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Sociocybernetics in Medellin

Ich freue mich sehr auf unse­re dies­jäh­ri­ge Jah­res­kon­fe­renz des Rese­arch-Com­mit­tee “Socio­cy­ber­ne­tics”, der “Inter­na­ti­onl Socio­lo­gi­cal Asso­cia­ti­on” (ISA-RC-51), die erst­mals in Kolum­bi­en statt­fin­den wird. Dank der inten­si­ven Bemü­hun­gen unse­rer kolum­bia­ni­schen Kol­le­gen Lucia­no Gal­lon von der “Pon­ti­fi­cia Uni­ver­si­dad Boli­va­ria­na”, Medel­lin, sei­ner Ehe­frau Glo­ria Lodo­ño und Gabriél Velez von der “Uni­ver­si­dad de Antio­quia”, Medel­lin, sowie tat­kräf­ti­ger Unter­stüt­zung aller Mit­glie­der des inter­na­tio­na­len Kon­fe­renz-Kom­mit­tees kann die Kon­fe­renz, wie geplant, vom 20. bis 24. Juni in Medel­lin statt­fin­den. Ich wer­de in die­ser Zeit bereits in Kolum­bi­en sein und habe inso­fern eine kur­ze Anrei­se. Die Kon­fe­ren­zen der Sozio­ky­ber­ne­ti­schen Com­mu­ni­ty sind immer sehr akti­ve Kon­fe­ren­zen. Die Teil­nah­me ist nur mög­lich über die Ein­rei­chung eines Prä­sen­ta­ti­ons­vor­schlags und sei­ner Akzep­tanz durch das inter­na­tio­na­le Kon­fe­renz-Kom­mit­tees. Mein dies­jäh­ri­ger Vor­trag fällt ein wenig aus dem Rah­men mei­ner bis dato prä­sen­tier­ten Vor­trä­ge, die sich meist mit sozio­lo­gi­schen Fra­gen des Inter­nets und der Ent­ste­hung, Sedi­men­tie­rung, Dis­tri­bu­ti­on von und des Zugangs zum gesell­schaft­li­chen Wis­sen aus­ein­an­der­ge­setzt hat­ten. Mein The­ma dies­mal ist die Kom­ple­xi­tät des Frie­dens­pro­zes­ses in Kolum­bi­en. Dabei ist mir voll­kom­men bewusst, wel­ches Risi­ko ich ein­ge­he. Als Aus­län­der, hier in Kolum­bi­en, vor einer Zuhö­rer­schaft, die zwar in ers­ter Linie inter­na­tio­nal zusam­men­ge­setzt ist, bei denen aber zwei­fel­los von einer nicht gerin­gen Anzahl kolum­bia­ni­scher Teil­neh­mer aus­zu­ge­hen ist, über Kolum­bi­en zu spre­chen, mag als anma­ßend emp­fun­den wer­den. Ich fah­re also dies­mal mit einer gehö­ri­gen Por­ti­on Selbst­zwei­fel nach Medel­lin. Wird man sich nicht viel­leicht fra­gen: was bil­det der sich eigent­lich ein, als Aus­län­der, als Euro­pä­er, hier in Kolum­bi­en, einen Vor­trag über unser eige­nes Land zu hal­ten und mög­li­cher­wei­se zu glau­ben, uns etwas erzäh­len zu kön­nen, was wir nicht viel bes­ser wüss­ten? Nun, mit einer sol­chen Reak­ti­on muss ich rech­nen. Aber ich habe Grün­de. Und viel­leicht gelingt es mir, die Moti­va­ti­on für das, was ich in Medel­lin tun wer­de, ver­ständ­lich zu machen. Denn, das ist den Lesern die­ses Blogs natür­lich schon klar, Kolum­bi­en ist mir wirk­lich eine Her­zens­an­ge­len­gen­heit.

