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Bemerkungen zur Geschichte der Gewalt in Kolumbien

Die Geschich­te der Gewalt, oder genau­er gesagt, der wie es scheint unhin­ter­frag­ten Durch­set­zung von Macht mit Hil­fe von Gewalt, beginnt bereits mit der Grün­dung des Staa­tes. Oder noch frü­her, mit der Aus­ru­fung der Unab­hän­gig­keit 1810. Gabri­el Gar­cía Már­quez spricht in sei­nem Erin­ne­rungs­buch “Vivir para con­tar­la” hin­sicht­lich der dort geschil­der­ten Ereig­nis­se der “Vio­len­cia” (1948 — 1953) von einem Bür­ger­krieg, “der uns seit der Unab­hän­gig­keit von Spa­ni­en beglei­tet hat­te und nun bereits die Uren­kel der ursprüng­li­chen Prot­ago­nis­ten ereil­te” (S. 344). Wie ich in mei­nen his­to­ri­schen Exkur­sen über die Unab­hän­gigs­keits­be­we­gung Neu­gra­na­das und den Aus­ein­an­der­set­zun­gen zwi­schen Zen­tra­lis­ten und Föde­ra­lis­ten noch wäh­rend der Geburt der Repu­blik zu zei­gen ver­sucht habe, wur­den die Mei­nungs­ver­schie­den­hei­ten über die künf­ti­ge Struk­tur des Staa­tes von Anfang an mit Gewalt aus­ge­tra­gen. Mit kata­stro­pha­len Fol­gen, denn die spa­ni­schen Trup­pen, die von Süden ange­rückt waren, um Neu­gra­na­da für das König­reich zurück­zu­er­obern, waren über die­sen Streit der Repu­bli­ka­ner natür­lich begeis­tert.

Eigent­lich gab es in die­sen Anfangs­jah­ren zwei Repu­bli­ken auf dem Boden des Vize­kö­nig­rei­ches Neu­gra­na­da: 1. Die “Repu­bli­ca de Cun­di­na­mar­ca” (zen­tra­lis­tisch mit der Haupt­stadt Bogo­tá und unter der Prä­si­dent­schaft von Anto­nia Nari­ño) und 2. die föde­ra­ti­ve Repu­blik der “Pro­vin­ci­as Uni­das” (unter Camil­lo Tor­res) mit Tun­ja als Haup­stadt. Seit 1812 stan­den sich bei­de Sei­ten in einem Bür­ger­krieg gegen­über, der bis zur Ein­nah­me von Bogo­tá durch die Trup­pen der Pro­vin­ci­as Uni­das unter Simon Boli­var (sic!) im Jah­re 1814 dau­er­te. Gleich­zei­tig aber gab es auf dem Ter­ri­to­ri­um von Neu­gra­na­da eini­ge Pro­vin­zen, die über­haupt kei­ne repu­bli­ka­ni­schen Ambi­tio­nen hat­ten, son­dern am spa­ni­schen Regent­schafts­rat (Con­se­jo de Regen­cia) und spä­ter dann an Fer­di­nand II als ihrem König fest­hiel­ten. Das waren u.a. San­ta Mar­ta, Popa­yan, Pas­to). Bogo­tá fiel schon zwei Jah­re spä­ter (1816) wie­der in die Hän­de der Spa­ni­er. All die­se gewalt­vol­len Aus­ein­an­der­set­zun­gen ver­lei­te­ten Anto­nia Nari­ño zu sei­nem berühm­ten Aus­spruch vom “Patria Boba”, dem “när­ri­schen Vater­land”. Erst ab 1819 nach der ent­schei­den­den Schlacht an der Brü­cke von Boya­ca und der anschlie­ßen­den Grün­dung der “Repu­bli­ca de Colom­bia” setz­te für eini­ge Jah­re eine gewis­se Sta­bi­li­tät ein, die aller­dings deut­lich an die Auto­ri­tät Simon Boli­vars gebun­den war.

Nach dem Zer­fall des von Boli­var gegrün­de­ten Groß­ko­lum­bi­ens 1830 ent­stan­den in kur­zer Fol­ge und fast immer nach Mili­tär­put­schen, denen meist Bür­ger­krie­ge folg­ten, ver­schie­de­ne Repu­bli­ken mit abwech­seln­den zen­tra­lis­ti­schen oder föde­ra­lis­ti­schen Ver­fas­sun­gen. Kolum­bi­en hat­te im 19 Jahr­hun­dert fol­gen­de Namen und Ver­fas­sun­gen:

    • 1810 — Repu­bli­ca de Cun­di­na­mar­ca (zen­tra­lis­tisch unter Anto­nia Nari­ño, Sitz Bogo­tá) und der föde­ra­ti­ven Repu­blik der Pro­vin­ci­as Uni­das (unter Camil­lo Tor­res, Sitz Tun­ja). Bei­de bestan­den aber nur bis Recon­quis­ta der Spa­ni­er im Jah­re 1816)
    • 1819 — Repu­bli­ca de Colom­bia (1819 — 1830: Gran Colom­bia)
    • 1830 — Repu­bli­ca de la Nue­va Gra­na­da (1853 libe­ra­le Ver­fas­sungs­re­form nach dem Brü­ger­krieg 1851. Erneu­ter Bür­ger­krieg 1854 )
    • 1858 — Con­fe­der­a­ción Gra­na­di­na (föde­ra­ti­ve Struk­tur mit 8 Ein­zel­staa­ten und einem Zen­tral­par­la­ment, 1860 — 1863 Bür­ger­krieg)
    • 1863 — Esta­dos Uni­dos de Colom­bia (Radi­kal-libe­ra­le und lai­zis­ti­sche Ver­afs­sung v. 8. Mai 1863 (Ver­fas­sung von Rio Negro, unter Prä­si­dent Mos­que­ra), neun weit­ge­hend unab­hän­gi­ge Ein­zel­staa­ten, aber erneu­te Bür­ger­krie­ge 1876–1877 und 1885 als die Libe­ra­len sich gegen den kon­ser­va­ti­ven Prä­si­dent Rafa­el Nuñez erho­ben.)
    • 1886 Repu­bli­ca de Colom­bia (Nuñez sieg­te, grün­de­te den “Par­ti­do Nacio­nal” und führ­te eine zen­tra­lis­ti­sche und kon­ser­va­tiv gepräg­te Ver­fas­sung ein)

