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Bemerkungen zur Geschichte der Gewalt in Kolumbien

Die Geschichte der Gewalt, oder genauer gesagt, der wie es scheint unhinterfragten Durchsetzung von Macht mit Hilfe von Gewalt, beginnt bereits mit der Gründung des Staates. Oder noch früher, mit der Ausrufung der Unabhängigkeit 1810. Wie ich in meinen historischen Exkursen über die Unabhängigskeitsbewegung Neugranadas und den Auseinandersetzungen zwischen Zentralisten und Föderalisten noch während der Geburt der Republik zu zeigen versucht habe, wurden die Meinungsverschiedenheiten über die künftige Struktur des Staates von Anfang an mit Gewalt ausgetragen. Mit katastrophalen Folgen, denn die spanischen Truppen, die von Süden angerückt waren, um Neugranada für das Königreich zurückzuerobern, waren über diesen Streit der Republikaner natürlich begeistert.

Eigentlich gab es in diesen Anfangsjahren zwei Republiken auf dem Boden des Vizekönigreiches Neugranada: 1. Die „Republica de Cundinamarca“ (zentralistisch mit der Hauptstadt Bogotá und unter der Präsidentschaft von Antonia Nariño) und 2. die föderative Republik der „Provincias Unidas“ (unter Camillo Torres) mit Tunja als Haupstadt. Seit 1812 standen sich beide Seiten in einem Bürgerkrieg gegenüber, der bis zur Einnahme von Bogotá durch die Truppen der Provincias Unidas unter Simon Bolivar (sic!) im Jahre 1814 dauerte. Gleichzeitig aber gab es auf dem Territorium von Neugranada einige Provinzen, die überhaupt keine republikanischen Ambitionen hatten, sondern am spanischen Regentschaftsrat (Consejo de Regencia) und später dann an Ferdinand II als ihrem König festhielten. Das waren u.a. Santa Marta, Popayan, Pasto). Bogotá fiel schon zwei Jahre später (1816) wieder in die Hände der Spanier. All diese gewaltvollen Auseinandersetzungen verleiteten Antonia Nariño zu seinem berühmten Ausspruch vom „Patria Boba“, dem „närrischen Vaterland“. Erst ab 1819 nach der entscheidenden Schlacht an der Brücke von Boyaca und der anschließenden Gründung der „Republica de Colombia“ setzte für einige Jahre eine gewisse Stabilität ein, die allerdings deutlich an die Autorität Simon Bolivars gebunden war.

Nach dem Zerfall des von Bolivar gegründeten Großkolumbiens 1830 entstanden in kurzer Folge und fast immer nach Militärputschen, denen meist Bürgerkriege folgten, verschiedene Republiken mit abwechselnden zentralistischen oder föderalistischen Verfassungen. Kolumbien hatte im 19 Jahrhundert folgende Namen und Verfassungen:

    • 1810 – Republica de Cundinamarca (zentralistisch unter Antonia Nariño, Sitz Bogotá) und der föderativen Republik der Provincias Unidas (unter Camillo Torres, Sitz Tunja). Beide bestanden aber nur bis Reconquista der Spanier im Jahre 1816)
    • 1819 – Republica de Colombia (1819 – 1830: Gran Colombia)
    • 1830 – Republica de la Nueva Granada (1853 liberale Verfassungsreform nach dem Brügerkrieg 1851. Erneuter Bürgerkrieg 1854 )
    • 1858 – Confederación Granadina (föderative Struktur mit 8 Einzelstaaten und einem Zentralparlament, 1860 – 1863 Bürgerkrieg)
    • 1863 – Estados Unidos de Colombia (Radikal-liberale und laizistische Verafssung v. 8. Mai 1863 (Verfassung von Rio Negro, unter Präsident Mosquera), neun weitgehend unabhängige Einzelstaaten, aber erneute Bürgerkriege 1876-1877 und 1885 als die Liberalen sich gegen den konservativen Präsident Rafael Nuñez erhoben.)
    • 1886 Republica de Colombia (Nuñez siegte, gründete den „Partido Nacional“ und führte eine zentralistische und konservativ geprägte Verfassung ein)

Allein in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts erleidete Kolumbien sieben Bürgerkriege. In vielen Studien wird vor allem der „Krieg der 1000 Tage“ (1899 – 1902), den auch Gabriel Garcia Marquez in seinem Buch „100 Jahre Einsamkeit“ behandelt hat, eine verheerende Wirkung auf die Reproduktionslogik der Macht nachgesagt, die sich dann im 20 Jahrhundert fortsetzte.

