär­tig in einer durch­aus nicht unge­fähr­li­chen Situa­ti­on. San­tos’ anfäng­li­cher Ver­such, die Situa­ti­on zu ent­schär­fen, indem er dem unter­le­ge­nen Kan­di­da­ten Koope­ra­ti­on ange­bo­ten hat­te (z.B. Minis­ter­pos­ten für Uri­bes Par­tei “Cen­tro Demo­cra­ti­co”, was in Kolum­bi­en nach Wah­len nicht sel­ten geschieht) schei­ter­te an der völ­lig kom­pro­miss­lo­sen Hal­tung Uri­bes. Die Pola­ri­sie­rung zeigt sich in vie­len All­tags­si­tua­tio­nen. Im Taxi, auf Par­ties, In Gesprä­chen mit Bekann­ten, Fami­li­en­mit­glie­dern und Freun­den. Da zeigt sich die Zeris­sen­heit des Lan­des. Und wie groß dabei die Gefahr einer zuneh­men­den Radi­ka­li­sie­rung der Rech­ten ist, zeigt sich am Vor­stoß bestimm­ter reli­gi­ös-fun­da­men­ta­lis­ti­scher Krei­se, den erz­kon­ser­va­ti­ven “Pro­cu­ra­dor” Ale­jan­dro Ordóñez Mal­do­na­do als kom­men­den Prä­si­dent­schafts­kan­di­da­ten für das Jahr 2018 aufs Schild zu heben. Mit Ordoñez gäbe es einen Kan­di­da­ten, der sich einen Staat wünscht, in dem die christ­li­che Ord­nung wie­der her­ge­stellt wird, um den “gott­lo­sen Kom­mu­nis­mus zu zer­mal­men”. So jeden­falls zitiert die Zei­tung “El Espec­ta­dor” die von Ordoñez der Jung­frau Maria (sic!) gewid­me­ten Zei­len in sei­ner Dok­tor­ar­beit. “A nues­tra seño­ra la Vir­gen María… supli­cán­do­le la restau­ra­ción del orden cris­tia­no y el aplast­a­mi­en­to del comu­nis­mo ateo, para que bril­le por doquier la Fe Cató­li­ca, pues sin ella no hay espe­r­an­za para las sociedades y para los hom­bres” (Jor­ge Gómez Pinil­la: ¿Ordóñez Pre­si­den­te? Dios nos coja con­fes­ados…; El Espec­ta­dor v. 7.4.2015).

Die Sor­ge der Bevöl­ke­rung, ob der von San­tos ein­ge­lei­te­te und in Havan­na zwar zäh aber wohl durch­aus erfolg­reich ver­han­del­te Frie­dens­pro­zess durch die rech­ten Kräf­te noch­mal zurück­ge­dreht wer­den kön­ne, war deut­lich zu spü­ren. Gleich­zei­tig aber sind die heu­ti­gen Demons­tra­tio­nen eine kla­re Bot­schaft an alle die­je­ni­gen, die mit einem sol­chen Gedan­ken spie­len. Kla­re Wor­te fand ins­be­son­de­re der als Red­ner auf­ge­tre­te­ne Bür­ger­meis­ter von Bogo­tá, Gus­ta­vo Petro. Petro, Mit­glied des links­ge­rich­te­ten “Polo Demo­cra­ti­co” ver­wies auf die mul­ti­ple Zusam­men­set­zung der kolum­bia­ni­schen Bevöl­ke­rung in eth­ni­scher, kul­tu­rel­ler, reli­gö­ser, sozia­ler und poli­ti­scher Hin­sicht. Eine logi­sche Kon­se­quenz die­ser Plu­ra­li­tät sei eine kla­re Absa­ge an jeg­li­che Form von Gewalt: Eine Absa­ge an Gewalt gegen Men­schen ande­rer eth­ni­scher Wur­zeln, mit ande­ren poli­ti­schen, reli­giö­sen oder kul­tu­rel­len Über­zeu­gun­gen, an Gewalt gegen Frau­en, Gewalt gegen Men­schen mit ande­ren sexu­el­len Ori­en­tie­run­gen sowie eine Absa­ge gegen alle For­men inter­fa­mi­liä­rer Gewalt. Aber auch gegen Gewalt in den Insti­tu­tio­nen, in den Unter­neh­men, wo Men­schen noch immer ein­ge­schüch­tert wer­den und Ihnen die freie und gleich­be­rech­tig­te Arti­ku­la­ti­on ihrer Inter­es­sen und Rech­te ver­wehrt wird. Die Ent­las­sung aus dem Arbeits­ver­hält­nis schwebt jeder­zeit als eine Art sozia­ler Todes­dro­hung über jeden Ver­such, auf Augen­hö­he mit­ein­an­der zu kom­mu­ni­zie­ren. Das Sym­bol die­ser Diver­si­tät und Plu­ra­li­tät, die Fah­ne des Regen­bo­gens, ist — so Pedro in sei­ner Rede — “die neue Fah­ne der Revo­lu­ti­on”.