Allein in der zwei­ten Hälf­te des 19. Jahr­hun­derts erlei­de­te Kolum­bi­en sie­ben Bür­ger­krie­ge. In vie­len Stu­di­en wird vor allem der “Krieg der 1000 Tage” (1899 — 1902), den auch Gabri­el Gar­cia Mar­quez in sei­nem Buch “100 Jah­re Ein­sam­keit” behan­delt hat, eine ver­hee­ren­de Wir­kung auf die Repro­duk­ti­ons­lo­gik der Macht nach­ge­sagt, die sich dann im 20 Jahr­hun­dert fort­setz­te.

Ein wei­te­res trau­ma­ti­sches Ereig­nis war der fürch­ter­li­che zehn­jäh­ri­ge Bür­ger­krieg von 1948 bis 1958, der als “Vio­len­cia” in die Geschich­te ein­ge­gan­gen ist. Er begann am am 9. April 1948, ein Tag der den Kolum­bia­nern als “Bogo­ta­zo” ins natio­na­le Gedächt­nis ein­ge­brannt ist. An die­sem Tag wur­de Jor­ge Elié­cer Gaitán, Hoff­nungs­trä­ger für einen sozia­len Wan­del und aus­sichts­rei­cher Prä­si­dent­schafts­kan­di­dat der Libe­ra­len Par­tei in Bogo­tá auf offe­ner Stra­ße ermor­det. Gaitáns Ein­tre­ten für eine Ver­bes­se­rung der mate­ri­el­len Lebens­be­din­gun­gen der armen Bevöl­ke­rung und sei­ner damit in Zusam­men­hang ste­hen­den anti-olig­ar­chi­schen Rhe­to­rik hat­ten ihm eine enor­me Popu­la­ri­tät in der ein­fa­chen Bevöl­ke­rung aber auch ein gro­ßes Miss­trau­en der soge­nann­ten Eli­te des Lan­des, der Bour­geoi­sie und der Lati­fun­di­stas, sowohl in der kon­ser­va­ti­ven als auch in sei­ner eige­nen Par­tei, den Libe­ra­len, ein­ge­bracht. Nie­mand zwei­fel­te dar­an, dass er die Wah­len gegen den kon­ser­va­ti­ven Amts­in­ha­ber Maria­no Ospi­na Pérez gewin­nen wür­de. Die Hin­ter­grün­de und Hin­ter­män­ner die­ses Mor­des sind bis heu­te nicht rest­los geklärt. Aber die Wut der Anhän­ger Gai­tans kann­te kei­ne Gren­zen. In hef­ti­gen Stra­ßen­schlach­ten mit der Poli­zei wur­den über 3.000 Men­schen getö­tet, die hal­be Inne­stadt von Bogo­tá ver­wüs­tet. Es begann das dun­kels­te Kapi­tel in der Geschich­te Kolum­bi­ens, ein Bür­ger­krieg, der nach Schät­zun­gen ca. 300.000 Men­schen das Leben gekos­tet hat. Nahe­zu jede kolum­bia­ni­sche Fami­lie kann von Erleb­nis­sen berich­ten, in denen Fami­li­en­mit­glie­der von der “Vio­len­cia” in irgend­ei­ner Form betrof­fen waren: Ermor­dung, Ver­trei­bung, Bedro­hung, Flucht, Ver­fol­gung. Das alles hat sich tief in das kul­tu­rel­le Gedächt­nis der Gesell­schaft ein­ge­brannt.

Tafel zum Geden­ken an die Ermor­dung von Gai­tan in Bogo­tá

Ich kann hier nur stich­punkt­mä­ßig die Ereig­nis­se skiz­zie­ren, deren Fol­gen bis heu­te zu spü­ren sind, denn letzt­lich führ­ten sie zur Grün­dung der Gue­ril­la und zu den krie­ge­ri­schen Aus­ein­an­der­set­zun­gen, die heu­te nach fast 70 Jah­ren, zu been­den ver­sucht wer­den. Wäh­rend der Kämp­fe wur­de im Grenz­ge­biet der süd­lich der Haupt­stadt Bogo­tá gele­ge­nen Pro­vin­zen Toli­ma, Hui­la, Cau­ca und Val­le del Cau­ca meh­re­re unab­hän­gi­ge Repu­bli­ken gegrün­det. Die his­to­risch bedeut­sams­te und gegen Inva­si­ons­ver­su­che der kolum­bia­ni­schen Armee wider­stän­digs­te war die “Repu­bli­ca de Mar­queta­lia”, in der die Kom­mu­nis­ti­sche Par­tei Kolum­bi­ens eine wich­ti­ge orga­ni­sie­ren­de Kraft dar­stell­te. Erst 1964 konn­te die kolum­bia­ni­sche Armee mit Unter­stüt­zung der CIA das Gebiet erobern und rich­te­te dabei ein Mas­sa­ker an. Die Über­le­ben­den zogen sich in die Ber­ge zurück und began­nen einen Gue­ril­la­krieg, auf den die Regie­rung mit der Auf­stel­lung von para­mi­li­tä­ri­schen Anti-Gue­ril­la-Ein­hei­ten, unter ihnen die wegen ihrer Grau­sam­keit gefürch­te­ten “Chul­avi­tas” und “Pája­ros”, reagier­te. Mit dem “Decre­to 3398” und “Ley 48” wur­den die­se Ein­hei­ten als “anti­kom­mu­nis­ti­sche Kampf­ein­hei­ten” vom kolum­bia­ni­schen Staat legi­ti­miert. 1966 schlos­sen sich dar­auf­hin die links­ge­rich­te­ten Gue­ril­la-Ein­hei­ten zu den »Fuer­zas Arm­a­das Revo­lu­tio­na­ri­as de Colom­bia – Ejér­ci­to de Pue­b­lo« (FARC-EP) zusam­men.

