Schlagwort-Archive: Friedensprozess

Die Frage der Gewalt

Wer nach Kolum­bi­en reist oder dort wohnt muss damit leben, stän­dig einem Wech­sel­bad der Gefüh­le aus­ge­setzt zu sein. Wäh­rend uns einer­seits die atem­be­rau­ben­de Schön­heit des Lan­des und die Lie­bens­wür­dig­keit sei­ner Bewoh­ner, die Viel­falt der Natur, der Eth­ni­en und der Kul­tu­ren fas­zi­niert, wer­den wir gleich­zei­tig Zeu­gen von Men­schen­rechts­ver­let­zun­gen und sozia­ler Gewalt, die nicht nur die Besu­cher aus Euro­pa oft in tie­fer Bestür­zung zurück las­sen. Seit fast einem hal­ben Jahr­hun­dert berei­se ich die­ses Land, und seit eini­gen Jah­ren leben Con­stan­za und ich zeit­wei­se in Bogo­tá. Ohne jeden Zwei­fel habe ich die­ses Land lie­ben gelernt. Aber die­se eigen­tüm­li­che Wider­sprüch­lich­keit zwi­schen Lie­be und Gewalt gibt mir bis heu­te Rät­sel auf. Und das, obwohl die Lite­ra­tur über die Gewalt in Kolum­bi­en mitt­ler­wei­le gan­ze Biblio­the­ken fül­len könn­te. Her­vor­zu­he­ben sind vor allem zwei Arbei­ten: zum einen die von G. Guz­man; O. Falls Bor­da & E. Umaña Luna “La Vio­len­cia en Colom­bia” (1962), die sich mit der Pha­se des Bür­ger­krie­ges in den 50er Jah­ren beschäf­tigt und die mitt­ler­wei­le als Klas­si­ker der kolum­bia­ni­schen Sozio­lo­gie gilt. Bei der ande­ren Arbeit han­delt es sich um die 1987 von der “Comi­sión de Estu­di­os la Vio­len­cia” her­aus­ge­brach­te Stu­die “Colom­bia: Vio­len­cia y Demo­cra­cia”. Sie eröff­ne­te eine wah­re Flut von sozio­lo­gi­schen Arbei­ten über die Gewalt in Kolum­bi­en, so dass in der kolum­bia­ni­schen Sozio­lo­gie schon von einer “Vio­len­to­lo­gia” gespro­chen wird.

Der Jus­tiz­pa­last in Bogo­tá: Ein Sym­bol für die gewalt­vol­le Ver­gan­gen­heit

Wer sich auch nur ansatz­wei­se mit die­ser Fül­le von Lite­ra­tur beschäf­tigt, droht in Kom­ple­xi­tät unter­zu­ge­hen. Die Schwie­rig­keit beginnt bereits mit der Beschrei­bung von Tätern und Opfern. Der gegen­wär­ti­ge Dis­kurs des “Poscon­flic­to” — oder prä­zi­ser: des “Posa­cue­do” — behan­delt vor­ran­gig die Rebel­li­on der FARC. Aber die Situa­ti­on ist viel kom­pli­zier­ter, weil eine Rei­he ande­rer Akteu­re in den Gewalt­pro­zess invol­viert sind: Dro­gen-Kar­tel­le, ande­re Gue­ril­la-Grup­pen, wie die ELN, eine gan­ze Rei­he von rechts­ex­tre­mis­ti­schen para­mi­li­tä­ri­schen Grup­pen, und selbst­ver­ständ­lich eine Rei­he von Akteu­ren, die nicht sicht­bar sind, die nicht direkt an den bewaff­ne­ten Aus­ein­an­der­set­zun­gen betei­ligt sind, die aber eine gewis­se Ver­ant­wor­tung tra­gen für das was gesche­hen ist und immer noch geschieht. Und auch auf der Sei­te der Opfer und Betroff­nen steht man vor einer schier unend­lich erschei­nen­den Kom­ple­xi­tät: denn immer geht es ja um spe­zi­fi­sche Bezie­hun­gen zwi­schen den Tätern und den Opfern. War­um und in wes­sen Inter­es­se wur­den gera­de bestimm­te Per­so­nen als Opfer aus­ge­wählt? Wel­che Vor­ge­schich­te ist zu berück­sich­ti­gen? Wel­che Regio­nen sind in beson­de­rer Wei­se betrof­fen und wel­che nicht? Wel­che Stra­te­gi­en wer­den von den ver­schie­de­nen Akteu­ren ver­folgt und wel­che Rol­le spie­len die­se für die poli­ti­schen Ver­su­che einer Befrie­dung?

Und nicht zu ver­ges­sen ist die Fra­ge nach den gesell­schaft­li­chen Kon­se­quen­zen, die der Kon­flikt hat­te und noch immer hat. Wel­chen Ein­fluss hat die Bereit­schaft, Gewalt ein­zu­set­zen, um poli­ti­schen Ein­fluss zu neh­men  auf die öffent­li­che Mei­nung, auf die Frei­heit der Pres­se und des Rechts- und Jus­tiz­sys­tems, auf die Ver­samm­lungs­frei­heit, auf die freie gewerk­schaft­li­che Betä­ti­gung in den Betrie­ben, auf die Ent­ste­hung und die Ent­fal­tungs­mög­lich­kei­ten sozia­ler Pro­test­be­we­gun­gen. In wel­cher Wei­se hat der Kon­flikt die Sta­bi­li­tät der Zivil­ge­sell­schaft beein­träch­tigt sowie die von Umwelt, Wirt­schaft, Poli­tik., aber auch auf die Fra­ge der Anwen­dung intra­fa­mi­liä­rer Gewalt und Gen­der­ge­walt. Erst das Zusam­men­wir­ken all die­ser Fak­to­ren kann die Basis sein für die Ver­su­che, so etwas wie eine “Land­kar­te des Kon­flik­tes” zu zeich­nen. Mit die­ser “Land­kar­te” lässt sich dann der nächs­te Schritt voll­zie­hen,  die ver­schie­de­ne Bestand­tei­le des Frie­dens­ab­kom­mens dar­auf zu bezie­hen.

Die Ein­stel­lung der kon­ser­va­ti­ven Eli­te zum Frie­dens­pro­zess, deren erbit­ter­ter Wider­stand und das Desas­ter des Ple­bis­zits vom 2. Okto­ber 2016 gibt der Fra­ge nach der Rol­le von Gewalt im Spiel der poli­ti­schen Kräf­te eine neue Bri­sanz. Denn könn­te es sein, dass sich die­se Kräf­te bei den anste­hen­den Wah­len im Jahr 2018 durch­set­zen kön­nen? Was wird dann gesche­hen? Wie kann es über­haupt sein, dass ein Land, dass so lan­ge unter einem erbit­ter­ten Bür­ger­krieg gelit­ten hat, sich zu 50% dafür aus­spricht, den Krieg wei­ter­zu­füh­ren? Wie kann der Hass so groß sein, dass die Mehr­heit der Bevöl­ke­rung nicht bereit ist, end­lich einen Schluss­strich zu zie­hen? Wie kann in einem katho­li­sche Land das Bedürf­nis nach Ver­gel­tung grö­ßer sein als nach Ver­ge­bung? Wie kann die Angst vor gesell­schaft­li­cher Ver­än­de­rung so groß sein, dass bestimm­te Krei­se kei­ne Skru­pel haben, Gewalt als pro­ba­tes Mit­tel anzu­se­hen, dies zu ver­hin­dern anstatt sie in einem gesell­schaft­li­chen Dia­log gemein­sam zu gestal­ten? Ein in Bonn leben­der Kolum­bia­ner hat ein­mal sein Hei­mat­land im Schmerz über die dor­ti­gen Ereig­nis­se als “Locom­bia” bezeich­net. Und in der Tat trifft die­se Bezeich­nung ganz gut die ers­te spon­ta­ne Reak­ti­on vie­ler Kolum­bia­ner auf das, was gegen­wär­tig dort geschieht: ver­rückt. So ähn­lich hat­te es auch schon Anto­nio Nari­ño, der ers­te Prä­si­dent des 1810 tem­po­rär von den Spa­ni­ern befrei­ten Gebie­tes auf dem Ter­ri­to­ri­um des dama­li­gen “Vize­kö­nig­rei­ches Neu­gra­na­da” aus­ge­drückt, als er ange­sichts der Zer­strit­ten­heit der repu­bli­ka­ni­schen Kräf­te, die sich unge­ach­tet der vor­rü­cken­den spa­ni­schen Trup­pen sogar einen Bür­ger­krieg zwi­schen Zen­tra­lis­ten und Föde­rals­ten leis­te­ten, vom “Patria Boba” (när­ri­sches Vater­land) gespro­chen hat. Wil­liam Ospi­na, eine bekann­ter kolum­bia­ni­scher Schrift­stel­ler, beklagt in sei­ner Kolum­ne in “El Espec­ta­dor” zwei Wochen nach dem desas­trö­sen Ergeb­nis des Refe­ren­dums 2016: “Nun­ca se había vis­to una situación más incom­pren­si­ble: la guer­ril­la quie­re dejar de hacer la guer­ra, y los due­ños del país no se ponen de acuer­do para acep­tar­lo.“

Für den euro­päi­schen Beob­ach­ter ist das alles nur sehr schwer zu ver­ste­hen. Man muss tief in die His­to­rie und die Sozio­lo­gie des Lan­des ein­tau­chen, um einen Zugang zu die­ser Fra­ge zu gewin­nen. Und dies ist in der Tat auch der Ansatz, den die meis­ten sozio­lo­gi­schen Stu­di­en für ihren Erklä­rungs­ver­such wäh­len (vgl. F.E. Gon­zá­les Gon­zá­les: Poder y Vio­len­cia en Colom­bia. Bogo­tá 2014: CINEP). Und dabei wird immer wie­der eine Fra­ge gestellt: Könn­te es nicht sein, dass die kolum­bia­ni­sche Gesell­schaft durch ihre gewalt­vol­le Geschich­te eine Art “Kul­tur der Gewalt” her­aus­ge­bil­det hat, in der die Anwen­dung von Gewalt zur Durch­set­zung von Macht eine unhin­ter­frag­ba­re Opti­on dar­stellt? Könn­te es sein, dass sich die gewalt­vol­len Ereig­nis­se der Ver­gan­gen­heit so stark in das kul­tu­rel­le his­to­ri­sche Gedächt­nis der Gesell­schaft ein­ge­brannt haben, dass dies Aus­wir­kun­gen auf die Art und Wei­se hat, Kon­flik­te und Inter­es­sens­wi­der­sprü­che aus­zu­tra­gen?  (vgl. E. Ser­ra­no: ¿Por que fra­ca­sa Colom­bia? Deli­ri­os de una Nación que se des­co­no­ce a sí mis­ma. Bogo­tá 2016: Edi­to­ri­al Pla­ne­ta; oder auch: M. Koessl: Gewalt und Habi­tus. Para­mi­li­ta­ris­mus in Kolum­bi­en. Münster:Lit-Verlag)  Der­fran­zö­si­sche Sozio­lo­ge Pierre Bour­dieu hat hier­für den Begriff des “Habi­tus” ver­wen­det, auf den ich spä­ter (in einem mei­ner nächs­ten Bei­trä­ge) noch ein­mal detail­lier­ter zurück­kom­men wer­de.

