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Historischer Exkurs: Bolivars Staatstheorie

(Die fol­gen­den Aus­füh­run­gen stüt­zen sich weit­ge­hend auf Ger­hard Man­sur: Simon Boli­var und die Befrei­ung Süd­ame­ri­kas. Kon­stanz 1949, Süd­ver­lag, S. 333 ff, ins­be­son­der aber S. 340 ff)

Man muss beden­ken, dass zu der Zeit, in der Boli­var sei­ne demo­kra­ti­sche und repu­bli­ka­ni­sche Staats­auf­fas­sung ent­wi­ckel­te, es außer den USA und Hai­ti kei­ne Bei­spiel­se auf der Welt gab für ein der­ar­ti­ges Staats­ge­bil­de. Des­halb ist es auch nicht ver­wun­der­lich, dass ande­re Frei­heits­kämp­fer wie z.B. San Mar­tin oder O’Higgins ande­re, eher an mon­ar­chis­ti­sche Vor­bil­der ori­en­tier­ten. Boli­vars hat­te die Zusam­men­brü­che der ers­ten bei­den Repu­bli­ken, die ja nicht allein den mili­tä­ri­schen Schlä­gen, son­dern auch inter­nen Strei­tig­kei­ten geschul­det waren, ana­ly­siert und gelernt. Nach der Aus­ru­fung der drit­ten vene­zo­la­ni­schen Repu­blik 1818 ent­wi­ckel­te er nun eine sehr spe­zi­fi­sche Staats-Auf­fas­sung, die man m.E. durch­aus als Boli­vars Staats­theo­rie bezeich­nen kann (Genaue­res bei Masur S. 333 ff.) und die er beim ers­ten par­la­men­ta­ri­schen Kon­gress in Angos­tu­ra am 15. Febru­ar 1819 vor­stell­te.

Aus­gangs­punkt waren drei nor­ma­ti­ve Leit­bil­der, die alles wei­te­re bestim­men soll­ten:

  • Höchst­maß an Glück­se­lig­keit,
  • Höchst­maß an Sicher­heit
  • Höchst­maß an poli­ti­scher Bestän­dig­keit

Jeder Staat in Süd­ame­ri­ka, der die­sen drei Wer­ten gerecht wer­den woll­te, muss­te — so Boli­vars Über­zeu­gung — eine Repu­blik sein, in der Volks­sou­ve­rä­ni­tät, Gewal­ten­tei­lung, bür­ger­li­che Frei­heit, Abschaf­fung der Skla­ve­rei und Abschaf­fung aller mit der Mon­ar­chie ver­bun­de­nen Pri­vi­le­gi­en vor­herr­schen soll­ten. So weit so gut. Aber Boli­var war durch die Geschich­te, auch die der bei­den vor­an­ge­gen­a­ge­nen Ver­su­che eine Repu­blik in Vene­zue­la zu errich­ten, gewarnt. Er warn­te des­halb vor einer “abso­lu­ten Demo­kra­tie”. Boli­var kann­te die Schrif­ten der Auf­klä­rer und die Schrif­ten von Mon­tes­quieu, er hat­te die fran­zö­si­sche Revo­lu­ti­on ver­folgt und auch den Bona­par­tis­mus. Er woll­te des­halb eine Insti­tu­ti­on schaf­fen, die ggf. die frei gewähl­ten Abge­ord­ne­ten des Par­la­men­tes, in ihre Schran­ken ver­wei­sen konn­te und als Garant für die Sta­bi­li­tät fun­gie­ren könn­te. So schlug er ein Zwei-Kam­mern Sys­tem vor: Ein Abge­ord­ne­ten­haus (“Came­ra de Rep­re­sen­tan­tes”) und einen Senat, der aber eine Art Ober­haus dar­stell­te und aus erb­li­chen Sena­to­ren bestehen soll­te. Boli­var woll­te der Wech­sel­haf­tig­keit der Lau­nen des Vol­kes, dem Auf- und Ab der Volks­mei­nung einen Damm ent­ge­gen­set­zen (Masur S. 341). “Er glau­bee an die Nati­on aber nicht an die Mas­se. Die Volks­sou­ve­rä­ni­tät, schrieb er ein­mal, ist nicht unbe­grenzt, denn die Gerech­tig­keit ist ihre Grund­la­ge und die voll­kom­me­ne Nütz­lich­keit ihr Ziel. ‘Die meis­ten Men­schen ver­ken­nen ihre wah­ren Inter­es­sen …’ ” (Masur S. 341). Masur schreibt: ” Boli­vars Gedan­ken berüh­ren sich mit denen Napo­le­ons und neh­men das Sys­tem der faschis­ti­schen Füh­rer­schu­le vor­weg. Er ver­tei­dig­te sich gegen den Vor­wurf, einen neu­en Adel schaf­fen zu wol­len. Die Wür­de des Sena­tors wäre kein Titel, son­dern ein Amt, auf das sich die Anwär­ter vor­be­rei­ten müss­ten.” (S. 342). Masur sieht hier aber zumin­dest den Ver­such, eine neue Eli­te zu schaf­fen, die sich im Lau­fe der Zeit zu einem latein­ame­ri­ka­ni­schen Patri­zi­at ent­wi­ckeln wür­de. Hier sieht Masur die Schwä­che der boli­va­ri­schen Staats­auf­fas­sung, denn “die­ser Senat war unver­ein­bar mit den demo­kra­ti­schen Grund­rech­ten der Repu­blik ; und, was noch schwe­rer wog, es gab in der Wirk­lich­keit der latein­ame­ri­ka­ni­schen Völ­ker nichts, wor­auf er sich grün­den könn­te.” (S. 342)