Auch die vor­über­ge­hen­de Errich­tung einer Mili­tär­dik­ta­tur unter Gene­ral Gus­ta­vo Rojas Pinil­la (1953) und Gabri­el París Gor­dil­lo (1957) konn­te den ver­hee­ren­den Bür­ger­krieg nicht been­den. Dies gelang erst als sich die bei­den Kon­flikt­par­tei­en, die Libe­ra­len und die Kon­ser­va­ti­ven auf die Bil­dung einer “Fren­te Natio­nal” einig­ten, in der die Macht geteilt wur­de. Alle Regie­rungs­pos­ten wur­den je zur Hälf­te auf die bei­den Par­tei­en auf­ge­teilt. Der Prä­si­dent wur­de alle vier Jah­re mal von den Libe­ra­len, mal von den Kon­ser­va­ti­ven gestellt. Erst 1974 gab es wie­der freie Wah­len.

Para­mi­li­tä­ri­sche Ein­hei­ten, soge­nann­te “Auto­de­fen­sas”, wur­den nun auch von Groß­grund­be­sit­zern, in ers­ter Linie von Vieh­züch­tern, aber auch von Dro­gen­kar­tel­len finan­ziert, um sich so gegen die Akti­vi­tä­ten der Gue­ril­la zu weh­ren. 1994 wur­den Struk­tu­ren auf­ge­baut, um die sich im gan­zen Lan­de aus­brei­ten­den para­mi­li­tä­ri­schen Ver­bän­de zu koor­di­nie­ren (“CONVIVIR”). Es wird geschätzt, das CONVIVIR zeit­wei­se 120.000 bewaff­ne­te Kämp­fer kon­trol­lier­te (vgl. M. Koessl: Gewalt und Habi­tus. Para­mi­li­ta­ris­mus in Kolum­bi­en. Münster:Lit-Verlag; sowie: R. Zelik: Die kolum­bia­ni­schen Para­mi­li­tärs. “Regie­ren ohne Staat? oder ter­ro­ris­ti­sche For­men der Inne­ren Sicher­heit. Müns­ter 2009, West­fä­li­sches Dampf­boot). Dies wur­de aber bald für den Staat zu einem schwer kal­ku­lier­ba­ren Risi­ko und so wur­den die­se “Wach­schutz­ko­ope­ra­ti­ven” 1997 wie­der ver­bo­ten. Doch bereits im sel­ben Jahr erfolg­te die Grün­dung der “AUC” (Auto­de­fen­sas Uni­das de Colom­bia), die in den fol­gen­den Jah­ren die domi­nie­ren­de Rol­le der para­mi­li­tä­ri­schen Ver­bän­de ein­neh­men soll­te.

Wäh­rend der 90er Jah­re war nicht mehr zu igno­rie­ren, dass die Gewalt in Kolum­bi­en nicht allein ein Kon­flikt zwi­schen der Gue­ril­la und der Regie­rung war. Die Opfer waren immer mehr Zivil­per­so­nen, füh­ren­de Akti­vis­ten indi­ge­ner und afro-kolum­bia­ni­scher Gemein­den, Gewerk­schafts­füh­rer, kri­ti­sche Jour­na­lis­ten, Rechts­an­wäl­te, Poli­ti­ker. Um nur ein Bei­spiel zu nen­nen: In der Zeit zwi­schen 1986 und 2002 hat der gewerk­schaft­li­che Dach­ver­band CUT 4.000 Mit­glie­der durch Ermor­dun­gen ver­lo­ren. In eini­gen Fäl­len waren gro­ße inter­na­tio­na­le Kon­zer­ne in sol­che Taten ver­wi­ckelt, wie beis­pils­wei­se das us-ame­ri­ka­ni­sche Berg­bau­un­ter­neh­men Drum­mond, Bri­tish Petro­le­um, Eco­Pe­trol, CocaCo­la, Chi­qui­ta u.a.. Die­se Fak­ten alar­mier­ten die inter­na­tio­na­le Öffent­lich­keit und die Fra­ge nach der Rol­le und der Ver­ant­wor­tung des Staa­tes wur­de gestellt.