An die­ser Fra­ge ent­zün­den sich immer wie­der äußerst kon­tro­ver­se Debat­ten. Sicher­lich lässt sich nicht leug­nen, dass in 70 Jah­ren bewaff­ne­ter Aus­ein­an­der­set­zun­gen in gewis­ser Wei­se eine Gewöh­nung an die­sen per­ma­nen­ten Zustand von Gewalt statt­ge­fun­den hat, so dass für vie­le Kolum­bia­ner der Gedan­ke,  ohne die­sen Zustand zu leben, kei­ne so gro­ße Bedeu­tung  besitzt. Aber — das muss jedoch hin­zu­ge­fügt wer­den — trifft dies mit Sicher­heit nicht auf die­je­ni­gen Men­schen zu, die in den umkämpf­ten Gebie­ten unmit­tel­bar betrof­fen sind. Für sie — und das erfährt man immer wie­der in Gesprä­chen auf dem Lan­de oder mit Ver­trie­be­nen in den Städ­ten, kann der Krieg kein Zustand sein, an den man sich in irgend­ei­ner Wei­se gewöh­nen könn­te. Denn immer­hin han­delt es sich um einen Zustand per­ma­nen­ter Lebens­be­dro­hung. Die Bewoh­ner der gro­ßen Städ­ten, die den Krieg vor allem über die Medi­en erfah­ren haben (und zum Teil durch Ein­schrän­kung ihrer Rei­se­frei­heit), mögen dies jedoch anders sehen. Es ist schwer zu ver­ste­hen, wie indif­fe­rent man­che Kolum­bia­ner die­ser so wich­ti­gen Zukunfts­fra­ge ihres Lan­des gegen­über­ste­hen. Es ist ein merk­wür­di­ger Defä­tis­mus, der einem da ent­ge­gen­ge­bracht wird, ohne den Glau­ben an die Mög­lich­keit, die Zukunft des Lan­des gestal­ten zu kön­nen. Und oft fehlt sogar der Wil­le dazu.

Ich tref­fe immer wie­der auf Leu­te, für die es aus­ge­macht ist,  dass der Frie­dens­pro­zess nicht klap­pen wird. War­um? Weil es schon immer so gewe­sen wäre und weil kein Ver­lass sei auf die Poli­ti­ker und der FARC sowie­so nicht trau­en sei. Und über­haupt wür­de die Kor­rup­ti­on im Lan­de schon alle Ansät­ze für eine Ver­än­de­rung von vorn­her­ein zunich­tema­chen. Die­se resi­gna­ti­ve Hal­tung wird aber noch über­trof­fen von einer expli­zi­ten ver­schwö­rungs­theo­re­tisch begrün­de­ten Ableh­nung, nach der die San­tos-Regie­rung das Land auf einen kom­mu­nis­ti­schen Weg füh­ren will, unter­stützt von einem kom­mu­nis­tisch unter­wan­ter­ten Kon­gress, beglei­tet von Juris­ten, die in ihrer Aus­bil­dung durch lin­ke Hoch­schul­leh­rer indok­tri­niert wur­den. Die­ses Bild wird von den ultra­rech­ten Kräf­ten um Exprä­si­dent Uri­be gezeich­net und man ist erstaunt, wie oft es einem ent­ge­gen­ge­hal­ten wird von Per­so­nen, die man eigent­lich als durch­aus nüch­tern den­kend gekannt hat­te. Die Wochen­zeit­schrift Sema­na berich­tet, dass angeb­lich die Hälf­te aller Kolum­bia­ner glau­ben, dass das Land sich in Gefahr befin­det, ein “neu­es Vene­zue­la” zu wer­den. Vor einem Jahr hat­te Uri­be das “Gespenst des Cas­tro­cha­vis­mus” an die Wand gemalt und damit — wie bereits berich­tet — das Ple­bis­zit vom 2. Okto­ber nicht uner­heb­lich beein­flus­sen kön­nen.

Die unter­schied­li­che Betrof­fen­heit mag das gro­ße Land-Stadt-Gefäl­le bei der Fra­ge der Zustim­mung zum Frie­dens­b­kom­men erklä­ren. Aber die­se Beschrei­bung beant­wor­tet noch nicht die gestell­te Fra­ge. In einem mei­ner nächs­ten Bei­trä­ge wer­de ich ver­su­chen, die­se Fra­ge zu ver­tie­fen.

Friedensnobelpreis und die Zivilgesellschaft

Man kann zu Juan Manu­el San­tos eine kri­tisch distan­zier­te Hal­tung ein­neh­men, aber die heu­te in Oslo bekannt gege­be­ne Ver­lei­hung des Frie­dens­no­bel­prei­ses an ihn ist zwei­fel­los eine sehr gute Nach­richt. Denn die­ser Preis ist auch eine Aus­zeich­nung für all die­je­ni­gen, die trotz erbit­ter­ter Wider­stän­de im Lan­de in den letz­ten Jah­ren immer wie­der für den Frie­dens­pro­zess ein­ge­tre­ten sind. Er ist also auch eine Aus­zeich­nung für die kolum­bia­ni­sche Zivil­ge­sell­schaft, die durch Akti­vi­tä­ten von indi­ge­nen Grup­pen, afro-kolum­bia­ni­schen Gemein­schaf­ten, Men­schen­rechts­be­we­gung, LGTB-Bewe­gung, Umwelt­schüt­zer, Gewerk­schaf­ten u.a.m. geprägt ist. San­tos hat den Mut gehabt, die­sen Weg als Ange­hö­ri­ger der tra­di­tio­nel­len poli­ti­schen Klas­se zu gehen und dar­an sein poli­ti­sches Schick­sal zu knüp­fen. Und er wuß­te sehr wohl, dass er die­ses Schick­sal auch in die Hän­de derer gelegt hat, die sich unter der Regen­bo­gen­fah­ne zusam­men­ge­fun­den haben. Er hat sich dazu auch bekannt und ganz schön Prü­gel ein­ste­cken müs­sen von sei­ner eige­nen sozia­len und poli­ti­schen Klas­se, der soge­nann­ten “Eli­te” des Lan­des. Die Aus­zeich­nung mit dem Nobel­preis ist jetzt, nach dem “Nein” beim Ple­bis­zit am 2. Okto­ber dop­pelt wich­tig. Denn er gibt all denen Mut, die sich mit der knap­pen Ent­schei­dung am Sonn­tag, nicht zufrie­den geben wol­len, die sich nicht mit dem Gedan­ken abfin­den kön­nen, einen Krieg fort­zu­set­zen, den offen­sicht­lich nur noch die­je­ni­gen gut fin­den, die weit weg von sei­nen bru­ta­len Wir­kun­gen leben. Denn eins hat sich in den letz­ten Tagen seit Sonn­tag deut­lich gezeigt: Mit dem “Nein” ist der Kampf für Frie­den in Kolum­bi­en nicht zu Ende.

Neben den spon­ta­nen Mani­fes­ta­tio­nen in Bogo­tá und ande­ren Städ­ten am Wahl­abend, von denen ich bereits berich­tet hat­te, haben in den letz­ten Tagen nicht nur wei­te­re Demons­tra­tio­nen statt­ge­fun­den. Unter dem Mot­to “La lucha por la paz sigue” haben sich meh­re­re zivil­ge­sell­schaft­li­che Grup­pen zur Situa­ti­on geäu­ßert. Zeit­gleich mit dem ers­ten Tref­fen der Prot­ago­nis­ten der bei­den poli­ti­schen Lager zu einem Gespräch im Pala­cio Nari­ño, dem kolum­bia­ni­schen Prä­si­den­ten­pa­last in Bogo­tá, am 5. Okto­ber, zeig­te sich die kolum­bia­ni­sche Zivil­ge­sell­schaft kämp­fe­risch. “Movi­li­za­ción soci­al es la via para exi­gir la paz” hör­te man auf dem “Con­gre­so de los pue­b­los”, auf dem sich Reprä­sen­tan­ten der indi­ge­nen Gemein­schaf­ten, der afro-kolum­bia­ni­schen Gemein­schaf­ten, der Land­ar­bei­ter und ande­rer Grup­pen getrof­fen haben. Hier wur­de eine Reso­lu­ti­on ver­ab­schie­det, in der die sozia­le Mobi­lie­rung als Weg zur Umset­zung des Frie­dens erklärt wur­de. (El Espec­ta­dor v. 5. Okto­ber 2016)

In glei­cher Wei­se hat­te sich der “Pro­ce­so de Comu­n­i­dades Negras PCN”, eines der Ver­bän­de, die für die afro-kolum­bia­ni­sche Bevöl­ke­rung Kolum­bi­ens spre­chen, bereits am Diens­tag zu Wort gemel­det. In einem Auf­ruf, der sich sowohl an die inter­na­tio­na­le Gemein­schaft rich­tet als auch an die FARC und die Regie­rung wen­det, beto­nen sie das Recht der Kolum­bia­ner in einem sta­bi­len Frie­den zu leben und erhe­ben die For­de­rung, wei­ter zu ver­han­deln und an der Rea­li­sie­rung des Frie­dens zu arbei­ten. In einem Kom­mu­ni­qué heben sie her­vor, dass sie, die wäh­rend der krie­ge­ri­schen Aus­ein­an­der­set­zun­gen sehr vie­le Opfer gebracht haben, ihren Bei­trag zur Ver­söh­nung leis­ten wol­len und dies auch schon bei den Anhö­run­gen der Opfer wäh­rend der Ver­hand­lun­gen in Havan­na zum Aus­druck gebracht haben. Sie sind aber nicht bereit, sich von der Mehr­heit der Bevöl­ke­rung, die in siche­ren Gebie­ten lebt, vor­schrei­ben zu las­sen, wei­ter­hin die Schmer­zen erdul­den zu müs­sen, die sie in den ver­gan­ge­nen Jah­ren erlit­ten haben. Comu­ni­ca­do al Gobi­er­no, las FARC-EP, La Socie­dad Colom­bia­na en su Con­jun­to).