Seit mehr als 30 Jah­ren beob­ach­te ich die Gescheh­nis­se in die­sem Land, habe unter­schied­li­che Peri­oden des Kon­flik­tes mit­er­lebt, die Gewalt­ex­zes­se der 80er und 90er Jah­re, unter­schied­li­che Stra­te­gi­en mit dem Kon­flikt umzu­ge­hen, habe die mehr­fa­chen Bemü­hun­gen um Frie­den bzw. Befrie­dung unter ver­schie­de­nen Prä­si­den­ten, von Betan­cour über Pastra­na, Uri­be und nun San­tos erlebt, die mit ihnen ver­bun­de­nen Hoff­nun­gen, die Ent­täu­schun­gen über ihr Schei­tern, das Miss­trau­en, die Hoff­nung und das Erar­bei­ten neu­er Ansät­ze. Mei­ne fami­liä­ren Bin­dun­gen machen es mir mög­lich, an sehr unter­schied­li­chen Dis­kur­sen zu par­ti­zi­pie­ren. Und ich kann mir vor­stel­len, dass es nicht ganz unin­ter­es­sant für Kolum­bia­ner sein könn­te, zu erfah­ren, wie dies alles von außen gese­hen und gedeu­tet wird.

Nach­dem ich mich mehr in die Ver­ein­ba­run­gen von Havan­na ver­tieft hat­te, das Desas­ter des Ple­bis­zits vom 2. Okto­ber erlebt habe und die nach wie vor andau­ern­de Pola­ri­sie­rung der kolum­bia­ni­schen Gesell­schaft in die­ser Fra­ge mit anse­hen muss, war mir klar gewor­den, dass es sich hier um einen außer­or­dent­lich hoch­kom­ple­xen Pro­zess einer gesell­schaft­li­chen Ent­wick­lung han­delt, der von einer Wis­sen­schafts­dis­zi­plin, wie der Sozio­ky­ber­ne­tik, unwill­kür­lich als Her­aus­for­de­rung betrach­tet wer­den muss. Es sind vor allem zwei Punk­te, die mich moti­viert haben, die­sen Bei­trag zu hal­ten: Ers­tens die Über­zeu­gung, dass die Sozio­ky­ber­ne­tik eine Wis­sen­schaft ist, die ihr Wis­sen über den Umgang mit Kom­ple­xi­tät, ihre Theo­ri­en und Metho­den in die­sen Pro­zess ein­brin­gen soll­te, in wel­cher Wei­se auch immer. Das was in Kolum­bi­en als “Poscon­flic­to”, in Fach­krei­sen aber prä­zi­se­rer als “Posa­cuer­do” bezeich­net wird, ist in Tei­len eine kon­kre­te Anwen­dung des­sen, was in der Poli­tik­wis­sen­schaft als “Tran­si­tio­nal Jus­ti­ce” the­ma­ti­siert wird, eine der aus mei­ner Sicht anspruchs­volls­ten Her­aus­for­de­run­gen, die Fra­ge der Kom­ple­xi­tät anzu­ge­hen. Hier kann die sozio­ky­ber­ne­ti­sche For­schung ihre Ana­ly­se- und Pro­blem­lö­sungs­fä­hig­keit erwei­sen.

Aber es geht nicht nur dar­um, sozio­ky­ber­ne­ti­sche Theo­ri­en und Metho­den für den schwie­ri­gen gesell­schaft­li­chen Pro­zess der nächs­ten Jah­re und Jahr­zehn­te zur Ver­fü­gung zu stel­len, son­dern auch umge­kehrt, aus den Erfah­run­gen, die man in den nächs­ten zehn Jah­ren hier in Kolum­bi­en machen wird, das Wis­sen über Tran­si­tio­nal-Jus­ti­ce-Pro­zes­se zu ver­tie­fen.