Vor der Men­schen­rechts­kom­mis­si­on der Ver­ein­ten Natio­nen kam es zu einer Ankla­ge gegen die kolum­bia­ni­sche Regie­rung. Da es zu den Auf­ga­ben der Regie­rung gehö­re, die Sicher­heit der Ein­woh­ner zu garan­tie­ren, kön­ne sich die kolum­bia­ni­sche Regie­rung nicht von der Ver­ant­wor­tung über die Men­schen­rechts­ver­let­zun­gen frei­spre­chen, so lau­te­te die Ankla­ge. Die Regie­rung ver­such­te sich damit zu ent­schul­di­gen, dass sie doch alles in ihrer Macht ste­hen­de unter­näh­me, um die Ver­stö­ße zu unter­bin­den, aber die geo­gra­fi­sche Lage des Lan­des und ande­re Grün­de wür­den dies sehr schwer machen. Ja, zwei­fel­los macht die geo­gra­fi­sche Beschaf­fen­heit Kolum­bi­ens es sehr schwer, jeden Fleck des Ter­ri­to­ri­ums zu kon­trol­lie­ren, aber mitt­ler­wei­le gilt es als erwie­sen, dass der kolum­bia­ni­sche Staat nicht nur wegen der Unter­las­sung eines not­wen­di­gen Ein­grei­fens ver­want­wort­lich war, son­dern auch durch Mit­wis­sen und zum Teil auch durch Kom­pli­zen­schaft mit den maro­die­ren­den para­mi­li­tä­ri­schen Ver­bän­den. In Kolum­bi­en leug­net heu­te nie­mand mehr die zum Teil engen Bezie­hun­gen zwi­schen eini­gen poli­ti­schen Reprä­sen­tan­ten und Mili­tär­an­ge­hö­ri­gen zu para­mi­li­tä­ri­schen Grup­pen. Eini­ge Men­schen­rechts­ak­ti­vis­ten spre­chen von einer “neu­en infor­mel­len Art des Regie­rens”, einer Stra­te­gie der Absch­re­chung, die auch gegen die Zivil­be­völ­ke­rung gerich­tet war, um die Gue­ril­la von ihrer sozia­len Basis zu tren­nen.

Ins­be­son­de­re unter der Regie­rung von Alva­ro Uri­be beklag­te die Men­schen­rechts­kom­mis­si­on der UNO ein dra­ma­ti­sches Anstei­gen der Ver­stö­ße gegen die Men­schen­rech­te. Es ist hier nicht der Ort auf Details ein­zu­ge­hen, aber es ist m.E. sehr wich­tig davon Kennt­nis zu neh­men, dass in den lau­fen­den Ver­fah­ren im Zuge der Spe­zi­al-Gerichts­bar­keit für den Frie­den nicht nur die Gue­ril­la son­dern auch der Staat ange­klagt ist. Und aus mei­ner Sicht ist es bemer­kens­wert, dass die gegen­wär­ti­ge Regie­rung unter Manu­el San­tos dies aner­kannt hat und auf die­se Wei­se den Weg für den Frie­den frei­ge­macht hat. D.h. bei­de Ver­trags­part­ner sit­zen auf der Ankla­ge­bank.

Die Frage der Gewalt

Wer nach Kolum­bi­en reist oder dort wohnt muss damit leben, stän­dig einem Wech­sel­bad der Gefüh­le aus­ge­setzt zu sein. Wäh­rend uns einer­seits die atem­be­rau­ben­de Schön­heit des Lan­des und die Lie­bens­wür­dig­keit sei­ner Bewoh­ner, die Viel­falt der Natur, der Eth­ni­en und der Kul­tu­ren fas­zi­niert, wer­den wir gleich­zei­tig Zeu­gen von Men­schen­rechts­ver­let­zun­gen und sozia­ler Gewalt, die nicht nur die Besu­cher aus Euro­pa oft in tie­fer Bestür­zung zurück las­sen. Seit fast einem hal­ben Jahr­hun­dert berei­se ich die­ses Land, und seit eini­gen Jah­ren leben Con­stan­za und ich zeit­wei­se in Bogo­tá. Ohne jeden Zwei­fel habe ich die­ses Land lie­ben gelernt. Aber die­se eigen­tüm­li­che Wider­sprüch­lich­keit zwi­schen Lie­be und Gewalt gibt mir bis heu­te Rät­sel auf. Und das, obwohl die Lite­ra­tur über die Gewalt in Kolum­bi­en mitt­ler­wei­le gan­ze Biblio­the­ken fül­len könn­te. Her­vor­zu­he­ben sind vor allem zwei Arbei­ten: zum einen die von G. Guz­man; O. Falls Bor­da & E. Umaña Luna “La Vio­len­cia en Colom­bia” (1962), die sich mit der Pha­se des Bür­ger­krie­ges in den 50er Jah­ren beschäf­tigt und die mitt­ler­wei­le als Klas­si­ker der kolum­bia­ni­schen Sozio­lo­gie gilt. Bei der ande­ren Arbeit han­delt es sich um die 1987 von der “Comi­sión de Estu­di­os la Vio­len­cia” her­aus­ge­brach­te Stu­die “Colom­bia: Vio­len­cia y Demo­cra­cia”. Sie eröff­ne­te eine wah­re Flut von sozio­lo­gi­schen Arbei­ten über die Gewalt in Kolum­bi­en, so dass in der kolum­bia­ni­schen Sozio­lo­gie schon von einer “Vio­len­to­lo­gia” gespro­chen wird.

Der Jus­tiz­pa­last in Bogo­tá: Ein Sym­bol für die gewalt­vol­le Ver­gan­gen­heit

