Schlagwort-Archive: Paramilitarismus

»Reichstagsbrand« in Bogotá?

Die dra­ma­ti­sche — selbst aus dem Welt­raum wohl les­ba­re — auf eine Mau­er in Medel­lin gemal­te Bot­schaft »Nos estan matan­do« (»Sie brin­gen uns um«) ist ein ver­zwei­fel­ter Hil­fe­ruf und hat die Welt­öf­fent­lich­keit — zumin­dest die­je­ni­ge, die die Ereig­nis­se in Kolum­bi­en beob­ach­tet — auf­ge­schreckt. Und in der Tat könn­te eini­ges dar­auf hin­deu­ten, dass wir gegen­wär­tig Zeu­gen des Beginns einer von rechts­ra­di­ka­len Krei­sen initi­ier­ten Hexen­jagd sind, die auf lin­ke und links-libe­ra­le Kräf­te, auf Umwelt- und Men­schen­rechts­ak­ti­vis­ten, auf Unter­stüt­zer des Frie­dens­ab­kom­mens von 2016 sowie auf Ange­hö­ri­ge von Min­der­hei­ten wie bespiels­wei­se der LGTBI zielt.

Was ist gesche­hen? Nach der Tötung eines Rechts­an­wal­tes im Poli­zei­ge­wahr­sam hat­te es mas­si­ve Pro­tes­te in Bogo­tá gegen Poli­zei­ge­walt gege­ben. Es kam ver­schie­dent­lich zu Van­da­lis­mus, Bus­se brann­ten, Fens­ter­schei­ben gin­gen zu Bruch und Geschäf­te wur­den geplün­dert. Aber dass die gleich­zei­tig und nach dem sel­ben Mus­ter ablau­fen­den Bran­d­at­ta­cken gegen 54 Poli­zei­sta­tio­nen in ver­schie­de­nen Stadt­tei­len — immer­hin fast ein Drit­tel aller Poli­zei­sta­tio­nen in Bogo­tá — einem spon­ta­nen Unmut pro­tes­tie­ren­der Bür­ger geschul­det sein sol­len oder gar einer lin­ken Ver­schwö­rung gegen den Staat, klingt nicht sehr glaub­wür­dig. Der Ver­dacht, hier sei­en gezielt Pro­vo­ka­teu­re am Werk gewe­sen, die in einer kon­zer­tier­ten Akti­on gehan­delt haben, ist schwer zu ent­kräf­ten. Dar­auf deu­tet auch der poli­ti­sche Kon­text hin, in dem sich dies ereig­net hat.

Ent­ge­gen der ein­deu­ti­gen Anwei­sung der Bür­ger­meis­te­rin Clau­dia Lopez mach­te die Poli­zei von der Schuss­waf­fe Gebrauch. Das Resul­tat: 13 getö­te­te und 66 durch Schuss­waf­fen ver­letz­te Demons­tran­ten, aber auch ca. 200 ver­letz­te Poli­zis­ten (vgl. »Revis­ta Sema­na« Ed. 2002 vom 13.9.2020). Wäh­rend Prä­si­dent Duque den ver­letz­ten Poli­zis­ten sei­nen Dank aus­sprach aber kein Wort des Bedau­erns über die 13 erschos­se­nen Demons­tran­ten ver­lor, bekräf­tig­te Bür­ger­meis­te­rin Lopez das Demons­tra­ti­ons­recht, kri­ti­sier­te jedoch sowohl den Van­da­lis­mus als auch das eigen­mäch­ti­ge Vor­ge­hen der Poli­zei. Dafür wird sie nun von den rechts­ge­rich­te­ten Kräf­ten attackiert.

Es drängt sich förm­lich der Ver­dacht auf, dass das, was der­zeit in Kolum­bi­en geschieht, Teil einer gut orga­ni­sier­ten Kam­pa­gne ist, mit der die Ermor­dung von über 205 zivil­ge­sell­schaft­li­chen Akti­vis­ten, 43 Ex-FARC-Ange­hö­ri­gen und meh­re­ren Mas­sa­ker allein im Jah­re 2020 poli­tisch gerecht­fer­tigt wer­den soll. »Die Lin­ken« — wer immer das ist — wer­den beschul­digt, einen gesell­schaft­li­chen Umsturz zu pla­nen. Und es muss befürch­tet wer­den, dass die mas­si­ven und vor allem mit Falsch­in­for­ma­tio­nen geführ­ten Angrif­fe, einen Prä­ven­tiv­schlag der Rech­ten gegen die angeb­li­chen Unter­stüt­zer der Gue­ril­la und die zivil­ge­sell­schaft­li­chen Ver­tei­di­ger des Frie­dens­ab­kom­mens von 2016 ideo­lo­gisch legi­ti­mie­ren sol­len. Jeden­falls ist der Ton in den sozia­len Medi­en schrill und hass­erfüllt, wie nie. Anti­kom­mu­nis­ti­sche Argu­men­te aus der Mot­ten­kis­te des kal­ten Krie­ges wer­den bemüht, um die Kolum­bia­ner davon über­zeu­gen zu wol­len, dass »die Lin­ken« kurz davor ste­hen, die Macht im Lan­de an sich zu rei­ßen, allen Bür­ger ihr Eigen­tum rau­ben, die staat­li­chen Insti­tu­tio­nen abschaf­fen und eine grau­sa­me Dik­ta­tur errich­ten wer­den. Und das Werk­zeug, um all dies zu rea­li­sie­ren, sei das von Ex-Prä­si­dent San­tos mit der FARC geschlos­se­ne Frie­dens­ab­kom­men von 2016. San­tos selbst wird als Draht­zie­her eines kom­mu­nis­ti­schen Kom­plotts, die JEP als eine »FARC-Jus­tiz« und alle, die den Frie­dens­pro­zess unter­stüt­zen, als Steig­bü­gel­hal­ter einer kom­mu­nis­ti­schen Macht­er­grei­fung im Staa­te denun­ziert. Dage­gen hel­fe nur ein ent­schlos­se­nes und gewalt­vol­les Han­deln aller patrio­ti­schen Kräfte.

So absurd und lächer­lich die­se Argu­men­te auch klin­gen, sie zei­ti­gen lei­der Kon­se­quen­zen. In ers­ter Linie bei Leu­ten, die offen­sicht­lich nie einen Blick in das Frie­dens­ab­kom­men gewor­fen haben, die aber ganz genau wis­sen, dass es zum Unter­gang Kolum­bi­ens füh­ren wird. Nicht nur, dass in den sozia­len Medi­en die Lin­ken als außer­halb der mensch­li­chen Gesell­schaft ste­hend bezeich­net wer­den, als »Unge­zie­fer«, »Rat­ten« u.a.m., auch die phy­si­sche Ver­nich­tung all die­ser Per­so­nen sei eine patrio­ti­sche Opti­on. Die rechts­ge­rich­te­te und für ihre Mas­sa­ker an der Zivil­be­völ­ke­rung bekann­te para­mil­tä­ri­sche Grup­pe »Agui­las Negras« fühl­te sich auch sofort ermun­tert, die unten ste­hen­de Per­so­nal­lis­te zu ver­öf­fent­li­chen, auf der sie die mili­tä­ri­sche Exe­ku­ti­on die­ser »mal­pari­dos« (unter denen sich übri­gens auch Ange­hö­ri­ge gesell­schaft­li­cher Min­der­hei­ten wie der LGTBI befin­den) ankün­di­gen, wo immer sie ange­trof­fen werden. 