Ein wei­te­rer Punkt ist das inter­na­tio­na­le Selbst­ver­ständ­nis unse­rer wis­sen­schaft­li­chen Arbeit und lässt sich in einen direk­ten Bezug zu dem Kap­tel 6 des Frie­dens­ver­tra­ges brin­gen. In die­ser Ver­trags­kom­po­nen­te erklä­ren bei­de Ver­trags­par­tei­en, dass für die Eta­ble­rung eines sta­bi­len und dau­er­haf­ten Frie­dens die Ein­be­zie­hung inter­na­tio­na­ler Beob­ach­ter und Bera­ter sinn­voll und not­wen­dig ist. Es wur­den eine Rei­he von Mecha­nis­men einer der­ar­ti­ge inter­na­tio­na­len Kom­po­nen­te ver­ein­bart. Dar­über­hin­aus ist allen Betei­lig­ten aber klar, dass nicht nur die offi­zi­el­len Insti­tu­tio­nen, wie UNO, Signartar­mäch­te (Cuba und Nor­we­gen) oder ein­zel­ne Län­der, die sich für den Frie­den enga­gie­ren (EU, USA, u.a.), son­dern auch die Unter­stüt­zung der welt­wei­ten Zivil­ge­sell­schaft, der Akti­vis­ten für Men­schen­rech­te, Umwelt und Frie­den, wich­tig ist. Das Glei­che gilt auch für die Wis­sen­schaft, die einen wich­ti­gen Bei­trag leis­ten kann und soll­te. Ein Bei­spiel könn­te das neu­ge­grün­de­te kolum­bia­nisch-deut­sche Insti­tut für den Frie­den sein, dass in Bogo­tá sei­nen Sitz haben wird und noch in die­sem Jahr mit For­schungs- und Bera­tungs­ar­bei­ten begin­nen soll.

Was mei­nen Vor­trag in Medel­lin betrifft, so kann ich zunächst nicht mehr viel mehr tun, als dafür zu apel­lie­ren, unse­re sozio­ky­ber­ne­ti­schen Kapa­zi­tä­ten zur Ver­fü­gung zu stel­len, um einen Bei­trag für die Umset­zung des kolum­bia­ni­schen Frie­dens­pro­zess zu leis­ten. Zunächst sehe ich dafür drei Punk­te: Ers­tens Erhe­bun­gen, Unter­su­chun­gen und Ana­ly­sen bezüg­lich der Kom­ple­xi­tät des Kon­flik­tes selbst, zwei­tens die Ope­ra­tio­na­li­sie­rung der ein­zel­nen Inhal­te des Frie­dens­ab­kom­mens und drit­tens Eva­lu­ie­run­gen hin­sicht­lich der Imple­men­ta­ti­on der ver­ein­bar­ten Zie­le, der Schrit­te zur Ben­di­gung des bewaff­ne­ten Kon­flik­tes und der Eta­blie­rung einer “Post-Kon­flikt Gesell­schaft”.

Medellin

Dass die Kolum­bia­ner Früh­auf­ste­her sind, habe ich mitt­ler­wei­le rea­li­siert. Die Ratio dar­an ist der enor­me Ver­kehr. Will man nicht im Stau fest­sit­zen, lohnt sich eine Stun­de frü­her zur Arbeit zu fah­ren. Jetzt stel­le ich aber fest, dass ich offen­sicht­lich schon von die­sem Früh­auf­ste­her-Virus infi­ziert bin. Mein Hotel hier in Medel­lin, in dem ich wäh­rend des XI Con­gre­so Nacio­nal de Socio­lo­gia woh­ne, liegt zwar recht hübsch am Par­que Pob­la­do, aber ab sechs Uhr mor­gens ist hier schon die Höl­le los. Nur das Früh­stück gibt es erst ab sie­ben. Und da es auf der Ter­as­se ein­ge­nom­men wird, und es bis­her fast jeden mor­gen um 7 einen Regen­schau­er gege­ben hat, wird dar­aus dann meis­tens doch erst 8 Uhr. Aber um 8 Uhr begin­nen bereits die Ver­an­stal­tun­gen der Kon­fe­renz an der Uni. Was die nor­ma­len Semi­na­re betrifft, berich­ten mei­ne kolum­bia­ni­schen Kol­le­gen von Ver­an­stal­tun­gen, die um sechs (sic!) Uhr mor­gens begin­nen.

Dass ich immer um sechs wach wer­de kann hier im Hotel auch damit zu tun haben, dass jeden mor­gen um sechs die Natio­nal­hym­ne auf allen Kanä­len geschmet­tert wird. Und an der Rezep­ti­on haben die das Radio eigent­lich immer an. Das Glei­che wie­der­holt sich dann abends um sechs. Und natür­lich wur­de auch der Kon­gress mit der Natio­na­hym­ne eröff­net. Dann eine klei­ne Begrü­ßungs­an­spra­che des Rek­tors und danach wie­der eine Hym­ne. Dies­mal die der Uni­ver­si­dad de Antio­quia. Also immer auf­ste­hen, hin­setz­ten, auf­ste­hen und wie­der hin­set­zen. Katho­li­ken mögen das ja bei ihren ein­schlä­gi­gen Ver­samm­lun­gen gewohnt sein, aber ich?