Krankes Gesundheitssystem

Wer mal einen Ein­blick in das kolum­bia­ni­sche Gesund­heits­sys­tem gewon­nen hat, möch­te hier lie­ber nicht krank wer­den. Wenigs­tens nicht, wenn er arm ist oder auf dem Lan­de weit ent­fernt von gro­ßen Städ­ten lebt. Dabei hat es in den letz­ten Jah­ren eine durch­aus posi­ti­ve Ent­wick­lung des Gesund­heits­sys­tem gege­ben. Her­vor­ra­gen­de Ärz­te gibt es hier schon seit Lan­gem, die medi­zi­ni­sche Aus­bil­dung ist auf einem hohen Niveau und hat auch inter­na­tio­nal einen sehr guten Ruf. Und mitt­ler­wei­le hat sich auch die medi­zi­ni­sche Ver­sor­gung der Gesell­schaft durch­aus posi­tiv ent­wi­ckelt. Alle kolum­bia­ni­schen Arbeit­neh­mer sind auto­ma­tisch im Kran­ken­ver­si­che­rungs­sys­tem pflicht­ver­si­chert. Die Orga­ni­sa­ti­on des über Bei­trä­ge von Arbeit­neh­mern und Arbeit­ge­bern sowie durch Steu­ern finan­zier­te Gesund­heits­sys­tem hat der Staat an pri­va­te Gesund­heits­kas­sen (Ent­idad Pro­mo­to­ra de Salud, EPS) dele­giert. An die­se Gesund­heits­kas­sen zahlt der Staat je nach Risi­ko­pro­fil fes­te Sät­ze. Die EPS wie­der­um schlie­ßen Ver­trä­ge ab mit Gesund­heits­dienst­leis­tern (Insti­tu­cio­nes Pre­sta­do­ras de Ser­vici­os, IPS) wie Kran­ken­häu­sern und ambu­lan­ten Kli­ni­ken, die zum Teil pri­vat und zum Teil öffent­lich sind. Der Leis­tungs­ka­ta­log deckt grund­le­gen­de medi­zi­ni­sche Kon­sul­ta­tio­nen, Unter­su­chun­gen aller Art, Behand­lun­gen, Ope­ra­tio­nen und Medi­ka­men­te ab. Außer­or­dent­li­che Leis­tun­gen müs­sen extra bezahlt wer­den. Und seit eini­gen Jah­ren wird auch die nicht sozi­al­ver­si­cher­te Bevöl­ke­rung schritt­wei­se in die­ses Sys­tem ein­ge­schlos­sen, zunächst mit beson­de­ren (redu­zier­ten) Leis­tun­gen, was aber 2012 als nicht ver­fas­sungs­kon­form kor­ri­giert wer­den muss­te. Also alles gut? Im Prin­zip ja, wenn es da nicht ein paar Klei­nig­kei­ten gäbe, die nicht nur beim Besu­cher aus Deutsch­land das blan­ke Ent­set­zen her­vor­ru­fen.

Ich habe ges­tern hier in Car­ta­ge­na fast den gan­zen Tag in einem Kran­ken­haus ver­bracht und fühl­te mich unwill­kür­lich an Kaf­kas Erzäh­lun­gen erin­nert. Ger­mán, der Kran­ken­pfle­ger mei­nes Schwie­ger­va­ters war am frü­hen Mor­gen gestürzt und wir muss­ten einen Rip­pen­bruch befürch­ten. Ich fah­re ihn also mit dem Auto in die Ambu­lanz des Hos­pi­tals im Zen­trum von Car­ta­ge­na. Dies ist ein ziem­lich moder­nes und durch­aus renom­mier­tes Kran­ken­haus. Die Kran­ken­ver­si­che­rungs­kar­te haben wir dabei, wir erwar­ten kei­ne Pro­ble­me. Außer­ge­wöhn­li­che medi­zi­ni­sche Leis­tun­gen, die ähn­lich wie in Deutsch­land einem kom­pli­zier­ten und oft lang­wie­ri­gen Geneh­mi­gungs­pro­zess unter­wor­fen wären, sind auch nicht zu erwar­ten. Eine Rönt­gen­un­ter­su­chung soll­te Auf­schluss über die Art der Ver­let­zung geben und eine schnel­le Behand­lung und Lin­de­rung der Schmer­zen ermög­li­chen. Nun gibt es aller­dings in Kolum­bi­en die Regel, dass alle, also auch die ein­fachs­ten medi­zi­ni­schen Dienst­leis­tun­gen im vor­aus (!) von den EPS auto­ri­siert wer­den müs­sen. Für Arbeits­un­fäl­le — und um einen sol­chen han­del­te es sich — sind spe­zi­el­le EPS zustän­dig, ähn­lich wie in Deutsch­land die Berufs­ge­nos­sen­schaf­ten. Wäh­rend wir es aller­dings gewohnt sind, die Leis­tun­gen zunächst über unse­re Kran­ken­kas­se abzu­rech­nen, die dann an die zustän­di­ge Berufs­ge­nos­sen­schaft her­an­tritt, muss hier die zustän­di­ge beruf­li­che EPS im vor­aus ein­ge­schal­tet wer­den. Und damit beginnt nun unse­re Irr­fahrt durch den Dschun­gel der Büro­kra­tie des kolum­bia­ni­schen Gesund­heits­sys­tems.

Aus irgend­ei­nem Grun­de, den bis­lang nie­mand so rich­tig ver­stan­den hat (der aber mög­li­cher­wei­se etwas mit dem zu tun hat, was im letz­ten Absat­zes die­ses Berichts steht), war bei der zustän­di­gen Berufs­kran­ken­kas­se die Zah­lung des letz­ten Monats­bei­tra­ges nicht ver­bucht wor­den. Die zustän­di­ge EPS leht die Über­nah­me der Behand­lung zu unse­rer Über­ra­schung ab. Eine tele­fo­ni­sche Rück­fra­ge beim Arbeit­ge­ber in Bogo­tá ergibt, dass der Bei­trag sehr wohl gezahlt wor­den war. Also erneu­te Kom­mu­ni­ka­ti­on. Ohne Erfolg. Die per­sön­li­che Kran­ken­ver­si­che­rung will nicht ein­sprin­gen, das es sich ja um einen Arbeits­un­fall han­del­te. Das Hin und Her der tele­fo­ni­schen Kom­mu­ni­ka­ti­on dau­ert eini­ge Stun­den, wäh­rend­des­sen die Schmer­zen des Pati­en­ten immer stär­ker wer­den. Wäh­rend der War­te­zeit beob­ach­te ich meh­re­re Kran­ken­trans­por­te, die Ver­letz­te in die Ambu­lanz brin­gen. Einer, der unschwer als Bewoh­ner eines Armen­vier­tels zu iden­ti­fi­zie­ren ist, wim­mert und schreit vor Schmer­zen: “Ayu­den­me, ayu­den­me. Por que no me ayu­dan”. Aber die Büro­kra­tie ist uner­bitt­lich. Ich fra­ge mich, hat er über­haupt eine Ver­si­che­rung? Was pas­siert mit ihm, wenn nicht? Es wird mir hier immer unge­müt­li­cher. Die Zeit ver­geht und in unse­rer Sache klärt sich nichts. Was sol­len wir machen? Letzt­lich bleibt uns nichts ande­res übrig, als dass wir uns bereit­erklä­ren, die Behand­lung selbst zu zah­len. Mei­ne Kre­dit­kar­te habe ich dum­mer­wei­se nicht dabei, aber das vor­han­de­ne Bar­geld soll­te rei­chen. Es reicht nicht. Die Rönt­gen­un­ter­su­chung ist zu teu­er. Es gibt also nur eine vor­läu­fi­ge Dia­gno­se ohne Rönt­gen­bild und es wird ein Über­wei­sungs­schein für eine ambu­lan­te Rönt­gen­un­ter­su­chung aus­ge­stellt, die man — aus­ge­stat­tet mit aus­rei­chen­der Kne­te — dann irgend­wo spä­ter machen las­sen kann.

