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Medellin und seine “Comuna 13”

Die Medel­lin-Kon­fe­renz des RC-51 ist been­det. Für mich war es eine beson­de­re Ehre, dass mein Vor­trag vom Orga­ni­sa­ti­ons­kom­mit­tee der Kon­fe­renz als “Clo­sing Pre­sen­ta­ti­on” fest­ge­legt wur­de. So hat­te ich über eine Stun­de Zeit, mei­ne Sicht der Din­ge über den kolum­bia­ni­schen Frie­dens­pro­zess dar­zu­le­gen und es blieb auch noch aus­rei­chend Zeit, um mit den Kol­le­gin­nen und Kol­le­gen dar­über zu dis­ku­tie­ren. Mei­ne Sor­ge, dass die kolum­bia­ni­schen Kol­le­gen an der Legi­ti­mi­tät eines sol­chen Vor­tra­ges zwei­feln könn­ten, erwies sich im Nach­hin­ein als voll­kom­men unbe­grün­det. Die Dis­kus­si­on war aus­ge­spro­chen soli­da­risch und kon­struk­tiv.

Micha­el Pae­tau wäh­rend des Vor­tra­ges (Foto: Alex­an­der Exque­me­lin, Wiki­pe­dia)

Es war rei­ner Zufall aber die sich am Wochen­en­de anschlie­ßen­de gemein­sa­me Stadt­er­kun­dung soll­te sich wie eine Art Anschau­ung­bei­spiel mei­ner Prä­sen­ta­ti­on vom Vor­tag ent­spup­pen. Sie führ­te uns unter ande­rem in die “Comu­na 13”, eines der ärms­ten Stadt­tei­le, der in den 80er und 90er Jah­ren Schau­platz blu­ti­ger und töd­li­cher Aus­ein­an­der­set­zun­gen zwi­schen riva­li­sie­ren­den Dro­gen­kar­tel­len, zwi­schen zwi­schen Gue­ril­la und para­mi­li­tä­ri­scher Grup­pen und zwi­schen ver­fein­de­ten kri­mi­nel­len Ban­den war. Die­ses Bar­rio ist auch durch eine im Jahr 2002 mit äußers­ter Bru­ta­li­tät vor­ge­tra­ge­ne Mili­tär­ope­ra­ti­on (“Ope­ra­ción Orión”) bekannt gewor­den, in der unter dem Befehl des dama­li­gen Prä­si­den­ten Alva­ro Uri­be und mit der Begrün­dung, die Gue­ril­la von ihrer sozia­len Basis abzu­schnei­den, ein unvor­stell­ba­res Mas­sa­ker unter der Zivil­be­völ­ke­rung ange­rich­tet wur­de. Bis vor weni­gen Jah­ren war die Comu­na 13 eine abso­lu­te No-Go-Area. Und das nicht nur für Tou­ris­ten. Con­stan­za und ich sind vor vie­len Jah­ren ein­mal über das Vier­tel hin­weg­ge­schwebt, als wir die Seil­bahn genom­men hat­ten, die zum Par­que Arvi führt, einem Natio­nal­park auf einem der die Stadt Medel­lin umge­ben­den Ber­ge. Es gibt eine Sta­ti­on der Seil­bahn in der Comu­na 13, bei der die Bowoh­ner des Vier­tels ein- und aus­stei­gen kön­nen. Haben wir aber nicht gemacht.

Seil­bahn zum Par­que Arvi über die Comu­na 13 schwe­bend

Mitt­ler­wei­le hat sich die Situa­ti­on geän­dert. Aus der eins­ti­gen No-Go-Area ist eines der belieb­tes­ten Tou­ris­ten-Attrak­tio­nen Medel­lins gewor­den. Seit Ser­gio Fajar­do sich als unab­hän­gi­ger Kan­di­dat gegen die eta­blier­ten Par­tei­en in der Bür­ger­meis­ter­wahl 2004 durch­set­zen konn­te und er anschlie­ßend 2013 bis 2015 Gou­ver­neur des Departa­mane­tos Antio­quia war, wur­de viel in die Struk­tur der armen Stadt­vier­tel Medel­lins inves­tiert. Und trotz der all­ge­gen­wär­ti­gen Kor­rup­ti­on in Kolum­bi­en, schei­nen vie­le der Pro­jekt­mit­tel tat­säch­lich dort ange­kom­men zu sein, wo sie Wir­kung ent­fal­ten konn­ten. Eines der spek­ta­ku­lärs­ten Pro­jek­te war zwei­fel­los die Errich­tung einer 348 Meter lan­gen Frei­luft-Roll­trep­pe, die den Bewoh­nern des steil am Berg­hang lie­gen­den Bar­ri­os den Weg zu ihren Häu­sern enorm erleich­tert. Die Roll­trep­pe ist in sechs Abschnit­te unter­teilt und über­win­det ins­ge­samt einen Höhen­un­ter­schied, der ca. 28 Stock­wer­ke bemes­sen wür­de. Am Anfang und Ende jedes Abschnit­tes haben sich neue infor­mel­le Struk­tu­ren her­aus­ge­bil­det, die zwar noch kei­ne öko­no­mi­sche oder sozia­le Struk­tur-Revo­lu­ti­on dar­stel­len, die aber ein­zel­nen Fami­li­en ein bestimm­tes Ein­kom­men sicher­stel­len. Das liegt auch an den vie­len Tou­ris­ten, die ers­tens die bemer­kens­wer­te Graf­fi­ti­kunst, in der die Bewoh­ner der Comu­ne 13 ihre wech­sel­vol­le Geschich­te künst­le­risch ver­ar­bei­tet haben, bewun­dern, und zwei­tens an der Rie­sen-Roll­trep­pe, die auch in Euro­pa Auf­merk­sam­keit gewon­nen hat.

Über­dach­te Frei­luft-Roll­trep­pe in der Comu­na 13

Wir haben unter der Füh­rung eines Künst­lers und Men­schen­rechts­ak­ti­vis­ten der Koope­ra­ti­ve “Kola­cho” eine Tour durch das Vier­tel unter­nom­men, in der uns anhand der zahl­rei­chen und äußerst bemer­kens­wer­ten Graf­fi­tis die wech­sel­vol­le Geschich­te der Comu­na 13 erläu­tert wur­de. In der Zeit zwi­schen 2002 und 2012 fan­den — nach Berich­ten der Tages­zei­tung El Tiem­po ins­ge­samt 10 mili­tä­ri­sche Säu­be­rungs­ak­tio­nen auf dem Gebiet der Comu­na 13 statt, die sich vor allem gegen ver­meint­li­che oder tat­säch­li­che Sym­pa­thi­san­ten der Gue­ril­la rich­te­ten. In beson­de­rer Wei­se haben sich die bei­den Mili­tär­ope­ra­tio­nen des Jah­res 2002, die “Ope­ra­ción Maris­cal” und die “Ope­ra­ción Ori­on” in das his­to­ri­sche Gedächt­nis der Comu­na 13 ein­ge­brannt. Die “Ope­ra­ción Maris­cal” fand am 21. Mai 2002 noch in den letz­ten Mona­ten der Prä­si­dent­schaft von Andrés Pastra­na statt und for­der­te zahl­rei­che Opfer unter der Zivil­be­völ­ke­rung.

Fünf Mona­te spä­ter — unmit­tel­bar nach dem Amts­an­tritt von Ala­va­ro Uri­be — ereig­ne­te sich der zwei­te Angriff auf das Bar­rio, die “Ope­ra­ción Ori­on”, die mit Unter­stüt­zung para­mi­li­tä­ri­scher Ver­bän­de statt­fand. Es war das erklär­te Ziel von Uri­be, die Gue­ril­la nicht nur durch direk­te mili­tä­ri­sche Ope­ra­tio­nen zu bekämp­fen, son­dern sie auch dadurch zu schwä­chen, dass sie von sozia­len Basis abge­schnit­ten wird. Die­sem Ziel dien­ten die Mili­tär­ope­ra­tio­nen in der Comu­na 13. Denn es wur­de ver­mu­tet, dass gera­de in die­sem armen Stadt­vie­tel, die Gue­ril­la mit einer nicht uner­heb­li­chen Anzahl von Sym­pa­thi­san­ten rech­nen konn­te. Noch heu­te ist der Ver­bleib von über 300 Per­so­nen, die in den bei­den Tagen der Ope­ra­ti­on vom Mili­tär und von Para­mi­li­tärs ver­schleppt wur­den, unge­klärt. Ins­be­son­de­re die Para­mi­li­tärs haben sich durch beson­de­re Grau­sam­keit aus­ge­zeich­net, indem sie ver­meint­li­che oder tat­säch­li­che lin­ke Akti­vis­ten gefol­tert und anschlie­ßend hin­ge­rich­tet haben. Die­go Muril­lo Beja­ra­no, einer der ehe­mals füh­ren­den Köp­fe der para­mi­li­tä­ri­schen “Auto­de­fen­sas Uni­das de Colom­bia (AUC)“, hat­te nach sei­ner Ver­haf­tung der Staats­an­walt­schaft zwar den Ort gezeigt, an dem die Hin­ge­rich­te­ten, ver­scharrt wor­den waren. Ein gegen­über der Comu­na 13 lie­gen­der Hügel, der von der Stadt Medel­lin dazu benutzt wur­de, Bau­schutt abzu­la­den. Aber die Zahl der Toten und ihre Iden­ti­tät ist nach wie vor unklar. Seit Jah­ren kämp­fen die Ange­hö­ri­gen dar­um, dass die Ange­le­gen­heit auf­ge­klärt und die Ver­ant­wort­li­chen zur Rechen­schaft gezo­gen wer­den. Wer Spa­nisch spricht kann sich über meh­re­re You­tube-Vide­os unter dem Stich­wort “Ope­ra­ción Orión” näher über die schreck­li­chen Ereig­nis­se und über die Rol­le, die der dama­li­ge Prä­si­dent Uri­be dabei gespielt hat, infor­mie­ren.

Ope­ra­ción Orión (16./17. Okto­ber 2002)

Die Tat­sa­che, dass sich die Situa­ti­on mitt­ler­wei­le erheb­lich ver­bes­sert hat, heißt indes nicht, dass man hier nun sorg­los durch die engen Gas­sen schlen­dern kann. Bes­ser ist es, wenn man sich nicht all­zu­weit von den Roll­trep­pen ent­fernt. Und in der Dun­kel­heit soll­te man lie­ber auf einen Rund­gang ver­zich­ten.

Frei­luft-Roll­trep­pen in Medel­lin, Comu­na 13

Sociocybernetics in Medellin

Ich freue mich sehr auf unse­re dies­jäh­ri­ge Jah­res­kon­fe­renz des Rese­arch-Com­mit­tee “Socio­cy­ber­ne­tics”, der “Inter­na­ti­onl Socio­lo­gi­cal Asso­cia­ti­on” (ISA-RC-51), die erst­mals in Kolum­bi­en statt­fin­den wird. Dank der inten­si­ven Bemü­hun­gen unse­rer kolum­bia­ni­schen Kol­le­gen Lucia­no Gal­lon von der “Pon­ti­fi­cia Uni­ver­si­dad Boli­va­ria­na”, Medel­lin, sei­ner Ehe­frau Glo­ria Lodo­ño und Gabriél Velez von der “Uni­ver­si­dad de Antio­quia”, Medel­lin, sowie tat­kräf­ti­ger Unter­stüt­zung aller Mit­glie­der des inter­na­tio­na­len Kon­fe­renz-Kom­mit­tees kann die Kon­fe­renz, wie geplant, vom 20. bis 24. Juni in Medel­lin statt­fin­den. Ich wer­de in die­ser Zeit bereits in Kolum­bi­en sein und habe inso­fern eine kur­ze Anrei­se. Die Kon­fe­ren­zen der Sozio­ky­ber­ne­ti­schen Com­mu­ni­ty sind immer sehr akti­ve Kon­fe­ren­zen. Die Teil­nah­me ist nur mög­lich über die Ein­rei­chung eines Prä­sen­ta­ti­ons­vor­schlags und sei­ner Akzep­tanz durch das inter­na­tio­na­le Kon­fe­renz-Kom­mit­tees. Mein dies­jäh­ri­ger Vor­trag fällt ein wenig aus dem Rah­men mei­ner bis dato prä­sen­tier­ten Vor­trä­ge, die sich meist mit sozio­lo­gi­schen Fra­gen des Inter­nets und der Ent­ste­hung, Sedi­men­tie­rung, Dis­tri­bu­ti­on von und des Zugangs zum gesell­schaft­li­chen Wis­sen aus­ein­an­der­ge­setzt hat­ten. Mein The­ma dies­mal ist die Kom­ple­xi­tät des Frie­dens­pro­zes­ses in Kolum­bi­en. Dabei ist mir voll­kom­men bewusst, wel­ches Risi­ko ich ein­ge­he. Als Aus­län­der, hier in Kolum­bi­en, vor einer Zuhö­rer­schaft, die zwar in ers­ter Linie inter­na­tio­nal zusam­men­ge­setzt ist, bei denen aber zwei­fel­los von einer nicht gerin­gen Anzahl kolum­bia­ni­scher Teil­neh­mer aus­zu­ge­hen ist, über Kolum­bi­en zu spre­chen, mag als anma­ßend emp­fun­den wer­den. Ich fah­re also dies­mal mit einer gehö­ri­gen Por­ti­on Selbst­zwei­fel nach Medel­lin. Wird man sich nicht viel­leicht fra­gen: was bil­det der sich eigent­lich ein, als Aus­län­der, als Euro­pä­er, hier in Kolum­bi­en, einen Vor­trag über unser eige­nes Land zu hal­ten und mög­li­cher­wei­se zu glau­ben, uns etwas erzäh­len zu kön­nen, was wir nicht viel bes­ser wüss­ten? Nun, mit einer sol­chen Reak­ti­on muss ich rech­nen. Aber ich habe Grün­de. Und viel­leicht gelingt es mir, die Moti­va­ti­on für das, was ich in Medel­lin tun wer­de, ver­ständ­lich zu machen. Denn, das ist den Lesern die­ses Blogs natür­lich schon klar, Kolum­bi­en ist mir wirk­lich eine Her­zens­an­ge­len­gen­heit.

Seit mehr als 30 Jah­ren beob­ach­te ich die Gescheh­nis­se in die­sem Land, habe unter­schied­li­che Peri­oden des Kon­flik­tes mit­er­lebt, die Gewalt­ex­zes­se der 80er und 90er Jah­re, unter­schied­li­che Stra­te­gi­en mit dem Kon­flikt umzu­ge­hen, habe die mehr­fa­chen Bemü­hun­gen um Frie­den bzw. Befrie­dung unter ver­schie­de­nen Prä­si­den­ten, von Betan­cour über Pastra­na, Uri­be und nun San­tos erlebt, die mit ihnen ver­bun­de­nen Hoff­nun­gen, die Ent­täu­schun­gen über ihr Schei­tern, das Miss­trau­en, die Hoff­nung und das Erar­bei­ten neu­er Ansät­ze. Mei­ne fami­liä­ren Bin­dun­gen machen es mir mög­lich, an sehr unter­schied­li­chen Dis­kur­sen zu par­ti­zi­pie­ren. Und ich kann mir vor­stel­len, dass es nicht ganz unin­ter­es­sant für Kolum­bia­ner sein könn­te, zu erfah­ren, wie dies alles von außen gese­hen und gedeu­tet wird.