Das Früh­stück ist eigent­lich das ein­zi­ge, was mir an dem Hotel nicht gefällt. Es gibt immer das­sel­be und wird vom Bedie­nungs­per­so­nal lieb­los vor einem hin­ge­knallt. Das ist abso­lut unty­pisch für Kolum­bi­en, wo man eigent­lich immer sehr lie­be­voll bedient wird. Aber hier ist irgend­wie der Wurm drin. Nach­dem man auf der Ter­as­se erschie­nen ist und sich an einen frei­en Platz gesetzt hat, schlürft eine der bei­den Bedie­nungs­per­so­nen in die­sen all­ge­gen­wär­ti­gen kolum­bia­ni­schen Gum­mi-Arbeits-Lat­schen (Crooks oder wie die hei­ßen), die ein wenig an die­se Hol­land-Lat­schen erin­nern, aber eben aus Gum­mi oder Plas­tik sind und in allen Far­ben zu krie­gen sind. Meis­tens sind sie aber blau. Con­stan­za hat auch sol­che. Angeb­lich sol­len die sehr bequem sein, aber ich wer­de sie nicht an mei­ne Füße las­sen.

Wenn man in Kolum­bi­en “Café con Leche” bestellt erhält man in der Regel “Leche con Café”. Da ich das weiß, bestell ich immer “Café Tin­to (das ist schwar­zer Kaf­fee) con un poqui­to (!) de leche”. Aber das Bedie­nungs­per­so­nal ver­wech­selt das mit Pene­tranz und bringt “leche con un poqui­to café” oder hört nur “leche” und knallt mir dann einen Milch­topf ohne Unter­tas­se vor die Nase, wo man nur ahnen kann, dass da eine Kaf­fee­boh­ne durch­ge­zo­gen wur­de. Das hat sich all mei­nem Pro­test zuwi­der in den vier Tagen hier nicht geän­dert. Aber immer­hin konn­te ich heu­te — nach vier Tagen Muf­fel­früh­stück der Seño­ri­ta das ers­te mal ein Lächeln ent­lo­cken. Oh, der Tag muss gut wer­den..

Mein Hotel ist sehr klein (eigent­lich eher eine Art “Pen­si­on”) und sehr ein­fach aber ganz neu und sehr modern ein­ge­rich­tet (also nicht mit dicken Tep­pich­bo­den, wo der Pilz nur auf sein nächs­tes Opfer war­tet), son­dern leicht zu rei­ni­gen­de Flie­sen. Blitz­blank. Und weil alles noch so neu ist, funk­tio­niert alles pri­ma. Da stört dann auch nicht so sehr, dass die Was­ser­häh­ne mal links, mal rechts her­um auf­zu­dre­hen sind. Ja manch­mal sogar der lin­ke rechts und der rech­te links. Und manch­mal ist das war­me Was­ser links und das kal­te rechts (wie ich das nach DIN-Norm ken­ne), manch­mal aber eben das war­me rechts und das kal­te links. Egal, man kann das schnell raus­krie­gen und dann weiß man es eben.

Im Hotel gefällt mir sogar die Ein­rich­tung gut. Nicht der übli­che Hotel­kitsch und sogar aus­ge­spro­chen tol­le Bil­der (schei­nen sogar Ori­gi­na­le zu sein). Alles modern bis post-modern. Das ers­te Zim­mer muss­te ich aller­dings wech­seln, weil es anstatt Fens­ter nur sol­che Glas­bau­stei­ne hat­te, durch die etwas Licht fiel. Ich lei­de zwar nicht unter Klaus­tro­pho­bie aber den­noch, das war nicht aus­zu­hal­ten. Am nächs­ten Tag hat­te ich ein neu­es Zim­mer auf der ande­ren Sei­te des Hotels, der Stra­ßen­sei­te. Na ja, Stra­ßen­lärm schreckt mich nicht, aber ich wuss­te nicht, dass genau unter dem Zim­mer sich eine Dis­ko­thek befin­det. Nun krie­ge ich immer gute Musik in abso­lu­ter Dröhn­stär­ke zum Ein­schla­fen. Na ja, ganz so schlimm ist es auch nicht, weil die Dis­co pünkt­lich um Mit­ter­nacht schließt, und dann ist es ruhig.