Aber wir wol­len Klar­heit. Also fah­ren wir mit dem Auto quer durch Car­ta­ge­na zurück in das Apart­mento mei­nes Schwie­ger­va­ters, holen Geld und keh­ren wie­der ins Kran­ken­haus zurück. Der Ver­letz­te aus dem Armen­vier­tel liegt noch immer auf der Bah­re im Flur des Kran­ken­hau­ses. Aber er ist jetzt ruhig. Offen­sicht­lich hat jemand sich allen büro­kra­ti­schen Hin­der­nis­sen zum Trotz erbarmt und ihm zumin­dest eine sedie­ren­de Sprit­ze gege­ben. Aber ich fra­ge mich immer wie­der: was wird mit ihm pas­sie­ren? Was unse­ren eige­nen Fall betrifft, so gehen wir davon aus, dass es mit dem am Vor­mit­tag aus­ge­stell­ten Über­wei­sungschein schnell und unbü­ro­kra­tisch gehen wird. Den­ken wir. Aber falsch gedacht! Die Ambu­lanz, bei der wir uns am frü­hen Vor­mit­tag ange­mel­det hat­ten, hat­te den Fall abge­schlos­sen. Wir soll­ten uns bei der Rönt­gen­ab­tei­lung mel­den und dort die gan­ze Anmel­de­pro­ze­dur erneut durch­füh­ren. Unser lei­ser Pro­test bleibt uner­hört. War­um wir denn nicht direkt die Rönt­gen­un­ter­su­chung haben durch­füh­ren lasen? Unse­re Erklä­rung stößt auf Ver­ständ­nis und die Kolum­bia­ner sind hilfs­be­rei­te Men­schen. Also führ­te uns eine Ange­stell­te quer durch das gan­ze Haus in die Rönt­gen­ab­tei­lung. Dort besieht sich ein Arzt lan­ge und gründ­lich die vor­ge­leg­ten Doku­men­te. War­um wir denn nicht gleich .… Nun gut, man will uns hel­fen. Wenn wir selbst zah­len, soll­te es doch mög­lich sein. Aber zah­len müss­ten wir an der Rezep­ti­on. Er kön­ne uns aller­dings nicht sagen, wie viel. Wir gehen also zurück zur Rezep­ti­on der Ambu­lanz. Der Ver­letz­te aus dem Armen­vier­tel liegt immer noch da. Nach lan­ger Suche im Ver­wal­tungs­com­pu­ter fin­det man einen Preis. Zah­len müss­ten wir aller­dings in dem Ver­wal­tungs­be­reich, der für die Rönt­gen­ab­tei­lung zustän­dig ist. Kein Pro­blem, eine net­te Ange­stell­te lotst uns wie­der durch das gan­ze Haus zu der zustän­di­gen Rezep­ti­on. Dort besieht sich ein Ange­stell­ter lan­ge und gründ­lich die Doku­men­te. War­um wir denn nicht gleich .… Ah, ja, ok. Aber der uns genann­ten Preis, kön­ne nicht stim­men. Er wol­le mal ‘rüber­ge­hen und mit den Kol­le­gen spre­chen. Ja, klar, wir war­ten hier. Wir war­ten län­ger als ich erwar­tet habe. Aber dann kommt er. Der zu zah­len Preis sei lei­der etwas höher, als man uns zuerst gesagt hat­te. So, aha, na gut, egal, wenn es doch jetzt end­lich los­gin­ge. Wir zah­len und es kann los­ge­hen. Ich war­te zunächst im “Sala de Espe­ra”, wo es mir dann aber zu lang­wei­lig wird. Ich ver­tre­te mir dann ein wenig die Bei­ne auf der direkt an der Küs­te lie­gen­den Stra­ße vor dem Hos­pi­tal, wo ich den Son­nen­un­ter­gang in der Bucht von Car­ta­ge­na betrach­te. Die War­te­zeit kommt mir end­los vor. Dann end­lich kommt Ger­mán. Ich bin neu­gie­rig und fra­ge ihn, wie es aus­sieht. Sei­ne Ant­wort ver­schlägt mir die Spra­che. Die Rönt­gen­auf­nah­me sei zwar gemacht wor­den, aber der Arzt, der sie inter­pre­tie­ren könn­te, war schon nicht mehr anwe­send. Ja, ich erin­ne­re mich, wir befin­den uns in der “Sema­na San­ta”, wo die, die es sich leis­ten kön­nen, in das ver­län­ger­te Wochen­en­de auf­bre­chen. Die nächs­te Mög­lich­keit sei am Mon­tag nächs­ter Woche. Ich bin wütend aber mir bleibt nichts ande­res übrig, als zurück­zu­fah­ren.

