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Bodyguards der Armen

Wer in Bogotá lebt entwickelt eine andere Sensibilität für Gefahren, die einem von Personen mit unlauteren Absichten drohen können, als jemand, der in Bonn lebt. Zweifellos wird auch in Bonn bei einem nächtlichen Fußweg von einer Party nach Hause die Aufmerksamkeit gesteigert, wenn man Schritte in seiner Nähe hört. Aber solange die körpereigenen Alarmsensoren nicht außergewöhnliche Bewegungen des Anderen melden, die man – zu Recht oder zu Unrecht – als beunruhigend wertet, bleibt man doch relativ gelassen. In Bogotá ist das etwas anders. Schon tagsüber melden die Sensoren sofort, wenn eine Person sich zu nah befindet, zu lange hinter einem hergeht oder um Auskunft nach einer Adresse bittet. Freund oder Feind? Diese Frage schießt einem in sekundenschnelle durch den Kopf. Auch hier stellt sich die Situation in den meisten Fälle als harmlos heraus, aber die Sensibilität ist erheblich gesteigert. Das betrifft mittlerweile auch Fahrten mit dem Auto und selbstverständlich auch Besucher an der eigenen Wohnung.

Je nach Möglichkeiten und sozialer Klassenlage versuchen die Bogotaner sich darauf einzustellen und haben entsprechende Schutzmechanismen entwickelt. Die Reichen verbarrikadieren sich, mauern und zäunen sich ein, lassen sich durch Bodyguards begleiten, manchmal sogar in einer martialisch erscheinenden Kolonne von schweren, mit Panzerglas verstärkten und Sichtblenden versehenen und meist schwarz lackierten Fahrzeugen, den „carros blindados“. In den öffentlichen Gebäuden, Einkaufszentren und Plätzen patroulliert – zusätzlich zum Wachpersonal an den Eingängen – „personal de seguridad“ mit speziell ausgebildeten Hunden, Deutsche Schäferhunde, Dobermans, Rottweiler. Hunde gibt es sehr viele in Bogotá. Und auch hier teilt sich die Stadt in Nord (die reicheren Stadtgebiete) und Süd (die ärmeren Stadtviertel). Im Norden gehören die sogenannten Hundeausführer mittlerweile zum Stadtbild. Das sind Personen, die sich ein paar Pesos dadurch verdienen, dass sie die Hunde der Reichen ausführen. Und zwar im Rudel, manchmal um die zwanzig Hunde, verschiedener Größen und Rassen.

Hunde-in-Bogota

Hunde-in-Bogota

Im Süden sieht es etwas anders aus. Hier werden keine Hunde ausgeführt, sondern die Hunde sind einfach da. Und sie versuchen sich freilebend in einem bestimmten Territorium, einer Straße, einem Straßenabschnitt oder einem Platz, eben dort wo sie ausreichend Nahrung finden und wo sie geduldet werden, festzusetzen. Das bedeutet in der Regel einen nicht unkomplizierten Integrationsprozess in eine Gruppe dort schon vorhandener Artgenossen. Manchmal werden sie weggebissen, dann müssen sie sich eine andere Gruppe suchen, manchmal gelingt es ihnen, sich zu integrieren. Ob sie bleiben und wieviele Hunde längerfristig in solch einer Gruppe bleiben hängt nicht zuletzt von den dort existierenden Nahrungsbedingungen ab. Und hier kommt es nun zu einer Art Win-Win-Situation zwischen Tier und Mensch. Die Menschn haben gelernt, dass wenn sie – trotz all ihrer Armut – die Hunde ausreichend versorgen, aus deren Anwesenheit einen wichtigen Vorteil ziehen: Mehr Sicherheit.

 

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Denn die für uns Deutsche gewöhnungsbedürftige Sicherheitslage Bogotás betrifft jeden, ob reich oder arm. Eine Zeitlang hatte ich mal geglaubt, die Armen seien insofern sicherer, als es bei ihnen ja sowieso nichts zu holen gibt. Aber das war ein Irrtum. Mittlerweile habe ich viele Personen kennengelernt, die bitter arm sind und denen dennoch das Wenige, was sie besaßen abgenommen wurde, auf dem Nachhauseweg, zu Fuß, im Bus oder eben zuhause in der eigenen Wohnung. Das genetisch bedingte Territorialverhalten der Hunde sogt dafür, dass beim Eintritt fremder Personen in das eigene Territorium, sei es nun der Straßenabschnitt, der Hof oder ein bestimmter Kiez, sofort Alarm geschlagen wird, und gegebenenfalls es sogar zu Verteidigungsaktionen kommt. Wie ich finde, ein bemerkenswertes Äquivalen zum Wachpersonal der Reichen, das man als eine Art „Open Source Äquivalent“ bezeichnen könnte.