Also mor­gens nach dem sagen­um­wo­be­nen Früh­stück mache ich mich dann auf zur Uni. Zehn Minu­ten Fuß­weg und dann in die Metro. Ziem­li­ches Gedrän­ge. Pro­gramm, Han­dy und Tablet in die Tasche gesteckt, manch­mal auch die Kame­ra , den Schul­ter­rieh­men über bei­de Schul­tern gelegt, also so, dass der Rie­men auf der lin­ken (oder rech­ten) Schul­ter und dann nach rechts (oder links) über den Kopf gezo­gen wird, so dass die Tasche dann rechts (oder links) ist. Dann kann einem kei­ner die Tasche ein­fach so von der Schul­ter rei­ßen.

Dann zehn Minu­ten zur Metro. Die Metro ist echt ein Prunk­stück. Und zwar in mehr­fa­cher Hin­sicht. Sau­ber­keit (kein Ver­gleich zu Bon­ner Stra­ßen­bahn, wo über­all Essens­res­te rum­lie­gen, Jugend­lich mit Füßen auf den Sit­zen rum­lun­gern, kaput­te Fla­schen rum­lie­gen, nee das gibts hier nicht. Und die Metro hat eine Kli­ma­an­la­ge (wo gibt’s denn sowas?), was zu den Stoß­zei­ten mor­gens und abends echt ein Segen ist. Die Medel­li­ner sind zurecht stolz auf ihre Metro und ach­ten dar­auf, dass sie erhal­ten bleibt. Auch die Bahn­stei­ge sind eine Augen­wei­de. Alles pico­bel­lo. Inter­es­san­ter­wei­se wird hier alles von der “Poli­cía Nacio­nal” gere­gelt. Die Zug­durch­sa­gen, die Bewa­chung, dafür zu sor­gen, dass man bei der Zug­ein­fahrt nicht zu dicht an der Bahn­steig­kan­te steht, Leu­te zurück­hal­ten, wenn der Zug abfährt, Tou­ris­ten bera­ten, die nicht wis­sen, in wel­chen Schlitz man die Kar­te ste­cken muss bzw. auf wel­che Scan­flä­che die Tar­je­ta gelegt wer­den muss. Die Poli­cía macht hier ein­fach alles, außer Fahr­kar­ten­ver­kau­fen. Das machen Zivi­lis­ten in der Taquil­la.

Die Kolum­bia­ner rem­peln übri­gens bein Ein- und Aus­stei­gen genau wie in Deutsch­land. Der ein­zi­ge Unter­schied ist der, dass man nach dem Anrem­peln ein Lächeln erhält, wäh­rend in Deutsch­land die Leu­te so tun, als hät­ten sie nicht gemerkt dass sie einen ange­rem­pelt haben. Na ja, das ist dann ja doch ein ziem­li­cher Unter­schied, der das Rem­peln etwas erträg­li­cher macht.

Nur etwas ist echt Mist. Die bei­den metal­li­schen Stan­gen, die sich längs­schnit­tig unter­halb des Zug­da­ches durch den gan­zen Zug zie­hen, damit sich die Fahr­gäs­te mit Steh­platz (und das sind natür­lich die meis­ten) dar­an fest­hal­ten kön­nen, sind ein­fach nicht für die Kör­per­grö­ße eines nor­ma­len Mit­tel­eu­ro­pä­ers kon­stru­iert. Ich habe mir schon zwei­mal ziem­lich hart den Kopf dar­an gesto­ßen.