Nach­dem ich mich mehr in die Ver­ein­ba­run­gen von Havan­na ver­tieft hat­te, das Desas­ter des Ple­bis­zits vom 2. Okto­ber erlebt habe und die nach wie vor andau­ern­de Pola­ri­sie­rung der kolum­bia­ni­schen Gesell­schaft in die­ser Fra­ge mit anse­hen muss, war mir klar gewor­den, dass es sich hier um einen außer­or­dent­lich hoch­kom­ple­xen Pro­zess einer gesell­schaft­li­chen Ent­wick­lung han­delt, der von einer Wis­sen­schafts­dis­zi­plin, wie der Sozio­ky­ber­ne­tik, unwill­kür­lich als Her­aus­for­de­rung betrach­tet wer­den muss. Es sind vor allem zwei Punk­te, die mich moti­viert haben, die­sen Bei­trag zu hal­ten: Ers­tens die Über­zeu­gung, dass die Sozio­ky­ber­ne­tik eine Wis­sen­schaft ist, die ihr Wis­sen über den Umgang mit Kom­ple­xi­tät, ihre Theo­ri­en und Metho­den in die­sen Pro­zess ein­brin­gen soll­te, in wel­cher Wei­se auch immer. Das was in Kolum­bi­en als “Poscon­flic­to”, in Fach­krei­sen aber prä­zi­se­rer als “Posa­cuer­do” bezeich­net wird, ist in Tei­len eine kon­kre­te Anwen­dung des­sen, was in der Poli­tik­wis­sen­schaft als “Tran­si­tio­nal Jus­ti­ce” the­ma­ti­siert wird, eine der aus mei­ner Sicht anspruchs­volls­ten Her­aus­for­de­run­gen, die Fra­ge der Kom­ple­xi­tät anzu­ge­hen. Hier kann die sozio­ky­ber­ne­ti­sche For­schung ihre Ana­ly­se- und Pro­blem­lö­sungs­fä­hig­keit erwei­sen.

Aber es geht nicht nur dar­um, sozio­ky­ber­ne­ti­sche Theo­ri­en und Metho­den für den schwie­ri­gen gesell­schaft­li­chen Pro­zess der nächs­ten Jah­re und Jahr­zehn­te zur Ver­fü­gung zu stel­len, son­dern auch umge­kehrt, aus den Erfah­run­gen, die man in den nächs­ten zehn Jah­ren hier in Kolum­bi­en machen wird, das Wis­sen über Tran­si­tio­nal-Jus­ti­ce-Pro­zes­se zu ver­tie­fen.

Ein wei­te­rer Punkt ist das inter­na­tio­na­le Selbst­ver­ständ­nis unse­rer wis­sen­schaft­li­chen Arbeit und lässt sich in einen direk­ten Bezug zu dem Kap­tel 6 des Frie­dens­ver­tra­ges brin­gen. In die­ser Ver­trags­kom­po­nen­te erklä­ren bei­de Ver­trags­par­tei­en, dass für die Eta­ble­rung eines sta­bi­len und dau­er­haf­ten Frie­dens die Ein­be­zie­hung inter­na­tio­na­ler Beob­ach­ter und Bera­ter sinn­voll und not­wen­dig ist. Es wur­den eine Rei­he von Mecha­nis­men einer der­ar­ti­ge inter­na­tio­na­len Kom­po­nen­te ver­ein­bart. Dar­über­hin­aus ist allen Betei­lig­ten aber klar, dass nicht nur die offi­zi­el­len Insti­tu­tio­nen, wie UNO, Signartar­mäch­te (Cuba und Nor­we­gen) oder ein­zel­ne Län­der, die sich für den Frie­den enga­gie­ren (EU, USA, u.a.), son­dern auch die Unter­stüt­zung der welt­wei­ten Zivil­ge­sell­schaft, der Akti­vis­ten für Men­schen­rech­te, Umwelt und Frie­den, wich­tig ist. Das Glei­che gilt auch für die Wis­sen­schaft, die einen wich­ti­gen Bei­trag leis­ten kann und soll­te. Ein Bei­spiel könn­te das neu­ge­grün­de­te kolum­bia­nisch-deut­sche Insti­tut für den Frie­den sein, dass in Bogo­tá sei­nen Sitz haben wird und noch in die­sem Jahr mit For­schungs- und Bera­tungs­ar­bei­ten begin­nen soll.

Was mei­nen Vor­trag in Medel­lin betrifft, so kann ich zunächst nicht mehr viel mehr tun, als dafür zu apel­lie­ren, unse­re sozio­ky­ber­ne­ti­schen Kapa­zi­tä­ten zur Ver­fü­gung zu stel­len, um einen Bei­trag für die Umset­zung des kolum­bia­ni­schen Frie­dens­pro­zess zu leis­ten. Zunächst sehe ich dafür drei Punk­te: Ers­tens Erhe­bun­gen, Unter­su­chun­gen und Ana­ly­sen bezüg­lich der Kom­ple­xi­tät des Kon­flik­tes selbst, zwei­tens die Ope­ra­tio­na­li­sie­rung der ein­zel­nen Inhal­te des Frie­dens­ab­kom­mens und drit­tens Eva­lu­ie­run­gen hin­sicht­lich der Imple­men­ta­ti­on der ver­ein­bar­ten Zie­le, der Schrit­te zur Ben­di­gung des bewaff­ne­ten Kon­flik­tes und der Eta­blie­rung einer “Post-Kon­flikt Gesell­schaft”.

Die Frage der Gewalt

Wer nach Kolum­bi­en reist oder dort wohnt muss damit leben, stän­dig einem Wech­sel­bad der Gefüh­le aus­ge­setzt zu sein. Wäh­rend uns einer­seits die atem­be­rau­ben­de Schön­heit des Lan­des und die Lie­bens­wür­dig­keit sei­ner Bewoh­ner, die Viel­falt der Natur, der Eth­ni­en und der Kul­tu­ren fas­zi­niert, wer­den wir gleich­zei­tig Zeu­gen von Men­schen­rechts­ver­let­zun­gen und sozia­ler Gewalt, die nicht nur die Besu­cher aus Euro­pa oft in tie­fer Bestür­zung zurück las­sen. Seit fast einem hal­ben Jahr­hun­dert berei­se ich die­ses Land, und seit eini­gen Jah­ren leben Con­stan­za und ich zeit­wei­se in Bogo­tá. Ohne jeden Zwei­fel habe ich die­ses Land lie­ben gelernt. Aber die­se eigen­tüm­li­che Wider­sprüch­lich­keit zwi­schen Lie­be und Gewalt gibt mir bis heu­te Rät­sel auf. Und das, obwohl die Lite­ra­tur über die Gewalt in Kolum­bi­en mitt­ler­wei­le gan­ze Biblio­the­ken fül­len könn­te. Her­vor­zu­he­ben sind vor allem zwei Arbei­ten: zum einen die von G. Guz­man; O. Falls Bor­da & E. Umaña Luna “La Vio­len­cia en Colom­bia” (1962), die sich mit der Pha­se des Bür­ger­krie­ges in den 50er Jah­ren beschäf­tigt und die mitt­ler­wei­le als Klas­si­ker der kolum­bia­ni­schen Sozio­lo­gie gilt. Bei der ande­ren Arbeit han­delt es sich um die 1987 von der “Comi­sión de Estu­di­os la Vio­len­cia” her­aus­ge­brach­te Stu­die “Colom­bia: Vio­len­cia y Demo­cra­cia”. Sie eröff­ne­te eine wah­re Flut von sozio­lo­gi­schen Arbei­ten über die Gewalt in Kolum­bi­en, so dass in der kolum­bia­ni­schen Sozio­lo­gie schon von einer “Vio­len­to­lo­gia” gespro­chen wird.

Der Jus­tiz­pa­last in Bogo­tá: Ein Sym­bol für die gewalt­vol­le Ver­gan­gen­heit

Wer sich auch nur ansatz­wei­se mit die­ser Fül­le von Lite­ra­tur beschäf­tigt, droht in Kom­ple­xi­tät unter­zu­ge­hen. Die Schwie­rig­keit beginnt bereits mit der Beschrei­bung von Tätern und Opfern. Der gegen­wär­ti­ge Dis­kurs des “Post-Con­flic­to” behan­delt vor­ran­gig die Rebel­li­on der FARC. Aber die Situa­ti­on ist viel kom­pli­zier­ter, weil eine Rei­he ande­rer Akteu­re in den Gewalt­pro­zess invol­viert sind: Dro­gen-Kar­tel­le, ande­re Gue­ril­la-Grup­pen, wie die ELN, eine gan­ze Rei­he von rechts­ex­tre­mis­ti­schen para­mi­li­tä­ri­schen Grup­pen, und selbst­ver­ständ­lich eine Rei­he von Akteu­ren, die nicht sicht­bar sind, die nicht direkt an den bewaff­ne­ten Aus­ein­an­der­set­zun­gen betei­ligt sind, die aber eine gewis­se Ver­ant­wor­tung tra­gen für das was gesche­hen ist und immer noch geschieht. Und auch auf der Sei­te der Opfer und Betroff­nen steht man vor einer schier unend­lich erschei­nen­den Kom­ple­xi­tät: denn immer geht es ja um spe­zi­fi­sche Bezie­hun­gen zwi­schen den Tätern und den Opfern. War­um und in wes­sen Inter­es­se wur­den gera­de bestimm­te Per­so­nen als Opfer aus­ge­wählt? Wel­che Vor­ge­schich­te ist zu berück­sich­ti­gen? Wel­che Regio­nen sind in beson­de­rer Wei­se betrof­fen und wel­che nicht? Wel­che Stra­te­gi­en wer­den von den ver­schie­de­nen Akteu­ren ver­folgt und wel­che Rol­le spie­len die­se für die poli­ti­schen Ver­su­che einer Befrie­dung?

Und nicht zu ver­ges­sen ist die Fra­ge nach den gesell­schaft­li­chen Kon­se­quen­zen, die der Kon­flikt hat­te und noch immer hat. Wel­chen Ein­fluss hat die Bereit­schaft, Gewalt ein­zu­set­zen, um poli­ti­schen Ein­fluss zu neh­men  auf die öffent­li­che Mei­nung, auf die Frei­heit der Pres­se und des Rechts- und Jus­tiz­sys­tems, auf die Ver­samm­lungs­frei­heit, auf die freie gewerk­schaft­li­che Betä­ti­gung in den Betrie­ben, auf die Ent­ste­hung und die Ent­fal­tungs­mög­lich­kei­ten sozia­ler Pro­test­be­we­gun­gen. In wel­cher Wei­se hat der Kon­flikt die Sta­bi­li­tät der Zivil­ge­sell­schaft beein­träch­tigt sowie die von Umwelt, Wirt­schaft, Poli­tik., aber auch auf die Fra­ge der Anwen­dung intra­fa­mi­liä­rer Gewalt und Gen­der­ge­walt. Erst das Zusam­men­wir­ken all die­ser Fak­to­ren kann die Basis sein für die Ver­su­che, so etwas wie eine “Land­kar­te des Kon­flik­tes” zu zeich­nen. Mit die­ser “Land­kar­te” lässt sich dann der nächs­te Schritt voll­zie­hen,  die ver­schie­de­ne Bestand­tei­le des Frie­dens­ab­kom­mens dar­auf zu bezie­hen.

Die Ein­stel­lung der kon­ser­va­ti­ven Eli­te zum Frie­dens­pro­zess, deren erbit­ter­ter Wider­stand und das Desas­ter des Ple­bis­zits vom 2. Okto­ber 2016 gibt der Fra­ge nach der Rol­le von Gewalt im Spiel der poli­ti­schen Kräf­te eine neue Bri­sanz. Denn könn­te es sein, dass sich die­se Kräf­te bei den anste­hen­den Wah­len im Jahr 2018 durch­set­zen kön­nen? Was wird dann gesche­hen? Wie kann es über­haupt sein, dass ein Land, dass so lan­ge unter einem erbit­ter­ten Bür­ger­krieg gelit­ten hat, sich zu 50% dafür aus­spricht, den Krieg wei­ter­zu­füh­ren? Wie kann der Hass so groß sein, dass die Mehr­heit der Bevöl­ke­rung nicht bereit ist, end­lich einen Schluss­strich zu zie­hen? Wie kann in einem katho­li­sche Land das Bedürf­nis nach Ver­gel­tung grö­ßer sein als nach Ver­ge­bung? Wie kann die Angst vor gesell­schaft­li­cher Ver­än­de­rung so groß sein, dass bestimm­te Krei­se kei­ne Skru­pel haben, Gewalt als pro­ba­tes Mit­tel anzu­se­hen, dies zu ver­hin­dern anstatt sie in einem gesell­schaft­li­chen Dia­log gemein­sam zu gestal­ten? Ein in Bonn leben­der Kolum­bia­ner hat ein­mal sein Hei­mat­land im Schmerz über die dor­ti­gen Ereig­nis­se als “Locom­bia” bezeich­net. Und in der Tat trifft die­se Bezeich­nung ganz gut die ers­te spon­ta­ne Reak­ti­on vie­ler Kolum­bia­ner auf das, was gegen­wär­tig dort geschieht: ver­rückt. So ähn­lich hat­te es auch schon Anto­nio Nari­ño, der ers­te Prä­si­dent des 1810 tem­po­rär von den Spa­ni­ern befrei­ten Gebie­tes auf dem Ter­ri­to­ri­um des dama­li­gen “Vize­kö­nig­rei­ches Neu­gra­na­da” aus­ge­drückt, als er ange­sichts der Zer­strit­ten­heit der repu­bli­ka­ni­schen Kräf­te, die sich unge­ach­tet der vor­rü­cken­den spa­ni­schen Trup­pen sogar einen Bür­ger­krieg zwi­schen Zen­tra­lis­ten und Föde­rals­ten leis­te­ten, vom “Patria Boba” (när­ri­sches Vater­land) gespro­chen hat. Wil­liam Ospi­na, eine bekann­ter kolum­bia­ni­scher Schrift­stel­ler, beklagt in sei­ner Kolum­ne in “El Espec­ta­dor” zwei Wochen nach dem desas­trö­sen Ergeb­nis des Refe­ren­dums 2016: “Nun­ca se había vis­to una situación más incom­pren­si­ble: la guer­ril­la quie­re dejar de hacer la guer­ra, y los due­ños del país no se ponen de acuer­do para acep­tar­lo.“

Für den euro­päi­schen Beob­ach­ter ist das alles nur sehr schwer zu ver­ste­hen. Man muss tief in die His­to­rie und die Sozio­lo­gie des Lan­des ein­tau­chen, um einen Zugang zu die­ser Fra­ge zu gewin­nen. Und dies ist in der Tat auch der Ansatz, den die meis­ten sozio­lo­gi­schen Stu­di­en für ihren Erklä­rungs­ver­such wäh­len (vgl. F.E. Gon­zá­les Gon­zá­les: Poder y Vio­len­cia en Colom­bia. Bogo­tá 2014: CINEP). Und dabei wird immer wie­der eine Fra­ge gestellt: Könn­te es nicht sein, dass die kolum­bia­ni­sche Gesell­schaft durch ihre gewalt­vol­le Geschich­te eine Art “Kul­tur der Gewalt” her­aus­ge­bil­det hat, in der die Anwen­dung von Gewalt zur Durch­set­zung von Macht eine unhin­ter­frag­ba­re Opti­on dar­stellt? Könn­te es sein, dass sich die gewalt­vol­len Ereig­nis­se der Ver­gan­gen­heit so stark in das kul­tu­rel­le his­to­ri­sche Gedächt­nis der Gesell­schaft ein­ge­brannt haben, dass dies Aus­wir­kun­gen auf die Art und Wei­se hat, Kon­flik­te und Inter­es­sens­wi­der­sprü­che aus­zu­tra­gen?  (vgl. E. Ser­ra­no: ¿Por que fra­ca­sa Colom­bia? Deli­ri­os de una Nación que se des­co­no­ce a sí mis­ma. Bogo­tá 2016: Edi­to­ri­al Pla­ne­ta; oder auch: M. Koessl: Gewalt und Habi­tus. Para­mi­li­ta­ris­mus in Kolum­bi­en. Münster:Lit-Verlag)  Der­fran­zö­si­sche Sozio­lo­ge Pierre Bour­dieu hat hier­für den Begriff des “Habi­tus” ver­wen­det, auf den ich spä­ter (in einem mei­ner nächs­ten Bei­trä­ge) noch ein­mal detail­lier­ter zurück­kom­men wer­de.

