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Bodyguards der Armen

Wer in Bogo­tá lebt ent­wi­ckelt eine ande­re Sen­si­bi­li­tät für Gefah­ren, die einem von Per­so­nen mit unlau­te­ren Absich­ten dro­hen kön­nen, als jemand, der in Bonn lebt. Zwei­fel­los wird auch in Bonn bei einem nächt­li­chen Fuß­weg von einer Par­ty nach Hau­se die Auf­merk­sam­keit gestei­gert, wenn man Schrit­te in sei­ner Nähe hört. Aber solan­ge die kör­per­ei­ge­nen Alarm­sen­so­ren nicht außer­ge­wöhn­li­che Bewe­gun­gen des Ande­ren mel­den, die man — zu Recht oder zu Unrecht — als beun­ru­hi­gend wer­tet, bleibt man doch rela­tiv gelas­sen. In Bogo­tá ist das etwas anders. Schon tags­über mel­den die Sen­so­ren sofort, wenn eine Per­son sich zu nah befin­det, zu lan­ge hin­ter einem her­geht oder um Aus­kunft nach einer Adres­se bit­tet. Freund oder Feind? Die­se Fra­ge schießt einem in sekun­den­schnel­le durch den Kopf. Auch hier stellt sich die Situa­ti­on in den meis­ten Fäl­le als harm­los her­aus, aber die Sen­si­bi­li­tät ist erheb­lich gestei­gert. Das betrifft mitt­ler­wei­le auch Fahr­ten mit dem Auto und selbst­ver­ständ­lich auch Besu­cher an der eige­nen Woh­nung.

Je nach Mög­lich­kei­ten und sozia­ler Klas­sen­la­ge ver­su­chen die Bogo­ta­ner sich dar­auf ein­zu­stel­len und haben ent­spre­chen­de Schutz­me­cha­nis­men ent­wi­ckelt. Die Rei­chen ver­bar­ri­ka­die­ren sich, mau­ern und zäu­nen sich ein, las­sen sich durch Body­guards beglei­ten, manch­mal sogar in einer mar­tia­lisch erschei­nen­den Kolon­ne von schwe­ren, mit Pan­zer­glas ver­stärk­ten und Sicht­blen­den ver­se­he­nen und meist schwarz lackier­ten Fahr­zeu­gen, den “car­ros blind­ados”. In den öffent­li­chen Gebäu­den, Ein­kaufs­zen­tren und Plät­zen patroul­liert — zusätz­lich zum Wach­per­so­nal an den Ein­gän­gen — “per­so­nal de segu­ri­dad” mit spe­zi­ell aus­ge­bil­de­ten Hun­den, Deut­sche Schä­fer­hun­de, Dober­mans, Rott­wei­ler. Hun­de gibt es sehr vie­le in Bogo­tá. Und auch hier teilt sich die Stadt in Nord (die rei­che­ren Stadt­ge­bie­te) und Süd (die ärme­ren Stadt­vier­tel). Im Nor­den gehö­ren die soge­nann­ten Hun­de­aus­füh­rer mitt­ler­wei­le zum Stadt­bild. Das sind Per­so­nen, die sich ein paar Pesos dadurch ver­die­nen, dass sie die Hun­de der Rei­chen aus­füh­ren. Und zwar im Rudel, manch­mal um die zwan­zig Hun­de, ver­schie­de­ner Grö­ßen und Ras­sen.

Hunde-in-Bogota

Hun­de-in-Bogo­ta

Im Süden sieht es etwas anders aus. Hier wer­den kei­ne Hun­de aus­ge­führt, son­dern die Hun­de sind ein­fach da. Und sie ver­su­chen sich frei­le­bend in einem bestimm­ten Ter­ri­to­ri­um, einer Stra­ße, einem Stra­ßen­ab­schnitt oder einem Platz, eben dort wo sie aus­rei­chend Nah­rung fin­den und wo sie gedul­det wer­den, fest­zu­set­zen. Das bedeu­tet in der Regel einen nicht unkom­pli­zier­ten Inte­gra­ti­ons­pro­zess in eine Grup­pe dort schon vor­han­de­ner Art­ge­nos­sen. Manch­mal wer­den sie weg­ge­bis­sen, dann müs­sen sie sich eine ande­re Grup­pe suchen, manch­mal gelingt es ihnen, sich zu inte­grie­ren. Ob sie blei­ben und wie­vie­le Hun­de län­ger­fris­tig in solch einer Grup­pe blei­ben hängt nicht zuletzt von den dort exis­tie­ren­den Nah­rungs­be­din­gun­gen ab. Und hier kommt es nun zu einer Art Win-Win-Situa­ti­on zwi­schen Tier und Mensch. Die Menschn haben gelernt, dass wenn sie — trotz all ihrer Armut — die Hun­de aus­rei­chend ver­sor­gen, aus deren Anwe­sen­heit einen wich­ti­gen Vor­teil zie­hen: Mehr Sicher­heit.

