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Der 9. April und die Fahne des Regenbogens

Heu­te ist der 9. April. Die­ser Tag ist den Kolum­bia­nern ins natio­na­le Gedächt­nis als “Bogo­ta­zo” ein­ge­brannt. An die­sem Tag vor 67 Jah­ren wur­de Jor­ge Elié­cer Gaitán, Hoff­nungs­trä­ger für einen sozia­len Wan­del und aus­sichts­rei­cher Prä­si­dent­schafts­kan­di­dat der Libe­ra­len Par­tei in Bogo­tá auf offe­ner Stra­ße ermor­det. Gaitáns Ein­tre­ten für eine Ver­bes­se­rung der mate­ri­el­len Lebens­be­din­gun­gen der armen Bevöl­ke­rung und sei­ner damit in Zusam­men­hang ste­hen­den anti-olig­ar­chi­schen Rhe­to­rik hat­ten ihm eine enor­me Popu­la­ri­tät in der ein­fa­chen Bevöl­ke­rung aber auch ein gro­ßes Miss­trau­en der soge­nann­ten Eli­te des Lan­des, der Bour­geoi­sie und der Lati­fun­di­stas, sowohl in der kon­ser­va­ti­ven als auch in sei­ner eige­nen Par­tei, den Libe­ra­len, ein­ge­bracht. Nie­mand zwei­fel­te dar­an, dass er die Wah­len gegen den kon­ser­va­ti­ven Amts­in­ha­ber Maria­no Ospi­na Pérez gewin­nen wür­de. Die Hin­ter­grün­de und Hin­ter­män­ner die­ses Mor­des sind bis heu­te nicht rest­los geklärt. Aber die Wut der Anhän­ger Gai­tans kann­te kei­ne Gren­zen. In hef­ti­gen Stra­ßen­schlach­ten mit der Poli­zei wur­den über 3.000 Men­schen getö­tet, die hal­be Inne­stadt von Bogo­tá ver­wüs­tet. Es begann das dun­kels­te Kapi­tel in der Geschich­te Kolum­bi­ens, die soge­nann­te “Vio­len­cia”, ein Bür­ger­krieg, des­sen Aus­wir­kun­gen noch heu­te in den mili­tä­ri­schen und para­mi­li­tä­ri­schen Aus­ein­an­der­set­zun­gen über­all im Lan­de zu spü­ren sind. Der heu­ti­ge 9. April konn­te also genau das rich­ti­ge Datum für eine natio­na­le Mani­fes­ta­ti­on für den Frie­den sein. Und genau dazu hat ihn die kolum­bia­ni­sche Zivil­ge­sell­schaft gemacht.