Wie die FARC reagie­ren wer­den, weiß man nicht genau. Auch sie wol­len, wie sie erklärt haben, wei­ter am Frie­dens­pro­zess fest­hal­ten. Aber sie ste­hen vor dem Pro­blem, dass ihre Ver­bän­de eigent­lich schon seit meh­re­ren Tagen in die für die Ent­waff­nung vor­ge­se­he­nen Zonen ein­rü­cken soll­ten. Unter den gege­be­nen Umstän­den haben die FARC nun aller­dings erklärt, ihre Trup­pen auf siche­re Posi­tio­nen zurück­zu­zie­hen. Die gegen­wär­ti­ge Situa­ti­on stel­le für ihre Kämp­fer eine zu gro­ße Gefähr­dung dar. Die Gue­ril­la steht unter einem gewis­sen Zeit­druck. Der mit der Regie­rung ver­ein­bar­te Waf­fen­still­stand war ja zeit­lich befris­tet und läuft offi­zi­ell Ende des Mona­tes aus. Zwar hat­ten die FARC Ende August ein­sei­tig einen “end­gül­ti­gen Waf­fen­still­stand” ver­kün­det, aber was geschieht, wenn sie von der kolum­bia­ni­schen Armee ange­grif­fen wer­den? Die FARC-Ein­hei­ten war­ten auf den Befehl, ent­we­der die Waf­fen abzu­ge­ben oder wei­ter­zu­kämp­fen.

Viel­leicht ist es nicht über­trie­ben davon zu spre­chen, dass nun eine neue Pha­se im Rin­gen um Frie­den in Kolum­bi­en begon­nen hat. Es geht nicht mehr um die Unter­süt­zung des­sen, was die poli­ti­schen Reprä­sen­tan­ten in Havan­na aus­ge­han­delt haben, son­dern nun mel­det sich die Zivil­ge­sell­schaft stär­ker als zuvor mit eige­nen For­de­run­gen zu Wort. Sie will das “Nein” nicht akzep­tie­ren. Ins­be­son­de­re die vom Krieg beson­ders Betrof­fe­nen kön­nen nicht ein­se­hen, dass die­je­ni­gen, die von den Aus­ein­an­der­set­zun­gen wenig mit­be­kom­men, in einer solch dras­ti­schen Wei­se über ihr wei­te­res Schick­sal bestim­men sol­len.

Nach dem Referendum: Was nun, Kolumbien?

Der Schock sitzt tief. Die Mehr­heit der Kolum­bia­ner haben sich gegen den zwi­schen der Regie­rung und der FARC-Gue­ril­la in Havan­na aus­ge­han­del­ten Frie­dens­ver­trag aus­ge­spro­chen. Mit einer hauch­dün­nen Mehr­heit von ca. fünf­zig­tau­send Stim­men fiel die Ent­schei­dung. Bei einer Wahl­be­tei­li­gung, die man nicht anders als ent­täu­schend bezeich­nen kann. Zwar sind 37% für kolum­bia­ni­sche Ver­hält­nis­se gar nicht so schlecht, bei einer der­art wich­ti­gen Ent­schei­dung aber zu wenig.

Und bei der Wahl­be­tei­li­gung wird in eini­gen Medi­en denn auch mit Erklä­rungs­ver­su­chen für das Desas­ter ange­setzt. Vie­le poten­zi­el­le Befür­wor­ter waren sich — so wird ver­mu­tet — der von den Mei­nungs­for­schungs­in­sti­tu­ten pro­gnos­ti­zier­ten Zustim­mungs­mehr­heit zu sicher und sind dann aus wel­chen Grün­den auch immer zuhau­se geblie­ben, weil sie annah­men, auf ihre eine Stim­me käme es wohl nicht an. Wenn das so war, ein fata­ler Irr­tum. Nun gab es aber auch Kolum­bia­ner, für die der Gang zur Wahl­ur­ne tat­säch­lich mit eini­gen Schwie­rig­kei­ten ver­bun­den war. Das betrifft vor allem die Regio­nen der Kari­bik­küs­te. Hef­ti­ge, durch den Hur­ri­kan “Mat­thew” ver­ur­sach­te Regen­fäl­le, lie­ßen vie­le Kolum­bia­ner zunächst abwar­ten, ob sich die Wet­ter­ver­hält­nis­se bes­sern wür­den. Drei der an der Karib­küs­te gele­ge­nen Depar­ta­ment­os hat­ten des­halb dar­um gebe­ten, den für 16 Uhr vor­ge­se­he­nen Zeit­punkt der Schlie­ßung der Wahl­lo­ka­le um eini­ge Stun­den zu ver­schie­ben, was aber von der Wahl­kom­mis­si­on abge­lehnt wur­de. Und so geschah es, dass vie­le Kolum­bia­ner, die sich dann, nach­dem die Aus­sicht auf eine Bes­se­rung der Wet­ter­ver­hält­nis­se nicht mehr rea­lis­tisch erschien, ver­spä­tet auf den Weg mach­ten, tat­säch­lich vor ver­schlos­se­nen Türen stan­den.

Eini­ge poli­ti­sche Kom­men­ta­to­ren sehen auch in dem popu­lis­ti­schen Wahl­kampf der “Nein”-Verfechter, der mehr an anti­kom­mu­nis­ti­sche Refle­xe als an die zu ent­schei­den­den inhalt­li­chen Fra­gen aus­ge­rich­tet war, einen Grund für das Ergeb­nis. In der Tat hat­ten Uri­bes Anhän­ger alles was kon­ser­va­tiv den­ken­den Men­schen zuwi­der ist, mit der Fra­ge des Frie­dens­ab­kom­mens ver­mengt. So wur­den die Gesprä­che von vorn­her­ein, bevor über­haupt die ers­ten “Pre-Acuer­dos” vor­la­gen — als Bedro­hung der gege­be­nen Ord­nung ange­pran­gert. Der durch sei­ne tra­di­tio­na­lis­ti­sche und erz­ka­tho­li­sche Hal­tung bekann­te Ale­jan­dro Ordóñez, den man­che für einen poten­ti­el­len Prä­si­dent­schafs­kan­di­da­ten der Kon­ser­va­ti­ven hal­ten, mach­te gar durch die Aus­sa­ge von sich reden, dass die Ver­ein­ba­run­gen von Havan­na auch ein Angriff auf die “hei­li­ge Insti­tu­ti­on der Ehe” dar­stel­len. Ordóñez ist nun nicht irgend­je­mand, son­dern ehe­ma­li­ger Pro­cu­ra­dor Gene­ral de la Nación, eine Insti­tu­ti­on, die so weit mir bekannt ist, eine Beson­der­heit des kolum­bia­ni­schen poli­ti­schen Sys­tems dar­stellt und die man sich als eine Art “Ober­auf­sicht” über die Recht- und Ord­nungs­mä­ßig­keit der poli­ti­schen Pro­zes­se im Staat vor­stel­len muss. Die­ser Mann, der schon in der Ver­gan­gen­heit durch mar­ki­ge und pro­vo­kan­te Äuße­run­gen auf­ge­fal­len ist, freut sich nun, dass “die Gott­gläu­bi­gen” gewon­nen haben und for­der­te den sofor­ti­gen Rück­zug aller an den bis­he­ri­gen Ver­hand­lun­gen in Havan­na betei­lig­ten Per­so­nen (Vgl. zu Ordóñez: “Colom­bia Infor­ma” v. 7.9.2016).

Allein die Tat­sa­che, dass San­tos in Havan­na dem Vor­sit­zen­den der FARC die Hand gege­ben hat, macht ihn für die­se Leu­te bereits zu einem Sym­pa­tis­an­ten von Kom­mu­nis­ten. Sie wer­fen ihm vor, das Land in einen sozia­lis­ti­schen Trans­for­ma­ti­ons­pro­zess a la Vene­zue­la zu füh­ren. Die in Havan­na ver­ein­bar­te Par­ti­zi­pa­ti­on der FARC am poli­ti­schen Leben des Lan­des ist für sie ein Indiz, dass er das Land den Kom­mu­nis­ten aus­lie­fe­re. Dabei sehen die Ver­ein­ba­run­gen ledig­lich vor, dass der noch zu grün­den­den lin­ken poli­ti­schen Orga­ni­sa­ti­on für zwei Legis­la­tur­pe­ri­oden bis 2026 fünf Man­da­te in bei­den Häu­sern des Kon­gres­ses zuge­stan­den wird. D.h. fünf Sit­ze in der “Cama­ra de Rep­re­sen­tan­tes”  und fünf wei­te­re im “Sena­do”. Nach 2026 wird ihre par­la­men­ta­ri­sche Reprä­sen­ta­ti­on ganz nor­mal wie bei allen ande­ren Par­tei­en vom Ergeb­nis der Wah­len abhän­gen. Eine Rege­lung, die auch in Deutsch­land nach der Wie­der­ver­ei­ni­gung für die dama­li­ge PDS ange­wandt wur­de. Aber der Auf­schrei der kolum­bia­ni­schen Kon­ser­va­ti­ven zeigt, wie ver­ängs­tigt die rechts­ori­en­tiert poli­ti­sche Eli­te des Lan­des sein muss. Sie scheint sich ihrer poli­ti­schen Hege­mo­nie nicht mehr so sicher zu sein.