Wer sich auch nur ansatz­wei­se mit die­ser Fül­le von Lite­ra­tur beschäf­tigt, droht in Kom­ple­xi­tät unter­zu­ge­hen. Die Schwie­rig­keit beginnt bereits mit der Beschrei­bung von Tätern und Opfern. Der gegen­wär­ti­ge Dis­kurs des “Poscon­flic­to” — oder prä­zi­ser: des “Posa­cue­do” — behan­delt vor­ran­gig die Rebel­li­on der FARC. Aber die Situa­ti­on ist viel kom­pli­zier­ter, weil eine Rei­he ande­rer Akteu­re in den Gewalt­pro­zess invol­viert sind: Dro­gen-Kar­tel­le, ande­re Gue­ril­la-Grup­pen, wie die ELN, eine gan­ze Rei­he von rechts­ex­tre­mis­ti­schen para­mi­li­tä­ri­schen Grup­pen, und selbst­ver­ständ­lich eine Rei­he von Akteu­ren, die nicht sicht­bar sind, die nicht direkt an den bewaff­ne­ten Aus­ein­an­der­set­zun­gen betei­ligt sind, die aber eine gewis­se Ver­ant­wor­tung tra­gen für das was gesche­hen ist und immer noch geschieht. Und auch auf der Sei­te der Opfer und Betroff­nen steht man vor einer schier unend­lich erschei­nen­den Kom­ple­xi­tät: denn immer geht es ja um spe­zi­fi­sche Bezie­hun­gen zwi­schen den Tätern und den Opfern. War­um und in wes­sen Inter­es­se wur­den gera­de bestimm­te Per­so­nen als Opfer aus­ge­wählt? Wel­che Vor­ge­schich­te ist zu berück­sich­ti­gen? Wel­che Regio­nen sind in beson­de­rer Wei­se betrof­fen und wel­che nicht? Wel­che Stra­te­gi­en wer­den von den ver­schie­de­nen Akteu­ren ver­folgt und wel­che Rol­le spie­len die­se für die poli­ti­schen Ver­su­che einer Befrie­dung?

Und nicht zu ver­ges­sen ist die Fra­ge nach den gesell­schaft­li­chen Kon­se­quen­zen, die der Kon­flikt hat­te und noch immer hat. Wel­chen Ein­fluss hat die Bereit­schaft, Gewalt ein­zu­set­zen, um poli­ti­schen Ein­fluss zu neh­men  auf die öffent­li­che Mei­nung, auf die Frei­heit der Pres­se und des Rechts- und Jus­tiz­sys­tems, auf die Ver­samm­lungs­frei­heit, auf die freie gewerk­schaft­li­che Betä­ti­gung in den Betrie­ben, auf die Ent­ste­hung und die Ent­fal­tungs­mög­lich­kei­ten sozia­ler Pro­test­be­we­gun­gen. In wel­cher Wei­se hat der Kon­flikt die Sta­bi­li­tät der Zivil­ge­sell­schaft beein­träch­tigt sowie die von Umwelt, Wirt­schaft, Poli­tik., aber auch auf die Fra­ge der Anwen­dung intra­fa­mi­liä­rer Gewalt und Gen­der­ge­walt. Erst das Zusam­men­wir­ken all die­ser Fak­to­ren kann die Basis sein für die Ver­su­che, so etwas wie eine “Land­kar­te des Kon­flik­tes” zu zeich­nen. Mit die­ser “Land­kar­te” lässt sich dann der nächs­te Schritt voll­zie­hen,  die ver­schie­de­ne Bestand­tei­le des Frie­dens­ab­kom­mens dar­auf zu bezie­hen.

Die Ein­stel­lung der kon­ser­va­ti­ven Eli­te zum Frie­dens­pro­zess, deren erbit­ter­ter Wider­stand und das Desas­ter des Ple­bis­zits vom 2. Okto­ber 2016 gibt der Fra­ge nach der Rol­le von Gewalt im Spiel der poli­ti­schen Kräf­te eine neue Bri­sanz. Denn könn­te es sein, dass sich die­se Kräf­te bei den anste­hen­den Wah­len im Jahr 2018 durch­set­zen kön­nen? Was wird dann gesche­hen? Wie kann es über­haupt sein, dass ein Land, dass so lan­ge unter einem erbit­ter­ten Bür­ger­krieg gelit­ten hat, sich zu 50% dafür aus­spricht, den Krieg wei­ter­zu­füh­ren? Wie kann der Hass so groß sein, dass die Mehr­heit der Bevöl­ke­rung nicht bereit ist, end­lich einen Schluss­strich zu zie­hen? Wie kann in einem katho­li­sche Land das Bedürf­nis nach Ver­gel­tung grö­ßer sein als nach Ver­ge­bung? Wie kann die Angst vor gesell­schaft­li­cher Ver­än­de­rung so groß sein, dass bestimm­te Krei­se kei­ne Skru­pel haben, Gewalt als pro­ba­tes Mit­tel anzu­se­hen, dies zu ver­hin­dern anstatt sie in einem gesell­schaft­li­chen Dia­log gemein­sam zu gestal­ten? Ein in Bonn leben­der Kolum­bia­ner hat ein­mal sein Hei­mat­land im Schmerz über die dor­ti­gen Ereig­nis­se als “Locom­bia” bezeich­net. Und in der Tat trifft die­se Bezeich­nung ganz gut die ers­te spon­ta­ne Reak­ti­on vie­ler Kolum­bia­ner auf das, was gegen­wär­tig dort geschieht: ver­rückt. So ähn­lich hat­te es auch schon Anto­nio Nari­ño, der ers­te Prä­si­dent des 1810 tem­po­rär von den Spa­ni­ern befrei­ten Gebie­tes auf dem Ter­ri­to­ri­um des dama­li­gen “Vize­kö­nig­rei­ches Neu­gra­na­da” aus­ge­drückt, als er ange­sichts der Zer­strit­ten­heit der repu­bli­ka­ni­schen Kräf­te, die sich unge­ach­tet der vor­rü­cken­den spa­ni­schen Trup­pen sogar einen Bür­ger­krieg zwi­schen Zen­tra­lis­ten und Föde­rals­ten leis­te­ten, vom “Patria Boba” (när­ri­sches Vater­land) gespro­chen hat. Wil­liam Ospi­na, eine bekann­ter kolum­bia­ni­scher Schrift­stel­ler, beklagt in sei­ner Kolum­ne in “El Espec­ta­dor” zwei Wochen nach dem desas­trö­sen Ergeb­nis des Refe­ren­dums 2016: “Nun­ca se había vis­to una situación más incom­pren­si­ble: la guer­ril­la quie­re dejar de hacer la guer­ra, y los due­ños del país no se ponen de acuer­do para acep­tar­lo.“