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Im gan­zen Land fan­den ein­drucks­vol­le Demons­tra­tio­nen und Kul­tur­ver­an­stal­tun­gen statt. Allein in Bogo­tá nah­men über 300.000 Men­schen an einer Demons­tra­ti­on unter dem Mot­to “Me Mue­vo Por La Paz” (#MeMuevo­Por­La­Paz) teil, unter ihnen Dele­ga­tio­nen der indi­ge­nen und afro­ko­lum­bia­ni­schen Grup­pen aus ver­schie­de­nen Tei­len des Lan­des, beglei­tet von Flashm­obs zur Erin­ne­rung an die Ermor­de­ten und Ver­schwun­de­nen. Und wäh­rend ich die­se Zei­len schrei­be, setzt sich ein Kon­zert mit Künst­lern aus ganz Latein­ame­ri­ka (#Con­cier­to­Por­La­Paz) fort, das bereits am Nach­mit­tag im Par­que Boli­var begann, das ich nun aber am spä­ten Abend nur noch im Fern­se­hen ver­fol­gen kann. Ich bedau­re vor allen, dass ich den Auf­tritt von Ruben Bla­des nun nicht live erle­ben kann, 37 Jah­re nach sei­nem legen­dä­ren Auf­tritt auf der Dort­mun­der Ver­an­stal­tung “Frei­heit für Nel­son Man­de­la”. Die viel­fäl­ti­gen For­men des Ein­tre­ten der Teil­neh­mer für die Fort­set­zung des Frie­dens­pro­zes­ses war sehr beein­dru­ckend. Mit Tras­pa­ren­ten wie “El Pue­b­lo es la Lla­ve de la Paz” (Das Volk ist der Schlüs­sel zum Frie­den) tritt man den bel­li­zis­ti­schen Bemü­hun­gen der rechts­ge­rich­te­ten Kräf­te um den ehe­ma­li­en Prä­si­den­ten Uri­be ent­ge­gen und will den Frie­dens­pro­zess unum­kehr­bar machen. Man darf ja nicht ver­ges­sen, dass Kolum­bi­en in der Fra­ge Krieg oder Frie­den tief gespal­ten ist. Die letz­ten Prä­si­dent­schafts­wah­len 2014 hat­ten die frie­dens­be­rei­ten Kräf­te um Juan Manel San­tos nur hauch­dünn für sich ent­schei­den kön­nen. Bis zum Schluss stand das auf der Kip­pe, da der Kan­di­dat der extre­men Rech­ten, der vom Exprä­si­den­ten Uri­be unter­stütz­te Oscar Ivan Zulua­ga, noch beim ers­ten Wahl­gang zwei Wochen zuvor vor­ne gele­gen hat­te. San­tos wur­de dann aber bei der Stich­wahl von vie­len zivil­ge­sell­schaft­li­chen Grup­pen, die einen Durch­marsch der extre­men Rech­ten ver­hin­dern woll­ten, unter­stützt. San­tos weiß sehr genau, dass er sei­nen Sieg die­sen Grup­pen und auch den Lin­ken, dem “Polo Demo­cra­ti­co Alter­na­tivo”, die zum Schluss zu sei­ner Wahl auf­ge­ru­fen hat­ten, ver­dankt. Und er ist klug genug, die­se Grup­pie­run­gen in ihren Erwar­tun­gen nicht zu ent­täu­schen. Aller­dings ist San­tos ein Spross der tra­di­tio­nal­len kolum­bia­ni­schen Olig­ar­chie, also alles ande­re als ein Lin­ker oder ein Sys­tem­ver­än­de­rer. Aber er will end­lich Frie­den in Kolum­bi­en, wäh­rend die extre­me Rech­te die Gue­ril­la mit mili­tä­ri­schen Mit­teln nie­der­kämp­fen will und dabei die rechts­ex­tre­men para­mi­li­tä­ri­schen Grup­pen unter­stützt hat (natür­lich inof­fi­zi­ell). Die Kolum­bia­ner haben aber end­lich genug von dem seit fast 70 Jah­ren toben­den Bür­ger­krieg.

Nach San­tos Sieg konn­ten die bereits zuvor begon­ne­nen offi­zi­el­len Frie­dens­ge­sprä­che mit den FARC in Havan­na wei­ter­ge­führt wer­den. Aber es wäre eine Illu­si­on zu glau­ben, dass es bedingt durch das brei­te lin­ke Bünd­nis zu einer gene­rel­len Links­ver­schie­bung in der Poli­tik Kolum­bi­en gekom­men sei. Zwei­fel­los kön­nen die Lin­ken und zivil­ge­sell­schaft­li­chen Kräf­te für ihre Unter­stüt­zung des gewähl­ten Prä­si­den­ten gewis­se Zuge­ständ­nis­se hin­sicht­lich sozia­ler Refor­men und in der Men­schen­rechts­fra­ge erwar­ten. Dies wie­der­um ver­sucht die extre­me Rech­te für sich aus­zu­nut­zen, indem sie ver­sucht, San­tos als Kom­mu­nis­ten­freund dar­zu­stel­len. Das ist er mit­nich­ten. In der Pres­se hier­zu­lan­de wird sein Kurs als eher sozi­al­de­mo­kra­tisch dar­ge­stellt, was aller­dings schon erstaun­lich ist, wenn man bedenkt, dass er unter Uri­be Ver­tei­di­gungs­mi­nis­ter war und Uri­be ihn selbst zu sei­nem Nach­fol­ger aus­er­ko­ren hat­te.