Ein weiteres traumatisches Ereignis war der fürchterliche zehnjährige Bürgerkrieg von 1948 bis 1958, der als „Violencia“ in die Geschichte eingegangen ist. Er begann am am 9. April 1948, ein Tag der den Kolumbianern als „Bogotazo“ ins nationale Gedächtnis eingebrannt ist. An diesem Tag wurde Jorge Eliécer Gaitán, Hoffnungsträger für einen sozialen Wandel und aussichtsreicher Präsidentschaftskandidat der Liberalen Partei in Bogotá auf offener Straße ermordet. Gaitáns Eintreten für eine Verbesserung der materiellen Lebensbedingungen der armen Bevölkerung und seiner damit in Zusammenhang stehenden anti-oligarchischen Rhetorik hatten ihm eine enorme Popularität in der einfachen Bevölkerung aber auch ein großes Misstrauen der sogenannten Elite des Landes, der Bourgeoisie und der Latifundistas, sowohl in der konservativen als auch in seiner eigenen Partei, den Liberalen, eingebracht. Niemand zweifelte daran, dass er die Wahlen gegen den konservativen Amtsinhaber Mariano Ospina Pérez gewinnen würde. Die Hintergründe und Hintermänner dieses Mordes sind bis heute nicht restlos geklärt. Aber die Wut der Anhänger Gaitans kannte keine Grenzen. In heftigen Straßenschlachten mit der Polizei wurden über 3.000 Menschen getötet, die halbe Innestadt von Bogotá verwüstet. Es begann das dunkelste Kapitel in der Geschichte Kolumbiens, ein Bürgerkrieg, der nach Schätzungen ca. 20.000 Menschen das Leben gekostet hat. Nahezu jede kolumbianische Familie kann von Erlebnissen berichten, in denen Familienmitglieder von der „Violencia“ in irgendeiner Form betroffen waren: Ermordung, Vertreibung, Bedrohung, Flucht, Verfolgung. Das alles hat sich tief in das kulturelle Gedächtnis der Gesellschaft eingebrannt.

Tafel zum Gedenken an die Ermordung von Gaitan in Bogotá

Ich kann hier nur stichpunktmäßig die Ereignisse skizzieren, deren Folgen bis heute zu spüren sind, denn letztlich führten sie zur Gründung der Guerilla und zu den kriegerischen Auseinandersetzungen, die heute nach fast 70 Jahren, zu beenden versucht werden. Während der Kämpfe wurde im Grenzgebiet der südlich der Hauptstadt Bogotá gelegenen Provinzen Tolima, Huila, Cauca und Valle del Cauca mehrere unabhängige Republiken gegründet. Die historisch bedeutsamste und gegen Invasionsversuche der kolumbianischen Armee widerständigste war die „Republica de Marquetalia“, in der die Kommunistische Partei Kolumbiens eine wichtige organisierende Kraft darstellte. Erst 1964 konnte die kolumbianische Armee mit Unterstützung der CIA das Gebiet erobern und richtete dabei ein Massaker an. Die Überlebenden zogen sich in die Berge zurück und begannen einen Guerillakrieg, auf den die Regierung mit der Aufstellung von paramilitärischen Anti-Guerilla-Einheiten, unter ihnen die wegen ihrer Grausamkeit gefürchteten „Chulavitas“ und „Pájaros“, reagierte. Mit dem „Decreto 3398“ und „Ley 48“ wurden diese Einheiten als „antikommunistische Kampfeinheiten“ vom kolumbianischen Staat legitimiert. 1966 schlossen sich daraufhin die linksgerichteten Guerilla-Einheiten zu den »Fuerzas Armadas Revolutionarias de Colombia – Ejército de Pueblo« (FARC-EP) zusammen.

