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Friedensnobelpreis und die Zivilgesellschaft

Man kann zu Juan Manu­el San­tos eine kri­tisch distan­zier­te Hal­tung ein­neh­men, aber die heu­te in Oslo bekannt gege­be­ne Ver­lei­hung des Frie­dens­no­bel­prei­ses an ihn ist zwei­fel­los eine sehr gute Nach­richt. Denn die­ser Preis ist auch eine Aus­zeich­nung für all die­je­ni­gen, die trotz erbit­ter­ter Wider­stän­de im Lan­de in den letz­ten Jah­ren immer wie­der für den Frie­dens­pro­zess ein­ge­tre­ten sind. Er ist also auch eine Aus­zeich­nung für die kolum­bia­ni­sche Zivil­ge­sell­schaft, die durch Akti­vi­tä­ten von indi­ge­nen Grup­pen, afro-kolum­bia­ni­schen Gemein­schaf­ten, Men­schen­rechts­be­we­gung, LGTB-Bewe­gung, Umwelt­schüt­zer, Gewerk­schaf­ten u.a.m. geprägt ist. San­tos hat den Mut gehabt, die­sen Weg als Ange­hö­ri­ger der tra­di­tio­nel­len poli­ti­schen Klas­se zu gehen und dar­an sein poli­ti­sches Schick­sal zu knüp­fen. Und er wuß­te sehr wohl, dass er die­ses Schick­sal auch in die Hän­de derer gelegt hat, die sich unter der Regen­bo­gen­fah­ne zusam­men­ge­fun­den haben. Er hat sich dazu auch bekannt und ganz schön Prü­gel ein­ste­cken müs­sen von sei­ner eige­nen sozia­len und poli­ti­schen Klas­se, der soge­nann­ten “Eli­te” des Lan­des. Die Aus­zeich­nung mit dem Nobel­preis ist jetzt, nach dem “Nein” beim Ple­bis­zit am 2. Okto­ber dop­pelt wich­tig. Denn er gibt all denen Mut, die sich mit der knap­pen Ent­schei­dung am Sonn­tag, nicht zufrie­den geben wol­len, die sich nicht mit dem Gedan­ken abfin­den kön­nen, einen Krieg fort­zu­set­zen, den offen­sicht­lich nur noch die­je­ni­gen gut fin­den, die weit weg von sei­nen bru­ta­len Wir­kun­gen leben. Denn eins hat sich in den letz­ten Tagen seit Sonn­tag deut­lich gezeigt: Mit dem “Nein” ist der Kampf für Frie­den in Kolum­bi­en nicht zu Ende.

Neben den spon­ta­nen Mani­fes­ta­tio­nen in Bogo­tá und ande­ren Städ­ten am Wahl­abend, von denen ich bereits berich­tet hat­te, haben in den letz­ten Tagen nicht nur wei­te­re Demons­tra­tio­nen statt­ge­fun­den. Unter dem Mot­to “La lucha por la paz sigue” haben sich meh­re­re zivil­ge­sell­schaft­li­che Grup­pen zur Situa­ti­on geäu­ßert. Zeit­gleich mit dem ers­ten Tref­fen der Prot­ago­nis­ten der bei­den poli­ti­schen Lager zu einem Gespräch im Pala­cio Nari­ño, dem kolum­bia­ni­schen Prä­si­den­ten­pa­last in Bogo­tá, am 5. Okto­ber, zeig­te sich die kolum­bia­ni­sche Zivil­ge­sell­schaft kämp­fe­risch. “Movi­li­za­ción soci­al es la via para exi­gir la paz” hör­te man auf dem “Con­gre­so de los pue­b­los”, auf dem sich Reprä­sen­tan­ten der indi­ge­nen Gemein­schaf­ten, der afro-kolum­bia­ni­schen Gemein­schaf­ten, der Land­ar­bei­ter und ande­rer Grup­pen getrof­fen haben. Hier wur­de eine Reso­lu­ti­on ver­ab­schie­det, in der die sozia­le Mobi­lie­rung als Weg zur Umset­zung des Frie­dens erklärt wur­de. (El Espec­ta­dor v. 5. Okto­ber 2016)

In glei­cher Wei­se hat­te sich der “Pro­ce­so de Comu­n­i­dades Negras PCN”, eines der Ver­bän­de, die für die afro-kolum­bia­ni­sche Bevöl­ke­rung Kolum­bi­ens spre­chen, bereits am Diens­tag zu Wort gemel­det. In einem Auf­ruf, der sich sowohl an die inter­na­tio­na­le Gemein­schaft rich­tet als auch an die FARC und die Regie­rung wen­det, beto­nen sie das Recht der Kolum­bia­ner in einem sta­bi­len Frie­den zu leben und erhe­ben die For­de­rung, wei­ter zu ver­han­deln und an der Rea­li­sie­rung des Frie­dens zu arbei­ten. In einem Kom­mu­ni­qué heben sie her­vor, dass sie, die wäh­rend der krie­ge­ri­schen Aus­ein­an­der­set­zun­gen sehr vie­le Opfer gebracht haben, ihren Bei­trag zur Ver­söh­nung leis­ten wol­len und dies auch schon bei den Anhö­run­gen der Opfer wäh­rend der Ver­hand­lun­gen in Havan­na zum Aus­druck gebracht haben. Sie sind aber nicht bereit, sich von der Mehr­heit der Bevöl­ke­rung, die in siche­ren Gebie­ten lebt, vor­schrei­ben zu las­sen, wei­ter­hin die Schmer­zen erdul­den zu müs­sen, die sie in den ver­gan­ge­nen Jah­ren erlit­ten haben. Comu­ni­ca­do al Gobi­er­no, las FARC-EP, La Socie­dad Colom­bia­na en su Con­jun­to).

Wie die FARC reagie­ren wer­den, weiß man nicht genau. Auch sie wol­len, wie sie erklärt haben, wei­ter am Frie­dens­pro­zess fest­hal­ten. Aber sie ste­hen vor dem Pro­blem, dass ihre Ver­bän­de eigent­lich schon seit meh­re­ren Tagen in die für die Ent­waff­nung vor­ge­se­he­nen Zonen ein­rü­cken soll­ten. Unter den gege­be­nen Umstän­den haben die FARC nun aller­dings erklärt, ihre Trup­pen auf siche­re Posi­tio­nen zurück­zu­zie­hen. Die gegen­wär­ti­ge Situa­ti­on stel­le für ihre Kämp­fer eine zu gro­ße Gefähr­dung dar. Die Gue­ril­la steht unter einem gewis­sen Zeit­druck. Der mit der Regie­rung ver­ein­bar­te Waf­fen­still­stand war ja zeit­lich befris­tet und läuft offi­zi­ell Ende des Mona­tes aus. Zwar hat­ten die FARC Ende August ein­sei­tig einen “end­gül­ti­gen Waf­fen­still­stand” ver­kün­det, aber was geschieht, wenn sie von der kolum­bia­ni­schen Armee ange­grif­fen wer­den? Die FARC-Ein­hei­ten war­ten auf den Befehl, ent­we­der die Waf­fen abzu­ge­ben oder wei­ter­zu­kämp­fen.

Viel­leicht ist es nicht über­trie­ben davon zu spre­chen, dass nun eine neue Pha­se im Rin­gen um Frie­den in Kolum­bi­en begon­nen hat. Es geht nicht mehr um die Unter­süt­zung des­sen, was die poli­ti­schen Reprä­sen­tan­ten in Havan­na aus­ge­han­delt haben, son­dern nun mel­det sich die Zivil­ge­sell­schaft stär­ker als zuvor mit eige­nen For­de­run­gen zu Wort. Sie will das “Nein” nicht akzep­tie­ren. Ins­be­son­de­re die vom Krieg beson­ders Betrof­fe­nen kön­nen nicht ein­se­hen, dass die­je­ni­gen, die von den Aus­ein­an­der­set­zun­gen wenig mit­be­kom­men, in einer solch dras­ti­schen Wei­se über ihr wei­te­res Schick­sal bestim­men sol­len.