Getsemani

Gestern waren Constanza und ich nach längerer Zeit mal wieder in Getsemani, einem der vier Stadtviertel Cartagenas, die von der großen Verteidungsmauer umgeben ist, die die Spanier während ihrer Kolonalherrschaft hier zum Schutz gegen Piraten errichtet hatten. Getsemani ist insofern etwas Besonderes, als es noch immer eine  Sozialstruktur besitzt, in der sich Tourismus und gewachsene Urbanität noch die Waage halten. Während in den beiden anderen innerhalb der ummauerten Stadt liegenden Barrios  Santo Domingo (Centro) und San Diego nahezu alle kleinen Gemischtwarengeschäfte und Handwerker, die wir vor zehn Jahren dort noch vorgefunden hatten,  verschwunden sind und an ihre Stelle Juwelierläden, Boutiquen, Souvenierläden und Luxusrestaurants getreten sind, macht Getsemani (noch) einen ganz anderen Eindruck. Auch hier gibt es Hotels, aber es sind vor allem kleinere Hostales mit geringer Bettenkapazität, die man mit unseren Pensionen vergleichen könnte. Nicht dass es hier keine Touristen gibt, aber es gibt eine wohltuende Vermischung von Touristen und alteingesessenen Cartageneros. Als Symbol für diese Verbindung kann man die  Plaza de la Trinidad  bezeichnen, die eine Art Zentrum Getsemanis darstellt. Unser Sohn, Simon, hatte während seines einjährigen Aufenthalts in Cartagena unmittelbar an diesem Platz in der Calle San Antonio gewohnt. Die Häuser in Getsemani sind in der Regel kleiner als die Prachtbauten im Centro.  Mehrgeschossige Bauten mit prächtigen Balkonen gibt es vor allem an der Calle Larga und der Calle de la Media Luna.  Die meisten Häuser haben jedoch keine Obergeschosse sondern sind ganz im spanischen Kolonailstil erbaut, oft mit einem traumhaften Patio und zur Straßenseite – das unterscheidet sie von den Kolonalbauten der Candelaria im Zentrum von Bogotá – nach außen hin offen, mit den traditionellen holzgeschnitzten Stäben vor den meist glaslosen Fenstern, wohl fremden Zugriff nicht aber fremde Blicke abwehrend. So hat man insbesondere am Abend einen interessanten Einblick in das Familienleben der Cartageneros.

plaza-trinidad_abendsSeit Simon hier nicht mehr wohnt, waren wir selten hier. Aber viel hat sich in den vergangenen Jahren eigentlich nicht verändert. Vielleicht gibt es doch ein paar Hostales mehr als damals. Nach wie vor ist  abends an der „Plaza de la Trinidad“ der Teufel los. Die in den angrenzenden Straßen wohnenden Cartageneros sitzen auf den Bänken an der Plaza, während die Kinder bis in die späten Abendstunden herumtollen. Jugendliche Cartageneros und Cartageneras plaudern, flirten, machen Musik. Dazwischen stehen junge Touristen, eine Bierflasche oder auch eine Flasche Rum oder Aguardiente in der Hand.

plaza-trinidad_constanzaAus  eignen Erfahrungen durch unsere Besuche bei Simon, in der Zeit als hier wohnte, wissen wir, dass an ein frühes Zu-Bett-Gehen in dieser lebhaften Atmosphäre nicht zu denken ist. Und zwar an keinem der Wochentage. Wie oft haben wir hier abends auf den Stufen der Iglesia de la Trinidad, der größten Kirche Getsemanis, gesessen, ein Bier oder einen Mojito getrunken und dem bunten  Treiben zugesehen. Mitte auf dem Platz stand damals ein großes Trampolin, auf dem die Kinder unter den Augen ihrer plaudernden, trinkenden, manchmal auch Musik machenden Eltern bis in die späten Abendstunden herumtobten. An den Seiten war das Trampolin mit Netzen gesichert, so dass auch die ganz Kleinen gefahrlos sich dem Spaß hingeben konnten. Heute ist dieses Trampolin verschwunden. Dafür stehen jetzt an dem Platz ein paar lebensgroße Bronzestatuen. Ob es irgendwelche Heiligen sind? Ich bin nicht sattelfest in der Lehre der katholischen Kirche, kann es deshalb nicht beurteilen. Aber die Figuren könnten auch Fischer sein, oder Handwerker, von denen es in Getsemani noch immer jede Menge gibt. Das sieht man tagsüber sofort. Die Tischlerei, wo Simon damals sein Bett, seinen Tisch und seinen wunderschönen Schaukelstuhl bauen ließ, befindet sich noch immer in der Calle de Las Palmas. Und die „Zapateros“ öffnen ihre „Läden“ noch immer indem sie eine Werkbank mit den typischen Schumacher-Werkzeugen und Töpfen mit Leim vor ihr Haus stellen. Fertig. Die Auslagen der „Ferreterías“  sehen aus, als hätten die Teile alle schon zwei Leben in irgendwelchen Armaturen hinter sich. Aber man bekommt hier alles, was man braucht.