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Es ist nicht zu leug­nen, dass das kolum­bia­ni­sche Gesund­heits­sys­tem in den letz­ten Jahr­zehn­ten eine posi­ti­ve Ent­wick­lung durch­ge­macht hat, aber ers­tens ist es chro­nisch unter­fi­nan­ziert, und zwei­tens ist jedes Sys­tem, bei dem öffent­li­che Gel­der im Spiel sind, der Ver­su­chung gegen­sei­ti­ger Vor­teil­nah­me bestimm­ter ein­fluss­rei­cher Akteu­re aus­ge­setzt. Staat­li­che Aus­trock­nung und Kor­rup­ti­on sind die Haupt­kri­tik­punk­te, die hier in der Öffent­lich­keit immer wie­der hevor­ge­bracht wer­den. Wei­ter­hin wird die zu gro­ße Anzahl an inef­fi­zi­ent arbei­ten­den Gesund­heits­kas­sen kri­ti­siert. Eini­ge EPS sind schon gar nicht mehr in der Lage, die Leis­tun­gen der Kran­ken­häu­ser zu zah­len, haben ihnen gegen­über mitt­ler­wei­le hohe Schul­den. Das wie­der­um führt zu per­ma­nen­ten Liqui­di­täts­pro­ble­me bei den Kran­ken­häu­sern, die zum Teil ihre Mit­ar­bei­ter über einen Zeit­raum von drei Mona­ten (!) kein Gehalt zah­len kön­nen. Da mitt­ler­wei­le auch Medi­ka­men­te durch die Kran­ken­kas­sen­leis­tun­gen abge­deckt wer­den, haben die Phar­ma­un­ter­neh­men die Prei­se für Medi­ka­men­te in den letz­ten Jah­ren stark erhöht (zum Teil um das Fünf­fa­che (!), was die Situa­ti­on der EPS nur noch ver­schlim­mert. Bereits 2010 hat­te die Regie­rung (damals noch unter Uri­be) den “sozia­len Not­stand des Gesund­heits­sys­tem” aus­ge­ru­fen. Die Ant­wort, die sie geben woll­te, war typisch für eine Poli­tik, die in neo­li­be­ra­len Denk­mus­tern befan­gen ist: Spa­ren und Pri­va­ti­sie­ren. Die Fol­gen waren vor­her­seh­bar: Eine immer tie­fe­re Spal­tung des sowie­so schon exis­tie­ren­den Zwei-Klas­sen Gesund­heits­sys­tems. Der öffent­li­che Pro­test war ent­spre­chend. Seit Beginn der Prä­si­dent­schaft von San­tos im Jah­re 2010 haben sich die Gewich­te etwas ver­scho­ben. Ver­spro­chen wur­de eine grund­le­gen­de Reform des von der Bevöl­ke­rung als “car­ru­sel de la muer­te” bezeich­ne­ten Sys­tems. Zunächst geschah jedoch erst­mals nichts. Erst im Febru­ar 2015 wur­de ein Gesetz ver­ab­schie­det, das grund­le­gen­de Eck­pfei­ler für eine Reform fest­legt (Ley Estatu­ta­ria de salud). Gesund­heit wird als ein “fun­da­men­ta­les Men­schen­recht” aner­kannt” und ein “gerech­ter Zugang aller Kolum­bia­ner zum Gesund­heits­sys­tem” ver­spro­chen. Mit den admi­nis­tra­ti­ven Hür­den, wie sie bei­spiel­haft oben beschrie­ben wur­den, soll Schluss gemacht wer­den, v.a. mit der Auto­ri­sie­rungs­pra­xis in Not­fäl­len. Den Ärz­ten soll auf­grund ihrer Qua­li­fi­ka­ti­on und Erfah­rung mehr Ent­schei­dungs­au­to­no­mie ein­ge­räumt wer­den und nie­man­dem darf in Not­fäl­len die ärzt­li­che Behand­lung ver­wei­gert wer­den. Die Prei­se für Medi­ka­men­te sol­len in Zukunft einer staat­li­chen Regu­la­ti­on unter­wor­fen wer­den (El Espec­ta­dor: 10 cosas que debe saber sob­re la Ley Estatu­ta­ria de Salud, 17.2.2015). Das hört sich gut an. Aber wie in vie­len ande­ren Berei­chen, in denen Kolum­bi­en bei­spiel­haf­te Geset­ze hat, wird sich die Wahr­heit in der Umset­zung zei­gen. Man darf gespannt sein.

Institutioneller GAU

Das Ver­hält­nis der Kolum­bia­ner zu ihren staat­li­chen Insti­tu­tio­nen ist, vor­sich­tig for­mu­liert, durch eine kri­ti­sche Distanz geprägt. Von einem tie­fen Miss­trau­en zu spre­chen, trä­fe den Sach­ver­halt nicht min­der. Eine Rei­he von Kor­rup­ti­ons­af­fai­ren in den letz­ten Jah­ren und die Ver­wick­lung von Ange­hö­ri­gen der Poli­zei und des Mili­tärs, ja auch des Par­la­men­tes in äußerst frag­wür­di­ge Ereig­nis­se, haben dazu bei­getra­gen. Was wir aber nun hier erle­ben, ist eine Art insti­tu­tio­nel­ler Super-GAU. Jor­ge Pre­telt Chal­jub, ein “Magis­tra­do” des “Cor­te Con­sti­tu­cio­nal”, ver­gleich­bar mit einem Rich­ter beim Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt in Deutsch­land, soll für die Beein­flus­sung eines Urteils zuguns­ten der Erd­öl­fir­ma “Fidu­petrol” finan­zi­el­le Vor­tei­le erhal­ten oder ver­langt haben oder dies zumin­dest nahe­ge­legt haben. Er selbst bestrei­tet zwar alle Vor­wür­fe und wei­gert sich den öffent­li­chen Rück­tritts­for­de­run­gen Fol­ge zu leis­ten. Aber die Bele­ge für sein Fehl­ver­hal­ten müs­sen wohl ziem­lich erdrü­ckend sein, so dass der Staats­prä­si­dent Juan Manu­el San­tos vor ein paar Tagen sich ver­an­lasst sah, sich in einer Fern­seh­an­spra­che direkt zu den Vor­wür­fen zu äußern und zu ver­su­chen das zer­schla­ge­ne Por­zel­lan zu kit­ten. Er beschwört das angeb­lich “tra­di­tio­nell tie­fe Ver­trau­en der Kolum­bia­ner in die Insti­tu­tio­nen der Jus­tiz” und hat eine Unter­su­chungs­kom­mis­si­on ein­ge­setzt, die die Vor­wür­fe klä­ren soll. Dar­über hin­aus hat er eine insti­tu­tio­nel­le Reform ange­kün­digt, in der neue Kon­troll­orga­ne ent­ste­hen sol­len. Dies ist inso­fern inter­es­sant, weil ja das Ver­fas­sungs­ge­richt selbst eine Art Kon­troll­organ ist, das die Ein­hal­tung der ver­fas­sungs­mä­ßi­gen Rech­te auf allen Ebe­nen der kolum­bia­ni­schen Gesell­schaft über­wa­chen und gewähr­leis­ten soll. Die neun Mit­glie­der des “Cor­te Con­sti­tu­cio­nal” wer­den vom “Sena­do”, neben der “Came­ra de Rep­re­sen­tan­tes” einer der bei­den Kam­mern des kolum­bia­ni­schen Par­la­ments, für acht Jah­re gewählt. Vor­ge­schla­gen wer­den die Kan­di­da­ten von drei Sei­ten: vom Prä­si­den­ten der Repu­blik, vom “Cor­te Supre­me de Jus­ti­cia”, ver­gleich­bar mit dem Bun­des­ge­richts­hof in Deutsch­land, und dem “Con­se­jo del Estado”, ver­gleich­bar mit dem Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt. Jor­ge Pre­telt wur­de 2009 von San­tos Vor­gän­ger Uri­be vor­ge­schla­gen. Damit steht auch der Prä­si­dent zwar nicht per­sön­lich aber als Insti­tu­ti­on unter Druck. Zumal die oben genann­ten Vor­wür­fe nicht die ein­zi­gen gegen Pre­telt sind. Ein zwei­ter Vor­wurf betrifft den Erwerb drei­er Fin­cas mit frag­wür­di­gen Eigen­tums­ver­hält­nis­sen. Eine die­ser Fin­cas mit dem sinn­fäl­li­gen Namen “No Hay Como Dios” war 1997 von der rechts­ge­rich­te­ten para­mi­li­tä­ri­schen Grup­pe AUC über­fal­len und nie­der­ge­brannt wor­den. Die dama­li­gen Eigen­tü­mer, eine Bau­ern­fa­mi­lie, wur­den ermor­det (Eltern, zwei Töch­ter, Schwie­ger­sohn und Enke­lin), die noch ver­blie­be­nen Fami­li­en­mit­glie­der ver­trie­ben. Vor eini­gen Jah­ren wur­de das Grund­stück die­ser Fin­ca als soge­nann­ten Ödland zu einem unge­wöhn­lich güns­ti­gen Preis an die Ehe­frau von Jor­ge Pre­telt ver­kauft (Quel­le: El Espec­ta­dor, 23.3.2015).