Tom Koenigs’ Schweigen

Es ist eine para­do­xe Sit­au­ti­on: Wäh­rend die Hoff­nung auf den Abschluss eines Frie­dens­ver­tra­ges zwi­schen der kolum­bia­ni­schen Regie­rung und der FARC gestie­gen und ein Frie­den tat­säch­lich in greif­ba­re Nähe gerückt ist, hat die Zahl der poli­tisch moti­vier­ten Mor­de in Kolum­bi­en  2015 zuge­nom­men. Wäh­rend bereits im Dezem­ber die Men­schen­rechts­kom­mis­si­on der UNO dar­auf auf­merk­sam gemacht hat, dass in Kolum­bi­en 2015 mehr Men­schen aus poli­ti­schen Moti­ven umge­bracht wur­den als im Jah­res­durch­schnitt der letz­ten zwan­zig Jah­re (UNHR: comu­ni­ca­do de pren­sa). In einer am 19. Novem­ber 2015 ver­öf­fent­lich­ten Pres­se­er­klä­rung macht der Hoch­kom­mis­sar der Ver­ein­ten Natio­nen für Flücht­lin­ge (UNHCR) dar­auf auf­merk­sam, dass er zwi­schen 1994 und 2015 ins­ge­samt 729 poli­ti­scher Mor­de in Kolum­bi­en ver­zeich­net hat, davon allein 20 in den ers­ten neun Mona­ten des Jah­res 2015. Der UNHCR weist dar­auf hin, dass fast alle Mor­de bis­lang straf­frei geblie­ben sind. Nament­lich wer­den die jüngs­ten und bereits in mei­nem Bei­trag vom 23. Novem­ber erwähn­ten Anschlä­ge auf JOHN JAIRA RAMIREZ OLAYA, DANIEL ABRIL, LUIS FRANCISCO HERNÁNDEZ GONZALES erwähnt. Der UNHCR hebt in der Pres­ser­klä­rung die wich­ti­ge Rol­le her­vor, die die Men­schen­rechts­ver­tre­ter beim Auf­bau einer demo­kra­ti­sche­ren und glei­che­ren Gesell­schaft, ins­be­son­de­re in der gegen­wär­ti­gen Pha­se des Auf­baus eines dau­er­haf­ten Frie­dens spie­len, und for­dert die staat­li­chen Insti­tu­tio­nen Kolum­bi­ens auf, mehr zum Schutz der Per­so­nen, die sich für die Men­schen­rech­te ein­set­zen, zu unter­neh­men.

Betrach­tet man die jüngs­ten Vor­komm­nis­se dann gewinnt man nicht den Ein­druck, dass die staat­li­chen Insti­tu­tio­nen die­ser Aufffor­de­rung gro­ße Beach­tung schen­ken. Mein im Novem­ber gewon­ner Ein­druck, eines unge­stör­ten Durch­mar­sches rech­ter para­mi­li­tä­ri­scher Ver­bän­de scheint Tag für Tag bestä­tigt zu wer­den. Anfang Janu­ar, waren fünf Men­schen im Chocó ermor­det wor­den, zwei der Opfer leb­ten auf den kol­lek­ti­ven Län­de­rei­en der Caca­ri­ca-Frie­dens­ge­mein­den. Ein­woh­ner des Gebie­tes spre­chen von mitt­ler­wei­le 1.000 Para­mi­li­tärs in der Regi­on. Dem Mili­tär, das Ein­woh­nern zufol­ge nur zehn Kilo­me­ter von dem Stütz­punkt der Para­mi­li­tärs eine Basis hat, wird vor­ge­wor­fen, den Auf­marsch der Para­mi­li­tärs in den kol­lek­ti­ven Ter­ri­to­ri­en der Afro­ko­lum­bia­ner nicht nur zu dul­den son­dern die­sen sogar zu unter­stüt­zen. (ame­ri­ka 21- Nach­rich­ten und Ana­ly­sen aus Latein­ame­ri­ka; v. 18.1.2016)

Auch CARITAS mel­det mitt­ler­wei­le Besorg­nis über die zuneh­men­de Kon­zen­tra­ti­on para­mi­li­tä­ri­scher Ver­bän­de und einer Zunah­me von Gewalt in den von die­sen besetz­ten Gebie­ten. “Wir stel­len mit gro­ßer Sor­ge fest, dass bewaff­ne­te Grup­pen sich ins­be­son­de­re in den Regio­nen aus­brei­ten, aus denen sich die FARC im Vor­feld der Unter­zeich­nung des Frie­dens­ver­tra­ges zurück­zieht”, berich­tet der Direk­tor der Cari­tas Kolum­bi­en, Monse­ñor Hec­tor Fabio Hen­ao. (Cari­tas-Pres­se­er­klä­rung vom 1. März 2016)

Unter dem Ein­druck die­ser Ereig­nis­se ist es befremd­lich, dass der deut­sche Son­der­be­auf­trag­te für den Frie­dens­pro­zess in Kolum­bi­en, der Grü­nen-Abge­ord­ne­te Tom Koenigs, in sei­nen Berich­ten, die­se dra­ma­ti­sche Sit­au­ti­on nicht ein­mal für erwäh­nens­wert hält. War­um er das nicht tut, kann ich mir nicht erklä­ren, denn sicher­lich kann Tom Koeni­ges nicht ver­däch­tigt wer­den, den Men­schen­rechts­ak­ti­vi­tä­ten zu wenig Auf­merk­sam­keit ent­ge­gen­zu­brin­gen. Noch in sei­ner Pres­se­er­klä­rung zum Tage der Men­schen­rech­te am 2. Dezem­ber 2015 hat­te er geschrie­ben: “Es zeigt sich, dass Rechts­staat­lich­keit allei­ne häu­fig kei­ne Garan­tie für die Ein­hal­tung der Men­schen­rech­te ist. Auch Rechts­staa­ten brau­chen Men­schen­rechts­ver­tei­di­ger, die den Zustand der Men­schen­rech­te stän­dig über­prü­fen, beob­ach­ten und öffent­lich zum The­ma machen.” Ja, was nun? Fragt man sich. Gera­de das wird gegen­wär­tig in Kolum­bi­en durch para­mi­li­tä­ri­sche Gewalt zu ver­hin­dern ver­sucht. War­um erhebt er sei­ne Stim­me nicht? Könn­te es sein, dass er sich bei sei­nem Beob­ach­tun­gen zu sehr auf die Gesprä­che in Havan­na kon­zen­triert und ihm dabei die Gesamt­si­tua­ti­on im Lan­de aus dem Blick gerät?

Bodyguards der Armen

Wer in Bogo­tá lebt ent­wi­ckelt eine ande­re Sen­si­bi­li­tät für Gefah­ren, die einem von Per­so­nen mit unlau­te­ren Absich­ten dro­hen kön­nen, als jemand, der in Bonn lebt. Zwei­fel­los wird auch in Bonn bei einem nächt­li­chen Fuß­weg von einer Par­ty nach Hau­se die Auf­merk­sam­keit gestei­gert, wenn man Schrit­te in sei­ner Nähe hört. Aber solan­ge die kör­per­ei­ge­nen Alarm­sen­so­ren nicht außer­ge­wöhn­li­che Bewe­gun­gen des Ande­ren mel­den, die man — zu Recht oder zu Unrecht — als beun­ru­hi­gend wer­tet, bleibt man doch rela­tiv gelas­sen. In Bogo­tá ist das etwas anders. Schon tags­über mel­den die Sen­so­ren sofort, wenn eine Per­son sich zu nah befin­det, zu lan­ge hin­ter einem her­geht oder um Aus­kunft nach einer Adres­se bit­tet. Freund oder Feind? Die­se Fra­ge schießt einem in sekun­den­schnel­le durch den Kopf. Auch hier stellt sich die Situa­ti­on in den meis­ten Fäl­le als harm­los her­aus, aber die Sen­si­bi­li­tät ist erheb­lich gestei­gert. Das betrifft mitt­ler­wei­le auch Fahr­ten mit dem Auto und selbst­ver­ständ­lich auch Besu­cher an der eige­nen Woh­nung.

Je nach Mög­lich­kei­ten und sozia­ler Klas­sen­la­ge ver­su­chen die Bogo­ta­ner sich dar­auf ein­zu­stel­len und haben ent­spre­chen­de Schutz­me­cha­nis­men ent­wi­ckelt. Die Rei­chen ver­bar­ri­ka­die­ren sich, mau­ern und zäu­nen sich ein, las­sen sich durch Body­guards beglei­ten, manch­mal sogar in einer mar­tia­lisch erschei­nen­den Kolon­ne von schwe­ren, mit Pan­zer­glas ver­stärk­ten und Sicht­blen­den ver­se­he­nen und meist schwarz lackier­ten Fahr­zeu­gen, den “car­ros blind­ados”. In den öffent­li­chen Gebäu­den, Ein­kaufs­zen­tren und Plät­zen patroul­liert — zusätz­lich zum Wach­per­so­nal an den Ein­gän­gen — “per­so­nal de segu­ri­dad” mit spe­zi­ell aus­ge­bil­de­ten Hun­den, Deut­sche Schä­fer­hun­de, Dober­mans, Rott­wei­ler. Hun­de gibt es sehr vie­le in Bogo­tá. Und auch hier teilt sich die Stadt in Nord (die rei­che­ren Stadt­ge­bie­te) und Süd (die ärme­ren Stadt­vier­tel). Im Nor­den gehö­ren die soge­nann­ten Hun­de­aus­füh­rer mitt­ler­wei­le zum Stadt­bild. Das sind Per­so­nen, die sich ein paar Pesos dadurch ver­die­nen, dass sie die Hun­de der Rei­chen aus­füh­ren. Und zwar im Rudel, manch­mal um die zwan­zig Hun­de, ver­schie­de­ner Grö­ßen und Ras­sen.