Die Plaza de la Trinidad entschädigt uns für den allabendlichen Schlafentzug  durch ein  – für kolumbianische Verhältnisse eher ungewöhnliches – morgendliches Ausschlafen.  Der Platz ist bis 10 Uhr wie ausgestorben. Lediglich die beiden Geschäfte, ein Gemischtwarenladen und eine Panaderia haben dann geöffnet und natürlich der auch abends unermüdliche „Vendedor de Jugos“  mit seinem fahrbaren Stand, an dem er aus der Vielfalt der – aus unserer Sicht – exotischen Früchte Kolumbiens frisch-gepresste Säfte anbietet. Für Simon, der eine Leidenschaft für diese Säfte entwickelt hatte, war es jeden Morgen die erste Aktion, noch schlaftrunkend aus seiner Wohnung schlurfend quer über den Platz zu dem Saft-Verkäufer.  Mag sein, dass Simon bald sein bester Kunde war. Jedenfalls hatten die beiden nach kurzer Zeit ein ausgesprochenes Vertrauensverhältnis aufgebaut. Ich erinnere mich an ein Erlebnis, als Simon und ich diesen morgendlichen Gang unternahmen, den Saft pressen ließen und ihn mit dem Verkäufer plaudernd in der karibischen Morgensonne genossen. Der Verkäufer bat uns plötzlich, seinen Stand für ein paar Minuten zu übernehmen, da er noch unbedingt einige Früchte vom nahen Markt besorgen müsse. Da wir sowieso dort standen und – je nach Lust und Laune – unseren „Jugo de Guanabana“, „Jugo de Guayaba“, „Jugo de Lulo“, „Jugo de Tamarindo“  oder einfach den für deutsche Ohren nicht ganz so exotische „Jugo de Naranja“ tranken, hatten wir nichts dagegen einzuwenden. Aus den paar Minuten wurde dann aber mehr als eine halbe Stunde. Den Stand verlassen, das konnten wir natürlich nicht, versprochen ist versprochen. Aber nun kamen schon die ersten Kunden. Also was blieb uns anderes übrig, als die Handpresse selbst in Ganz zu setzen und den Job zu machen. Wäre ein solches Erlebnis in Deutschalnd denkbar?

cartagena_baluarteEine der Straßen, die vom Plaza de la Trinidad in Richtung Centro gehen, ist die Calle de Espiritu Santo. Sie führt direkt zur zweiten Kirche, die Iglesia de San Roque und führt uns direkt zur „Ciudad Movil“ , einem Kulturzentrum, das von Lobadis Perez gegründet wurde, der damals Tänzer im „Colegio del Cuerpo“ war und bei dem Simon die ersten Wochen seines Cartagena-Aufenthaltes bis zu seinem Umzug in die Calle de San Antonio gewohnt hatte. Die „Ciudad Movil“ passt zu Getsemani. Es ist ein alternatives Kulturzentrum, das mit ganz wenig Geld aber mit viel Enthusiasmus der Betreiber (über)lebt. Es ist ein junges Publikum, dass hierher findet, und das sich irgendwie wohltuend vom Mainstream der nicht selten gold- und smaragdkettenbehangenen Touristen des Centro abhebt.

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Der 9. April und die Fahne des Regenbogens

Heute ist der 9. April. Dieser Tag ist den Kolumbianern ins nationale Gedächtnis als „Bogotazo“ eingebrannt. An diesem Tag vor 67 Jahren wurde Jorge Eliécer Gaitán, Hoffnungsträger für einen sozialen Wandel und aussichtsreicher Präsidentschaftskandidat der Liberalen Partei in Bogotá auf offener Straße ermordet. Gaitáns Eintreten für eine Verbesserung der materiellen Lebensbedingungen der armen Bevölkerung und seiner damit in Zusammenhang stehenden anti-oligarchischen Rhetorik hatten ihm eine enorme Popularität in der einfachen Bevölkerung aber auch ein großes Misstrauen der sogenannten Elite des Landes, der Bourgeoisie und der Latifundistas, sowohl in der konservativen als auch in seiner eigenen Partei, den Liberalen, eingebracht. Niemand zweifelte daran, dass er die Wahlen gegen den konservativen Amtsinhaber Mariano Ospina Pérez gewinnen würde. Die Hintergründe und Hintermänner dieses Mordes sind bis heute nicht restlos geklärt. Aber die Wut der Anhänger Gaitans kannte keine Grenzen. In heftigen Straßenschlachten mit der Polizei wurden über 3.000 Menschen getötet, die halbe Innestadt von Bogotá verwüstet. Es begann das dunkelste Kapitel in der Geschichte Kolumbiens, die sogenannte „Violencia“, ein Bürgerkrieg, dessen Auswirkungen noch heute in den militärischen und paramilitärischen Auseinandersetzungen überall im Lande zu spüren sind. Der heutige 9. April konnte also genau das richtige Datum für eine nationale Manifestation für den Frieden sein. Und genau dazu hat ihn die kolumbianische Zivilgesellschaft gemacht.

