{"id":1965,"date":"2022-07-08T19:50:32","date_gmt":"2022-07-08T17:50:32","guid":{"rendered":"https:\/\/www.wissenskulturen.de\/wp_wissenskulturen\/?p=1965"},"modified":"2022-08-02T20:59:24","modified_gmt":"2022-08-02T18:59:24","slug":"pladoyer-furs-traumen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.wissenskulturen.de\/wp_wissenskulturen\/index.php\/2022\/07\/08\/pladoyer-furs-traumen\/","title":{"rendered":"Pl\u00e4doyer f\u00fcrs Tr\u00e4umen"},"content":{"rendered":"<p>Sind uns die Tr\u00e4ume abhan\u00addengekom\u00admen? Weit und bre\u00adit im Feld der poli\u00adtis\u00adchen Diskurse und ihrer medi\u00adalen Ver\u00adbre\u00aditung in die Poren des \u00f6ffentlichen Denkens ist keine Rede zu h\u00f6ren, die die soziale Utopie als Pro\u00adjekt zu for\u00admulieren wagt. Ein Pro\u00adjekt, das den gesellschaftlichen Sta\u00adtus Quo nicht nur in Frage stellt, son\u00addern das gesellschaftliche Fun\u00adda\u00adment, dem dieser Zus\u00adtand entwach\u00adsen ist, scheint jen\u00adseits unseres Denkhor\u00adi\u00adzonts zu&nbsp;sein.<\/p>\n<p>Wenn schon die zaghafte Forderung nach mod\u00ader\u00adater Besteuerung der gro\u00dfen Ver\u00adm\u00f6\u00adgen oder der Ruf nach Deck\u00adelung der Miet\u00adpreise, um das Wohnen auch f\u00fcr Nor\u00admalver\u00addi\u00adener bezahlbar zu machen, als Bedro\u00adhung der Frei\u00adheit des Indi\u00advidu\u00adums und R\u00fcck\u00adkehr in den Zwangsstaat des DDR-Sozial\u00adis\u00admus kri\u00adtisiert wird, wie toll\u00addreist w\u00e4re dann wohl die Forderung nach ein\u00ader anderen, gerechteren und nicht auf der Ver\u00adher\u00adrlichung des pri\u00advat\u00aden Eigen\u00adtums an Pro\u00adduk\u00adtion\u00ads\u00admit\u00adteln als ange\u00adblichem  Garan\u00adten unseres Wohl\u00adstands basierten Gesellschaft? M\u00fcssen wir uns als linke Real\u00adis\u00adten nicht darauf beschr\u00e4nken, die Dinge Schritt f\u00fcr Schritt\u2026wie schon der alte Sozialdemokrat weise l\u00e4chel\u00adnd sagte\u2026zum Guten zu wen\u00adden? Und der \u00dcberkan\u00adzler aus der Hans\u00ades\u00adtadt k\u00f6n\u00adnte hinzuf\u00fc\u00adgen: Wer Visio\u00adnen hat, sollte zum Ther\u00ada\u00adpeuten gehen.<\/p>\n<p>Aber vielle\u00adicht liegen die Dinge auch ganz anders: Bewe\u00adgen wir deshalb nur wenig, weil wir keine bewe\u00adgende Vision von ein\u00ader besseren Welt haben? Weil wir vergessen haben, wie wir selb\u00adst zur m\u00fch\u00adsamen Prax\u00adis und t\u00e4glichem Kampf durch die Vorstel\u00adlung, die Hoff\u00adnung, ja, auch den Glauben an die M\u00f6glichkeit des ganz Anderen getrieben wor\u00adden sind? Seit mehr als 30 Jahren ver\u00adlieren die Men\u00adschen, die vom Verkauf ihrer geisti\u00adgen und k\u00f6r\u00adper\u00adlichen Arbeit\u00adskraft leben, nicht nur an Einkom\u00admen, son\u00addern auch an poli\u00adtis\u00adch\u00ader Gestal\u00adtungs\u00admacht. Obwohl man ihnen gesagt hat, dass ihr tem\u00adpor\u00e4r\u00ader Verzicht, die Enthal\u00adtung von jeglich\u00ader Sys\u00adtemkri\u00adtik und das Still\u00adhal\u00adten, auch wenn es ger\u00adade mal weh tut, let\u00adz\u00adtendlich zu einem guten Ende f\u00fchren wer\u00adden: Mehr Wohl\u00adstand und vor allem mehr Har\u00admonie. Auch eine Vision, aber nicht die, die ich&nbsp;meine.<\/p>\n<p> Die Mobil\u00admachung des Kon\u00adformis\u00admus ist all\u00adseit\u00adig. \u201eKeine Stimme ert\u00f6nt au\u00dfer der Stimme der Herrschen\u00adden\u201c \u2013 so leit\u00adet Bertolt Brecht sein Lob der Dialek\u00adtik ein. Und er f\u00e4hrt mit dem Opti\u00admis\u00admus, den man irgend\u00adwann mal his\u00adtorisch nan\u00adnte, fort: \u201eDas Sichere ist nicht sich\u00ader. So, wie es ist, bleibt es nicht. Wenn die Herrschen\u00adden gesprochen haben, wer\u00adden die Beherrscht\u00aden sprechen.