Auch die vorübergehende Errichtung einer Militärdiktatur unter General Gustavo Rojas Pinilla (1953) und Gabriel París Gordillo (1957) konnte den verheerenden Bürgerkrieg nicht beenden. Dies gelang erst als sich die beiden Konfliktparteien, die Liberalen und die Konservativen auf die Bildung einer „Frente National“ einigten, in der die Macht geteilt wurde. Alle Regierungsposten wurden je zur Hälfte auf die beiden Parteien aufgeteilt. Der Präsident wurde alle vier Jahre mal von den Liberalen, mal von den Konservativen gestellt. Erst 1974 gab es wieder freie Wahlen.

Paramilitärische Einheiten, sogenannte „Autodefensas“, wurden nun auch von Großgrundbesitzern, in erster Linie von Viehzüchtern, aber auch von Drogenkartellen finanziert, um sich so gegen die Aktivitäten der Guerilla zu wehren. 1994 wurden Strukturen aufgebaut, um die sich im ganzen Lande ausbreitenden paramilitärischen Verbände zu koordinieren („CONVIVIR“). Es wird geschätzt, das CONVIVIR zeitweise 120.000 bewaffnete Kämpfer kontrollierte (vgl. M. Koessl: Gewalt und Habitus. Paramilitarismus in Kolumbien. Münster:Lit-Verlag; sowie: R. Zelik: Die kolumbianischen Paramilitärs. „Regieren ohne Staat? oder terroristische Formen der Inneren Sicherheit. Münster 2009, Westfälisches Dampfboot). Dies wurde aber bald für den Staat zu einem schwer kalkulierbaren Risiko und so wurden diese „Wachschutzkooperativen“ 1997 wieder verboten. Doch bereits im selben Jahr erfolgte die Gründung der „AUC“ (Autodefensas Unidas de Colombia), die in den folgenden Jahren die dominierende Rolle der paramilitärischen Verbände einnehmen sollte.

Während der 90er Jahre war nicht mehr zu ignorieren, dass die Gewalt in Kolumbien nicht allein ein Konflikt zwischen der Guerilla und der Regierung war. Die Opfer waren immer mehr Zivilpersonen, führende Aktivisten indigener und afro-kolumbianischer Gemeinden, Gewerkschaftsführer, kritische Journalisten, Rechtsanwälte, Politiker. Um nur ein Beispiel zu nennen: In der Zeit zwischen 1986 und 2002 hat der gewerkschaftliche Dachverband CUT 4.000 Mitglieder durch Ermordungen verloren. In einigen Fällen waren große internationale Konzerne in solche Taten verwickelt, wie beispilsweise das us-amerikanische Bergbauunternehmen Drummond, British Petroleum, EcoPetrol, CocaCola, Chiquita u.a.. Diese Fakten alarmierten die internationale Öffentlichkeit und die Frage nach der Rolle und der Verantwortung des Staates wurde gestellt.

Vor der Menschenrechtskommission der Vereinten Nationen kam es zu einer Anklage gegen die kolumbianische Regierung. Da es zu den Aufgaben der Regierung gehöre, die Sicherheit der Einwohner zu garantieren, könne sich die kolumbianische Regierung nicht von der Verantwortung über die Menschenrechtsverletzungen freisprechen, so lautete die Anklage. Die Regierung versuchte sich damit zu entschuldigen, dass sie doch alles in ihrer Macht stehende unternähme, um die Verstöße zu unterbinden, aber die geografische Lage des Landes und andere Gründe würden dies sehr schwer machen. Ja, zweifellos macht die geografische Beschaffenheit Kolumbiens es sehr schwer, jeden Fleck des Territoriums zu kontrollieren, aber mittlerweile gilt es als erwiesen, dass der kolumbianische Staat nicht nur wegen der Unterlassung eines notwendigen Eingreifens verwantwortlich war, sondern auch durch Mitwissen und zum Teil auch durch Komplizenschaft mit den marodierenden paramilitärischen Verbänden. In Kolumbien leugnet heute niemand mehr die zum Teil engen Beziehungen zwischen einigen politischen Repräsentanten und Militärangehörigen zu paramilitärischen Gruppen. Einige Menschenrechtsaktivisten sprechen von einer „neuen informellen Art des Regierens“, einer Strategie der Abschrechung, die auch gegen die Zivilbevölkerung gerichtet war, um die Guerilla von ihrer sozialen Basis zu trennen.

