Archiv der Kategorie: Wissenskulturen

Seminar an der Universität Bielefeld, Fakultät für Soziologie „Kulturgeschichte des Internet“ (Michael Paetau: Sommersemster 2012)

„Internet soll frei sein“ (Bangemann, M. et al.: Europe and the global information society. Recommendations to the European Council. May 1994)

Die Nutzung des Internet und der damit verbundene Wandel der gesellschaftlichen Kommunikationsverhältnisse verändert eine ganze Reihe von bislang oft unhinterfragt akzeptierten Vorstellungen über die Welt, von Verhaltensweisen, Wahrnehmungsmustern, Begriffen und sozialen Sinnbezügen. Diesen zum Teil sehr rasanten und tiefgreifenden kulturellen Wandlungsprozess wollen wir in dem Seminar anhand der semantischen Entwicklung von Begriffen bzw. Begriffspaaren wie Virtualität und Realität, Raum und Zeit, Interaktion und Kommunikation, Erinnern und Vergessen, Privatheit und Öffentlichkeit, Individualität und Gemeinschaft, Eigentum, Freiheit und anderen mehr beschreiben und in Bezug zu der sich in den letzten Jahren vollzogenen und sich weiter vollziehenden medialen Entwicklung soziologisch analysieren.

Arbeitskreis „Wissensallmende und Neue Medien“ (Sommersemester 2012)

„Commons bieten uns die Möglichkeit, die Dinge so beim Namen zu nennen, dass wir nicht blindlings die Fiktionen der alten Ordnung wiederholen.“ (S. Helfrich & D. Bollier: Commons als transformative Kraft, Bielefeld 2012)

Die Diskussion um die Entwicklungschancen der sogenannten „Wissensallmende“ ist eingebettet in die generellere Diskussion um Gemeingüter bzw. die „Commons“. Durch die Verleihung des Nobelpreises für Wirtschaft im Jahre 2009 an Elinor Ostrom hat diese Diskussion einen enormen Aufschwung genommen. Im AK »Wissensallmende« befassen wir uns mit der Frage, was ist eine Wissensallmende, wie könnte sie genau aussehen und welche Überlebensmöglichkeit hätte sie in einer Welt, die durch die Hegemonie einer warenproduzierenden, und damit an der Schaffung von Mehrwert orientierten Gesellschaft geprägt ist. Wir beginnen mit einem Ausflug in die Geschichte und fragen: welche Bedeutung hat die Allmende in früheren Epochen des Feudalismus und des aufstrebenden Industriekapitalismus tatsächlich gespielt. Wie könnte die Utopie einer Wissensallmende aussehen? Und in welchem Verhältnis stehen Immaterialgüter (wie z.B. Wissen) und materielle Güter (z.B. Produkte, in denen hochkomplexes Wissen inkorporiert ist)?

Seminar an der Universität Bielefeld, Fakultät für Soziologie, „Mediatisierung von Wissenskulturen“, (Michael Paetau: Wintersemester 2011/2012)

„In jeder historischen Situation entwickeln Gesellschaften besondere soziale Mechanismen, die den Umgang mit ihrem Wissen steuern. Hier wird entschieden welches Wissen bewahrt, welches vergessen oder welches gar vollständig vernichtet wird, und in welcher Weise dies geschieht. In diesem Sinne sind alle Gesellschaften Wissensgesellschaften. Es werden Strukturen aufgebaut, in denen das Wissen produziert, verteilt, angewendet, gespeichert, wiedergefunden und vergessenwird.“ (Wissenskulturen e.V., 2008)