Für den Beob­ach­ter aus Deutsch­land drängt sich förm­lich ein his­to­ri­sches Déjà-vu auf: Der Reichs­tags­brand von 1933, den die Nazis zwar selbst ver­ur­sacht aber den Kom­mu­nis­ten in die Schu­he scho­ben und dann als Legi­ti­ma­ti­on benutz­ten, die gesam­te lin­ke Oppo­si­ti­on in Deutsch­land zu ver­bie­ten, zu ver­haf­ten und phy­sisch zu liqui­die­ren. Die­ser Ver­gleich mag weit her­ge­holt sein, aber unwill­kür­lich drängt sich die Fra­ge auf, ob das Nie­der­bren­nen von 54 Poli­zei­sta­tio­nen nicht eine ähn­li­che Funk­ti­on haben könn­te? In Kolum­bi­en erin­nert man sich mit Trau­er an den para­mi­li­tä­ri­schen Ver­nich­tungs­feld­zug gegen die »Uni­on Patrio­ti­ca (UP)« in den 80er Jah­ren, bei dem über 6.000 Mit­glie­der die­ser Par­tei ermor­det wur­den. Unter ihnen par­la­men­ta­ri­sche Man­das­trä­ger, Bür­ger­meis­ter, Prä­si­dent­schafts­kan­di­da­ten. Aber die­ser Ver­nich­tungs­feld­zug ging damals ledig­lich gegen eine Par­tei. Heu­te geht es aber gegen eine viel brei­te­re Bevöl­ke­rungs­grup­pe, wie die Mor­de in den letz­ten drei Jah­ren gezeigt haben. Nicht nur Ex-Kom­bat­tan­ten der FARC sind Ziel der Ter­ror­ak­te, es geht eben­so gegen Ange­hö­ri­ge zivil­ge­sell­schaft­li­cher Grup­pen, die sich für Men­schen­rech­te, Umwelt, poli­ti­sche Par­ti­zi­pa­ti­on, bes­se­re Lebens­be­din­gun­gen und Gleich­stel­lung ver­schie­de­ner Min­der­hei­ten, wie z.B. der LGT­BI-Ange­hö­ri­gen, ein­set­zen. Sie alle ste­hen auf den Todes­lis­ten der Para­mi­li­ärs. Dies­mal wäre die zivil­ge­selslchaft­li­che und demo­kra­ti­sche Ord­nung des Lan­des selbst in Gefahr.

Es scheint fast so, als hät­ten die Ermitt­lun­gen wegen Zeu­gen­be­stechung und die Ver­hän­gung des Haus­ar­res­tes gegen den ehe­ma­li­gen Prä­si­den­ten Álva­ro Uri­be, dem gute Kon­tak­te zu rechts­ge­rich­te­ten Para­mi­li­tärs nach­ge­sagt wer­den, das rech­te poli­ti­sche Lager in Panik ver­setzt. Auch der mit die­ser Ankla­ge ver­bun­de­ne Anse­hens­ver­lust sei­ner Par­tei »Cen­tro Demo­cra­ti­co« mag sie dazu moti­viert haben, nun eine schnel­le­re und här­te­re Gang­art ein­zu­schla­gen, um den ver­hass­ten Frie­dens­pro­zess end­gül­tig zu been­den. Das hat­te zwar der im Mai 2019 gewähl­te Prä­si­dent Duque von vorn­her­ein zu sei­nem Wahl­ziel erklärt, aber nach sei­ner Wahl hat­te man doch gehofft, die Stim­me der Ver­nunft wür­de in dem mehr oder weni­ger unent­schie­de­nen Kräf­te­gleich­wicht Kolum­bi­ens über­wie­gen. Die Blo­cka­de sei­ner Regie­rung gegen die Umset­zung des Ver­tra­ges hat zwar den Frie­dens­pro­zess mas­siv behin­dert und ver­zö­gert, aber die in der Bevöl­ke­rung an ihn gerich­te­ten Hoff­nun­gen nicht zer­stö­ren kön­nen. Nicht nur die Zivil­ge­sell­schaft mel­det sich immer wie­der mit Pro­tes­ten und For­de­run­gen für mehr Par­ti­zi­pa­ti­on, bes­se­re Lebens- und Aus­bil­dungs­be­din­gen, mehr sozia­le Gleich­heit u.a.m. zu Wort, auch in bei­den Kam­mern des Kon­gres­ses wird lei­den­schaft­lich um die Erfül­lung des Ver­tra­ges gerun­gen. Außer­dem machen, die durch den Acuer­do ein­ge­rich­te­ten Insti­tu­tio­nen, die JEP, die Wahr­heits­kom­mis­si­on und die »Uni­dad de Bús­que­da de Per­so­nas Dadas por Desa­pa­re­ci­das (UBPD)« effi­zi­en­te Arbeit. Zudem gibt es eine Viel­zahl von Initia­ti­ven, die sich auf den »Acuer­do« beru­fen und sei­ne regie­rungs­amt­li­che Unter­stüt­zung ein­kla­gen [Vgl. hier­zu Knut Hen­kel (Hein­rich-Böll-Stif­tung): Inter­view mit Iván Cepe­da vom 8. Sep­tem­ber 2020] Nun aber scheint es, als ver­än­der­ten die Fein­de des Frie­dens­ver­tra­ges ihre Stra­te­gie. Gutes ist dabei kaum zu erwar­ten. Aber die kolum­bia­ni­sche Regie­rung weiß, dass die Ereig­nis­se in dem Land von der Welt­öf­fent­lich­keit genau beob­ach­tet wer­den. Sowohl von den inter­na­tio­na­len Orga­ni­sa­tio­nen, als auch von den natio­na­len Regie­run­gen, die sich bereit erklärt hat­ten, den Frie­dens­pro­zess in Kolum­bi­en finan­zi­ell zu unter­stüt­zen und nicht zuletzt auch von der inter­na­tio­na­len Zivilgesellschaft.

Jenseits der Pandemie leidet Chocó

Aus dem Chocó kom­men erneut schlim­me Nach­rich­ten. Über Ursu­la Holz­pa­fel und Ulrich Kol­witz, die seit über drei­ßig Jah­ren zusam­men mit der Diö­ze­se in Quib­dó in der »Comi­sión Dio­cesa­na Vida, Jus­ti­cia y Paz« in der Men­schen­rechts­ar­beit aktiv sind und mit denen wir von WISSENSKULTUREN seit vie­len Jah­ren eng ver­bun­den sind, erreicht uns ein besorg­nis­er­re­gen­der Bericht. In einem gemein­sa­men Auf­ruf von afro­ko­lum­bia­ni­schen und indi­ge­nen Orga­ni­sa­tio­nen, des »Con­se­jo Comu­ni­ta­rio Mayor de la Aso­cia­ción Cam­pe­si­na Inte­gral del Atrato – COCOMACIA«, dem »Mesa Indí­ge­na del Chocó«, dem »Foro Inte­rét­ni­co Soli­da­ridad Chocó«, dem »Red Depar­ta­men­tal de Muje­res Cho­coanas« und dem »Mesa Ter­ri­to­ri­al de Garan­tí­as Chocó« wird auf die alar­mie­ren­de Zunah­me der Ver­let­zung der indi­vi­du­el­len und kol­lek­ti­ven Rech­te der afro­ko­lum­bia­ni­schen und indi­ge­nen Völ­ker des Chocó durch die Ver­schär­fung des bewaff­ne­ten Kon­flikts im Depar­te­ment auf­merk­sam gemacht.

Schon seit lan­gem wird das Ein­si­ckern para­mi­li­tä­ri­scher Ver­bän­de (ins­be­son­der der Auto­de­fen­sas Gai­ta­nis­tas de Colom­bia, AGC) und Grup­pen der ELN-Gue­ril­la in den Cho­co beklagt. In den besetz­ten Gebie­ten wer­den eige­ne »Geset­ze« zur Gel­tung gebracht und sie über die ver­fas­sungs­mä­ßig garan­tier­ten Rech­te der betroff­nen Gemein­den und Grup­pen gestellt. Die­se Miss­stän­de sind seit lan­gem bekannt, wer­den aber von der kolum­bia­ni­schen Regie­rung igno­riert. Zu befürch­ten ist, dass es wie­der ein­mal ein klamm­heim­li­ches Ein­ver­ständ­nis der Regie­rung mit den para­mi­li­tä­ri­schen Kräf­ten, die mit enor­men finan­zi­el­len und logis­ti­schen Res­sour­cen aus­ge­stat­tet sind, gibt. Ihr vor­ge­ge­be­nes Ziel ist es, die ver­blie­be­nen Gue­ril­la­grup­pen zu eli­mi­nie­ren. Aber nicht nur dar­um scheint es zu gehen (vgl. Jus­ti­cia y Paz, Colom­bia, 30.12.2019). Ver­trei­bun­gen der Bevöl­ke­rung von ihrem Land sind in einem bis­her nicht bekann­tem Aus­maß an der Tages­ord­nung. Ille­ga­le Berg­bau­an­la­gen enste­hen, Regen­wald wird gero­det um Platz für gro­ße Plan­ta­gen oder für Gold­mi­nen zu machen. Die Umwelt­ver­schmut­zung schrei­tet vor­an, ins­be­son­de­re der Flüs­se, die die Lebens­ader die­ser Regi­on dar­stel­len. Queck­sil­ber­ver­seu­chung des Was­sers bedroht die Gesund­heit und das Leben der indi­ge­nen und afro­ko­lum­bia­ni­schen Bevöl­ke­rung, die an den Ufern die­ser Flüs­se siedeln. 