Apro­pos Kopf sto­ßen. Im Hotel ist wie gesagt alles (außer Früh­stück) super, aber die Dusche hat so eine Glas­tür, wie wir sie auch in Bonn haben. Oben wird sie begrenzt durch eine Metall­schie­ne, die lei­der so nied­rig ist, dass ich jeden mor­gen schlaf­trun­ken dage­gen knal­le. Ich brauch wohl noch ein paar schmer­haf­te Erfah­run­gen, um das zu ler­nen. Aber dann rei­se ich ja schon wie­der ab.

Die Uni ist schön, aber auch hier habe ich eine über­ra­schen­de Erfah­rung gemacht. Das Per­so­nal in der Men­sa, in den vie­len Cafe­te­ri­as und an den vie­len Kios­ken auf dem Cam­pus ist genau so unfreund­lich wie ich es von deut­schen Uni­ver­si­tä­ten ken­ne, sei es nun Mar­burg, Bonn, Essen, Sie­gen oder Bie­le­feld. Wer erin­nert sich nicht dar­an, wie einem immer die Sachen auf den Tel­ler geknallt wur­den und man ange­mault wur­de, wenn man es wag­te, irgend­ei­nen Son­der­wunsch zu äußern?. Hier ist das nicht anders. Eigent­lich doch völ­lig unty­pisch für Kolum­bi­en oder hat das was mit Paisa­l­and
(Antio­qia) zu tun? Kei­ne Ahnung.

Ansons­ten aber sind die Kolum­bia­ner hier so wie man es gewohnt ist. Äus­ge­spro­chen hilfs­be­reit, lie­be­voll, und natür­lich (zurecht) stolz auf ihr schö­nes Land.

XI Congreso Nacional de Sociología

Es ist das ers­te mal, dass ich an einem kolum­bia­ni­schen “Con­gre­so Nacio­nal de Socio­lo­gía”  teil­neh­me. In die­sem Jahr konn­ten wir unse­re Rei­se­plä­ne so abstim­men, dass eine Teil­nah­me mög­lich wur­de.  Ich hat­te einen Bei­trag über Niklas Luh­mann in der von Andrés Lon­do­ño und Rafa­el Rubia­no (bei­de von der Uni­ver­si­dad de Antio­quia) gelei­te­ten Ses­si­on “Sociológi­cas: Clá­si­cos y Con­tem­porá­ne­os” ein­ge­reicht. Er wur­de in das Pro­gramm auf­ge­nom­men und nun befin­de ich mich also seit zwei Tagen in Medel­lin auf dem XI Con­gre­so Nacio­nal de Socio­lo­gía, der an der Uni­ver­si­dad de Antio­quia statt­fin­det, ein aus­ge­spro­chen schö­ner Cam­pus mit sehr vie­len tro­pi­schen Grün­flä­chen.

Der sozio­lo­gi­sche Dis­kurs hier in Kolum­bi­en hat mich doch ziem­lich über­rascht. Die alten poli­ti­schen Hau­de­gen der 68er hät­ten ihre hel­le Freu­de dar­an. Marx ist all­ge­gen­wär­tig, ergänzt mit lin­ken Theo­re­ti­kern aus Mexi­co oder der Allen­de-Zeit aus Chi­le, deren Namen ich zum Teil noch nie gehört habe, die aber hier sehr prä­sent sind. Aber auch die sozio­lo­gi­schen Klas­si­ker, wie Weber, Sim­mel, Durk­heim, natür­lich auch Fou­cault und Bour­dieu wer­den hier inten­siv dis­ku­tiert. Auch die neue­ren “Theo­ri­en des Südens” und des “Post­ko­lo­nia­lis­mus” spie­len eine gro­ße Rol­le. Und dabei wird ganz schön rum­ge­hackt auf den impe­ria­lis­ti­schen Län­dern des Wes­tens. Natür­lich kriegt auch Ale­ma­nia sein Fett weg. Und ich als Exot aus Ale­ma­nia mit­ten­drin habe dann manch­mal das Gefühl, den Kopf etwas ein­zie­hen zu müs­sen.