 

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Denn die für uns Deut­sche gewöh­nungs­be­dürf­ti­ge Sicher­heits­la­ge Bogo­tás betrifft jeden, ob reich oder arm. Eine Zeit­lang hat­te ich mal geglaubt, die Armen sei­en inso­fern siche­rer, als es bei ihnen ja sowie­so nichts zu holen gibt. Aber das war ein Irr­tum. Mitt­ler­wei­le habe ich vie­le Per­so­nen ken­nen­ge­lernt, die bit­ter arm sind und denen den­noch das Weni­ge, was sie besa­ßen abge­nom­men wur­de, auf dem Nach­hau­se­weg, zu Fuß, im Bus oder eben zuhau­se in der eige­nen Woh­nung. Das gene­tisch beding­te Ter­ri­to­ri­al­ver­hal­ten der Hun­de sogt dafür, dass beim Ein­tritt frem­der Per­so­nen in das eige­ne Ter­ri­to­ri­um, sei es nun der Stra­ßen­ab­schnitt, der Hof oder ein bestimm­ter Kiez, sofort Alarm geschla­gen wird, und gege­be­nen­falls es sogar zu Ver­tei­di­gungs­ak­tio­nen kommt. Wie ich fin­de, ein bemer­kens­wer­tes Äqui­va­len zum Wach­per­so­nal der Rei­chen, das man als eine Art “Open Source Äqui­va­lent” bezeich­nen könn­te.

Adoptionsrecht für gleichgeschlechtliche Paare

Eine “his­to­ri­sche Ent­schei­dung mit sechs zu zwei Stim­men” nennt die kolum­bia­ni­che Zei­tung “El Espec­ta­dor” die ges­tern vom Ver­fas­sungs­ge­richt getrof­fe­ne Ent­schei­dung, mit der der Weg für das Recht einer Adop­ti­on von Kin­dern durch gleich­ge­schlecht­li­che Paa­re frei­ge­macht wur­de (El Espec­ta­dor v. 5.11.2015: “Cor­te Con­sti­tu­cio­nal da vía libre a la adop­ción por par­te de pare­jas del mis­mo sexo”).. Das Gericht stell­te klar, dass “die sexu­el­le Ori­en­tie­rung einer Per­son oder eines Paa­res kein Indi­ka­tor ist für die sitt­li­che, kör­per­li­che oder geis­ti­ge Eig­nung zur Adop­ti­on von Kin­dern”. Mehr als sechs Mona­te hat­te das Ver­fas­sungs­ge­richt sich mit einer der schwie­rigs­ten und auch umstrit­tens­ten Fra­gen in sei­ner Geschich­te befasst. Nach­dem es in Kolum­bi­en bereits seit 2007 ein­ge­tra­ge­ne Lebens­part­ner­schaf­ten gibt, ist nun­mehr ein wei­te­rer Schritt zur Gleich­stel­lung homo­se­xu­el­ler Paa­re erfolgt.