Die Rech­te fühlt sich nach der äußerst knap­pen Nie­der­la­ge des ver­gan­ge­nen Jah­res jeden­falls noch stark genug zu ver­su­chen, das Rad der Geschich­te zurück­zu­dre­hen. Vor allem Exprä­si­dent Uri­be hat­te bereits unmit­tel­bar nach den Wah­len mit uner­war­te­ter Hef­tig­keit pola­ri­siert, von der selbst die Fern­seh­mo­de­ra­to­ren über­rascht waren. Uri­be warf San­tos zunächst Betrug und Stim­men­kauf vor und begann eine Twit­ter­kam­pa­gne, die ihres­glei­chen sucht und die bis heu­te anhält. Man muss sich die­se Twit­ter­kam­pa­gne nur mal anschau­en: zum Teil im Minu­ten­takt ergießt sich mit dem­ago­gi­scher Aggres­si­vi­tät eine wah­re Schimpf-Kano­na­de über den gewähl­ten Prä­si­den­ten und sei­ne Frie­dens­po­li­tik. Das alles läuft über den per­sön­li­chen Twit­ter-Account von Uri­be. Man fragt sich, wie er die Zeit hat, die­se Tweeds alle selbst zu schrei­ben. Wäh­rend San­tos anfangs noch ver­sucht hat­te per Twit­ter den Vor­wür­fen ent­ge­gen­zu­tre­ten, igno­riert er nun die per­ma­nen­ten Angrif­fe und kon­zen­triert sich mehr auf die posi­ti­ve Dar­stel­lung sei­ner Poli­tik. Auch das geschieht viel per Twit­ter und zeigt, wie sehr sich der poli­ti­sche Kampf ver­la­gert hat und wel­che Rol­le, die infor­ma­ti­ons­tech­nisch gestütz­ten sozia­len Medi­en dabei spie­len. Es ist übri­gens inter­es­sant zu sehen, wie sehr die kolum­bia­ni­schen Fern­seh­an­stal­ten die Mög­lich­kei­ten der neu­en sozia­len Medi­en, ins­be­son­de­re Twit­ter, für ihre eige­ne Pro­gramm­ge­stal­tung nut­zen. Das geht weit über das hin­aus, was ich von den Deut­schen TV-Anstal­ten gewohnt bin.

Kolum­bi­en befin­det sich gegen­wär­tig in einer durch­aus nicht unge­fähr­li­chen Situa­ti­on. San­tos’ anfäng­li­cher Ver­such, die Situa­ti­on zu ent­schär­fen, indem er dem unter­le­ge­nen Kan­di­da­ten Koope­ra­ti­on ange­bo­ten hat­te (z.B. Minis­ter­pos­ten für Uri­bes Par­tei “Cen­tro Demo­cra­ti­co”, was in Kolum­bi­en nach Wah­len nicht sel­ten geschieht) schei­ter­te an der völ­lig kom­pro­miss­lo­sen Hal­tung Uri­bes. Die Pola­ri­sie­rung zeigt sich in vie­len All­tags­si­tua­tio­nen. Im Taxi, auf Par­ties, In Gesprä­chen mit Bekann­ten, Fami­li­en­mit­glie­dern und Freun­den. Da zeigt sich die Zeris­sen­heit des Lan­des. Und wie groß dabei die Gefahr einer zuneh­men­den Radi­ka­li­sie­rung der Rech­ten ist, zeigt sich am Vor­stoß bestimm­ter reli­gi­ös-fun­da­men­ta­lis­ti­scher Krei­se, den erz­kon­ser­va­ti­ven “Pro­cu­ra­dor” Ale­jan­dro Ordóñez Mal­do­na­do als kom­men­den Prä­si­dent­schafts­kan­di­da­ten für das Jahr 2018 aufs Schild zu heben. Mit Ordoñez gäbe es einen Kan­di­da­ten, der sich einen Staat wünscht, in dem die christ­li­che Ord­nung wie­der her­ge­stellt wird, um den “gott­lo­sen Kom­mu­nis­mus zu zer­mal­men”. So jeden­falls zitiert die Zei­tung “El Espec­ta­dor” die von Ordoñez der Jung­frau Maria (sic!) gewid­me­ten Zei­len in sei­ner Dok­tor­ar­beit. “A nues­tra seño­ra la Vir­gen María… supli­cán­do­le la restau­ra­ción del orden cris­tia­no y el aplas­t­ami­en­to del comu­nis­mo ateo, para que bril­le por doquier la Fe Cató­li­ca, pues sin ella no hay espe­r­an­za para las socie­dades y para los hom­bres” (Jor­ge Gómez Pinil­la: ¿Ordóñez Pre­si­den­te? Dios nos coja con­fes­ados…; El Espec­ta­dor v. 7.4.2015).