\u201c<\/p>\n<p>Der gro\u00dfe Ernst Bloch schreibt \u201eDas Prinzip Hoff\u00adnung\u201c. Er schreibt es, wohl wis\u00adsend, dass in Zeit\u00aden wie den unsri\u00adgen die Rede von der anderen Gesellschaft ein wage\u00admutiges Unter\u00adfan\u00adgen ist. Sein genialer Par\u00adforceritt durch die Agen\u00adda der sozialen Utopi\u00aden der Geschichte will uns zeigen: Unter den schwierig\u00adsten Rah\u00admenbe\u00addin\u00adgun\u00adgen haben Men\u00adschen von ein\u00ader besseren Welt getr\u00e4umt und ver\u00adsucht, ihre Tr\u00e4ume mit ein\u00ader ratio\u00adnalen Kon\u00adstruk\u00adtion zu sta\u00adbilen Szenar\u00adien der Zukun\u00adft zu machen.<\/p>\n<p>Im Essay <a href=\"https:\/\/www.wissenskulturen.de\/wp_wissenskulturen\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/Bloch-D.E.M.-van-Os.pdf\">\u00bbBloch\u00ab <\/a> will uns unser Autor <b>Dominik van Os<\/b> mit Fan\u00adtasie und biographis\u00adch\u00ader Recherche seine Vorstel\u00adlung vom gro\u00dfen Philosophen und ratio\u00adnalen Tr\u00e4umer nahebringen.<\/p>\n<p><i>Gerd P\u00fctz (Wis\u00adsenskul\u00adturen)<\/i><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.wissenskulturen.de\/wp_wissenskulturen\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/Bloch-D.E.M.-van-Os.pdf\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.wissenskulturen.de\/wp_wissenskulturen\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/bloch-seite-1.jpg\" alt width=\"585\" height=\"828\" class=\"aligncenter size-full wp-image-1972\" srcset=\"https:\/\/www.wissenskulturen.de\/wp_wissenskulturen\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/bloch-seite-1.jpg 585w, https:\/\/www.wissenskulturen.de\/wp_wissenskulturen\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/bloch-seite-1-212x300.jpg 212w\" sizes=\"auto, (max-width: 585px) 100vw, 585px\"><\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sind uns die Tr\u00e4ume abhan\u00addengekom\u00admen? 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Wenn schon die zaghafte Forderung nach mod\u00ader\u00adater Besteuerung der gro\u00dfen Ver\u00adm\u00f6\u00adgen oder der Ruf nach Deck\u00adelung der Miet\u00adpreise, um das Wohnen auch f\u00fcr Nor\u00admalver\u00addi\u00adener bezahlbar zu machen, als Bedro\u00adhung der Frei\u00adheit des Indi\u00advidu\u00adums und R\u00fcck\u00adkehr in den Zwangsstaat des DDR-Sozial\u00adis\u00ad\u00admus kri\u00adtisiert wird, wie toll\u00addreist w\u00e4re dann wohl die Forderung nach ein\u00ader anderen, gerechteren und nicht auf der Ver\u00adher\u00adrlichung des pri\u00advat\u00aden Eigen\u00adtums an Pro\u00adduk\u00adtion\u00ads\u00admit\u00adteln als ange\u00adblichem Garan\u00adten unseres Wohl\u00adstands basierten Gesellschaft? M\u00fcssen wir uns als linke Real\u00adis\u00adten nicht darauf beschr\u00e4nken, die Dinge Schritt f\u00fcr Schritt\u2026wie schon der alte Sozialdemokrat weise l\u00e4chel\u00adnd sagte\u2026zum Guten zu wen\u00adden? 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Obwohl man ihnen gesagt hat, dass ihr tem\u00adpor\u00e4r\u00ader Verzicht, die Enthal\u00adtung von jeglich\u00ader Sys\u00adtemkri\u00adtik und das Still\u00adhal\u00adten, auch wenn es ger\u00adade mal weh tut, let\u00adz\u00adtendlich zu einem guten Ende f\u00fchren wer\u00adden: Mehr Wohl\u00adstand und vor allem mehr Har\u00admonie. Auch eine Vision, aber nicht die, die ich&nbsp;meine. Die Mobil\u00admachung des Kon\u00adformis\u00admus ist all\u00adseit\u00adig. \u201eKeine Stimme ert\u00f6nt au\u00dfer der Stimme der Herrschen\u00adden\u201c \u2013 so leit\u00adet Bertolt Brecht sein Lob der Dialek\u00adtik ein. Und er f\u00e4hrt mit dem Opti\u00admis\u00admus, den man irgend\u00adwann mal his\u00adtorisch nan\u00adnte, fort: \u201eDas Sichere ist nicht sich\u00ader. So, wie es ist, bleibt es nicht. Wenn die Herrschen\u00adden gesprochen haben, wer\u00adden die Beherrscht\u00aden sprechen.\u201c Der gro\u00dfe Ernst Bloch schreibt \u201eDas Prinzip Hoff\u00adnung\u201c. 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