Aber noch lan­ge nicht ist die Sache über’n Berg. Geg­ner des Adop­ti­ons­rechts haben sich hin­ter einer seit Janu­ar d.J. lau­fen­den und  von der Sena­to­rin der libe­ra­len Par­tei Vivia­ne Mora­les initi­ier­ten Kam­pa­gne ver­sam­melt, die das Adop­ti­ons­recht über ein Refe­ren­dum wie­der kip­pen möch­te. Inner­halb und außer­halb ihrer eige­nen Par­tei hat Mora­les für ihren reak­tio­nä­ren Kreuz­zug eini­ges an Kri­tik ein­ste­cken müs­sen (El Espec­ta­dor v. 18.2.2015:  “Libe­ra­les en con­tra y con­ser­va­do­res a favor del refe­ren­do de Vivia­ne Mora­les”, und “Res­pu­es­ta a la sena­do­ra Vivia­ne Mora­les”, Las 2 Oril­las), dafür aber Unter­stüt­zung aus der kon­ser­va­ti­ven Par­tei und dem Cen­tro Demo­cráti­co, das vom ehe­ma­li­gen Prä­si­den­ten Uri­be geführt wird, erhal­ten und aus Krei­sen kon­ser­va­ti­ver Katho­li­ken (El Espec­ta­dor v. 5.11.2015: “Igle­si­as cris­tia­nas se sum­an a refe­ren­do de Vivia­ne Mora­les con­tra adop­ción igua­li­ta­ria”).

Regierung stellt Luftangriffe ein, plant aber Einschränkung der Grundrechte

Am ver­gan­ge­nen Wochen­en­de hat die kolum­bia­ni­sche Regie­rung die Ein­stel­lung der Luft­an­grif­fe auf FARC-Stel­lun­gen ver­fügt. Damit löst sie ein in der gemein­sa­men Erklä­rung vom 12. Juli gege­be­nes Ver­spre­chen ein, die offen­si­ven mili­tä­ri­schen Aktio­nen gegen die FARC ein­zu­schrän­ken. Men­schen­rechts­ver­tre­ter begrü­ßen die­se Ent­schei­dung machen aber dar­auf auf­merk­sam, dass der vor zwei Wochen von einer Pro­jekt­grup­pe des Ver­tei­di­gungs­mi­nis­te­ri­ums, der Sicher­heits­be­hör­den und der Natio­nal­po­li­zei vor­ge­leg­te Ent­wurf zur Erneue­rung des Poli­zei­ge­set­zes im Wider­spruch zu den Zie­len des Frie­dens­pro­zes­ses steht. Der Ent­wurf regelt ver­schie­de­ne Punk­te hin­sicht­lich der Pri­vat­sphä­re von Indi­vi­du­en im Kon­text der neu­en Medi­en und sozia­len Netz­wer­ke bis hin zu Regeln für den öffent­li­chen Nah­ver­kehr. So soll bei­spiels­wei­se die prä­ven­ti­ve Ver­haf­tung von Per­so­nen, die durch “agres­si­ves oder leicht­sin­ni­ges Ver­hal­ten” auf sich auf­merk­sam machen, mög­lich sein. Auch soll es der Poli­zei zukünf­tig erlaubt sein, Haus­durch­su­chun­gen nach eige­nem Ermes­sen ohne Durch­su­chungs­be­fehl durch­zu­füh­ren. Die Oppo­si­ti­on kri­ti­siert die­se Befug­nis­se, da sie leicht dazu miss­braucht wer­den kön­nen, ein­zel­ne Grund­rech­te aus­zu­he­beln. Gera­de in einem Land, in dem immer wie­der über­ma­ßi­ge Poli­zei­ge­walt kri­ti­siert wird, sei ein sol­cher Vor­stoß pro­ble­ma­tisch (El Espec­ta­dor v. 17. Juni 2015: “Códi­go de Poli­cía limi­ta el derecho a la pro­tes­ta de ciu­dada­nos”).