Insbesondere unter der Regierung von Alvaro Uribe beklagte die Menschenrechtskommission der UNO ein dramatisches Ansteigen der Verstöße gegen die Menschenrechte. Es ist hier nicht der Ort auf Details einzugehen, aber es ist m.E. sehr wichtig davon Kenntnis zu nehmen, dass in den laufenden Verfahren im Zuge der Spezial-Gerichtsbarkeit für den Frieden nicht nur die Guerilla sondern auch der Staat angeklagt ist. Und aus meiner Sicht ist es bemerkenswert, dass die gegenwärtige Regierung unter Manuel Santos dies anerkannt hat und auf diese Weise den Weg für den Frieden freigemacht hat. D.h. beide Vertragspartner sitzen auf der Anklagebank.

Die Frage der Gewalt

Wer nach Kolumbien reist oder dort wohnt muss damit leben, ständig einem Wechselbad der Gefühle ausgesetzt zu sein. Während uns einerseits die atemberaubende Schönheit des Landes und die Liebenswürdigkeit seiner Bewohner, die Vielfalt der Natur, der Ethnien und der Kulturen fasziniert, werden wir gleichzeitig Zeugen von Menschenrechtsverletzungen und sozialer Gewalt, die nicht nur die Besucher aus Europa oft in tiefer Bestürzung zurück lassen. Seit fast einem halben Jahrhundert bereise ich dieses Land, und seit einigen Jahren leben Constanza und ich zeitweise in Bogotá. Ohne jeden Zweifel habe ich dieses Land lieben gelernt. Aber diese eigentümliche Widersprüchlichkeit zwischen Liebe und Gewalt gibt mir bis heute Rätsel auf. Und das, obwohl die Literatur über die Gewalt in Kolumbien mittlerweile ganze Bibliotheken füllen könnte. Hervorzuheben sind vor allem zwei Arbeiten: zum einen die von G. Guzman; O. Falls Borda & E. Umaña Luna „La Violencia en Colombia“ (1962), die sich mit der Phase des Bürgerkrieges in den 50er Jahren beschäftigt und die mittlerweile als Klassiker der kolumbianischen Soziologie gilt. Bei der anderen Arbeit handelt es sich um die 1987 von der „Comisión de Estudios la Violencia“ herausgebrachte Studie „Colombia: Violencia y Democracia“. Sie eröffnete eine wahre Flut von soziologischen Arbeiten über die Gewalt in Kolumbien, so dass in der kolumbianischen Soziologie schon von einer „Violentologia“ gesprochen wird.

Der Justizpalast in Bogotá: Ein Symbol für die gewaltvolle Vergangenheit

Wer sich auch nur ansatzweise mit dieser Fülle von Literatur beschäftigt, droht in Komplexität unterzugehen. Die Schwierigkeit beginnt bereits mit der Beschreibung von Tätern und Opfern. Der gegenwärtige Diskurs des „Post-Conflicto“ behandelt vorrangig die Rebellion der FARC. Aber die Situation ist viel komplizierter, weil eine Reihe anderer Akteure in den Gewaltprozess involviert sind: Drogen-Kartelle, andere Guerilla-Gruppen, wie die ELN, eine ganze Reihe von rechtsextremistischen paramilitärischen Gruppen, und selbstverständlich eine Reihe von Akteuren, die nicht sichtbar sind, die nicht direkt an den bewaffneten Auseinandersetzungen beteiligt sind, die aber eine gewisse Verantwortung tragen für das was geschehen ist und immer noch geschieht. Und auch auf der Seite der Opfer und Betroffnen steht man vor einer schier unendlich erscheinenden Komplexität: denn immer geht es ja um spezifische Beziehungen zwischen den Tätern und den Opfern. Warum und in wessen Interesse wurden gerade bestimmte Personen als Opfer ausgewählt? Welche Vorgeschichte ist zu berücksichtigen? Welche Regionen sind in besonderer Weise betroffen und welche nicht? Welche Strategien werden von den verschiedenen Akteuren verfolgt und welche Rolle spielen diese für die politischen Versuche einer Befriedung?