So zeigt sich denn in der Aus­ein­an­der­set­zung um den Frie­dens­pro­zess mehr als nur die Ein­stel­lung für oder gegen Krieg. Man könn­te fast von einer Aggre­ga­ti­on der viel­fäl­ti­gen poli­ti­schen Kräf­te in zwei gro­ße Lager spre­chen, in denen sich zwei fun­da­men­ta­le Posi­tio­nen iden­ti­fi­zie­ren las­sen: Auf der einen Sei­te die­je­ni­gen, die sich ein welt­of­fe­nes, sozi­al gerech­te­res und moder­nes Kolum­bi­en wün­chen, und auf der ande­ren die­je­ni­gen, die jed­we­de Ver­än­de­rung als Schritt in den Unter­gang der gott­ge­be­nen Ord­nung des Vater­lan­des, also letzt­lich als Angriff auf ihre Pri­vi­le­gi­en, betrach­ten. Also eigent­lich dann doch wie­der die alte Dif­fe­renz zwi­schen Links und Rechts? Doch so ein­fach ist es nicht.

Dass die Ent­schei­dung äußerst knapp aus­ge­fal­len ist, konn­te für auf­merk­sa­me Beob­ach­ter kei­ne Über­ra­schung sein. Das hat­te sich schon lan­ge vor­her ange­deu­tet. Bereits bei der letz­ten Prä­si­dent­schafts­wahl, die bereits ganz im Zei­chen der Aus­ein­an­der­set­zun­gen um die Frie­dens­ver­hand­lun­gen geführt wor­den war, hat­te sich deut­lich gezeigt, wie tief das Land gespal­ten ist. Und auch in den Dis­kus­sio­nen der letz­ten zwei Jah­re war die Pola­ri­sie­rung nicht zu über­se­hen. Der Riss zwi­schen Befür­wor­tern und Geg­nern der Frie­dens­ver­hand­lun­gen in Havan­na ging quer durch alle Klas­sen und auch durch alle Fami­li­en. Die Fami­lie des Prä­si­den­ten ist hier­für selbst ein Bei­spiel. Denn Fran­cis­co San­tos, ein Cou­sin des Prä­si­den­ten Juan Manu­el San­tos, unter­stützt das Lager der Frie­dens­geg­ner, deren popu­lärs­te Figur der frü­he­re Prä­si­dent Alva­ro Uri­be ist. Ähn­li­ches erle­be ich bei den Fami­li­en von Freun­den und Bekann­ten. Und das wird auch bestä­tigt in vie­len Gesprä­chen mit Taxi­fah­rern, denen man ja eine seis­mo­gra­phi­sche Funk­ti­on für die Stim­mung in der Bevöl­ke­rung nach­sagt. In den Umfra­gen der Mei­nungs­for­schungs­in­sti­tu­ten vor dem Wahl­gang gab es immer wie­der Schwan­kun­gen, aber zuletzt lag das Lager der Befür­wor­ter vorn und ich ken­ne eigent­lich nie­man­den, der nicht von einer Zustim­mung der Bevöl­ke­rung aus­ge­gan­gen ist. Nun, wir haben uns alle geirrt. Wie­der ein­mal, muss man sagen, ange­sichts der BREX­IT-Ent­schei­dung im Juni die­ses Jah­res.

Eine deut­li­che Spra­che spricht auch ein genau­er Blick auf die ver­schie­de­nen Depar­ta­ment­os. Die­je­ni­gen Depar­ta­ment­os, die am meis­ten unter dem Krieg gelit­ten haben, haben mehr­heit­lich für den Frie­den gestimmt.  Die­je­ni­gen, die von den Kriegs­ge­sche­hen am wenigs­ten betroif­fen waren, haben eher für “nein” gestimmt. Ein nicht ganz unbe­kann­tes Mus­ter.

Man konn­te befürch­ten, dass San­tos, der sein poli­ti­sches Schick­sal voll­stän­dig an den Frie­dens­pro­zess gebun­den hat­te, nach der Nie­der­la­ge zurück­tre­ten wür­de. So war denn am Abend des Wahl­ta­ges, als tau­sen­de Frie­dens­be­für­wor­ter — “que­re­mos la paz, que­re­mos la paz” skan­die­rend — spon­tan vor den Prä­si­den­ten­pa­last zogen und ihm ihre wei­te­re Unter­stüt­zung zusi­cher­ten, eine sehr span­nungs­ge­la­de­ne Stim­mung zu spü­ren. Aber San­tos trat nicht zurück. Im Gegen­teil, ange­sichts der star­ken Pola­ri­sie­rung im Lan­de, beton­te er sei­ne Ver­ant­wor­tung als Garant für die Ein­heit und Sta­bi­li­tät im Lan­de. Er bekann­te sei­ne Nie­der­la­ge, bekräf­tig­te jedoch, wei­ter an sei­nem Ziel, den Frie­den zu schaf­fen, zu arbei­ten. Sei­ne Geg­ner for­der­te er auf, kon­struk­ti­ve Vor­schlä­ge zu machen, wie man nun aus der ver­fah­re­nen Situa­ti­on her­aus­kommt, denn auch ihnen kon­ze­dier­te er, letzt­lich den Frie­den zu wol­len, wenn­gleich mit ande­ren Vor­stel­lun­gen. Nur “nein” zu sagen, kön­ne nicht rei­chen. Sei­ner noch am sel­ben Abend aus­ge­spro­che­ne Ein­la­dung für ein ers­tes Gespräch am Mon­tag, wur­de aller­dings von der Uri­be-Frak­ti­on aus­ge­schla­gen. Man muss abwar­ten.

Die ande­re Fra­ge ist: wie wird die FARC reagie­ren? Auch Rod­ri­go Lon­do­ño (aka: Timo­chen­ko), der FARC-Chef, trat noch am Abend vor die Kame­ras und äußer­te sich zurück­hal­tend und aus­ge­spro­chen ver­ant­wor­tungs­voll. Auch er sieht kei­ne ande­re Zukunft des Lan­des, als in der Eta­blie­rung des Frie­dens und ver­si­cher­te, dass die FARC an die­sem Ziel fest­hal­ten wer­de. Die Kalasch­ni­kow bleibt also zunächst im Schrank. Angst kann einem dage­gen die grau­en­vol­le Het­ze machen, die die Rechts­ra­di­ka­len auf Twit­ter ges­tern los­ge­tre­ten haben. Ein erschre­cken­des Kriegs­ge­brüll mit viel­fäl­ti­gen Mord­dro­hun­gen an in- und aus­län­di­schen lin­ken Poli­ti­kern. So schnell wird Kolum­bi­en wohl nicht zur Ruhe kom­men.

Uribistas und Paramilitarismus verhindern den Friedensschluss

Die Hoff­nung, die Frie­dens­ver­hand­lun­gen in Havan­na mit der Unter­zeich­nung des Ver­tra­ges am 23. März 2016 abzu­schlie­ßen haben sich lei­der vor­erst zer­schla­gen. Wor­an genau es geschei­tert ist, ist unklar, aber durch­ge­si­ckert ist, dass es die Hal­tung zu den rechts­ge­rich­te­ten para­mi­li­tä­ri­schen Ver­bän­den war, über die man sich nicht eini­gen konn­te. Das, was ich in eini­gen der vor­her­ge­hen­den Arti­kel beschrie­ben hat­te, näm­lich dass die Para­mi­li­tärs begon­nen haben, sich in Posi­ti­on zu brin­gen, um das durch den Rück­zug der FARC ent­ste­hen­de Macht­va­ku­um in bestimm­ten Regio­nen aus­zu­fül­len, ist selbst­ver­ständ­lich auch den Ver­hand­lungs­de­le­ga­tio­nen in Hava­na nicht ver­bor­gen geblie­ben. Die­se Ent­wick­lung steht in kras­sem Wider­spruch zu den Zie­len des Frie­dens­pro­zes­ses und bedroht die Hoff­nung aller Betei­lig­ten, v.a. vie­ler zivil­ge­sell­schaft­li­cher Grup­pen. Denn sie sind es vor allem, die unter den Para­mi­li­tärs lei­den. Schon die Ver­gan­gen­heit hat­te gezeigt, dass die Para­mi­li­tärs die offe­ne Aus­ein­an­der­set­zung mit den FARC eher scheu­ten, und statt­des­sen mehr “wei­che” Zie­le ange­grif­fen haben, denen sie Unter­stüt­zung der Gue­ril­la vor­war­fen. Dies waren Gewerk­schaf­ter, Men­schen­rechts­ak­ti­vis­ten, Stu­den­ten, Rep­re­sen­tan­ten von indi­ge­nen Gemein­schaf­ten, kri­ti­sche Jour­na­lis­ten, Rechts­an­wäl­te, NGOs, und sozia­le Orga­ni­sa­tio­nen, die fast immer unbe­waff­net und wehr­los waren (vgl. Man­fre­do Koes­sel: Gewalt und Habi­tus, Müns­ter 2014, S. 56). Ein Vor­ge­schmack, was der kolum­bia­ni­schen Gesell­schaft blü­hen könn­te, war der soge­nann­te “Paro Arm­a­do” (bewaff­ne­ter Streik) am 29. März 2016. An die­sem Tag patroul­lier­ten in ins­ge­samt 50 kolum­bia­ni­schen Gemein­den schwer bewaff­ne­te Män­ner in neu­en Uni­for­men auf den Stra­ßen und zwan­gen die Bevöl­ke­rung, alle Akti­vi­tä­ten ein­zu­stel­len, die Geschäf­te und Schu­len zu schlie­ßen. Der Ver­kehr kam völ­lig zum Erlie­gen. 6 Poli­zis­ten wur­den umge­bracht, 24 Per­so­nen ver­letzt, Autos wur­den ver­brannt und die Bevöl­ke­rung auf­ge­ru­fen, sich einem von den Uri­bi­s­tas initi­ier­ten Pros­test­marsch am 1. April gegen den Frie­den­pro­zess anzu­schlie­ßen. Die­ser Auf­ruf wur­de angeb­lich von 100.000 Per­so­nen gefolgt. Man mag die­se Zahl ein­schät­zen wie man will, es bleibt das Fak­tum eines tief gespal­te­nen Lan­des. Mit dem Pro­test­marsch ver­such­ten die Bel­li­zis­ten um Alva­ro Uri­be auch Druck auf das Ver­fas­sungs­ge­richt aus­zu­üben, das in Kür­ze dar­über ent­schei­den will, ob das von der Regie­rung San­tos ange­streb­te Refe­ren­dum zur Zustim­mung der in Havan­na aus­ge­han­del­ten Ver­ein­ba­run­gen, ver­fas­sungs­kon­form ist oder nicht.

