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So wird das nix! Aufflammende paramilitärische Gewalt
könnte alles in Frage stellen

Wie kann ein dau­er­haf­ter Frie­den in Kolum­bi­en aus­se­hen, wenn zwar die Regie­rung mit der FARC in Havan­na seit Jah­ren ver­han­delt, gleich­zeiitg aber den ter­ro­ris­ti­schen Aktio­nen rechts­ge­rich­ter Para­mi­li­tärs nichts ent­ge­gen­setzt wird? Die­se Fra­ge muss man sich heu­te, nach einer Serie äußerst besorg­nis­er­re­gen­der Vor­fäl­le, durch die allein im Novem­ber 2015 meh­re­re bekann­te Men­schen­rechts­ver­tre­ter  nicht  nur bedroht son­dern lei­der auch Opfer para­mi­liä­ri­scher Ter­ror­ak­te gewor­den sind, stel­len. Am 9. Okto­ber wur­de JOHN JAIRO RAMÍREZ OLAYA aus sei­nem Haus in Buen­aven­tu­ra, der Hafen­stadt an der kolum­bia­ni­schen Pazi­fik­küs­te (Depar­ta­men­ta Val­le de Cau­ca) von 10 Para­mi­li­tärs ent­führt und anschlie­ßend ermor­det. Weni­ge Tage spä­ter, am Nach­mit­tag des 13. Novem­ber wur­de der Umwelt- und Men­schen­rechts­ak­ti­vist DANIEL ABRIL, Mit­glied des zivi­len Kom­mit­tees der Ver­tei­di­gung der Men­schen­rech­te im Depar­ta­men­to de Meta (süd­öst­lich von Bogo­tá gele­gen) und Mit­glied der “Coor­di­nacin Colom­bia — Euro­pa — Esta­dos Uni­dos (CCEEU)” getö­tet. Dani­el Abril war vor allem bekannt gewor­den durch die Auf­de­ckung der rück­sichts­lo­sen Umwelt­schä­den, ins­be­son­de­re der Grund­was­ser­ver­seu­chung, die die mul­ti­na­tio­na­len Erd­öl­ge­sell­schaf­ten bei der För­de­rung der Erd­öl­res­sour­cen des Depar­ta­men­to Cas­a­na­re (eben­falls nahe der Haupt­stadt Bogo­tá) ver­ur­sacht hat­ten. Am glei­chen Tag, es war der Tag der Ter­ror­an­schlä­ge in Paris, wur­de auch LUIS FRANCISCO HERNÁNDEZ GONZÁLEZ in Tier­r­al­ta (Depar­ta­men­to de Cór­do­ba) erschos­sen. Er war einer der füh­ren­den Ver­tre­ter der afro­ko­lum­bia­ni­schen Gemein­den, die sich seit Jah­ren für die Rück­ga­be des Lan­des, von dem sie ver­trie­ben wor­den waren, ein­set­zen. Mit gro­ßer Besorg­nis wur­de auch der am Diens­tag, dem 17. Novem­ber glück­li­cher­wei­se von der “Guar­dia Indi­gi­na” ver­ei­tel­te Atten­tats­ver­such auf FELICIANO VALENCIA, einem der füh­ren­den Per­so­nen der indi­ge­nen Bewe­gung in Kolum­bi­en wahr­ge­nom­men. In einem dra­ma­ti­schen Appel wen­det sich die “Coor­di­nación Colom­bia-Euro­pa-Esta­dos Uni­dos (CCEEU)” an die Welt­öf­fent­lich­keit und drückt ihre Besorg­nis über die gegen­wär­ti­ge Situa­ti­on der Men­schen­rech­te in Kolum­bi­en aus (CCEEU): Bol­le­tin v. 17.11.2015 )

Ein — glück­li­cher­weie erfolg­lo­ser — Atten­tats­ver­such wur­de auch auf den bekann­ten Men­schen­rechts­ver­tre­ter  ADOLFO VERBEL ROCHA am 23. Novem­ber im Depar­ta­men­to Suc­re ver­übt (http://bit.ly/1Ixezzb). Und wie die kolum­bia­ni­sche Tages­zei­tung “El Espec­ta­dor”  am 22.11.2015  berich­tet, wur­de nun auch der Jour­na­list EDINSON BOLAÑOS bedroht, nach­dem er umfang­rei­che Recher­chen über ille­ga­len Gold­ab­bau in Cau­ca unter­nom­men und dar­über berich­tet hat­te. (El Espec­ta­dor v. 22.11.2015: “Magna­tes del oro ver­sus peque­ños min­e­r­os”: http://bit.ly/1ScUP9p).

Mit sehr gro­ßer Besorg­nis reagie­ren Men­schen­rechts­grup­pen in Kolum­bi­en auch auf den bekannt gewor­de­nen Vor­marsch der Para­mil­tärs in das bereits in den 90er Jah­ren zwi­schen Gue­ril­la und Para­mi­li­tärs stark umkämpf­te Gebiet am Golf von Ura­bá, einer Meer­enge der Kari­bik zwi­schen Kolum­bi­en und Pana­ma. Wie die öku­me­ni­sche Kom­mis­si­on “Comi­si­on Inte­regle­si­cal Jus­ti­cia y Paz” mit­teil­te, sind die rechts­ge­rich­te­ten Mili­zen in vier Grup­pen in die Jigu­a­mi­an­dó-Zone im nord­west­li­chen Ura­bá ein­ge­drun­gen ((Jus­ti­cia y Paz v. 3.11.2015) ). Dabei hät­ten sie Gebie­te unter Kon­trol­le der kolum­bia­ni­schen Mari­ne, der Land­streit­kräf­te und der Poli­zei pas­siert, ohne auf­ge­hal­ten wor­den zu sein. Sie sei­en für einen län­ge­ren Auf­ent­halt ein­ge­rich­tet, gut ver­sorgt und hät­ten — so Berich­te aus der Bevöl­ke­rung — die Unter­stüt­zung des Mili­tärs. In den 90er Jah­ren waren vie­le Bewoh­ner von ihrem Land ver­trie­ben wor­den, das sich dann Füh­rer para­mi­li­tä­ri­scher Ver­bän­de ange­eig­net hat­ten. Zum Teil ver­kauf­ten sie die­ses Land an Drit­te. Ein dies­be­züg­lich bekannt gewor­de­ner Fall ist der von JORGE PRETELT CHALJUB, Rich­ter beim kolum­bia­ni­schen Ver­fas­sungs­ge­richt, des­sen Ehe­frau ein sol­ches Anlie­gen erwor­ben hat­te. Ich hat­te die­sen Fall am 28. März 2015 unter der Über­schrift  “Insti­tu­tio­nel­ler GAUbeschrie­ben. In Ura­bá gibt es seit vie­len Jah­ren inten­si­ve Bemü­hun­gen um die Rück­ga­be des Lan­des an die ursprüng­li­chen Eigen­tü­mer. Inter­na­tio­nal bekannt wur­de die Gemein­de San José de Apart­a­dó, die sich jed­we­der auf­ge­zwun­ge­nen Koope­ra­ti­on mit Gue­ril­la oder Para­mil­tärs wider­setz­te und sich allen Repres­sa­li­en zum Trotz zur Frie­dens­ge­mein­de erklär­te (Vgl. auch den Doku­men­tar­film von Jor­ge Pavez “San Jose de Apart­a­do: sin armas en colom­bia — San Jose de Apart­a­do: Ohne Waf­fen in Kolum­bi­en [Kolumbien/Deutschland 2005]). Die Ein­woh­ner von San José de Apart­a­dó haben sich nun mit einem ein­dring­li­chen Hil­fe­ruf an den kolum­bia­ni­schen Staat gewandt, der nicht zulas­sen dür­fe, dass es erneut — wie in den Jah­ren 1996 und 1997 — zu Repres­sa­li­en, Ver­trei­bun­gen und Mas­sa­kern kommt  (Colom­bia­no v. 5.11.2015) ). Auch in das Gebiet der Caca­ri­ca-Frie­dens­ge­mein­de west­lich von Jigu­a­mi­an­dó, das sich größ­ten­teils in kol­lek­ti­ven Land­be­sitz indi­ge­ner Gemein­den befin­det, sind 120 Män­ner der para­mi­li­tä­ri­schen Grup­pe “Auto­de­fen­sas Gai­ta­nis­tas de Colom­bia“ (AGC) trotz der Anwe­sen­heit des Mili­tärs ein­ge­drun­gen. Mit 300 Ange­hö­ri­gen sind die AGC mitt­ler­wei­le auch in das Gebiet um die Bahía Sola­no im Chocó, süd­lich von Ura­bá, vor­ge­drun­gen. Auch von hier wer­den ein­dring­li­che Hil­fe­ru­fe gegen das Anwach­sen para­mi­li­tä­ri­scher Grup­pen aus­ge­sandt. Befürch­tet wird, dass hier para­mi­li­tä­ri­sche Struk­tu­ren für die Zeit nach den Ver­hand­lun­gen in Havan­na vor­be­rei­tet wer­den (Amerika21 v. 10.11.2015, vgl. auch Amerika21 v. 1.11.2015).

Ein ande­res Pro­blem droht für die Zeit nach dem Frie­dens­schluss von bestimm­ten Über­le­gun­gen, die von der FARC aus­ge­hen. Wie die Comi­sión Vida, Jus­ti­cia y Paz in Quib­do, Depar­ta­men­to Cho­co, mit­teil­te, gehen die im Cho­co ope­rie­ren­den FARC-Ein­hei­ten offe­nicht­lich davon aus, dass ihre Kämp­fer nach  der Demo­bi­li­sie­rung dort ange­sie­delt wer­den, wo sie sich gera­de befin­den, das heisst im Fal­le des Chocó, auf dem Ter­ri­to­ri­um der Afro­ge­mein­den und nicht etwa auf brach lie­gen­den Län­de­rei­en der Gross­grund­be­sit­zer. Die­se Vor­stel­lung hat die Befürch­tung in der Bevöl­ke­rung geweckt, dass die alten Pri­vi­le­gi­en der Ober­schicht auf Kos­ten der ärms­ten Bevöl­ke­rungs­schicht unan­ge­tas­tet blei­ben und sogar eine neue pri­vi­le­gier­te Grup­pe von Exgue­ril­le­ros ent­ste­hen könn­te.