Krankes Gesundheitssystem

Wer mal einen Ein­blick in das kolum­bia­ni­sche Gesund­heits­sys­tem gewon­nen hat, möch­te hier lie­ber nicht krank wer­den. Wenigs­tens nicht, wenn er arm ist oder auf dem Lan­de weit ent­fernt von gro­ßen Städ­ten lebt. Dabei hat es in den letz­ten Jah­ren eine durch­aus posi­ti­ve Ent­wick­lung des Gesund­heits­sys­tem gege­ben. Her­vor­ra­gen­de Ärz­te gibt es hier schon seit Lan­gem, die medi­zi­ni­sche Aus­bil­dung ist auf einem hohen Niveau und hat auch inter­na­tio­nal einen sehr guten Ruf. Und mitt­ler­wei­le hat sich auch die medi­zi­ni­sche Ver­sor­gung der Gesell­schaft durch­aus posi­tiv ent­wi­ckelt. Alle kolum­bia­ni­schen Arbeit­neh­mer sind auto­ma­tisch im Kran­ken­ver­si­che­rungs­sys­tem pflicht­ver­si­chert. Die Orga­ni­sa­ti­on des über Bei­trä­ge von Arbeit­neh­mern und Arbeit­ge­bern sowie durch Steu­ern finan­zier­te Gesund­heits­sys­tem hat der Staat an pri­va­te Gesund­heits­kas­sen (Ent­i­dad Pro­mo­to­ra de Salud, EPS) dele­giert. An die­se Gesund­heits­kas­sen zahlt der Staat je nach Risi­ko­pro­fil fes­te Sät­ze. Die EPS wie­der­um schlie­ßen Ver­trä­ge ab mit Gesund­heits­dienst­leis­tern (Insti­tu­cio­nes Pre­sta­do­ras de Ser­vici­os, IPS) wie Kran­ken­häu­sern und ambu­lan­ten Kli­ni­ken, die zum Teil pri­vat und zum Teil öffent­lich sind. Der Leis­tungs­ka­ta­log deckt grund­le­gen­de medi­zi­ni­sche Kon­sul­ta­tio­nen, Unter­su­chun­gen aller Art, Behand­lun­gen, Ope­ra­tio­nen und Medi­ka­men­te ab. Außer­or­dent­li­che Leis­tun­gen müs­sen extra bezahlt wer­den. Und seit eini­gen Jah­ren wird auch die nicht sozi­al­ver­si­cher­te Bevöl­ke­rung schritt­wei­se in die­ses Sys­tem ein­ge­schlos­sen, zunächst mit beson­de­ren (redu­zier­ten) Leis­tun­gen, was aber 2012 als nicht ver­fas­sungs­kon­form kor­ri­giert wer­den muss­te. Also alles gut? Im Prin­zip ja, wenn es da nicht ein paar Klei­nig­kei­ten gäbe, die nicht nur beim Besu­cher aus Deutsch­land das blan­ke Ent­set­zen her­vor­ru­fen.

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Ich habe ges­tern hier in Car­ta­ge­na fast den gan­zen Tag in einem Kran­ken­haus ver­bracht und fühl­te mich unwill­kür­lich an Kaf­kas Erzäh­lun­gen erin­nert. Ger­mán, der Kran­ken­pfle­ger mei­nes Schwie­ger­va­ters war am frü­hen Mor­gen gestürzt und wir muss­ten einen Rip­pen­bruch befürch­ten. Ich fah­re ihn also mit dem Auto in die Ambu­lanz des Hos­pi­tals im Zen­trum von Car­ta­ge­na. Dies ist ein ziem­lich moder­nes und durch­aus renom­mier­tes Kran­ken­haus. Die Kran­ken­ver­si­che­rungs­kar­te haben wir dabei, wir erwar­ten kei­ne Pro­ble­me. Außer­ge­wöhn­li­che medi­zi­ni­sche Leis­tun­gen, die ähn­lich wie in Deutsch­land einem kom­pli­zier­ten und oft lang­wie­ri­gen Geneh­mi­gungs­pro­zess unter­wor­fen wären, sind auch nicht zu erwar­ten. Eine Rönt­gen­un­ter­su­chung soll­te Auf­schluss über die Art der Ver­let­zung geben und eine schnel­le Behand­lung und Lin­de­rung der Schmer­zen ermög­li­chen. Nun gibt es aller­dings in Kolum­bi­en die Regel, dass alle, also auch die ein­fachs­ten medi­zi­ni­schen Dienst­leis­tun­gen im vor­aus (!) von den EPS auto­ri­siert wer­den müs­sen. Für Arbeits­un­fäl­le — und um einen sol­chen han­del­te es sich — sind spe­zi­el­le EPS zustän­dig, ähn­lich wie in Deutsch­land die Berufs­ge­nos­sen­schaf­ten. Wäh­rend wir es aller­dings gewohnt sind, die Leis­tun­gen zunächst über unse­re Kran­ken­kas­se abzu­rech­nen, die dann an die zustän­di­ge Berufs­ge­nos­sen­schaft her­an­tritt, muss hier die zustän­di­ge beruf­li­che EPS im vor­aus ein­ge­schal­tet wer­den. Und damit beginnt nun unse­re Irr­fahrt durch den Dschun­gel der Büro­kra­tie des kolum­bia­ni­schen Gesund­heits­sys­tems.