An die­ser Fra­ge ent­zün­den sich immer wie­der äußerst kon­tro­ver­se Debat­ten. Sicher­lich lässt sich nicht leug­nen, dass in 70 Jah­ren bewaff­ne­ter Aus­ein­an­der­set­zun­gen in gewis­ser Wei­se eine Gewöh­nung an die­sen per­ma­nen­ten Zustand von Gewalt statt­ge­fun­den hat, so dass für vie­le Kolum­bia­ner der Gedan­ke,  ohne die­sen Zustand zu leben, kei­ne so gro­ße Bedeu­tung  besitzt. Aber — das muss jedoch hin­zu­ge­fügt wer­den — trifft dies mit Sicher­heit nicht auf die­je­ni­gen Men­schen zu, die in den umkämpf­ten Gebie­ten unmit­tel­bar betrof­fen sind. Für sie — und das erfährt man immer wie­der in Gesprä­chen auf dem Lan­de oder mit Ver­trie­be­nen in den Städ­ten, kann der Krieg kein Zustand sein, an den man sich in irgend­ei­ner Wei­se gewöh­nen könn­te. Denn immer­hin han­delt es sich um einen Zustand per­ma­nen­ter Lebens­be­dro­hung. Die Bewoh­ner der gro­ßen Städ­ten, die den Krieg vor allem über die Medi­en erfah­ren haben (und zum Teil durch Ein­schrän­kung ihrer Rei­se­frei­heit), mögen dies jedoch anders sehen. Es ist schwer zu ver­ste­hen, wie indif­fe­rent man­che Kolum­bia­ner die­ser so wich­ti­gen Zukunfts­fra­ge ihres Lan­des gegen­über­ste­hen. Es ist ein merk­wür­di­ger Defä­tis­mus, der einem da ent­ge­gen­ge­bracht wird, ohne den Glau­ben an die Mög­lich­keit, die Zukunft des Lan­des gestal­ten zu kön­nen. Und oft fehlt sogar der Wil­le dazu.

Ich tref­fe immer wie­der auf Leu­te, für die es aus­ge­macht ist,  dass der Frie­dens­pro­zess nicht klap­pen wird. War­um? Weil es schon immer so gewe­sen wäre und weil kein Ver­lass sei auf die Poli­ti­ker und der FARC sowie­so nicht trau­en sei. Und über­haupt wür­de die Kor­rup­ti­on im Lan­de schon alle Ansät­ze für eine Ver­än­de­rung von vorn­her­ein zunich­tema­chen. Die­se resi­gna­ti­ve Hal­tung wird aber noch über­trof­fen von einer expli­zi­ten ver­schwö­rungs­theo­re­tisch begrün­de­ten Ableh­nung, nach der die San­tos-Regie­rung das Land auf einen kom­mu­nis­ti­schen Weg füh­ren will, unter­stützt von einem kom­mu­nis­tisch unter­wan­ter­ten Kon­gress, beglei­tet von Juris­ten, die in ihrer Aus­bil­dung durch lin­ke Hoch­schul­leh­rer indok­tri­niert wur­den. Die­ses Bild wird von den ultra­rech­ten Kräf­ten um Exprä­si­dent Uri­be gezeich­net und man ist erstaunt, wie oft es einem ent­ge­gen­ge­hal­ten wird von Per­so­nen, die man eigent­lich als durch­aus nüch­tern den­kend gekannt hat­te. Die Wochen­zeit­schrift Sema­na berich­tet, dass angeb­lich die Hälf­te aller Kolum­bia­ner glau­ben, dass das Land sich in Gefahr befin­det, ein “neu­es Vene­zue­la” zu wer­den. Vor einem Jahr hat­te Uri­be das “Gespenst des Cas­tro­cha­vis­mus” an die Wand gemalt und damit — wie bereits berich­tet — das Ple­bis­zit vom 2. Okto­ber nicht uner­heb­lich beein­flus­sen kön­nen.

Die unter­schied­li­che Betrof­fen­heit mag das gro­ße Land-Stadt-Gefäl­le bei der Fra­ge der Zustim­mung zum Frie­dens­b­kom­men erklä­ren. Aber die­se Beschrei­bung beant­wor­tet noch nicht die gestell­te Fra­ge. In einem mei­ner nächs­ten Bei­trä­ge wer­de ich ver­su­chen, die­se Fra­ge zu ver­tie­fen.

Quibdo

Seit eini­gen Tagen befin­den wir, Con­stan­za und ich, uns in Quib­do, der Haupt­stadt des Depar­ta­ment­os Cho­co. Wir besu­chen Ursu­la Holz­ap­fel und Ulli Koll­witz. Mit bei­den haben wir im Ver­ein Wis­sens­kul­tu­ren e.V. in den letz­ten Jah­ren meh­re­re Ver­an­stal­tun­gen zu Kolum­bi­en ins­be­son­de­re zur Situa­ti­on im Cho­co, durch­ge­führt. Nun haben wir es end­lich geschafft, der Ein­la­dung nach Quib­do fol­gen zu kön­nen. Con­stan­za und ich waren vor vie­len Jah­ren — es war in den 80er des vori­gen Jahr­hun­derts — schon ein­mal für ein paar Tage in Quib­do und waren gespannt, was sich seit die­ser Zeit ver­än­dert hat. Ich habe in Erin­ne­rung, dass die Stadt aus einer Viel­zahl von Holz­häu­sern bestand, die dem häu­fi­gen Regen in die­ser Regi­on aus­ge­setzt waren. Dies kist heu­te anders. Vie­le Stein­bau­ten sind an die Stel­le der Holz­häu­ser getre­ten. Und auch die Kathe­dra­le, der damals noch die bei­den Tür­me fehl­ten, ist in der Zwi­schen­zeit voll­endet wor­den. Zwar sind die Tür­me wesent­lich nied­ri­ger als ursprüng­lich geplant, aber immer­hin hat die Kathe­dra­le nun ihre bei­den Turm­ab­schlüs­se.

Uli, Con­stan­za, Ursu­la und Micha­el in Quib­do (vlnr)

Geblie­ben ist die Armut. Aber die eigent­lich tief­grei­fen­den Ver­än­de­run­gen gegen­über des Jah­res 1986 haben sich als Fol­ge des bewaff­ne­ten Kon­flikts erge­ben. Ich erin­ne­re mich, dass Mit­te der 80er Jah­re kaum ein Haus trotz der gro­ßen Armut abge­schlos­sen war. Die Türen stan­den offen und dems­nest­pre­chend waren auch die sozia­len Bezie­hun­gen. Die bewaff­ne­ten Kon­flik­te im Cho­co, der was die Boden­schät­ze betrifft zu den reichs­ten Gebie­ten Kolum­bi­ens gehört, aber was die sozia­le Struk­tur betrifft, zu den ärms­ten. Das war auch schon in den 80er Jah­ren so, aber mitt­ler­wei­le ist das Pro­blem der Vetrie­be­nen dazu­ge­kom­men.

Vom 24. bis 27. Febru­ar 1997, also kurz vor Beginn der Frie­dens­ver­hand­lun­gen zwi­schen der dama­li­gen Regie­rung unter Andrès Pastra­na und der FARC, die dann spä­ter zum lei­der sehr brü­chi­gen Waf­fen­still­stand von ““El Caguán” führ­ten, hat das kolum­bia­ni­sche Mili­tär in Koope­ra­ti­on mit para­mi­li­tä­ri­schen Ver­bän­den die soge­nann­te Ope­ra­ción Gene­sis im Gebiet um Rio Sucio am Rio Atrato, neben dem Rio Mag­da­le­na und dem Rio Cau­ca eines der größ­ten Flüs­se Kolum­bi­ens, durch­ge­führt. Ziel war es, die Fren­te 57 der FARC-EP zu zer­stö­ren. Die Ope­ra­ti­on wur­de mit gro­ßer Här­te und — wie nicht anders zu erwar­ten, wenn Para­mi­li­tärs betei­ligt sind, goßer Bru­ta­li­tät durch­ge­führt. Die meis­ten Opfer waren, wie meis­tens in sol­chen Fäl­len, Zivi­lis­ten, die mit dem bewaff­ne­ten Kon­flikt nichts zu tun hat­ten. Aber auch schon zu die­sem Zeit­punkt gehör­te es zur Stra­te­gie der kolum­bia­ni­schen Regie­rung, die Zivil­be­völ­ke­rung, denen man eine Unter­stüt­zung der FARC unter­stell­te, ein­zu­schüch­tern, um so die Gue­ril­la von ihrer angeb­li­chen oder tat­säch­li­chen sozia­len Basis auf dem Lan­de zu tren­nen. Ins­ge­samt wur­den ca. 3.500 Men­schen von ihrem Land ver­trie­ben. 2013 wur­de Kolum­bi­en wegen der mas­si­ven Men­schen­rechts­ver­let­zun­gen wäh­rend der “Ope­ra­ción Gene­sis” vom inter­ame­ri­ka­ni­schen Gerichts­hof ver­ur­teilt. Doch Frie­den ist seit die­ser Zeit im Cho­co nicht mehr ein­ge­kehrt. Zwar wur­de das mili­tä­ri­sche Ziel einer Zer­schla­gung der FARC nicht erreicht, aber die Ope­ra­ti­on ermög­lich­te das Ein­si­ckern grö­ße­rer para­mi­li­tä­ri­scher Ver­bän­de in den Cho­co. Die­se Inva­si­on hat vor allem in den Jah­ren zwi­schen 1997 und 2004 statt­ge­fun­den. Seit die­ser Zeit kommt die Regi­on nicht mehr zur Ruhe. Die klei­ne Kapel­le neben der Kathe­dra­le in Quib­do gibt mit der errich­tung von Gedenk­ta­feln aller Opfer ein auf­schluss­rei­ches Zeug­nis von der Viel­zahl der Men­schen­rechts­ver­let­zun­gen, die sich hier zuge­tra­gen haben (Vgl. auch die detail­lier­te Stu­die von U. Holz­ap­fel & U. Koll­witz: 40 Años de Con­flic­to en el Alto y Medio Atrato. Dióce­sis de Quib­do, 2014).

Gedenk­ta­fel für die Opfer des Kon­flik­tes im Cho­co

Wir haben heu­te mit Ursu­la und Ulli ein Vier­tel besucht, dass vor vie­len Jah­ren mit Hil­fe spa­ni­scher Gel­der als ein “pro­vi­so­ri­sches Bar­rio für die Ver­trie­be­nen errich­tet wur­de. Es heißt “Vil­la España”. Ursu­las und Ulis Anwe­sen­heit ermög­lich­te uns einen Zugang zu den Men­schen und ihren Pro­ble­men, den wir sonst selbst­ver­ständ­lich nie gewon­nen hät­te. Ein immer wie­der­keh­ren­des The­ma bei den Gesprä­chen war die Fra­ge der Gewalt. Die Tra­gik vie­ler Fami­li­en besteht dar­in, dass nach dem Ver­lust des Vaters oder der Mut­ter durch bewaff­ne­te Grup­pen und der anschlie­ßen­den Ver­trei­bung der ver­blie­be­nen Fami­lie, die Kin­der in einer äußerst prä­ke­ren sozia­len Situa­ti­on auf­wach­sen müs­sen. Vater oder Mut­ter sind tags­über nicht zu Hau­se, weil sie arbei­ten, die Kin­der haben nach der Schu­le wenig Frei­zeit­be­schäf­ti­gungs­mög­lich­kei­ten. Feh­len­de Zuwen­dung bei Jugend­li­chen wird von para­mi­li­tä­ri­schen Grup­pen syte­ma­tisch aus­ge­nutzt. Sie umwer­ben die Jugend­li­chen für eine akti­ve Mit­ar­beit bei ihnen, sie ver­mit­teln ihnen ein Gefühl der Auf­merk­sam­keit, per­sön­li­cher Zuwen­dung und indi­vi­du­el­ler Bedeu­tung. So wer­den die Jugend­li­chen in einen Kreis­lauf der Gewalt hin­ein­gez­pgen, dem die Fami­li­en durch ihre Flucht eigent­lich ent­ge­hen woll­te.

Vil­la España”: Bar­rio der Ver­trie­be­nen

Den Jugend­li­chen auf dem Lan­de eine Per­spek­ti­ve zu geben, ist somit einer der vor­ran­gis­ten Auf­ga­ben, um Frie­den tat­säch­lich zu ver­an­kern. Die Diö­ze­se Quib­do und ande­re kirch­li­che Orga­ni­sa­tio­nen aber auch eine Rei­he von NGOs bemü­hen sich, sol­che Per­spek­ti­ven auf­zu­bau­en. Wir haben uns ent­schlos­sen, auch einen beschei­de­nen Bei­trag dazu zu leis­ten und wer­den in Zukunft ein klei­nes Pro­jekt der Funda­ci­on Mara­ju­e­ra unter­stüt­zen. Die­se Funda­ción hat sich zum Ziel gesetzt, die Kin­der nach der Schu­le von der Stra­ße zu holen, ihnen zusätz­li­che Kunst- und Sport­ak­ti­vi­tät zu ermög­li­chen. Für den Kunst­un­ter­richt wur­de ein klei­nes Häus­chen gemie­tet und für den Sport­un­ter­richt wird stun­den­wei­se ein Kunst­ra­sen­platz ange­mie­tet. Das ist der ein­zi­ge Kunst­ra­sen­platz in ganz Quib­do, abso­lu­ter Luxus, der sich mit sei­nem strah­len­den Grün aus dem grau­en Bild der Stadt mit sei­nen Schot­ter­stra­ßen, luft­ver­pes­ten­den Motor­rad­fah­rern, oft nur müh­sam zusam­men­ge­hal­te­nen Holz­häu­sern, Staub und Müll, wie ein Sma­ragd her­aus­hebt. Ulli woll­te es kaum glau­ben, dass es die­sen Platz gibt, und dann noch ganz in der Nähe die­ses Pro­blem­vier­tels. Aber es gibt ihn und es ist ein­fach toll, wie die Kin­der Besitz davon ergrei­fen.