Wissenskulturen sind in den letzten Jahren mehr und mehr zum Gegenstand einer interdisziplinären Forschung geworden. Dabei geht es um die Frage, welche sozialen, technischen und symbolischen Faktoren den Umgang einer Gesellschaft mit ihrem Wissen hinsichtlich seiner Erzeugung, seiner Speicherung, seiner Verteilung und seines Zugangs beeinflussen. Das in diesen vier allgemeinen Dimensionen einer jeden Wissensformation zu identifizierende Kulturelle lässt sich zwar als »handlungsorientierende Sinnkonstruktion« (T. Luckmann) verstehen, gleichwohl ist es weit davon entfernt als etwas Homogenes und als »one true self« (S. Hall) gelten zu können. Im Sinne der »Cultural Studies« und – in deren Folge – der neueren »Subcultural Studies« lassen sich Wissenskulturen eher als differentielle und hybride Syndrome bezeichnen, die einen relevanten Einfluss auf andere gesellschaftliche Bereiche ausüben (z.B. auf die öffentliche Meinung, auf den Zugang zu Bildung, auf die Freiheit der Kunst, auf Geschlechterverhältnisse, rassistische und sexuelle Diskriminierungsphänomene aber auch auf gesellschaftliche Machtverhältnisse) und umgekehrt natürlich auch selbst von diesen beeinflusst werden (z.B. von informations- und kommunikations-technischen Systemen oder von den Rechtsverhältnissen einer Gesellschaft). Dieses Seminar stellt die Frage der Mediatisierung von Wissenskulturen in das Zentrum der Diskussion. Es geht um die Beschreibung und die Analyse des mit dem Einsatz neuer Medien verbundenen Wandels in der Art und Weise, wie die Gesellschaft mit ihrem Wissen umgeht. Dazu werden wir Verschiebungen aufspüren, die sich in – ausgewählten – Bereichen der Wissenskultur feststellen lassen. Dabei soll neben der Berücksichtigung einiger – für die Entwicklungsgeschichte der Medien und der Medientechnik relevanter – historischer Beispiele (z.B. R. Stallman 1985; E. Raymond 1999; L. Lessig 2004) vor allem auf aktuelle Beispiele eingegangen werden. Denkbar sind Themen wie »Social-Media-Technologies«, Fragen des sogenannten »geistigen Eigentums«, die »Post-Privacy-Debatte«, »Vorratsdatenspeicherung«, »WikiLeaks« u.a.m..

Arbeitskreis „Wissensgeschichte des Liberalismus“ (Sommersemster 2011)

„Es ist schon eigenartig, dass dieselben Leute, die in geschliffenene Worten von politischer Freiheit sprechen und das Recht auf Steuererhebung für ein unveräußerliches Menschenrecht halten, keine Skrupel haben, einen Großteil ihnen ähnlicher Geschöpfe Bedingungen zu unterwerfen, in denen diese nicht nur allen Eigentums, sondern auch fast aller Rechte beraubt sind.“ (John Millar, schottischer Aufklärer 1771)

Der AK »Wissensgeschichte des Liberalismus« des Vereins »Wissenskulturen e.V.« beschäftigt sich mit den philosophischen Grundlagen, der Herausbildung des freien Welthandels und die Entwicklung Englands zur dominanten Weltmacht im 18. Jahrhundert, die Auseinandersetzungen innerhalb des Liberalismus im Zusammenhang mit der amerikanischen Revolution, über Sklavenhandel und Sklavenhaltung in den USA und den europäischen Kolonien sowie über die Leibeigenschaft in Europa selbst. Wir wollen auch die Bedeutung liberalen Denkens in der französischen Revolution und danach untersuchen, die Auswirkungen auf die Unabhängigkeitsbewegung in Südamerika, sowie die Rolle des Liberalismus im Zusammenhang mit der deutschen und italienischen Nationalbewegung des 19. Jahrhunderts. Betrachtungen zur zeitweiligen Zurückdrängens liberalen Denkens in der ersten Hälfte des 20. Jahhrunderts und seiner erneuten Durchsetzung in der zweiten Hälfte des 20. Jahhunderts runden das Programm dieses Arbeitskreise ab.

Arbeitskreis „Historischer Wandel von Wissenskulturen am Beispiel von Aufklärung, Romantik und Postmoderne“
(Sommersemester 2010)

„Die Vernunft hat immer existiert, nur nicht immer in der vernünftigen Form.“
(K. Marx, Brief an A. Ruge, 1843)

Am Beispiel des Umbruchs von der Aufklärung zur Romantik wird nachgezeichnet, wie sich Diskurskonstellationen verändern und so letztlich zu einer neuen Wissensordnung führen können. Anhand ausgewählter Literaturstellen wird der Wandel in den Diskursen von Philosophie, Epistemologie, Politik und Kunst herausgearbeitet und in eine Beziehung gesetzt zu den Debastten, wie sie im Diskurs um die sogenannte „Postmoderne“ geführt werden und zu den aktuellen
Veränderungen der gesellschaftlichen Kommunikationsverhältnisse, wie wir sie gegenwärtigen im Zuge der sogenannten „digitalen Revolution“ beobachten.