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Im ganzen Land fanden eindrucksvolle Demonstrationen und Kulturveranstaltungen statt. Allein in Bogotá nahmen über 300.000 Menschen an einer Demonstration unter dem Motto „Me Muevo Por La Paz“ (#MeMuevoPorLaPaz) teil, unter ihnen Delegationen der indigenen und afrokolumbianischen Gruppen aus verschiedenen Teilen des Landes, begleitet von Flashmobs zur Erinnerung an die Ermordeten und Verschwundenen. Und während ich diese Zeilen schreibe, setzt sich ein Konzert mit Künstlern aus ganz Lateinamerika (#ConciertoPorLaPaz) fort, das bereits am Nachmittag im Parque Bolivar begann, das ich nun aber am späten Abend nur noch im Fernsehen verfolgen kann. Ich bedaure vor allen, dass ich den Auftritt von Ruben Blades nun nicht live erleben kann, 37 Jahre nach seinem legendären Auftritt auf der Dortmunder Veranstaltung „Freiheit für Nelson Mandela“. Die vielfältigen Formen des Eintreten der Teilnehmer für die Fortsetzung des Friedensprozesses war sehr beeindruckend. Mit Trasparenten wie „El Pueblo es la Llave de la Paz“ (Das Volk ist der Schlüssel zum Frieden) tritt man den bellizistischen Bemühungen der rechtsgerichteten Kräfte um den ehemalien Präsidenten Uribe entgegen und will den Friedensprozess unumkehrbar machen. Man darf ja nicht vergessen, dass Kolumbien in der Frage Krieg oder Frieden tief gespalten ist. Die letzten Präsidentschaftswahlen 2014 hatten die friedensbereiten Kräfte um Juan Manel Santos nur hauchdünn für sich entscheiden können. Bis zum Schluss stand das auf der Kippe, da der Kandidat der extremen Rechten, der vom Expräsidenten Uribe unterstützte Oscar Ivan Zuluaga, noch beim ersten Wahlgang zwei Wochen zuvor vorne gelegen hatte. Santos wurde dann aber bei der Stichwahl von vielen zivilgesellschaftlichen Gruppen, die einen Durchmarsch der extremen Rechten verhindern wollten, unterstützt. Santos weiß sehr genau, dass er seinen Sieg diesen Gruppen und auch den Linken, dem „Polo Democratico Alternativo“, die zum Schluss zu seiner Wahl aufgerufen hatten, verdankt. Und er ist klug genug, diese Gruppierungen in ihren Erwartungen nicht zu enttäuschen. Allerdings ist Santos ein Spross der traditionallen kolumbianischen Oligarchie, also alles andere als ein Linker oder ein Systemveränderer. Aber er will endlich Frieden in Kolumbien, während die extreme Rechte die Guerilla mit militärischen Mitteln niederkämpfen will und dabei die rechtsextremen paramilitärischen Gruppen unterstützt hat (natürlich inoffiziell). Die Kolumbianer haben aber endlich genug von dem seit fast 70 Jahren tobenden Bürgerkrieg.

Nach Santos Sieg konnten die bereits zuvor begonnenen offiziellen Friedensgespräche mit den FARC in Havanna weitergeführt werden. Aber es wäre eine Illusion zu glauben, dass es bedingt durch das breite linke Bündnis zu einer generellen Linksverschiebung in der Politik Kolumbien gekommen sei. Zweifellos können die Linken und zivilgesellschaftlichen Kräfte für ihre Unterstützung des gewählten Präsidenten gewisse Zugeständnisse hinsichtlich sozialer Reformen und in der Menschenrechtsfrage erwarten. Dies wiederum versucht die extreme Rechte für sich auszunutzen, indem sie versucht, Santos als Kommunistenfreund darzustellen. Das ist er mitnichten. In der Presse hierzulande wird sein Kurs als eher sozialdemokratisch dargestellt, was allerdings schon erstaunlich ist, wenn man bedenkt, dass er unter Uribe Verteidigungsminister war und Uribe ihn selbst zu seinem Nachfolger auserkoren hatte.

Die Rechte fühlt sich nach der äußerst knappen Niederlage des vergangenen Jahres jedenfalls noch stark genug zu versuchen, das Rad der Geschichte zurückzudrehen. Vor allem Expräsident Uribe hatte bereits unmittelbar nach den Wahlen mit unerwarteter Heftigkeit polarisiert, von der selbst die Fernsehmoderatoren überrascht waren. Uribe warf Santos zunächst Betrug und Stimmenkauf vor und begann eine Twitterkampagne, die ihresgleichen sucht und die bis heute anhält. Man muss sich diese Twitterkampagne nur mal anschauen: zum Teil im Minutentakt ergießt sich mit demagogischer Aggressivität eine wahre Schimpf-Kanonade über den gewählten Präsidenten und seine Friedenspolitik. Das alles läuft über den persönlichen Twitter-Account von Uribe. Man fragt sich, wie er die Zeit hat, diese Tweeds alle selbst zu schreiben. Während Santos anfangs noch versucht hatte per Twitter den Vorwürfen entgegenzutreten, ignoriert er nun die permanenten Angriffe und konzentriert sich mehr auf die positive Darstellung seiner Politik. Auch das geschieht viel per Twitter und zeigt, wie sehr sich der politische Kampf verlagert hat und welche Rolle, die informationstechnisch gestützten sozialen Medien dabei spielen. Es ist übrigens interessant zu sehen, wie sehr die kolumbianischen Fernsehanstalten die Möglichkeiten der neuen sozialen Medien, insbesondere Twitter, für ihre eigene Programmgestaltung nutzen. Das geht weit über das hinaus, was ich von den Deutschen TV-Anstalten gewohnt bin.