Es ist so ermu­ti­gend zu sehen, mit wel­cher Freu­de und Begeis­te­rung die­se Kin­der das beschei­de­ne Ange­bot, das wir ihnen hier machen kön­nen, anneh­men und wie ent­schlos­sen sie sind, die­se klit­ze­klei­ne Chan­ce, die sich ihnen hier bie­tet, zu ergrei­fen. Die­se Moti­va­ti­on zu sehen stärkt den Opti­mis­mus: Ja, DAS ist die Zukunft des Lan­des. Die­se lachen­den, lär­men­den und die Zukunft her­aus­for­dern­den Kin­der wer­den es bes­ser machen.

Gleich­zei­tig weiß man natür­lich ganz genau, dass das so nicht sein wird. Man weiß von den Struk­tu­ren, in denen die­se Kin­der auf­wach­sen, und man weiß von den Zwän­gen, denen sie sich, je älter sie wer­den, immer mehr beu­gen (müs­sen?). Vie­les von dem hier zu sehen­den Opti­mis­mus wird auf der Stre­cke blei­ben. Das Lachen wird in vie­len Fäl­len der Ent­täu­schung, Ver­bit­te­rung und Trau­rig­keit wei­chen. Und den­noch: das ist ja nicht vor­her­be­stimmt. Wer weiß? Die Zukunft ist offen. Und das wie­der­um moti­viert, zu hel­fen, wo es geht.

Es ist ja nur ein Trop­fen auf den hei­ßen Stein, was wir ihnen bie­ten kön­nen, aber unse­re Hoff­nung ist, dass die­ser Trop­fen dazu bei­tra­gen kann, einen Teil der Kin­der von der Stra­ße zu holen, wo sie der Spi­ra­le der Gewalt aus­ge­setzt sind. Es ist ja so unend­lich trau­rig mit anzu­se­hen, wie Kin­der, deren Väter von den Para­mi­li­ta­res, der Gue­ril­la oder der Poli­zei ermor­det wur­den, und die in die­sen hoff­nungs­lo­sen Bar­ri­os der Ver­trie­be­nen auf­ge­wach­sen sind, ver­su­chen ihr Glück dadurch zu erzwin­gen, dass sie genau zu der­je­ni­gen Gewalt grei­fen, die sie in die­se Lage gestürzt hat. Wenn es gelingt, ein wenig dazu bei­zu­tra­gen, die­se Spi­ra­le zu durch­bre­chen, dann ist es gut.

Das was hier durch pri­va­te Hil­fe ermög­licht wird, soll­te eigent­lich eine genui­ne Auf­ga­be des Staa­tes sein. Aber wenn man das hier sagt, ern­tet man nur trot­zi­ges Lachen. Hier ver­schwin­den nicht nur die Steu­er­gel­der (die natür­lich auch) son­dern selbst die Hilfs­gel­der des UNHCR in den Taschen kor­rup­ter Poli­ti­ker, die manch­mal ganz offen zuge­ben, dass die per­sön­li­che Berei­che­rung eines der Moti­ve war, Poli­ti­ker gewor­den zu sein. Hmm, da bleibt nicht nur ein bit­te­rer Nach­ge­schmack, son­dern auch ein Zwei­fel des Sozio­lo­gen an der All­ge­mein­gül­tig­keit des Codes des poli­ti­schen Sys­tems in einer funk­tio­nal dif­fe­ren­zier­ten Gesell­schaft.

Bodyguards der Armen

Wer in Bogo­tá lebt ent­wi­ckelt eine ande­re Sen­si­bi­li­tät für Gefah­ren, die einem von Per­so­nen mit unlau­te­ren Absich­ten dro­hen kön­nen, als jemand, der in Bonn lebt. Zwei­fel­los wird auch in Bonn bei einem nächt­li­chen Fuß­weg von einer Par­ty nach Hau­se die Auf­merk­sam­keit gestei­gert, wenn man Schrit­te in sei­ner Nähe hört. Aber solan­ge die kör­per­ei­ge­nen Alarm­sen­so­ren nicht außer­ge­wöhn­li­che Bewe­gun­gen des Ande­ren mel­den, die man — zu Recht oder zu Unrecht — als beun­ru­hi­gend wer­tet, bleibt man doch rela­tiv gelas­sen. In Bogo­tá ist das etwas anders. Schon tags­über mel­den die Sen­so­ren sofort, wenn eine Per­son sich zu nah befin­det, zu lan­ge hin­ter einem her­geht oder um Aus­kunft nach einer Adres­se bit­tet. Freund oder Feind? Die­se Fra­ge schießt einem in sekun­den­schnel­le durch den Kopf. Auch hier stellt sich die Situa­ti­on in den meis­ten Fäl­le als harm­los her­aus, aber die Sen­si­bi­li­tät ist erheb­lich gestei­gert. Das betrifft mitt­ler­wei­le auch Fahr­ten mit dem Auto und selbst­ver­ständ­lich auch Besu­cher an der eige­nen Woh­nung.

Je nach Mög­lich­kei­ten und sozia­ler Klas­sen­la­ge ver­su­chen die Bogo­ta­ner sich dar­auf ein­zu­stel­len und haben ent­spre­chen­de Schutz­me­cha­nis­men ent­wi­ckelt. Die Rei­chen ver­bar­ri­ka­die­ren sich, mau­ern und zäu­nen sich ein, las­sen sich durch Body­guards beglei­ten, manch­mal sogar in einer mar­tia­lisch erschei­nen­den Kolon­ne von schwe­ren, mit Pan­zer­glas ver­stärk­ten und Sicht­blen­den ver­se­he­nen und meist schwarz lackier­ten Fahr­zeu­gen, den “car­ros blind­ados”. In den öffent­li­chen Gebäu­den, Ein­kaufs­zen­tren und Plät­zen patroul­liert — zusätz­lich zum Wach­per­so­nal an den Ein­gän­gen — “per­so­nal de segu­ri­dad” mit spe­zi­ell aus­ge­bil­de­ten Hun­den, Deut­sche Schä­fer­hun­de, Dober­mans, Rott­wei­ler. Hun­de gibt es sehr vie­le in Bogo­tá. Und auch hier teilt sich die Stadt in Nord (die rei­che­ren Stadt­ge­bie­te) und Süd (die ärme­ren Stadt­vier­tel). Im Nor­den gehö­ren die soge­nann­ten Hun­de­aus­füh­rer mitt­ler­wei­le zum Stadt­bild. Das sind Per­so­nen, die sich ein paar Pesos dadurch ver­die­nen, dass sie die Hun­de der Rei­chen aus­füh­ren. Und zwar im Rudel, manch­mal um die zwan­zig Hun­de, ver­schie­de­ner Grö­ßen und Ras­sen.

Hunde-in-Bogota

Hun­de-in-Bogo­ta

Im Süden sieht es etwas anders aus. Hier wer­den kei­ne Hun­de aus­ge­führt, son­dern die Hun­de sind ein­fach da. Und sie ver­su­chen sich frei­le­bend in einem bestimm­ten Ter­ri­to­ri­um, einer Stra­ße, einem Stra­ßen­ab­schnitt oder einem Platz, eben dort wo sie aus­rei­chend Nah­rung fin­den und wo sie gedul­det wer­den, fest­zu­set­zen. Das bedeu­tet in der Regel einen nicht unkom­pli­zier­ten Inte­gra­ti­ons­pro­zess in eine Grup­pe dort schon vor­han­de­ner Art­ge­nos­sen. Manch­mal wer­den sie weg­ge­bis­sen, dann müs­sen sie sich eine ande­re Grup­pe suchen, manch­mal gelingt es ihnen, sich zu inte­grie­ren. Ob sie blei­ben und wie­vie­le Hun­de län­ger­fris­tig in solch einer Grup­pe blei­ben hängt nicht zuletzt von den dort exis­tie­ren­den Nah­rungs­be­din­gun­gen ab. Und hier kommt es nun zu einer Art Win-Win-Situa­ti­on zwi­schen Tier und Mensch. Die Menschn haben gelernt, dass wenn sie — trotz all ihrer Armut — die Hun­de aus­rei­chend ver­sor­gen, aus deren Anwe­sen­heit einen wich­ti­gen Vor­teil zie­hen: Mehr Sicher­heit.

 

keine-waffen

Denn die für uns Deut­sche gewöh­nungs­be­dürf­ti­ge Sicher­heits­la­ge Bogo­tás betrifft jeden, ob reich oder arm. Eine Zeit­lang hat­te ich mal geglaubt, die Armen sei­en inso­fern siche­rer, als es bei ihnen ja sowie­so nichts zu holen gibt. Aber das war ein Irr­tum. Mitt­ler­wei­le habe ich vie­le Per­so­nen ken­nen­ge­lernt, die bit­ter arm sind und denen den­noch das Weni­ge, was sie besa­ßen abge­nom­men wur­de, auf dem Nach­hau­se­weg, zu Fuß, im Bus oder eben zuhau­se in der eige­nen Woh­nung. Das gene­tisch beding­te Ter­ri­to­ri­al­ver­hal­ten der Hun­de sogt dafür, dass beim Ein­tritt frem­der Per­so­nen in das eige­ne Ter­ri­to­ri­um, sei es nun der Stra­ßen­ab­schnitt, der Hof oder ein bestimm­ter Kiez, sofort Alarm geschla­gen wird, und gege­be­nen­falls es sogar zu Ver­tei­di­gungs­ak­tio­nen kommt. Wie ich fin­de, ein bemer­kens­wer­tes Äqui­va­len zum Wach­per­so­nal der Rei­chen, das man als eine Art “Open Source Äqui­va­lent” bezeich­nen könn­te.

Getsemani

Ges­tern waren Con­stan­za und ich nach län­ge­rer Zeit mal wie­der in Get­se­ma­ni, einem der vier Stadt­vier­tel Car­ta­ge­nas, die von der gro­ßen Ver­tei­dungs­mau­er umge­ben ist, die die Spa­ni­er wäh­rend ihrer Kolo­nal­herr­schaft hier zum Schutz gegen Pira­ten errich­tet hat­ten. Get­se­ma­ni ist inso­fern etwas Beson­de­res, als es noch immer eine  Sozi­al­struk­tur besitzt, in der sich Tou­ris­mus und gewach­se­ne Urba­ni­tät noch die Waa­ge hal­ten. Wäh­rend in den bei­den ande­ren inner­halb der ummau­er­ten Stadt lie­gen­den Bar­ri­os  San­to Dom­in­go (Cen­tro) und San Die­go nahe­zu alle klei­nen Gemischt­wa­ren­ge­schäf­te und Hand­wer­ker, die wir vor zehn Jah­ren dort noch vor­ge­fun­den hat­ten,  ver­schwun­den sind und an ihre Stel­le Juwe­lier­lä­den, Bou­ti­quen, Sou­ve­nier­lä­den und Luxus­re­stau­rants getre­ten sind, macht Get­se­ma­ni (noch) einen ganz ande­ren Ein­druck. Auch hier gibt es Hotels, aber es sind vor allem klei­ne­re Hos­ta­les mit gerin­ger Bet­ten­ka­pa­zi­tät, die man mit unse­ren Pen­sio­nen ver­glei­chen könn­te. Nicht dass es hier kei­ne Tou­ris­ten gibt, aber es gibt eine wohl­tu­en­de Ver­mi­schung von Tou­ris­ten und alt­ein­ge­ses­se­nen Car­ta­ge­n­eros. Als Sym­bol für die­se Ver­bin­dung kann man die  Pla­za de la Tri­ni­dad  bezeich­nen, die eine Art Zen­trum Get­se­ma­nis dar­stellt. Unser Sohn, Simon, hat­te wäh­rend sei­nes ein­jäh­ri­gen Auf­ent­halts in Car­ta­ge­na unmit­tel­bar an die­sem Platz in der Cal­le San Anto­nio gewohnt. Die Häu­ser in Get­se­ma­ni sind in der Regel klei­ner als die Pracht­bau­ten im Cen­tro.  Mehr­ge­schos­si­ge Bau­ten mit präch­ti­gen Bal­ko­nen gibt es vor allem an der Cal­le Lar­ga und der Cal­le de la Media Luna.  Die meis­ten Häu­ser haben jedoch kei­ne Ober­ge­schos­se son­dern sind ganz im spa­ni­schen Kolo­nail­stil erbaut, oft mit einem traum­haf­ten Patio und zur Stra­ßen­sei­te — das unter­schei­det sie von den Kolo­nal­bau­ten der Can­del­aria im Zen­trum von Bogo­tá — nach außen hin offen, mit den tra­di­tio­nel­len holz­ge­schnitz­ten Stä­ben vor den meist glas­lo­sen Fens­tern, wohl frem­den Zugriff nicht aber frem­de Bli­cke abweh­rend. So hat man ins­be­son­de­re am Abend einen inter­es­san­ten Ein­blick in das Fami­li­en­le­ben der Car­ta­ge­n­eros.

plaza-trinidad_abendsSeit Simon hier nicht mehr wohnt, waren wir sel­ten hier. Aber viel hat sich in den ver­gan­ge­nen Jah­ren eigent­lich nicht ver­än­dert. Viel­leicht gibt es doch ein paar Hos­ta­les mehr als damals. Nach wie vor ist  abends an der “Pla­za de la Tri­ni­dad” der Teu­fel los. Die in den angren­zen­den Stra­ßen woh­nen­den Car­ta­ge­n­eros sit­zen auf den Bän­ken an der Pla­za, wäh­rend die Kin­der bis in die spä­ten Abend­stun­den her­um­tol­len. Jugend­li­che Car­ta­ge­n­eros und Car­ta­ge­ne­ras plau­dern, flir­ten, machen Musik. Dazwi­schen ste­hen jun­ge Tou­ris­ten, eine Bier­fla­sche oder auch eine Fla­sche Rum oder Aguar­dien­te in der Hand.

plaza-trinidad_constanzaAus  eig­nen Erfah­run­gen durch unse­re Besu­che bei Simon, in der Zeit als hier wohn­te, wis­sen wir, dass an ein frü­hes Zu-Bett-Gehen in die­ser leb­haf­ten Atmo­sphä­re nicht zu den­ken ist. Und zwar an kei­nem der Wochen­ta­ge. Wie oft haben wir hier abends auf den Stu­fen der Igle­sia de la Tri­ni­dad, der größ­ten Kir­che Get­se­ma­nis, geses­sen, ein Bier oder einen Moji­to getrun­ken und dem bun­ten  Trei­ben zuge­se­hen. Mit­te auf dem Platz stand damals ein gro­ßes Tram­po­lin, auf dem die Kin­der unter den Augen ihrer plau­dern­den, trin­ken­den, manch­mal auch Musik machen­den Eltern bis in die spä­ten Abend­stun­den her­um­tob­ten. An den Sei­ten war das Tram­po­lin mit Net­zen gesi­chert, so dass auch die ganz Klei­nen gefahr­los sich dem Spaß hin­ge­ben konn­ten. Heu­te ist die­ses Tram­po­lin ver­schwun­den. Dafür ste­hen jetzt an dem Platz ein paar lebens­gro­ße Bron­ze­sta­tu­en. Ob es irgend­wel­che Hei­li­gen sind? Ich bin nicht sat­tel­fest in der Leh­re der katho­li­schen Kir­che, kann es des­halb nicht beur­tei­len. Aber die Figu­ren könn­ten auch Fischer sein, oder Hand­wer­ker, von denen es in Get­se­ma­ni noch immer jede Men­ge gibt. Das sieht man tags­über sofort. Die Tisch­le­rei, wo Simon damals sein Bett, sei­nen Tisch und sei­nen wun­der­schö­nen Schau­kel­stuhl bau­en ließ, befin­det sich noch immer in der Cal­le de Las Pal­mas. Und die “Zapa­teros” öff­nen ihre “Läden” noch immer indem sie eine Werk­bank mit den typi­schen Schu­ma­cher-Werk­zeu­gen und Töp­fen mit Leim vor ihr Haus stel­len. Fer­tig. Die Aus­la­gen der “Fer­re­te­rías”  sehen aus, als hät­ten die Tei­le alle schon zwei Leben in irgend­wel­chen Arma­tu­ren hin­ter sich. Aber man bekommt hier alles, was man braucht.