Die Sor­ge der Bevöl­ke­rung, ob der von San­tos ein­ge­lei­te­te und in Havan­na zwar zäh aber wohl durch­aus erfolg­reich ver­han­del­te Frie­dens­pro­zess durch die rech­ten Kräf­te noch­mal zurück­ge­dreht wer­den kön­ne, war deut­lich zu spü­ren. Gleich­zei­tig aber sind die heu­ti­gen Demons­tra­tio­nen eine kla­re Bot­schaft an alle die­je­ni­gen, die mit einem sol­chen Gedan­ken spie­len. Kla­re Wor­te fand ins­be­son­de­re der als Red­ner auf­ge­tre­te­ne Bür­ger­meis­ter von Bogo­tá, Gus­ta­vo Petro. Petro, Mit­glied des links­ge­rich­te­ten “Polo Demo­cra­ti­co” ver­wies auf die mul­ti­ple Zusam­men­set­zung der kolum­bia­ni­schen Bevöl­ke­rung in eth­ni­scher, kul­tu­rel­ler, reli­gö­ser, sozia­ler und poli­ti­scher Hin­sicht. Eine logi­sche Kon­se­quenz die­ser Plu­ra­li­tät sei eine kla­re Absa­ge an jeg­li­che Form von Gewalt: Eine Absa­ge an Gewalt gegen Men­schen ande­rer eth­ni­scher Wur­zeln, mit ande­ren poli­ti­schen, reli­giö­sen oder kul­tu­rel­len Über­zeu­gun­gen, an Gewalt gegen Frau­en, Gewalt gegen Men­schen mit ande­ren sexu­el­len Ori­en­tie­run­gen sowie eine Absa­ge gegen alle For­men inter­fa­mi­liä­rer Gewalt. Aber auch gegen Gewalt in den Insti­tu­tio­nen, in den Unter­neh­men, wo Men­schen noch immer ein­ge­schüch­tert wer­den und Ihnen die freie und gleich­be­rech­tig­te Arti­ku­la­ti­on ihrer Inter­es­sen und Rech­te ver­wehrt wird. Die Ent­las­sung aus dem Arbeits­ver­hält­nis schwebt jeder­zeit als eine Art sozia­ler Todes­dro­hung über jeden Ver­such, auf Augen­hö­he mit­ein­an­der zu kom­mu­ni­zie­ren. Das Sym­bol die­ser Diver­si­tät und Plu­ra­li­tät, die Fah­ne des Regen­bo­gens, ist — so Pedro in sei­ner Rede — “die neue Fah­ne der Revo­lu­ti­on”.

Bogotá

Dies ist  mein ers­ter Bei­trag zu die­sem the­ma­tisch auf KOLUMBIEN kon­zen­trier­ten Blog. (Die vor­an­ge­gan­ge­nen his­to­ri­schen Exkur­se wur­den spä­ter ein­ge­fügt, aber wegen der bes­se­ren Über­sicht an das Ende der Blog-Bei­trä­ge gestellt.)  Nach­dem ich in den letz­ten Jah­ren mei­ne Ein­drü­cke von die­sem Land per Email (an einen spe­zi­ell ein­ge­grenz­ten Per­so­nen­kreis gerich­tet) oder über Dia­spo­ra (zwar an einen grö­ße­ren und nicht immer ganz genau bestimm­ten Per­so­nen­kreis gerich­tet, dafür aber mit dem Nach­teil einer hohen Flu­i­di­tät ver­se­hen) geschrie­ben und ver­sen­det hat­te, habe ich den seit län­ge­rer Zeit geheg­ten Plan, dies durch einen the­ma­tisch ori­en­tier­ten Blog zu erset­zen, end­lich rea­li­siert.

Ich rei­se seit vie­len Jahr­zehn­ten nach Kolum­bi­en, aber dass ich mich neben mei­nem Bon­ner Wohn­sitz als in Bogo­tá woh­nend bezeich­ne, ist eine Ent­wick­lung, die erst vor ca. andert­halb Jah­ren ein­ge­setzt hat, als mei­ne Auf­ent­hal­te in Kolum­bi­en sich aus fami­liä­ren Grün­den suk­zes­si­ve immer mehr aus­ge­wei­tet haben. Bei mei­ner jet­zi­gen Ankunft in Bogo­tá zeig­te sich die Stadt von ihrer bes­ten Sei­te. Nichts zu spü­ren von der unge­müt­li­chen Näs­se und Käl­te und den ihre „Man­tel­kra­gen hoch­schla­gen­den, eilig davon­ei­len­den Pas­san­ten”, die Gar­cia Mar­quez so ein­zig­ar­tig in Abgren­zung zu sei­ner kari­bi­schen Hei­mat beschrie­ben hat­te. Nein, als ich ankam, herrsch­te außer­or­dent­lich tol­les son­ni­ges und sehr war­mes Wet­ter. Für die Bogo­ta­ner eine ange­neh­me und sicht­bar genos­se­ne Freu­de. Für den dem win­ter­li­chen Euro­pa ent­flie­hen­den Rei­sen­den, eine dop­pel­te Wohl­tat.