Hunde-in-Bogota

Hun­de-in-Bogo­ta

Im Süden sieht es etwas anders aus. Hier wer­den kei­ne Hun­de aus­ge­führt, son­dern die Hun­de sind ein­fach da. Und sie ver­su­chen sich frei­le­bend in einem bestimm­ten Ter­ri­to­ri­um, einer Stra­ße, einem Stra­ßen­ab­schnitt oder einem Platz, eben dort wo sie aus­rei­chend Nah­rung fin­den und wo sie gedul­det wer­den, fest­zu­set­zen. Das bedeu­tet in der Regel einen nicht unkom­pli­zier­ten Inte­gra­ti­ons­pro­zess in eine Grup­pe dort schon vor­han­de­ner Art­ge­nos­sen. Manch­mal wer­den sie weg­ge­bis­sen, dann müs­sen sie sich eine ande­re Grup­pe suchen, manch­mal gelingt es ihnen, sich zu inte­grie­ren. Ob sie blei­ben und wie­vie­le Hun­de län­ger­fris­tig in solch einer Grup­pe blei­ben hängt nicht zuletzt von den dort exis­tie­ren­den Nah­rungs­be­din­gun­gen ab. Und hier kommt es nun zu einer Art Win-Win-Situa­ti­on zwi­schen Tier und Mensch. Die Menschn haben gelernt, dass wenn sie — trotz all ihrer Armut — die Hun­de aus­rei­chend ver­sor­gen, aus deren Anwe­sen­heit einen wich­ti­gen Vor­teil zie­hen: Mehr Sicher­heit.

 

keine-waffen

Denn die für uns Deut­sche gewöh­nungs­be­dürf­ti­ge Sicher­heits­la­ge Bogo­tás betrifft jeden, ob reich oder arm. Eine Zeit­lang hat­te ich mal geglaubt, die Armen sei­en inso­fern siche­rer, als es bei ihnen ja sowie­so nichts zu holen gibt. Aber das war ein Irr­tum. Mitt­ler­wei­le habe ich vie­le Per­so­nen ken­nen­ge­lernt, die bit­ter arm sind und denen den­noch das Weni­ge, was sie besa­ßen abge­nom­men wur­de, auf dem Nach­hau­se­weg, zu Fuß, im Bus oder eben zuhau­se in der eige­nen Woh­nung. Das gene­tisch beding­te Ter­ri­to­ri­al­ver­hal­ten der Hun­de sogt dafür, dass beim Ein­tritt frem­der Per­so­nen in das eige­ne Ter­ri­to­ri­um, sei es nun der Stra­ßen­ab­schnitt, der Hof oder ein bestimm­ter Kiez, sofort Alarm geschla­gen wird, und gege­be­nen­falls es sogar zu Ver­tei­di­gungs­ak­tio­nen kommt. Wie ich fin­de, ein bemer­kens­wer­tes Äqui­va­len zum Wach­per­so­nal der Rei­chen, das man als eine Art “Open Source Äqui­va­lent” bezeich­nen könn­te.

So wird das nix! Aufflammende paramilitärische Gewalt
könnte alles in Frage stellen

Wie kann ein dau­er­haf­ter Frie­den in Kolum­bi­en aus­se­hen, wenn zwar die Regie­rung mit der FARC in Havan­na seit Jah­ren ver­han­delt, gleich­zeiitg aber den ter­ro­ris­ti­schen Aktio­nen rechts­ge­rich­ter Para­mi­li­tärs nichts ent­ge­gen­setzt wird? Die­se Fra­ge muss man sich heu­te, nach einer Serie äußerst besorg­nis­er­re­gen­der Vor­fäl­le, durch die allein im Novem­ber 2015 meh­re­re bekann­te Men­schen­rechts­ver­tre­ter  nicht  nur bedroht son­dern lei­der auch Opfer para­mi­liä­ri­scher Ter­ror­ak­te gewor­den sind, stel­len. Am 9. Okto­ber wur­de JOHN JAIRO RAMÍREZ OLAYA aus sei­nem Haus in Buen­aven­tu­ra, der Hafen­stadt an der kolum­bia­ni­schen Pazi­fik­küs­te (Depar­ta­men­ta Val­le de Cau­ca) von 10 Para­mi­li­tärs ent­führt und anschlie­ßend ermor­det. Weni­ge Tage spä­ter, am Nach­mit­tag des 13. Novem­ber wur­de der Umwelt- und Men­schen­rechts­ak­ti­vist DANIEL ABRIL, Mit­glied des zivi­len Kom­mit­tees der Ver­tei­di­gung der Men­schen­rech­te im Depar­ta­men­to de Meta (süd­öst­lich von Bogo­tá gele­gen) und Mit­glied der “Coor­di­nacin Colom­bia — Euro­pa — Esta­dos Uni­dos (CCEEU)” getö­tet. Dani­el Abril war vor allem bekannt gewor­den durch die Auf­de­ckung der rück­sichts­lo­sen Umwelt­schä­den, ins­be­son­de­re der Grund­was­ser­ver­seu­chung, die die mul­ti­na­tio­na­len Erd­öl­ge­sell­schaf­ten bei der För­de­rung der Erd­öl­res­sour­cen des Depar­ta­men­to Cas­a­na­re (eben­falls nahe der Haupt­stadt Bogo­tá) ver­ur­sacht hat­ten. Am glei­chen Tag, es war der Tag der Ter­ror­an­schlä­ge in Paris, wur­de auch LUIS FRANCISCO HERNÁNDEZ GONZÁLEZ in Tier­r­al­ta (Depar­ta­men­to de Cór­do­ba) erschos­sen. Er war einer der füh­ren­den Ver­tre­ter der afro­ko­lum­bia­ni­schen Gemein­den, die sich seit Jah­ren für die Rück­ga­be des Lan­des, von dem sie ver­trie­ben wor­den waren, ein­set­zen. Mit gro­ßer Besorg­nis wur­de auch der am Diens­tag, dem 17. Novem­ber glück­li­cher­wei­se von der “Guar­dia Indi­gi­na” ver­ei­tel­te Atten­tats­ver­such auf FELICIANO VALENCIA, einem der füh­ren­den Per­so­nen der indi­ge­nen Bewe­gung in Kolum­bi­en wahr­ge­nom­men. In einem dra­ma­ti­schen Appel wen­det sich die “Coor­di­nación Colom­bia-Euro­pa-Esta­dos Uni­dos (CCEEU)” an die Welt­öf­fent­lich­keit und drückt ihre Besorg­nis über die gegen­wär­ti­ge Situa­ti­on der Men­schen­rech­te in Kolum­bi­en aus (CCEEU): Bol­le­tin v. 17.11.2015 )

Ein — glück­li­cher­weie erfolg­lo­ser — Atten­tats­ver­such wur­de auch auf den bekann­ten Men­schen­rechts­ver­tre­ter  ADOLFO VERBEL ROCHA am 23. Novem­ber im Depar­ta­men­to Suc­re ver­übt (http://bit.ly/1Ixezzb). Und wie die kolum­bia­ni­sche Tages­zei­tung “El Espec­ta­dor”  am 22.11.2015  berich­tet, wur­de nun auch der Jour­na­list EDINSON BOLAÑOS bedroht, nach­dem er umfang­rei­che Recher­chen über ille­ga­len Gold­ab­bau in Cau­ca unter­nom­men und dar­über berich­tet hat­te. (El Espec­ta­dor v. 22.11.2015: “Magna­tes del oro ver­sus peque­ños min­e­r­os”: http://bit.ly/1ScUP9p).