Aber, so muss Man­sur kon­sta­tie­ren, in allen latein­ame­ri­ka­ni­schen Län­dern hat sich nach der Befrei­ung genau eine sol­che Eli­te her­aus­ge­bil­det, eine gesell­schaft­li­che Ober­schicht von viel­leicht nicht ein­mal zwei­hun­dert Fami­li­en in ganz Süd­ame­ri­ka, “eine Olig­ar­chie, die sich auf Tra­di­ti­on, Reich­tum, Boden­be­sitz und kapi­ta­lis­ti­schen Inter­es­sen grün­det. Aber die Vor­macht­stel­lung die­ser Olig­ar­chie ist anonym und dis­kret. Sie erscheint nicht in Staats­do­ku­em­netn und die Ver­fas­sun­gen igno­rie­ren sie. Der Jock­ei­club und der Coun­tryclub sind für ihre Macht wich­ti­ger als das Par­la­ment. Sie sit auch nicht her­me­tisch abge­schlos­sen, zögernd und lang­sam nimmt sie neue Fami­li­en auf­und erkennt wirt­schaft­li­che und poli­ti­sche Ver­diens­te an. (…) Der demo­kra­ti­schen Ideo­lo­ge zufol­ge sind alle gleich”, haben alle die­sel­ben rech­te, so “dass es, wie Ana­to­le Fran­ce sagen wür­de, auch den rei­chen ver­bo­ten ist, in den Haus­flu­ren zu schla­fen. Man muss die süd­ame­ri­ka­ni­schen Gesell­schaf­ten ken­nen, um zu ver­ste­hen, war­um der erb­li­che Senat Boli­vars eine Fehl­kon­struk­ti­on war. (S. 343).

Was die Exe­ku­ti­ve Gewalt betrifft, so hat Boli­var aus den Feh­lern der ers­ten Repu­blik gelernt. Er woll­te einen star­ken Prä­si­den­ten als Chef einer prä­si­dia­len Repu­blik. Man weiß dass Boli­var mit der Idee eines lebens­läng­li­chen Prä­si­den­ten lieb­äu­gel­te, sich aber hüte­te, dies in Angos­tu­ra zu arti­ku­lie­ren.

Boli­var hat­te auch die Idee einer “Vier­ten Gewalt” in Form einer Insti­tu­ti­on, die — den Zen­so­ren der römi­schen Repu­blik ver­gleich­bar — die sitt­li­che Erzei­hung über­wa­chen soll­te. “Die Vene­zo­la­ner, sag­te Boli­var, lie­ben ihr Vater­land, aber sie lie­ben die Geset­ze nicht, und sie lie­ben auch die Beam­ten des Staa­tes nicht.” (345) Die neue Insti­tu­ti­on soll­te die Repu­blik “von aller Fäul­nis rei­ni­gen, den Ego­is­mus, den Klein­mut, die Nach­läs­sig­keit anpran­gern. Aber Süd­maeri­ka hat­te nicht gera­de die spa­ni­sche Inqui­si­ti­on abge­schüt­telt, um sich schon wie­der einem neu­en Sit­ten­ge­richt zu unter­wer­fen. Die­se Idee war undurch­führ­bar. Er muss­te die Auf­ga­be der Sit­ten­kon­trol­le letz­lich doch wie­der der Kir­che über­las­sen “und jenem Areo­pag alter Damen, die noch heu­te in der süd­ame­ri­ka­ni­schen Gesell­schaft über Moral und Her­kom­men zu Gericht sit­zen, und die zuwei­len furcht­ba­rer sind als die spa­ni­sche Inqui­si­ti­on selbst.” (345 f.)