Und nicht zu vergessen ist die Frage nach den gesellschaftlichen Konsequenzen, die der Konflikt hatte und noch immer hat. Welchen Einfluss hat die Bereitschaft, Gewalt einzusetzen, um politischen Einfluss zu nehmen  auf die öffentliche Meinung, auf die Freiheit der Presse und des Rechts- und Justizsystems, auf die Versammlungsfreiheit, auf die freie gewerkschaftliche Betätigung in den Betrieben, auf die Entstehung und die Entfaltungsmöglichkeiten sozialer Protestbewegungen. In welcher Weise hat der Konflikt die Stabilität der Zivilgesellschaft beeinträchtigt sowie die von Umwelt, Wirtschaft, Politik., aber auch auf die Frage der Anwendung intrafamiliärer Gewalt und Gendergewalt. Erst das Zusammenwirken all dieser Faktoren kann die Basis sein für die Versuche, so etwas wie eine „Landkarte des Konfliktes“ zu zeichnen. Mit dieser „Landkarte“ lässt sich dann der nächste Schritt vollziehen,  die verschiedene Bestandteile des Friedensabkommens darauf zu beziehen.

Die Einstellung der konservativen Elite zum Friedensprozess, deren erbitterter Widerstand und das Desaster des Plebiszits vom 2. Oktober 2016 gibt der Frage nach der Rolle von Gewalt im Spiel der politischen Kräfte eine neue Brisanz. Denn könnte es sein, dass sich diese Kräfte bei den anstehenden Wahlen im Jahr 2018 durchsetzen können? Was wird dann geschehen? Wie kann es überhaupt sein, dass ein Land, dass so lange unter einem erbitterten Bürgerkrieg gelitten hat, sich zu 50% dafür ausspricht, den Krieg weiterzuführen? Wie kann der Hass so groß sein, dass die Mehrheit der Bevölkerung nicht bereit ist, endlich einen Schlussstrich zu ziehen? Wie kann in einem katholische Land das Bedürfnis nach Vergeltung größer sein als nach Vergebung? Wie kann die Angst vor gesellschaftlicher Veränderung so groß sein, dass bestimmte Kreise keine Skrupel haben, Gewalt als probates Mittel anzusehen, dies zu verhindern anstatt sie in einem gesellschaftlichen Dialog gemeinsam zu gestalten? Ein in Bonn lebender Kolumbianer hat einmal sein Heimatland im Schmerz über die dortigen Ereignisse als „Locombia“ bezeichnet. Und in der Tat trifft diese Bezeichnung ganz gut die erste spontane Reaktion vieler Kolumbianer auf das, was gegenwärtig dort geschieht: verrückt. So ähnlich hatte es auch schon Antonio Nariño, der erste Präsident des 1810 temporär von den Spaniern befreiten Gebietes auf dem Territorium des damaligen „Vizekönigreiches Neugranada“ ausgedrückt, als er angesichts der Zerstrittenheit der republikanischen Kräfte, die sich ungeachtet der vorrückenden spanischen Truppen sogar einen Bürgerkrieg zwischen Zentralisten und Föderalsten leisteten, vom „Patria Boba“ (närrisches Vaterland) gesprochen hat. William Ospina, eine bekannter kolumbianischer Schriftsteller, beklagt in seiner Kolumne in „El Espectador“ zwei Wochen nach dem desaströsen Ergebnis des Referendums 2016: „Nunca se había visto una situación más incomprensible: la guerrilla quiere dejar de hacer la guerra, y los dueños del país no se ponen de acuerdo para aceptarlo.“