Die Pla­za de la Tri­ni­dad ent­schä­digt uns für den all­abend­li­chen Schlaf­ent­zug  durch ein  — für kolum­bia­ni­sche Ver­hält­nis­se eher unge­wöhn­li­ches — mor­gend­li­ches Aus­schla­fen.  Der Platz ist bis 10 Uhr wie aus­ge­stor­ben. Ledig­lich die bei­den Geschäf­te, ein Gemischt­wa­ren­la­den und eine Panade­ria haben dann geöff­net und natür­lich der auch abends uner­müd­li­che “Ven­de­dor de Jugos”  mit sei­nem fahr­ba­ren Stand, an dem er aus der Viel­falt der — aus unse­rer Sicht — exo­ti­schen Früch­te Kolum­bi­ens frisch-gepress­te Säf­te anbie­tet. Für Simon, der eine Lei­den­schaft für die­se Säf­te ent­wi­ckelt hat­te, war es jeden Mor­gen die ers­te Akti­on, noch schlaf­trun­kend aus sei­ner Woh­nung schlur­fend quer über den Platz zu dem Saft-Ver­käu­fer.  Mag sein, dass Simon bald sein bes­ter Kun­de war. Jeden­falls hat­ten die bei­den nach kur­zer Zeit ein aus­ge­spro­che­nes Ver­trau­ens­ver­hält­nis auf­ge­baut. Ich erin­ne­re mich an ein Erleb­nis, als Simon und ich die­sen mor­gend­li­chen Gang unter­nah­men, den Saft pres­sen lie­ßen und ihn mit dem Ver­käu­fer plau­dernd in der kari­bi­schen Mor­gen­son­ne genos­sen. Der Ver­käu­fer bat uns plötz­lich, sei­nen Stand für ein paar Minu­ten zu über­neh­men, da er noch unbe­dingt eini­ge Früch­te vom nahen Markt besor­gen müs­se. Da wir sowie­so dort stan­den und — je nach Lust und Lau­ne — unse­ren “Jugo de Guana­ba­na”, “Jugo de Guaya­ba”, “Jugo de Lulo”, “Jugo de Tama­rin­do”  oder ein­fach den für deut­sche Ohren nicht ganz so exo­ti­sche “Jugo de Naran­ja” tran­ken, hat­ten wir nichts dage­gen ein­zu­wen­den. Aus den paar Minu­ten wur­de dann aber mehr als eine hal­be Stun­de. Den Stand ver­las­sen, das konn­ten wir natür­lich nicht, ver­spro­chen ist ver­spro­chen. Aber nun kamen schon die ers­ten Kun­den. Also was blieb uns ande­res übrig, als die Hand­pres­se selbst in Ganz zu set­zen und den Job zu machen. Wäre ein sol­ches Erleb­nis in Deutschalnd denk­bar?

cartagena_baluarteEine der Stra­ßen, die vom Pla­za de la Tri­ni­dad in Rich­tung Cen­tro gehen, ist die Cal­le de Espi­ri­tu San­to. Sie führt direkt zur zwei­ten Kir­che, die Igle­sia de San Roque und führt uns direkt zur “Ciu­dad Movil” , einem Kul­tur­zen­trum, das von Loba­dis Perez gegrün­det wur­de, der damals Tän­zer im “Cole­gio del Cuer­po” war und bei dem Simon die ers­ten Wochen sei­nes Car­ta­ge­na-Auf­ent­hal­tes bis zu sei­nem Umzug in die Cal­le de San Anto­nio gewohnt hat­te. Die “Ciu­dad Movil” passt zu Get­se­ma­ni. Es ist ein alter­na­ti­ves Kul­tur­zen­trum, das mit ganz wenig Geld aber mit viel Enthu­si­as­mus der Betrei­ber (über)lebt. Es ist ein jun­ges Publi­kum, dass hier­her fin­det, und das sich irgend­wie wohl­tu­end vom Main­stream der nicht sel­ten gold- und sma­ragd­ket­ten­be­han­ge­nen Tou­ris­ten des Cen­tro abhebt.

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Der 9. April und die Fahne des Regenbogens

Heu­te ist der 9. April. Die­ser Tag ist den Kolum­bia­nern ins natio­na­le Gedächt­nis als “Bogo­ta­zo” ein­ge­brannt. An die­sem Tag vor 67 Jah­ren wur­de Jor­ge Elié­cer Gaitán, Hoff­nungs­trä­ger für einen sozia­len Wan­del und aus­sichts­rei­cher Prä­si­dent­schafts­kan­di­dat der Libe­ra­len Par­tei in Bogo­tá auf offe­ner Stra­ße ermor­det. Gaitáns Ein­tre­ten für eine Ver­bes­se­rung der mate­ri­el­len Lebens­be­din­gun­gen der armen Bevöl­ke­rung und sei­ner damit in Zusam­men­hang ste­hen­den anti-olig­ar­chi­schen Rhe­to­rik hat­ten ihm eine enor­me Popu­la­ri­tät in der ein­fa­chen Bevöl­ke­rung aber auch ein gro­ßes Miss­trau­en der soge­nann­ten Eli­te des Lan­des, der Bour­geoi­sie und der Lati­fun­di­stas, sowohl in der kon­ser­va­ti­ven als auch in sei­ner eige­nen Par­tei, den Libe­ra­len, ein­ge­bracht. Nie­mand zwei­fel­te dar­an, dass er die Wah­len gegen den kon­ser­va­ti­ven Amts­in­ha­ber Maria­no Ospi­na Pérez gewin­nen wür­de. Die Hin­ter­grün­de und Hin­ter­män­ner die­ses Mor­des sind bis heu­te nicht rest­los geklärt. Aber die Wut der Anhän­ger Gai­tans kann­te kei­ne Gren­zen. In hef­ti­gen Stra­ßen­schlach­ten mit der Poli­zei wur­den über 3.000 Men­schen getö­tet, die hal­be Inne­stadt von Bogo­tá ver­wüs­tet. Es begann das dun­kels­te Kapi­tel in der Geschich­te Kolum­bi­ens, die soge­nann­te “Vio­len­cia”, ein Bür­ger­krieg, des­sen Aus­wir­kun­gen noch heu­te in den mili­tä­ri­schen und para­mi­li­tä­ri­schen Aus­ein­an­der­set­zun­gen über­all im Lan­de zu spü­ren sind. Der heu­ti­ge 9. April konn­te also genau das rich­ti­ge Datum für eine natio­na­le Mani­fes­ta­ti­on für den Frie­den sein. Und genau dazu hat ihn die kolum­bia­ni­sche Zivil­ge­sell­schaft gemacht.

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Im gan­zen Land fan­den ein­drucks­vol­le Demons­tra­tio­nen und Kul­tur­ver­an­stal­tun­gen statt. Allein in Bogo­tá nah­men über 300.000 Men­schen an einer Demons­tra­ti­on unter dem Mot­to “Me Mue­vo Por La Paz” (#MeMuevo­Por­La­Paz) teil, unter ihnen Dele­ga­tio­nen der indi­ge­nen und afro­ko­lum­bia­ni­schen Grup­pen aus ver­schie­de­nen Tei­len des Lan­des, beglei­tet von Flashm­obs zur Erin­ne­rung an die Ermor­de­ten und Ver­schwun­de­nen. Und wäh­rend ich die­se Zei­len schrei­be, setzt sich ein Kon­zert mit Künst­lern aus ganz Latein­ame­ri­ka (#Con­cier­to­Por­La­Paz) fort, das bereits am Nach­mit­tag im Par­que Boli­var begann, das ich nun aber am spä­ten Abend nur noch im Fern­se­hen ver­fol­gen kann. Ich bedau­re vor allen, dass ich den Auf­tritt von Ruben Bla­des nun nicht live erle­ben kann, 37 Jah­re nach sei­nem legen­dä­ren Auf­tritt auf der Dort­mun­der Ver­an­stal­tung “Frei­heit für Nel­son Man­de­la”. Die viel­fäl­ti­gen For­men des Ein­tre­ten der Teil­neh­mer für die Fort­set­zung des Frie­dens­pro­zes­ses war sehr beein­dru­ckend. Mit Tras­pa­ren­ten wie “El Pue­b­lo es la Lla­ve de la Paz” (Das Volk ist der Schlüs­sel zum Frie­den) tritt man den bel­li­zis­ti­schen Bemü­hun­gen der rechts­ge­rich­te­ten Kräf­te um den ehe­ma­li­en Prä­si­den­ten Uri­be ent­ge­gen und will den Frie­dens­pro­zess unum­kehr­bar machen. Man darf ja nicht ver­ges­sen, dass Kolum­bi­en in der Fra­ge Krieg oder Frie­den tief gespal­ten ist. Die letz­ten Prä­si­dent­schafts­wah­len 2014 hat­ten die frie­dens­be­rei­ten Kräf­te um Juan Manel San­tos nur hauch­dünn für sich ent­schei­den kön­nen. Bis zum Schluss stand das auf der Kip­pe, da der Kan­di­dat der extre­men Rech­ten, der vom Exprä­si­den­ten Uri­be unter­stütz­te Oscar Ivan Zulua­ga, noch beim ers­ten Wahl­gang zwei Wochen zuvor vor­ne gele­gen hat­te. San­tos wur­de dann aber bei der Stich­wahl von vie­len zivil­ge­sell­schaft­li­chen Grup­pen, die einen Durch­marsch der extre­men Rech­ten ver­hin­dern woll­ten, unter­stützt. San­tos weiß sehr genau, dass er sei­nen Sieg die­sen Grup­pen und auch den Lin­ken, dem “Polo Demo­cra­ti­co Alter­na­tivo”, die zum Schluss zu sei­ner Wahl auf­ge­ru­fen hat­ten, ver­dankt. Und er ist klug genug, die­se Grup­pie­run­gen in ihren Erwar­tun­gen nicht zu ent­täu­schen. Aller­dings ist San­tos ein Spross der tra­di­tio­nal­len kolum­bia­ni­schen Olig­ar­chie, also alles ande­re als ein Lin­ker oder ein Sys­tem­ver­än­de­rer. Aber er will end­lich Frie­den in Kolum­bi­en, wäh­rend die extre­me Rech­te die Gue­ril­la mit mili­tä­ri­schen Mit­teln nie­der­kämp­fen will und dabei die rechts­ex­tre­men para­mi­li­tä­ri­schen Grup­pen unter­stützt hat (natür­lich inof­fi­zi­ell). Die Kolum­bia­ner haben aber end­lich genug von dem seit fast 70 Jah­ren toben­den Bür­ger­krieg.

Nach San­tos Sieg konn­ten die bereits zuvor begon­ne­nen offi­zi­el­len Frie­dens­ge­sprä­che mit den FARC in Havan­na wei­ter­ge­führt wer­den. Aber es wäre eine Illu­si­on zu glau­ben, dass es bedingt durch das brei­te lin­ke Bünd­nis zu einer gene­rel­len Links­ver­schie­bung in der Poli­tik Kolum­bi­en gekom­men sei. Zwei­fel­los kön­nen die Lin­ken und zivil­ge­sell­schaft­li­chen Kräf­te für ihre Unter­stüt­zung des gewähl­ten Prä­si­den­ten gewis­se Zuge­ständ­nis­se hin­sicht­lich sozia­ler Refor­men und in der Men­schen­rechts­fra­ge erwar­ten. Dies wie­der­um ver­sucht die extre­me Rech­te für sich aus­zu­nut­zen, indem sie ver­sucht, San­tos als Kom­mu­nis­ten­freund dar­zu­stel­len. Das ist er mit­nich­ten. In der Pres­se hier­zu­lan­de wird sein Kurs als eher sozi­al­de­mo­kra­tisch dar­ge­stellt, was aller­dings schon erstaun­lich ist, wenn man bedenkt, dass er unter Uri­be Ver­tei­di­gungs­mi­nis­ter war und Uri­be ihn selbst zu sei­nem Nach­fol­ger aus­er­ko­ren hat­te.

Die Rech­te fühlt sich nach der äußerst knap­pen Nie­der­la­ge des ver­gan­ge­nen Jah­res jeden­falls noch stark genug zu ver­su­chen, das Rad der Geschich­te zurück­zu­dre­hen. Vor allem Exprä­si­dent Uri­be hat­te bereits unmit­tel­bar nach den Wah­len mit uner­war­te­ter Hef­tig­keit pola­ri­siert, von der selbst die Fern­seh­mo­de­ra­to­ren über­rascht waren. Uri­be warf San­tos zunächst Betrug und Stim­men­kauf vor und begann eine Twit­ter­kam­pa­gne, die ihres­glei­chen sucht und die bis heu­te anhält. Man muss sich die­se Twit­ter­kam­pa­gne nur mal anschau­en: zum Teil im Minu­ten­takt ergießt sich mit dem­ago­gi­scher Aggres­si­vi­tät eine wah­re Schimpf-Kano­na­de über den gewähl­ten Prä­si­den­ten und sei­ne Frie­dens­po­li­tik. Das alles läuft über den per­sön­li­chen Twit­ter-Account von Uri­be. Man fragt sich, wie er die Zeit hat, die­se Tweeds alle selbst zu schrei­ben. Wäh­rend San­tos anfangs noch ver­sucht hat­te per Twit­ter den Vor­wür­fen ent­ge­gen­zu­tre­ten, igno­riert er nun die per­ma­nen­ten Angrif­fe und kon­zen­triert sich mehr auf die posi­ti­ve Dar­stel­lung sei­ner Poli­tik. Auch das geschieht viel per Twit­ter und zeigt, wie sehr sich der poli­ti­sche Kampf ver­la­gert hat und wel­che Rol­le, die infor­ma­ti­ons­tech­nisch gestütz­ten sozia­len Medi­en dabei spie­len. Es ist übri­gens inter­es­sant zu sehen, wie sehr die kolum­bia­ni­schen Fern­seh­an­stal­ten die Mög­lich­kei­ten der neu­en sozia­len Medi­en, ins­be­son­de­re Twit­ter, für ihre eige­ne Pro­gramm­ge­stal­tung nut­zen. Das geht weit über das hin­aus, was ich von den Deut­schen TV-Anstal­ten gewohnt bin.