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Zuneh­mend beschleicht mich das ungu­te Gefühl mit mei­nem Vor­trag über “Niklas Luh­mann: Socio­lo­gía Clá­si­ca encuen­tra el Pen­sa­mi­en­to Ciber­ne­ti­co” hier kaum eine Chan­ce zu haben. Heu­te war ich in einer Ses­si­on “Socio­lo­gía de Tra­ba­jo”. Das kam mir vor wie in einer Mit­glie­der­ver­samm­lung der Roten Zel­le. Nicht allein wegen der Inhal­te (Marx, Mehr­wer­tra­te, Sur­plus-Pro­fit, kon­stan­tes und varia­bles Kapi­tal — obwohl die hier zu mei­ner Über­ra­schung die Begrif­fe “totes” und “leben­di­ges” Kapi­tal ver­wen­de­ten, was ich in mei­ner Mar­bur­ger Zeit, als ich mich wirk­lich gut in Poli­ti­scher Öko­no­mie aus­kann­te, immer sehr kri­ti­siert hat­te) son­dern auch wegen der kom­mu­ni­ka­ti­ven Atmo­sphä­re. Da saß rechts (!) neben mir eine gan­ze Grup­pe jun­ger Leu­te, die an bestimm­ten Stel­len tosen­den Bei­fall klatsch­ten und an bestimm­ten Stel­len, die ich lei­der nicht ver­stan­den habe, in kol­lek­ti­ves Geläch­ter aus­bra­chen, wäh­rend der Rest des Saa­les fins­ter drein­blick­te. Irgend­wie kam mir das alles bekannt vor, obwohl ich geste­hen muss, nicht voll durch­ge­blickt zu haben. Auch nicht als in der heu­ti­gen Abend-Ple­nar Ses­si­on ein Trans­pa­rent durch den Saal getra­gen wur­de und dann an der Stirn­sei­te des Audi­to­ri­ums mit Tesa­film (Cin­ta-Pegan­te heißt das hier, was außer­halb Kolum­bi­ens auch in Latein­ame­ri­ka nie­mand ver­steht) befes­tigt wur­de und den gan­zen Kon­gress für abge­setzt erklär­te. Na toll .…).

MARX-LENIN-MAO

MARX-LENIN-MAO

Luh­mann hin, Luh­mann her, die gan­ze Sache fing an, mir Spaß zu machen. Heu­te habe ich eine inter­es­san­ten Sozio­l­gen ken­nen­ge­lernt, den ich bis­her nicht kann­te, ihn aber hät­te ken­nen sol­len: Boaven­tu­ra de Sou­sa San­tos. Offen­sicht­lich eine Kapa­zi­tät im post-kolo­nia­len Dis­kurs, dem ich in vie­ler­lei Hin­sicht zustim­men konn­te, wenn­gleich mir sei­ne spe­zi­fi­sche Nord-Süd-Dif­fe­renz das Re-Ent­ry (Luh­mannn) die­ser Dif­fe­renz inner­halb der latein­ame­ri­ka­ni­schen Län­der ein wenig zu kurz kommt. Aber sei­ne Epis­te­mo­lo­gie fand mei­nen Bei­fall.

Dann habe ich noch einen chi­le­ni­schen Sozio­lo­gen kenn­ge­lernt, der hat mir aus der See­le, nein aus dem Her­zen gespro­chen weil er einen dif­fe­renz­theo­er­e­ti­schen Sys­tem­an­satz ver­tre­ten hat. Lei­der hat­te ich kei­ne Geleg­neheit, nach sei­nem Vor­trag mit ihm zu reden. Das muss ich also per Email nach­ho­len.

Am Frei­tag war es dann soweit mit mei­nem Luh­mann-Vor­trag. Ent­ge­gen der Ankün­di­gung im Pro­gramm war ich dann tat­säch­lich der ein­zi­ge, der über Luh­mann gespro­chen hat (der zwei­te zu die­sem The­ma abge­kün­dig­te Vor­trag fiel aus). In der anschlie­ßen­den Dis­kus­si­on hat­te ich das Gefühl, dass ich den Vor­trag auch in Deutsch hät­te hal­ten kön­nen. Jeden­falls gab es eine leb­haf­te Dis­kus­si­on, in der sich her­aus­stell­te, dass vie­le der Sozio­lo­gie-Pro­fes­so­ren ihre Aus­bil­dung an einer deut­schen Uni­ver­si­tät erhal­ten haben und bes­ser Deutsch spra­chen als ich Spa­nisch. Dass ich so etwas wie “Luh­mann-Begeis­te­rung” habe wecken kön­nen, glau­be ich nicht. Aller­dings hat mich die Reak­ti­on von eini­gen Stu­den­ten gefreut, die zumin­dest von der Sozio­ky­ber­ne­tik soweit ange­tan zu sein schie­nen, dass sie das Gefühl arti­ku­lier­ten, ihr Lehr­plan sei viel­leicht doch zu ein­sei­tig und dass da wohl etwas feh­le. Ha, ha, ha …