Für den europäischen Beobachter ist das alles nur sehr schwer zu verstehen. Man muss tief in die Historie und die Soziologie des Landes eintauchen, um einen Zugang zu dieser Frage zu gewinnen. Und dies ist in der Tat auch der Ansatz, den die meisten soziologischen Studien für ihren Erklärungsversuch wählen (vgl. F.E. Gonzáles Gonzáles: Poder y Violencia en Colombia. Bogotá 2014: CINEP). Und dabei wird immer wieder eine Frage gestellt: Könnte es nicht sein, dass die kolumbianische Gesellschaft durch ihre gewaltvolle Geschichte eine Art „Kultur der Gewalt“ herausgebildet hat, in der die Anwendung von Gewalt zur Durchsetzung von Macht eine unhinterfragbare Option darstellt? Könnte es sein, dass sich die gewaltvollen Ereignisse der Vergangenheit so stark in das kulturelle historische Gedächtnis der Gesellschaft eingebrannt haben, dass dies Auswirkungen auf die Art und Weise hat, Konflikte und Interessenswidersprüche auszutragen?  (vgl. E. Serrano: ¿Por que fracasa Colombia? Delirios de una Nación que se desconoce a sí misma. Bogotá 2016: Editorial Planeta; oder auch: M. Koessl: Gewalt und Habitus. Paramilitarismus in Kolumbien. Münster:Lit-Verlag)  Derfranzösische Soziologe Pierre Bourdieu hat hierfür den Begriff des „Habitus“ verwendet, auf den ich später (in einem meiner nächsten Beiträge) noch einmal detaillierter zurückkommen werde.

An dieser Frage entzünden sich immer wieder äußerst kontroverse Debatten. Sicherlich lässt sich nicht leugnen, dass in 70 Jahren bewaffneter Auseinandersetzungen in gewisser Weise eine Gewöhnung an diesen permanenten Zustand von Gewalt stattgefunden hat, so dass für viele Kolumbianer der Gedanke,  ohne diesen Zustand zu leben, keine so große Bedeutung  besitzt. Aber – das muss jedoch hinzugefügt werden – trifft dies mit Sicherheit nicht auf diejenigen Menschen zu, die in den umkämpften Gebieten unmittelbar betroffen sind. Für sie – und das erfährt man immer wieder in Gesprächen auf dem Lande oder mit Vertriebenen in den Städten, kann der Krieg kein Zustand sein, an den man sich in irgendeiner Weise gewöhnen könnte. Denn immerhin handelt es sich um einen Zustand permanenter Lebensbedrohung. Die Bewohner der großen Städten, die den Krieg vor allem über die Medien erfahren haben (und zum Teil durch Einschränkung ihrer Reisefreiheit), mögen dies jedoch anders sehen. Es ist schwer zu verstehen, wie indifferent manche Kolumbianer dieser so wichtigen Zukunftsfrage ihres Landes gegenüberstehen. Es ist ein merkwürdiger Defätismus, der einem da entgegengebracht wird, ohne den Glauben an die Möglichkeit, die Zukunft des Landes gestalten zu können. Und oft fehlt sogar der Wille dazu.

Ich treffe immer wieder auf Leute, für die es ausgemacht ist,  dass der Friedensprozess nicht klappen wird. Warum? Weil es schon immer so gewesen wäre und weil kein Verlass sei auf die Politiker und der FARC sowieso nicht trauen sei. Und überhaupt würde die Korruption im Lande schon alle Ansätze für eine Veränderung von vornherein zunichtemachen. Diese resignative Haltung wird aber noch übertroffen von einer expliziten verschwörungstheoretisch begründeten Ablehnung, nach der die Santos-Regierung das Land auf einen kommunistischen Weg führen will, unterstützt von einem kommunistisch unterwanterten Kongress, begleitet von Juristen, die in ihrer Ausbildung durch linke Hochschullehrer indoktriniert wurden. Dieses Bild wird von den ultrarechten Kräften um Expräsident Uribe gezeichnet und man ist erstaunt, wie oft es einem entgegengehalten wird von Personen, die man eigentlich als durchaus nüchtern denkend gekannt hatte. Die Wochenzeitschrift Semana berichtet, dass angeblich die Hälfte aller Kolumbianer glauben, dass das Land sich in Gefahr befindet, ein „neues“ Venezuela zu werden. Vor einem Jahr hatte Uribe das „Gespenst des Castrochavismus“ an die Wand gemalt und damit – wie bereits berichtet – das Plebiszit vom 2. Oktober nicht unerheblich beeinflussen können.