So wird das nix! Aufflammende paramilitärische Gewalt
könnte alles in Frage stellen

Wie kann ein dau­er­haf­ter Frie­den in Kolum­bi­en aus­se­hen, wenn zwar die Regie­rung mit der FARC in Havan­na seit Jah­ren ver­han­delt, gleich­zeiitg aber den ter­ro­ris­ti­schen Aktio­nen rechts­ge­rich­ter Para­mi­li­tärs nichts ent­ge­gen­setzt wird? Die­se Fra­ge muss man sich heu­te, nach einer Serie äußerst besorg­nis­er­re­gen­der Vor­fäl­le, durch die allein im Novem­ber 2015 meh­re­re bekann­te Men­schen­rechts­ver­tre­ter  nicht  nur bedroht son­dern lei­der auch Opfer para­mi­liä­ri­scher Ter­ror­ak­te gewor­den sind, stel­len. Am 9. Okto­ber wur­de JOHN JAIRO RAMÍREZ OLAYA aus sei­nem Haus in Buen­aven­tu­ra, der Hafen­stadt an der kolum­bia­ni­schen Pazi­fik­küs­te (Depar­ta­men­ta Val­le de Cau­ca) von 10 Para­mi­li­tärs ent­führt und anschlie­ßend ermor­det. Weni­ge Tage spä­ter, am Nach­mit­tag des 13. Novem­ber wur­de der Umwelt- und Men­schen­rechts­ak­ti­vist DANIEL ABRIL, Mit­glied des zivi­len Kom­mit­tees der Ver­tei­di­gung der Men­schen­rech­te im Depar­ta­men­to de Meta (süd­öst­lich von Bogo­tá gele­gen) und Mit­glied der “Coor­di­nacin Colom­bia — Euro­pa — Esta­dos Uni­dos (CCEEU)” getö­tet. Dani­el Abril war vor allem bekannt gewor­den durch die Auf­de­ckung der rück­sichts­lo­sen Umwelt­schä­den, ins­be­son­de­re der Grund­was­ser­ver­seu­chung, die die mul­ti­na­tio­na­len Erd­öl­ge­sell­schaf­ten bei der För­de­rung der Erd­öl­res­sour­cen des Depar­ta­men­to Cas­a­na­re (eben­falls nahe der Haupt­stadt Bogo­tá) ver­ur­sacht hat­ten. Am glei­chen Tag, es war der Tag der Ter­ror­an­schlä­ge in Paris, wur­de auch LUIS FRANCISCO HERNÁNDEZ GONZÁLEZ in Tier­r­al­ta (Depar­ta­men­to de Cór­do­ba) erschos­sen. Er war einer der füh­ren­den Ver­tre­ter der afro­ko­lum­bia­ni­schen Gemein­den, die sich seit Jah­ren für die Rück­ga­be des Lan­des, von dem sie ver­trie­ben wor­den waren, ein­set­zen. Mit gro­ßer Besorg­nis wur­de auch der am Diens­tag, dem 17. Novem­ber glück­li­cher­wei­se von der “Guar­dia Indi­gi­na” ver­ei­tel­te Atten­tats­ver­such auf FELICIANO VALENCIA, einem der füh­ren­den Per­so­nen der indi­ge­nen Bewe­gung in Kolum­bi­en wahr­ge­nom­men. In einem dra­ma­ti­schen Appel wen­det sich die “Coor­di­nación Colom­bia-Euro­pa-Esta­dos Uni­dos (CCEEU)” an die Welt­öf­fent­lich­keit und drückt ihre Besorg­nis über die gegen­wär­ti­ge Situa­ti­on der Men­schen­rech­te in Kolum­bi­en aus (CCEEU): Bol­le­tin v. 17.11.2015 )

Ein — glück­li­cher­weie erfolg­lo­ser — Atten­tats­ver­such wur­de auch auf den bekann­ten Men­schen­rechts­ver­tre­ter  ADOLFO VERBEL ROCHA am 23. Novem­ber im Depar­ta­men­to Suc­re ver­übt (http://bit.ly/1Ixezzb). Und wie die kolum­bia­ni­sche Tages­zei­tung “El Espec­ta­dor”  am 22.11.2015  berich­tet, wur­de nun auch der Jour­na­list EDINSON BOLAÑOS bedroht, nach­dem er umfang­rei­che Recher­chen über ille­ga­len Gold­ab­bau in Cau­ca unter­nom­men und dar­über berich­tet hat­te. (El Espec­ta­dor v. 22.11.2015: “Magna­tes del oro ver­sus peque­ños min­e­r­os”: http://bit.ly/1ScUP9p).

Mit sehr gro­ßer Besorg­nis reagie­ren Men­schen­rechts­grup­pen in Kolum­bi­en auch auf den bekannt gewor­de­nen Vor­marsch der Para­mil­tärs in das bereits in den 90er Jah­ren zwi­schen Gue­ril­la und Para­mi­li­tärs stark umkämpf­te Gebiet am Golf von Ura­bá, einer Meer­enge der Kari­bik zwi­schen Kolum­bi­en und Pana­ma. Wie die öku­me­ni­sche Kom­mis­si­on “Comi­si­on Inte­regle­si­cal Jus­ti­cia y Paz” mit­teil­te, sind die rechts­ge­rich­te­ten Mili­zen in vier Grup­pen in die Jigu­a­mi­an­dó-Zone im nord­west­li­chen Ura­bá ein­ge­drun­gen ((Jus­ti­cia y Paz v. 3.11.2015) ). Dabei hät­ten sie Gebie­te unter Kon­trol­le der kolum­bia­ni­schen Mari­ne, der Land­streit­kräf­te und der Poli­zei pas­siert, ohne auf­ge­hal­ten wor­den zu sein. Sie sei­en für einen län­ge­ren Auf­ent­halt ein­ge­rich­tet, gut ver­sorgt und hät­ten — so Berich­te aus der Bevöl­ke­rung — die Unter­stüt­zung des Mili­tärs. In den 90er Jah­ren waren vie­le Bewoh­ner von ihrem Land ver­trie­ben wor­den, das sich dann Füh­rer para­mi­li­tä­ri­scher Ver­bän­de ange­eig­net hat­ten. Zum Teil ver­kauf­ten sie die­ses Land an Drit­te. Ein dies­be­züg­lich bekannt gewor­de­ner Fall ist der von JORGE PRETELT CHALJUB, Rich­ter beim kolum­bia­ni­schen Ver­fas­sungs­ge­richt, des­sen Ehe­frau ein sol­ches Anlie­gen erwor­ben hat­te. Ich hat­te die­sen Fall am 28. März 2015 unter der Über­schrift  “Insti­tu­tio­nel­ler GAUbeschrie­ben. In Ura­bá gibt es seit vie­len Jah­ren inten­si­ve Bemü­hun­gen um die Rück­ga­be des Lan­des an die ursprüng­li­chen Eigen­tü­mer. Inter­na­tio­nal bekannt wur­de die Gemein­de San José de Apart­a­dó, die sich jed­we­der auf­ge­zwun­ge­nen Koope­ra­ti­on mit Gue­ril­la oder Para­mil­tärs wider­setz­te und sich allen Repres­sa­li­en zum Trotz zur Frie­dens­ge­mein­de erklär­te (Vgl. auch den Doku­men­tar­film von Jor­ge Pavez “San Jose de Apart­a­do: sin armas en colom­bia — San Jose de Apart­a­do: Ohne Waf­fen in Kolum­bi­en [Kolumbien/Deutschland 2005]). Die Ein­woh­ner von San José de Apart­a­dó haben sich nun mit einem ein­dring­li­chen Hil­fe­ruf an den kolum­bia­ni­schen Staat gewandt, der nicht zulas­sen dür­fe, dass es erneut — wie in den Jah­ren 1996 und 1997 — zu Repres­sa­li­en, Ver­trei­bun­gen und Mas­sa­kern kommt  (Colom­bia­no v. 5.11.2015) ). Auch in das Gebiet der Caca­ri­ca-Frie­dens­ge­mein­de west­lich von Jigu­a­mi­an­dó, das sich größ­ten­teils in kol­lek­ti­ven Land­be­sitz indi­ge­ner Gemein­den befin­det, sind 120 Män­ner der para­mi­li­tä­ri­schen Grup­pe “Auto­de­fen­sas Gai­ta­nis­tas de Colom­bia“ (AGC) trotz der Anwe­sen­heit des Mili­tärs ein­ge­drun­gen. Mit 300 Ange­hö­ri­gen sind die AGC mitt­ler­wei­le auch in das Gebiet um die Bahía Sola­no im Chocó, süd­lich von Ura­bá, vor­ge­drun­gen. Auch von hier wer­den ein­dring­li­che Hil­fe­ru­fe gegen das Anwach­sen para­mi­li­tä­ri­scher Grup­pen aus­ge­sandt. Befürch­tet wird, dass hier para­mi­li­tä­ri­sche Struk­tu­ren für die Zeit nach den Ver­hand­lun­gen in Havan­na vor­be­rei­tet wer­den (Amerika21 v. 10.11.2015, vgl. auch Amerika21 v. 1.11.2015).