Aus irgend­ei­nem Grun­de, den bis­lang nie­mand so rich­tig ver­stan­den hat (der aber mög­li­cher­wei­se etwas mit dem zu tun hat, was im letz­ten Absat­zes die­ses Berichts steht), war bei der zustän­di­gen Berufs­kran­ken­kas­se die Zah­lung des letz­ten Monats­bei­tra­ges nicht ver­bucht wor­den. Die zustän­di­ge EPS leht die Über­nah­me der Behand­lung zu unse­rer Über­ra­schung ab. Eine tele­fo­ni­sche Rück­fra­ge beim Arbeit­ge­ber in Bogo­tá ergibt, dass der Bei­trag sehr wohl gezahlt wor­den war. Also erneu­te Kom­mu­ni­ka­ti­on. Ohne Erfolg. Die per­sön­li­che Kran­ken­ver­si­che­rung will nicht ein­sprin­gen, das es sich ja um einen Arbeits­un­fall han­del­te. Das Hin und Her der tele­fo­ni­schen Kom­mu­ni­ka­ti­on dau­ert eini­ge Stun­den, wäh­rend­des­sen die Schmer­zen des Pati­en­ten immer stär­ker wer­den. Wäh­rend der War­te­zeit beob­ach­te ich meh­re­re Kran­ken­trans­por­te, die Ver­letz­te in die Ambu­lanz brin­gen. Einer, der unschwer als Bewoh­ner eines Armen­vier­tels zu iden­ti­fi­zie­ren ist, wim­mert und schreit vor Schmer­zen: “Ayu­den­me, ayu­den­me. Por que no me ayu­dan”. Aber die Büro­kra­tie ist uner­bitt­lich. Ich fra­ge mich, hat er über­haupt eine Ver­si­che­rung? Was pas­siert mit ihm, wenn nicht? Es wird mir hier immer unge­müt­li­cher. Die Zeit ver­geht und in unse­rer Sache klärt sich nichts. Was sol­len wir machen? Letzt­lich bleibt uns nichts ande­res übrig, als dass wir uns bereit­er­klä­ren, die Behand­lung selbst zu zah­len. Mei­ne Kre­dit­kar­te habe ich dum­mer­wei­se nicht dabei, aber das vor­han­de­ne Bar­geld soll­te rei­chen. Es reicht nicht. Die Rönt­gen­un­ter­su­chung ist zu teu­er. Es gibt also nur eine vor­läu­fi­ge Dia­gno­se ohne Rönt­gen­bild und es wird ein Über­wei­sungs­schein für eine ambu­lan­te Rönt­gen­un­ter­su­chung aus­ge­stellt, die man — aus­ge­stat­tet mit aus­rei­chen­der Kne­te — dann irgend­wo spä­ter machen las­sen kann.