Für den euro­päi­schen Beob­ach­ter ist das alles nur sehr schwer zu ver­ste­hen. Man muss tief in die His­to­rie und die Sozio­lo­gie des Lan­des ein­tau­chen, um einen Zugang zu die­ser Fra­ge zu gewin­nen. Und dies ist in der Tat auch der Ansatz, den die meis­ten sozio­lo­gi­schen Stu­di­en für ihren Erklä­rungs­ver­such wäh­len (vgl. F.E. Gon­zá­les Gon­zá­les: Poder y Vio­len­cia en Colom­bia. Bogo­tá 2014: CINEP). Und dabei wird immer wie­der eine Fra­ge gestellt: Könn­te es nicht sein, dass die kolum­bia­ni­sche Gesell­schaft durch ihre gewalt­vol­le Geschich­te eine Art “Kul­tur der Gewalt” her­aus­ge­bil­det hat, in der die Anwen­dung von Gewalt zur Durch­set­zung von Macht eine unhin­ter­frag­ba­re Opti­on dar­stellt? Könn­te es sein, dass sich die gewalt­vol­len Ereig­nis­se der Ver­gan­gen­heit so stark in das kul­tu­rel­le his­to­ri­sche Gedächt­nis der Gesell­schaft ein­ge­brannt haben, dass dies Aus­wir­kun­gen auf die Art und Wei­se hat, Kon­flik­te und Inter­es­sens­wi­der­sprü­che aus­zu­tra­gen?  (vgl. E. Ser­ra­no: ¿Por que fra­ca­sa Colom­bia? Deli­ri­os de una Nación que se des­co­no­ce a sí mis­ma. Bogo­tá 2016: Edi­to­ri­al Pla­ne­ta; oder auch: M. Koessl: Gewalt und Habi­tus. Para­mi­li­ta­ris­mus in Kolum­bi­en. Münster:Lit-Verlag)  Der­fran­zö­si­sche Sozio­lo­ge Pierre Bour­dieu hat hier­für den Begriff des “Habi­tus” ver­wen­det, auf den ich spä­ter (in einem mei­ner nächs­ten Bei­trä­ge) noch ein­mal detail­lier­ter zurück­kom­men wer­de.

An die­ser Fra­ge ent­zün­den sich immer wie­der äußerst kon­tro­ver­se Debat­ten. Sicher­lich lässt sich nicht leug­nen, dass in 70 Jah­ren bewaff­ne­ter Aus­ein­an­der­set­zun­gen in gewis­ser Wei­se eine Gewöh­nung an die­sen per­ma­nen­ten Zustand von Gewalt statt­ge­fun­den hat, so dass für vie­le Kolum­bia­ner der Gedan­ke,  ohne die­sen Zustand zu leben, kei­ne so gro­ße Bedeu­tung  besitzt. Aber — das muss jedoch hin­zu­ge­fügt wer­den — trifft dies mit Sicher­heit nicht auf die­je­ni­gen Men­schen zu, die in den umkämpf­ten Gebie­ten unmit­tel­bar betrof­fen sind. Für sie — und das erfährt man immer wie­der in Gesprä­chen auf dem Lan­de oder mit Ver­trie­be­nen in den Städ­ten, kann der Krieg kein Zustand sein, an den man sich in irgend­ei­ner Wei­se gewöh­nen könn­te. Denn immer­hin han­delt es sich um einen Zustand per­ma­nen­ter Lebens­be­dro­hung. Die Bewoh­ner der gro­ßen Städ­ten, die den Krieg vor allem über die Medi­en erfah­ren haben (und zum Teil durch Ein­schrän­kung ihrer Rei­se­frei­heit), mögen dies jedoch anders sehen. Es ist schwer zu ver­ste­hen, wie indif­fe­rent man­che Kolum­bia­ner die­ser so wich­ti­gen Zukunfts­fra­ge ihres Lan­des gegen­über­ste­hen. Es ist ein merk­wür­di­ger Defä­tis­mus, der einem da ent­ge­gen­ge­bracht wird, ohne den Glau­ben an die Mög­lich­keit, die Zukunft des Lan­des gestal­ten zu kön­nen. Und oft fehlt sogar der Wil­le dazu.

Ich tref­fe immer wie­der auf Leu­te, für die es aus­ge­macht ist,  dass der Frie­dens­pro­zess nicht klap­pen wird. War­um? Weil es schon immer so gewe­sen wäre und weil kein Ver­lass sei auf die Poli­ti­ker und der FARC sowie­so nicht trau­en sei. Und über­haupt wür­de die Kor­rup­ti­on im Lan­de schon alle Ansät­ze für eine Ver­än­de­rung von vorn­her­ein zunich­tema­chen. Die­se resi­gna­ti­ve Hal­tung wird aber noch über­trof­fen von einer expli­zi­ten ver­schwö­rungs­theo­re­tisch begrün­de­ten Ableh­nung, nach der die San­tos-Regie­rung das Land auf einen kom­mu­nis­ti­schen Weg füh­ren will, unter­stützt von einem kom­mu­nis­tisch unter­wan­ter­ten Kon­gress, beglei­tet von Juris­ten, die in ihrer Aus­bil­dung durch lin­ke Hoch­schul­leh­rer indok­tri­niert wur­den. Die­ses Bild wird von den ultra­rech­ten Kräf­ten um Exprä­si­dent Uri­be gezeich­net und man ist erstaunt, wie oft es einem ent­ge­gen­ge­hal­ten wird von Per­so­nen, die man eigent­lich als durch­aus nüch­tern den­kend gekannt hat­te. Die Wochen­zeit­schrift Sema­na berich­tet, dass angeb­lich die Hälf­te aller Kolum­bia­ner glau­ben, dass das Land sich in Gefahr befin­det, ein “neu­es Vene­zue­la” zu wer­den. Vor einem Jahr hat­te Uri­be das “Gespenst des Cas­tro­cha­vis­mus” an die Wand gemalt und damit — wie bereits berich­tet — das Ple­bis­zit vom 2. Okto­ber nicht uner­heb­lich beein­flus­sen kön­nen.