Es war also das Bild einer kon­ser­va­ti­ven, zen­tra­lis­ti­schen Repu­blik, “die Pla­nung eines Man­nes, der die Anar­chie fürch­te­te und dem Ins­tikt der Mas­sen miss­trau­te” und der Ver­such demo­kra­ti­sche und auto­ri­tä­re Ten­den­zen zu ver­ein­ba­ren. Boli­var war Repu­bli­ka­ner, aber ein gro­ßer Demo­krat war er sicher nicht. Das wird deut­lich, wenn man sich die Ver­fas­sun­gen ansieht, die spä­ter nach der Erobe­rung von Peru und Alto-Peru (Boli­vi­en) beschlos­sen wur­den. Boli­var han­del­te in die­sen bei­den Län­dern als Dik­ta­tor. Die boli­via­ni­sche Ver­fas­sung war eine auf einen Füh­rer aus­ge­rich­te­te Staats­ord­nung, die zudem noch mon­ar­chis­ti­sche Züge ent­hielt. Denn das Amt des Prä­si­den­ten und das des Vize­prä­si­den­ten waren ers­tens auf Lebens­zeit fest­ge­legt und zwei­tens erb­lich, was ange­sichts der Kin­der­lo­sig­keit von Boli­var eine etwas absur­de Rege­lung war. Viel­leicht stieg Boli­var sein Ruhm zu Kopf. So war es irgend­wie kon­se­quent, als Paez ihm 1825 vor­schlug, sich zum Kai­ser krö­nen zu las­sen, ähn­lich wie Napo­le­on es getan hat­te. Aber Mon­arch woll­te Boli­var nicht sein, die cäsa­ris­ti­sche Macht­fül­le, die ihm ange­bo­ten und auch — vor allem in Peru und Boli­vi­en zur Ver­fü­gung stand, genoss er aber sicht­lich. Den­noch sind die Gerüch­te, Boli­var lieb­äu­ge­le mit einer sol­chen Lösung, nie ganz ver­klun­gen. Nur in Kolum­bi­en selbst, wo die Ver­fas­sung von Cucu­tá zumin­dest bis 1831 Bestand haben soll­te, bevor man über eine ande­re Lösung nach­den­ken woll­te, stie­ßen die­se Plä­ne auf strik­te Ableh­nung. Ins­be­son­de­re San­tan­der, der Hüter der Ver­afs­sung, wehr­te sich gegen die­se cäsa­ris­ti­schen Gedan­ken.

Aus heu­ti­ger Sicht, war das Auf­zwin­gen der boli­via­ni­schen Ver­fas­sung auf Peru und der anschlie­ßen­de Ver­such, die­se auch in Kolum­bi­en ein­zu­füh­ren ein gro­ßer Feh­ler Boli­vars, der letzt­lich eine Ket­te von Reak­tio­nen in Gang gesetzt hat­te, die dann zum Zer­fall von Groß­ko­lum­bi­en führ­ten und auch alle Träu­me von Boli­var von einer gro­ßen Anden­re­pu­blik zunich­te mach­ten. Es ist die Tra­gik die­ses Man­nes, dass er alles was er sel­ber auf­ge­bau­te hat­te, letzt­lich durch sei­ne star­re Hal­tung mit zum Ein­sturz brach­te.

Historischer Exkurs: Simon Bolivars “Gran Colombia” (1819 — 1830)

Am 12. Dezem­ber 1819 wird im Kon­gress von Angus­tu­ra die Ver­ei­ni­gung des Vize­kö­nig­reichs Neu­gra­na­da und des Gene­ral­ka­pi­ta­nats Vene­zue­la zur “Repu­bli­ca de Colom­bia” beschlos­sen (von Histroi­kern auch als “Groß­ko­lum­bi­en” bezeich­net, um es von der ers­ten Repu­blik Kolum­bi­en (nach der Unab­hän­gig­keit Neu­gra­na­das von Spa­ni­en im Jah­re 1810 bis zur Recon­quis­ta durch die Spa­ni­er im Jah­re 1816 und vom heu­ti­gen Staat Kolum­bi­en, der im Grun­de ledig­lich das Ter­ri­to­ri­um von Neu­gra­na­da umfasst, zu unter­schei­den. Nach dem Zer­fall von “Groß­ko­lum­bi­en” im Jah­re 1830 hieß Kolum­bi­en zunächst “Repu­blik Neu­gra­na­da” . Ab 1861 dann “Repu­bli­ca de Colom­bia”.)

Der Kon­gress von Angos­tu­ra 1819
Boli­var war ja nicht nur Heer­füh­rer, son­dern auch Prä­si­dent der (bis dato nur teil­wei­se befrei­ten) Repu­blik Vene­zue­la. Nun sah er die Gele­gen­heit sei­ne Visi­on von einer Ver­ei­ni­gung von Neu­gra­na­da und Vene­zue­la umzu­set­zen. Die Spa­ni­er hat­ten Neu­gra­na­da nahe­zu voll­stän­dig auf­ge­ben müs­sen. Ledig­lich Car­ta­ge­na und die Küs­ten­re­gi­on der Kari­bik, die Grenz­re­gi­on zu Ecua­dor sowie Cucu­ta war noch in spa­ni­scher Hand. In Bogo­tá wur­de San­tan­der damit beauf­tragt, eine zivi­le Ver­wal­tung auf­zu­bau­en, als Stell­ver­tre­ter des Libertadors.