Mit sehr gro­ßer Besorg­nis reagie­ren Men­schen­rechts­grup­pen in Kolum­bi­en auch auf den bekannt gewor­de­nen Vor­marsch der Para­mil­tärs in das bereits in den 90er Jah­ren zwi­schen Gue­ril­la und Para­mi­li­tärs stark umkämpf­te Gebiet am Golf von Ura­bá, einer Meer­enge der Kari­bik zwi­schen Kolum­bi­en und Pana­ma. Wie die öku­me­ni­sche Kom­mis­si­on “Comi­si­on Inte­regle­si­cal Jus­ti­cia y Paz” mit­teil­te, sind die rechts­ge­rich­te­ten Mili­zen in vier Grup­pen in die Jigu­a­mi­an­dó-Zone im nord­west­li­chen Ura­bá ein­ge­drun­gen ((Jus­ti­cia y Paz v. 3.11.2015) ). Dabei hät­ten sie Gebie­te unter Kon­trol­le der kolum­bia­ni­schen Mari­ne, der Land­streit­kräf­te und der Poli­zei pas­siert, ohne auf­ge­hal­ten wor­den zu sein. Sie sei­en für einen län­ge­ren Auf­ent­halt ein­ge­rich­tet, gut ver­sorgt und hät­ten — so Berich­te aus der Bevöl­ke­rung — die Unter­stüt­zung des Mili­tärs. In den 90er Jah­ren waren vie­le Bewoh­ner von ihrem Land ver­trie­ben wor­den, das sich dann Füh­rer para­mi­li­tä­ri­scher Ver­bän­de ange­eig­net hat­ten. Zum Teil ver­kauf­ten sie die­ses Land an Drit­te. Ein dies­be­züg­lich bekannt gewor­de­ner Fall ist der von JORGE PRETELT CHALJUB, Rich­ter beim kolum­bia­ni­schen Ver­fas­sungs­ge­richt, des­sen Ehe­frau ein sol­ches Anlie­gen erwor­ben hat­te. Ich hat­te die­sen Fall am 28. März 2015 unter der Über­schrift  “Insti­tu­tio­nel­ler GAUbeschrie­ben. In Ura­bá gibt es seit vie­len Jah­ren inten­si­ve Bemü­hun­gen um die Rück­ga­be des Lan­des an die ursprüng­li­chen Eigen­tü­mer. Inter­na­tio­nal bekannt wur­de die Gemein­de San José de Apart­a­dó, die sich jed­we­der auf­ge­zwun­ge­nen Koope­ra­ti­on mit Gue­ril­la oder Para­mil­tärs wider­setz­te und sich allen Repres­sa­li­en zum Trotz zur Frie­dens­ge­mein­de erklär­te (Vgl. auch den Doku­men­tar­film von Jor­ge Pavez “San Jose de Apart­a­do: sin armas en colom­bia — San Jose de Apart­a­do: Ohne Waf­fen in Kolum­bi­en [Kolumbien/Deutschland 2005]). Die Ein­woh­ner von San José de Apart­a­dó haben sich nun mit einem ein­dring­li­chen Hil­fe­ruf an den kolum­bia­ni­schen Staat gewandt, der nicht zulas­sen dür­fe, dass es erneut — wie in den Jah­ren 1996 und 1997 — zu Repres­sa­li­en, Ver­trei­bun­gen und Mas­sa­kern kommt  (Colom­bia­no v. 5.11.2015) ). Auch in das Gebiet der Caca­ri­ca-Frie­dens­ge­mein­de west­lich von Jigu­a­mi­an­dó, das sich größ­ten­teils in kol­lek­ti­ven Land­be­sitz indi­ge­ner Gemein­den befin­det, sind 120 Män­ner der para­mi­li­tä­ri­schen Grup­pe “Auto­de­fen­sas Gai­ta­nis­tas de Colom­bia“ (AGC) trotz der Anwe­sen­heit des Mili­tärs ein­ge­drun­gen. Mit 300 Ange­hö­ri­gen sind die AGC mitt­ler­wei­le auch in das Gebiet um die Bahía Sola­no im Chocó, süd­lich von Ura­bá, vor­ge­drun­gen. Auch von hier wer­den ein­dring­li­che Hil­fe­ru­fe gegen das Anwach­sen para­mi­li­tä­ri­scher Grup­pen aus­ge­sandt. Befürch­tet wird, dass hier para­mi­li­tä­ri­sche Struk­tu­ren für die Zeit nach den Ver­hand­lun­gen in Havan­na vor­be­rei­tet wer­den (Amerika21 v. 10.11.2015, vgl. auch Amerika21 v. 1.11.2015).

Ein ande­res Pro­blem droht für die Zeit nach dem Frie­dens­schluss von bestimm­ten Über­le­gun­gen, die von der FARC aus­ge­hen. Wie die Comi­sión Vida, Jus­ti­cia y Paz in Quib­do, Depar­ta­men­to Cho­co, mit­teil­te, gehen die im Cho­co ope­rie­ren­den FARC-Ein­hei­ten offe­nicht­lich davon aus, dass ihre Kämp­fer nach  der Demo­bi­li­sie­rung dort ange­sie­delt wer­den, wo sie sich gera­de befin­den, das heisst im Fal­le des Chocó, auf dem Ter­ri­to­ri­um der Afro­ge­mein­den und nicht etwa auf brach lie­gen­den Län­de­rei­en der Gross­grund­be­sit­zer. Die­se Vor­stel­lung hat die Befürch­tung in der Bevöl­ke­rung geweckt, dass die alten Pri­vi­le­gi­en der Ober­schicht auf Kos­ten der ärms­ten Bevöl­ke­rungs­schicht unan­ge­tas­tet blei­ben und sogar eine neue pri­vi­le­gier­te Grup­pe von Exgue­ril­le­ros ent­ste­hen könn­te.

Getsemani

Ges­tern waren Con­stan­za und ich nach län­ge­rer Zeit mal wie­der in Get­se­ma­ni, einem der vier Stadt­vier­tel Car­ta­ge­nas, die von der gro­ßen Ver­tei­dungs­mau­er umge­ben ist, die die Spa­ni­er wäh­rend ihrer Kolo­nal­herr­schaft hier zum Schutz gegen Pira­ten errich­tet hat­ten. Get­se­ma­ni ist inso­fern etwas Beson­de­res, als es noch immer eine  Sozi­al­struk­tur besitzt, in der sich Tou­ris­mus und gewach­se­ne Urba­ni­tät noch die Waa­ge hal­ten. Wäh­rend in den bei­den ande­ren inner­halb der ummau­er­ten Stadt lie­gen­den Bar­ri­os  San­to Dom­in­go (Cen­tro) und San Die­go nahe­zu alle klei­nen Gemischt­wa­ren­ge­schäf­te und Hand­wer­ker, die wir vor zehn Jah­ren dort noch vor­ge­fun­den hat­ten,  ver­schwun­den sind und an ihre Stel­le Juwe­lier­lä­den, Bou­ti­quen, Sou­ve­nier­lä­den und Luxus­re­stau­rants getre­ten sind, macht Get­se­ma­ni (noch) einen ganz ande­ren Ein­druck. Auch hier gibt es Hotels, aber es sind vor allem klei­ne­re Hos­ta­les mit gerin­ger Bet­ten­ka­pa­zi­tät, die man mit unse­ren Pen­sio­nen ver­glei­chen könn­te. Nicht dass es hier kei­ne Tou­ris­ten gibt, aber es gibt eine wohl­tu­en­de Ver­mi­schung von Tou­ris­ten und alt­ein­ge­ses­se­nen Car­ta­ge­n­eros. Als Sym­bol für die­se Ver­bin­dung kann man die  Pla­za de la Tri­ni­dad  bezeich­nen, die eine Art Zen­trum Get­se­ma­nis dar­stellt. Unser Sohn, Simon, hat­te wäh­rend sei­nes ein­jäh­ri­gen Auf­ent­halts in Car­ta­ge­na unmit­tel­bar an die­sem Platz in der Cal­le San Anto­nio gewohnt. Die Häu­ser in Get­se­ma­ni sind in der Regel klei­ner als die Pracht­bau­ten im Cen­tro.  Mehr­ge­schos­si­ge Bau­ten mit präch­ti­gen Bal­ko­nen gibt es vor allem an der Cal­le Lar­ga und der Cal­le de la Media Luna.  Die meis­ten Häu­ser haben jedoch kei­ne Ober­ge­schos­se son­dern sind ganz im spa­ni­schen Kolo­nail­stil erbaut, oft mit einem traum­haf­ten Patio und zur Stra­ßen­sei­te — das unter­schei­det sie von den Kolo­nal­bau­ten der Can­del­aria im Zen­trum von Bogo­tá — nach außen hin offen, mit den tra­di­tio­nel­len holz­ge­schnitz­ten Stä­ben vor den meist glas­lo­sen Fens­tern, wohl frem­den Zugriff nicht aber frem­de Bli­cke abweh­rend. So hat man ins­be­son­de­re am Abend einen inter­es­san­ten Ein­blick in das Fami­li­en­le­ben der Car­ta­ge­n­eros.