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Die Schaf­fung einer Insti­tu­ti­on der Beob­ach­tung zwei­ter Ord­nung und der Ver­such mehr Trans­pa­renz zu erzeu­gen, scheint eine durch­aus ange­mes­se­ne Reak­ti­on auf die gegen­wär­ti­ge Kri­se zu sein und zeigt, wie ernst die poli­ti­sche Klas­se des Lan­des die Kri­se nimmt. Denn es steht eini­ges auf dem Spiel. Die kolum­bia­ni­sche Jus­tiz hat­te tat­säch­lich in den letz­ten Jah­ren Ver­trau­en zurück­ge­won­nen, hat­te durch­aus auch Mut und Enga­ge­ment bewie­sen, wenn es bei­spiels­wei­se um die Ver­fol­gung von Men­schen­rechts­ver­let­zun­gen ging, die zum Teil — vor allem wäh­rend der rechts­ge­rich­te­ten Prä­si­dent­schaft Álva­ro Uri­be Vélez’ — von der Regie­rung oder Mit­glie­dern der Regie­rung gedeckt wur­den. So wur­den noch wäh­rend Uri­bes Regie­rungs­zeit Kon­gress­ab­ge­ord­ne­te sei­ner Par­tei ange­klagt mit den pro­fa­schis­ti­schen Para­mi­li­tärs zusam­men­zu­ar­bei­ten. Nicht nur in die­sem Skan­dal um die soge­nann­ten “Para­po­li­ti­cos” zeig­te die Jus­tiz Flag­ge, auch der schreck­li­che Skan­dal um die Ent­füh­rung von Jugend­li­chen aus den ärms­ten Stadt­tei­len von Bogo­tá und ande­ren Städ­ten durch das Mili­tär, ihre Ermor­dung und anschlie­ßen­de öffent­li­che Prä­sen­ta­ti­on in gefälsch­ten Uni­for­men der FARC, was als angeb­li­cher mili­tä­ri­scher Erfolg des Mili­tärs demons­triert wer­den soll­te, wur­de auf­ge­deckt und ist im Bewußt­sein der Bevöl­ke­rung unter dem Begriff “Fal­sos Posi­tiv­os” bis heu­te prä­sent. Bei­de Skan­da­le stürz­ten die dama­li­ge Regie­rung Uri­be in eine tie­fe Ver­trau­ens­kri­se und zei­gen, dass ein pau­scha­li­sie­ren­des Urteil, etwa in dem Sin­ne, dass die kolum­bia­ni­sche Jus­tiz durch und durch kor­rupt sei, so nicht zu hal­ten ist. Auch wenn es immer wie­der Skan­da­le gege­ben hat, und auch die Fäl­le nicht über­se­hen wer­den dür­fen, in der Staats­an­wäl­te auf­ge­ge­ben haben, weil sie sich durch Poli­tik oder auch inner­halb des Jus­tiz­ap­pa­ra­tes blo­ckiert fühl­ten, oder per­sön­li­chen Bedro­hun­gen (auch von Sei­ten der Regie­rung Uri­be) aus­ge­setzt waren, hat die kolum­bia­ni­sche Jus­tiz zumin­dest ihre Unab­hän­gig­keit von der Poli­tik in den letz­ten Jah­ren demons­triert. Aber gera­de des­halb ist die gegen­wär­ti­ge Kri­se so ver­hee­rend, weil sie das mög­li­cher­wei­se in den letz­ten Jah­ren gestie­gen Anse­hen der Jus­tiz mit einem Schlag wie­der zer­set­zen kann. Es ist des­halb so ver­hee­rend, weil es der Bevöl­ke­rung ein­mal mehr vor Augen führt, dass die soge­nann­te “Eli­te” des Lan­des kei­ner­lei mora­li­sche Skru­pel zu besit­zen scheint, wenn es um die per­sön­li­che Berei­che­rung geht, auch nicht, wenn dabei die Geset­ze gebeugt wer­den müs­sen. Wie soll­te da der von Stra­ßen­kri­mi­na­li­tät leben­de, oft­mals erst durch die Ver­trei­bung in die sozia­le Mise­re gestürz­te, in Bogo­tá ohne fes­ten Wohn­sitz leben­de und ohne sozia­les Netz sich mehr schlecht als recht durch­schla­gen­de Beob­ach­ter die­ser Sze­ne, davon abge­bracht wer­den kön­nen, Glei­ches nur auf einer ande­ren Ebe­ne zu tun?