Kolumbien befindet sich gegenwärtig in einer durchaus nicht ungefährlichen Situation. Santos‘ anfänglicher Versuch, die Situation zu entschärfen, indem er dem unterlegenen Kandidaten Kooperation angeboten hatte (z.B. Ministerposten für Uribes Partei „Centro Democratico“, was in Kolumbien nach Wahlen nicht selten geschieht) scheiterte an der völlig kompromisslosen Haltung Uribes. Die Polarisierung zeigt sich in vielen Alltagssituationen. Im Taxi, auf Parties, In Gesprächen mit Bekannten, Familienmitgliedern und Freunden. Da zeigt sich die Zerissenheit des Landes. Und wie groß dabei die Gefahr einer zunehmenden Radikalisierung der Rechten ist, zeigt sich am Vorstoß bestimmter religiös-fundamentalistischer Kreise, den erzkonservativen „Procurador“ Alejandro Ordóñez Maldonado als kommenden Präsidentschaftskandidaten für das Jahr 2018 aufs Schild zu heben. Mit Ordoñez gäbe es einen Kandidaten, der sich einen Staat wünscht, in dem die christliche Ordnung wieder hergestellt wird, um den „gottlosen Kommunismus zu zermalmen“. So jedenfalls zitiert die Zeitung „El Espectador“ die von Ordoñez der Jungfrau Maria (sic!) gewidmeten Zeilen in seiner Doktorarbeit. “A nuestra señora la Virgen María… suplicándole la restauración del orden cristiano y el aplastamiento del comunismo ateo, para que brille por doquier la Fe Católica, pues sin ella no hay esperanza para las sociedades y para los hombres” (Jorge Gómez Pinilla: ¿Ordóñez Presidente? Dios nos coja confesados…; El Espectador v. 7.4.2015).

Die Sorge der Bevölkerung, ob der von Santos eingeleitete und in Havanna zwar zäh aber wohl durchaus erfolgreich verhandelte Friedensprozess durch die rechten Kräfte nochmal zurückgedreht werden könne, war deutlich zu spüren. Gleichzeitig aber sind die heutigen Demonstrationen eine klare Botschaft an alle diejenigen, die mit einem solchen Gedanken spielen. Klare Worte fand insbesondere der als Redner aufgetretene Bürgermeister von Bogotá, Gustavo Petro. Petro, Mitglied des linksgerichteten „Polo Democratico“ verwies auf die multiple Zusammensetzung der kolumbianischen Bevölkerung in ethnischer, kultureller, religöser, sozialer und politischer Hinsicht. Eine logische Konsequenz dieser Pluralität sei eine klare Absage an jegliche Form von Gewalt: Eine Absage an Gewalt gegen Menschen anderer ethnischer Wurzeln, mit anderen politischen, religiösen oder kulturellen Überzeugungen, an Gewalt gegen Frauen, Gewalt gegen Menschen mit anderen sexuellen Orientierungen sowie eine Absage gegen alle Formen interfamiliärer Gewalt. Aber auch gegen Gewalt in den Institutionen, in den Unternehmen, wo Menschen noch immer eingeschüchtert werden und Ihnen die freie und gleichberechtigte Artikulation ihrer Interessen und Rechte verwehrt wird. Die Entlassung aus dem Arbeitsverhältnis schwebt jederzeit als eine Art sozialer Todesdrohung über jeden Versuch, auf Augenhöhe miteinander zu kommunizieren. Das Symbol dieser Diversität und Pluralität, die Fahne des Regenbogens, ist – so Pedro in seiner Rede – „die neue Fahne der Revolution“.

Krankes Gesundheitssystem

Wer mal einen Einblick in das kolumbianische Gesundheitssystem gewonnen hat, möchte hier lieber nicht krank werden. Wenigstens nicht, wenn er arm ist oder auf dem Lande weit entfernt von großen Städten lebt. Dabei hat es in den letzten Jahren eine durchaus positive Entwicklung des Gesundheitssystem gegeben. Hervorragende Ärzte gibt es hier schon seit Langem, die medizinische Ausbildung ist auf einem hohen Niveau und hat auch international einen sehr guten Ruf. Und mittlerweile hat sich auch die medizinische Versorgung der Gesellschaft durchaus positiv entwickelt. Alle kolumbianischen Arbeitnehmer sind automatisch im Krankenversicherungssystem pflichtversichert. Die Organisation des über Beiträge von Arbeitnehmern und Arbeitgebern sowie durch Steuern finanzierte Gesundheitssystem hat der Staat an private Gesundheitskassen (Entidad Promotora de Salud, EPS) delegiert. An diese Gesundheitskassen zahlt der Staat je nach Risikoprofil feste Sätze. Die EPS wiederum schließen Verträge ab mit Gesundheitsdienstleistern (Instituciones Prestadoras de Servicios, IPS) wie Krankenhäusern und ambulanten Kliniken, die zum Teil privat und zum Teil öffentlich sind. Der Leistungskatalog deckt grundlegende medizinische Konsultationen, Untersuchungen aller Art, Behandlungen, Operationen und Medikamente ab. Außerordentliche Leistungen müssen extra bezahlt werden. Und seit einigen Jahren wird auch die nicht sozialversicherte Bevölkerung schrittweise in dieses System eingeschlossen, zunächst mit besonderen (reduzierten) Leistungen, was aber 2012 als nicht verfassungskonform korrigiert werden musste. Also alles gut? Im Prinzip ja, wenn es da nicht ein paar Kleinigkeiten gäbe, die nicht nur beim Besucher aus Deutschland das blanke Entsetzen hervorrufen.