Getsemani

Ges­tern waren Con­stan­za und ich nach län­ge­rer Zeit mal wie­der in Get­se­ma­ni, einem der vier Stadt­vier­tel Car­ta­ge­nas, die von der gro­ßen Ver­tei­dungs­mau­er umge­ben ist, die die Spa­ni­er wäh­rend ihrer Kolo­nal­herr­schaft hier zum Schutz gegen Pira­ten errich­tet hat­ten. Get­se­ma­ni ist inso­fern etwas Beson­de­res, als es noch immer eine  Sozi­al­struk­tur besitzt, in der sich Tou­ris­mus und gewach­se­ne Urba­ni­tät noch die Waa­ge hal­ten. Wäh­rend in den bei­den ande­ren inner­halb der ummau­er­ten Stadt lie­gen­den Bar­ri­os  San­to Dom­in­go (Cen­tro) und San Die­go nahe­zu alle klei­nen Gemischt­wa­ren­ge­schäf­te und Hand­wer­ker, die wir vor zehn Jah­ren dort noch vor­ge­fun­den hat­ten,  ver­schwun­den sind und an ihre Stel­le Juwe­lier­lä­den, Bou­ti­quen, Sou­ve­nier­lä­den und Luxus­re­stau­rants getre­ten sind, macht Get­se­ma­ni (noch) einen ganz ande­ren Ein­druck. Auch hier gibt es Hotels, aber es sind vor allem klei­ne­re Hos­ta­les mit gerin­ger Bet­ten­ka­pa­zi­tät, die man mit unse­ren Pen­sio­nen ver­glei­chen könn­te. Nicht dass es hier kei­ne Tou­ris­ten gibt, aber es gibt eine wohl­tu­en­de Ver­mi­schung von Tou­ris­ten und alt­ein­ge­ses­se­nen Car­ta­ge­n­eros. Als Sym­bol für die­se Ver­bin­dung kann man die  Pla­za de la Tri­ni­dad  bezeich­nen, die eine Art Zen­trum Get­se­ma­nis dar­stellt. Unser Sohn, Simon, hat­te wäh­rend sei­nes ein­jäh­ri­gen Auf­ent­halts in Car­ta­ge­na unmit­tel­bar an die­sem Platz in der Cal­le San Anto­nio gewohnt. Die Häu­ser in Get­se­ma­ni sind in der Regel klei­ner als die Pracht­bau­ten im Cen­tro.  Mehr­ge­schos­si­ge Bau­ten mit präch­ti­gen Bal­ko­nen gibt es vor allem an der Cal­le Lar­ga und der Cal­le de la Media Luna.  Die meis­ten Häu­ser haben jedoch kei­ne Ober­ge­schos­se son­dern sind ganz im spa­ni­schen Kolo­nail­stil erbaut, oft mit einem traum­haf­ten Patio und zur Stra­ßen­sei­te — das unter­schei­det sie von den Kolo­nal­bau­ten der Can­del­aria im Zen­trum von Bogo­tá — nach außen hin offen, mit den tra­di­tio­nel­len holz­ge­schnitz­ten Stä­ben vor den meist glas­lo­sen Fens­tern, wohl frem­den Zugriff nicht aber frem­de Bli­cke abweh­rend. So hat man ins­be­son­de­re am Abend einen inter­es­san­ten Ein­blick in das Fami­li­en­le­ben der Car­ta­ge­n­eros.

plaza-trinidad_abendsSeit Simon hier nicht mehr wohnt, waren wir sel­ten hier. Aber viel hat sich in den ver­gan­ge­nen Jah­ren eigent­lich nicht ver­än­dert. Viel­leicht gibt es doch ein paar Hos­ta­les mehr als damals. Nach wie vor ist  abends an der “Pla­za de la Tri­ni­dad” der Teu­fel los. Die in den angren­zen­den Stra­ßen woh­nen­den Car­ta­ge­n­eros sit­zen auf den Bän­ken an der Pla­za, wäh­rend die Kin­der bis in die spä­ten Abend­stun­den her­um­tol­len. Jugend­li­che Car­ta­ge­n­eros und Car­ta­ge­ne­ras plau­dern, flir­ten, machen Musik. Dazwi­schen ste­hen jun­ge Tou­ris­ten, eine Bier­fla­sche oder auch eine Fla­sche Rum oder Aguar­dien­te in der Hand.

plaza-trinidad_constanzaAus  eig­nen Erfah­run­gen durch unse­re Besu­che bei Simon, in der Zeit als hier wohn­te, wis­sen wir, dass an ein frü­hes Zu-Bett-Gehen in die­ser leb­haf­ten Atmo­sphä­re nicht zu den­ken ist. Und zwar an kei­nem der Wochen­ta­ge. Wie oft haben wir hier abends auf den Stu­fen der Igle­sia de la Tri­ni­dad, der größ­ten Kir­che Get­se­ma­nis, geses­sen, ein Bier oder einen Moji­to getrun­ken und dem bun­ten  Trei­ben zuge­se­hen. Mit­te auf dem Platz stand damals ein gro­ßes Tram­po­lin, auf dem die Kin­der unter den Augen ihrer plau­dern­den, trin­ken­den, manch­mal auch Musik machen­den Eltern bis in die spä­ten Abend­stun­den her­um­tob­ten. An den Sei­ten war das Tram­po­lin mit Net­zen gesi­chert, so dass auch die ganz Klei­nen gefahr­los sich dem Spaß hin­ge­ben konn­ten. Heu­te ist die­ses Tram­po­lin ver­schwun­den. Dafür ste­hen jetzt an dem Platz ein paar lebens­gro­ße Bron­ze­sta­tu­en. Ob es irgend­wel­che Hei­li­gen sind? Ich bin nicht sat­tel­fest in der Leh­re der katho­li­schen Kir­che, kann es des­halb nicht beur­tei­len. Aber die Figu­ren könn­ten auch Fischer sein, oder Hand­wer­ker, von denen es in Get­se­ma­ni noch immer jede Men­ge gibt. Das sieht man tags­über sofort. Die Tisch­le­rei, wo Simon damals sein Bett, sei­nen Tisch und sei­nen wun­der­schö­nen Schau­kel­stuhl bau­en ließ, befin­det sich noch immer in der Cal­le de Las Pal­mas. Und die “Zapa­teros” öff­nen ihre “Läden” noch immer indem sie eine Werk­bank mit den typi­schen Schu­ma­cher-Werk­zeu­gen und Töp­fen mit Leim vor ihr Haus stel­len. Fer­tig. Die Aus­la­gen der “Fer­re­te­rías”  sehen aus, als hät­ten die Tei­le alle schon zwei Leben in irgend­wel­chen Arma­tu­ren hin­ter sich. Aber man bekommt hier alles, was man braucht.

Die Pla­za de la Tri­ni­dad ent­schä­digt uns für den all­abend­li­chen Schlaf­ent­zug  durch ein  — für kolum­bia­ni­sche Ver­hält­nis­se eher unge­wöhn­li­ches — mor­gend­li­ches Aus­schla­fen.  Der Platz ist bis 10 Uhr wie aus­ge­stor­ben. Ledig­lich die bei­den Geschäf­te, ein Gemischt­wa­ren­la­den und eine Panade­ria haben dann geöff­net und natür­lich der auch abends uner­müd­li­che “Ven­de­dor de Jugos”  mit sei­nem fahr­ba­ren Stand, an dem er aus der Viel­falt der — aus unse­rer Sicht — exo­ti­schen Früch­te Kolum­bi­ens frisch-gepress­te Säf­te anbie­tet. Für Simon, der eine Lei­den­schaft für die­se Säf­te ent­wi­ckelt hat­te, war es jeden Mor­gen die ers­te Akti­on, noch schlaf­trun­kend aus sei­ner Woh­nung schlur­fend quer über den Platz zu dem Saft-Ver­käu­fer.  Mag sein, dass Simon bald sein bes­ter Kun­de war. Jeden­falls hat­ten die bei­den nach kur­zer Zeit ein aus­ge­spro­che­nes Ver­trau­ens­ver­hält­nis auf­ge­baut. Ich erin­ne­re mich an ein Erleb­nis, als Simon und ich die­sen mor­gend­li­chen Gang unter­nah­men, den Saft pres­sen lie­ßen und ihn mit dem Ver­käu­fer plau­dernd in der kari­bi­schen Mor­gen­son­ne genos­sen. Der Ver­käu­fer bat uns plötz­lich, sei­nen Stand für ein paar Minu­ten zu über­neh­men, da er noch unbe­dingt eini­ge Früch­te vom nahen Markt besor­gen müs­se. Da wir sowie­so dort stan­den und — je nach Lust und Lau­ne — unse­ren “Jugo de Guana­ba­na”, “Jugo de Guaya­ba”, “Jugo de Lulo”, “Jugo de Tama­rin­do”  oder ein­fach den für deut­sche Ohren nicht ganz so exo­ti­sche “Jugo de Naran­ja” tran­ken, hat­ten wir nichts dage­gen ein­zu­wen­den. Aus den paar Minu­ten wur­de dann aber mehr als eine hal­be Stun­de. Den Stand ver­las­sen, das konn­ten wir natür­lich nicht, ver­spro­chen ist ver­spro­chen. Aber nun kamen schon die ers­ten Kun­den. Also was blieb uns ande­res übrig, als die Hand­pres­se selbst in Ganz zu set­zen und den Job zu machen. Wäre ein sol­ches Erleb­nis in Deutschalnd denk­bar?

cartagena_baluarteEine der Stra­ßen, die vom Pla­za de la Tri­ni­dad in Rich­tung Cen­tro gehen, ist die Cal­le de Espi­ri­tu San­to. Sie führt direkt zur zwei­ten Kir­che, die Igle­sia de San Roque und führt uns direkt zur “Ciu­dad Movil” , einem Kul­tur­zen­trum, das von Loba­dis Perez gegrün­det wur­de, der damals Tän­zer im “Cole­gio del Cuer­po” war und bei dem Simon die ers­ten Wochen sei­nes Car­ta­ge­na-Auf­ent­hal­tes bis zu sei­nem Umzug in die Cal­le de San Anto­nio gewohnt hat­te. Die “Ciu­dad Movil” passt zu Get­se­ma­ni. Es ist ein alter­na­ti­ves Kul­tur­zen­trum, das mit ganz wenig Geld aber mit viel Enthu­si­as­mus der Betrei­ber (über)lebt. Es ist ein jun­ges Publi­kum, dass hier­her fin­det, und das sich irgend­wie wohl­tu­end vom Main­stream der nicht sel­ten gold- und sma­ragd­ket­ten­be­han­ge­nen Tou­ris­ten des Cen­tro abhebt.

