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Hegel und Haiti”

Auf dem Rück­flug von Medel­lin nach Bogo­tá habe ich ange­fan­gen das Buch von Buck-Morss “Hegel und Hai­ti” zu lesen. Ich hat­te es zwar schon im Gepäck, als ich von Deutsch­land nach Kolum­bi­en auf­brach, aber die Dis­kus­si­on auf dem Sozio­lo­gie-Kon­gress in Medel­lin hat mich dann rich­tig ani­miert, die­ses Buch zu lesen, das sehr gut in die gegen­wär­ti­ge Debat­te über Euro­zen­tris­mus, über “Whiteness” und post-kolo­nia­ler Theo­rie­bil­dun­gin passt. Inter­es­san­ter­wei­se ist Buck-Morss kei­ne schwar­ze Auto­rin son­dern eine wei­ße. Sie ver­sucht Hegel für den post-kolo­nia­len Dis­kusrs zu dekon­stru­ie­ren. Ein span­nen­des und fas­zi­nie­ren­des Buch, wenn­gleich Buck-Morss’ Grund­hy­po­the­se, dass Hegel sei­ne Gedan­ken über HERR UND KNECHT nur ent­wi­ckeln konn­te durch die Ver­ar­bei­tung der revo­lu­tio­nä­ren Ereig­nis­se in Hai­ti von (von denen er v.a. durch die Lek­tü­re in der Zeit­schrift “Miner­va” Kennt­nis erlangt hat­te) mich nicht über­zeu­gen konn­te. Immer­hin passt es sehr gut auf die vor eini­ger Zeit im Ver­ein Wis­sens­kul­tu­ren ver­an­stal­te­te Dis­kus­si­on um den Libe­ra­lis­mus, wo unter ande­rem die Fra­ge dis­ku­tiert wur­de, wie es sein konn­te, dass die wich­tigs­ten Phi­lo­so­phen des Libe­ra­lis­mus über Frei­heit und Slave­rei reden konn­ten, ohne dabei an die ver­schlepp­ten Afri­ka­ner in der Neu­en Welt und anders­wo zu den­ken.

Nach Buck-Morss war Hegel der ers­te, der die­se Wider­sprüch­lich­keit auf­ge­grif­fen und zu einem phi­lo­phi­schen The­ma gemacht hat. Mag sein. Aber ich erin­ne­re mich, dass Hans-Heinz Holz, des­sen Phi­lo­so­phie-Vor­le­sun­gen ich in den 70er Jah­ren in Mar­burg gehört hat­te,  eine Arbeit zu dem The­ma “Herr und Knecht bei Leib­niz und Hegel” ver­fasst hat­te, in der auf Leib­niz ver­wie­sen wird, der die­ses The­ma auch schon phi­lo­so­phisch bear­bei­tet hat­te, natür­lich ohne einen Schim­mer von Hai­ti zu haben.

Was Buck-Morss auf­greift ist die Fra­ge einer uni­ver­sal­ge­schicht­li­chen Ent­wick­lung. Auch wenn wir mitt­ler­wei­le die­se von der Auf­klä­rung auf­ge­wor­fe­ne Fra­ge kri­tisch sehen und uns auch von der marx­schen Sicht­wei­se die­ser geschichts­phi­lo­so­phi­schen Idee ent­fernt haben, schiebt sie sich doch immer wie­der in den Vor­der­grund über inter­kul­tu­rel­le Fra­gen. Buck-Morss fragt, ob man die Fra­ge nicht neu kon­fi­gu­rie­ren könn­te und zwar so, dass die Geschich­te nicht als mora­li­sches Nar­ra­tiv über Gut und Böse erzählt wird, son­dern “die Kon­tin­genz und Kom­ple­xi­tät der Ereig­nis­se, das unvoll­stän­di­ge Wis­sen der Han­deln­den sowie die unbe­ab­sich­tig­ten Fol­gen ihrer Aktio­nen” ange­mes­sen berück­sich­tigt wer­den, Geschich­te sich also nicht “in einen roman­ti­sier­ten Kampf zwi­schen Hel­den und Schur­ken ver­wan­delt” (146).

Sie stellt die Fra­ge: “Was pas­siert, wenn wir im Geis­te der Dia­lek­tik den Spieß umdre­hen und Hai­ti nicht län­ger als das Opfer Euro­pas betrach­ten son­dern als Akteur, der bei der Kon­struk­ti­on Euro­pas eine Rol­le gespielt hat?” (110). Die­se Fra­ge ensteht aus der Beob­ach­tung, dass die Hai­tia­ni­sche Ver­fas­sung (nach der Revo­lu­ti­on 1801) fest­hält, dass “alle Men­schen gleich wel­cher Haut­far­be” Zugang zu allen Beru­fen haben. Die fran­zö­si­sche Erklä­rung der Men­schen­rech­te bezog sich nur auf fran­zö­si­sche Staats­bür­ger, wäh­rend sie in Hai­ti für alle Men­schen galt, die das Ter­ri­to­ri­um betra­ten. Inso­fern also “alle Men­schen” als gleich­be­rech­tigt ange­se­hen wer­den, geht die Hai­tia­ni­sche Ver­fas­sung über die fran­zö­si­sche hin­aus (129). Zu die­sem Zeit­punkt war Hai­ti aber noch eine fran­zö­si­sche Kolo­nie (“Saint Dom­in­gue”). Ja, auch die Hai­tia­ni­sche Revo­lu­ti­on hat­te ihren “Terr­eur” (immer­hin wur­den fast alle wei­ßen ehe­ma­li­gen Skla­ven­hal­ter und Plan­ta­gen­be­sit­zer umge­bracht), aber nicht weil sie Wei­ße waren, son­dern weil sie Quä­ler, Hen­ker und grau­sa­me Unter­drü­cker waren. Es gab Ange­hö­ri­ge der fran­zö­si­schen (napo­leo­ni­schen) Inter­ven­ti­ons­ar­mee, die den Auf­stand in Hai­ti nie­der­schla­gen soll­ten, die, als sie hör­ten dass die Skla­ven­ar­mee auf der ande­ren Sei­te die Mar­seil­lai­se san­gen, sich frag­ten, ob sie auf der rich­ti­gen Sei­te kämpf­ten. Vie­le deser­tier­ten, unter ihnen auch Polen und Deut­sche. Die konn­ten anschlie­ßend unbe­hel­ligt in Hai­ti leben.