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Ich habe gestern hier in Cartagena fast den ganzen Tag in einem Krankenhaus verbracht und fühlte mich unwillkürlich an Kafkas Erzählungen erinnert. Germán, der Krankenpfleger meines Schwiegervaters war am frühen Morgen gestürzt und wir mussten einen Rippenbruch befürchten. Ich fahre ihn also mit dem Auto in die Ambulanz des Hospitals im Zentrum von Cartagena. Dies ist ein ziemlich modernes und durchaus renommiertes Krankenhaus. Die Krankenversicherungskarte haben wir dabei, wir erwarten keine Probleme. Außergewöhnliche medizinische Leistungen, die ähnlich wie in Deutschland einem komplizierten und oft langwierigen Genehmigungsprozess unterworfen wären, sind auch nicht zu erwarten. Eine Röntgenuntersuchung sollte Aufschluss über die Art der Verletzung geben und eine schnelle Behandlung und Linderung der Schmerzen ermöglichen. Nun gibt es allerdings in Kolumbien die Regel, dass alle, also auch die einfachsten medizinischen Dienstleistungen im voraus (!) von den EPS autorisiert werden müssen. Für Arbeitsunfälle – und um einen solchen handelte es sich – sind spezielle EPS zuständig, ähnlich wie in Deutschland die Berufsgenossenschaften. Während wir es allerdings gewohnt sind, die Leistungen zunächst über unsere Krankenkasse abzurechnen, die dann an die zuständige Berufsgenossenschaft herantritt, muss hier die zuständige berufliche EPS im voraus eingeschaltet werden. Und damit beginnt nun unsere Irrfahrt durch den Dschungel der Bürokratie des kolumbianischen Gesundheitssystems.

Aus irgendeinem Grunde, den bislang niemand so richtig verstanden hat (der aber möglicherweise etwas mit dem zu tun hat, was im letzten Absatzes dieses Berichts steht), war bei der zuständigen Berufskrankenkasse die Zahlung des letzten Monatsbeitrages nicht verbucht worden. Die zuständige EPS leht die Übernahme der Behandlung zu unserer Überraschung ab. Eine telefonische Rückfrage beim Arbeitgeber in Bogotá ergibt, dass der Beitrag sehr wohl gezahlt worden war. Also erneute Kommunikation. Ohne Erfolg. Die persönliche Krankenversicherung will nicht einspringen, das es sich ja um einen Arbeitsunfall handelte. Das Hin und Her der telefonischen Kommunikation dauert einige Stunden, währenddessen die Schmerzen des Patienten immer stärker werden. Während der Wartezeit beobachte ich mehrere Krankentransporte, die Verletzte in die Ambulanz bringen. Einer, der unschwer als Bewohner eines Armenviertels zu identifizieren ist, wimmert und schreit vor Schmerzen: „Ayudenme, ayudenme. Por que no me ayudan“. Aber die Bürokratie ist unerbittlich. Ich frage mich, hat er überhaupt eine Versicherung? Was passiert mit ihm, wenn nicht? Es wird mir hier immer ungemütlicher. Die Zeit vergeht und in unserer Sache klärt sich nichts. Was sollen wir machen? Letztlich bleibt uns nichts anderes übrig, als dass wir uns bereiterklären, die Behandlung selbst zu zahlen. Meine Kreditkarte habe ich dummerweise nicht dabei, aber das vorhandene Bargeld sollte reichen. Es reicht nicht. Die Röntgenuntersuchung ist zu teuer. Es gibt also nur eine vorläufige Diagnose ohne Röntgenbild und es wird ein Überweisungsschein für eine ambulante Röntgenuntersuchung ausgestellt, die man – ausgestattet mit ausreichender Knete – dann irgendwo später machen lassen kann.