Aber wir wol­len Klar­heit. Also fah­ren wir mit dem Auto quer durch Car­ta­ge­na zurück in das Apart­mento mei­nes Schwie­ger­va­ters, holen Geld und keh­ren wie­der ins Kran­ken­haus zurück. Der Ver­letz­te aus dem Armen­vier­tel liegt noch immer auf der Bah­re im Flur des Kran­ken­hau­ses. Aber er ist jetzt ruhig. Offen­sicht­lich hat jemand sich allen büro­kra­ti­schen Hin­der­nis­sen zum Trotz erbarmt und ihm zumin­dest eine sedie­ren­de Sprit­ze gege­ben. Aber ich fra­ge mich immer wie­der: was wird mit ihm pas­sie­ren? Was unse­ren eige­nen Fall betrifft, so gehen wir davon aus, dass es mit dem am Vor­mit­tag aus­ge­stell­ten Über­wei­sungschein schnell und unbü­ro­kra­tisch gehen wird. Den­ken wir. Aber falsch gedacht! Die Ambu­lanz, bei der wir uns am frü­hen Vor­mit­tag ange­mel­det hat­ten, hat­te den Fall abge­schlos­sen. Wir soll­ten uns bei der Rönt­gen­ab­tei­lung mel­den und dort die gan­ze Anmel­de­pro­ze­dur erneut durch­füh­ren. Unser lei­ser Pro­test bleibt uner­hört. War­um wir denn nicht direkt die Rönt­gen­un­ter­su­chung haben durch­füh­ren lasen? Unse­re Erklä­rung stößt auf Ver­ständ­nis und die Kolum­bia­ner sind hilfs­be­rei­te Men­schen. Also führ­te uns eine Ange­stell­te quer durch das gan­ze Haus in die Rönt­gen­ab­tei­lung. Dort besieht sich ein Arzt lan­ge und gründ­lich die vor­ge­leg­ten Doku­men­te. War­um wir denn nicht gleich .… Nun gut, man will uns hel­fen. Wenn wir selbst zah­len, soll­te es doch mög­lich sein. Aber zah­len müss­ten wir an der Rezep­ti­on. Er kön­ne uns aller­dings nicht sagen, wie viel. Wir gehen also zurück zur Rezep­ti­on der Ambu­lanz. Der Ver­letz­te aus dem Armen­vier­tel liegt immer noch da. Nach lan­ger Suche im Ver­wal­tungs­com­pu­ter fin­det man einen Preis. Zah­len müss­ten wir aller­dings in dem Ver­wal­tungs­be­reich, der für die Rönt­gen­ab­tei­lung zustän­dig ist. Kein Pro­blem, eine net­te Ange­stell­te lotst uns wie­der durch das gan­ze Haus zu der zustän­di­gen Rezep­ti­on. Dort besieht sich ein Ange­stell­ter lan­ge und gründ­lich die Doku­men­te. War­um wir denn nicht gleich .… Ah, ja, ok. Aber der uns genann­ten Preis, kön­ne nicht stim­men. Er wol­le mal ‘rüber­ge­hen und mit den Kol­le­gen spre­chen. Ja, klar, wir war­ten hier. Wir war­ten län­ger als ich erwar­tet habe. Aber dann kommt er. Der zu zah­len Preis sei lei­der etwas höher, als man uns zuerst gesagt hat­te. So, aha, na gut, egal, wenn es doch jetzt end­lich los­gin­ge. Wir zah­len und es kann los­ge­hen. Ich war­te zunächst im “Sala de Espe­ra”, wo es mir dann aber zu lang­wei­lig wird. Ich ver­tre­te mir dann ein wenig die Bei­ne auf der direkt an der Küs­te lie­gen­den Stra­ße vor dem Hos­pi­tal, wo ich den Son­nen­un­ter­gang in der Bucht von Car­ta­ge­na betrach­te. Die War­te­zeit kommt mir end­los vor. Dann end­lich kommt Ger­mán. Ich bin neu­gie­rig und fra­ge ihn, wie es aus­sieht. Sei­ne Ant­wort ver­schlägt mir die Spra­che. Die Rönt­gen­auf­nah­me sei zwar gemacht wor­den, aber der Arzt, der sie inter­pre­tie­ren könn­te, war schon nicht mehr anwe­send. Ja, ich erin­ne­re mich, wir befin­den uns in der “Sema­na San­ta”, wo die, die es sich leis­ten kön­nen, in das ver­län­ger­te Wochen­en­de auf­bre­chen. Die nächs­te Mög­lich­keit sei am Mon­tag nächs­ter Woche. Ich bin wütend aber mir bleibt nichts ande­res übrig, als zurück­zu­fah­ren.