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Erster Bericht des deutschen Sonderbeauftragten liegt vor

Der im April von der deut­schen Bun­des­re­gie­rung ernann­te Son­der­be­auf­trag­te für den Frie­dens­pro­zess in Kolum­bi­en, Tom Koenigs, hat sei­nen ers­ten Bericht vor­ge­legt  (T. Koenigs: Bericht zum Frie­dens­pro­zess in Kolum­bi­en). Koenigs ist men­schen­rechts­po­li­ti­scher Spre­cher der Frak­ti­on Bünd­nis 90/Die Grü­nen im Deut­schen Bun­des­tag. In sei­nem Bericht skiz­ziert er in gro­ben Zügen die Ent­ste­hungs­ge­schich­te und den Ver­lauf der nun über 70-jäh­ri­gen Gewaltaus­ein­an­der­set­zung in Kolum­bi­en, geht auf die ver­än­der­ten geo­po­li­ti­schen Kon­stel­la­tio­nen ein und den Druck auf bei­de Sei­ten, sich einer rea­lis­ti­schen Sicht­wei­se zur Been­di­gung des Kon­flik­tes zu beugen.“Das offe­ne Ein­ge­ständ­nis, dass ein voll­stän­di­ger mili­tä­ri­scher Sieg über die Gue­ril­la nicht gelingt und das (impli­zi­te) Ein­ge­ständ­nis einer Mit­ver­ant­wor­tung für die zivi­len Opfer war für Kolum­bi­ens Prä­si­den­ten Juan San­tos nicht gra­tis. Er sieht sich einer Rechts­op­po­si­ti­on gegen­über, die von sei­nem Vor­gän­ger, Paten und frü­he­ren Dienst­her­ren Uri­be ange­führt wird und die einen gro­ßen Teil des land­be­sit­zen­den „Adels“, aber auch einen Teil von Pries­ter­schaft und Intel­lek­tu­el­len (z.B. Pli­nio Apu­leyo Men­do­za) umfasst. Auch wenn der Ton die­ser Oppo­si­ti­on scharf ist, sind die Anhän­ger bei­der Lager durch Fami­li­en- und Stan­des­in­ter­es­sen so eng mit­ein­an­der ver­floch­ten, dass nie ganz klar ist, wer wann und wie ent­schlos­sen auf wel­cher Sei­te steht.” (T. Koenigs: Bericht zum Frie­dens­pro­zess in Kolum­bi­en, S. 3).

Abge­se­hen von den bei­den Beauf­trag­ten der Signa­tar­staa­ten Nor­we­gen (Idun Aar­ak Tve­dt) und Kuba (Rodol­fo Bení­tez) ist Tom Koenigs neben dem US-Ame­ri­ka­ner Ber­nard Aron­son und dem EU-Son­der­ge­sand­ten Eam­on Gilmo­re der drit­te aus­län­di­sche Son­der­be­auf­trag­te für den Frie­dens­pro­zess. Die Tat­sa­che, dass die Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land, einen eige­nen Son­der­be­auf­trag­ten für den kolum­bia­ni­schen Frie­dens­pro­zess benann­te hat­te, war in Kolum­bi­en nicht über­all auf offe­nes Ver­ständ­nis gesto­ßen und hat­te Befürch­tun­gen einer Ein­mi­schung geweckt. Koenigs schreibt dazu: “Es hat zwei Mona­te und eines klä­ren­den Gesprächs und Essens zwi­schen den Außen­mi­nis­te­rIn­nen von Deutsch­land und Kolum­bi­en bedurft, um die ers­te Rei­se vor­zu­be­rei­ten. Jetzt sind die Beden­ken über­wun­den, die Nicht­ein­mi­schung in den Ver­hand­lungs­pro­zess auf der Insel ist garan­tiert und die Reser­ven wur­den auf­ge­ge­ben, wenn sie denn bestan­den haben. Dazu haben nicht nur die Gesprä­che des Beauf­trag­ten mit Regie­rungs­mit­glie­dern (Reyes, Hol­guín, Jara­mil­lo) son­dern auch die aus­führ­li­chen Inter­views im El Tiem­po vom 11.07.2015 und im El Espec­ta­dor vom 09.07.2015 bei­ge­tra­gen.” In sei­nem Bericht nennt König ins­ge­samt sie­ben “Ori­en­tie­rungs­punk­te” für Pro­jek­te des Frie­dens, sagt aber nichts dar­über, wie die­se Ori­en­tie­rungs­punk­te zustan­de gekom­men sind, ob und ggf. wel­che Bedeu­tung sie in den Gesprä­chen in Havan­na besit­zen und ob bzw. wie ggf. die kolum­bia­ni­schen Part­ner (bei­der Sei­ten) dar­auf reagiert haben. Ins­be­son­de­re sagt er nichts dar­über, in wel­chem Ver­hält­nis sie zu den in Havan­na bereits ver­han­del­ten Eck­punk­ten des “Tran­si­tio­nal-Jus­ti­ce-Pro­zes­ses” ste­hen, auf den sich die Ver­hand­lungs­de­le­ga­tio­nen geei­nigt haben. Auf “Tran­si­tio­nal Jus­ti­ce”, das Kon­zept und die in Havan­na dis­ku­tier­ten Eck­punk­te, wer­de ich in den nächs­ten Tagen etwas näher ein­ge­hen. Hier möch­te ich mich auf die Wie­der­ga­be der von Tom König vor­ge­leg­ten “Ori­en­tie­rungs­punk­te” beschrän­ken:

1. Die Opfer im Vor­der­grund

Zivil­ge­sell­schaft und Regie­rung wün­schen, dass die deut­sche Koope­ra­ti­on zur Ver­trau­ens­bil­dung, zum  Inter­es­sen­aus­gleich und zu kon­kre­ter Zusam­men­ar­beit zwi­schen Zivil­ge­sell­schaft und staat­li­chen Insti­tu­tio­nen  bei­trägt. Nicht nur aus huma­ni­tä­ren Grün­den son­dern auch um sich über die Wech­sel­bä­der poli­ti­scher  Ein­fluss­nah­men zu erhe­ben, lohnt es, bei den Opfern und ihren Orga­ni­sa­tio­nen anzu­set­zen, mit ihnen  zusam­men­zu­ar­bei­ten und auf sie zu hören. Frau­en, Kin­der, Hin­ter­blie­be­ne und Ange­hö­ri­ge von Ver­schwun­de­nen  sind die bes­ten Prot­ago­nis­ten von Wahr­heit, Gerech­tig­keit und Nicht­wie­der­ho­lung (ver­dad, jus­ti­cia y no  repeti­ción).

2. Drei Schwer­punkt­pro­vin­zen

Deut­sche Zusam­men­ar­beits­struk­tu­ren und Kon­takt­net­ze sind gut eta­bliert. An „Pedago­gia para la Paz“ schließt  sich als Auf­ga­be die Unter­stüt­zung bei der Umset­zung frie­dens­schaf­fen­der Maß­nah­men und der Gestal­tung  loka­ler Frie­dens­ord­nun­gen in den Regio­nen an. Die deut­sche Ent­wick­lungs­zu­sam­men­ar­beit hat zu Recht drei  Schwer­punkt­re­gio­nen (Nor­te de San­tan­der, Meta, Caque­tá) aus­ge­wählt, alles Pro­vin­zen, die vom Kon­flikt  gezeich­net sind und in denen FARC und ELN ope­rie­ren, wo also der Frie­den ent­schei­den­de Ver­än­de­run­gen brin­gen könn­te. An die­ser Fokus­sie­rung, die mit den Pla­nun­gen der Regie­rung zu den Schwer­punkt­re­gio­nen des
Post-Kon­flikts über­ein­stim­men, soll­te fest­ge­hal­ten wer­den.

3. Die Koor­di­nie­rung

Die Viel­zahl von Inter­es­sier­ten und Hilfs­be­rei­ten aus aller Welt und die will­kom­me­ne Bereit­schaft aller Ebe­nen der kolum­bia­ni­schen Gesell­schaft und des kolum­bia­ni­schen Staa­tes mit der Inter­na­tio­na­len Gemein­schaft zusam­men­zu­ar­bei­ten, führt zu einem engen, oft unüber­schau­ba­ren Netz von Akti­vi­tä­ten. Kein Dorf ohne NGO, kei­ne Hilfs­or­ga­ni­sa­ti­on ohne Prä­senz. Die Anwe­sen­heit inter­na­tio­na­ler Akteu­re in den Regio­nen ist für die Bevöl­ke­rung ein Ver­trau­ens- und Sicher­heits­fak­tor. Die nach­weis­li­che Betei­li­gung an Koor­di­nie­rungs­me­cha­nis­men  (vor allem der UN) soll­te bei den Pla­nun­gen zivil­ge­sell­schaft­li­cher Pro­jek­te zum Stan­dard wer­den. Kein durch deut­sche öffent­li­che Mit­tel unter­stütz­tes Pro­jekt soll­te sich die­ser Logik ent­zie­hen.