plaza-trinidad_abendsSeit Simon hier nicht mehr wohnt, waren wir sel­ten hier. Aber viel hat sich in den ver­gan­ge­nen Jah­ren eigent­lich nicht ver­än­dert. Viel­leicht gibt es doch ein paar Hos­ta­les mehr als damals. Nach wie vor ist  abends an der “Pla­za de la Tri­ni­dad” der Teu­fel los. Die in den angren­zen­den Stra­ßen woh­nen­den Car­ta­ge­n­eros sit­zen auf den Bän­ken an der Pla­za, wäh­rend die Kin­der bis in die spä­ten Abend­stun­den her­um­tol­len. Jugend­li­che Car­ta­ge­n­eros und Car­ta­ge­ne­ras plau­dern, flir­ten, machen Musik. Dazwi­schen ste­hen jun­ge Tou­ris­ten, eine Bier­fla­sche oder auch eine Fla­sche Rum oder Aguar­dien­te in der Hand.

plaza-trinidad_constanzaAus  eig­nen Erfah­run­gen durch unse­re Besu­che bei Simon, in der Zeit als hier wohn­te, wis­sen wir, dass an ein frü­hes Zu-Bett-Gehen in die­ser leb­haf­ten Atmo­sphä­re nicht zu den­ken ist. Und zwar an kei­nem der Wochen­ta­ge. Wie oft haben wir hier abends auf den Stu­fen der Igle­sia de la Tri­ni­dad, der größ­ten Kir­che Get­se­ma­nis, geses­sen, ein Bier oder einen Moji­to getrun­ken und dem bun­ten  Trei­ben zuge­se­hen. Mit­te auf dem Platz stand damals ein gro­ßes Tram­po­lin, auf dem die Kin­der unter den Augen ihrer plau­dern­den, trin­ken­den, manch­mal auch Musik machen­den Eltern bis in die spä­ten Abend­stun­den her­um­tob­ten. An den Sei­ten war das Tram­po­lin mit Net­zen gesi­chert, so dass auch die ganz Klei­nen gefahr­los sich dem Spaß hin­ge­ben konn­ten. Heu­te ist die­ses Tram­po­lin ver­schwun­den. Dafür ste­hen jetzt an dem Platz ein paar lebens­gro­ße Bron­ze­sta­tu­en. Ob es irgend­wel­che Hei­li­gen sind? Ich bin nicht sat­tel­fest in der Leh­re der katho­li­schen Kir­che, kann es des­halb nicht beur­tei­len. Aber die Figu­ren könn­ten auch Fischer sein, oder Hand­wer­ker, von denen es in Get­se­ma­ni noch immer jede Men­ge gibt. Das sieht man tags­über sofort. Die Tisch­le­rei, wo Simon damals sein Bett, sei­nen Tisch und sei­nen wun­der­schö­nen Schau­kel­stuhl bau­en ließ, befin­det sich noch immer in der Cal­le de Las Pal­mas. Und die “Zapa­teros” öff­nen ihre “Läden” noch immer indem sie eine Werk­bank mit den typi­schen Schu­ma­cher-Werk­zeu­gen und Töp­fen mit Leim vor ihr Haus stel­len. Fer­tig. Die Aus­la­gen der “Fer­re­te­rías”  sehen aus, als hät­ten die Tei­le alle schon zwei Leben in irgend­wel­chen Arma­tu­ren hin­ter sich. Aber man bekommt hier alles, was man braucht.

Die Pla­za de la Tri­ni­dad ent­schä­digt uns für den all­abend­li­chen Schlaf­ent­zug  durch ein  — für kolum­bia­ni­sche Ver­hält­nis­se eher unge­wöhn­li­ches — mor­gend­li­ches Aus­schla­fen.  Der Platz ist bis 10 Uhr wie aus­ge­stor­ben. Ledig­lich die bei­den Geschäf­te, ein Gemischt­wa­ren­la­den und eine Panade­ria haben dann geöff­net und natür­lich der auch abends uner­müd­li­che “Ven­de­dor de Jugos”  mit sei­nem fahr­ba­ren Stand, an dem er aus der Viel­falt der — aus unse­rer Sicht — exo­ti­schen Früch­te Kolum­bi­ens frisch-gepress­te Säf­te anbie­tet. Für Simon, der eine Lei­den­schaft für die­se Säf­te ent­wi­ckelt hat­te, war es jeden Mor­gen die ers­te Akti­on, noch schlaf­trun­kend aus sei­ner Woh­nung schlur­fend quer über den Platz zu dem Saft-Ver­käu­fer.  Mag sein, dass Simon bald sein bes­ter Kun­de war. Jeden­falls hat­ten die bei­den nach kur­zer Zeit ein aus­ge­spro­che­nes Ver­trau­ens­ver­hält­nis auf­ge­baut. Ich erin­ne­re mich an ein Erleb­nis, als Simon und ich die­sen mor­gend­li­chen Gang unter­nah­men, den Saft pres­sen lie­ßen und ihn mit dem Ver­käu­fer plau­dernd in der kari­bi­schen Mor­gen­son­ne genos­sen. Der Ver­käu­fer bat uns plötz­lich, sei­nen Stand für ein paar Minu­ten zu über­neh­men, da er noch unbe­dingt eini­ge Früch­te vom nahen Markt besor­gen müs­se. Da wir sowie­so dort stan­den und — je nach Lust und Lau­ne — unse­ren “Jugo de Guana­ba­na”, “Jugo de Guaya­ba”, “Jugo de Lulo”, “Jugo de Tama­rin­do”  oder ein­fach den für deut­sche Ohren nicht ganz so exo­ti­sche “Jugo de Naran­ja” tran­ken, hat­ten wir nichts dage­gen ein­zu­wen­den. Aus den paar Minu­ten wur­de dann aber mehr als eine hal­be Stun­de. Den Stand ver­las­sen, das konn­ten wir natür­lich nicht, ver­spro­chen ist ver­spro­chen. Aber nun kamen schon die ers­ten Kun­den. Also was blieb uns ande­res übrig, als die Hand­pres­se selbst in Ganz zu set­zen und den Job zu machen. Wäre ein sol­ches Erleb­nis in Deutschalnd denk­bar?

cartagena_baluarteEine der Stra­ßen, die vom Pla­za de la Tri­ni­dad in Rich­tung Cen­tro gehen, ist die Cal­le de Espi­ri­tu San­to. Sie führt direkt zur zwei­ten Kir­che, die Igle­sia de San Roque und führt uns direkt zur “Ciu­dad Movil” , einem Kul­tur­zen­trum, das von Loba­dis Perez gegrün­det wur­de, der damals Tän­zer im “Cole­gio del Cuer­po” war und bei dem Simon die ers­ten Wochen sei­nes Car­ta­ge­na-Auf­ent­hal­tes bis zu sei­nem Umzug in die Cal­le de San Anto­nio gewohnt hat­te. Die “Ciu­dad Movil” passt zu Get­se­ma­ni. Es ist ein alter­na­ti­ves Kul­tur­zen­trum, das mit ganz wenig Geld aber mit viel Enthu­si­as­mus der Betrei­ber (über)lebt. Es ist ein jun­ges Publi­kum, dass hier­her fin­det, und das sich irgend­wie wohl­tu­end vom Main­stream der nicht sel­ten gold- und sma­ragd­ket­ten­be­han­ge­nen Tou­ris­ten des Cen­tro abhebt.

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Erster Bericht des deutschen Sonderbeauftragten liegt vor

Der im April von der deut­schen Bun­des­re­gie­rung ernann­te Son­der­be­auf­trag­te für den Frie­dens­pro­zess in Kolum­bi­en, Tom Koenigs, hat sei­nen ers­ten Bericht vor­ge­legt  (T. Koenigs: Bericht zum Frie­dens­pro­zess in Kolum­bi­en). Koenigs ist men­schen­rechts­po­li­ti­scher Spre­cher der Frak­ti­on Bünd­nis 90/Die Grü­nen im Deut­schen Bun­des­tag. In sei­nem Bericht skiz­ziert er in gro­ben Zügen die Ent­ste­hungs­ge­schich­te und den Ver­lauf der nun über 70-jäh­ri­gen Gewaltaus­ein­an­der­set­zung in Kolum­bi­en, geht auf die ver­än­der­ten geo­po­li­ti­schen Kon­stel­la­tio­nen ein und den Druck auf bei­de Sei­ten, sich einer rea­lis­ti­schen Sicht­wei­se zur Been­di­gung des Kon­flik­tes zu beugen.“Das offe­ne Ein­ge­ständ­nis, dass ein voll­stän­di­ger mili­tä­ri­scher Sieg über die Gue­ril­la nicht gelingt und das (impli­zi­te) Ein­ge­ständ­nis einer Mit­ver­ant­wor­tung für die zivi­len Opfer war für Kolum­bi­ens Prä­si­den­ten Juan San­tos nicht gra­tis. Er sieht sich einer Rechts­op­po­si­ti­on gegen­über, die von sei­nem Vor­gän­ger, Paten und frü­he­ren Dienst­her­ren Uri­be ange­führt wird und die einen gro­ßen Teil des land­be­sit­zen­den „Adels“, aber auch einen Teil von Pries­ter­schaft und Intel­lek­tu­el­len (z.B. Pli­nio Apu­leyo Men­do­za) umfasst. Auch wenn der Ton die­ser Oppo­si­ti­on scharf ist, sind die Anhän­ger bei­der Lager durch Fami­li­en- und Stan­des­in­ter­es­sen so eng mit­ein­an­der ver­floch­ten, dass nie ganz klar ist, wer wann und wie ent­schlos­sen auf wel­cher Sei­te steht.” (T. Koenigs: Bericht zum Frie­dens­pro­zess in Kolum­bi­en, S. 3).