Ursu­la und Uli schrei­ben, dass selbst in der Stadt Quib­do, die Haupt­stadt des Depar­ta­ment­os Cho­co, die Gewalt­grup­pen immer mehr die Kon­trol­le über die Wohn­vier­tel aus­deh­nen. »Sie sind die Ein­zi­gen, die kei­ner­lei Aus­gangs­be­schrän­kun­gen unter­lie­gen. Per­so­nen, die sich die­ser Herr­schaft wider­set­zen wol­len, wer­den ein­ge­schüch­tert und bedroht. Allein hier in Quib­dó haben wir die­ses Jahr bereits 87 Mord­fäl­le regis­trie­ren müs­sen. Es fal­len nach wie vor weit mehr Men­schen den Gewalt­ver­bre­chen zum Opfer als dem Coro­na­vi­rus, der bis­her im gesam­ten Chocó 70 Ster­be­fäl­le vers­ur­sacht hat.« (Rund­brief von Ursu­la Holz­ap­fel & Ulrich Koll­witz, Comi­sión Vida, Jus­ti­cia y Paz, v. 7.7.2020)

Und dies fin­det alles in einem Gebiet statt, wel­ches im Frie­dens­ver­trag als eines der 16 Ter­ri­to­ri­en erklärt wur­de, die beson­ders unter dem Gewalt­kon­flikt gelit­ten hat­ten und des­halb einer beson­de­ren Unter­stüt­zung des Staa­tes bedür­fen. Aber die­se Art von “Unter­stüt­zung” war sicher nicht gemeint vgl. Jus­ti­cia y Paz, Colom­bia, 30.12.2019.

In dem Auf­ruf wird auch beklagt, dass in einer Zeit, in der die Coro­na-Pan­de­mie, den tages­po­li­ti­schen Dis­kurs bestimmt, ihre Hil­fe­ru­fe unge­hört blei­ben. Es wird auf den kata­stro­pha­len Zustand des Gesund­heits­sys­tems (Kran­ken­haus­in­fra­struk­tur, Aus­rüs­tung, Per­so­nal, Leis­tungs­er­brin­gung) im gesam­ten Depar­te­ment Chocó auf­merk­sam gemacht, wel­cher die gesam­te Bevöl­ke­rung, jen­seits der Coro­na­vi­rus-Pan­de­mie, in eine Lage ver­setzt, in der sie stän­dig der Gefahr von Krank­hei­ten oder Unfäl­len schutz­los aus­ge­lie­fert ist. Alle länd­li­chen Gemein­den, vor allem die indi­ge­nen, sind nach wie vor stän­dig ende­mi­schen und epi­de­mi­schen Krank­hei­ten (Tuber­ku­lo­se, Lun­gen­ent­zün­dung, Den­gue-Fie­ber, Mala­ria) aus­ge­setzt, beglei­tet von chro­ni­scher Unter­ernäh­rung und einem schwa­chen Immunsystem.

Wenn die Regie­rung Wirk­sam­keit und Glaub­wür­dig­keit bei den Maß­nah­men zur Bekämp­fung der Coro­na-Pan­de­mie der Pan­de­mie und zum Schutz des Lebens der Bevöl­ke­rung errei­chen will, kann sie sich nicht auf Qua­ran­tä­neer­las­se beschrän­ken und das Pan­ora­ma des bewaff­ne­ten Kon­flikts, der ille­ga­len Wirt­schaft, des Elends, der Kor­rup­ti­on und der man­geln­den Gesund­heits­ver­sor­gung ver­nach­läs­si­gen, die im Depar­te­ment Chocó unzäh­li­ge Men­schen­le­ben fordern.

Die genann­ten Orga­nis­tio­nen for­dern die Regie­rung dazu auf, wirk­sa­me Maß­nah­men zu ergrei­fen, die dar­auf abzie­len, der Bevöl­ke­rung von Chocó ein ganz­heit­li­ches men­schen­wür­di­ges Leben zu garan­tie­ren. In den Gebie­ten muss die Aner­ken­nung der indi­ge­nen und afro­ko­lum­bia­ni­schen Selbst­ver­wal­tung unver­züg­lich wie­der­her­ge­stellt wer­den. Gefor­dert wird die voll­stän­di­ge Umset­zung des Frie­dens­ab­kom­mens zwi­schen der kolum­bia­ni­schen Regie­rung und den FARC vom Novem­ber 2016, wel­ches auch grund­sätz­li­che Fra­gen der Indi­ge­nen und Afrokolumbianer*innen umfasst. 

Der voll­stän­di­ge Wort­laut des Auf­rufs (in spa­ni­scher Spra­che) ist hier zum Down­load verfügbar. 

Wei­te­re Bei­trä­ge zu die­sem Thema:

Bemerkungen zur Geschichte der Gewalt in Kolumbien

Die Geschich­te der Gewalt, oder genau­er gesagt, der wie es scheint unhin­ter­frag­ten Durch­set­zung von Macht mit Hil­fe von Gewalt, beginnt bereits mit der Grün­dung des Staa­tes. Oder noch frü­her, mit der Aus­ru­fung der Unab­hän­gig­keit 1810. Gabri­el Gar­cía Már­quez spricht in sei­nem Erin­ne­rungs­buch “Vivir para con­tar­la” hin­sicht­lich der dort geschil­der­ten Ereig­nis­se der “Vio­len­cia” (1948 — 1953) von einem Bür­ger­krieg, “der uns seit der Unab­hän­gig­keit von Spa­ni­en beglei­tet hat­te und nun bereits die Uren­kel der ursprüng­li­chen Prot­ago­nis­ten ereil­te” (S. 344). Wie ich in mei­nen his­to­ri­schen Exkur­sen über die Unab­hän­gigs­keits­be­we­gung Neu­gra­na­das und den Aus­ein­an­der­set­zun­gen zwi­schen Zen­tra­lis­ten und Föde­ra­lis­ten noch wäh­rend der Geburt der Repu­blik zu zei­gen ver­sucht habe, wur­den die Mei­nungs­ver­schie­den­hei­ten über die künf­ti­ge Struk­tur des Staa­tes von Anfang an mit Gewalt aus­ge­tra­gen. Mit kata­stro­pha­len Fol­gen, denn die spa­ni­schen Trup­pen, die von Süden ange­rückt waren, um Neu­gra­na­da für das König­reich zurück­zu­er­obern, waren über die­sen Streit der Repu­bli­ka­ner natür­lich begeistert.

Eigent­lich gab es in die­sen Anfangs­jah­ren zwei Repu­bli­ken auf dem Boden des Vize­kö­nig­rei­ches Neu­gra­na­da: 1. Die “Repu­bli­ca de Cun­dina­mar­ca” (zen­tra­lis­tisch mit der Haupt­stadt Bogo­tá und unter der Prä­si­dent­schaft von Anto­nia Nari­ño) und 2. die föde­ra­ti­ve Repu­blik der “Pro­vin­ci­as Uni­das” (unter Camil­lo Tor­res) mit Tun­ja als Haup­stadt. Seit 1812 stan­den sich bei­de Sei­ten in einem Bür­ger­krieg gegen­über, der bis zur Ein­nah­me von Bogo­tá durch die Trup­pen der Pro­vin­ci­as Uni­das unter Simon Boli­var (sic!) im Jah­re 1814 dau­er­te. Gleich­zei­tig aber gab es auf dem Ter­ri­to­ri­um von Neu­gra­na­da eini­ge Pro­vin­zen, die über­haupt kei­ne repu­bli­ka­ni­schen Ambi­tio­nen hat­ten, son­dern am spa­ni­schen Regent­schafts­rat (Con­se­jo de Regen­cia) und spä­ter dann an Fer­di­nand II als ihrem König fest­hiel­ten. Das waren u.a. San­ta Mar­ta, Popa­yan, Pas­to). Bogo­tá fiel schon zwei Jah­re spä­ter (1816) wie­der in die Hän­de der Spa­ni­er. All die­se gewalt­vol­len Aus­ein­an­der­set­zun­gen ver­lei­te­ten Anto­nia Nari­ño zu sei­nem berühm­ten Aus­spruch vom “Patria Boba”, dem “när­ri­schen Vater­land”. Erst ab 1819 nach der ent­schei­den­den Schlacht an der Brü­cke von Boya­ca und der anschlie­ßen­den Grün­dung der “Repu­bli­ca de Colom­bia” setz­te für eini­ge Jah­re eine gewis­se Sta­bi­li­tät ein, die aller­dings deut­lich an die Auto­ri­tät Simon Boli­vars gebun­den war.