4. La Paz Ter­ri­to­ri­al – La Paz Ambi­en­tal

Der Krieg wur­de und wird in den ver­nach­läs­sig­ten Regio­nen und Pro­vin­zen geführt. Im soge­nann­ten Paz Ter­ri­to­ri­al müs­sen sich die Ergeb­nis­se der Frie­dens­ver­hand­lun­gen mate­ria­li­sie­ren. Loka­le Kon­flik­te blei­ben der Nähr­stoff des kolum­bia­ni­schen Bin­nen­kon­flikts. Dabei geht es i.d.R. um natür­li­che Res­sour­cen und ihre Nut­zung. Sie wer­den auch nach einer Frie­dens­ver­ein­ba­rung fort­be­stehen und kön­nen die Akzep­tanz des Frie­dens  schwä­chen. Die in Deutsch­land in den ver­gan­ge­nen Jahr­zehn­ten gemach­ten gesell­schaft­li­chen, poli­ti­schen und tech­ni­schen Erfah­run­gen einer stür­mi­schen öko­lo­gi­schen Ent­wick­lung und die Leh­ren aus durch­leb­ten und/oder  durch­lit­te­nen hef­ti­gen Kon­tro­ver­sen über Umwelt­pro­ble­me soll­ten in die Pro­jek­te in Kolum­bi­en ein­flie­ßen. Paz Ter­ri­to­ri­al muss auch Paz Ambi­en­tal sein. Auf­bau­end auf bestehen­den Leis­tun­gen soll­te die Ein­setz­bar­keit der GIZ in Kon­flikt­re­gio­nen gra­du­ell aus­ge­wei­tet wer­den. Frei­räu­me auf­grund ver­bes­ser­ter Sicher­heits­la­ge soll­ten nach Ver­hand­lungs­ab­schluss für die Aus­wei­tung des Ope­ra­ti­ons­ra­di­us fle­xi­bel genutzt wer­den.

5. Die Finan­zie­rung

Die Finan­zie­rung der Umset­zung der Frie­dens­ver­trä­ge wirft in Kolum­bi­en noch vie­le Fra­ge­zei­chen auf. Ein brei­ter Ein­satz von Instru­men­ten, wie z.B. von FZ-Pro­gramm­kre­di­ten soll­te fort­ge­führt wer­den. Dies wird dem Ent­wick­lungs­sta­tus Kolum­bi­ens gerecht, knüpft an die Grund­la­gen staat­li­cher Frie­dens­po­li­tik an, bin­det Deutsch­land in die Pla­nun­gen ein und schafft Kolum­bi­en gege­be­nen­falls Puf­fer für Finan­zie­rungs­be­din­gun­gen am Ende des Roh­stoff-Booms. Inter­na­tio­na­le Betei­li­gung an der Post-Kon­flikt-Ent­wick­lung kann jedoch — so die Regie­rung — selbst nur max. 5% des Bedarfs decken. In einer zukünf­ti­gen Finan­zie­rungs­ar­chi­tek­tur soll­ten bila­te­ra­le und mul­ti­la­te­ra­le Instru­men­te gemäß ihrer jewei­li­gen Vor­tei­le aus­ge­wo­gen genutzt wer­den. Eine Betei­li­gung am EU Trust-Fund ist wün­schens­wert, vor­aus­ge­setzt die EU berück­sich­tigt die Gestal­tungs­wün­sche
der Mit­glieds­staa­ten.

6. Der lan­ge Atem

Mit der Unter­schrift unter dem Frie­dens­ver­trag wird Kolum­bi­en für Demo­bi­li­sie­rung, Reinte­gra­ti­on, Sicher­heit und Moni­to­ring kurz­fris­tig um Unter­stüt­zung bit­ten. Der Frie­dens­pro­zess währt aber schon lan­ge und braucht noch einen lan­gen Atem. Vie­le Frie­dens­in­itia­ti­ven sind unter­wegs schon geschei­tert. Das inter­na­tio­na­le Enga­ge­ment in Kolum­bi­en bleibt nur glaub­wür­dig, wenn es sich auf die­sen lan­gen Weg mit sei­nen Höhen und Tie­fen beharr­lich ein­lässt und eili­gen Erwar­tun­gen in Kolum­bi­en und Deutsch­land prin­zi­pi­en­fest ent­ge­gen­tritt.

7. Die Ver­än­de­rung in den Köp­fen

Ent­schei­dend für die Ent­wick­lung von Demo­kra­tie und Frie­den und für die Schaf­fung einer Frie­dens­kul­tur, die die kom­men­de Gene­ra­ti­on bestimmt, ist die Ver­än­de­rung in den Köp­fen, an der gesell­schaft­li­chen Soft­ware. Des­halb soll­ten sich Pro­jek­te vor allem auf Erzie­hung auf allen Ebe­nen, Capa­ci­ty-Buil­ding, Wis­sens- und Tech­no­lo­gie­trans­fer, Zusam­men­ar­beit von Bil­dungs­in­sti­tu­tio­nen etc. rich­ten. So kön­nen die zeit­lich, räum­lich und finan­zi­ell ja immer begrenz­ten Pro­jek­te doch nach­hal­ti­ge Wir­kung gewin­nen.” (T. Koenigs: Bericht zum Frie­dens­pro­zess in Kolum­bi­en

Adoptionsrecht für gleichgeschlechtliche Paare

Eine “his­to­ri­sche Ent­schei­dung mit sechs zu zwei Stim­men” nennt die kolum­bia­ni­che Zei­tung “El Espec­ta­dor” die ges­tern vom Ver­fas­sungs­ge­richt getrof­fe­ne Ent­schei­dung, mit der der Weg für das Recht einer Adop­ti­on von Kin­dern durch gleich­ge­schlecht­li­che Paa­re frei­ge­macht wur­de (El Espec­ta­dor v. 5.11.2015: “Cor­te Con­sti­tu­cio­nal da vía libre a la adop­ción por par­te de pare­jas del mis­mo sexo”).. Das Gericht stell­te klar, dass “die sexu­el­le Ori­en­tie­rung einer Per­son oder eines Paa­res kein Indi­ka­tor ist für die sitt­li­che, kör­per­li­che oder geis­ti­ge Eig­nung zur Adop­ti­on von Kin­dern”. Mehr als sechs Mona­te hat­te das Ver­fas­sungs­ge­richt sich mit einer der schwie­rigs­ten und auch umstrit­tens­ten Fra­gen in sei­ner Geschich­te befasst. Nach­dem es in Kolum­bi­en bereits seit 2007 ein­ge­tra­ge­ne Lebens­part­ner­schaf­ten gibt, ist nun­mehr ein wei­te­rer Schritt zur Gleich­stel­lung homo­se­xu­el­ler Paa­re erfolgt.

Aber noch lan­ge nicht ist die Sache über’n Berg. Geg­ner des Adop­ti­ons­rechts haben sich hin­ter einer seit Janu­ar d.J. lau­fen­den und  von der Sena­to­rin der libe­ra­len Par­tei Vivia­ne Mora­les initi­ier­ten Kam­pa­gne ver­sam­melt, die das Adop­ti­ons­recht über ein Refe­ren­dum wie­der kip­pen möch­te. Inner­halb und außer­halb ihrer eige­nen Par­tei hat Mora­les für ihren reak­tio­nä­ren Kreuz­zug eini­ges an Kri­tik ein­ste­cken müs­sen (El Espec­ta­dor v. 18.2.2015:  “Libe­ra­les en con­tra y con­ser­va­do­res a favor del refe­ren­do de Vivia­ne Mora­les”, und “Res­pu­es­ta a la sena­do­ra Vivia­ne Mora­les”, Las 2 Oril­las), dafür aber Unter­stüt­zung aus der kon­ser­va­ti­ven Par­tei und dem Cen­tro Demo­cráti­co, das vom ehe­ma­li­gen Prä­si­den­ten Uri­be geführt wird, erhal­ten und aus Krei­sen kon­ser­va­ti­ver Katho­li­ken (El Espec­ta­dor v. 5.11.2015: “Igle­si­as cris­tia­nas se sum­an a refe­ren­do de Vivia­ne Mora­les con­tra adop­ción igua­li­ta­ria”).

Santos bietet bilaterale Waffenruhe an, verstärkt aber gleichzeitig die Militäroperationen

Ob es sich ledig­lich um einen pro­pa­gan­dis­ti­schen Vor­stoß des Prä­si­den­ten im Kon­text der Ver­ein­ba­rung vom 23. Sep­tem­ber hand­le, oder um eine ernst zuneh­men­de Ankün­di­gung wird in den kolum­bia­ni­schen Medi­en kon­tro­vers dis­ku­tiert. Am 28. Okto­ber hat­te die kolum­bia­ni­sche Regie­rung erst­mals ihre Bereit­schaft zu einer beid­sei­ti­gen Waf­fen­ru­he erklärt. Prä­si­dent San­tos bot der FARC einen bila­te­ra­len und inter­na­tio­nal über­wach­ten Waf­fen­still­stand an, der am 1. Janu­ar 2016 in Kraft tre­ten könn­te (Sema­na v. 28.10.2015: “San­tos pro­po­ne cese bila­te­ral con las FARC des­de el pri­me­ro de enero”). Aller­dings knüpf­te der Prä­si­dent die Waf­fen­ru­he an bestimm­te Bedin­gun­gen, wie bei­spiels­wei­se die Kon­zen­tra­ti­on aller FARC-Kämp­fer an einem bestimm­ten Ort, was bei der FARC zu Ver­wir­rung und Ableh­nung geführt hat (Dele­ga­ción de Paz de las FARC-EP: “Cese al fue­go bila­te­ral” v. 31.10.2015). Und gleich­zei­tig wird die­se Ankün­di­gung beglei­tet von ver­stärk­ten Angrif­fen der Streit­kräf­te auf FARC-Stel­lun­gen in den letz­ten Wochen, was in der Öffent­lich­keit Besorg­nis aus­lös­te, die FARC könn­te ihre im Juli ver­kün­de­te erneu­te ein­sei­ti­ge Waf­fen­ru­he been­den und wie­der akti­ve Mili­tär­ope­ra­tio­nen begin­nen. Jeden­falls wand­te sich die FARC mit einem an die Mit­glie­der des kolum­bia­ni­schen Kon­gres­ses gerich­te­ten offe­nen Brief an die Öffent­lich­keit und for­der­te die sofor­ti­ge Ein­schal­tung der drei inter­na­tio­na­len Son­der­be­auf­trag­ten für den Frie­dens­pro­zess in Kolum­bi­en, den US-Ame­ri­ka­ner Ber­nard Aron­son, den Son­der­be­auf­trag­ten der deut­schen Bun­des­re­gie­rung, Tom Königs, sowie den EU-Son­der­ge­sand­ten Eam­on Gilmo­re. Sie sol­len über die Schwie­rig­kei­ten zur Ein­hal­tung der Waf­fen­ru­he infor­miert wer­den, die von Tag zu Tag grö­ßer wür­den (Dele­ga­ción de Paz de las FARC-EP: “Salu­do a la Dele­ga­ción del Con­gre­so” v. 30.10.2015; und Dele­ga­ción de Paz de las FARC-EP: “Peli­gra tre­gua uni­la­te­ral”, Comu­ni­ca­dos Dele­ga­ción FARC v. 31.10.2015).