Die unter­schied­li­che Betrof­fen­heit mag das gro­ße Land-Stadt-Gefäl­le bei der Fra­ge der Zustim­mung zum Frie­dens­b­kom­men erklä­ren. Aber die­se Beschrei­bung beant­wor­tet noch nicht die gestell­te Fra­ge. In einem mei­ner nächs­ten Bei­trä­ge wer­de ich ver­su­chen, die­se Fra­ge zu ver­tie­fen.

So wird das nix! Aufflammende paramilitärische Gewalt
könnte alles in Frage stellen

Wie kann ein dau­er­haf­ter Frie­den in Kolum­bi­en aus­se­hen, wenn zwar die Regie­rung mit der FARC in Havan­na seit Jah­ren ver­han­delt, gleich­zeiitg aber den ter­ro­ris­ti­schen Aktio­nen rechts­ge­rich­ter Para­mi­li­tärs nichts ent­ge­gen­setzt wird? Die­se Fra­ge muss man sich heu­te, nach einer Serie äußerst besorg­nis­er­re­gen­der Vor­fäl­le, durch die allein im Novem­ber 2015 meh­re­re bekann­te Men­schen­rechts­ver­tre­ter  nicht  nur bedroht son­dern lei­der auch Opfer para­mi­liä­ri­scher Ter­ror­ak­te gewor­den sind, stel­len. Am 9. Okto­ber wur­de JOHN JAIRO RAMÍREZ OLAYA aus sei­nem Haus in Buen­aven­tu­ra, der Hafen­stadt an der kolum­bia­ni­schen Pazi­fik­küs­te (Depar­ta­men­ta Val­le de Cau­ca) von 10 Para­mi­li­tärs ent­führt und anschlie­ßend ermor­det. Weni­ge Tage spä­ter, am Nach­mit­tag des 13. Novem­ber wur­de der Umwelt- und Men­schen­rechts­ak­ti­vist DANIEL ABRIL, Mit­glied des zivi­len Kom­mit­tees der Ver­tei­di­gung der Men­schen­rech­te im Depar­ta­men­to de Meta (süd­öst­lich von Bogo­tá gele­gen) und Mit­glied der “Coor­di­nacin Colom­bia — Euro­pa — Esta­dos Uni­dos (CCEEU)” getö­tet. Dani­el Abril war vor allem bekannt gewor­den durch die Auf­de­ckung der rück­sichts­lo­sen Umwelt­schä­den, ins­be­son­de­re der Grund­was­ser­ver­seu­chung, die die mul­ti­na­tio­na­len Erd­öl­ge­sell­schaf­ten bei der För­de­rung der Erd­öl­res­sour­cen des Depar­ta­men­to Cas­a­na­re (eben­falls nahe der Haupt­stadt Bogo­tá) ver­ur­sacht hat­ten. Am glei­chen Tag, es war der Tag der Ter­ror­an­schlä­ge in Paris, wur­de auch LUIS FRANCISCO HERNÁNDEZ GONZÁLEZ in Tier­r­al­ta (Depar­ta­men­to de Cór­do­ba) erschos­sen. Er war einer der füh­ren­den Ver­tre­ter der afro­ko­lum­bia­ni­schen Gemein­den, die sich seit Jah­ren für die Rück­ga­be des Lan­des, von dem sie ver­trie­ben wor­den waren, ein­set­zen. Mit gro­ßer Besorg­nis wur­de auch der am Diens­tag, dem 17. Novem­ber glück­li­cher­wei­se von der “Guar­dia Indi­gi­na” ver­ei­tel­te Atten­tats­ver­such auf FELICIANO VALENCIA, einem der füh­ren­den Per­so­nen der indi­ge­nen Bewe­gung in Kolum­bi­en wahr­ge­nom­men. In einem dra­ma­ti­schen Appel wen­det sich die “Coor­di­nación Colom­bia-Euro­pa-Esta­dos Uni­dos (CCEEU)” an die Welt­öf­fent­lich­keit und drückt ihre Besorg­nis über die gegen­wär­ti­ge Situa­ti­on der Men­schen­rech­te in Kolum­bi­en aus (CCEEU): Bol­le­tin v. 17.11.2015 )

Ein — glück­li­cher­weie erfolg­lo­ser — Atten­tats­ver­such wur­de auch auf den bekann­ten Men­schen­rechts­ver­tre­ter  ADOLFO VERBEL ROCHA am 23. Novem­ber im Depar­ta­men­to Suc­re ver­übt (http://bit.ly/1Ixezzb). Und wie die kolum­bia­ni­sche Tages­zei­tung “El Espec­ta­dor”  am 22.11.2015  berich­tet, wur­de nun auch der Jour­na­list EDINSON BOLAÑOS bedroht, nach­dem er umfang­rei­che Recher­chen über ille­ga­len Gold­ab­bau in Cau­ca unter­nom­men und dar­über berich­tet hat­te. (El Espec­ta­dor v. 22.11.2015: “Magna­tes del oro ver­sus peque­ños min­e­r­os”: http://bit.ly/1ScUP9p).