Nach dem Zer­fall des von Boli­var gegrün­de­ten Groß­ko­lum­bi­ens 1830 ent­stan­den in kur­zer Fol­ge und fast immer nach Mili­tär­put­schen, denen meist Bür­ger­krie­ge folg­ten, ver­schie­de­ne Repu­bli­ken mit abwech­seln­den zen­tra­lis­ti­schen oder föde­ra­lis­ti­schen Ver­fas­sun­gen. Kolum­bi­en hat­te im 19 Jahr­hun­dert fol­gen­de Namen und Verfassungen:

    • 1810 — Repu­bli­ca de Cun­dina­mar­ca (zen­tra­lis­tisch unter Anto­nia Nari­ño, Sitz Bogo­tá) und der föde­ra­ti­ven Repu­blik der Pro­vin­ci­as Uni­das (unter Camil­lo Tor­res, Sitz Tun­ja). Bei­de bestan­den aber nur bis Recon­quis­ta der Spa­ni­er im Jah­re 1816)
    • 1819 — Repu­bli­ca de Colom­bia (1819 — 1830: Gran Colombia)
    • 1830 — Repu­bli­ca de la Nue­va Gra­na­da (1853 libe­ra­le Ver­fas­sungs­re­form nach dem Brü­ger­krieg 1851. Erneu­ter Bür­ger­krieg 1854 )
    • 1858 — Con­fe­der­a­ción Gra­na­di­na (föde­ra­ti­ve Struk­tur mit 8 Ein­zel­staa­ten und einem Zen­tral­par­la­ment, 1860 — 1863 Bürgerkrieg)
    • 1863 — Estados Uni­dos de Colom­bia (Radi­kal-libe­ra­le und lai­zis­ti­sche Ver­afs­sung v. 8. Mai 1863 (Ver­fas­sung von Rio Negro, unter Prä­si­dent Mos­que­ra), neun weit­ge­hend unab­hän­gi­ge Ein­zel­staa­ten, aber erneu­te Bür­ger­krie­ge 1876–1877 und 1885 als die Libe­ra­len sich gegen den kon­ser­va­ti­ven Prä­si­dent Rafa­el Nuñez erhoben.)
    • 1886 Repu­bli­ca de Colom­bia (Nuñez sieg­te, grün­de­te den “Par­ti­do Nacio­nal” und führ­te eine zen­tra­lis­ti­sche und kon­ser­va­tiv gepräg­te Ver­fas­sung ein)

Allein in der zwei­ten Hälf­te des 19. Jahr­hun­derts erlei­de­te Kolum­bi­en sie­ben Bür­ger­krie­ge. In vie­len Stu­di­en wird vor allem der “Krieg der 1000 Tage” (1899 — 1902), den auch Gabri­el Gar­cia Mar­quez in sei­nem Buch “100 Jah­re Ein­sam­keit” behan­delt hat, eine ver­hee­ren­de Wir­kung auf die Repro­duk­ti­ons­lo­gik der Macht nach­ge­sagt, die sich dann im 20 Jahr­hun­dert fortsetzte.

Ein wei­te­res trau­ma­ti­sches Ereig­nis war der fürch­ter­li­che zehn­jäh­ri­ge Bür­ger­krieg von 1948 bis 1958, der als “Vio­len­cia” in die Geschich­te ein­ge­gan­gen ist. Er begann am am 9. April 1948, ein Tag der den Kolum­bia­nern als “Bogo­ta­zo” ins natio­na­le Gedächt­nis ein­ge­brannt ist. An die­sem Tag wur­de Jor­ge Elié­cer Gai­tán, Hoff­nungs­trä­ger für einen sozia­len Wan­del und aus­sichts­rei­cher Prä­si­dent­schafts­kan­di­dat der Libe­ra­len Par­tei in Bogo­tá auf offe­ner Stra­ße ermor­det. Gai­táns Ein­tre­ten für eine Ver­bes­se­rung der mate­ri­el­len Lebens­be­din­gun­gen der armen Bevöl­ke­rung und sei­ner damit in Zusam­men­hang ste­hen­den anti-olig­ar­chi­schen Rhe­to­rik hat­ten ihm eine enor­me Popu­la­ri­tät in der ein­fa­chen Bevöl­ke­rung aber auch ein gro­ßes Miss­trau­en der soge­nann­ten Eli­te des Lan­des, der Bour­geoi­sie und der Lati­fun­di­stas, sowohl in der kon­ser­va­ti­ven als auch in sei­ner eige­nen Par­tei, den Libe­ra­len, ein­ge­bracht. Nie­mand zwei­fel­te dar­an, dass er die Wah­len gegen den kon­ser­va­ti­ven Amts­in­ha­ber Maria­no Ospi­na Pérez gewin­nen wür­de. Die Hin­ter­grün­de und Hin­ter­män­ner die­ses Mor­des sind bis heu­te nicht rest­los geklärt. Aber die Wut der Anhän­ger Gai­tans kann­te kei­ne Gren­zen. In hef­ti­gen Stra­ßen­schlach­ten mit der Poli­zei wur­den über 3.000 Men­schen getö­tet, die hal­be Inne­stadt von Bogo­tá ver­wüs­tet. Es begann das dun­kels­te Kapi­tel in der Geschich­te Kolum­bi­ens, ein Bür­ger­krieg, der nach Schät­zun­gen ca. 300.000 Men­schen das Leben gekos­tet hat. Nahe­zu jede kolum­bia­ni­sche Fami­lie kann von Erleb­nis­sen berich­ten, in denen Fami­li­en­mit­glie­der von der “Vio­len­cia” in irgend­ei­ner Form betrof­fen waren: Ermor­dung, Ver­trei­bung, Bedro­hung, Flucht, Ver­fol­gung. Das alles hat sich tief in das kul­tu­rel­le Gedächt­nis der Gesell­schaft eingebrannt.

Tafel zum Geden­ken an die Ermor­dung von Gai­tan in Bogotá

Ich kann hier nur stich­punkt­mä­ßig die Ereig­nis­se skiz­zie­ren, deren Fol­gen bis heu­te zu spü­ren sind, denn letzt­lich führ­ten sie zur Grün­dung der Gue­ril­la und zu den krie­ge­ri­schen Aus­ein­an­der­set­zun­gen, die heu­te nach fast 70 Jah­ren, zu been­den ver­sucht wer­den. Wäh­rend der Kämp­fe wur­de im Grenz­ge­biet der süd­lich der Haupt­stadt Bogo­tá gele­ge­nen Pro­vin­zen Toli­ma, Hui­la, Cau­ca und Val­le del Cau­ca meh­re­re unab­hän­gi­ge Repu­bli­ken gegrün­det. Die his­to­risch bedeut­sams­te und gegen Inva­si­ons­ver­su­che der kolum­bia­ni­schen Armee wider­stän­digs­te war die “Repu­bli­ca de Mar­queta­lia”, in der die Kom­mu­nis­ti­sche Par­tei Kolum­bi­ens eine wich­ti­ge orga­ni­sie­ren­de Kraft dar­stell­te. Erst 1964 konn­te die kolum­bia­ni­sche Armee mit Unter­stüt­zung der CIA das Gebiet erobern und rich­te­te dabei ein Mas­sa­ker an. Die Über­le­ben­den zogen sich in die Ber­ge zurück und began­nen einen Gue­ril­la­krieg, auf den die Regie­rung mit der Auf­stel­lung von para­mi­li­tä­ri­schen Anti-Gue­ril­la-Ein­hei­ten, unter ihnen die wegen ihrer Grau­sam­keit gefürch­te­ten “Chul­avi­tas” und “Pája­ros”, reagier­te. Mit dem “Decre­to 3398” und “Ley 48” wur­den die­se Ein­hei­ten als “anti­kom­mu­nis­ti­sche Kampf­ein­hei­ten” vom kolum­bia­ni­schen Staat legi­ti­miert. 1966 schlos­sen sich dar­auf­hin die links­ge­rich­te­ten Gue­ril­la-Ein­hei­ten zu den »Fuer­zas Arma­das Revo­lu­tio­na­ri­as de Colom­bia – Ejérci­to de Pue­blo« (FARC-EP) zusammen.

Auch die vor­über­ge­hen­de Errich­tung einer Mili­tär­dik­ta­tur unter Gene­ral Gus­ta­vo Rojas Pinil­la (1953) und Gabri­el París Gor­dil­lo (1957) konn­te den ver­hee­ren­den Bür­ger­krieg nicht been­den. Dies gelang erst als sich die bei­den Kon­flikt­par­tei­en, die Libe­ra­len und die Kon­ser­va­ti­ven auf die Bil­dung einer “Fren­te Natio­nal” einig­ten, in der die Macht geteilt wur­de. Alle Regie­rungs­pos­ten wur­den je zur Hälf­te auf die bei­den Par­tei­en auf­ge­teilt. Der Prä­si­dent wur­de alle vier Jah­re mal von den Libe­ra­len, mal von den Kon­ser­va­ti­ven gestellt. Erst 1974 gab es wie­der freie Wahlen.