Vereinbarung in Havanna: Ende der Kämpfe im März 2016

Am Mitt­woch, den 23. Sep­tem­ber wur­de in Havan­na die Unter­zeich­nung einer von Beob­ach­tern als “his­to­risch” bezeich­ne­ten Ver­ein­ba­rung zwi­schen der kolum­bia­ni­schen Regie­rung und der FARC bekannt­ge­ge­ben, in der die Been­di­gung aller Kämp­fe für spä­tes­tens März 2016 beschlos­sen wur­de. Mit der Unter­zeich­nung eines “Abkom­men über die Schaf­fung einer Son­der­ge­richts­bar­keit für den Frie­den”, in dem die wich­tigs­ten Rege­lun­gen für eine Straf­ver­fol­gung und Amnes­tie für die Betei­lig­ten am bewaff­ne­ten Kon­flikt fest­ge­legt ist, wur­de höchst­wahr­schein­lich ein ent­schei­den­der Grund­stein für einen Durch­bruch der Frie­dens­ver­hand­lun­gen gelegt. Gera­de die­se Fra­ge wie juris­tisch mit den Per­so­nen zu ver­fah­ren sei, denen Men­schen­rechts­ver­let­zun­gen ange­las­tet wer­den, war in den ver­gan­ge­nen Wochen und Mona­ten zu einem der wich­tigs­ten und umstrit­tens­ten Ver­hand­lungs­punk­te in Havan­na. Grund­sätz­li­che stimm­ten bei­de Sei­ten über­ein, es müs­se eine spe­zi­el­le Recht­spre­chung für den Über­gang zum Frie­den geschaf­fen wer­den, die sowohl aus nor­ma­len Gerich­ten als auch aus einem Son­der­tri­bu­nal bestehen wer­de. Die­se Gre­mi­en sol­len vor allem aus kolum­bia­ni­schen Rich­tern bestehen, aller­dings unter Mit­wir­kung aus­län­di­scher Juris­ten, die aber in der Min­der­heit blei­ben sol­len. Die Funk­ti­on die­ser Mecha­nis­men soll laut Ver­ein­ba­rung dar­in bestehen, die bis­lang anhal­ten­de Straf­lo­sig­keit zu been­den, die Wahr­heit über die Gescheh­nis­se ans Licht zu brin­gen, zur Ent­schä­di­gung der Opfer bei­zu­tra­gen, die Ver­ur­tei­lung und Bestra­fung der Ver­ant­wort­li­chen für schwe­re Ver­bre­chen, die wäh­rend des Kon­flikts began­gen wur­den, zu ermög­li­chen, sowie sicher­zu­stel­len, dass sich die­se nicht wie­der­ho­len“ (El Espec­ta­dor v. 24.9.2015). Die Son­der­jus­tiz für den Frie­den, die in den kolum­bia­ni­schen Medi­en auch als “Wahr­heits­kom­mis­si­on” titu­liert wird, soll nicht nur zustän­dig sein für Mit­glie­der der Guer­ril­la, son­dern gleich­falls für alle Per­so­nen im Staats­dienst, die im Kon­text des Krie­ges Ver­bre­chen began­gen haben. Schließ­lich wird in der gemein­sa­men Erklä­rung aner­kannt, dass die Umwand­lung der FARC in eine lega­le poli­ti­sche Bewe­gung ein gemein­sa­mes Ziel sei, das von der Regie­rung unter­stützt wer­de. Prä­si­dent San­tos und der obers­te Chef der FARC, Timo­león Jimé­nez ali­as  „Timo­chen­ko“, waren anläss­lich der Unter­zeich­nung, die in Anwe­sen­heit von Kubas Staats- und Regie­rungs­chef Raúl Cas­tro statt­fand, eigens nach Havan­na gereist. Seit die Gesprä­che in Havan­na began­nen, hat die Regie­rung San­tos aner­kannt, dass in Kolum­bi­en Krieg herrscht und die FARC eine Rebel­len­grup­pe mit poli­ti­schen Zie­len ist. Damit unter­schei­det sie sich vom frü­he­ren Prä­si­den­ten Uri­be, der die FARC ledig­lich als Ter­ro­ris­ten ansah. Aber gleich­zei­tig hat die Regie­rung aner­kannt, dass im Namen des Krie­ges auf bei­den Sei­ten grau­sa­me Hand­lun­gen began­gen wur­den, wes­we­gen die Gue­ril­la nicht ein­fach als revo­lu­tio­när und die Streit­kräf­te nicht  ein­fach als legi­tim bezeich­net wer­den kön­nen. Für die FARC wur­de es unmög­lich zu sagen, die Ent­füh­run­gen von Poli­ti­kern und Sol­da­ten und ihre jah­re­lan­ge Gefan­gen­hal­tung im Urwald sei­en altru­is­ti­sche Taten gewe­sen. Eben­so wenig konn­ten die Streit­kräf­te leug­nen, dass vie­le ihrer Ein­hei­ten Alli­an­zen mit den Para­mi­li­tärs schlos­sen, damit letz­te­re Mas­sa­ker an bestimm­ten Tei­len der Bevöl­ke­rung ver­üben konn­ten (vgl. Sema­na v. 18.7.2015: “?‘Timo­chen­ko’ ir¿a a la cár­cel?”).

Regierung stellt Luftangriffe ein, plant aber Einschränkung der Grundrechte

Am ver­gan­ge­nen Wochen­en­de hat die kolum­bia­ni­sche Regie­rung die Ein­stel­lung der Luft­an­grif­fe auf FARC-Stel­lun­gen ver­fügt. Damit löst sie ein in der gemein­sa­men Erklä­rung vom 12. Juli gege­be­nes Ver­spre­chen ein, die offen­si­ven mili­tä­ri­schen Aktio­nen gegen die FARC ein­zu­schrän­ken. Men­schen­rechts­ver­tre­ter begrü­ßen die­se Ent­schei­dung machen aber dar­auf auf­merk­sam, dass der vor zwei Wochen von einer Pro­jekt­grup­pe des Ver­tei­di­gungs­mi­nis­te­ri­ums, der Sicher­heits­be­hör­den und der Natio­nal­po­li­zei vor­ge­leg­te Ent­wurf zur Erneue­rung des Poli­zei­ge­set­zes im Wider­spruch zu den Zie­len des Frie­dens­pro­zes­ses steht. Der Ent­wurf regelt ver­schie­de­ne Punk­te hin­sicht­lich der Pri­vat­sphä­re von Indi­vi­du­en im Kon­text der neu­en Medi­en und sozia­len Netz­wer­ke bis hin zu Regeln für den öffent­li­chen Nah­ver­kehr. So soll bei­spiels­wei­se die prä­ven­ti­ve Ver­haf­tung von Per­so­nen, die durch “agres­si­ves oder leicht­sin­ni­ges Ver­hal­ten” auf sich auf­merk­sam machen, mög­lich sein. Auch soll es der Poli­zei zukünf­tig erlaubt sein, Haus­durch­su­chun­gen nach eige­nem Ermes­sen ohne Durch­su­chungs­be­fehl durch­zu­füh­ren. Die Oppo­si­ti­on kri­ti­siert die­se Befug­nis­se, da sie leicht dazu miss­braucht wer­den kön­nen, ein­zel­ne Grund­rech­te aus­zu­he­beln. Gera­de in einem Land, in dem immer wie­der über­ma­ßi­ge Poli­zei­ge­walt kri­ti­siert wird, sei ein sol­cher Vor­stoß pro­ble­ma­tisch (El Espec­ta­dor v. 17. Juni 2015: “Códi­go de Poli­cía limi­ta el derecho a la pro­tes­ta de ciu­dada­nos”).

Wieder Bewegung im Friedensprozess

Es gibt Anzei­chen dafür, dass die “kri­ti­sche Pha­se”, wie der Lei­ter der Regie­rungs­de­le­ga­ti­on bei den Frie­dens­ge­sprä­chen in Havan­na, Hum­ber­to de La Cal­le, am 6. Juli in einem Inter­view den gegen­wär­ti­gen Stand der Frie­dens­ver­hand­lun­gen bezeich­net hat­te, über­wun­den wer­den kann. Am 8. Juli hat­ten die FARC eine ein­sei­ti­ge Waf­fen­ru­he aus­ge­ru­fen und ihre Bereit­schaft zur Fort­set­zung des Frie­dens­pro­zes­ses erklärt. Sie reagier­ten damit auf den drin­gen­den Appell der bei­den Garan­tie­staa­ten des Frie­dens­pro­zes­ses, Nor­we­gen und Kuba, sowie Vene­zue­la und Chi­le, die den Pro­zess beglei­ten.

Die vier Län­der hat­ten am Vor­trag in einer gemein­sa­men Erklä­rung eine sofor­ti­ge Dees­ka­la­ti­on des Kon­flik­tes gefor­dert. Zugleich for­der­ten sie wei­te­re Schrit­te für ver­trau­ens­bil­den­de Maß­nah­men, die als Bedin­gun­gen für Eini­gun­gen bei den noch offe­nen The­men der Ver­hand­lungs­agen­da uner­läss­lich sei­en. Dazu gehö­re auch die Ver­ein­ba­rung eines “bila­te­ra­len und defi­ni­ti­ven Waf­fen­still­stan­des und die Been­di­gung der Feind­se­lig­kei­ten”. Die kolum­bia­ni­sche Regie­rung hat­te zunächst abwar­tend reagiert. Zwar hat­te Prä­si­dent Juan Manu­el San­tos die Erklä­rung begrüßt, gleich­zei­tig jedoch betont, dass “wei­te­re Kom­pro­mis­se not­wen­dig sei­en, um die Ver­hand­lun­gen zu beschleu­ni­gen”. Zwei­fel­los muss­te sich aber nun auch die kolum­bia­ni­sche Regie­rung unter Zug­zwang sehen, eben­falls ein Zei­chen zur mili­tä­ri­schen Dees­ka­lie­rung in die­sem Kon­flikt, der bis­her mehr aus 200.000 Tote gefor­dert hat, zu set­zen. In der Öffent­lich­keit wur­de auch ein sol­cher Schritt erwar­tet zumal Hum­ber­to de La Cal­le, in dem oben erwähn­ten Inter­view die grund­sätz­li­che Bereit­schaft sei­ner Regie­rung zu einer bila­te­ra­len Waf­fen­ru­he bekun­de­te, dies aber an eine Rei­he von Vor­be­din­gun­gen knüpf­te (El Espec­ta­dor, 7.7.2015).