Ein ande­res Pro­blem droht für die Zeit nach dem Frie­dens­schluss von bestimm­ten Über­le­gun­gen, die von der FARC aus­ge­hen. Wie die Comi­sión Vida, Jus­ti­cia y Paz in Quib­do, Depar­ta­men­to Cho­co, mit­teil­te, gehen die im Cho­co ope­rie­ren­den FARC-Ein­hei­ten offe­nicht­lich davon aus, dass ihre Kämp­fer nach  der Demo­bi­li­sie­rung dort ange­sie­delt wer­den, wo sie sich gera­de befin­den, das heisst im Fal­le des Chocó, auf dem Ter­ri­to­ri­um der Afro­ge­mein­den und nicht etwa auf brach lie­gen­den Län­de­rei­en der Gross­grund­be­sit­zer. Die­se Vor­stel­lung hat die Befürch­tung in der Bevöl­ke­rung geweckt, dass die alten Pri­vi­le­gi­en der Ober­schicht auf Kos­ten der ärms­ten Bevöl­ke­rungs­schicht unan­ge­tas­tet blei­ben und sogar eine neue pri­vi­le­gier­te Grup­pe von Exgue­ril­le­ros ent­ste­hen könn­te.

Erster Bericht des deutschen Sonderbeauftragten liegt vor

Der im April von der deut­schen Bun­des­re­gie­rung ernann­te Son­der­be­auf­trag­te für den Frie­dens­pro­zess in Kolum­bi­en, Tom Koenigs, hat sei­nen ers­ten Bericht vor­ge­legt  (T. Koenigs: Bericht zum Frie­dens­pro­zess in Kolum­bi­en). Koenigs ist men­schen­rechts­po­li­ti­scher Spre­cher der Frak­ti­on Bünd­nis 90/Die Grü­nen im Deut­schen Bun­des­tag. In sei­nem Bericht skiz­ziert er in gro­ben Zügen die Ent­ste­hungs­ge­schich­te und den Ver­lauf der nun über 70-jäh­ri­gen Gewaltaus­ein­an­der­set­zung in Kolum­bi­en, geht auf die ver­än­der­ten geo­po­li­ti­schen Kon­stel­la­tio­nen ein und den Druck auf bei­de Sei­ten, sich einer rea­lis­ti­schen Sicht­wei­se zur Been­di­gung des Kon­flik­tes zu beugen.“Das offe­ne Ein­ge­ständ­nis, dass ein voll­stän­di­ger mili­tä­ri­scher Sieg über die Gue­ril­la nicht gelingt und das (impli­zi­te) Ein­ge­ständ­nis einer Mit­ver­ant­wor­tung für die zivi­len Opfer war für Kolum­bi­ens Prä­si­den­ten Juan San­tos nicht gra­tis. Er sieht sich einer Rechts­op­po­si­ti­on gegen­über, die von sei­nem Vor­gän­ger, Paten und frü­he­ren Dienst­her­ren Uri­be ange­führt wird und die einen gro­ßen Teil des land­be­sit­zen­den „Adels“, aber auch einen Teil von Pries­ter­schaft und Intel­lek­tu­el­len (z.B. Pli­nio Apu­leyo Men­do­za) umfasst. Auch wenn der Ton die­ser Oppo­si­ti­on scharf ist, sind die Anhän­ger bei­der Lager durch Fami­li­en- und Stan­des­in­ter­es­sen so eng mit­ein­an­der ver­floch­ten, dass nie ganz klar ist, wer wann und wie ent­schlos­sen auf wel­cher Sei­te steht.” (T. Koenigs: Bericht zum Frie­dens­pro­zess in Kolum­bi­en, S. 3).

Abge­se­hen von den bei­den Beauf­trag­ten der Signa­tar­staa­ten Nor­we­gen (Idun Aar­ak Tve­dt) und Kuba (Rodol­fo Bení­tez) ist Tom Koenigs neben dem US-Ame­ri­ka­ner Ber­nard Aron­son und dem EU-Son­der­ge­sand­ten Eam­on Gilmo­re der drit­te aus­län­di­sche Son­der­be­auf­trag­te für den Frie­dens­pro­zess. Die Tat­sa­che, dass die Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land, einen eige­nen Son­der­be­auf­trag­ten für den kolum­bia­ni­schen Frie­dens­pro­zess benann­te hat­te, war in Kolum­bi­en nicht über­all auf offe­nes Ver­ständ­nis gesto­ßen und hat­te Befürch­tun­gen einer Ein­mi­schung geweckt. Koenigs schreibt dazu: “Es hat zwei Mona­te und eines klä­ren­den Gesprächs und Essens zwi­schen den Außen­mi­nis­te­rIn­nen von Deutsch­land und Kolum­bi­en bedurft, um die ers­te Rei­se vor­zu­be­rei­ten. Jetzt sind die Beden­ken über­wun­den, die Nicht­ein­mi­schung in den Ver­hand­lungs­pro­zess auf der Insel ist garan­tiert und die Reser­ven wur­den auf­ge­ge­ben, wenn sie denn bestan­den haben. Dazu haben nicht nur die Gesprä­che des Beauf­trag­ten mit Regie­rungs­mit­glie­dern (Reyes, Hol­guín, Jara­mil­lo) son­dern auch die aus­führ­li­chen Inter­views im El Tiem­po vom 11.07.2015 und im El Espec­ta­dor vom 09.07.2015 bei­ge­tra­gen.” In sei­nem Bericht nennt König ins­ge­samt sie­ben “Ori­en­tie­rungs­punk­te” für Pro­jek­te des Frie­dens, sagt aber nichts dar­über, wie die­se Ori­en­tie­rungs­punk­te zustan­de gekom­men sind, ob und ggf. wel­che Bedeu­tung sie in den Gesprä­chen in Havan­na besit­zen und ob bzw. wie ggf. die kolum­bia­ni­schen Part­ner (bei­der Sei­ten) dar­auf reagiert haben. Ins­be­son­de­re sagt er nichts dar­über, in wel­chem Ver­hält­nis sie zu den in Havan­na bereits ver­han­del­ten Eck­punk­ten des “Tran­si­tio­nal-Jus­ti­ce-Pro­zes­ses” ste­hen, auf den sich die Ver­hand­lungs­de­le­ga­tio­nen geei­nigt haben. Auf “Tran­si­tio­nal Jus­ti­ce”, das Kon­zept und die in Havan­na dis­ku­tier­ten Eck­punk­te, wer­de ich in den nächs­ten Tagen etwas näher ein­ge­hen. Hier möch­te ich mich auf die Wie­der­ga­be der von Tom König vor­ge­leg­ten “Ori­en­tie­rungs­punk­te” beschrän­ken:

1. Die Opfer im Vor­der­grund

Zivil­ge­sell­schaft und Regie­rung wün­schen, dass die deut­sche Koope­ra­ti­on zur Ver­trau­ens­bil­dung, zum  Inter­es­sen­aus­gleich und zu kon­kre­ter Zusam­men­ar­beit zwi­schen Zivil­ge­sell­schaft und staat­li­chen Insti­tu­tio­nen  bei­trägt. Nicht nur aus huma­ni­tä­ren Grün­den son­dern auch um sich über die Wech­sel­bä­der poli­ti­scher  Ein­fluss­nah­men zu erhe­ben, lohnt es, bei den Opfern und ihren Orga­ni­sa­tio­nen anzu­set­zen, mit ihnen  zusam­men­zu­ar­bei­ten und auf sie zu hören. Frau­en, Kin­der, Hin­ter­blie­be­ne und Ange­hö­ri­ge von Ver­schwun­de­nen  sind die bes­ten Prot­ago­nis­ten von Wahr­heit, Gerech­tig­keit und Nicht­wie­der­ho­lung (ver­dad, jus­ti­cia y no  repeti­ción).

2. Drei Schwer­punkt­pro­vin­zen

Deut­sche Zusam­men­ar­beits­struk­tu­ren und Kon­takt­net­ze sind gut eta­bliert. An „Pedago­gia para la Paz“ schließt  sich als Auf­ga­be die Unter­stüt­zung bei der Umset­zung frie­dens­schaf­fen­der Maß­nah­men und der Gestal­tung  loka­ler Frie­dens­ord­nun­gen in den Regio­nen an. Die deut­sche Ent­wick­lungs­zu­sam­men­ar­beit hat zu Recht drei  Schwer­punkt­re­gio­nen (Nor­te de San­tan­der, Meta, Caque­tá) aus­ge­wählt, alles Pro­vin­zen, die vom Kon­flikt  gezeich­net sind und in denen FARC und ELN ope­rie­ren, wo also der Frie­den ent­schei­den­de Ver­än­de­run­gen brin­gen könn­te. An die­ser Fokus­sie­rung, die mit den Pla­nun­gen der Regie­rung zu den Schwer­punkt­re­gio­nen des
Post-Kon­flikts über­ein­stim­men, soll­te fest­ge­hal­ten wer­den.

3. Die Koor­di­nie­rung

Die Viel­zahl von Inter­es­sier­ten und Hilfs­be­rei­ten aus aller Welt und die will­kom­me­ne Bereit­schaft aller Ebe­nen der kolum­bia­ni­schen Gesell­schaft und des kolum­bia­ni­schen Staa­tes mit der Inter­na­tio­na­len Gemein­schaft zusam­men­zu­ar­bei­ten, führt zu einem engen, oft unüber­schau­ba­ren Netz von Akti­vi­tä­ten. Kein Dorf ohne NGO, kei­ne Hilfs­or­ga­ni­sa­ti­on ohne Prä­senz. Die Anwe­sen­heit inter­na­tio­na­ler Akteu­re in den Regio­nen ist für die Bevöl­ke­rung ein Ver­trau­ens- und Sicher­heits­fak­tor. Die nach­weis­li­che Betei­li­gung an Koor­di­nie­rungs­me­cha­nis­men  (vor allem der UN) soll­te bei den Pla­nun­gen zivil­ge­sell­schaft­li­cher Pro­jek­te zum Stan­dard wer­den. Kein durch deut­sche öffent­li­che Mit­tel unter­stütz­tes Pro­jekt soll­te sich die­ser Logik ent­zie­hen.