Para­mi­li­tä­ri­sche Ein­hei­ten, soge­nann­te “Auto­de­fen­sas”, wur­den nun auch von Groß­grund­be­sit­zern, in ers­ter Linie von Vieh­züch­tern, aber auch von Dro­gen­kar­tel­len finan­ziert, um sich so gegen die Akti­vi­tä­ten der Gue­ril­la zu weh­ren. 1994 wur­den Struk­tu­ren auf­ge­baut, um die sich im gan­zen Lan­de aus­brei­ten­den para­mi­li­tä­ri­schen Ver­bän­de zu koor­di­nie­ren (“CONVIVIR”). Es wird geschätzt, das CONVIVIR zeit­wei­se 120.000 bewaff­ne­te Kämp­fer kon­trol­lier­te (vgl. M. Koessl: Gewalt und Habi­tus. Para­mi­li­ta­ris­mus in Kolum­bi­en. Münster:Lit-Verlag; sowie: R. Zelik: Die kolum­bia­ni­schen Para­mi­li­tärs. “Regie­ren ohne Staat? oder ter­ro­ris­ti­sche For­men der Inne­ren Sicher­heit. Müns­ter 2009, West­fä­li­sches Dampf­boot). Dies wur­de aber bald für den Staat zu einem schwer kal­ku­lier­ba­ren Risi­ko und so wur­den die­se “Wach­schutz­ko­ope­ra­ti­ven” 1997 wie­der ver­bo­ten. Doch bereits im sel­ben Jahr erfolg­te die Grün­dung der “AUC” (Auto­de­fen­sas Uni­das de Colom­bia), die in den fol­gen­den Jah­ren die domi­nie­ren­de Rol­le der para­mi­li­tä­ri­schen Ver­bän­de ein­neh­men sollte.

Wäh­rend der 90er Jah­re war nicht mehr zu igno­rie­ren, dass die Gewalt in Kolum­bi­en nicht allein ein Kon­flikt zwi­schen der Gue­ril­la und der Regie­rung war. Die Opfer waren immer mehr Zivil­per­so­nen, füh­ren­de Akti­vis­ten indi­ge­ner und afro-kolum­bia­ni­scher Gemein­den, Gewerk­schafts­füh­rer, kri­ti­sche Jour­na­lis­ten, Rechts­an­wäl­te, Poli­ti­ker. Um nur ein Bei­spiel zu nen­nen: In der Zeit zwi­schen 1986 und 2002 hat der gewerk­schaft­li­che Dach­ver­band CUT 4.000 Mit­glie­der durch Ermor­dun­gen ver­lo­ren. In eini­gen Fäl­len waren gro­ße inter­na­tio­na­le Kon­zer­ne in sol­che Taten ver­wi­ckelt, wie beis­pils­wei­se das us-ame­ri­ka­ni­sche Berg­bau­un­ter­neh­men Drum­mond, Bri­tish Petro­le­um, Eco­Pe­trol, CocaCo­la, Chi­qui­ta u.a.. Die­se Fak­ten alar­mier­ten die inter­na­tio­na­le Öffent­lich­keit und die Fra­ge nach der Rol­le und der Ver­ant­wor­tung des Staa­tes wur­de gestellt.

Vor der Men­schen­rechts­kom­mis­si­on der Ver­ein­ten Natio­nen kam es zu einer Ankla­ge gegen die kolum­bia­ni­sche Regie­rung. Da es zu den Auf­ga­ben der Regie­rung gehö­re, die Sicher­heit der Ein­woh­ner zu garan­tie­ren, kön­ne sich die kolum­bia­ni­sche Regie­rung nicht von der Ver­ant­wor­tung über die Men­schen­rechts­ver­let­zun­gen frei­spre­chen, so lau­te­te die Ankla­ge. Die Regie­rung ver­such­te sich damit zu ent­schul­di­gen, dass sie doch alles in ihrer Macht ste­hen­de unter­näh­me, um die Ver­stö­ße zu unter­bin­den, aber die geo­gra­fi­sche Lage des Lan­des und ande­re Grün­de wür­den dies sehr schwer machen. Ja, zwei­fel­los macht die geo­gra­fi­sche Beschaf­fen­heit Kolum­bi­ens es sehr schwer, jeden Fleck des Ter­ri­to­ri­ums zu kon­trol­lie­ren, aber mitt­ler­wei­le gilt es als erwie­sen, dass der kolum­bia­ni­sche Staat nicht nur wegen der Unter­las­sung eines not­wen­di­gen Ein­grei­fens ver­want­wort­lich war, son­dern auch durch Mit­wis­sen und zum Teil auch durch Kom­pli­zen­schaft mit den maro­die­ren­den para­mi­li­tä­ri­schen Ver­bän­den. In Kolum­bi­en leug­net heu­te nie­mand mehr die zum Teil engen Bezie­hun­gen zwi­schen eini­gen poli­ti­schen Reprä­sen­tan­ten und Mili­tär­an­ge­hö­ri­gen zu para­mi­li­tä­ri­schen Grup­pen. Eini­ge Men­schen­rechts­ak­ti­vis­ten spre­chen von einer “neu­en infor­mel­len Art des Regie­rens”, einer Stra­te­gie der Absch­re­chung, die auch gegen die Zivil­be­völ­ke­rung gerich­tet war, um die Gue­ril­la von ihrer sozia­len Basis zu trennen.

Ins­be­son­de­re unter der Regie­rung von Alva­ro Uri­be beklag­te die Men­schen­rechts­kom­mis­si­on der UNO ein dra­ma­ti­sches Anstei­gen der Ver­stö­ße gegen die Men­schen­rech­te. Es ist hier nicht der Ort auf Details ein­zu­ge­hen, aber es ist m.E. sehr wich­tig davon Kennt­nis zu neh­men, dass in den lau­fen­den Ver­fah­ren im Zuge der Spe­zi­al-Gerichts­bar­keit für den Frie­den nicht nur die Gue­ril­la son­dern auch der Staat ange­klagt ist. Und aus mei­ner Sicht ist es bemer­kens­wert, dass die gegen­wär­ti­ge Regie­rung unter Manu­el San­tos dies aner­kannt hat und auf die­se Wei­se den Weg für den Frie­den frei­ge­macht hat. D.h. bei­de Ver­trags­part­ner sit­zen auf der Anklagebank.