Mit sehr gro­ßer Besorg­nis reagie­ren Men­schen­rechts­grup­pen in Kolum­bi­en auch auf den bekannt gewor­de­nen Vor­marsch der Para­mil­tärs in das bereits in den 90er Jah­ren zwi­schen Gue­ril­la und Para­mi­li­tärs stark umkämpf­te Gebiet am Golf von Ura­bá, einer Meer­enge der Kari­bik zwi­schen Kolum­bi­en und Pana­ma. Wie die öku­me­ni­sche Kom­mis­si­on “Comi­si­on Inte­regle­si­cal Jus­ti­cia y Paz” mit­teil­te, sind die rechts­ge­rich­te­ten Mili­zen in vier Grup­pen in die Jigu­a­mi­an­dó-Zone im nord­west­li­chen Ura­bá ein­ge­drun­gen ((Jus­ti­cia y Paz v. 3.11.2015) ). Dabei hät­ten sie Gebie­te unter Kon­trol­le der kolum­bia­ni­schen Mari­ne, der Land­streit­kräf­te und der Poli­zei pas­siert, ohne auf­ge­hal­ten wor­den zu sein. Sie sei­en für einen län­ge­ren Auf­ent­halt ein­ge­rich­tet, gut ver­sorgt und hät­ten — so Berich­te aus der Bevöl­ke­rung — die Unter­stüt­zung des Mili­tärs. In den 90er Jah­ren waren vie­le Bewoh­ner von ihrem Land ver­trie­ben wor­den, das sich dann Füh­rer para­mi­li­tä­ri­scher Ver­bän­de ange­eig­net hat­ten. Zum Teil ver­kauf­ten sie die­ses Land an Drit­te. Ein dies­be­züg­lich bekannt gewor­de­ner Fall ist der von JORGE PRETELT CHALJUB, Rich­ter beim kolum­bia­ni­schen Ver­fas­sungs­ge­richt, des­sen Ehe­frau ein sol­ches Anlie­gen erwor­ben hat­te. Ich hat­te die­sen Fall am 28. März 2015 unter der Über­schrift  “Insti­tu­tio­nel­ler GAUbeschrie­ben. In Ura­bá gibt es seit vie­len Jah­ren inten­si­ve Bemü­hun­gen um die Rück­ga­be des Lan­des an die ursprüng­li­chen Eigen­tü­mer. Inter­na­tio­nal bekannt wur­de die Gemein­de San José de Apart­a­dó, die sich jed­we­der auf­ge­zwun­ge­nen Koope­ra­ti­on mit Gue­ril­la oder Para­mil­tärs wider­setz­te und sich allen Repres­sa­li­en zum Trotz zur Frie­dens­ge­mein­de erklär­te (Vgl. auch den Doku­men­tar­film von Jor­ge Pavez “San Jose de Apart­a­do: sin armas en colom­bia — San Jose de Apart­a­do: Ohne Waf­fen in Kolum­bi­en [Kolumbien/Deutschland 2005]). Die Ein­woh­ner von San José de Apart­a­dó haben sich nun mit einem ein­dring­li­chen Hil­fe­ruf an den kolum­bia­ni­schen Staat gewandt, der nicht zulas­sen dür­fe, dass es erneut — wie in den Jah­ren 1996 und 1997 — zu Repres­sa­li­en, Ver­trei­bun­gen und Mas­sa­kern kommt  (Colom­bia­no v. 5.11.2015) ). Auch in das Gebiet der Caca­ri­ca-Frie­dens­ge­mein­de west­lich von Jigu­a­mi­an­dó, das sich größ­ten­teils in kol­lek­ti­ven Land­be­sitz indi­ge­ner Gemein­den befin­det, sind 120 Män­ner der para­mi­li­tä­ri­schen Grup­pe “Auto­de­fen­sas Gai­ta­nis­tas de Colom­bia“ (AGC) trotz der Anwe­sen­heit des Mili­tärs ein­ge­drun­gen. Mit 300 Ange­hö­ri­gen sind die AGC mitt­ler­wei­le auch in das Gebiet um die Bahía Sola­no im Chocó, süd­lich von Ura­bá, vor­ge­drun­gen. Auch von hier wer­den ein­dring­li­che Hil­fe­ru­fe gegen das Anwach­sen para­mi­li­tä­ri­scher Grup­pen aus­ge­sandt. Befürch­tet wird, dass hier para­mi­li­tä­ri­sche Struk­tu­ren für die Zeit nach den Ver­hand­lun­gen in Havan­na vor­be­rei­tet wer­den (Amerika21 v. 10.11.2015, vgl. auch Amerika21 v. 1.11.2015).

Ein ande­res Pro­blem droht für die Zeit nach dem Frie­dens­schluss von bestimm­ten Über­le­gun­gen, die von der FARC aus­ge­hen. Wie die Comi­sión Vida, Jus­ti­cia y Paz in Quib­do, Depar­ta­men­to Cho­co, mit­teil­te, gehen die im Cho­co ope­rie­ren­den FARC-Ein­hei­ten offe­nicht­lich davon aus, dass ihre Kämp­fer nach  der Demo­bi­li­sie­rung dort ange­sie­delt wer­den, wo sie sich gera­de befin­den, das heisst im Fal­le des Chocó, auf dem Ter­ri­to­ri­um der Afro­ge­mein­den und nicht etwa auf brach lie­gen­den Län­de­rei­en der Gross­grund­be­sit­zer. Die­se Vor­stel­lung hat die Befürch­tung in der Bevöl­ke­rung geweckt, dass die alten Pri­vi­le­gi­en der Ober­schicht auf Kos­ten der ärms­ten Bevöl­ke­rungs­schicht unan­ge­tas­tet blei­ben und sogar eine neue pri­vi­le­gier­te Grup­pe von Exgue­ril­le­ros ent­ste­hen könn­te.