Am 12. Juli haben nun bei­de Ver­hand­lungs­de­le­ga­tio­nen in Havan­na eine gemein­sa­me Erklä­rung ver­öf­fent­licht, (Comu­ni­ca­do Con­jun­to No. 55: Agi­li­zar en La Haba­na y deses­ca­lar en Colom­bia), mit der das Ver­trau­en der Bevöl­ke­rung in den Frie­dens­pro­zess sowie das gegen­sei­ti­ge Ver­trau­en der Kon­flikt­par­tei­en wie­der gestärkt wer­den und die Bedin­gun­gen für eine tat­säch­li­che und bila­te­ra­le Waf­fen­ru­he geschaf­fen wer­den sol­len. Zwar folgt die Regie­rung noch nicht dem Schritt der FARC, die Waf­fen schwei­gen zu las­sen und auf offen­si­ve Aktio­nen zu ver­zich­ten, aber sie erklär­te die Bereit­schaft, ihre seit Jah­res­be­ginn lau­fen­den mas­si­ven Mili­tär­ak­tio­nen zurück­zu­zu­fah­ren. Ziel ist es, nun “ohne Ver­zö­ge­run­gen” auf den end­gül­ti­gen bila­te­ra­len Waf­fen­still­stand und die Abga­be der Waf­fen hin­zu­ar­bei­ten. Zur Über­wa­chung und Prü­fung der Beschlüs­se soll das UN-Gene­ral­se­kre­ta­ri­at und die Unasur-Prä­si­dent­schaft, die der­zeit bei Uru­gu­ay liegt, je einen Ver­tre­ter benen­nen. Wei­te­re Orga­ni­sa­tio­nen oder Län­der könn­ten spä­ter ein­be­zo­gen wer­den.

Bellizisten auf beiden Seiten

Als soll­te durch die Rea­li­tät bestä­tigt wer­den, wie berech­tigt die in mei­nem letz­ten Blog-Bei­trag über den “9. April und die Fah­ne des Regen­bo­gens” geäu­ßer­te Sor­ge der kolum­bia­ni­schen Bevöl­ke­rung ist, dass der seit zwei Jah­ren ein­ge­lei­te­te Frie­dens­pro­zess durch­aus nicht irrever­si­bel ist und die Bel­li­zis­ten auf bei­den Sei­ten nur dar­auf war­ten, dass etwas pas­siert, um ihn zu tor­pe­die­ren, erschüt­tert ein mili­tä­ri­scher Zwi­schen­fall nun das Land. Am Mitt­woch­mor­gen die­ser Woche hat ein Kom­man­do der FARC eine Patrouil­le der kolum­bia­ni­schen Strei­kräf­te im süd­west­lich der Haupt­stadt gele­ge­nen Depar­ta­men­to Cau­ca ange­grif­fen und dabei 11 Sol­da­ten getö­tet und sieb­zehn wei­te­re ver­wun­det, vier von ihnen schwer. Erst vor weni­gen Mona­ten, im Dezem­ber 2014 hat­ten die FARC eine ein­sei­ti­ge Waf­fen­ru­he ver­kün­det und den zuvor im Cho­co gefan­gen genom­me­nen Gen­ral Rubén Alz­a­te und wei­te­re Gefan­ge­ne frei­ge­las­sen. Drei Mona­te spä­ter, im März d.J. beschloss dar­auf­hin die kolum­bia­ni­schen Regie­rung eine Ein­stel­lung aller Luft­an­grif­fe auf FARC-Stel­lun­gen. Ein gemein­sa­mes Waf­fen­still­stands­ab­kom­men wur­de zwar bis­lang nicht unter­zeich­net, aber zwei­fel­los hat­ten die­se von den Bür­ger­kriegs­par­tei­en ein­sei­tig ver­kün­dig­ten Maß­nah­men zur Ent­wick­lung eines pos­ti­ven Kli­mas für die Ver­hand­lun­gen in Havan­na bei­ge­tra­gen. Seit ges­tern wird nun aber wie­der bom­bar­diert und geschos­sen. Kolum­bi­ens Prä­si­dent San­tos hat­te unver­züg­lich nach Bekannt­wer­den des Angriffs die Wie­der­auf­nah­me der Bom­bar­die­run­gen ange­ord­net. In einer Fern­seh­an­spra­che gestand er sei­ne Wut über den Zwi­schen­fall, mach­te aber auch deut­lich, dass die­se Wut kein guter Rat­ge­ber für wei­te­res Han­deln sei. Man müs­se nun küh­len Kopf bewah­ren und am Frie­dens­pro­zess fest­hal­ten. Denn “dies ist genau der Krieg, den wir been­den müs­sen”. Ja, man müs­se die­se Ver­hand­lun­gen sogar beschleu­ni­gen, um end­lich das Blut­ver­gie­ßen zu been­den (vgl. El Espec­ta­dor: “Lamen­to muer­te de sold­a­dos. Esta es pre­ci­s­a­men­te la guer­ra que que­re­mos ter­mi­nar”, 15.4.2015; Sema­na: “El cami­no de paz es tor­tuo­so”, 16.4.2015).

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Es lässt sich nicht über­se­hen, dass der Zwi­schen­fall Empö­rung, Wut, Ent­täu­schung und Trau­er in der Bevöl­ke­rung aus­ge­löst hat. Wir woh­nen hier in Bogo­tá in unmit­tel­ba­rer Nähe des für die Haupt­stadt zustän­di­gen Batail­lons der “Ejer­ci­to Nacio­nal” im “Can­ton Nor­te” und der “Uni­ver­si­dad Mili­tar Nue­va Gra­na­da”. In die Maschen des Zau­nes, der das Mili­tär­ge­län­de von der Stra­ße abgrenzt, waren ges­tern tau­sen­de Blu­men (meist Rosen) von Pas­san­ten ein­ge­floch­ten wor­den, um auf die­se Wei­se ihre Kon­do­lenz mit den getö­te­ten Sol­da­ten aus­zu­drü­cken. Im Fern­se­hen wur­den Inter­views mit jun­gen Sol­da­ten gezeigt, die nicht (mehr) dar­an glau­ben, dass die Frie­dens­po­li­tik des Prä­si­den­ten irgend­wann ein­mal tat­säch­lich umge­setzt wer­den kön­ne. Und natür­lich ist die gan­ze Sache Was­ser auf die Müh­len der Bel­li­zis­ten um Alva­ro Uri­be. Wie nicht anders zu erwar­ten äußer­te er vor den Fern­seh­ka­me­ras und twit­ter­te den gan­zen Tag sei­ne For­de­rung, die Frie­dens­ge­sprä­che aus­zu­set­zen. Und auch der “Pro­cu­ra­dor Gene­ral”, Ale­jan­do Ordóñez Mal­do­na­do, den die Rech­ten ger­ne als nächs­ten Prä­si­den­ten sehen wol­len, mel­de­te sich zu Wort (vgl. El Espec­ta­dor v. 15.4.2015). Wenn man bedenkt, dass die Zustim­mung zum Frie­dens­pro­zess nur von knapp 50% der Bevöl­ke­rung getra­gen wird, 50% aber eine har­te mili­tä­ri­sche Lösung favo­ri­sie­ren, könn­te der Zwi­schen­fall tat­säch­lich das Kräf­te­ver­hält­nis zum Kip­pen brin­gen. Ich weiß nicht, was pas­sie­ren wür­de, wenn in der nächs­ten Woche Wah­len statt­fän­den. Bereits im ver­gan­ge­nen Jahr waren nach mili­tä­ri­schen Aus­ein­an­der­set­zun­gen zwi­schen Ejer­ci­to und FARC die Zustim­mungs­wer­te für den Frie­dens­pro­zess ein­ge­bro­chen, haben sich dann aber lang­sam wie­der erholt (vgl. El Tiem­po: Bajó la con­fi­an­za de los colom­bia­nos en el pro­ce­so con Farc, 4.8.2014).

Auch die FARC hoben in einer Stel­lung­nah­me her­vor, dass der Dia­log nicht unter­bro­chen wer­den soll­te. Ein Ver­tre­ter der FARC (ali­as “Pas­tor Alape”) in Havan­na bedau­er­te den Zwi­schen­fall, beton­te jedoch, dass die in der Pres­se und von Regie­rungs­ver­tre­tern erho­be­ne Behaup­tung, die Sol­da­ten sei­en vor­sätz­lich in eine Fal­le gelockt wor­den, nicht der Wahr­heit ent­sprä­che. Letzt­lich ver­ant­wort­lich für den Zwi­schen­fall sei die “Inko­he­renz der Regie­rung, die mili­tä­ri­sche Ope­ra­tio­nen anord­net gegen eine Gue­ril­la, die eine Waf­fen­ru­he aus­ge­ru­fen hat”. Der Ver­tre­ter der FARC appe­lier­te an die Regie­rung, end­lich einer bila­te­ra­len Waf­fen­ru­he zuzu­stim­men. Aber genau das scheint der Knack­punkt in der gan­zen Fra­ge zu sein. Zwar hat­te San­tos im März die Ein­stel­lung der Luft­an­grif­fe ange­ord­net, aber zu einem bila­te­ra­len Waf­fen­stil­stand konn­te er sich nicht durch­rin­gen. Und — das erklär­te er in sei­ner Anspra­che — er lie­ße sich auch nicht unter Druck set­zen, die­sen zu ver­ein­ba­ren, solan­ge nicht die grund­sätz­li­chen Fra­gen in den Ver­hand­lun­gen geklärt sein. Die FARC mach­ten dem­ge­gen­über deut­lich, dass sie zwar eine ein­sei­ti­ge Waf­fen­ru­he aus­ge­ru­fen hät­ten, dass aber, solan­ge die Regie­rung eine sol­che Ver­zichts­er­klä­rung nicht abge­ge­ben habe, sie sich das Recht vor­be­hal­ten müs­se, bei Offen­si­ven des Mili­tärs sich zu ver­tei­di­gen. Und eine sol­che Ver­tei­di­gungs­si­tua­ti­on habe — so der FARC Ver­tre­ter “Pas­tor Alape” — vor­ge­le­gen (El Espec­ta­dor: Farc atri­buye a “acción defen­si­va” muer­te de diez sold­a­dos en el Cau­ca, 15.4.2015).