Tom Koenigs’ zweiter Bericht

Der deut­sche Son­der­be­auf­trag­te für den Frie­dens­pro­zess in Kolum­bi­en, Tom Koenigs, hat sei­nen zwei­ten Bericht vor­ge­legt. Das, was ich an sei­nem ers­ten Bericht kri­ti­siert habe, näm­lich, dass Uner­wähnt­las­sen der para­mi­li­tä­ri­schen Akti­vi­tä­ten hat er nun dan­kens­wer­ter­wei­se nach­ge­holt. Und er hat es sehr gründ­lich getan, so dass sei­ner Ana­ly­se kaum etwas hin­zu­zu­fü­gen ist. “Die Nach­fol­ger des Para­mi­li­ta­ris­mus (NdP) ste­hen im kras­sen Wider­spruch zu allen Prot­ago­nis­ten (Gue­ril­la, Regie­rung, Zivil­ge­sell­schaft, Opfer usw.) und Inhal­ten (Land­wirt­schafts­re­form, Opfer­ent­schä­di­gung, Land­rück­ga­be, Ende der Dro­gen­wirt­schaft, Gerech­tig­keit, Nicht-Wie­der­ho­lung usw.) der Frie­dens­ver­trä­ge. Sie bedro­hen ihre Umset­zung akut. (…) Die Grup­pen selbst geben sich ent­we­der poli­ti­sie­rend euphe­mis­ti­sche Namen (z.B. mili­ci­as gai­ta­nis­tas unter Beru­fung auf den cha­ris­ma­ti­schen Volks­tri­bun der 1940 Jah­re Jor­ge Gai­tán) oder beto­nen die loka­le Clan­zu­ge­hö­rig­keit (Clan Úsu­ga). Gemein­sam ist ihnen äußers­te Bru­ta­li­tät gegen­über geg­ne­ri­schen bewaff­ne­ten For­ma­tio­nen und der Zivil­ge­sell­schaft, Ver­bin­dung zu Dro­gen­kar­tel­len, Schmugg­lern und ille­ga­len Geschäf­ten aller Art, man­cher­orts Nähe zu pri­va­ten Sicher­heits­kräf­ten oder ande­ren Gewalt­ak­teu­ren und schließ­lich eine gemein­sa­me Geschich­te mit den Para­mi­li­tärs (Auto­de­fen­sas Uni­dos de Colom­bia – AUC), die vor 15 Jah­ren noch lan­des­weit orga­ni­siert waren. (T. Koenigs: Zwei­ter Bericht über den Frie­dens­pro­zess in Kolum­bi­en, 30.4.2016). Zuzu­stim­men ist auch Koenigs Ein­schät­zung der Ein­bet­tung der Para­mi­li­tärs in das sozia­le Gefü­ge Kolum­bi­ens: “Die Ver­bin­dung zu Unter­neh­men und Grund­be­sitz ist nicht nur his­to­risch: Auf einer Ver­samm­lung der Grund­be­sit­zer, zu der sogar der ört­lich zustän­di­ge Bischof eigens ein­ge­la­den wor­den war, droh­ten die­se noch vor kur­zem (2015) ganz offen mit den neu­en Para­mi­li­tärs, als bewaff­ne­te Reser­ve, falls der Staat ihre (in die­sem Fall Zoll- und Export-) Pri­vi­le­gi­en antas­te. Anders als vor der Teil-Demo­bi­li­sie­rung unter Uri­be erklä­ren sie aber der Regie­rung von heu­te (San­tos) nicht mehr ihre Unter­stüt­zung.” (ebd.) Aber die Para­mi­li­tärs schei­nen sich den­noch ihrer Unter­stüt­zung durch einen gro­ßen Teil der soge­nann­ten “Eli­te” Kolum­bio­ens sicher zu sein. Koenigs berich­tet: “Am 11.04.2016 hin­ter­ließ eine Grup­pe, die sich „Auto­de­fen­sas Gai­ta­nis­tas de Colom­bia“ nennt, in Cali in dem Büro der natio­na­len Orga­ni­sa­ti­on der Opfer von Staats­ver­bre­chen MOVICE ein Pam­phlet, das u.a. erklärt: ‘Wir wie­der­ho­len unse­re Posi­ti­on auf natio­na­ler, Bezirks- und Gemein­de­ebe­ne… Wir haben begon­nen, alle die­se lin­ken Rat­ten und Dreck­schwei­ne (ratas gono­reas, hijos de puta izquier­di­stas), Akti­vis­ten, Ver­tei­di­ger der Men­schen­rech­te und des Frie­dens­pro­zes­ses, Indi­ge­nen­füh­rer, Mit­glie­der des Volks­kon­gres­ses (con­gre­so de los pue­blos) und Unter­stüt­zer der Gue­ril­la, Gewerk­schaf­ter aus­zu­rot­ten (venimos exter­mi­n­an­do), wir wis­sen schon, wo sie sich ver­ste­cken… Wir erklä­ren als mili­tä­ri­sches Ziel alle, die sich als Ver­tei­di­ger der Arbei­ter ver­klei­den und in den ver­schie­de­nen Orga­ni­sa­tio­nen sam­meln…’“ (T. Koenigs: 2 Bericht …).

Wel­chen Aus­weg sieht Koenigs? Ohne eine Zusam­men­ar­beit mit den Uri­bi­stas wird die Zurück­drän­gung des Para­mi­li­ta­ris­mus nicht gelin­gen. Aber da gibt es eigent­lich wenig Analss zu Opti­mis­mus: Denn bis­her hat “weder die ver­söhn­li­che Ein­la­dung Oba­mas zum 15. Jah­res­tag des ‘Plan Colom­bia’ noch die Initia­ti­ven des frü­he­ren Gene­ral­se­kre­tärs der UN Kofi Ann­an zum Erfolg geführt”. Dem­entspre­chend klingt sich Koenigs Schluss­fol­ge­rung fast ein wenig hilf­los, wenn er an die Inter­na­tio­na­le Gemein­schaft appel­liert, gemein­sam mit den kolum­bia­ni­schen Par­la­men­ta­ri­ern “wei­ter (zu) ver­su­chen, die Basis zur Unter­stüt­zung des Frie­dens zu erwei­tern; andern­falls gin­gen nach einem – und die Umfra­gen bewe­gen sich in bedenk­li­cher Wei­se in die­se Rich­tung – Schei­tern des Refe­ren­dums vor allem die Para­mi­li­tärs gestärkt, ja fast legi­ti­miert aus dem Pro­zess her­vor und bei­de Gue­ril­la­grup­pen und der kolum­bia­ni­sche Staat wür­den den Krieg fort­set­zen müssen.”

Uribistas und Paramilitarismus verhindern den Friedensschluss

Die Hoff­nung, die Frie­dens­ver­hand­lun­gen in Havan­na mit der Unter­zeich­nung des Ver­tra­ges am 23. März 2016 abzu­schlie­ßen haben sich lei­der vor­erst zer­schla­gen. Wor­an genau es geschei­tert ist, ist unklar, aber durch­ge­si­ckert ist, dass es die Hal­tung zu den rechts­ge­rich­te­ten para­mi­li­tä­ri­schen Ver­bän­den war, über die man sich nicht eini­gen konn­te. Das, was ich in eini­gen der vor­her­ge­hen­den Arti­kel beschrie­ben hat­te, näm­lich dass die Para­mi­li­tärs begon­nen haben, sich in Posi­ti­on zu brin­gen, um das durch den Rück­zug der FARC ent­ste­hen­de Macht­va­ku­um in bestimm­ten Regio­nen aus­zu­fül­len, ist selbst­ver­ständ­lich auch den Ver­hand­lungs­de­le­ga­tio­nen in Hava­na nicht ver­bor­gen geblie­ben. Die­se Ent­wick­lung steht in kras­sem Wider­spruch zu den Zie­len des Frie­dens­pro­zes­ses und bedroht die Hoff­nung aller Betei­lig­ten, v.a. vie­ler zivil­ge­sell­schaft­li­cher Grup­pen. Denn sie sind es vor allem, die unter den Para­mi­li­tärs lei­den. Schon die Ver­gan­gen­heit hat­te gezeigt, dass die Para­mi­li­tärs die offe­ne Aus­ein­an­der­set­zung mit den FARC eher scheu­ten, und statt­des­sen mehr “wei­che” Zie­le ange­grif­fen haben, denen sie Unter­stüt­zung der Gue­ril­la vor­war­fen. Dies waren Gewerk­schaf­ter, Men­schen­rechts­ak­ti­vis­ten, Stu­den­ten, Repre­sen­tan­ten von indi­ge­nen Gemein­schaf­ten, kri­ti­sche Jour­na­lis­ten, Rechts­an­wäl­te, NGOs, und sozia­le Orga­ni­sa­tio­nen, die fast immer unbe­waff­net und wehr­los waren (vgl. Man­fre­do Koes­sel: Gewalt und Habi­tus, Müns­ter 2014, S. 56). Ein Vor­ge­schmack, was der kolum­bia­ni­schen Gesell­schaft blü­hen könn­te, war der soge­nann­te “Paro Arm­a­do” (bewaff­ne­ter Streik) am 29. März 2016. An die­sem Tag patroul­lier­ten in ins­ge­samt 50 kolum­bia­ni­schen Gemein­den schwer bewaff­ne­te Män­ner in neu­en Uni­for­men auf den Stra­ßen und zwan­gen die Bevöl­ke­rung, alle Akti­vi­tä­ten ein­zu­stel­len, die Geschäf­te und Schu­len zu schlie­ßen. Der Ver­kehr kam völ­lig zum Erlie­gen. 6 Poli­zis­ten wur­den umge­bracht, 24 Per­so­nen ver­letzt, Autos wur­den ver­brannt und die Bevöl­ke­rung auf­ge­ru­fen, sich einem von den Uri­bi­stas initi­ier­ten Pros­test­marsch am 1. April gegen den Frie­den­pro­zess anzu­schlie­ßen. Die­ser Auf­ruf wur­de angeb­lich von 100.000 Per­so­nen gefolgt. Man mag die­se Zahl ein­schät­zen wie man will, es bleibt das Fak­tum eines tief gespal­te­nen Lan­des. Mit dem Pro­test­marsch ver­such­ten die Bel­li­zis­ten um Alva­ro Uri­be auch Druck auf das Ver­fas­sungs­ge­richt aus­zu­üben, das in Kür­ze dar­über ent­schei­den will, ob das von der Regie­rung San­tos ange­streb­te Refe­ren­dum zur Zustim­mung der in Havan­na aus­ge­han­del­ten Ver­ein­ba­run­gen, ver­fas­sungs­kon­form ist oder nicht.