Es besteht Hand­lungs­be­darf in Kolum­bi­en. Das hat San­tos in sei­ner Fern­seh­an­spra­che auch klar zu erken­nen gege­ben. Aber alles zu sei­ner Zeit. Ostern steht vor der Tür und da macht die poli­ti­sche Klas­se des Lan­des erst­mal Urlaub und fährt in der “Sema­na San­ta” aufs Land, auf ihre Fin­cas.

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Cartagena

Seit eini­gen Tagen sind Con­stan­za und ich in Car­ta­ge­na de Indi­as. Car­ta­ge­na wird — nicht nur von den Kolum­bia­nern — die “Per­le der Kari­bik” genannt, und das ist die­se Stadt in gewis­ser Hin­sicht auch zwei­fel­los. Die mit der seit Jahr­hun­der­ten exis­tie­ren­den Mau­er umge­be­ne Alt­stadt (sie ist seit 1984 samt den spa­ni­schen Ver­tei­di­gungs­an­la­gen aus dem 17. Jahr­hun­dert UNESCO-Welt­kul­tur­er­be) sucht ohne Fra­ge Ihres­glei­chen. Neben Bogo­tá ist Car­ta­ge­na in den letz­ten Jah­ren, mein zwei­tes kolum­bia­ni­sches Zuhau­se gewor­den. Unse­re Woh­nung, im Stadteil La Boquil­la liegt nur weni­ge (Auto- oder Bus-) Minu­ten von der Alt­stadt und eini­gen unse­rer Lieb­lings­plät­zen ent­fernt, auf denen wir je nach Stim­mungs­la­ge ent­span­nen­de Ruhe genie­ßen oder uns dem ganz spe­zi­el­len Lärm­ge­misch die­ser Stadt aus­set­zen, her­vor­ge­bracht durch Stra­ßen­ver­käu­fer aller Art, Sal­sa-oder Meren­gue-Grup­pen, Huf­ge­trap­pel der Pfer­de­drosch­ken, die sich den Tou­ris­ten für einen stil­vol­len ers­ten Über­blick über die Alt­stadt anbie­ten.

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Auch nach über 30 Jah­ren ist die Ankunft hier am Aero­pu­er­to Rafa­el Nun­ez für mich immer wie­der ein auf­re­gen­des Ereig­nis, auf das ich mich schon wäh­rend des gan­zen Flu­ges gefreut habe. Man steigt hier noch wie in den Anfangs­ta­gen der zivi­len Luft­fahrt die Gang­way hin­un­ter auf das offe­ne Flug­feld und wird dabei ganz behut­sam umst­röhmt von einer feucht­war­men Luft, die einem sofort nach der Öff­nung der Kabi­nen­tü­ren ent­ge­gen­tritt und einen ein­zig­ar­ti­gen Geruch ver­brei­tet, den Geruch der nahen kari­bi­schen See ver­mischt mit einem Hauch von Kero­sin. Nur wenig spä­ter, nach­dem wir uns mit unse­rem Gepäck durch die lär­men­de auf Taxis war­ten­de Men­ge gedrängt haben, errei­chen wir nach kur­zer Fahrt die ver­trau­te Woh­nung. Da die­se unmit­tel­bar am Strand liegt, hat ein Sprung ins Meer erst­mal abso­lu­te Prio­ri­tät. Ich las­se mich mit hin­ter dem Nacken ver­schränk­ten Armen ent­spannt auf dem Rücken lie­gend von den sanf­ten salz­hal­ti­gen Wel­len schau­keln. Über mir ent­de­cke ich alte Freun­de, die Peli­ka­ne. Sie flie­gen auf mich zu, als wür­den sie mich begrü­ßen wol­len. Dabei beob­ach­ten sie ganz genau jeden Fleck im Was­ser links und rechts von mir, um sich sofort auf jeden Fisch, den ich ohne es zu mer­ken auf­scheu­che, zu stür­zen. Und dies machen sie mit einer wah­ren Akro­ba­ten­num­mer, die man die­sen eigent­lich ja etwas plump wir­ken­den Vögeln gar nicht zuge­traut hat. Platsch, dicht neben mir taucht wie­der einer ein. Bil­de ich mir es nur ein, oder sieht er mich beim Auf­tau­chen tat­säch­lich etwas spöt­tisch an, bevor er dann schnell mit sei­ner Beu­te davon­zu­fliegt?

Auch für Peli­ka­ne muss die­se Art der Nah­rungs­su­che auf die Dau­er doch ziem­lich antren­gend sein. Wohl des­halb sehen wir sie etwas spä­ter wie­der, wie sie sich für einen leich­te­ren Weg ent­schie­den haben. Sie ste­hen gemein­sam mit eini­gen Ein­hei­mi­schen und Tou­ris­ten am Strand und war­ten auf die Fischer, die mit ihrem Boot gera­de ans Ufer fah­ren, dort die Net­ze zusam­men­zie­hen und an Ort und Stel­le begin­nen, ihren spär­li­chen Fang zu ver­kau­fen. Für die sich gedul­dig in die Rei­he der War­ten­den Men­schen ein­rei­hen­den Peli­ka­ne — eini­ge Fisch­rei­her haben sich mitt­ler­wei­le dazu gesellt — bleibt genug übrig. Noch ein­fa­cher machen sich es eini­ge ihrer Kol­le­gen, die die Idee hat­ten, direkt zum Fisch­markt zu flie­gen, sich dort auf die Dächer der Hüt­ten zu set­zen, um von dort den guten Über­blick über das Marktrei­ben aus­nut­zend auf güns­ti­ge Gele­gen­hei­ten zu war­ten. Ein­mal nicht auf­ge­passt, ruck zuck, und schon ist einer der dort mas­sen­haft feil­ge­bo­te­nen Fische im Sam­mel­schna­bel der Freun­de ver­schwun­den. Bewun­derns­wert.