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Es ist nicht zu leug­nen, dass das kolum­bia­ni­sche Gesund­heits­sys­tem in den letz­ten Jahr­zehn­ten eine posi­ti­ve Ent­wick­lung durch­ge­macht hat, aber ers­tens ist es chro­nisch unter­fi­nan­ziert, und zwei­tens ist jedes Sys­tem, bei dem öffent­li­che Gel­der im Spiel sind, der Ver­su­chung gegen­sei­ti­ger Vor­teil­nah­me bestimm­ter ein­fluss­rei­cher Akteu­re aus­ge­setzt. Staat­li­che Aus­trock­nung und Kor­rup­ti­on sind die Haupt­kri­tik­punk­te, die hier in der Öffent­lich­keit immer wie­der hevor­ge­bracht wer­den. Wei­ter­hin wird die zu gro­ße Anzahl an inef­fi­zi­ent arbei­ten­den Gesund­heits­kas­sen kri­ti­siert. Eini­ge EPS sind schon gar nicht mehr in der Lage, die Leis­tun­gen der Kran­ken­häu­ser zu zah­len, haben ihnen gegen­über mitt­ler­wei­le hohe Schul­den. Das wie­der­um führt zu per­ma­nen­ten Liqui­di­täts­pro­ble­me bei den Kran­ken­häu­sern, die zum Teil ihre Mit­ar­bei­ter über einen Zeit­raum von drei Mona­ten (!) kein Gehalt zah­len kön­nen. Da mitt­ler­wei­le auch Medi­ka­men­te durch die Kran­ken­kas­sen­leis­tun­gen abge­deckt wer­den, haben die Phar­ma­un­ter­neh­men die Prei­se für Medi­ka­men­te in den letz­ten Jah­ren stark erhöht (zum Teil um das Fünf­fa­che (!), was die Situa­ti­on der EPS nur noch ver­schlim­mert. Bereits 2010 hat­te die Regie­rung (damals noch unter Uri­be) den “sozia­len Not­stand des Gesund­heits­sys­tem” aus­ge­ru­fen. Die Ant­wort, die sie geben woll­te, war typisch für eine Poli­tik, die in neo­li­be­ra­len Denk­mus­tern befan­gen ist: Spa­ren und Pri­va­ti­sie­ren. Die Fol­gen waren vor­her­seh­bar: Eine immer tie­fe­re Spal­tung des sowie­so schon exis­tie­ren­den Zwei-Klas­sen Gesund­heits­sys­tems. Der öffent­li­che Pro­test war ent­spre­chend. Seit Beginn der Prä­si­dent­schaft von San­tos im Jah­re 2010 haben sich die Gewich­te etwas ver­scho­ben. Ver­spro­chen wur­de eine grund­le­gen­de Reform des von der Bevöl­ke­rung als “car­ru­sel de la muer­te” bezeich­ne­ten Sys­tems. Zunächst geschah jedoch erst­mals nichts. Erst im Febru­ar 2015 wur­de ein Gesetz ver­ab­schie­det, das grund­le­gen­de Eck­pfei­ler für eine Reform fest­legt (Ley Esta­tu­ta­ria de salud). Gesund­heit wird als ein “fun­da­men­ta­les Men­schen­recht” aner­kannt” und ein “gerech­ter Zugang aller Kolum­bia­ner zum Gesund­heits­sys­tem” ver­spro­chen. Mit den admi­nis­tra­ti­ven Hür­den, wie sie bei­spiel­haft oben beschrie­ben wur­den, soll Schluss gemacht wer­den, v.a. mit der Auto­ri­sie­rungs­pra­xis in Not­fäl­len. Den Ärz­ten soll auf­grund ihrer Qua­li­fi­ka­ti­on und Erfah­rung mehr Ent­schei­dungs­au­to­no­mie ein­ge­räumt wer­den und nie­man­dem darf in Not­fäl­len die ärzt­li­che Behand­lung ver­wei­gert wer­den. Die Prei­se für Medi­ka­men­te sol­len in Zukunft einer staat­li­chen Regu­la­ti­on unter­wor­fen wer­den (El Espec­ta­dor: 10 cosas que debe saber sob­re la Ley Esta­tu­ta­ria de Salud, 17.2.2015). Das hört sich gut an. Aber wie in vie­len ande­ren Berei­chen, in denen Kolum­bi­en bei­spiel­haf­te Geset­ze hat, wird sich die Wahr­heit in der Umset­zung zei­gen. Man darf gespannt sein.

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Cuba — que linda es Cuba .…”