Tom Koenigs’ Schweigen

Es ist eine para­do­xe Sitau­ti­on: Wäh­rend die Hoff­nung auf den Abschluss eines Frie­dens­ver­tra­ges zwi­schen der kolum­bia­ni­schen Regie­rung und der FARC gestie­gen und ein Frie­den tat­säch­lich in greif­ba­re Nähe gerückt ist, hat die Zahl der poli­tisch moti­vier­ten Mor­de in Kolum­bi­en  2015 zuge­nom­men. Wäh­rend bereits im Dezem­ber die Men­schen­rechts­kom­mis­si­on der UNO dar­auf auf­merk­sam gemacht hat, dass in Kolum­bi­en 2015 mehr Men­schen aus poli­ti­schen Moti­ven umge­bracht wur­den als im Jah­res­durch­schnitt der letz­ten zwan­zig Jah­re (UNHR: comu­ni­ca­do de pren­sa). In einer am 19. Novem­ber 2015 ver­öf­fent­lich­ten Pres­se­er­klä­rung macht der Hoch­kom­mis­sar der Ver­ein­ten Natio­nen für Flücht­lin­ge (UNHCR) dar­auf auf­merk­sam, dass er zwi­schen 1994 und 2015 ins­ge­samt 729 poli­ti­scher Mor­de in Kolum­bi­en ver­zeich­net hat, davon allein 20 in den ers­ten neun Mona­ten des Jah­res 2015. Der UNHCR weist dar­auf hin, dass fast alle Mor­de bis­lang straf­frei geblie­ben sind. Nament­lich wer­den die jüngs­ten und bereits in mei­nem Bei­trag vom 23. Novem­ber erwähn­ten Anschlä­ge auf JOHN JAIRA RAMIREZ OLAYA, DANIEL ABRIL, LUIS FRANCISCO HERNÁNDEZ GONZALES erwähnt. Der UNHCR hebt in der Pres­ser­klä­rung die wich­ti­ge Rol­le her­vor, die die Men­schen­rechts­ver­tre­ter beim Auf­bau einer demo­kra­ti­sche­ren und glei­che­ren Gesell­schaft, ins­be­son­de­re in der gegen­wär­ti­gen Pha­se des Auf­baus eines dau­er­haf­ten Frie­dens spie­len, und for­dert die staat­li­chen Insti­tu­tio­nen Kolum­bi­ens auf, mehr zum Schutz der Per­so­nen, die sich für die Men­schen­rech­te ein­set­zen, zu unternehmen.

Betrach­tet man die jüngs­ten Vor­komm­nis­se dann gewinnt man nicht den Ein­druck, dass die staat­li­chen Insti­tu­tio­nen die­ser Auf­ffor­de­rung gro­ße Beach­tung schen­ken. Mein im Novem­ber gewon­ner Ein­druck, eines unge­stör­ten Durch­mar­sches rech­ter para­mi­li­tä­ri­scher Ver­bän­de scheint Tag für Tag bestä­tigt zu wer­den. Anfang Janu­ar, waren fünf Men­schen im Chocó ermor­det wor­den, zwei der Opfer leb­ten auf den kol­lek­ti­ven Län­de­rei­en der Caca­ri­ca-Frie­dens­ge­mein­den. Ein­woh­ner des Gebie­tes spre­chen von mitt­ler­wei­le 1.000 Para­mi­li­tärs in der Regi­on. Dem Mili­tär, das Ein­woh­nern zufol­ge nur zehn Kilo­me­ter von dem Stütz­punkt der Para­mi­li­tärs eine Basis hat, wird vor­ge­wor­fen, den Auf­marsch der Para­mi­li­tärs in den kol­lek­ti­ven Ter­ri­to­ri­en der Afro­ko­lum­bia­ner nicht nur zu dul­den son­dern die­sen sogar zu unter­stüt­zen. (ame­ri­ka 21- Nach­rich­ten und Ana­ly­sen aus Latein­ame­ri­ka; v. 18.1.2016)

Auch CARITAS mel­det mitt­ler­wei­le Besorg­nis über die zuneh­men­de Kon­zen­tra­ti­on para­mi­li­tä­ri­scher Ver­bän­de und einer Zunah­me von Gewalt in den von die­sen besetz­ten Gebie­ten. “Wir stel­len mit gro­ßer Sor­ge fest, dass bewaff­ne­te Grup­pen sich ins­be­son­de­re in den Regio­nen aus­brei­ten, aus denen sich die FARC im Vor­feld der Unter­zeich­nung des Frie­dens­ver­tra­ges zurück­zieht”, berich­tet der Direk­tor der Cari­tas Kolum­bi­en, Mon­se­ñor Hec­tor Fabio Hen­ao. (Cari­tas-Pres­se­er­klä­rung vom 1. März 2016) 

Unter dem Ein­druck die­ser Ereig­nis­se ist es befremd­lich, dass der deut­sche Son­der­be­auf­trag­te für den Frie­dens­pro­zess in Kolum­bi­en, der Grü­nen-Abge­ord­ne­te Tom Koenigs, in sei­nen Berich­ten, die­se dra­ma­ti­sche Sitau­ti­on nicht ein­mal für erwäh­nens­wert hält. War­um er das nicht tut, kann ich mir nicht erklä­ren, denn sicher­lich kann Tom Koeni­ges nicht ver­däch­tigt wer­den, den Men­schen­rechts­ak­ti­vi­tä­ten zu wenig Auf­merk­sam­keit ent­ge­gen­zu­brin­gen. Noch in sei­ner Pres­se­er­klä­rung zum Tage der Men­schen­rech­te am 2. Dezem­ber 2015 hat­te er geschrie­ben: “Es zeigt sich, dass Rechts­staat­lich­keit allei­ne häu­fig kei­ne Garan­tie für die Ein­hal­tung der Men­schen­rech­te ist. Auch Rechts­staa­ten brau­chen Men­schen­rechts­ver­tei­di­ger, die den Zustand der Men­schen­rech­te stän­dig über­prü­fen, beob­ach­ten und öffent­lich zum The­ma machen.” Ja, was nun? Fragt man sich. Gera­de das wird gegen­wär­tig in Kolum­bi­en durch para­mi­li­tä­ri­sche Gewalt zu ver­hin­dern ver­sucht. War­um erhebt er sei­ne Stim­me nicht? Könn­te es sein, dass er sich bei sei­nem Beob­ach­tun­gen zu sehr auf die Gesprä­che in Havan­na kon­zen­triert und ihm dabei die Gesamt­si­tua­ti­on im Lan­de aus dem Blick gerät?

So wird das nix! Aufflammende paramilitärische Gewalt
könnte alles in Frage stellen