Boli­var kehr­te nach Angos­tu­ra zurück. Dort woll­te er einen Kon­gress vor­be­rei­ten, der über den Zusam­men­schluss von Vene­zue­la, Neu­gra­na­da und der — nach wie vor von den Spa­ni­ern besetz­ten — Pro­vinz Qui­to (heu­te: Ecua­dor) zur “Repu­blik Kolum­bi­en” bera­ten und beschlie­ßen soll­te. Die­ser Beschluss wur­de am 17. Dezem­ber 1819 in Angos­tu­ra gefasst. Die­se soll­te drei gro­ße Depar­ta­ment­os umfas­sen: Vene­zue­la, Cun­dina­mar­ca und Qui­to. Neben dem Prä­si­den­ten und dem Vize­prä­si­den­ten der Zen­tral­ge­walt soll­te jedes Depar­ta­men­to über einen eige­nen Gou­ver­neur ver­fü­gen, der der Titel “Vize­prä­si­dent” tra­gen soll­te. Boli­var wur­de ein­stim­mung zum Prä­si­den­ten gewählt, Zea (ein Neu­gra­na­di­ner) zum Vize­prä­si­den­ten. Die Vize­prä­si­den­ten der Depar­ta­ment­os wur­den San­tan­der (für Cun­dina­mar­ca) und Roscio für Vene­zue­la. Roscio starb aller­dings kurz nach sei­ner Eren­nung. Sein Nach­fol­ger wur­de Gene­ral Anzuo­la, der aller­dings auch kurz nach der Befrei­ung Cara­cas’ 1820 starb. Dar­auf­hin ernann­te Boli­var, den kurz zuvor aus spa­ni­schem Ker­ker in Cadiz ent­las­se­nen Anto­nio Narño zum Vize­prä­si­den­ten Ven­zue­las. Qui­to war noch icht befreit. Des­halb wur­de die Wahl die­ses Vize­prä­si­den­ten ver­scho­ben. Gleich­zei­tig wur­de beschlos­sen im Janu­ar 1820 einen Kon­gress in Cucu­ta statt­fin­den zu las­sen, der dem neu­en Staat Kolum­bi­en eine demo­kra­ti­sche und repu­bli­ka­ni­sche Ver­fas­sung geben soll­te. Auch die Ent­schei­dung über die zukünf­ti­ge Haupt­stadt des Lan­des soll­te dort gefällt wer­den. In Bogo­tá wur­den eini­ge Tage spä­ter unter San­tan­ders Lei­tung, die Beschlüs­se von Angos­tu­ra in einer Nota­blen­ver­samm­lung ein­stim­mig gebil­ligt (Masur S. 385).

Die Ver­fas­sung von Cucu­ta 1821
Der Kon­gress von Cucu­ta wähl­te Boli­var zum Prä­si­den­ten der “Repu­bli­ca de Colom­bia”. Am 3. Okto­ber 1821 leg­te er den Amts­eid auf die neue Ver­fas­sung ab. Die­se Ver­fas­sung war in eini­gen Punk­ten anders als in den Beschlüs­sen von Angos­tu­ra. Der Prä­si­dent soll­te sein Amt nur für 4 Jah­re beklei­den und nur ein­mal wie­der­ge­wählt wer­den. Die Legis­la­ti­ve bestand aus zwei Kam­mern: einem Age­ord­ne­ten­haus, das auf vier Jah­re gewählt wird und einem Senat, der auf acht Jah­re gewählt wird (also nicht, wie Boli­var es sich wünsch­te lebens­lang). Es gab einen Vize­prä­si­den­ten und ein Kabi­nett bestehend aus fünf Staats­se­kre­tä­ren und einem Mit­glied des Obers­ten Gerichts­ho­fes. D.h. die regio­na­len Vize­prä­si­den­ten wur­den abge­schafft. An ihrer Stel­le wur­de das Amt des Inten­dan­ten geschaf­fen. Aber die drei in Angus­tu­ra vor­ge­schla­gen Depar­ta­ment­os wur­den ersetzt durch meh­re­re klei­ne­re Pro­vin­zen. Vene­zue­la wur­de in drei, Neu­gra­na­da in vier Pro­vin­zen geglie­dert. Als Haupt­stadt wur­de Bogo­tá fest­ge­legt, was eini­ge Vene­zo­la­ner ver­är­ger­te. Und auch die Skla­ve­rei wur­de, Boli­vars Ver­spre­chen zum Trotz, nicht grund­sätz­lich abge­schafft, son­dern nur für die Söh­ne und Töch­ter der gegen­wär­ti­gen Skla­ven. Boli­var hät­te ger­ne Nari­ño als Vize­prä­si­den­ten gehabt. Aber der konn­te ich bei den Par­la­men­ta­ri­ern nicht durch­set­zen. Des­halb schlug Boli­var dann San­tan­der vor, der auch gewählt wur­de.