4. La Paz Ter­ri­to­ri­al – La Paz Ambi­en­tal

Der Krieg wur­de und wird in den ver­nach­läs­sig­ten Regio­nen und Pro­vin­zen geführt. Im soge­nann­ten Paz Ter­ri­to­ri­al müs­sen sich die Ergeb­nis­se der Frie­dens­ver­hand­lun­gen mate­ria­li­sie­ren. Loka­le Kon­flik­te blei­ben der Nähr­stoff des kolum­bia­ni­schen Bin­nen­kon­flikts. Dabei geht es i.d.R. um natür­li­che Res­sour­cen und ihre Nut­zung. Sie wer­den auch nach einer Frie­dens­ver­ein­ba­rung fort­be­stehen und kön­nen die Akzep­tanz des Frie­dens  schwä­chen. Die in Deutsch­land in den ver­gan­ge­nen Jahr­zehn­ten gemach­ten gesell­schaft­li­chen, poli­ti­schen und tech­ni­schen Erfah­run­gen einer stür­mi­schen öko­lo­gi­schen Ent­wick­lung und die Leh­ren aus durch­leb­ten und/oder  durch­lit­te­nen hef­ti­gen Kon­tro­ver­sen über Umwelt­pro­ble­me soll­ten in die Pro­jek­te in Kolum­bi­en ein­flie­ßen. Paz Ter­ri­to­ri­al muss auch Paz Ambi­en­tal sein. Auf­bau­end auf bestehen­den Leis­tun­gen soll­te die Ein­setz­bar­keit der GIZ in Kon­flikt­re­gio­nen gra­du­ell aus­ge­wei­tet wer­den. Frei­räu­me auf­grund ver­bes­ser­ter Sicher­heits­la­ge soll­ten nach Ver­hand­lungs­ab­schluss für die Aus­wei­tung des Ope­ra­ti­ons­ra­di­us fle­xi­bel genutzt wer­den.

5. Die Finan­zie­rung

Die Finan­zie­rung der Umset­zung der Frie­dens­ver­trä­ge wirft in Kolum­bi­en noch vie­le Fra­ge­zei­chen auf. Ein brei­ter Ein­satz von Instru­men­ten, wie z.B. von FZ-Pro­gramm­kre­di­ten soll­te fort­ge­führt wer­den. Dies wird dem Ent­wick­lungs­sta­tus Kolum­bi­ens gerecht, knüpft an die Grund­la­gen staat­li­cher Frie­dens­po­li­tik an, bin­det Deutsch­land in die Pla­nun­gen ein und schafft Kolum­bi­en gege­be­nen­falls Puf­fer für Finan­zie­rungs­be­din­gun­gen am Ende des Roh­stoff-Booms. Inter­na­tio­na­le Betei­li­gung an der Post-Kon­flikt-Ent­wick­lung kann jedoch — so die Regie­rung — selbst nur max. 5% des Bedarfs decken. In einer zukünf­ti­gen Finan­zie­rungs­ar­chi­tek­tur soll­ten bila­te­ra­le und mul­ti­la­te­ra­le Instru­men­te gemäß ihrer jewei­li­gen Vor­tei­le aus­ge­wo­gen genutzt wer­den. Eine Betei­li­gung am EU Trust-Fund ist wün­schens­wert, vor­aus­ge­setzt die EU berück­sich­tigt die Gestal­tungs­wün­sche
der Mit­glieds­staa­ten.

6. Der lan­ge Atem

Mit der Unter­schrift unter dem Frie­dens­ver­trag wird Kolum­bi­en für Demo­bi­li­sie­rung, Reinte­gra­ti­on, Sicher­heit und Moni­to­ring kurz­fris­tig um Unter­stüt­zung bit­ten. Der Frie­dens­pro­zess währt aber schon lan­ge und braucht noch einen lan­gen Atem. Vie­le Frie­dens­in­itia­ti­ven sind unter­wegs schon geschei­tert. Das inter­na­tio­na­le Enga­ge­ment in Kolum­bi­en bleibt nur glaub­wür­dig, wenn es sich auf die­sen lan­gen Weg mit sei­nen Höhen und Tie­fen beharr­lich ein­lässt und eili­gen Erwar­tun­gen in Kolum­bi­en und Deutsch­land prin­zi­pi­en­fest ent­ge­gen­tritt.

7. Die Ver­än­de­rung in den Köp­fen

Ent­schei­dend für die Ent­wick­lung von Demo­kra­tie und Frie­den und für die Schaf­fung einer Frie­dens­kul­tur, die die kom­men­de Gene­ra­ti­on bestimmt, ist die Ver­än­de­rung in den Köp­fen, an der gesell­schaft­li­chen Soft­ware. Des­halb soll­ten sich Pro­jek­te vor allem auf Erzie­hung auf allen Ebe­nen, Capa­ci­ty-Buil­ding, Wis­sens- und Tech­no­lo­gie­trans­fer, Zusam­men­ar­beit von Bil­dungs­in­sti­tu­tio­nen etc. rich­ten. So kön­nen die zeit­lich, räum­lich und finan­zi­ell ja immer begrenz­ten Pro­jek­te doch nach­hal­ti­ge Wir­kung gewin­nen.” (T. Koenigs: Bericht zum Frie­dens­pro­zess in Kolum­bi­en

Santos bietet bilaterale Waffenruhe an, verstärkt aber gleichzeitig die Militäroperationen

Ob es sich ledig­lich um einen pro­pa­gan­dis­ti­schen Vor­stoß des Prä­si­den­ten im Kon­text der Ver­ein­ba­rung vom 23. Sep­tem­ber hand­le, oder um eine ernst zuneh­men­de Ankün­di­gung wird in den kolum­bia­ni­schen Medi­en kon­tro­vers dis­ku­tiert. Am 28. Okto­ber hat­te die kolum­bia­ni­sche Regie­rung erst­mals ihre Bereit­schaft zu einer beid­sei­ti­gen Waf­fen­ru­he erklärt. Prä­si­dent San­tos bot der FARC einen bila­te­ra­len und inter­na­tio­nal über­wach­ten Waf­fen­still­stand an, der am 1. Janu­ar 2016 in Kraft tre­ten könn­te (Sema­na v. 28.10.2015: “San­tos pro­po­ne cese bila­te­ral con las FARC des­de el pri­me­ro de enero”). Aller­dings knüpf­te der Prä­si­dent die Waf­fen­ru­he an bestimm­te Bedin­gun­gen, wie bei­spiels­wei­se die Kon­zen­tra­ti­on aller FARC-Kämp­fer an einem bestimm­ten Ort, was bei der FARC zu Ver­wir­rung und Ableh­nung geführt hat (Dele­ga­ción de Paz de las FARC-EP: “Cese al fue­go bila­te­ral” v. 31.10.2015). Und gleich­zei­tig wird die­se Ankün­di­gung beglei­tet von ver­stärk­ten Angrif­fen der Streit­kräf­te auf FARC-Stel­lun­gen in den letz­ten Wochen, was in der Öffent­lich­keit Besorg­nis aus­lös­te, die FARC könn­te ihre im Juli ver­kün­de­te erneu­te ein­sei­ti­ge Waf­fen­ru­he been­den und wie­der akti­ve Mili­tär­ope­ra­tio­nen begin­nen. Jeden­falls wand­te sich die FARC mit einem an die Mit­glie­der des kolum­bia­ni­schen Kon­gres­ses gerich­te­ten offe­nen Brief an die Öffent­lich­keit und for­der­te die sofor­ti­ge Ein­schal­tung der drei inter­na­tio­na­len Son­der­be­auf­trag­ten für den Frie­dens­pro­zess in Kolum­bi­en, den US-Ame­ri­ka­ner Ber­nard Aron­son, den Son­der­be­auf­trag­ten der deut­schen Bun­des­re­gie­rung, Tom Königs, sowie den EU-Son­der­ge­sand­ten Eam­on Gilmo­re. Sie sol­len über die Schwie­rig­kei­ten zur Ein­hal­tung der Waf­fen­ru­he infor­miert wer­den, die von Tag zu Tag grö­ßer wür­den (Dele­ga­ción de Paz de las FARC-EP: “Salu­do a la Dele­ga­ción del Con­gre­so” v. 30.10.2015; und Dele­ga­ción de Paz de las FARC-EP: “Peli­gra tre­gua uni­la­te­ral”, Comu­ni­ca­dos Dele­ga­ción FARC v. 31.10.2015).