Kolum­bi­en befin­det sich gegen­wär­tig in einer durch­aus nicht unge­fähr­li­chen Situa­ti­on. San­tos’ anfäng­li­cher Ver­such, die Situa­ti­on zu ent­schär­fen, indem er dem unter­le­ge­nen Kan­di­da­ten Koope­ra­ti­on ange­bo­ten hat­te (z.B. Minis­ter­pos­ten für Uri­bes Par­tei “Cen­tro Demo­cra­ti­co”, was in Kolum­bi­en nach Wah­len nicht sel­ten geschieht) schei­ter­te an der völ­lig kom­pro­miss­lo­sen Hal­tung Uri­bes. Die Pola­ri­sie­rung zeigt sich in vie­len All­tags­si­tua­tio­nen. Im Taxi, auf Par­ties, In Gesprä­chen mit Bekann­ten, Fami­li­en­mit­glie­dern und Freun­den. Da zeigt sich die Zeris­sen­heit des Lan­des. Und wie groß dabei die Gefahr einer zuneh­men­den Radi­ka­li­sie­rung der Rech­ten ist, zeigt sich am Vor­stoß bestimm­ter reli­gi­ös-fun­da­men­ta­lis­ti­scher Krei­se, den erz­kon­ser­va­ti­ven “Pro­cu­ra­dor” Ale­jan­dro Ordóñez Mal­do­na­do als kom­men­den Prä­si­dent­schafts­kan­di­da­ten für das Jahr 2018 aufs Schild zu heben. Mit Ordoñez gäbe es einen Kan­di­da­ten, der sich einen Staat wünscht, in dem die christ­li­che Ord­nung wie­der her­ge­stellt wird, um den “gott­lo­sen Kom­mu­nis­mus zu zer­mal­men”. So jeden­falls zitiert die Zei­tung “El Espec­ta­dor” die von Ordoñez der Jung­frau Maria (sic!) gewid­me­ten Zei­len in sei­ner Dok­tor­ar­beit. “A nues­tra seño­ra la Vir­gen María… supli­cán­do­le la restau­ra­ción del orden cris­tia­no y el aplas­t­ami­en­to del comu­nis­mo ateo, para que bril­le por doquier la Fe Cató­li­ca, pues sin ella no hay espe­r­an­za para las socie­dades y para los hom­bres” (Jor­ge Gómez Pinil­la: ¿Ordóñez Pre­si­den­te? Dios nos coja con­fes­ados…; El Espec­ta­dor v. 7.4.2015).

Die Sor­ge der Bevöl­ke­rung, ob der von San­tos ein­ge­lei­te­te und in Havan­na zwar zäh aber wohl durch­aus erfolg­reich ver­han­del­te Frie­dens­pro­zess durch die rech­ten Kräf­te noch­mal zurück­ge­dreht wer­den kön­ne, war deut­lich zu spü­ren. Gleich­zei­tig aber sind die heu­ti­gen Demons­tra­tio­nen eine kla­re Bot­schaft an alle die­je­ni­gen, die mit einem sol­chen Gedan­ken spie­len. Kla­re Wor­te fand ins­be­son­de­re der als Red­ner auf­ge­tre­te­ne Bür­ger­meis­ter von Bogo­tá, Gus­ta­vo Petro. Petro, Mit­glied des links­ge­rich­te­ten “Polo Demo­cra­ti­co” ver­wies auf die mul­ti­ple Zusam­men­set­zung der kolum­bia­ni­schen Bevöl­ke­rung in eth­ni­scher, kul­tu­rel­ler, reli­gö­ser, sozia­ler und poli­ti­scher Hin­sicht. Eine logi­sche Kon­se­quenz die­ser Plu­ra­li­tät sei eine kla­re Absa­ge an jeg­li­che Form von Gewalt: Eine Absa­ge an Gewalt gegen Men­schen ande­rer eth­ni­scher Wur­zeln, mit ande­ren poli­ti­schen, reli­giö­sen oder kul­tu­rel­len Über­zeu­gun­gen, an Gewalt gegen Frau­en, Gewalt gegen Men­schen mit ande­ren sexu­el­len Ori­en­tie­run­gen sowie eine Absa­ge gegen alle For­men inter­fa­mi­liä­rer Gewalt. Aber auch gegen Gewalt in den Insti­tu­tio­nen, in den Unter­neh­men, wo Men­schen noch immer ein­ge­schüch­tert wer­den und Ihnen die freie und gleich­be­rech­tig­te Arti­ku­la­ti­on ihrer Inter­es­sen und Rech­te ver­wehrt wird. Die Ent­las­sung aus dem Arbeits­ver­hält­nis schwebt jeder­zeit als eine Art sozia­ler Todes­dro­hung über jeden Ver­such, auf Augen­hö­he mit­ein­an­der zu kom­mu­ni­zie­ren. Das Sym­bol die­ser Diver­si­tät und Plu­ra­li­tät, die Fah­ne des Regen­bo­gens, ist — so Pedro in sei­ner Rede — “die neue Fah­ne der Revo­lu­ti­on”.

Krankes Gesundheitssystem

Wer mal einen Ein­blick in das kolum­bia­ni­sche Gesund­heits­sys­tem gewon­nen hat, möch­te hier lie­ber nicht krank wer­den. Wenigs­tens nicht, wenn er arm ist oder auf dem Lan­de weit ent­fernt von gro­ßen Städ­ten lebt. Dabei hat es in den letz­ten Jah­ren eine durch­aus posi­ti­ve Ent­wick­lung des Gesund­heits­sys­tem gege­ben. Her­vor­ra­gen­de Ärz­te gibt es hier schon seit Lan­gem, die medi­zi­ni­sche Aus­bil­dung ist auf einem hohen Niveau und hat auch inter­na­tio­nal einen sehr guten Ruf. Und mitt­ler­wei­le hat sich auch die medi­zi­ni­sche Ver­sor­gung der Gesell­schaft durch­aus posi­tiv ent­wi­ckelt. Alle kolum­bia­ni­schen Arbeit­neh­mer sind auto­ma­tisch im Kran­ken­ver­si­che­rungs­sys­tem pflicht­ver­si­chert. Die Orga­ni­sa­ti­on des über Bei­trä­ge von Arbeit­neh­mern und Arbeit­ge­bern sowie durch Steu­ern finan­zier­te Gesund­heits­sys­tem hat der Staat an pri­va­te Gesund­heits­kas­sen (Ent­i­dad Pro­mo­to­ra de Salud, EPS) dele­giert. An die­se Gesund­heits­kas­sen zahlt der Staat je nach Risi­ko­pro­fil fes­te Sät­ze. Die EPS wie­der­um schlie­ßen Ver­trä­ge ab mit Gesund­heits­dienst­leis­tern (Insti­tu­cio­nes Pre­sta­do­ras de Ser­vici­os, IPS) wie Kran­ken­häu­sern und ambu­lan­ten Kli­ni­ken, die zum Teil pri­vat und zum Teil öffent­lich sind. Der Leis­tungs­ka­ta­log deckt grund­le­gen­de medi­zi­ni­sche Kon­sul­ta­tio­nen, Unter­su­chun­gen aller Art, Behand­lun­gen, Ope­ra­tio­nen und Medi­ka­men­te ab. Außer­or­dent­li­che Leis­tun­gen müs­sen extra bezahlt wer­den. Und seit eini­gen Jah­ren wird auch die nicht sozi­al­ver­si­cher­te Bevöl­ke­rung schritt­wei­se in die­ses Sys­tem ein­ge­schlos­sen, zunächst mit beson­de­ren (redu­zier­ten) Leis­tun­gen, was aber 2012 als nicht ver­fas­sungs­kon­form kor­ri­giert wer­den muss­te. Also alles gut? Im Prin­zip ja, wenn es da nicht ein paar Klei­nig­kei­ten gäbe, die nicht nur beim Besu­cher aus Deutsch­land das blan­ke Ent­set­zen her­vor­ru­fen.

sanpedro

Ich habe ges­tern hier in Car­ta­ge­na fast den gan­zen Tag in einem Kran­ken­haus ver­bracht und fühl­te mich unwill­kür­lich an Kaf­kas Erzäh­lun­gen erin­nert. Ger­mán, der Kran­ken­pfle­ger mei­nes Schwie­ger­va­ters war am frü­hen Mor­gen gestürzt und wir muss­ten einen Rip­pen­bruch befürch­ten. Ich fah­re ihn also mit dem Auto in die Ambu­lanz des Hos­pi­tals im Zen­trum von Car­ta­ge­na. Dies ist ein ziem­lich moder­nes und durch­aus renom­mier­tes Kran­ken­haus. Die Kran­ken­ver­si­che­rungs­kar­te haben wir dabei, wir erwar­ten kei­ne Pro­ble­me. Außer­ge­wöhn­li­che medi­zi­ni­sche Leis­tun­gen, die ähn­lich wie in Deutsch­land einem kom­pli­zier­ten und oft lang­wie­ri­gen Geneh­mi­gungs­pro­zess unter­wor­fen wären, sind auch nicht zu erwar­ten. Eine Rönt­gen­un­ter­su­chung soll­te Auf­schluss über die Art der Ver­let­zung geben und eine schnel­le Behand­lung und Lin­de­rung der Schmer­zen ermög­li­chen. Nun gibt es aller­dings in Kolum­bi­en die Regel, dass alle, also auch die ein­fachs­ten medi­zi­ni­schen Dienst­leis­tun­gen im vor­aus (!) von den EPS auto­ri­siert wer­den müs­sen. Für Arbeits­un­fäl­le — und um einen sol­chen han­del­te es sich — sind spe­zi­el­le EPS zustän­dig, ähn­lich wie in Deutsch­land die Berufs­ge­nos­sen­schaf­ten. Wäh­rend wir es aller­dings gewohnt sind, die Leis­tun­gen zunächst über unse­re Kran­ken­kas­se abzu­rech­nen, die dann an die zustän­di­ge Berufs­ge­nos­sen­schaft her­an­tritt, muss hier die zustän­di­ge beruf­li­che EPS im vor­aus ein­ge­schal­tet wer­den. Und damit beginnt nun unse­re Irr­fahrt durch den Dschun­gel der Büro­kra­tie des kolum­bia­ni­schen Gesund­heits­sys­tems.

Aus irgend­ei­nem Grun­de, den bis­lang nie­mand so rich­tig ver­stan­den hat (der aber mög­li­cher­wei­se etwas mit dem zu tun hat, was im letz­ten Absat­zes die­ses Berichts steht), war bei der zustän­di­gen Berufs­kran­ken­kas­se die Zah­lung des letz­ten Monats­bei­tra­ges nicht ver­bucht wor­den. Die zustän­di­ge EPS leht die Über­nah­me der Behand­lung zu unse­rer Über­ra­schung ab. Eine tele­fo­ni­sche Rück­fra­ge beim Arbeit­ge­ber in Bogo­tá ergibt, dass der Bei­trag sehr wohl gezahlt wor­den war. Also erneu­te Kom­mu­ni­ka­ti­on. Ohne Erfolg. Die per­sön­li­che Kran­ken­ver­si­che­rung will nicht ein­sprin­gen, das es sich ja um einen Arbeits­un­fall han­del­te. Das Hin und Her der tele­fo­ni­schen Kom­mu­ni­ka­ti­on dau­ert eini­ge Stun­den, wäh­rend­des­sen die Schmer­zen des Pati­en­ten immer stär­ker wer­den. Wäh­rend der War­te­zeit beob­ach­te ich meh­re­re Kran­ken­trans­por­te, die Ver­letz­te in die Ambu­lanz brin­gen. Einer, der unschwer als Bewoh­ner eines Armen­vier­tels zu iden­ti­fi­zie­ren ist, wim­mert und schreit vor Schmer­zen: “Ayu­den­me, ayu­den­me. Por que no me ayu­dan”. Aber die Büro­kra­tie ist uner­bitt­lich. Ich fra­ge mich, hat er über­haupt eine Ver­si­che­rung? Was pas­siert mit ihm, wenn nicht? Es wird mir hier immer unge­müt­li­cher. Die Zeit ver­geht und in unse­rer Sache klärt sich nichts. Was sol­len wir machen? Letzt­lich bleibt uns nichts ande­res übrig, als dass wir uns bereit­er­klä­ren, die Behand­lung selbst zu zah­len. Mei­ne Kre­dit­kar­te habe ich dum­mer­wei­se nicht dabei, aber das vor­han­de­ne Bar­geld soll­te rei­chen. Es reicht nicht. Die Rönt­gen­un­ter­su­chung ist zu teu­er. Es gibt also nur eine vor­läu­fi­ge Dia­gno­se ohne Rönt­gen­bild und es wird ein Über­wei­sungs­schein für eine ambu­lan­te Rönt­gen­un­ter­su­chung aus­ge­stellt, die man — aus­ge­stat­tet mit aus­rei­chen­der Kne­te — dann irgend­wo spä­ter machen las­sen kann.