Abge­se­hen von den bei­den Beauf­trag­ten der Signa­tar­staa­ten Nor­we­gen (Idun Aar­ak Tve­dt) und Kuba (Rodol­fo Bení­tez) ist Tom Koenigs neben dem US-Ame­ri­ka­ner Ber­nard Aron­son und dem EU-Son­der­ge­sand­ten Eam­on Gilmo­re der drit­te aus­län­di­sche Son­der­be­auf­trag­te für den Frie­dens­pro­zess. Die Tat­sa­che, dass die Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land, einen eige­nen Son­der­be­auf­trag­ten für den kolum­bia­ni­schen Frie­dens­pro­zess benann­te hat­te, war in Kolum­bi­en nicht über­all auf offe­nes Ver­ständ­nis gesto­ßen und hat­te Befürch­tun­gen einer Ein­mi­schung geweckt. Koenigs schreibt dazu: “Es hat zwei Mona­te und eines klä­ren­den Gesprächs und Essens zwi­schen den Außen­mi­nis­te­rIn­nen von Deutsch­land und Kolum­bi­en bedurft, um die ers­te Rei­se vor­zu­be­rei­ten. Jetzt sind die Beden­ken über­wun­den, die Nicht­ein­mi­schung in den Ver­hand­lungs­pro­zess auf der Insel ist garan­tiert und die Reser­ven wur­den auf­ge­ge­ben, wenn sie denn bestan­den haben. Dazu haben nicht nur die Gesprä­che des Beauf­trag­ten mit Regie­rungs­mit­glie­dern (Reyes, Hol­guín, Jara­mil­lo) son­dern auch die aus­führ­li­chen Inter­views im El Tiem­po vom 11.07.2015 und im El Espec­ta­dor vom 09.07.2015 bei­ge­tra­gen.” In sei­nem Bericht nennt König ins­ge­samt sie­ben “Ori­en­tie­rungs­punk­te” für Pro­jek­te des Frie­dens, sagt aber nichts dar­über, wie die­se Ori­en­tie­rungs­punk­te zustan­de gekom­men sind, ob und ggf. wel­che Bedeu­tung sie in den Gesprä­chen in Havan­na besit­zen und ob bzw. wie ggf. die kolum­bia­ni­schen Part­ner (bei­der Sei­ten) dar­auf reagiert haben. Ins­be­son­de­re sagt er nichts dar­über, in wel­chem Ver­hält­nis sie zu den in Havan­na bereits ver­han­del­ten Eck­punk­ten des “Tran­si­tio­nal-Jus­ti­ce-Pro­zes­ses” ste­hen, auf den sich die Ver­hand­lungs­de­le­ga­tio­nen geei­nigt haben. Auf “Tran­si­tio­nal Jus­ti­ce”, das Kon­zept und die in Havan­na dis­ku­tier­ten Eck­punk­te, wer­de ich in den nächs­ten Tagen etwas näher ein­ge­hen. Hier möch­te ich mich auf die Wie­der­ga­be der von Tom König vor­ge­leg­ten “Ori­en­tie­rungs­punk­te” beschrän­ken:

1. Die Opfer im Vor­der­grund

Zivil­ge­sell­schaft und Regie­rung wün­schen, dass die deut­sche Koope­ra­ti­on zur Ver­trau­ens­bil­dung, zum  Inter­es­sen­aus­gleich und zu kon­kre­ter Zusam­men­ar­beit zwi­schen Zivil­ge­sell­schaft und staat­li­chen Insti­tu­tio­nen  bei­trägt. Nicht nur aus huma­ni­tä­ren Grün­den son­dern auch um sich über die Wech­sel­bä­der poli­ti­scher  Ein­fluss­nah­men zu erhe­ben, lohnt es, bei den Opfern und ihren Orga­ni­sa­tio­nen anzu­set­zen, mit ihnen  zusam­men­zu­ar­bei­ten und auf sie zu hören. Frau­en, Kin­der, Hin­ter­blie­be­ne und Ange­hö­ri­ge von Ver­schwun­de­nen  sind die bes­ten Prot­ago­nis­ten von Wahr­heit, Gerech­tig­keit und Nicht­wie­der­ho­lung (ver­dad, jus­ti­cia y no  repeti­ción).

2. Drei Schwer­punkt­pro­vin­zen

Deut­sche Zusam­men­ar­beits­struk­tu­ren und Kon­takt­net­ze sind gut eta­bliert. An „Pedago­gia para la Paz“ schließt  sich als Auf­ga­be die Unter­stüt­zung bei der Umset­zung frie­dens­schaf­fen­der Maß­nah­men und der Gestal­tung  loka­ler Frie­dens­ord­nun­gen in den Regio­nen an. Die deut­sche Ent­wick­lungs­zu­sam­men­ar­beit hat zu Recht drei  Schwer­punkt­re­gio­nen (Nor­te de San­tan­der, Meta, Caque­tá) aus­ge­wählt, alles Pro­vin­zen, die vom Kon­flikt  gezeich­net sind und in denen FARC und ELN ope­rie­ren, wo also der Frie­den ent­schei­den­de Ver­än­de­run­gen brin­gen könn­te. An die­ser Fokus­sie­rung, die mit den Pla­nun­gen der Regie­rung zu den Schwer­punkt­re­gio­nen des
Post-Kon­flikts über­ein­stim­men, soll­te fest­ge­hal­ten wer­den.

3. Die Koor­di­nie­rung

Die Viel­zahl von Inter­es­sier­ten und Hilfs­be­rei­ten aus aller Welt und die will­kom­me­ne Bereit­schaft aller Ebe­nen der kolum­bia­ni­schen Gesell­schaft und des kolum­bia­ni­schen Staa­tes mit der Inter­na­tio­na­len Gemein­schaft zusam­men­zu­ar­bei­ten, führt zu einem engen, oft unüber­schau­ba­ren Netz von Akti­vi­tä­ten. Kein Dorf ohne NGO, kei­ne Hilfs­or­ga­ni­sa­ti­on ohne Prä­senz. Die Anwe­sen­heit inter­na­tio­na­ler Akteu­re in den Regio­nen ist für die Bevöl­ke­rung ein Ver­trau­ens- und Sicher­heits­fak­tor. Die nach­weis­li­che Betei­li­gung an Koor­di­nie­rungs­me­cha­nis­men  (vor allem der UN) soll­te bei den Pla­nun­gen zivil­ge­sell­schaft­li­cher Pro­jek­te zum Stan­dard wer­den. Kein durch deut­sche öffent­li­che Mit­tel unter­stütz­tes Pro­jekt soll­te sich die­ser Logik ent­zie­hen.

4. La Paz Ter­ri­to­ri­al – La Paz Ambi­en­tal

Der Krieg wur­de und wird in den ver­nach­läs­sig­ten Regio­nen und Pro­vin­zen geführt. Im soge­nann­ten Paz Ter­ri­to­ri­al müs­sen sich die Ergeb­nis­se der Frie­dens­ver­hand­lun­gen mate­ria­li­sie­ren. Loka­le Kon­flik­te blei­ben der Nähr­stoff des kolum­bia­ni­schen Bin­nen­kon­flikts. Dabei geht es i.d.R. um natür­li­che Res­sour­cen und ihre Nut­zung. Sie wer­den auch nach einer Frie­dens­ver­ein­ba­rung fort­be­stehen und kön­nen die Akzep­tanz des Frie­dens  schwä­chen. Die in Deutsch­land in den ver­gan­ge­nen Jahr­zehn­ten gemach­ten gesell­schaft­li­chen, poli­ti­schen und tech­ni­schen Erfah­run­gen einer stür­mi­schen öko­lo­gi­schen Ent­wick­lung und die Leh­ren aus durch­leb­ten und/oder  durch­lit­te­nen hef­ti­gen Kon­tro­ver­sen über Umwelt­pro­ble­me soll­ten in die Pro­jek­te in Kolum­bi­en ein­flie­ßen. Paz Ter­ri­to­ri­al muss auch Paz Ambi­en­tal sein. Auf­bau­end auf bestehen­den Leis­tun­gen soll­te die Ein­setz­bar­keit der GIZ in Kon­flikt­re­gio­nen gra­du­ell aus­ge­wei­tet wer­den. Frei­räu­me auf­grund ver­bes­ser­ter Sicher­heits­la­ge soll­ten nach Ver­hand­lungs­ab­schluss für die Aus­wei­tung des Ope­ra­ti­ons­ra­di­us fle­xi­bel genutzt wer­den.