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Obwohl man in Car­ta­ge­na grund­sätz­lich ein ange­neh­mens tro­pi­sches Kli­ma erwar­ten kann, erlebt man immer wie­der Über­ra­schun­gen. Mal gibt es wochen­lang nahe­zu täg­lich zur immer wie­der­keh­ren­den Uhr­zeit am Nach­mit­tag einen gewal­ti­gen tro­pi­schen Regen­guss, der die Über­for­de­rung des alten Abwas­ser­sys­tems schnell zu Tage tre­ten lässt. Ein ande­res mal fällt die Bri­se des Mee­res schwä­cher als nor­ma­ler­wei­se aus, was die Hit­ze uner­träg­lich macht und auch die Mücken auf den Plan ruft, die sich sonst eher in den Man­gro­ven­wäl­dern des dem Meer abge­wand­ten Cié­na­ga (Man­gro­ven Sumpf) ver­steckt hal­ten. In die­sem Jahr ist es umge­kehrt. Täg­lich frischt der Wind am Nach­mit­tag so kräf­tig auf, dass dann an ein Schwim­men im Meer kaum mehr zu den­ken ist und sich gegen Abend ein hand­fes­ter Orkan her­aus­ge­bil­det hat. Ges­tern waren wir tat­säch­lich so besorgt, dass wir das Inter­net nach einer “Aler­ta por Hura­can” abge­sucht haben. Aber es gab kei­ne. Der Wind ist immer­hin so stark, dass er anfängt, den Sand von Strand zu Dünen auf­zu­tür­men. Ein Phä­no­men, das ich hier noch nie beob­ach­tet habe.

Ande­rer­seits besänf­tigt der star­ke Wind ein wenig unse­re Besorg­nis hin­sicht­lich der Chi­kun­gu­ya-Epi­de­mie, die hier dum­mer­wei­se gera­de herrscht. Das Chi­kun­gu­ya-Virus wird durch Mücken über­tra­gen und gegen­wär­tig gibt es kei­nen wirk­sa­men Schutz. Weder eine Imp­fung noch Medi­ka­men­te. Emp­foh­len wird, sich so zu ver­hal­ten, dass man Mücken­sti­che mög­lichst ver­mei­det. Aber das ist kaum mög­lich. Trotz lan­ger Ärmel, lan­ger Hosen und “Repel­en­te” habe ich schon eine Rei­he von Sti­chen kas­siert. Obwohl, das muss man beto­nen, in Car­ta­ge­na das Mücken­pro­blem nor­ma­ler­wei­se nicht beson­ders stark ist. Am Strand sind die Vor­sichts­maß­nah­men ja sowie­so nicht durch­zu­hal­ten. Aber da hilft eben der star­ke Wind am Meer, der die Mücken davon­treibt. Solan­ge man nicht selbst davon geweht wird, ist das ein Kom­pro­miss, mit dem man leben kann.

Der Ort, an dem unse­re Woh­nung liegt, ist ein schma­ler Strei­fen zwi­schen dem Meer einer­seits und dem Cié­na­ga mit sei­nen Man­gro­ven ander­seits. Wie alle Cié­na­gas ist auch der von Car­ta­ge­na ein Para­dies für ver­schie­de­ne Pflan­zen- und Tier­ar­ten. Kon­fron­tiert wird man immer wie­der mit Legua­nen, die kei­ne Scheu haben, sich auf die Wan­der­schaft von der einen, an den Cié­na­ga gren­zen­den, Sei­te des schma­len Land­strei­fens auf die ande­re, dem Meer zuge­wand­ten, Sei­te zu bege­ben. Als Auto­fah­rer muss man schon mal auf­pas­sen, dass ein ver­meint­li­cher Pflan­zen­ast, sich beim Näher­kom­men nicht als Legu­an her­aus­stellt. Heu­te war einer der Legua­ne so frech, dass er in unse­ren Swim­ming­pool wat­schel­te. Da es sich hier­bei um ein ziem­lich aus­ge­wach­se­nes Exem­plar von über 1,50 m han­del­te, kann man sich die Auf­re­gung der Leu­te gut vor­stel­len. Er wur­de ver­jagt, aber mit allem Respekt, den man die­sen alt­ehr­wür­di­gen Ech­sen selbst­ver­ständ­lich ent­ge­gen­bringt.

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Wäh­rend ich das schrei­be — es ist mitt­ler­wei­le Mit­ter­nacht und mein Schwie­ger­va­ter schläft schon lan­ge — tobt im Patio unse­res Nach­bar­hau­ses eine Wahn­sinns-Par­ty. Con­stan­za glaubt der Musik-Mischung zu ent­neh­men, es müs­se eine Initia­ti­ons­par­ty für jemand sein, der gera­de 15 Jah­re alt gewor­den ist. Kein Pro­blem. Die Musik ist pri­ma: Ein wenig Sal­sa, ein wenig Reg­gae­ton, Bacha­ta, Meren­gue und ein wenig Hip-Hop-Mas­h­ups von klas­si­schen Rock-Titels der 70er Jah­re. Zwi­schen­durch dann ab und zu ein klas­si­scher Johann-Strauss-Wal­zer, der es auch den Groß­el­tern erlau­ben soll, sich auf der Tanz­flä­che wohl­zu­füh­len. Teil­wei­se life, teil­wei­se Dis­co. Aber sie ist so laut, als wür­den wir uns direkt in der Dis­ko befin­den. Jetzt kommt gera­de noch eine Val­len­ato-Grup­pe dazu und bringt etwas ruhi­ge­re Musik hin­zu. Aber den­noch: An Schlaf ist nicht zu den­ken. Wie mein Schwie­ger­va­ter das hin­kriegt, ist mir ein Rät­sel. Con­stan­za und ich nut­zen ein­fach die Musik und begin­nen auf unse­rer Ter­as­se zu tan­zen.