Quin­ta Boli­var in Bogo­tá

Die Ein­nah­me von Qui­to
Boli­var über­ließ nun den Auf­bau und die Orga­ni­sa­ti­on des neu ent­stan­de­nen Staas­we­sen San­tan­der, wäh­rend er selbst sich mit zwei Divi­sio­nen und 3000 Mann nach Süden auf­mach­te, um die auf dem Papier bereits beschlos­se­ne Inte­gra­ti­on der Pro­vinz Qui­to auch prak­tisch zu voll­enden. Auf die­sem Marsch in den Süden des Lan­des stieß er v.a. in Pas­to auf hef­ti­gen Wider­stand. Die Bevöl­ke­rung dort war tra­di­tio­nell — und zwar bereits seit Beginn der Unab­hän­gig­keits­krie­ge — königs­treu und unter­stütz­te die spa­ni­sche Gar­ni­son. Die Spa­ni­er unter Oberst Don Basi­lio Gar­cia hat­ten sich bei Bom­bo­na vor­teil­haft auf­ge­stellt und lie­ßen Boli­var eigent­lich kaum eine Mög­lich­keit, erfolg­reich anzu­grei­fen. Er tat es den­noch, was aller­dings ledig­lich zu hohen Ver­lus­ten führ­te (ca. 1000 Mann, ein Drit­tel sei­ner Strei­macht, kamen ums Leben) und letzt­lich erfolg­los blieb. Die Ent­schei­dung zugi­uns­ten von Boli­var wur­de dann aller­dings doch noch her­bei­ge­führt, weil Sucre mit der zwei­ten Divi­si­on an der Küs­te ent­lang mar­schier­te und — wäh­rend Boli­var die Spa­ni­er in
die Schlacht ver­wi­ckel­te — bei Pichin­cha nach Qui­to durch­bre­chen konn­te. Als Gar­cia hör­te, dass Qui­to gefal­len war und Sucre mit sei­nen Leu­ten sich in sei­nem Rücken befand, gab er den Kampf auf und kapi­tu­lier­te. Boli­var zog in Qui­to ein, wur­de anders als in Pas­to enthu­si­as­tisch von der Bevöl­ke­rung begrüßt. Qui­to wur­de in die Repu­blik Kolum­bi­en als eigen­stän­di­ges Depar­ta­men­to ein­ge­glie­dert und Sucre zu sei­nem prä­si­den­ten ernannt.

Gua­ya­quil und die Begeg­nung mit San Mar­tin
Auch Gua­ya­quil war — mit nicht wenig Druck von Sei­ten Boli­vars — bereit, die kolum­bia­ni­sche Ver­fas­sung anzu­er­ken­nen. In Gua­ya­quil gabe es drei Frak­tio­ne­ne: die eine woll­te eine unab­hän­gi­ge Pro­vinz Gua­ya­quil, die zwei­te ein Anschluss an Peru, wo sich San Mar­tin befabd, und dir drit­te einen Anschluss an Kolum­bi­en. San Mar­tin hoff­te auf die argen­ti­ni­sche Divi­si­on, die Boli­var in der Schlacht von Bomo­boná untertützt hat­te und die nun nach Gua­ya­quil zurück­keh­ren soll­te. Mit ihrer Hil­fe wür­de man den argen­ti­schi­schen Anspruch durch­set­zen kön­nen. Boli­v­ra aber hin­der­te die Divi­si­on aus Qui­to abzu­mar­schie­ren und rück­te statt­des­sen selbst am 11. Juli 1822 mit einer kolum­bia­ni­schen Divi­son in Guay­quil ein. Ein Teil der Bevöl­ke­rung begrüß­te ihn als Befrei­er, ein ande­rer als Occup­a­tor. Die Situa­ti­on war sehr auf­ge­la­den. Boli­var sag­te eine Volks­b­fra­gung zu, in der die Zuge­hö­rig­keit ent­schie­den wer­den soll­te. Durch die Anwe­sen­heit der kolum­bia­ni­schen Trup­pen, hoff­te er das Ergeb­nis beein­flus­sen zu kön­nen. Am 25. Juli lan­de­te jedoch völ­lig über­ra­schend San Mar­tin mit einem chi­le­ni­schen Kriegs­schiff im Hafen von Gua­ya­quil. (Vgl. Masur S. 443 ff.)

Historischer Exkurs: Bolivar und die Befreiung Venezuelas

Auch in Vene­zue­la gab es die Aus­ein­an­der­set­zung zwi­schen Föde­ral­si­ten und Zen­tra­lis­ten, die aller­dings anders als in Neu-Gra­na­da nicht zu einem Bür­ger­krieg zwi­schen den riva­li­sie­ren­den Repu­bli­ka­nern führ­te. Statt­des­sen erho­ben sich die Roya­lis­ten. Am 19. April 1810 wur­de in Cara­cas Vene­zue­la als unab­hän­gi­ge Nati­on aus­ge­ru­fen. Die ers­te Repu­blik war gegrün­det, ihr Füh­rer war Fran­cis­co Miran­da, der zusmmen mit Boli­var aus Eng­land, wo er sich meh­re­re Jah­re im Exil befand, zurück­ge­kehrt war. Die spa­ni­sche Kro­ne hat­te jedoch nach wie vor vie­le Anhän­ger. Am 11. Juli gab es eine Demons­tra­ti­on in Cara­cas und am 13. Juli erho­ben sich die Roya­lis­ten in Valen­cia. Der Auf­stand wur­de von Miran­da nie­der­ge­schla­gen. Boli­var nahm an der Expe­di­ti­on als Adju­dant von Mar­quis de Toro teil.

Erste Republik: Föderative Verfassung

Im Dezem­ber 1811 wur­de vom Kon­gress eine föde­ra­lis­tisch gepräg­te Ver­fas­sung ver­ab­schie­det. Die “Ver­ei­nig­ten Staa­ten von Vene­zue­la” set­zen sich aus sie­ben sou­ve­rä­nen Staa­ten (die zuvor unter der spa­ni­schen Kro­ne Ver­wal­tungs­ein­hei­ten waren) zusam­men, von denen jeder das Recht besaß, sei­ne eige­ne Ver­fas­sung zu ver­ab­schie­den (G. Masur, S. 142).