Aber wir wollen Klarheit. Also fahren wir mit dem Auto quer durch Cartagena zurück in das Apartmento meines Schwiegervaters, holen Geld und kehren wieder ins Krankenhaus zurück. Der Verletzte aus dem Armenviertel liegt noch immer auf der Bahre im Flur des Krankenhauses. Aber er ist jetzt ruhig. Offensichtlich hat jemand sich allen bürokratischen Hindernissen zum Trotz erbarmt und ihm zumindest eine sedierende Spritze gegeben. Aber ich frage mich immer wieder: was wird mit ihm passieren? Was unseren eigenen Fall betrifft, so gehen wir davon aus, dass es mit dem am Vormittag ausgestellten Überweisungschein schnell und unbürokratisch gehen wird. Denken wir. Aber falsch gedacht! Die Ambulanz, bei der wir uns am frühen Vormittag angemeldet hatten, hatte den Fall abgeschlossen. Wir sollten uns bei der Röntgenabteilung melden und dort die ganze Anmeldeprozedur erneut durchführen. Unser leiser Protest bleibt unerhört. Warum wir denn nicht direkt die Röntgenuntersuchung haben durchführen lasen? Unsere Erklärung stößt auf Verständnis und die Kolumbianer sind hilfsbereite Menschen. Also führte uns eine Angestellte quer durch das ganze Haus in die Röntgenabteilung. Dort besieht sich ein Arzt lange und gründlich die vorgelegten Dokumente. Warum wir denn nicht gleich …. Nun gut, man will uns helfen. Wenn wir selbst zahlen, sollte es doch möglich sein. Aber zahlen müssten wir an der Rezeption. Er könne uns allerdings nicht sagen, wie viel. Wir gehen also zurück zur Rezeption der Ambulanz. Der Verletzte aus dem Armenviertel liegt immer noch da. Nach langer Suche im Verwaltungscomputer findet man einen Preis. Zahlen müssten wir allerdings in dem Verwaltungsbereich, der für die Röntgenabteilung zuständig ist. Kein Problem, eine nette Angestellte lotst uns wieder durch das ganze Haus zu der zuständigen Rezeption. Dort besieht sich ein Angestellter lange und gründlich die Dokumente. Warum wir denn nicht gleich …. Ah, ja, ok. Aber der uns genannten Preis, könne nicht stimmen. Er wolle mal ‚rübergehen und mit den Kollegen sprechen. Ja, klar, wir warten hier. Wir warten länger als ich erwartet habe. Aber dann kommt er. Der zu zahlen Preis sei leider etwas höher, als man uns zuerst gesagt hatte. So, aha, na gut, egal, wenn es doch jetzt endlich losginge. Wir zahlen und es kann losgehen. Ich warte zunächst im „Sala de Espera“, wo es mir dann aber zu langweilig wird. Ich vertrete mir dann ein wenig die Beine auf der direkt an der Küste liegenden Straße vor dem Hospital, wo ich den Sonnenuntergang in der Bucht von Cartagena betrachte. Die Wartezeit kommt mir endlos vor. Dann endlich kommt Germán. Ich bin neugierig und frage ihn, wie es aussieht. Seine Antwort verschlägt mir die Sprache. Die Röntgenaufnahme sei zwar gemacht worden, aber der Arzt, der sie interpretieren könnte, war schon nicht mehr anwesend. Ja, ich erinnere mich, wir befinden uns in der „Semana Santa“, wo die, die es sich leisten können, in das verlängerte Wochenende aufbrechen. Die nächste Möglichkeit sei am Montag nächster Woche. Ich bin wütend aber mir bleibt nichts anderes übrig, als zurückzufahren.

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Es ist nicht zu leugnen, dass das kolumbianische Gesundheitssystem in den letzten Jahrzehnten eine positive Entwicklung durchgemacht hat, aber erstens ist es chronisch unterfinanziert, und zweitens ist jedes System, bei dem öffentliche Gelder im Spiel sind, der Versuchung gegenseitiger Vorteilnahme bestimmter einflussreicher Akteure ausgesetzt. Staatliche Austrocknung und Korruption sind die Hauptkritikpunkte, die hier in der Öffentlichkeit immer wieder hevorgebracht werden. Weiterhin wird die zu große Anzahl an ineffizient arbeitenden Gesundheitskassen kritisiert. Einige EPS sind schon gar nicht mehr in der Lage, die Leistungen der Krankenhäuser zu zahlen, haben ihnen gegenüber mittlerweile hohe Schulden. Das wiederum führt zu permanenten Liquiditätsprobleme bei den Krankenhäusern, die zum Teil ihre Mitarbeiter über einen Zeitraum von drei Monaten (!) kein Gehalt zahlen können. Da mittlerweile auch Medikamente durch die Krankenkassenleistungen abgedeckt werden, haben die Pharmaunternehmen die Preise für Medikamente in den letzten Jahren stark erhöht (zum Teil um das Fünffache (!), was die Situation der EPS nur noch verschlimmert. Bereits 2010 hatte die Regierung (damals noch unter Uribe) den „sozialen Notstand des Gesundheitssystem“ ausgerufen. Die Antwort, die sie geben wollte, war typisch für eine Politik, die in neoliberalen Denkmustern befangen ist: Sparen und Privatisieren. Die Folgen waren vorhersehbar: Eine immer tiefere Spaltung des sowieso schon existierenden Zwei-Klassen Gesundheitssystems. Der öffentliche Protest war entsprechend. Seit Beginn der Präsidentschaft von Santos im Jahre 2010 haben sich die Gewichte etwas verschoben. Versprochen wurde eine grundlegende Reform des von der Bevölkerung als „carrusel de la muerte“ bezeichneten Systems. Zunächst geschah jedoch erstmals nichts. Erst im Februar 2015 wurde ein Gesetz verabschiedet, das grundlegende Eckpfeiler für eine Reform festlegt (Ley Estatutaria de salud). Gesundheit wird als ein „fundamentales Menschenrecht“ anerkannt” und ein “gerechter Zugang aller Kolumbianer zum Gesundheitssystem“ versprochen. Mit den administrativen Hürden, wie sie beispielhaft oben beschrieben wurden, soll Schluss gemacht werden, v.a. mit der Autorisierungspraxis in Notfällen. Den Ärzten soll aufgrund ihrer Qualifikation und Erfahrung mehr Entscheidungsautonomie eingeräumt werden und niemandem darf in Notfällen die ärztliche Behandlung verweigert werden. Die Preise für Medikamente sollen in Zukunft einer staatlichen Regulation unterworfen werden (El Espectador: 10 cosas que debe saber sobre la Ley Estatutaria de Salud, 17.2.2015). Das hört sich gut an. Aber wie in vielen anderen Bereichen, in denen Kolumbien beispielhafte Gesetze hat, wird sich die Wahrheit in der Umsetzung zeigen. Man darf gespannt sein.