Dass in einem “kolum­bia­ni­schen Tage­buch” ein Arti­kel über Kuba erscheint, ist sicher­lich erklä­rungs­be­dürf­tig. Und ganz beson­ders, wenn die­ser Bei­trag bereits fast fünf Jah­re alt ist. Der Grund liegt dar­in, dass mit Kuba ein latein­ame­ri­ka­ni­sches Land vor über 50 Jah­ren einen voll­kom­men ande­ren Weg ein­ge­schla­gen hat als Kolum­bi­en. Vie­le der Pro­ble­me waren in den 60er Jah­ren des vori­gen Jahr­hun­derts ver­gleich­bar, wes­halb jemand, der die kolum­bia­ni­sche Ent­wick­lung seit nun­mehr über 30 Jah­ren beob­ach­tet, der Ver­su­chung kaum wider­ste­hen kann, den Blick immer mal wie­der “nach drü­ben” zu rich­ten. Aber es war nicht das pri­mä­re Motiv für die­sen Text, einen Ver­gleich zu zie­hen, son­dern vor allem einen sehr per­sön­li­chen Erfah­rungs­be­richt über eine Rei­se durch Kuba zu ver­fas­sen, die uns zunächst an die “Escue­la Inter­na­cio­nal de Cine y Tele­vi­si­on” (EICTV) in San Anto­nio de los Baños führ­te, wo sich zu die­ser Zeit unser Sohn, Simon Pae­tau, als Aus­tausch­stu­dent der Köl­ner “Kunst­hoch­schu­le für Medi­en” (KHM) auf­hielt. Vie­les der hier vor­lie­gen­den Aus­füh­run­gen hat sicher­lich sei­ne aktu­el­le Gül­tig­keit ein­ge­büßt. Aber unver­än­dert ist der Ver­such Kubas, einen gesell­schafts­struk­tu­rel­len Wan­del durch­zu­füh­ren, ohne sei­ne sozia­lis­ti­sche Iden­ti­tät auf­ge­ben zu müs­sen. Hier­für gibt es kei­ne Blau­pau­se. Das gegen­wär­ti­ge Kuba ist ein rie­si­ges Expe­ri­men­tier­feld. Vie­les stellt sich nach ers­ten Erfah­run­gen als unge­eig­net her­aus, wird geän­dert, neue Ide­en wer­den ver­sucht umzu­set­zen und müs­sen manch­mal erneut revi­diert wer­den. Das kann nur gelin­gen, wenn man den in der kom­mu­nis­ti­schen Theo­rie lan­ge Zeit ver­wur­zel­ten Wahr­heits­an­spruch der Par­tei über­win­det und die Poli­tik öff­net für eine Beob­ach­tung zwei­ter Ord­nung, die bereit ist, plu­ra­le Sicht­wei­sen als Reso­nanz­bo­den für gesell­schaft­li­che Ent­wick­lun­gen anzu­se­hen. Ohne sie kann eine zukunfts­ori­en­tier­te Poli­tik nicht aus­kom­men. Und eine sol­che Plu­ra­li­tät der Sicht­wei­sen kann nur dann in einen frucht­ba­ren poli­ti­schen Wett­streit füh­ren, wenn die Basis für die­se Dif­fe­ren­zen trans­pa­rent für jeden ist, der sie ver­ste­hen will. Die Aus­füh­run­gen auf den fol­gen­den Sei­ten beru­hen aus­schließ­lich auf per­sön­li­chen Beob­ach­tun­gen und erhe­ben kei­ner­lei Anspruch auf all­ge­mei­ne Gül­tig­keit. In Gesprä­chen mit Kubarei­sen­den wird man immer wie­der mit dem Phä­no­men kon­fron­tiert, dass die Welt von der erzählt wird, eine Welt ist, die der Beob­ach­ter durch die Art wie er beob­ach­tet, erzeugt. Durch die Unter­schei­dungs­merk­ma­le, die er für rele­vant hält und die er beim Beob­ach­ten benutzt, durch sei­ne Wert­vor­stel­lun­gen und sei­ne grund­le­gen­den welt­an­schau­li­chen Vor­ein­stel­lun­gen. Kubarei­sen­de, denen sozia­lis­ti­sches Gedan­ken­gut fremd ist oder das sie ableh­nungs­wür­dig fin­den, erhal­ten zwei­fel­los auf Schritt und Tritt irgend­wel­che Bestä­ti­gun­gen für die­se ihre Ein­stel­lung. Rei­sen­de, die dies­be­züg­lich eine eher posi­ti­ve Grund­hal­tung mit­brin­gen und gar dem schwie­ri­gen Ver­such der kuba­ni­schen Revo­lu­ti­on, die für latein­ame­ri­ka­ni­sche Gesell­schaf­ten cha­rak­te­ris­ti­sche sozia­le Ungleich­heit zu über­win­den, Sym­pa­thi­en ent­ge­gen­brin­gen, wer­den emo­tio­nal durch­ge­schüt­telt zwi­schen bewun­dern­der Aner­ken­nung einer­seits und irri­tie­ren­den Ent­täu­schun­gen ande­rer­seits.

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“Cuba — que linda es Cuba…” Ein sehr persönlicher Reisebericht aus einem um sein Überleben kämpfendes Land

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