Nach einem Jahr gab es eine Wirt­schafts­kri­se. Dann gab es am 26. März 1812 ein Erd­be­ben, das die Haupt­stadt Cara­cas in Schutt und Asche leg­te. Die katho­li­sche Kir­che erklär­te dies als “Stra­fe Got­tes für die Rebel­li­on gegen die spa­ni­sche gott­ge­ge­be­ne Ord­nung”. Da die wirt­schaft­li­chen und sozia­len Pro­ble­me zunah­men wand­ten sich vie­le Ein­woh­ner wie­der der alten Ord­nung zu. In Mara­cai­bo, das noch königs­treu war, wur­de ein spa­ni­sches Expe­di­ti­ons­heer unter Dom­in­go Mon­te­ver­de auf­ge­stellt, dass nun gegen die jun­ge Repu­blik mar­schier­te und dem die Repu­bli­ka­ner nicht gewach­sen waren. Nach vie­len Kämp­fen kapi­tu­lier­te Miran­da und Mon­te­ver­de zog in die Haupt­sadt ein. Die füh­ren­den repu­bli­ka­ni­schen Poli­ti­ker wur­den ver­haf­tet und nach Spa­ni­en gebracht. Boli­var war nicht unter ihnen, da ein Spa­ni­er, Fran­cis­co Itur­be, für ihn ein­trat. Er erhielt sogra einen Pass zur Aus­rei­se aus Vene­zue­la, mit dem er sich zunächst nach Cura­cao und anschlie­ßend nach Car­ta­ge­na ein­schiff­te. Das war im August 1812.

Die Spa­ni­er ver­such­ten nun auch in Neu­gra­na­da die Uhr zurück­zu­stel­len. Über San­ta Mar­ta, das mehr­heit­lich königs­treu geblie­ben war, mar­schier­te sie in Rich­tung Car­ta­ge­na ud Mag­da­le­na. In Car­ta­ge­na ein­ge­trof­fen half Boli­var, den Wider­stand zu orga­ni­sie­ren. Dort ver­fass­te er auch sein berühmt gewor­de­nes “Mani­fest von Car­ta­ge­na”.

Pla­za Boli­var in Car­ta­ge­na

Nach sei­ner Nie­der­la­ge in Vene­zue­la und dem Fall der ers­ten vene­zo­la­ni­schen Repu­blik war Boli­var über Cura­cao nach Car­ta­ge­na geflüch­tet und stell­te sich dort in den Dienst der Trup­pen der Ver­ei­nig­ten Pro­vin­zen Neu­gra­na­das. Zunächst wur­de er dem Gene­ral Pierre Laba­tut, einem Fran­zo­sen, der bereits im Heer der vene­zo­la­ni­schen Repu­blik gegen die Spa­ni­er gekämpft hat­te, in Car­ta­ge­na unter­stellt. Er drang mit einer klei­nen Trup­pe, sei­nen ursprüng­li­chen Auf­trag zur blo­ßen Ver­tei­di­gung von Bar­ran­cas igno­rie­rend, eigen­mäch­tig zum Mag­da­le­na vor und befrei­te den Fluß von den Spa­ni­ern. Anschlie­ßend wand­te er sich Rich­tung Cucu­ta in der Hoff­nung, von dort aus Vene­zue­la zurück­er­obern zu kön­nen. Dem Ober­kom­man­die­ren­den der Ver­ei­nig­ten Pro­vin­zen in die­sem Bereich, Cas­til­lo, ging dies aber zu weit. Boli­var sieg­te, aber sein Zer­würf­nis mit Cas­til­lo war tief und soll­te noch schwer­wie­gen­de Kon­se­quen­zen haben.

Zweite Republik: Acht Monate Militärdikatatur Bolivars

Zunächst aber war Boli­var erfolg­reich und konn­te am 6. August 1813, knapp ein Jahr nach sei­ner Flucht aus Vene­zue­la wie­der in Cara­cas als “Libertador” ein­zie­hen, muss­te es aber bereits 8 Mona­te spä­ter, am 6. Juli 1814, vor den anrü­cken­den im Land ver­blie­be­nen spa­ni­schen Trup­pen unter Tomas Boves erneut räu­men. Boves konn­te Boli­va­res Heer ver­nich­tend schla­gen und anschlie­ßend ganz Vene­zue­la für die Spa­ni­er zurück­er­obern. Boli­var blieb erneut nichts ande­res übrig, als sich mit einem Schiff abzu­set­zen. Erneut such­te er Zuflucht in Car­ta­ge­na, wo er am 19. Sep­tem­ber 1814 wie ein Held emp­fan­gen wur­de.