War­um ich Buck-Morss’ Aus­füh­run­gen so inter­es­sant fin­de, liegt dar­an, dass sie das gän­gi­ge Bild von der bür­ger­li­chen Revo­lu­ti­on, die im Inter­es­se der Bour­geoi­sie lag und von die­ser auch durch­ge­führt wur­de, inso­fern ins Wan­ken gerät, als hier eine Revo­lu­ti­on nicht im Namen einer Klas­se (weder Bour­geoi­sie noch Pro­le­ta­ri­at) son­dern von einem “bunt­sche­cki­gen Hau­fen” im Rah­men all­ge­mei­ner Men­schen­rech­te gemacht wur­de. D.h. hier kom­men plötz­lich ande­re Fak­to­ren ins Spiel. Eman­zi­pa­ti­on bei Marx haißt ja vor allem, dass sich der Mensch als Mensch erkennt, als glei­ches Gat­tungs­we­sen, und nicht mehr nur als Besit­zer von spe­zi­fi­schen Waren (Geld vs. Arbeits­kraft). Bei Marx wird die­se Eman­zi­pa­ti­on durch die Arbeits­er­klas­se reprä­sen­tiert, weil sie die letz­te unter­drück­te Klas­se dar­stellt und ihre Befrei­ung letzt­lich zur Befrei­ung aller füh­ren muss. Das hat — wie wir wis­sen — nicht geklappt und jeg­li­cher Reprä­sen­ta­tis­mus (Demo­kra­ti­sche Repu­blik der Bour­geoi­sie eben­so wie die Dik­ta­tur des Pro­le­ta­ri­ats) ist — zurecht — in die Kri­tik gera­ten. Ja, es ist selbst die­se uni­ver­sal­ge­schicht­li­che und auf­klä­re­ri­sche Idee einer schritt­wei­sen Eman­zi­pa­zi­on, der wir mitt­ler­wei­le mit Skep­sis begeg­nen.

Der Blick auf Hai­ti öff­net aller­dings der Mög­lich­keit die Tür, an der Eman­zi­pa­ti­ons­idee fest­zu­hal­ten, sie aber von den klas­sen­theo­re­ti­schen Impli­ka­tio­nen zu befrei­en. Wäh­rend die fran­zö­si­sche Revo­lu­ti­on und auch die pro­le­ta­ri­sche Revo­lu­ti­on noch frag­men­ta­ri­schen Cha­rak­ter hat­te (144), zeig­te sich in der Hai­tia­ni­schen Revo­lu­ti­on von vorn­her­ein ein uni­ver­sel­ler Cha­rak­ter. Des­halb sieht Buck-Morss hier den Bezug zu Hegels Posi­ti­on einer Eman­zi­pa­ti­on, in der der Mensch sich trotz aller eth­ni­scher, geschlecht­li­chen, sexu­el­len und klas­sen bzw. stan­des­mä­ßi­gen Viel­falt als ein­heit­li­ches Men­schen­ge­schlecht aner­kennt. D.h. Buck-Morss ver­tritt die The­se, dass es die Hai­ta­ni­sche Revo­lu­ti­on sein müss­te, die man zur Refe­renz für eine Idee der Eman­zi­pa­ti­on machen müss­te, nicht die fran­zö­si­sche oder die rus­si­sche Revo­lu­ti­on. Der Refe­renz­punkt heißt hier “Diver­si­tät”.

Refe­renz heißt hier natür­lich auch immer: kri­tisch hin­zu­se­hen! Denn auch die Hai­tia­ni­sche Revo­lu­ti­on ist ja geschei­tert. Auch hier­zu gibt Buck-Morss eini­ge inter­es­san­te Ansatz­punk­te. Das Haupt­pro­blem nach der Revo­lu­ti­on war ein öko­no­misch-orga­ni­sa­to­ri­sches. Wie konn­te mit die­sem “bunt­sche­cki­gen Hau­fen”, der sich gera­de von sei­nen Ket­ten befreit hat­te, eine Pro­duk­ti­ons­wei­se in der Land­wirt­schaft ent­wi­ckelt wer­den, die zwar die vor­ge­fun­de­ne Form der Plan­ta­gen und der Lati­fun­di­en bei­be­hielt, ohne dabei aber auf Skla­ven­ar­beit zurück­zu­grei­fen? Wel­che Alter­na­ti­ve hat­te es gege­ben? Und — hier kommt wie­der Marx ins Spiel — war­um hat es hier nicht den Umschwung in eine kapi­ta­lis­ti­sche Lohn­ar­beit gege­ben? Das war im Nach­bar­land der “Domi­ni­ka­ni­schen Repu­blik” der Fall, wo das Land auf­ge­teilt wur­de unter Klein­bau­ern. Der Weg, den Hai­ti ging, war ja ein ande­rer. Man knüpf­te an das erfolg­rei­che Kon­zept der Erhe­bung an, an mili­tä­ri­sche Dis­zi­plin und Kom­man­do­wirt­schaft. An die­ser Stel­le hört Buck-Morss auf, man müss­te aber genau hier anset­zen und wei­ter­den­ken.