Aber wir wol­len Klar­heit. Also fah­ren wir mit dem Auto quer durch Car­ta­ge­na zurück in das Apart­mento mei­nes Schwie­ger­va­ters, holen Geld und keh­ren wie­der ins Kran­ken­haus zurück. Der Ver­letz­te aus dem Armen­vier­tel liegt noch immer auf der Bah­re im Flur des Kran­ken­hau­ses. Aber er ist jetzt ruhig. Offen­sicht­lich hat jemand sich allen büro­kra­ti­schen Hin­der­nis­sen zum Trotz erbarmt und ihm zumin­dest eine sedie­ren­de Sprit­ze gege­ben. Aber ich fra­ge mich immer wie­der: was wird mit ihm pas­sie­ren? Was unse­ren eige­nen Fall betrifft, so gehen wir davon aus, dass es mit dem am Vor­mit­tag aus­ge­stell­ten Über­wei­sungschein schnell und unbü­ro­kra­tisch gehen wird. Den­ken wir. Aber falsch gedacht! Die Ambu­lanz, bei der wir uns am frü­hen Vor­mit­tag ange­mel­det hat­ten, hat­te den Fall abge­schlos­sen. Wir soll­ten uns bei der Rönt­gen­ab­tei­lung mel­den und dort die gan­ze Anmel­de­pro­ze­dur erneut durch­füh­ren. Unser lei­ser Pro­test bleibt uner­hört. War­um wir denn nicht direkt die Rönt­gen­un­ter­su­chung haben durch­füh­ren lasen? Unse­re Erklä­rung stößt auf Ver­ständ­nis und die Kolum­bia­ner sind hilfs­be­rei­te Men­schen. Also führ­te uns eine Ange­stell­te quer durch das gan­ze Haus in die Rönt­gen­ab­tei­lung. Dort besieht sich ein Arzt lan­ge und gründ­lich die vor­ge­leg­ten Doku­men­te. War­um wir denn nicht gleich .… Nun gut, man will uns hel­fen. Wenn wir selbst zah­len, soll­te es doch mög­lich sein. Aber zah­len müss­ten wir an der Rezep­ti­on. Er kön­ne uns aller­dings nicht sagen, wie viel. Wir gehen also zurück zur Rezep­ti­on der Ambu­lanz. Der Ver­letz­te aus dem Armen­vier­tel liegt immer noch da. Nach lan­ger Suche im Ver­wal­tungs­com­pu­ter fin­det man einen Preis. Zah­len müss­ten wir aller­dings in dem Ver­wal­tungs­be­reich, der für die Rönt­gen­ab­tei­lung zustän­dig ist. Kein Pro­blem, eine net­te Ange­stell­te lotst uns wie­der durch das gan­ze Haus zu der zustän­di­gen Rezep­ti­on. Dort besieht sich ein Ange­stell­ter lan­ge und gründ­lich die Doku­men­te. War­um wir denn nicht gleich .… Ah, ja, ok. Aber der uns genann­ten Preis, kön­ne nicht stim­men. Er wol­le mal ‘rüber­ge­hen und mit den Kol­le­gen spre­chen. Ja, klar, wir war­ten hier. Wir war­ten län­ger als ich erwar­tet habe. Aber dann kommt er. Der zu zah­len Preis sei lei­der etwas höher, als man uns zuerst gesagt hat­te. So, aha, na gut, egal, wenn es doch jetzt end­lich los­gin­ge. Wir zah­len und es kann los­ge­hen. Ich war­te zunächst im “Sala de Espe­ra”, wo es mir dann aber zu lang­wei­lig wird. Ich ver­tre­te mir dann ein wenig die Bei­ne auf der direkt an der Küs­te lie­gen­den Stra­ße vor dem Hos­pi­tal, wo ich den Son­nen­un­ter­gang in der Bucht von Car­ta­ge­na betrach­te. Die War­te­zeit kommt mir end­los vor. Dann end­lich kommt Ger­mán. Ich bin neu­gie­rig und fra­ge ihn, wie es aus­sieht. Sei­ne Ant­wort ver­schlägt mir die Spra­che. Die Rönt­gen­auf­nah­me sei zwar gemacht wor­den, aber der Arzt, der sie inter­pre­tie­ren könn­te, war schon nicht mehr anwe­send. Ja, ich erin­ne­re mich, wir befin­den uns in der “Sema­na San­ta”, wo die, die es sich leis­ten kön­nen, in das ver­län­ger­te Wochen­en­de auf­bre­chen. Die nächs­te Mög­lich­keit sei am Mon­tag nächs­ter Woche. Ich bin wütend aber mir bleibt nichts ande­res übrig, als zurück­zu­fah­ren.

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Es ist nicht zu leug­nen, dass das kolum­bia­ni­sche Gesund­heits­sys­tem in den letz­ten Jahr­zehn­ten eine posi­ti­ve Ent­wick­lung durch­ge­macht hat, aber ers­tens ist es chro­nisch unter­fi­nan­ziert, und zwei­tens ist jedes Sys­tem, bei dem öffent­li­che Gel­der im Spiel sind, der Ver­su­chung gegen­sei­ti­ger Vor­teil­nah­me bestimm­ter ein­fluss­rei­cher Akteu­re aus­ge­setzt. Staat­li­che Aus­trock­nung und Kor­rup­ti­on sind die Haupt­kri­tik­punk­te, die hier in der Öffent­lich­keit immer wie­der hevor­ge­bracht wer­den. Wei­ter­hin wird die zu gro­ße Anzahl an inef­fi­zi­ent arbei­ten­den Gesund­heits­kas­sen kri­ti­siert. Eini­ge EPS sind schon gar nicht mehr in der Lage, die Leis­tun­gen der Kran­ken­häu­ser zu zah­len, haben ihnen gegen­über mitt­ler­wei­le hohe Schul­den. Das wie­der­um führt zu per­ma­nen­ten Liqui­di­täts­pro­ble­me bei den Kran­ken­häu­sern, die zum Teil ihre Mit­ar­bei­ter über einen Zeit­raum von drei Mona­ten (!) kein Gehalt zah­len kön­nen. Da mitt­ler­wei­le auch Medi­ka­men­te durch die Kran­ken­kas­sen­leis­tun­gen abge­deckt wer­den, haben die Phar­ma­un­ter­neh­men die Prei­se für Medi­ka­men­te in den letz­ten Jah­ren stark erhöht (zum Teil um das Fünf­fa­che (!), was die Situa­ti­on der EPS nur noch ver­schlim­mert. Bereits 2010 hat­te die Regie­rung (damals noch unter Uri­be) den “sozia­len Not­stand des Gesund­heits­sys­tem” aus­ge­ru­fen. Die Ant­wort, die sie geben woll­te, war typisch für eine Poli­tik, die in neo­li­be­ra­len Denk­mus­tern befan­gen ist: Spa­ren und Pri­va­ti­sie­ren. Die Fol­gen waren vor­her­seh­bar: Eine immer tie­fe­re Spal­tung des sowie­so schon exis­tie­ren­den Zwei-Klas­sen Gesund­heits­sys­tems. Der öffent­li­che Pro­test war ent­spre­chend. Seit Beginn der Prä­si­dent­schaft von San­tos im Jah­re 2010 haben sich die Gewich­te etwas ver­scho­ben. Ver­spro­chen wur­de eine grund­le­gen­de Reform des von der Bevöl­ke­rung als “car­ru­sel de la muer­te” bezeich­ne­ten Sys­tems. Zunächst geschah jedoch erst­mals nichts. Erst im Febru­ar 2015 wur­de ein Gesetz ver­ab­schie­det, das grund­le­gen­de Eck­pfei­ler für eine Reform fest­legt (Ley Esta­tu­ta­ria de salud). Gesund­heit wird als ein “fun­da­men­ta­les Men­schen­recht” aner­kannt” und ein “gerech­ter Zugang aller Kolum­bia­ner zum Gesund­heits­sys­tem” ver­spro­chen. Mit den admi­nis­tra­ti­ven Hür­den, wie sie bei­spiel­haft oben beschrie­ben wur­den, soll Schluss gemacht wer­den, v.a. mit der Auto­ri­sie­rungs­pra­xis in Not­fäl­len. Den Ärz­ten soll auf­grund ihrer Qua­li­fi­ka­ti­on und Erfah­rung mehr Ent­schei­dungs­au­to­no­mie ein­ge­räumt wer­den und nie­man­dem darf in Not­fäl­len die ärzt­li­che Behand­lung ver­wei­gert wer­den. Die Prei­se für Medi­ka­men­te sol­len in Zukunft einer staat­li­chen Regu­la­ti­on unter­wor­fen wer­den (El Espec­ta­dor: 10 cosas que debe saber sob­re la Ley Esta­tu­ta­ria de Salud, 17.2.2015). Das hört sich gut an. Aber wie in vie­len ande­ren Berei­chen, in denen Kolum­bi­en bei­spiel­haf­te Geset­ze hat, wird sich die Wahr­heit in der Umset­zung zei­gen. Man darf gespannt sein.

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Hegel und Haiti”

Auf dem Rück­flug von Medel­lin nach Bogo­tá habe ich ange­fan­gen das Buch von Buck-Morss “Hegel und Hai­ti” zu lesen. Ich hat­te es zwar schon im Gepäck, als ich von Deutsch­land nach Kolum­bi­en auf­brach, aber die Dis­kus­si­on auf dem Sozio­lo­gie-Kon­gress in Medel­lin hat mich dann rich­tig ani­miert, die­ses Buch zu lesen, das sehr gut in die gegen­wär­ti­ge Debat­te über Euro­zen­tris­mus, über “Whiteness” und post-kolo­nia­ler Theo­rie­bil­dun­gin passt. Inter­es­san­ter­wei­se ist Buck-Morss kei­ne schwar­ze Auto­rin son­dern eine wei­ße. Sie ver­sucht Hegel für den post-kolo­nia­len Dis­kusrs zu dekon­stru­ie­ren. Ein span­nen­des und fas­zi­nie­ren­des Buch, wenn­gleich Buck-Morss’ Grund­hy­po­the­se, dass Hegel sei­ne Gedan­ken über HERR UND KNECHT nur ent­wi­ckeln konn­te durch die Ver­ar­bei­tung der revo­lu­tio­nä­ren Ereig­nis­se in Hai­ti von (von denen er v.a. durch die Lek­tü­re in der Zeit­schrift “Miner­va” Kennt­nis erlangt hat­te) mich nicht über­zeu­gen konn­te. Immer­hin passt es sehr gut auf die vor eini­ger Zeit im Ver­ein Wis­sens­kul­tu­ren ver­an­stal­te­te Dis­kus­si­on um den Libe­ra­lis­mus, wo unter ande­rem die Fra­ge dis­ku­tiert wur­de, wie es sein konn­te, dass die wich­tigs­ten Phi­lo­so­phen des Libe­ra­lis­mus über Frei­heit und Slave­rei reden konn­ten, ohne dabei an die ver­schlepp­ten Afri­ka­ner in der Neu­en Welt und anders­wo zu den­ken.

Nach Buck-Morss war Hegel der ers­te, der die­se Wider­sprüch­lich­keit auf­ge­grif­fen und zu einem phi­lo­phi­schen The­ma gemacht hat. Mag sein. Aber ich erin­ne­re mich, dass Hans-Heinz Holz, des­sen Phi­lo­so­phie-Vor­le­sun­gen ich in den 70er Jah­ren in Mar­burg gehört hat­te,  eine Arbeit zu dem The­ma “Herr und Knecht bei Leib­niz und Hegel” ver­fasst hat­te, in der auf Leib­niz ver­wie­sen wird, der die­ses The­ma auch schon phi­lo­so­phisch bear­bei­tet hat­te, natür­lich ohne einen Schim­mer von Hai­ti zu haben.

Was Buck-Morss auf­greift ist die Fra­ge einer uni­ver­sal­ge­schicht­li­chen Ent­wick­lung. Auch wenn wir mitt­ler­wei­le die­se von der Auf­klä­rung auf­ge­wor­fe­ne Fra­ge kri­tisch sehen und uns auch von der marx­schen Sicht­wei­se die­ser geschichts­phi­lo­so­phi­schen Idee ent­fernt haben, schiebt sie sich doch immer wie­der in den Vor­der­grund über inter­kul­tu­rel­le Fra­gen. Buck-Morss fragt, ob man die Fra­ge nicht neu kon­fi­gu­rie­ren könn­te und zwar so, dass die Geschich­te nicht als mora­li­sches Nar­ra­tiv über Gut und Böse erzählt wird, son­dern “die Kon­tin­genz und Kom­ple­xi­tät der Ereig­nis­se, das unvoll­stän­di­ge Wis­sen der Han­deln­den sowie die unbe­ab­sich­tig­ten Fol­gen ihrer Aktio­nen” ange­mes­sen berück­sich­tigt wer­den, Geschich­te sich also nicht “in einen roman­ti­sier­ten Kampf zwi­schen Hel­den und Schur­ken ver­wan­delt” (146).

Sie stellt die Fra­ge: “Was pas­siert, wenn wir im Geis­te der Dia­lek­tik den Spieß umdre­hen und Hai­ti nicht län­ger als das Opfer Euro­pas betrach­ten son­dern als Akteur, der bei der Kon­struk­ti­on Euro­pas eine Rol­le gespielt hat?” (110). Die­se Fra­ge ensteht aus der Beob­ach­tung, dass die Hai­tia­ni­sche Ver­fas­sung (nach der Revo­lu­ti­on 1801) fest­hält, dass “alle Men­schen gleich wel­cher Haut­far­be” Zugang zu allen Beru­fen haben. Die fran­zö­si­sche Erklä­rung der Men­schen­rech­te bezog sich nur auf fran­zö­si­sche Staats­bür­ger, wäh­rend sie in Hai­ti für alle Men­schen galt, die das Ter­ri­to­ri­um betra­ten. Inso­fern also “alle Men­schen” als gleich­be­rech­tigt ange­se­hen wer­den, geht die Hai­tia­ni­sche Ver­fas­sung über die fran­zö­si­sche hin­aus (129). Zu die­sem Zeit­punkt war Hai­ti aber noch eine fran­zö­si­sche Kolo­nie (“Saint Dom­in­gue”). Ja, auch die Hai­tia­ni­sche Revo­lu­ti­on hat­te ihren “Terr­eur” (immer­hin wur­den fast alle wei­ßen ehe­ma­li­gen Skla­ven­hal­ter und Plan­ta­gen­be­sit­zer umge­bracht), aber nicht weil sie Wei­ße waren, son­dern weil sie Quä­ler, Hen­ker und grau­sa­me Unter­drü­cker waren. Es gab Ange­hö­ri­ge der fran­zö­si­schen (napo­leo­ni­schen) Inter­ven­ti­ons­ar­mee, die den Auf­stand in Hai­ti nie­der­schla­gen soll­ten, die, als sie hör­ten dass die Skla­ven­ar­mee auf der ande­ren Sei­te die Mar­seil­lai­se san­gen, sich frag­ten, ob sie auf der rich­ti­gen Sei­te kämpf­ten. Vie­le deser­tier­ten, unter ihnen auch Polen und Deut­sche. Die konn­ten anschlie­ßend unbe­hel­ligt in Hai­ti leben.

War­um ich Buck-Morss’ Aus­füh­run­gen so inter­es­sant fin­de, liegt dar­an, dass sie das gän­gi­ge Bild von der bür­ger­li­chen Revo­lu­ti­on, die im Inter­es­se der Bour­geoi­sie lag und von die­ser auch durch­ge­führt wur­de, inso­fern ins Wan­ken gerät, als hier eine Revo­lu­ti­on nicht im Namen einer Klas­se (weder Bour­geoi­sie noch Pro­le­ta­ri­at) son­dern von einem “bunt­sche­cki­gen Hau­fen” im Rah­men all­ge­mei­ner Men­schen­rech­te gemacht wur­de. D.h. hier kom­men plötz­lich ande­re Fak­to­ren ins Spiel. Eman­zi­pa­ti­on bei Marx haißt ja vor allem, dass sich der Mensch als Mensch erkennt, als glei­ches Gat­tungs­we­sen, und nicht mehr nur als Besit­zer von spe­zi­fi­schen Waren (Geld vs. Arbeits­kraft). Bei Marx wird die­se Eman­zi­pa­ti­on durch die Arbeits­er­klas­se reprä­sen­tiert, weil sie die letz­te unter­drück­te Klas­se dar­stellt und ihre Befrei­ung letzt­lich zur Befrei­ung aller füh­ren muss. Das hat — wie wir wis­sen — nicht geklappt und jeg­li­cher Reprä­sen­ta­tis­mus (Demo­kra­ti­sche Repu­blik der Bour­geoi­sie eben­so wie die Dik­ta­tur des Pro­le­ta­ri­ats) ist — zurecht — in die Kri­tik gera­ten. Ja, es ist selbst die­se uni­ver­sal­ge­schicht­li­che und auf­klä­re­ri­sche Idee einer schritt­wei­sen Eman­zi­pa­zi­on, der wir mitt­ler­wei­le mit Skep­sis begeg­nen.