Die unterschiedliche Betroffenheit mag das große Land-Stadt-Gefälle bei der Frage der Zustimmung zum Friedensbkommen erklären. Aber diese Beschreibung beantwortet noch nicht die gestellte Frage. In einem meiner nächsten Beiträge werde ich versuchen, diese Frage zu vertiefen.

So wird das nix! Aufflammende paramilitärische Gewalt
könnte alles in Frage stellen

Wie kann ein dauerhafter Frieden in Kolumbien aussehen, wenn zwar die Regierung mit der FARC in Havanna seit Jahren verhandelt, gleichzeiitg aber den terroristischen Aktionen rechtsgerichter Paramilitärs nichts entgegensetzt wird? Diese Frage muss man sich heute, nach einer Serie äußerst besorgniserregender Vorfälle, durch die allein im November 2015 mehrere bekannte Menschenrechtsvertreter  nicht  nur bedroht sondern leider auch Opfer paramiliärischer Terrorakte geworden sind, stellen. Am 9. Oktober wurde JOHN JAIRO RAMÍREZ OLAYA aus seinem Haus in Buenaventura, der Hafenstadt an der kolumbianischen Pazifikküste (Departamenta Valle de Cauca) von 10 Paramilitärs entführt und anschließend ermordet. Wenige Tage später, am Nachmittag des 13. November wurde der Umwelt- und Menschenrechtsaktivist DANIEL ABRIL, Mitglied des zivilen Kommittees der Verteidigung der Menschenrechte im Departamento de Meta (südöstlich von Bogotá gelegen) und Mitglied der „Coordinacin Colombia – Europa – Estados Unidos (CCEEU)“ getötet. Daniel Abril war vor allem bekannt geworden durch die Aufdeckung der rücksichtslosen Umweltschäden, insbesondere der Grundwasserverseuchung, die die multinationalen Erdölgesellschaften bei der Förderung der Erdölressourcen des Departamento Casanare (ebenfalls nahe der Hauptstadt Bogotá) verursacht hatten. Am gleichen Tag, es war der Tag der Terroranschläge in Paris, wurde auch LUIS FRANCISCO HERNÁNDEZ GONZÁLEZ in Tierralta (Departamento de Córdoba) erschossen. Er war einer der führenden Vertreter der afrokolumbianischen Gemeinden, die sich seit Jahren für die Rückgabe des Landes, von dem sie vertrieben worden waren, einsetzen. Mit großer Besorgnis wurde auch der am Dienstag, dem 17. November glücklicherweise von der „Guardia Indigina“ vereitelte Attentatsversuch auf FELICIANO VALENCIA, einem der führenden Personen der indigenen Bewegung in Kolumbien wahrgenommen. In einem dramatischen Appel wendet sich die „Coordinación Colombia-Europa-Estados Unidos (CCEEU)“ an die Weltöffentlichkeit und drückt ihre Besorgnis über die gegenwärtige Situation der Menschenrechte in Kolumbien aus (CCEEU): Bolletin v. 17.11.2015 )

Ein – glücklicherweie erfolgloser – Attentatsversuch wurde auch auf den bekannten Menschenrechtsvertreter  ADOLFO VERBEL ROCHA am 23. November im Departamento Sucre verübt (http://bit.ly/1Ixezzb). Und wie die kolumbianische Tageszeitung „El Espectador“  am 22.11.2015  berichtet, wurde nun auch der Journalist EDINSON BOLAÑOS bedroht, nachdem er umfangreiche Recherchen über illegalen Goldabbau in Cauca unternommen und darüber berichtet hatte. (El Espectador v. 22.11.2015: „Magnates del oro versus pequeños mineros“: http://bit.ly/1ScUP9p).