Nach­dem das “Casa de Nari­ño” (der Sitz des kolum­bia­ni­schen Prä­si­den­ten) am Mitt­woch zunächst erklärt hat­te, es hät­te kei­ne Mili­tär­ope­ra­ti­on statt­ge­fun­den, wur­de am Sonn­abend von Sei­ten des Mili­tärs aber bestä­tigt, dass eine Ope­ra­ti­on gegen die mobi­le FARC-Ein­heit “Mil­ler Per­do­mo” durch­ge­führt wor­den sei, also genau die­je­ni­ge FARC-Ein­heit, von denen die Sol­da­ten dann wäh­rend einer Ruhe­pau­se über­rascht wur­den. Die Ope­ra­ti­on galt einem Gue­ril­le­ro, der wegen Dro­gen­schmug­gel (Nar­co­trá­fi­co) gesucht wur­de, und der ein füh­ren­des Mit­glied der “Mil­ler-Per­do­mo-Ein­heit” sei. Der Mili­tär­spre­cher, Gen­ral Mario Agus­to Valen­cia, schloss nicht aus, dass der Angriff der FARC eine Ver­gel­tungs­maß­nah­me für die bereits zwei Wochen andau­ern­de Ope­ra­ti­on gewe­sen sein könn­te (El Tiem­po: Mili­ta­res bus­ca­ban a nar­co de Farc, 18.4.2015).

Nun ja, viel­leicht wird man in naher Zukunft mehr wis­sen. Man muss aber bei der gegen­wär­ti­gen Ver­tei­lung der Kräf­te von Frie­dens­be­für­wor­tern und Frie­dens­geg­nern davon aus­ge­hen, dass auf bei­den Sei­ten Bel­li­zis­ten ver­su­chen, den Frie­dens­pro­zess zu tor­pe­die­ren. Das ist sowohl auf Sei­ten des Mili­tärs als auch auf Sei­ten der Gue­ril­la zu ver­mu­ten. Schon lan­ge wird hier in Kolum­bi­en dar­über dis­ku­tiert, inwie­weit das FARC-Kom­man­do über­haupt ihre dezen­tral und rela­tiv auto­no­men Ein­hei­ten unter Kon­trol­le hat und in der Lage ist, den in Havan­na dis­ku­tier­ten Trans­for­ma­ti­ons­pro­zess in eine aner­kann­te poli­ti­sche Kraft für die gesam­te Orga­ni­sa­ti­on zu garan­tie­ren. Inter­es­san­ter­wei­se ereig­ne­te sich der Zwi­schen­fall im Nor­den des Cau­ca weni­ge Stun­den nach dem die FARC erst­mals ange­deu­tet hat­te, über die Mög­lich nach­zu­den­ken, ihre Waf­fen nie­der­zu­le­gen. Jeden­falls soll in einem Inter­view mit dem Sen­der “Noti­ci­as Cara­col” der FARC Ver­tre­ter in Havan­na “Pas­tor Alape” gesagt haben: “Die Waf­fen sei­en kein Fetisch für die FARC” und “es wird der Moment einer völ­li­gen Waf­fen­nie­der­le­gung kom­men, näm­lich dann wenn die Garan­ti­en für eine poli­ti­sche Oppo­si­ti­ons­be­we­gung funk­tio­nie­ren kön­nen.” (El Espec­ta­dor: Por pri­me­ra vez en el pro­ce­so, Farc con­tem­p­la la posi­bi­li­dad de dejar armas, 14.4.2015).

Das auch inner­halb der FARC der Frie­dens­wil­le von eigen­mäch­ti­gen und bel­li­zis­ti­schen Kräf­ten tor­pe­diert wird, dar­auf könn­te auch eine Stu­die des “Cen­tro de Recur­so para el Aná­li­sis de Con­flic­tos (CERAC)”, eine der wich­tigs­ten Orga­ni­sa­tio­nen, die den Bür­ger­krieg in Kolum­bi­en unter­su­chen, hin­deu­ten. Die Stu­die zeigt, dass allein im ver­gan­ge­nen Monat fünf Offen­siv­ak­tio­nen der FARC statt­ge­fun­den haben, die als Ver­let­zung ihrer eige­nen Erklä­rung zur Waf­fen­ru­he bewer­tet wer­den müs­sen (El Espec­ta­dor: Infor­me sos­ti­ene que las Farc vio­laron alto al fue­go en mar­zo, 14.4.2015).

(Alle Über­set­zun­gen von Zita­ten durch den Autor).

Der 9. April und die Fahne des Regenbogens

Heu­te ist der 9. April. Die­ser Tag ist den Kolum­bia­nern ins natio­na­le Gedächt­nis als “Bogo­ta­zo” ein­ge­brannt. An die­sem Tag vor 67 Jah­ren wur­de Jor­ge Elié­cer Gaitán, Hoff­nungs­trä­ger für einen sozia­len Wan­del und aus­sichts­rei­cher Prä­si­dent­schafts­kan­di­dat der Libe­ra­len Par­tei in Bogo­tá auf offe­ner Stra­ße ermor­det. Gaitáns Ein­tre­ten für eine Ver­bes­se­rung der mate­ri­el­len Lebens­be­din­gun­gen der armen Bevöl­ke­rung und sei­ner damit in Zusam­men­hang ste­hen­den anti-olig­ar­chi­schen Rhe­to­rik hat­ten ihm eine enor­me Popu­la­ri­tät in der ein­fa­chen Bevöl­ke­rung aber auch ein gro­ßes Miss­trau­en der soge­nann­ten Eli­te des Lan­des, der Bour­geoi­sie und der Lati­fun­di­stas, sowohl in der kon­ser­va­ti­ven als auch in sei­ner eige­nen Par­tei, den Libe­ra­len, ein­ge­bracht. Nie­mand zwei­fel­te dar­an, dass er die Wah­len gegen den kon­ser­va­ti­ven Amts­in­ha­ber Maria­no Ospi­na Pérez gewin­nen wür­de. Die Hin­ter­grün­de und Hin­ter­män­ner die­ses Mor­des sind bis heu­te nicht rest­los geklärt. Aber die Wut der Anhän­ger Gai­tans kann­te kei­ne Gren­zen. In hef­ti­gen Stra­ßen­schlach­ten mit der Poli­zei wur­den über 3.000 Men­schen getö­tet, die hal­be Inne­stadt von Bogo­tá ver­wüs­tet. Es begann das dun­kels­te Kapi­tel in der Geschich­te Kolum­bi­ens, die soge­nann­te “Vio­len­cia”, ein Bür­ger­krieg, des­sen Aus­wir­kun­gen noch heu­te in den mili­tä­ri­schen und para­mi­li­tä­ri­schen Aus­ein­an­der­set­zun­gen über­all im Lan­de zu spü­ren sind. Der heu­ti­ge 9. April konn­te also genau das rich­ti­ge Datum für eine natio­na­le Mani­fes­ta­ti­on für den Frie­den sein. Und genau dazu hat ihn die kolum­bia­ni­sche Zivil­ge­sell­schaft gemacht.

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Im gan­zen Land fan­den ein­drucks­vol­le Demons­tra­tio­nen und Kul­tur­ver­an­stal­tun­gen statt. Allein in Bogo­tá nah­men über 300.000 Men­schen an einer Demons­tra­ti­on unter dem Mot­to “Me Mue­vo Por La Paz” (#MeMuevo­Por­La­Paz) teil, unter ihnen Dele­ga­tio­nen der indi­ge­nen und afro­ko­lum­bia­ni­schen Grup­pen aus ver­schie­de­nen Tei­len des Lan­des, beglei­tet von Flashm­obs zur Erin­ne­rung an die Ermor­de­ten und Ver­schwun­de­nen. Und wäh­rend ich die­se Zei­len schrei­be, setzt sich ein Kon­zert mit Künst­lern aus ganz Latein­ame­ri­ka (#Con­cier­to­Por­La­Paz) fort, das bereits am Nach­mit­tag im Par­que Boli­var begann, das ich nun aber am spä­ten Abend nur noch im Fern­se­hen ver­fol­gen kann. Ich bedau­re vor allen, dass ich den Auf­tritt von Ruben Bla­des nun nicht live erle­ben kann, 37 Jah­re nach sei­nem legen­dä­ren Auf­tritt auf der Dort­mun­der Ver­an­stal­tung “Frei­heit für Nel­son Man­de­la”. Die viel­fäl­ti­gen For­men des Ein­tre­ten der Teil­neh­mer für die Fort­set­zung des Frie­dens­pro­zes­ses war sehr beein­dru­ckend. Mit Tras­pa­ren­ten wie “El Pue­b­lo es la Lla­ve de la Paz” (Das Volk ist der Schlüs­sel zum Frie­den) tritt man den bel­li­zis­ti­schen Bemü­hun­gen der rechts­ge­rich­te­ten Kräf­te um den ehe­ma­li­en Prä­si­den­ten Uri­be ent­ge­gen und will den Frie­dens­pro­zess unum­kehr­bar machen. Man darf ja nicht ver­ges­sen, dass Kolum­bi­en in der Fra­ge Krieg oder Frie­den tief gespal­ten ist. Die letz­ten Prä­si­dent­schafts­wah­len 2014 hat­ten die frie­dens­be­rei­ten Kräf­te um Juan Manel San­tos nur hauch­dünn für sich ent­schei­den kön­nen. Bis zum Schluss stand das auf der Kip­pe, da der Kan­di­dat der extre­men Rech­ten, der vom Exprä­si­den­ten Uri­be unter­stütz­te Oscar Ivan Zulua­ga, noch beim ers­ten Wahl­gang zwei Wochen zuvor vor­ne gele­gen hat­te. San­tos wur­de dann aber bei der Stich­wahl von vie­len zivil­ge­sell­schaft­li­chen Grup­pen, die einen Durch­marsch der extre­men Rech­ten ver­hin­dern woll­ten, unter­stützt. San­tos weiß sehr genau, dass er sei­nen Sieg die­sen Grup­pen und auch den Lin­ken, dem “Polo Demo­cra­ti­co Alter­na­tivo”, die zum Schluss zu sei­ner Wahl auf­ge­ru­fen hat­ten, ver­dankt. Und er ist klug genug, die­se Grup­pie­run­gen in ihren Erwar­tun­gen nicht zu ent­täu­schen. Aller­dings ist San­tos ein Spross der tra­di­tio­nal­len kolum­bia­ni­schen Olig­ar­chie, also alles ande­re als ein Lin­ker oder ein Sys­tem­ver­än­de­rer. Aber er will end­lich Frie­den in Kolum­bi­en, wäh­rend die extre­me Rech­te die Gue­ril­la mit mili­tä­ri­schen Mit­teln nie­der­kämp­fen will und dabei die rechts­ex­tre­men para­mi­li­tä­ri­schen Grup­pen unter­stützt hat (natür­lich inof­fi­zi­ell). Die Kolum­bia­ner haben aber end­lich genug von dem seit fast 70 Jah­ren toben­den Bür­ger­krieg.