Der Blick auf Hai­ti öff­net aller­dings der Mög­lich­keit die Tür, an der Eman­zi­pa­ti­ons­idee fest­zu­hal­ten, sie aber von den klas­sen­theo­re­ti­schen Impli­ka­tio­nen zu befrei­en. Wäh­rend die fran­zö­si­sche Revo­lu­ti­on und auch die pro­le­ta­ri­sche Revo­lu­ti­on noch frag­men­ta­ri­schen Cha­rak­ter hat­te (144), zeig­te sich in der Hai­tia­ni­schen Revo­lu­ti­on von vorn­her­ein ein uni­ver­sel­ler Cha­rak­ter. Des­halb sieht Buck-Morss hier den Bezug zu Hegels Posi­ti­on einer Eman­zi­pa­ti­on, in der der Mensch sich trotz aller eth­ni­scher, geschlecht­li­chen, sexu­el­len und klas­sen bzw. stan­des­mä­ßi­gen Viel­falt als ein­heit­li­ches Men­schen­ge­schlecht aner­kennt. D.h. Buck-Morss ver­tritt die The­se, dass es die Hai­ta­ni­sche Revo­lu­ti­on sein müss­te, die man zur Refe­renz für eine Idee der Eman­zi­pa­ti­on machen müss­te, nicht die fran­zö­si­sche oder die rus­si­sche Revo­lu­ti­on. Der Refe­renz­punkt heißt hier “Diver­si­tät”.

Refe­renz heißt hier natür­lich auch immer: kri­tisch hin­zu­se­hen! Denn auch die Hai­tia­ni­sche Revo­lu­ti­on ist ja geschei­tert. Auch hier­zu gibt Buck-Morss eini­ge inter­es­san­te Ansatz­punk­te. Das Haupt­pro­blem nach der Revo­lu­ti­on war ein öko­no­misch-orga­ni­sa­to­ri­sches. Wie konn­te mit die­sem “bunt­sche­cki­gen Hau­fen”, der sich gera­de von sei­nen Ket­ten befreit hat­te, eine Pro­duk­ti­ons­wei­se in der Land­wirt­schaft ent­wi­ckelt wer­den, die zwar die vor­ge­fun­de­ne Form der Plan­ta­gen und der Lati­fun­di­en bei­be­hielt, ohne dabei aber auf Skla­ven­ar­beit zurück­zu­grei­fen? Wel­che Alter­na­ti­ve hat­te es gege­ben? Und — hier kommt wie­der Marx ins Spiel — war­um hat es hier nicht den Umschwung in eine kapi­ta­lis­ti­sche Lohn­ar­beit gege­ben? Das war im Nach­bar­land der “Domi­ni­ka­ni­schen Repu­blik” der Fall, wo das Land auf­ge­teilt wur­de unter Klein­bau­ern. Der Weg, den Hai­ti ging, war ja ein ande­rer. Man knüpf­te an das erfolg­rei­che Kon­zept der Erhe­bung an, an mili­tä­ri­sche Dis­zi­plin und Kom­man­do­wirt­schaft. An die­ser Stel­le hört Buck-Morss auf, man müss­te aber genau hier anset­zen und wei­ter­den­ken.

Medellin

Dass die Kolum­bia­ner Früh­auf­ste­her sind, habe ich mitt­ler­wei­le rea­li­siert. Die Ratio dar­an ist der enor­me Ver­kehr. Will man nicht im Stau fest­sit­zen, lohnt sich eine Stun­de frü­her zur Arbeit zu fah­ren. Jetzt stel­le ich aber fest, dass ich offen­sicht­lich schon von die­sem Früh­auf­ste­her-Virus infi­ziert bin. Mein Hotel hier in Medel­lin, in dem ich wäh­rend des XI Con­gre­so Nacio­nal de Socio­lo­gia woh­ne, liegt zwar recht hübsch am Par­que Pob­la­do, aber ab sechs Uhr mor­gens ist hier schon die Höl­le los. Nur das Früh­stück gibt es erst ab sie­ben. Und da es auf der Ter­as­se ein­ge­nom­men wird, und es bis­her fast jeden mor­gen um 7 einen Regen­schau­er gege­ben hat, wird dar­aus dann meis­tens doch erst 8 Uhr. Aber um 8 Uhr begin­nen bereits die Ver­an­stal­tun­gen der Kon­fe­renz an der Uni. Was die nor­ma­len Semi­na­re betrifft, berich­ten mei­ne kolum­bia­ni­schen Kol­le­gen von Ver­an­stal­tun­gen, die um sechs (sic!) Uhr mor­gens begin­nen.

Dass ich immer um sechs wach wer­de kann hier im Hotel auch damit zu tun haben, dass jeden mor­gen um sechs die Natio­nal­hym­ne auf allen Kanä­len geschmet­tert wird. Und an der Rezep­ti­on haben die das Radio eigent­lich immer an. Das Glei­che wie­der­holt sich dann abends um sechs. Und natür­lich wur­de auch der Kon­gress mit der Natio­na­hym­ne eröff­net. Dann eine klei­ne Begrü­ßungs­an­spra­che des Rek­tors und danach wie­der eine Hym­ne. Dies­mal die der Uni­ver­si­dad de Antio­quia. Also immer auf­ste­hen, hin­setz­ten, auf­ste­hen und wie­der hin­set­zen. Katho­li­ken mögen das ja bei ihren ein­schlä­gi­gen Ver­samm­lun­gen gewohnt sein, aber ich?

Das Früh­stück ist eigent­lich das ein­zi­ge, was mir an dem Hotel nicht gefällt. Es gibt immer das­sel­be und wird vom Bedie­nungs­per­so­nal lieb­los vor einem hin­ge­knallt. Das ist abso­lut unty­pisch für Kolum­bi­en, wo man eigent­lich immer sehr lie­be­voll bedient wird. Aber hier ist irgend­wie der Wurm drin. Nach­dem man auf der Ter­as­se erschie­nen ist und sich an einen frei­en Platz gesetzt hat, schlürft eine der bei­den Bedie­nungs­per­so­nen in die­sen all­ge­gen­wär­ti­gen kolum­bia­ni­schen Gum­mi-Arbeits-Lat­schen (Crooks oder wie die hei­ßen), die ein wenig an die­se Hol­land-Lat­schen erin­nern, aber eben aus Gum­mi oder Plas­tik sind und in allen Far­ben zu krie­gen sind. Meis­tens sind sie aber blau. Con­stan­za hat auch sol­che. Angeb­lich sol­len die sehr bequem sein, aber ich wer­de sie nicht an mei­ne Füße las­sen.

Wenn man in Kolum­bi­en “Café con Leche” bestellt erhält man in der Regel “Leche con Café”. Da ich das weiß, bestell ich immer “Café Tin­to (das ist schwar­zer Kaf­fee) con un poqui­to (!) de leche”. Aber das Bedie­nungs­per­so­nal ver­wech­selt das mit Pene­tranz und bringt “leche con un poqui­to café” oder hört nur “leche” und knallt mir dann einen Milch­topf ohne Unter­tas­se vor die Nase, wo man nur ahnen kann, dass da eine Kaf­fee­boh­ne durch­ge­zo­gen wur­de. Das hat sich all mei­nem Pro­test zuwi­der in den vier Tagen hier nicht geän­dert. Aber immer­hin konn­te ich heu­te — nach vier Tagen Muf­fel­früh­stück der Seño­ri­ta das ers­te mal ein Lächeln ent­lo­cken. Oh, der Tag muss gut wer­den..

Mein Hotel ist sehr klein (eigent­lich eher eine Art “Pen­si­on”) und sehr ein­fach aber ganz neu und sehr modern ein­ge­rich­tet (also nicht mit dicken Tep­pich­bo­den, wo der Pilz nur auf sein nächs­tes Opfer war­tet), son­dern leicht zu rei­ni­gen­de Flie­sen. Blitz­blank. Und weil alles noch so neu ist, funk­tio­niert alles pri­ma. Da stört dann auch nicht so sehr, dass die Was­ser­häh­ne mal links, mal rechts her­um auf­zu­dre­hen sind. Ja manch­mal sogar der lin­ke rechts und der rech­te links. Und manch­mal ist das war­me Was­ser links und das kal­te rechts (wie ich das nach DIN-Norm ken­ne), manch­mal aber eben das war­me rechts und das kal­te links. Egal, man kann das schnell raus­krie­gen und dann weiß man es eben.

Im Hotel gefällt mir sogar die Ein­rich­tung gut. Nicht der übli­che Hotel­kitsch und sogar aus­ge­spro­chen tol­le Bil­der (schei­nen sogar Ori­gi­na­le zu sein). Alles modern bis post-modern. Das ers­te Zim­mer muss­te ich aller­dings wech­seln, weil es anstatt Fens­ter nur sol­che Glas­bau­stei­ne hat­te, durch die etwas Licht fiel. Ich lei­de zwar nicht unter Klaus­tro­pho­bie aber den­noch, das war nicht aus­zu­hal­ten. Am nächs­ten Tag hat­te ich ein neu­es Zim­mer auf der ande­ren Sei­te des Hotels, der Stra­ßen­sei­te. Na ja, Stra­ßen­lärm schreckt mich nicht, aber ich wuss­te nicht, dass genau unter dem Zim­mer sich eine Dis­ko­thek befin­det. Nun krie­ge ich immer gute Musik in abso­lu­ter Dröhn­stär­ke zum Ein­schla­fen. Na ja, ganz so schlimm ist es auch nicht, weil die Dis­co pünkt­lich um Mit­ter­nacht schließt, und dann ist es ruhig.

Also mor­gens nach dem sagen­um­wo­be­nen Früh­stück mache ich mich dann auf zur Uni. Zehn Minu­ten Fuß­weg und dann in die Metro. Ziem­li­ches Gedrän­ge. Pro­gramm, Han­dy und Tablet in die Tasche gesteckt, manch­mal auch die Kame­ra , den Schul­ter­rieh­men über bei­de Schul­tern gelegt, also so, dass der Rie­men auf der lin­ken (oder rech­ten) Schul­ter und dann nach rechts (oder links) über den Kopf gezo­gen wird, so dass die Tasche dann rechts (oder links) ist. Dann kann einem kei­ner die Tasche ein­fach so von der Schul­ter rei­ßen.

Dann zehn Minu­ten zur Metro. Die Metro ist echt ein Prunk­stück. Und zwar in mehr­fa­cher Hin­sicht. Sau­ber­keit (kein Ver­gleich zu Bon­ner Stra­ßen­bahn, wo über­all Essens­res­te rum­lie­gen, Jugend­lich mit Füßen auf den Sit­zen rum­lun­gern, kaput­te Fla­schen rum­lie­gen, nee das gibts hier nicht. Und die Metro hat eine Kli­ma­an­la­ge (wo gibt’s denn sowas?), was zu den Stoß­zei­ten mor­gens und abends echt ein Segen ist. Die Medel­li­ner sind zurecht stolz auf ihre Metro und ach­ten dar­auf, dass sie erhal­ten bleibt. Auch die Bahn­stei­ge sind eine Augen­wei­de. Alles pico­bel­lo. Inter­es­san­ter­wei­se wird hier alles von der “Poli­cía Nacio­nal” gere­gelt. Die Zug­durch­sa­gen, die Bewa­chung, dafür zu sor­gen, dass man bei der Zug­ein­fahrt nicht zu dicht an der Bahn­steig­kan­te steht, Leu­te zurück­hal­ten, wenn der Zug abfährt, Tou­ris­ten bera­ten, die nicht wis­sen, in wel­chen Schlitz man die Kar­te ste­cken muss bzw. auf wel­che Scan­flä­che die Tar­je­ta gelegt wer­den muss. Die Poli­cía macht hier ein­fach alles, außer Fahr­kar­ten­ver­kau­fen. Das machen Zivi­lis­ten in der Taquil­la.

Die Kolum­bia­ner rem­peln übri­gens bein Ein- und Aus­stei­gen genau wie in Deutsch­land. Der ein­zi­ge Unter­schied ist der, dass man nach dem Anrem­peln ein Lächeln erhält, wäh­rend in Deutsch­land die Leu­te so tun, als hät­ten sie nicht gemerkt dass sie einen ange­rem­pelt haben. Na ja, das ist dann ja doch ein ziem­li­cher Unter­schied, der das Rem­peln etwas erträg­li­cher macht.

Nur etwas ist echt Mist. Die bei­den metal­li­schen Stan­gen, die sich längs­schnit­tig unter­halb des Zug­da­ches durch den gan­zen Zug zie­hen, damit sich die Fahr­gäs­te mit Steh­platz (und das sind natür­lich die meis­ten) dar­an fest­hal­ten kön­nen, sind ein­fach nicht für die Kör­per­grö­ße eines nor­ma­len Mit­tel­eu­ro­pä­ers kon­stru­iert. Ich habe mir schon zwei­mal ziem­lich hart den Kopf dar­an gesto­ßen.

Apro­pos Kopf sto­ßen. Im Hotel ist wie gesagt alles (außer Früh­stück) super, aber die Dusche hat so eine Glas­tür, wie wir sie auch in Bonn haben. Oben wird sie begrenzt durch eine Metall­schie­ne, die lei­der so nied­rig ist, dass ich jeden mor­gen schlaf­trun­ken dage­gen knal­le. Ich brauch wohl noch ein paar schmer­haf­te Erfah­run­gen, um das zu ler­nen. Aber dann rei­se ich ja schon wie­der ab.

Die Uni ist schön, aber auch hier habe ich eine über­ra­schen­de Erfah­rung gemacht. Das Per­so­nal in der Men­sa, in den vie­len Cafe­te­ri­as und an den vie­len Kios­ken auf dem Cam­pus ist genau so unfreund­lich wie ich es von deut­schen Uni­ver­si­tä­ten ken­ne, sei es nun Mar­burg, Bonn, Essen, Sie­gen oder Bie­le­feld. Wer erin­nert sich nicht dar­an, wie einem immer die Sachen auf den Tel­ler geknallt wur­den und man ange­mault wur­de, wenn man es wag­te, irgend­ei­nen Son­der­wunsch zu äußern?. Hier ist das nicht anders. Eigent­lich doch völ­lig unty­pisch für Kolum­bi­en oder hat das was mit Paisa­l­and
(Antio­qia) zu tun? Kei­ne Ahnung.

Ansons­ten aber sind die Kolum­bia­ner hier so wie man es gewohnt ist. Äus­ge­spro­chen hilfs­be­reit, lie­be­voll, und natür­lich (zurecht) stolz auf ihr schö­nes Land.