Bogotá

Dies ist  mein ers­ter Bei­trag zu die­sem the­ma­tisch auf KOLUMBIEN kon­zen­trier­ten Blog. (Die vor­an­ge­gan­ge­nen his­to­ri­schen Exkur­se wur­den spä­ter ein­ge­fügt, aber wegen der bes­se­ren Über­sicht an das Ende der Blog-Bei­trä­ge gestellt.)  Nach­dem ich in den letz­ten Jah­ren mei­ne Ein­drü­cke von die­sem Land per Email (an einen spe­zi­ell ein­ge­grenz­ten Per­so­nen­kreis gerich­tet) oder über Dia­spo­ra (zwar an einen grö­ße­ren und nicht immer ganz genau bestimm­ten Per­so­nen­kreis gerich­tet, dafür aber mit dem Nach­teil einer hohen Flui­di­tät ver­se­hen) geschrie­ben und ver­sen­det hat­te, habe ich den seit län­ge­rer Zeit geheg­ten Plan, dies durch einen the­ma­tisch ori­en­tier­ten Blog zu erset­zen, end­lich rea­li­siert.

Ich rei­se seit vie­len Jahr­zehn­ten nach Kolum­bi­en, aber dass ich mich neben mei­nem Bon­ner Wohn­sitz als in Bogo­tá woh­nend bezeich­ne, ist eine Ent­wick­lung, die erst vor ca. andert­halb Jah­ren ein­ge­setzt hat, als mei­ne Auf­ent­hal­te in Kolum­bi­en sich aus fami­liä­ren Grün­den suk­zes­si­ve immer mehr aus­ge­wei­tet haben. Bei mei­ner jet­zi­gen Ankunft in Bogo­tá zeig­te sich die Stadt von ihrer bes­ten Sei­te. Nichts zu spü­ren von der unge­müt­li­chen Näs­se und Käl­te und den ihre „Man­tel­kra­gen hoch­schla­gen­den, eilig davon­ei­len­den Pas­san­ten”, die Gar­cia Mar­quez so ein­zig­ar­tig in Abgren­zung zu sei­ner kari­bi­schen Hei­mat beschrie­ben hat­te. Nein, als ich ankam, herrsch­te außer­or­dent­lich tol­les son­ni­ges und sehr war­mes Wet­ter. Für die Bogo­ta­ner eine ange­neh­me und sicht­bar genos­se­ne Freu­de. Für den dem win­ter­li­chen Euro­pa ent­flie­hen­den Rei­sen­den, eine dop­pel­te Wohl­tat.

Ich bin immer wie­der aufs Neue davon ange­tan, wie grün Bogo­tá, die­se fast 10 Mil­lio­nen Ein­woh­ner umfas­sen­de Stadt ist. Aber natür­lich sind es vor allem die nörd­lich vom Stadt­zen­trum gele­ge­nen rei­che­ren Stadt­tei­le, die die­se posi­ti­ve Eigen­schaft auf­wei­sen. Vie­le vier­spu­ri­ge Stra­ßen haben dort einen mit nahe­zu alle Kli­ma­zo­nen Kolum­bi­ens reprä­sen­tie­ren­den beflanz­ten Mit­tel­strei­fen. Für einen Euro­pä­er ist dies schon allein des­halb beein­dru­ckend, weil in die­ser Höhe von 2.700 Metern in unse­ren Brei­ten ja nur ganz weni­ge Pflan­zen wach­sen.

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Getrübt wur­de mein Wohl­be­fin­den aller­dings bereits am nächs­ten Mor­gen aus völ­lig ande­ren, und nun gar nicht mit dem Kli­ma in Ver­bin­dung zu brin­gen­den Grün­den: Als ich aus dem Haus trat und mit Erschre­cken die bau­li­chen Ver­än­de­run­gen an der Ummaue­rung unse­res „Con­do­mi­nio“ sah. Eine Mau­er bzw. an eini­gen Stel­len ein hoher und durch­aus sta­bi­ler Zaun waren da zwar schon immer vor­han­den, aber wäh­rend mei­ner Abwe­sen­heit hat­te man auf die Mau­er noch einen über drei oder vier Stu­fen rei­chen­den hohen elek­trisch auf­ge­la­de­nen Sta­chel­draht­zaun drauf­ge­setzt, der leicht nach innen ver­setzt ist und einen unwill­kür­lich an längst ver­gan­ge­ne schreck­li­che Zei­ten erin­nert. Ich fühl­te mich plötz­lich in einer Art Fes­tung, die ich bis­her in die­ser kras­sen Form nur in Johan­nes­burg gese­hen hat­te.

Auf Nach­fra­gen wur­de uns erläu­tert, dass die­se Ver­än­de­rung auf­grund eines Ein­bruchs erfolgt sei, bei dem die Ein­bre­cher über die Mau­er geklet­tert waren. Ja, die Sicher­heits­la­ge wird wie­der ein­mal als kata­stro­phal beschrie­ben und es wer­den Bei­spie­le genannt, wie die von einer jun­gen Frau, der mit­ten in einem voll­be­setz­ten Bus von zwei Mit­fah­rern ein Mes­ser an den Hals gesetzt wur­de, damit sie ihr Smart­pho­ne raus­rückt.

Ähn­li­che Erzäh­lun­gen beglei­ten uns seit meh­re­ren Jahr­zehn­ten. Sie lie­ßen sich belie­big erwei­tern und sie ver­wei­sen auf die nach wie vor — trotz eines in den letz­ten Jah­ren all­ge­mein gewach­se­nen gesell­schaft­li­chen Reich­tums — unge­lös­ten und sich gegen­wär­tig womög­lich wie­der ver­schär­fen­den sozia­len Pro­ble­me in die­sem wun­der­schö­nen und lie­bens­wer­ten Land. Aller­dings haben sich die in den 90er Jah­ren des vori­gen Jahr­hun­derts so gefürch­te­ten Ent­füh­run­gen gegen Löse­geld­erpres­sun­gen nach­ge­las­sen. Ob sich die “nor­ma­le” Kri­mi­na­li­tät in letz­ter Zeit wie­der ver­stärkt hat, wie von vie­len Kolum­bia­nern behaup­tet wird, lässt sich schwer prü­fen, da längst nicht alle Ereig­nis­se den poli­zei­li­chen Behör­den gemel­det wer­den und inso­fern die Sta­tis­ti­ken nicht sehr zuver­läs­sig sind. Aber über die­ses Pro­blem und sei­ne im kras­sen Klas­sen­ge­gen­satz und der gewalt­vol­len 70jährigen Ver­gan­gen­heit Kolum­bi­ens zu suchen­den Ursa­chen wird noch zu reden sein.

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