Nach San­tos Sieg konn­ten die bereits zuvor begon­ne­nen offi­zi­el­len Frie­dens­ge­sprä­che mit den FARC in Havan­na wei­ter­ge­führt wer­den. Aber es wäre eine Illu­si­on zu glau­ben, dass es bedingt durch das brei­te lin­ke Bünd­nis zu einer gene­rel­len Links­ver­schie­bung in der Poli­tik Kolum­bi­en gekom­men sei. Zwei­fel­los kön­nen die Lin­ken und zivil­ge­sell­schaft­li­chen Kräf­te für ihre Unter­stüt­zung des gewähl­ten Prä­si­den­ten gewis­se Zuge­ständ­nis­se hin­sicht­lich sozia­ler Refor­men und in der Men­schen­rechts­fra­ge erwar­ten. Dies wie­der­um ver­sucht die extre­me Rech­te für sich aus­zu­nut­zen, indem sie ver­sucht, San­tos als Kom­mu­nis­ten­freund dar­zu­stel­len. Das ist er mit­nich­ten. In der Pres­se hier­zu­lan­de wird sein Kurs als eher sozi­al­de­mo­kra­tisch dar­ge­stellt, was aller­dings schon erstaun­lich ist, wenn man bedenkt, dass er unter Uri­be Ver­tei­di­gungs­mi­nis­ter war und Uri­be ihn selbst zu sei­nem Nach­fol­ger aus­er­ko­ren hat­te.

Die Rech­te fühlt sich nach der äußerst knap­pen Nie­der­la­ge des ver­gan­ge­nen Jah­res jeden­falls noch stark genug zu ver­su­chen, das Rad der Geschich­te zurück­zu­dre­hen. Vor allem Exprä­si­dent Uri­be hat­te bereits unmit­tel­bar nach den Wah­len mit uner­war­te­ter Hef­tig­keit pola­ri­siert, von der selbst die Fern­seh­mo­de­ra­to­ren über­rascht waren. Uri­be warf San­tos zunächst Betrug und Stim­men­kauf vor und begann eine Twit­ter­kam­pa­gne, die ihres­glei­chen sucht und die bis heu­te anhält. Man muss sich die­se Twit­ter­kam­pa­gne nur mal anschau­en: zum Teil im Minu­ten­takt ergießt sich mit dem­ago­gi­scher Aggres­si­vi­tät eine wah­re Schimpf-Kano­na­de über den gewähl­ten Prä­si­den­ten und sei­ne Frie­dens­po­li­tik. Das alles läuft über den per­sön­li­chen Twit­ter-Account von Uri­be. Man fragt sich, wie er die Zeit hat, die­se Tweeds alle selbst zu schrei­ben. Wäh­rend San­tos anfangs noch ver­sucht hat­te per Twit­ter den Vor­wür­fen ent­ge­gen­zu­tre­ten, igno­riert er nun die per­ma­nen­ten Angrif­fe und kon­zen­triert sich mehr auf die posi­ti­ve Dar­stel­lung sei­ner Poli­tik. Auch das geschieht viel per Twit­ter und zeigt, wie sehr sich der poli­ti­sche Kampf ver­la­gert hat und wel­che Rol­le, die infor­ma­ti­ons­tech­nisch gestütz­ten sozia­len Medi­en dabei spie­len. Es ist übri­gens inter­es­sant zu sehen, wie sehr die kolum­bia­ni­schen Fern­seh­an­stal­ten die Mög­lich­kei­ten der neu­en sozia­len Medi­en, ins­be­son­de­re Twit­ter, für ihre eige­ne Pro­gramm­ge­stal­tung nut­zen. Das geht weit über das hin­aus, was ich von den Deut­schen TV-Anstal­ten gewohnt bin.

Kolum­bi­en befin­det sich gegen­wär­tig in einer durch­aus nicht unge­fähr­li­chen Situa­ti­on. San­tos’ anfäng­li­cher Ver­such, die Situa­ti­on zu ent­schär­fen, indem er dem unter­le­ge­nen Kan­di­da­ten Koope­ra­ti­on ange­bo­ten hat­te (z.B. Minis­ter­pos­ten für Uri­bes Par­tei “Cen­tro Demo­cra­ti­co”, was in Kolum­bi­en nach Wah­len nicht sel­ten geschieht) schei­ter­te an der völ­lig kom­pro­miss­lo­sen Hal­tung Uri­bes. Die Pola­ri­sie­rung zeigt sich in vie­len All­tags­si­tua­tio­nen. Im Taxi, auf Par­ties, In Gesprä­chen mit Bekann­ten, Fami­li­en­mit­glie­dern und Freun­den. Da zeigt sich die Zeris­sen­heit des Lan­des. Und wie groß dabei die Gefahr einer zuneh­men­den Radi­ka­li­sie­rung der Rech­ten ist, zeigt sich am Vor­stoß bestimm­ter reli­gi­ös-fun­da­men­ta­lis­ti­scher Krei­se, den erz­kon­ser­va­ti­ven “Pro­cu­ra­dor” Ale­jan­dro Ordóñez Mal­do­na­do als kom­men­den Prä­si­dent­schafts­kan­di­da­ten für das Jahr 2018 aufs Schild zu heben. Mit Ordoñez gäbe es einen Kan­di­da­ten, der sich einen Staat wünscht, in dem die christ­li­che Ord­nung wie­der her­ge­stellt wird, um den “gott­lo­sen Kom­mu­nis­mus zu zer­mal­men”. So jeden­falls zitiert die Zei­tung “El Espec­ta­dor” die von Ordoñez der Jung­frau Maria (sic!) gewid­me­ten Zei­len in sei­ner Dok­tor­ar­beit. “A nues­tra seño­ra la Vir­gen María… supli­cán­do­le la restau­ra­ción del orden cris­tia­no y el aplas­t­ami­en­to del comu­nis­mo ateo, para que bril­le por doquier la Fe Cató­li­ca, pues sin ella no hay espe­r­an­za para las socie­dades y para los hom­bres” (Jor­ge Gómez Pinil­la: ¿Ordóñez Pre­si­den­te? Dios nos coja con­fes­ados…; El Espec­ta­dor v. 7.4.2015).

Die Sor­ge der Bevöl­ke­rung, ob der von San­tos ein­ge­lei­te­te und in Havan­na zwar zäh aber wohl durch­aus erfolg­reich ver­han­del­te Frie­dens­pro­zess durch die rech­ten Kräf­te noch­mal zurück­ge­dreht wer­den kön­ne, war deut­lich zu spü­ren. Gleich­zei­tig aber sind die heu­ti­gen Demons­tra­tio­nen eine kla­re Bot­schaft an alle die­je­ni­gen, die mit einem sol­chen Gedan­ken spie­len. Kla­re Wor­te fand ins­be­son­de­re der als Red­ner auf­ge­tre­te­ne Bür­ger­meis­ter von Bogo­tá, Gus­ta­vo Petro. Petro, Mit­glied des links­ge­rich­te­ten “Polo Demo­cra­ti­co” ver­wies auf die mul­ti­ple Zusam­men­set­zung der kolum­bia­ni­schen Bevöl­ke­rung in eth­ni­scher, kul­tu­rel­ler, reli­gö­ser, sozia­ler und poli­ti­scher Hin­sicht. Eine logi­sche Kon­se­quenz die­ser Plu­ra­li­tät sei eine kla­re Absa­ge an jeg­li­che Form von Gewalt: Eine Absa­ge an Gewalt gegen Men­schen ande­rer eth­ni­scher Wur­zeln, mit ande­ren poli­ti­schen, reli­giö­sen oder kul­tu­rel­len Über­zeu­gun­gen, an Gewalt gegen Frau­en, Gewalt gegen Men­schen mit ande­ren sexu­el­len Ori­en­tie­run­gen sowie eine Absa­ge gegen alle For­men inter­fa­mi­liä­rer Gewalt. Aber auch gegen Gewalt in den Insti­tu­tio­nen, in den Unter­neh­men, wo Men­schen noch immer ein­ge­schüch­tert wer­den und Ihnen die freie und gleich­be­rech­tig­te Arti­ku­la­ti­on ihrer Inter­es­sen und Rech­te ver­wehrt wird. Die Ent­las­sung aus dem Arbeits­ver­hält­nis schwebt jeder­zeit als eine Art sozia­ler Todes­dro­hung über jeden Ver­such, auf Augen­hö­he mit­ein­an­der zu kom­mu­ni­zie­ren. Das Sym­bol die­ser Diver­si­tät und Plu­ra­li­tät, die Fah­ne des Regen­bo­gens, ist — so Pedro in sei­ner Rede — “die neue Fah­ne der Revo­lu­ti­on”.