Vereinbarung in Havanna: Ende der Kämpfe im März 2016

Am Mitt­woch, den 23. Sep­tem­ber wur­de in Havan­na die Unter­zeich­nung einer von Beob­ach­tern als “his­to­risch” bezeich­ne­ten Ver­ein­ba­rung zwi­schen der kolum­bia­ni­schen Regie­rung und der FARC bekannt­ge­ge­ben, in der die Been­di­gung aller Kämp­fe für spä­tes­tens März 2016 beschlos­sen wur­de. Mit der Unter­zeich­nung eines “Abkom­men über die Schaf­fung einer Son­der­ge­richts­bar­keit für den Frie­den”, in dem die wich­tigs­ten Rege­lun­gen für eine Straf­ver­fol­gung und Amnes­tie für die Betei­lig­ten am bewaff­ne­ten Kon­flikt fest­ge­legt ist, wur­de höchst­wahr­schein­lich ein ent­schei­den­der Grund­stein für einen Durch­bruch der Frie­dens­ver­hand­lun­gen gelegt. Gera­de die­se Fra­ge wie juris­tisch mit den Per­so­nen zu ver­fah­ren sei, denen Men­schen­rechts­ver­let­zun­gen ange­las­tet wer­den, war in den ver­gan­ge­nen Wochen und Mona­ten zu einem der wich­tigs­ten und umstrit­tens­ten Ver­hand­lungs­punk­te in Havan­na. Grund­sätz­li­che stimm­ten bei­de Sei­ten über­ein, es müs­se eine spe­zi­el­le Recht­spre­chung für den Über­gang zum Frie­den geschaf­fen wer­den, die sowohl aus nor­ma­len Gerich­ten als auch aus einem Son­der­tri­bu­nal bestehen wer­de. Die­se Gre­mi­en sol­len vor allem aus kolum­bia­ni­schen Rich­tern bestehen, aller­dings unter Mit­wir­kung aus­län­di­scher Juris­ten, die aber in der Min­der­heit blei­ben sol­len. Die Funk­ti­on die­ser Mecha­nis­men soll laut Ver­ein­ba­rung dar­in bestehen, die bis­lang anhal­ten­de Straf­lo­sig­keit zu been­den, die Wahr­heit über die Gescheh­nis­se ans Licht zu brin­gen, zur Ent­schä­di­gung der Opfer bei­zu­tra­gen, die Ver­ur­tei­lung und Bestra­fung der Ver­ant­wort­li­chen für schwe­re Ver­bre­chen, die wäh­rend des Kon­flikts began­gen wur­den, zu ermög­li­chen, sowie sicher­zu­stel­len, dass sich die­se nicht wie­der­ho­len“ (El Espec­ta­dor v. 24.9.2015). Die Son­der­jus­tiz für den Frie­den, die in den kolum­bia­ni­schen Medi­en auch als “Wahr­heits­kom­mis­si­on” titu­liert wird, soll nicht nur zustän­dig sein für Mit­glie­der der Guer­ril­la, son­dern gleich­falls für alle Per­so­nen im Staats­dienst, die im Kon­text des Krie­ges Ver­bre­chen began­gen haben. Schließ­lich wird in der gemein­sa­men Erklä­rung aner­kannt, dass die Umwand­lung der FARC in eine lega­le poli­ti­sche Bewe­gung ein gemein­sa­mes Ziel sei, das von der Regie­rung unter­stützt wer­de. Prä­si­dent San­tos und der obers­te Chef der FARC, Timo­león Jimé­nez ali­as  „Timo­chen­ko“, waren anläss­lich der Unter­zeich­nung, die in Anwe­sen­heit von Kubas Staats- und Regie­rungs­chef Raúl Cas­tro statt­fand, eigens nach Havan­na gereist. Seit die Gesprä­che in Havan­na began­nen, hat die Regie­rung San­tos aner­kannt, dass in Kolum­bi­en Krieg herrscht und die FARC eine Rebel­len­grup­pe mit poli­ti­schen Zie­len ist. Damit unter­schei­det sie sich vom frü­he­ren Prä­si­den­ten Uri­be, der die FARC ledig­lich als Ter­ro­ris­ten ansah. Aber gleich­zei­tig hat die Regie­rung aner­kannt, dass im Namen des Krie­ges auf bei­den Sei­ten grau­sa­me Hand­lun­gen began­gen wur­den, wes­we­gen die Gue­ril­la nicht ein­fach als revo­lu­tio­när und die Streit­kräf­te nicht  ein­fach als legi­tim bezeich­net wer­den kön­nen. Für die FARC wur­de es unmög­lich zu sagen, die Ent­füh­run­gen von Poli­ti­kern und Sol­da­ten und ihre jah­re­lan­ge Gefan­gen­hal­tung im Urwald sei­en altru­is­ti­sche Taten gewe­sen. Eben­so wenig konn­ten die Streit­kräf­te leug­nen, dass vie­le ihrer Ein­hei­ten Alli­an­zen mit den Para­mi­li­tärs schlos­sen, damit letz­te­re Mas­sa­ker an bestimm­ten Tei­len der Bevöl­ke­rung ver­üben konn­ten (vgl. Sema­na v. 18.7.2015: “?‘Timo­chen­ko’ ir¿a a la cár­cel?”).

Regierung stellt Luftangriffe ein, plant aber Einschränkung der Grundrechte

Am ver­gan­ge­nen Wochen­en­de hat die kolum­bia­ni­sche Regie­rung die Ein­stel­lung der Luft­an­grif­fe auf FARC-Stel­lun­gen ver­fügt. Damit löst sie ein in der gemein­sa­men Erklä­rung vom 12. Juli gege­be­nes Ver­spre­chen ein, die offen­si­ven mili­tä­ri­schen Aktio­nen gegen die FARC ein­zu­schrän­ken. Men­schen­rechts­ver­tre­ter begrü­ßen die­se Ent­schei­dung machen aber dar­auf auf­merk­sam, dass der vor zwei Wochen von einer Pro­jekt­grup­pe des Ver­tei­di­gungs­mi­nis­te­ri­ums, der Sicher­heits­be­hör­den und der Natio­nal­po­li­zei vor­ge­leg­te Ent­wurf zur Erneue­rung des Poli­zei­ge­set­zes im Wider­spruch zu den Zie­len des Frie­dens­pro­zes­ses steht. Der Ent­wurf regelt ver­schie­de­ne Punk­te hin­sicht­lich der Pri­vat­sphä­re von Indi­vi­du­en im Kon­text der neu­en Medi­en und sozia­len Netz­wer­ke bis hin zu Regeln für den öffent­li­chen Nah­ver­kehr. So soll bei­spiels­wei­se die prä­ven­ti­ve Ver­haf­tung von Per­so­nen, die durch “agres­si­ves oder leicht­sin­ni­ges Ver­hal­ten” auf sich auf­merk­sam machen, mög­lich sein. Auch soll es der Poli­zei zukünf­tig erlaubt sein, Haus­durch­su­chun­gen nach eige­nem Ermes­sen ohne Durch­su­chungs­be­fehl durch­zu­füh­ren. Die Oppo­si­ti­on kri­ti­siert die­se Befug­nis­se, da sie leicht dazu miss­braucht wer­den kön­nen, ein­zel­ne Grund­rech­te aus­zu­he­beln. Gera­de in einem Land, in dem immer wie­der über­ma­ßi­ge Poli­zei­ge­walt kri­ti­siert wird, sei ein sol­cher Vor­stoß pro­ble­ma­tisch (El Espec­ta­dor v. 17. Juni 2015: “Códi­go de Poli­cía limi­ta el derecho a la pro­tes­ta de ciu­dada­nos”).

Wieder Bewegung im Friedensprozess

Es gibt Anzei­chen dafür, dass die “kri­ti­sche Pha­se”, wie der Lei­ter der Regie­rungs­de­le­ga­ti­on bei den Frie­dens­ge­sprä­chen in Havan­na, Hum­ber­to de La Cal­le, am 6. Juli in einem Inter­view den gegen­wär­ti­gen Stand der Frie­dens­ver­hand­lun­gen bezeich­net hat­te, über­wun­den wer­den kann. Am 8. Juli hat­ten die FARC eine ein­sei­ti­ge Waf­fen­ru­he aus­ge­ru­fen und ihre Bereit­schaft zur Fort­set­zung des Frie­dens­pro­zes­ses erklärt. Sie reagier­ten damit auf den drin­gen­den Appell der bei­den Garan­tie­staa­ten des Frie­dens­pro­zes­ses, Nor­we­gen und Kuba, sowie Vene­zue­la und Chi­le, die den Pro­zess beglei­ten.

Die vier Län­der hat­ten am Vor­trag in einer gemein­sa­men Erklä­rung eine sofor­ti­ge Dees­ka­la­ti­on des Kon­flik­tes gefor­dert. Zugleich for­der­ten sie wei­te­re Schrit­te für ver­trau­ens­bil­den­de Maß­nah­men, die als Bedin­gun­gen für Eini­gun­gen bei den noch offe­nen The­men der Ver­hand­lungs­agen­da uner­läss­lich sei­en. Dazu gehö­re auch die Ver­ein­ba­rung eines “bila­te­ra­len und defi­ni­ti­ven Waf­fen­still­stan­des und die Been­di­gung der Feind­se­lig­kei­ten”. Die kolum­bia­ni­sche Regie­rung hat­te zunächst abwar­tend reagiert. Zwar hat­te Prä­si­dent Juan Manu­el San­tos die Erklä­rung begrüßt, gleich­zei­tig jedoch betont, dass “wei­te­re Kom­pro­mis­se not­wen­dig sei­en, um die Ver­hand­lun­gen zu beschleu­ni­gen”. Zwei­fel­los muss­te sich aber nun auch die kolum­bia­ni­sche Regie­rung unter Zug­zwang sehen, eben­falls ein Zei­chen zur mili­tä­ri­schen Dees­ka­lie­rung in die­sem Kon­flikt, der bis­her mehr aus 200.000 Tote gefor­dert hat, zu set­zen. In der Öffent­lich­keit wur­de auch ein sol­cher Schritt erwar­tet zumal Hum­ber­to de La Cal­le, in dem oben erwähn­ten Inter­view die grund­sätz­li­che Bereit­schaft sei­ner Regie­rung zu einer bila­te­ra­len Waf­fen­ru­he bekun­de­te, dies aber an eine Rei­he von Vor­be­din­gun­gen knüpf­te (El Espec­ta­dor, 7.7.2015).

Am 12. Juli haben nun bei­de Ver­hand­lungs­de­le­ga­tio­nen in Havan­na eine gemein­sa­me Erklä­rung ver­öf­fent­licht, (Comu­ni­ca­do Con­jun­to No. 55: Agi­li­zar en La Haba­na y deses­ca­lar en Colom­bia), mit der das Ver­trau­en der Bevöl­ke­rung in den Frie­dens­pro­zess sowie das gegen­sei­ti­ge Ver­trau­en der Kon­flikt­par­tei­en wie­der gestärkt wer­den und die Bedin­gun­gen für eine tat­säch­li­che und bila­te­ra­le Waf­fen­ru­he geschaf­fen wer­den sol­len. Zwar folgt die Regie­rung noch nicht dem Schritt der FARC, die Waf­fen schwei­gen zu las­sen und auf offen­si­ve Aktio­nen zu ver­zich­ten, aber sie erklär­te die Bereit­schaft, ihre seit Jah­res­be­ginn lau­fen­den mas­si­ven Mili­tär­ak­tio­nen zurück­zu­zu­fah­ren. Ziel ist es, nun “ohne Ver­zö­ge­run­gen” auf den end­gül­ti­gen bila­te­ra­len Waf­fen­still­stand und die Abga­be der Waf­fen hin­zu­ar­bei­ten. Zur Über­wa­chung und Prü­fung der Beschlüs­se soll das UN-Gene­ral­se­kre­ta­ri­at und die Unasur-Prä­si­dent­schaft, die der­zeit bei Uru­gu­ay liegt, je einen Ver­tre­ter benen­nen. Wei­te­re Orga­ni­sa­tio­nen oder Län­der könn­ten spä­ter ein­be­zo­gen wer­den.