Wie kann ein dau­er­haf­ter Frie­den in Kolum­bi­en aus­se­hen, wenn zwar die Regie­rung mit der FARC in Havan­na seit Jah­ren ver­han­delt, gleich­zeii­tg aber den ter­ro­ris­ti­schen Aktio­nen rechts­ge­rich­ter Para­mi­li­tärs nichts ent­ge­gen­setzt wird? Die­se Fra­ge muss man sich heu­te, nach einer Serie äußerst besorg­nis­er­re­gen­der Vor­fäl­le, durch die allein im Novem­ber 2015 meh­re­re bekann­te Men­schen­rechts­ver­tre­ter  nicht  nur bedroht son­dern lei­der auch Opfer para­mi­li­ä­ri­scher Ter­ror­ak­te gewor­den sind, stel­len. Am 9. Okto­ber wur­de JOHN JAIRO RAMÍREZ OLAYA aus sei­nem Haus in Buen­aven­tu­ra, der Hafen­stadt an der kolum­bia­ni­schen Pazi­fik­küs­te (Depar­ta­men­ta Val­le de Cau­ca) von 10 Para­mi­li­tärs ent­führt und anschlie­ßend ermor­det. Weni­ge Tage spä­ter, am Nach­mit­tag des 13. Novem­ber wur­de der Umwelt- und Men­schen­rechts­ak­ti­vist DANIEL ABRIL, Mit­glied des zivi­len Kom­mit­tees der Ver­tei­di­gung der Men­schen­rech­te im Depar­ta­men­to de Meta (süd­öst­lich von Bogo­tá gele­gen) und Mit­glied der “Coor­di­nacin Colom­bia — Euro­pa — Estados Uni­dos (CCEEU)” getö­tet. Dani­el Abril war vor allem bekannt gewor­den durch die Auf­de­ckung der rück­sichts­lo­sen Umwelt­schä­den, ins­be­son­de­re der Grund­was­ser­ver­seu­chung, die die mul­ti­na­tio­na­len Erd­öl­ge­sell­schaf­ten bei der För­de­rung der Erd­öl­res­sour­cen des Depar­ta­men­to Casa­na­re (eben­falls nahe der Haupt­stadt Bogo­tá) ver­ur­sacht hat­ten. Am glei­chen Tag, es war der Tag der Ter­ror­an­schlä­ge in Paris, wur­de auch LUIS FRANCISCO HERNÁNDEZ GONZÁLEZ in Tier­r­al­ta (Depar­ta­men­to de Cór­do­ba) erschos­sen. Er war einer der füh­ren­den Ver­tre­ter der afro­ko­lum­bia­ni­schen Gemein­den, die sich seit Jah­ren für die Rück­ga­be des Lan­des, von dem sie ver­trie­ben wor­den waren, ein­set­zen. Mit gro­ßer Besorg­nis wur­de auch der am Diens­tag, dem 17. Novem­ber glück­li­cher­wei­se von der “Guar­dia Indi­gi­na” ver­ei­tel­te Atten­tats­ver­such auf FELICIANO VALENCIA, einem der füh­ren­den Per­so­nen der indi­ge­nen Bewe­gung in Kolum­bi­en wahr­ge­nom­men. In einem dra­ma­ti­schen Appel wen­det sich die “Coor­di­nación Colom­bia-Euro­pa-Estados Uni­dos (CCEEU)” an die Welt­öf­fent­lich­keit und drückt ihre Besorg­nis über die gegen­wär­ti­ge Situa­ti­on der Men­schen­rech­te in Kolum­bi­en aus (CCEEU): Bol­le­tin v. 17.11.2015 )

Ein — glück­li­cherweie erfolg­lo­ser — Atten­tats­ver­such wur­de auch auf den bekann­ten Men­schen­rechts­ver­tre­ter  ADOLFO VERBEL ROCHA am 23. Novem­ber im Depar­ta­men­to Sucre ver­übt (http://bit.ly/1Ixezzb). Und wie die kolum­bia­ni­sche Tages­zei­tung “El Espec­ta­dor”  am 22.11.2015  berich­tet, wur­de nun auch der Jour­na­list EDINSON BOLAÑOS bedroht, nach­dem er umfang­rei­che Recher­chen über ille­ga­len Gold­ab­bau in Cau­ca unter­nom­men und dar­über berich­tet hat­te. (El Espec­ta­dor v. 22.11.2015: “Magna­tes del oro ver­sus peque­ños min­e­r­os”: http://bit.ly/1ScUP9p).

Mit sehr gro­ßer Besorg­nis reagie­ren Men­schen­rechts­grup­pen in Kolum­bi­en auch auf den bekannt gewor­de­nen Vor­marsch der Para­mil­tärs in das bereits in den 90er Jah­ren zwi­schen Gue­ril­la und Para­mi­li­tärs stark umkämpf­te Gebiet am Golf von Ura­bá, einer Meer­enge der Kari­bik zwi­schen Kolum­bi­en und Pana­ma. Wie die öku­me­ni­sche Kom­mis­si­on “Comi­si­on Inte­regle­si­cal Jus­ti­cia y Paz” mit­teil­te, sind die rechts­ge­rich­te­ten Mili­zen in vier Grup­pen in die Jigu­a­mi­an­dó-Zone im nord­west­li­chen Ura­bá ein­ge­drun­gen ((Jus­ti­cia y Paz v. 3.11.2015) ). Dabei hät­ten sie Gebie­te unter Kon­trol­le der kolum­bia­ni­schen Mari­ne, der Land­streit­kräf­te und der Poli­zei pas­siert, ohne auf­ge­hal­ten wor­den zu sein. Sie sei­en für einen län­ge­ren Auf­ent­halt ein­ge­rich­tet, gut ver­sorgt und hät­ten — so Berich­te aus der Bevöl­ke­rung — die Unter­stüt­zung des Mili­tärs. In den 90er Jah­ren waren vie­le Bewoh­ner von ihrem Land ver­trie­ben wor­den, das sich dann Füh­rer para­mi­li­tä­ri­scher Ver­bän­de ange­eig­net hat­ten. Zum Teil ver­kauf­ten sie die­ses Land an Drit­te. Ein dies­be­züg­lich bekannt gewor­de­ner Fall ist der von JORGE PRETELT CHALJUB, Rich­ter beim kolum­bia­ni­schen Ver­fas­sungs­ge­richt, des­sen Ehe­frau ein sol­ches Anlie­gen erwor­ben hat­te. Ich hat­te die­sen Fall am 28. März 2015 unter der Über­schrift  “Insti­tu­tio­nel­ler GAUbeschrie­ben. In Ura­bá gibt es seit vie­len Jah­ren inten­si­ve Bemü­hun­gen um die Rück­ga­be des Lan­des an die ursprüng­li­chen Eigen­tü­mer. Inter­na­tio­nal bekannt wur­de die Gemein­de San José de Apart­adó, die sich jed­we­der auf­ge­zwun­ge­nen Koope­ra­ti­on mit Gue­ril­la oder Para­mil­tärs wider­setz­te und sich allen Repres­sa­li­en zum Trotz zur Frie­dens­ge­mein­de erklär­te (Vgl. auch den Doku­men­tar­film von Jor­ge Pavez “San Jose de Apart­ado: sin armas en colom­bia — San Jose de Apart­ado: Ohne Waf­fen in Kolum­bi­en [Kolumbien/Deutschland 2005]). Die Ein­woh­ner von San José de Apart­adó haben sich nun mit einem ein­dring­li­chen Hil­fe­ruf an den kolum­bia­ni­schen Staat gewandt, der nicht zulas­sen dür­fe, dass es erneut — wie in den Jah­ren 1996 und 1997 — zu Repres­sa­li­en, Ver­trei­bun­gen und Mas­sa­kern kommt  (Colom­bia­no v. 5.11.2015) ). Auch in das Gebiet der Caca­ri­ca-Frie­dens­ge­mein­de west­lich von Jigu­a­mi­an­dó, das sich größ­ten­teils in kol­lek­ti­ven Land­be­sitz indi­ge­ner Gemein­den befin­det, sind 120 Män­ner der para­mi­li­tä­ri­schen Grup­pe “Auto­de­fen­sas Gai­ta­nis­tas de Colom­bia“ (AGC) trotz der Anwe­sen­heit des Mili­tärs ein­ge­drun­gen. Mit 300 Ange­hö­ri­gen sind die AGC mitt­ler­wei­le auch in das Gebiet um die Bahía Sola­no im Chocó, süd­lich von Ura­bá, vor­ge­drun­gen. Auch von hier wer­den ein­dring­li­che Hil­fe­ru­fe gegen das Anwach­sen para­mi­li­tä­ri­scher Grup­pen aus­ge­sandt. Befürch­tet wird, dass hier para­mi­li­tä­ri­sche Struk­tu­ren für die Zeit nach den Ver­hand­lun­gen in Havan­na vor­be­rei­tet wer­den (Amerika21 v. 10.11.2015, vgl. auch Amerika21 v. 1.11.2015).

Ein ande­res Pro­blem droht für die Zeit nach dem Frie­dens­schluss von bestimm­ten Über­le­gun­gen, die von der FARC aus­ge­hen. Wie die Comi­sión Vida, Jus­ti­cia y Paz in Quib­do, Depar­ta­men­to Cho­co, mit­teil­te, gehen die im Cho­co ope­rie­ren­den FARC-Ein­hei­ten offe­nicht­lich davon aus, dass ihre Kämp­fer nach  der Demo­bi­li­sie­rung dort ange­sie­delt wer­den, wo sie sich gera­de befin­den, das heisst im Fal­le des Chocó, auf dem Ter­ri­to­ri­um der Afro­ge­mein­den und nicht etwa auf brach lie­gen­den Län­de­rei­en der Gross­grund­be­sit­zer. Die­se Vor­stel­lung hat die Befürch­tung in der Bevöl­ke­rung geweckt, dass die alten Pri­vi­le­gi­en der Ober­schicht auf Kos­ten der ärms­ten Bevöl­ke­rungs­schicht unan­ge­tas­tet blei­ben und sogar eine neue pri­vi­le­gier­te Grup­pe von Exgue­ril­le­ros ent­ste­hen könnte.