Er woll­te sich ähn­lich wie bereits 1812 in den Dienst der Ver­ei­nig­te Pro­vin­zen stel­len. Er reis­te nach Tun­ja, wo er dem Kon­gress die Umstän­de des Zusam­men­bruchs der zwei­ten vene­zo­la­ni­schen Repu­blik dar­leg­te. Er mach­te auf die Gefahr auf­merk­sam, die von den spa­ni­schen Trup­pen aus­ging und for­der­te mehr Ein­heit der neu­gra­na­di­ni­schen Gesell­schaft. Er wur­de dar­auf­hin beauf­tragt, mit einem Expe­di­ti­ons­heer die Haupt­stadt Bogo­tá (und das sich als eige­nen Staat ver­ste­hen­de) Cun­dina­mar­ca für die ver­ei­nig­ten Pro­vin­zen zu unter­wer­fen. Das gelang auch. Am 12. Dezem­ber 1814 zog er in Bogo­tá ein. Neu­gra­na­da war somit in einer Hin­sicht ver­eint, es war nun eine föde­ra­ti­ve Repu­blik und der seit 1810 schwe­len­de Bür­ger­krieg zwi­schen Föde­ra­lis­ten und Zen­tra­lis­ten war been­det. Cun­dina­mar­cas Prä­si­dent, Anto­nio Nari­ño, zu die­sem Zeit­punkt noch ein Vor­rei­ter des Zen­tra­lis­mus, war eini­ge Mona­te zuvor, in einer für die kolum­bia­ni­schen Trup­pen zwar sieg­rei­chen Schlacht gegen die Spa­ni­er unter Juan Sama­no, von die­sen gefan­gen genom­men wor­den und (erneut) nach Spa­ni­en ver­schleppt wor­den (Mai 1814).

Aber unge­fähr zur glei­chen Zeit war aber in Vene­zue­la das vom wie­der­ein­ge­setz­ten spa­ni­schen König Fer­nan­do II aus­ge­rüs­te­te spa­ni­sche Expe­di­ti­ons­heer unter Pablo Moril­lo ange­kom­men. Mit 18 Kriegs- und 40 Trans­port­schif­fen und mehr als 10.000 Mann (G. Masur S. 249) lan­de­ten sie und besetz­ten zuerst Vene­zue­la und anschlie­ßend Neu­gra­na­da. Cara­cas wur­de von Moril­los Trup­pen bereits am 11. Mai 1814 ein­ge­nom­men. Die zwei­te vene­zo­la­ni­sche Repu­blik war unter­ge­gan­gen. Damit konn­te Moril­lo sich nun gegen Neu­gra­na­da wen­den.

Boli­var war den Spa­ni­ern von Bogo­tá aus ent­ge­gen­ge­zo­gen (24. Janu­ar 1815) und hat­te anfangs auch eini­ge Erfol­ge. So wur­de Mom­pox von den Spa­ni­ern zurück­ge­won­nen. Aber ein ent­schlos­se­nes und rasches Nach­set­zen auf die sich zurück­zie­hen­den spa­ni­schen Trup­pen schei­ter­te an inter­nen Strei­tig­klei­ten zwi­schen Boli­var und dem Gene­ral Cas­til­lo, der in Car­ta­ge­na das Kom­man­do fürhte und Boli­var jede Auto­ri­tät für eine gemein­sa­me Stra­te­gie gegen die Spa­ni­er absprach. Boli­var mach­te nun den Feh­ler, sei­ne Posi­ti­on mit Gewalt durch­set­zen zu wol­len und bela­ger­te Car­ta­ge­na. Als dies erfolg­los blieb, und statt­des­sen die spa­ni­schen Trup­pen, die in Vene­zue­la gelan­det waren, erst Bar­ran­quil­la erober­ten und auf Car­ta­ge­na zumar­schier­ten, sah er die Sinn­lo­sig­keit die­ser Bela­ge­rung, gab er den Ober­be­fehl ab (7. Mai 1815) und segel­te frus­triert auf einem eng­li­schen Kriegs­schiff (von Car­ta­ge­na aus???) nach Jamai­ka.

Hier ver­fass­te er sei­nen berühm­ten Brief aus Jamai­ca, in dem er sei­ne Visi­on über ein künf­ti­ges Süd­ame­ri­ka dar­leg­te. Im Dezem­ber erhielt er aus dem von Moril­los Trup­pen bela­ger­ten Car­ta­ge­na einen Hil­fe­ruf und das Ange­bot den Ober­be­fehl über die Ver­tei­di­gung zu über­neh­men. Er zöger­te nicht, schiff­te sich am 18. Dezem­ber ein, um dann aber die Nach­rift zu erhal­ten dass die Stadt bereits am 6. Dezem­ber 1815 gefal­len war. Es war also zu spät. Boli­var ließ den Kurs wech­seln und segel­te nach Hai­ti.

Ein hal­bes Jahr spä­ter nach der Ein­nah­me Car­ta­ge­nas zogen die Spa­nie auch sieg­reich in Bogo­tá ein (am 6. Mai 1816). Damit war nun auch die ers­te kolum­bia­ni­sche Repu­blik, die Repu­blik der “Estados Uni­dos de Nuve­gra­na­da, unter­ge­gan­gen Die kolum­bia­ni­schen Trup­pen konn­ten dem spa­ni­schen Vor­marsch nichts ent­ge­gen­set­zen. Das kolum­bia­ni­sche Heer wur­de voll­kom­men auf­ge­rie­ben. Tun­ja wur­de besetzt eben­so wie Bogo­tá. Camil­lo Tor­res wur­de von den Spa­ni­ern erschos­sen. San­tan­der, Urda­ne­ta, Mari­ño, Piar und Ber­mu­dez konn­ten sich aber ret­ten und began­nen einen Gue­ril­la­krieg gegen die Spa­ni­er zu organisieren.(G. Masur, S. 250).