5. Die Finan­zie­rung

Die Finan­zie­rung der Umset­zung der Frie­dens­ver­trä­ge wirft in Kolum­bi­en noch vie­le Fra­ge­zei­chen auf. Ein brei­ter Ein­satz von Instru­men­ten, wie z.B. von FZ-Pro­gramm­kre­di­ten soll­te fort­ge­führt wer­den. Dies wird dem Ent­wick­lungs­sta­tus Kolum­bi­ens gerecht, knüpft an die Grund­la­gen staat­li­cher Frie­dens­po­li­tik an, bin­det Deutsch­land in die Pla­nun­gen ein und schafft Kolum­bi­en gege­be­nen­falls Puf­fer für Finan­zie­rungs­be­din­gun­gen am Ende des Roh­stoff-Booms. Inter­na­tio­na­le Betei­li­gung an der Post-Kon­flikt-Ent­wick­lung kann jedoch — so die Regie­rung — selbst nur max. 5% des Bedarfs decken. In einer zukünf­ti­gen Finan­zie­rungs­ar­chi­tek­tur soll­ten bila­te­ra­le und mul­ti­la­te­ra­le Instru­men­te gemäß ihrer jewei­li­gen Vor­tei­le aus­ge­wo­gen genutzt wer­den. Eine Betei­li­gung am EU Trust-Fund ist wün­schens­wert, vor­aus­ge­setzt die EU berück­sich­tigt die Gestal­tungs­wün­sche
der Mit­glieds­staa­ten.

6. Der lan­ge Atem

Mit der Unter­schrift unter dem Frie­dens­ver­trag wird Kolum­bi­en für Demo­bi­li­sie­rung, Reinte­gra­ti­on, Sicher­heit und Moni­to­ring kurz­fris­tig um Unter­stüt­zung bit­ten. Der Frie­dens­pro­zess währt aber schon lan­ge und braucht noch einen lan­gen Atem. Vie­le Frie­dens­in­itia­ti­ven sind unter­wegs schon geschei­tert. Das inter­na­tio­na­le Enga­ge­ment in Kolum­bi­en bleibt nur glaub­wür­dig, wenn es sich auf die­sen lan­gen Weg mit sei­nen Höhen und Tie­fen beharr­lich ein­lässt und eili­gen Erwar­tun­gen in Kolum­bi­en und Deutsch­land prin­zi­pi­en­fest ent­ge­gen­tritt.

7. Die Ver­än­de­rung in den Köp­fen

Ent­schei­dend für die Ent­wick­lung von Demo­kra­tie und Frie­den und für die Schaf­fung einer Frie­dens­kul­tur, die die kom­men­de Gene­ra­ti­on bestimmt, ist die Ver­än­de­rung in den Köp­fen, an der gesell­schaft­li­chen Soft­ware. Des­halb soll­ten sich Pro­jek­te vor allem auf Erzie­hung auf allen Ebe­nen, Capa­ci­ty-Buil­ding, Wis­sens- und Tech­no­lo­gie­trans­fer, Zusam­men­ar­beit von Bil­dungs­in­sti­tu­tio­nen etc. rich­ten. So kön­nen die zeit­lich, räum­lich und finan­zi­ell ja immer begrenz­ten Pro­jek­te doch nach­hal­ti­ge Wir­kung gewin­nen.” (T. Koenigs: Bericht zum Frie­dens­pro­zess in Kolum­bi­en

Adoptionsrecht für gleichgeschlechtliche Paare

Eine “his­to­ri­sche Ent­schei­dung mit sechs zu zwei Stim­men” nennt die kolum­bia­ni­che Zei­tung “El Espec­ta­dor” die ges­tern vom Ver­fas­sungs­ge­richt getrof­fe­ne Ent­schei­dung, mit der der Weg für das Recht einer Adop­ti­on von Kin­dern durch gleich­ge­schlecht­li­che Paa­re frei­ge­macht wur­de (El Espec­ta­dor v. 5.11.2015: “Cor­te Con­sti­tu­cio­nal da vía libre a la adop­ción por par­te de pare­jas del mis­mo sexo”).. Das Gericht stell­te klar, dass “die sexu­el­le Ori­en­tie­rung einer Per­son oder eines Paa­res kein Indi­ka­tor ist für die sitt­li­che, kör­per­li­che oder geis­ti­ge Eig­nung zur Adop­ti­on von Kin­dern”. Mehr als sechs Mona­te hat­te das Ver­fas­sungs­ge­richt sich mit einer der schwie­rigs­ten und auch umstrit­tens­ten Fra­gen in sei­ner Geschich­te befasst. Nach­dem es in Kolum­bi­en bereits seit 2007 ein­ge­tra­ge­ne Lebens­part­ner­schaf­ten gibt, ist nun­mehr ein wei­te­rer Schritt zur Gleich­stel­lung homo­se­xu­el­ler Paa­re erfolgt.

Aber noch lan­ge nicht ist die Sache über’n Berg. Geg­ner des Adop­ti­ons­rechts haben sich hin­ter einer seit Janu­ar d.J. lau­fen­den und  von der Sena­to­rin der libe­ra­len Par­tei Vivia­ne Mora­les initi­ier­ten Kam­pa­gne ver­sam­melt, die das Adop­ti­ons­recht über ein Refe­ren­dum wie­der kip­pen möch­te. Inner­halb und außer­halb ihrer eige­nen Par­tei hat Mora­les für ihren reak­tio­nä­ren Kreuz­zug eini­ges an Kri­tik ein­ste­cken müs­sen (El Espec­ta­dor v. 18.2.2015:  “Libe­ra­les en con­tra y con­ser­va­do­res a favor del refe­ren­do de Vivia­ne Mora­les”, und “Res­pu­es­ta a la sena­do­ra Vivia­ne Mora­les”, Las 2 Oril­las), dafür aber Unter­stüt­zung aus der kon­ser­va­ti­ven Par­tei und dem Cen­tro Demo­cráti­co, das vom ehe­ma­li­gen Prä­si­den­ten Uri­be geführt wird, erhal­ten und aus Krei­sen kon­ser­va­ti­ver Katho­li­ken (El Espec­ta­dor v. 5.11.2015: “Igle­si­as cris­tia­nas se sum­an a refe­ren­do de Vivia­ne Mora­les con­tra adop­ción igua­li­ta­ria”).

Santos bietet bilaterale Waffenruhe an, verstärkt aber gleichzeitig die Militäroperationen

Ob es sich ledig­lich um einen pro­pa­gan­dis­ti­schen Vor­stoß des Prä­si­den­ten im Kon­text der Ver­ein­ba­rung vom 23. Sep­tem­ber hand­le, oder um eine ernst zuneh­men­de Ankün­di­gung wird in den kolum­bia­ni­schen Medi­en kon­tro­vers dis­ku­tiert. Am 28. Okto­ber hat­te die kolum­bia­ni­sche Regie­rung erst­mals ihre Bereit­schaft zu einer beid­sei­ti­gen Waf­fen­ru­he erklärt. Prä­si­dent San­tos bot der FARC einen bila­te­ra­len und inter­na­tio­nal über­wach­ten Waf­fen­still­stand an, der am 1. Janu­ar 2016 in Kraft tre­ten könn­te (Sema­na v. 28.10.2015: “San­tos pro­po­ne cese bila­te­ral con las FARC des­de el pri­me­ro de enero”). Aller­dings knüpf­te der Prä­si­dent die Waf­fen­ru­he an bestimm­te Bedin­gun­gen, wie bei­spiels­wei­se die Kon­zen­tra­ti­on aller FARC-Kämp­fer an einem bestimm­ten Ort, was bei der FARC zu Ver­wir­rung und Ableh­nung geführt hat (Dele­ga­ción de Paz de las FARC-EP: “Cese al fue­go bila­te­ral” v. 31.10.2015). Und gleich­zei­tig wird die­se Ankün­di­gung beglei­tet von ver­stärk­ten Angrif­fen der Streit­kräf­te auf FARC-Stel­lun­gen in den letz­ten Wochen, was in der Öffent­lich­keit Besorg­nis aus­lös­te, die FARC könn­te ihre im Juli ver­kün­de­te erneu­te ein­sei­ti­ge Waf­fen­ru­he been­den und wie­der akti­ve Mili­tär­ope­ra­tio­nen begin­nen. Jeden­falls wand­te sich die FARC mit einem an die Mit­glie­der des kolum­bia­ni­schen Kon­gres­ses gerich­te­ten offe­nen Brief an die Öffent­lich­keit und for­der­te die sofor­ti­ge Ein­schal­tung der drei inter­na­tio­na­len Son­der­be­auf­trag­ten für den Frie­dens­pro­zess in Kolum­bi­en, den US-Ame­ri­ka­ner Ber­nard Aron­son, den Son­der­be­auf­trag­ten der deut­schen Bun­des­re­gie­rung, Tom Königs, sowie den EU-Son­der­ge­sand­ten Eam­on Gilmo­re. Sie sol­len über die Schwie­rig­kei­ten zur Ein­hal­tung der Waf­fen­ru­he infor­miert wer­den, die von Tag zu Tag grö­ßer wür­den (Dele­ga­ción de Paz de las FARC-EP: “Salu­do a la Dele­ga­ción del Con­gre­so” v. 30.10.2015; und Dele­ga­ción de Paz de las FARC-EP: “Peli­gra tre­gua uni­la­te­ral”, Comu­ni­ca­dos Dele­ga­ción FARC v. 31.10.2015).