Am Ende der Ses­si­on gab es dann eine Gene­ral­de­bat­te, die sich auf alle gehal­te­nen Vor­trä­ge bezog. Und hier nahm die Dis­kus­si­on dann eine Wen­de, die ich nicht erwar­tet hat­te. Es ging näm­lich plötz­lich um Fra­gen der WISSENSKULTUREN und zwar am Bei­spiel der kolum­bia­ni­schen Sozio­lo­gie. Es ging näm­lich um die Fra­ge der epis­te­mi­schen Kul­tur in der kolum­bia­ni­schen Sozio­lo­gie, die das Phä­no­men eines sehr stark an den (vor allem deut­schen) Klas­si­kern ori­en­tier­ten Dis­kur­ses her­vor­bringt und dem dar­an erho­be­nen Vor­wurf einer euro­zen­tris­ti­schen Reduk­ti­on. War­um wer­den die eige­nen Den­ker so gering geschätzt? Und Latein­ame­ri­ka hat ja nun eine Men­ge her­vor­ra­gen­der Theo­re­ti­ker und Empi­ri­ker her­vor­ge­bracht, aber die euro­päi­schen Klas­si­ker ste­hen immer noch ganz oben­auf auf der Ska­la der Lehr­in­hal­te. Nun wür­de ich mir nicht anma­ßen, kennt­nis­reich über die kolum­bia­ni­sche Sozio­lo­gie zu reden (ich habe sie im Grun­de ja in den drei vor­an­ge­gan­ge­nen Tagen gera­de erst ken­nen­ge­lernt) aber ich glau­be etwas dar­über zu ver­ste­hen, wie epis­te­mi­sche Kul­tu­ren funk­tio­nie­ren. Ohne lan­ge dar­über nach­zu­den­ken, wie sehr ich mich mit mei­ner feh­ler­haf­ten Unter­schei­dung von Inde­fi­ni­do und Pre­te­ri­te imper­fect, mei­nem frag­wür­di­gen Gebrauch der rich­ti­gen Futur-Form, mei­nen chro­ni­schen Arti­kel­ver­wechs­lun­gen und mei­nem viel zu gerin­gen Wort­schatz bla­mie­ren wür­de, ver­such­te ich mich, in die Debat­te ein­zu­brin­gen. Und erstaun­li­cher­wei­se, es ging. Es ging sogar ziem­lich gut. Anschlie­ßend habe ich mit eini­gen Kol­le­gen aus Medel­lin dar­über dis­ku­tiert, wie man das The­ma WISSENSKULTUREN am bes­ten in die Fakul­tät hin­ein­brin­gen könn­te. Und dann kam tat­säch­lich die Fra­ge, ob ich nicht bereit wäre .…. Nein, bin ich natür­lich nicht. Ich bin Ren­ter, und dazu beken­ne ich mich mitt­ler­wei­le auch ohne wenn und aber. Na ja, ein klei­nes “aber” ist viel­leicht doch denk­bar. Dann näm­lich, wenn es in unse­ren Rei­se­plan für Kolum­bi­en im nächs­ten Jahr passt, aber auf gar kei­nen Fall eine gan­ze Lehr­ver­an­stal­tung, höchs­tens mal einen Vor­trag.

Abends bin ich jeden­falls immer fix und fer­tig, weil ich mich immer so sehr kon­zen­trie­ren muss allein schon wegen der Spra­che. Vie­les ver­steh ich aber auch ein­fach nicht. Jetzt geneh­mi­ge ich mir est mal einen Moji­to und dann gehe im Par­que Lle­ras etwas essen.