Mit sehr großer Besorgnis reagieren Menschenrechtsgruppen in Kolumbien auch auf den bekannt gewordenen Vormarsch der Paramiltärs in das bereits in den 90er Jahren zwischen Guerilla und Paramilitärs stark umkämpfte Gebiet am Golf von Urabá, einer Meerenge der Karibik zwischen Kolumbien und Panama. Wie die ökumenische Kommission „Comision Intereglesical Justicia y Paz“ mitteilte, sind die rechtsgerichteten Milizen in vier Gruppen in die Jiguamiandó-Zone im nordwestlichen Urabá eingedrungen ((Justicia y Paz v. 3.11.2015) ). Dabei hätten sie Gebiete unter Kontrolle der kolumbianischen Marine, der Landstreitkräfte und der Polizei passiert, ohne aufgehalten worden zu sein. Sie seien für einen längeren Aufenthalt eingerichtet, gut versorgt und hätten – so Berichte aus der Bevölkerung – die Unterstützung des Militärs. In den 90er Jahren waren viele Bewohner von ihrem Land vertrieben worden, das sich dann Führer paramilitärischer Verbände angeeignet hatten. Zum Teil verkauften sie dieses Land an Dritte. Ein diesbezüglich bekannt gewordener Fall ist der von JORGE PRETELT CHALJUB, Richter beim kolumbianischen Verfassungsgericht, dessen Ehefrau ein solches Anliegen erworben hatte. Ich hatte diesen Fall am 28. März 2015 unter der Überschrift  „Institutioneller GAU“ beschrieben. In Urabá gibt es seit vielen Jahren intensive Bemühungen um die Rückgabe des Landes an die ursprünglichen Eigentümer. International bekannt wurde die Gemeinde San José de Apartadó, die sich jedweder aufgezwungenen Kooperation mit Guerilla oder Paramiltärs widersetzte und sich allen Repressalien zum Trotz zur Friedensgemeinde erklärte (Vgl. auch den Dokumentarfilm von Jorge Pavez „San Jose de Apartado: sin armas en colombia – San Jose de Apartado: Ohne Waffen in Kolumbien [Kolumbien/Deutschland 2005]). Die Einwohner von San José de Apartadó haben sich nun mit einem eindringlichen Hilferuf an den kolumbianischen Staat gewandt, der nicht zulassen dürfe, dass es erneut – wie in den Jahren 1996 und 1997 – zu Repressalien, Vertreibungen und Massakern kommt  (Colombiano v. 5.11.2015) ). Auch in das Gebiet der Cacarica-Friedensgemeinde westlich von Jiguamiandó, das sich größtenteils in kollektiven Landbesitz indigener Gemeinden befindet, sind 120 Männer der paramilitärischen Gruppe „Autodefensas Gaitanistas de Colombia“ (AGC) trotz der Anwesenheit des Militärs eingedrungen. Mit 300 Angehörigen sind die AGC mittlerweile auch in das Gebiet um die Bahía Solano im Chocó, südlich von Urabá, vorgedrungen. Auch von hier werden eindringliche Hilferufe gegen das Anwachsen paramilitärischer Gruppen ausgesandt. Befürchtet wird, dass hier paramilitärische Strukturen für die Zeit nach den Verhandlungen in Havanna vorbereitet werden (Amerika21 v. 10.11.2015, vgl. auch Amerika21 v. 1.11.2015).

Ein anderes Problem droht für die Zeit nach dem Friedensschluss von bestimmten Überlegungen, die von der FARC ausgehen. Wie die Comisión Vida, Justicia y Paz in Quibdo, Departamento Choco, mitteilte, gehen die im Choco operierenden FARC-Einheiten offenichtlich davon aus, dass ihre Kämpfer nach  der Demobilisierung dort angesiedelt werden, wo sie sich gerade befinden, das heisst im Falle des Chocó, auf dem Territorium der Afrogemeinden und nicht etwa auf brach liegenden Ländereien der Grossgrundbesitzer. Diese Vorstellung hat die Befürchtung in der Bevölkerung geweckt, dass die alten Privilegien der Oberschicht auf Kosten der ärmsten Bevölkerungsschicht unangetastet bleiben und sogar eine neue privilegierte Gruppe von Exguerilleros entstehen könnte.