Dritte Republik: Zentralstaat mit 8 Provinzen und zwei Kammern

Hai­ti war neben den USA das ein­zi­ge freie Land in Ame­ri­ka. Boli­var wur­de von Prä­si­dent Alex­an­der Peti­on (ein ehe­ma­li­ger Skla­ve) herz­lich auf­ge­nom­men und in all sei­nen Plä­nen sehr unter­stützt. Über das Ver­hält­nis der bei­den schreibt G. Masur S. 272 ff. Bemer­kens­wer­tes: Peti­on knüpf­te sei­ne Unter­stüt­zung Boli­va­res  an eine Bedin­gung: Die Befrei­ung der Skla­ven! Boli­var ging dar­auf ein, was — wie sich spä­ter her­aus­stell­te — einen wich­ti­gen Umbruch in sei­ner Visi­on und Staats­theo­rie dar­stel­len soll­te. Nach Hai­ti hat­ten sich auch eini­ge vene­zo­la­ni­sche und neu­gra­na­di­ni­sche Offi­zie­re geflüch­tet. Mit die­sen plan­te Boli­var nun eine erneu­te Lan­dung in Vene­zue­la. Das klei­ne Expe­di­ti­ons­heer von 250 Mann erhielt Waf­fen von Peti­on und auch eine klei­ne Folt­te von sechs Scho­nern, mit dem man am 31. März 1816 (also noch vor dem Fall Bogo­tás) auf­brach. Die Lan­dung war zunächst ein Fias­ko. (Genau­es kann man bei G. Masur S. 272 ff. nach­le­sen). Ein zwei­ter Anlauf kalpp­te aller­dings, weil Boli­var sich auf den Osten Vene­zue­las kon­zen­trier­te, auf das Urwald­ge­biet Gua­ya­nas. Von dort aus konn­te er zunächst den Fluss­lauf des Ori­no­cos befrei­en und nach­dem er sich mit Paez ver­bür­dern konn­ten die Repu­bli­ka­ner — nach sehr wech­seln­dem Kriegs­glück — den gesam­ten Osten Ven­zue­las, d.h. das Gebiet Gua­ya­na, befrei­en.

Die inne­ren Strei­tig­kei­ten der mili­tä­ri­schen Füh­rer des repu­bli­ka­ni­schen Hee­res waren mit ein Grund für Boli­var, mög­lichst rasch geord­ne­te und qua­si-staat­li­che Struk­tu­ren in dem eror­ber­ten Gebiet zu eta­blie­ren. Nach­dem das Hin­ter­land des Ori­no­kos eror­bert war und mit ihm die bei­den wich­tigs­ten Städ­te Angos­tu­ra und Ciu­dad Gua­ya­na, wur­de am 1. Novem­ber 1817 die drit­te Repu­blik gegrün­det, die vor­serst noch auf das Gebiet öst­lich des Ori­no­kos beschränkt war und — da Cara­cas noch in fes­ter Hand der Spa­ni­er und damit uner­reich­bar war — mit Angos­tu­ra als pro­vi­so­ri­schen Haupt­stad (heu­te Ciu­dad Boli­var) (Masur S. 312 f). Beim Auf­bau die­ses neu­en Staats­we­sen zeig­te sich, dass Boli­var aus den Zusam­men­brü­chen der ers­ten bei­den Repu­bli­ken, die ja nicht allein den mili­tä­ri­schen Schlä­gen, son­dern auch inter­nen Strei­tig­kei­ten geschul­det waren, gelernt hat­te. Hier ent­wi­ckel­te er nun sei­ne Auf­fas­sung vom Staat, die man m.E. durch­aus als Boli­vars Staats­theo­rie bezeich­nen kann (Genaue­res bei Masur S. 333 ff.) und die beim ers­ten par­la­men­ta­ri­schen Kon­gress in Angos­tu­ra am 15. Febru­ar 1819 vor­stell­te.

Am 16. Febru­ar wur­de Boli­var zum ers­ten Staats­prä­si­den­ten der neu­en Repu­blik gewählt und, da die Repu­blik sich im Krie­ge befand, mit außer­or­dent­li­chen Voll­mach­ten aus­ge­stat­tet. Er war nun die unan­ge­zwei­fel­te Füh­rer­ge­stalt im Befrei­ungs­krieg.

Anstatt, wie von Moril­lo erwar­tet, sich nun nach Nor­den zu wen­den, um Cara­cas zu befrei­en, über­quer­te Boli­var mit einer Armee von ca. 2000 Mann die Anden, um sich im neu­gra­na­di­ni­schen Cas­a­na­re mt den dor­ti­gen Gue­ril­la­trup­pen von San­tan­der zu ver­ei­nen. So wur­de der Befrei­ungs­krieg zunächst in Neu­gra­na­da wei­ter­ge­führt (s. Befrei­ung Neu­gra­na­das).