Ich bin immer wie­der aufs Neue davon ange­tan, wie grün Bogo­tá, die­se fast 10 Mil­lio­nen Ein­woh­ner umfas­sen­de Stadt ist. Aber natür­lich sind es vor allem die nörd­lich vom Stadt­zen­trum gele­ge­nen rei­che­ren Stadt­tei­le, die die­se posi­ti­ve Eigen­schaft auf­wei­sen. Vie­le vier­spu­ri­ge Stra­ßen haben dort einen mit nahe­zu alle Kli­ma­zo­nen Kolum­bi­ens reprä­sen­tie­ren­den beflanz­ten Mit­tel­strei­fen. Für einen Euro­pä­er ist dies schon allein des­halb beein­dru­ckend, weil in die­ser Höhe von 2.700 Metern in unse­ren Brei­ten ja nur ganz weni­ge Pflan­zen wach­sen.

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Getrübt wur­de mein Wohl­be­fin­den aller­dings bereits am nächs­ten Mor­gen aus völ­lig ande­ren, und nun gar nicht mit dem Kli­ma in Ver­bin­dung zu brin­gen­den Grün­den: Als ich aus dem Haus trat und mit Erschre­cken die bau­li­chen Ver­än­de­run­gen an der Ummaue­rung unse­res „Con­do­mi­nio“ sah. Eine Mau­er bzw. an eini­gen Stel­len ein hoher und durch­aus sta­bi­ler Zaun waren da zwar schon immer vor­han­den, aber wäh­rend mei­ner Abwe­sen­heit hat­te man auf die Mau­er noch einen über drei oder vier Stu­fen rei­chen­den hohen elek­trisch auf­ge­la­de­nen Sta­chel­draht­zaun drauf­ge­setzt, der leicht nach innen ver­setzt ist und einen unwill­kür­lich an längst ver­gan­ge­ne schreck­li­che Zei­ten erin­nert. Ich fühl­te mich plötz­lich in einer Art Fes­tung, die ich bis­her in die­ser kras­sen Form nur in Johan­nes­burg gese­hen hat­te.

Auf Nach­fra­gen wur­de uns erläu­tert, dass die­se Ver­än­de­rung auf­grund eines Ein­bruchs erfolgt sei, bei dem die Ein­bre­cher über die Mau­er geklet­tert waren. Ja, die Sicher­heits­la­ge wird wie­der ein­mal als kata­stro­phal beschrie­ben und es wer­den Bei­spie­le genannt, wie die von einer jun­gen Frau, der mit­ten in einem voll­be­setz­ten Bus von zwei Mit­fah­rern ein Mes­ser an den Hals gesetzt wur­de, damit sie ihr Smart­pho­ne raus­rückt.

Ähn­li­che Erzäh­lun­gen beglei­ten uns seit meh­re­ren Jahr­zehn­ten. Sie lie­ßen sich belie­big erwei­tern und sie ver­wei­sen auf die nach wie vor — trotz eines in den letz­ten Jah­ren all­ge­mein gewach­se­nen gesell­schaft­li­chen Reich­tums — unge­lös­ten und sich gegen­wär­tig womög­lich wie­der ver­schär­fen­den sozia­len Pro­ble­me in die­sem wun­der­schö­nen und lie­bens­wer­ten Land. Aller­dings haben sich die in den 90er Jah­ren des vori­gen Jahr­hun­derts so gefürch­te­ten Ent­füh­run­gen gegen Löse­geld­erpres­sun­gen nach­ge­las­sen. Ob sich die “nor­ma­le” Kri­mi­na­li­tät in letz­ter Zeit wie­der ver­stärkt hat, wie von vie­len Kolum­bia­nern behaup­tet wird, lässt sich schwer prü­fen, da längst nicht alle Ereig­nis­se den poli­zei­li­chen Behör­den gemel­det wer­den und inso­fern die Sta­tis­ti­ken nicht sehr zuver­läs­sig sind. Aber über die­ses Pro­blem und sei­ne im kras­sen Klas­sen­ge­gen­satz und der gewalt­vol­len 70jährigen Ver­gan­gen­heit Kolum­bi­ens zu suchen­den Ursa­chen wird noch zu reden sein.

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