Vereinbarung in Havanna: Ende der Kämpfe im März 2016

Am Mitt­woch, den 23. Sep­tem­ber wur­de in Havan­na die Unter­zeich­nung einer von Beob­ach­tern als “his­to­risch” bezeich­ne­ten Ver­ein­ba­rung zwi­schen der kolum­bia­ni­schen Regie­rung und der FARC bekannt­ge­ge­ben, in der die Been­di­gung aller Kämp­fe für spä­tes­tens März 2016 beschlos­sen wur­de. Mit der Unter­zeich­nung eines “Abkom­men über die Schaf­fung einer Son­der­ge­richts­bar­keit für den Frie­den”, in dem die wich­tigs­ten Rege­lun­gen für eine Straf­ver­fol­gung und Amnes­tie für die Betei­lig­ten am bewaff­ne­ten Kon­flikt fest­ge­legt ist, wur­de höchst­wahr­schein­lich ein ent­schei­den­der Grund­stein für einen Durch­bruch der Frie­dens­ver­hand­lun­gen gelegt. Gera­de die­se Fra­ge wie juris­tisch mit den Per­so­nen zu ver­fah­ren sei, denen Men­schen­rechts­ver­let­zun­gen ange­las­tet wer­den, war in den ver­gan­ge­nen Wochen und Mona­ten zu einem der wich­tigs­ten und umstrit­tens­ten Ver­hand­lungs­punk­te in Havan­na. Grund­sätz­li­che stimm­ten bei­de Sei­ten über­ein, es müs­se eine spe­zi­el­le Recht­spre­chung für den Über­gang zum Frie­den geschaf­fen wer­den, die sowohl aus nor­ma­len Gerich­ten als auch aus einem Son­der­tri­bu­nal bestehen wer­de. Die­se Gre­mi­en sol­len vor allem aus kolum­bia­ni­schen Rich­tern bestehen, aller­dings unter Mit­wir­kung aus­län­di­scher Juris­ten, die aber in der Min­der­heit blei­ben sol­len. Die Funk­ti­on die­ser Mecha­nis­men soll laut Ver­ein­ba­rung dar­in bestehen, die bis­lang anhal­ten­de Straf­lo­sig­keit zu been­den, die Wahr­heit über die Gescheh­nis­se ans Licht zu brin­gen, zur Ent­schä­di­gung der Opfer bei­zu­tra­gen, die Ver­ur­tei­lung und Bestra­fung der Ver­ant­wort­li­chen für schwe­re Ver­bre­chen, die wäh­rend des Kon­flikts began­gen wur­den, zu ermög­li­chen, sowie sicher­zu­stel­len, dass sich die­se nicht wie­der­ho­len“ (El Espec­ta­dor v. 24.9.2015). Die Son­der­jus­tiz für den Frie­den, die in den kolum­bia­ni­schen Medi­en auch als “Wahr­heits­kom­mis­si­on” titu­liert wird, soll nicht nur zustän­dig sein für Mit­glie­der der Guer­ril­la, son­dern gleich­falls für alle Per­so­nen im Staats­dienst, die im Kon­text des Krie­ges Ver­bre­chen began­gen haben. Schließ­lich wird in der gemein­sa­men Erklä­rung aner­kannt, dass die Umwand­lung der FARC in eine lega­le poli­ti­sche Bewe­gung ein gemein­sa­mes Ziel sei, das von der Regie­rung unter­stützt wer­de. Prä­si­dent San­tos und der obers­te Chef der FARC, Timo­león Jimé­nez ali­as  „Timo­chen­ko“, waren anläss­lich der Unter­zeich­nung, die in Anwe­sen­heit von Kubas Staats- und Regie­rungs­chef Raúl Cas­tro statt­fand, eigens nach Havan­na gereist. Seit die Gesprä­che in Havan­na began­nen, hat die Regie­rung San­tos aner­kannt, dass in Kolum­bi­en Krieg herrscht und die FARC eine Rebel­len­grup­pe mit poli­ti­schen Zie­len ist. Damit unter­schei­det sie sich vom frü­he­ren Prä­si­den­ten Uri­be, der die FARC ledig­lich als Ter­ro­ris­ten ansah. Aber gleich­zei­tig hat die Regie­rung aner­kannt, dass im Namen des Krie­ges auf bei­den Sei­ten grau­sa­me Hand­lun­gen began­gen wur­den, wes­we­gen die Gue­ril­la nicht ein­fach als revo­lu­tio­när und die Streit­kräf­te nicht  ein­fach als legi­tim bezeich­net wer­den kön­nen. Für die FARC wur­de es unmög­lich zu sagen, die Ent­füh­run­gen von Poli­ti­kern und Sol­da­ten und ihre jah­re­lan­ge Gefan­gen­hal­tung im Urwald sei­en altru­is­ti­sche Taten gewe­sen. Eben­so wenig konn­ten die Streit­kräf­te leug­nen, dass vie­le ihrer Ein­hei­ten Alli­an­zen mit den Para­mi­li­tärs schlos­sen, damit letz­te­re Mas­sa­ker an bestimm­ten Tei­len der Bevöl­ke­rung ver­üben konn­ten (vgl. Sema­na v. 18.7.2015: “?‘Timo­chen­ko’ ir¿a a la cár­cel?”).

Regierung stellt Luftangriffe ein, plant aber Einschränkung der Grundrechte

Am ver­gan­ge­nen Wochen­en­de hat die kolum­bia­ni­sche Regie­rung die Ein­stel­lung der Luft­an­grif­fe auf FARC-Stel­lun­gen ver­fügt. Damit löst sie ein in der gemein­sa­men Erklä­rung vom 12. Juli gege­be­nes Ver­spre­chen ein, die offen­si­ven mili­tä­ri­schen Aktio­nen gegen die FARC ein­zu­schrän­ken. Men­schen­rechts­ver­tre­ter begrü­ßen die­se Ent­schei­dung machen aber dar­auf auf­merk­sam, dass der vor zwei Wochen von einer Pro­jekt­grup­pe des Ver­tei­di­gungs­mi­nis­te­ri­ums, der Sicher­heits­be­hör­den und der Natio­nal­po­li­zei vor­ge­leg­te Ent­wurf zur Erneue­rung des Poli­zei­ge­set­zes im Wider­spruch zu den Zie­len des Frie­dens­pro­zes­ses steht. Der Ent­wurf regelt ver­schie­de­ne Punk­te hin­sicht­lich der Pri­vat­sphä­re von Indi­vi­du­en im Kon­text der neu­en Medi­en und sozia­len Netz­wer­ke bis hin zu Regeln für den öffent­li­chen Nah­ver­kehr. So soll bei­spiels­wei­se die prä­ven­ti­ve Ver­haf­tung von Per­so­nen, die durch “agres­si­ves oder leicht­sin­ni­ges Ver­hal­ten” auf sich auf­merk­sam machen, mög­lich sein. Auch soll es der Poli­zei zukünf­tig erlaubt sein, Haus­durch­su­chun­gen nach eige­nem Ermes­sen ohne Durch­su­chungs­be­fehl durch­zu­füh­ren. Die Oppo­si­ti­on kri­ti­siert die­se Befug­nis­se, da sie leicht dazu miss­braucht wer­den kön­nen, ein­zel­ne Grund­rech­te aus­zu­he­beln. Gera­de in einem Land, in dem immer wie­der über­ma­ßi­ge Poli­zei­ge­walt kri­ti­siert wird, sei ein sol­cher Vor­stoß pro­ble­ma­tisch (El Espec­ta­dor v. 17. Juni 2015: “Códi­go de Poli­cía limi­ta el derecho a la pro­tes­ta de ciu­dada­nos”).