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„Hegel und Haiti“

Auf dem Rückflug von Medellin nach Bogotá habe ich angefangen das Buch von Buck-Morss „Hegel und Haiti“ zu lesen. Ich hatte es zwar schon im Gepäck, als ich von Deutschland nach Kolumbien aufbrach, aber die Diskussion auf dem Soziologie-Kongress in Medellin hat mich dann richtig animiert, dieses Buch zu lesen, das sehr gut in die gegenwärtige Debatte über Eurozentrismus, über „Whiteness“ und post-kolonialer Theoriebildungin passt. Interessanterweise ist Buck-Morss keine schwarze Autorin sondern eine weiße. Sie versucht Hegel für den post-kolonialen Diskusrs zu dekonstruieren. Ein spannendes und faszinierendes Buch, wenngleich Buck-Morss‘ Grundhypothese, dass Hegel seine Gedanken über HERR UND KNECHT nur entwickeln konnte durch die Verarbeitung der revolutionären Ereignisse in Haiti von (von denen er v.a. durch die Lektüre in der Zeitschrift „Minerva“ Kenntnis erlangt hatte) mich nicht überzeugen konnte. Immerhin passt es sehr gut auf die vor einiger Zeit im Verein Wissenskulturen veranstaltete Diskussion um den Liberalismus, wo unter anderem die Frage diskutiert wurde, wie es sein konnte, dass die wichtigsten Philosophen des Liberalismus über Freiheit und Slaverei reden konnten, ohne dabei an die verschleppten Afrikaner in der Neuen Welt und anderswo zu denken.

Nach Buck-Morss war Hegel der erste, der diese Widersprüchlichkeit aufgegriffen und zu einem philophischen Thema gemacht hat. Mag sein. Aber ich erinnere mich, dass Hans-Heinz Holz, dessen Philosophie-Vorlesungen ich in den 70er Jahren in Marburg gehört hatte,  eine Arbeit zu dem Thema „Herr und Knecht bei Leibniz und Hegel“ verfasst hatte, in der auf Leibniz verwiesen wird, der dieses Thema auch schon philosophisch bearbeitet hatte, natürlich ohne einen Schimmer von Haiti zu haben.

Was Buck-Morss aufgreift ist die Frage einer universalgeschichtlichen Entwicklung. Auch wenn wir mittlerweile diese von der Aufklärung aufgeworfene Frage kritisch sehen und uns auch von der marxschen Sichtweise dieser geschichtsphilosophischen Idee entfernt haben, schiebt sie sich doch immer wieder in den Vordergrund über interkulturelle Fragen. Buck-Morss fragt, ob man die Frage nicht neu konfigurieren könnte und zwar so, dass die Geschichte nicht als moralisches Narrativ über Gut und Böse erzählt wird, sondern „die Kontingenz und Komplexität der Ereignisse, das unvollständige Wissen der Handelnden sowie die unbeabsichtigten Folgen ihrer Aktionen“ angemessen berücksichtigt werden, Geschichte sich also nicht „in einen romantisierten Kampf zwischen Helden und Schurken verwandelt“ (146).

Sie stellt die Frage: „Was passiert, wenn wir im Geiste der Dialektik den Spieß umdrehen und Haiti nicht länger als das Opfer Europas betrachten sondern als Akteur, der bei der Konstruktion Europas eine Rolle gespielt hat?“ (110). Diese Frage ensteht aus der Beobachtung, dass die Haitianische Verfassung (nach der Revolution 1801) festhält, dass „alle Menschen gleich welcher Hautfarbe“ Zugang zu allen Berufen haben. Die französische Erklärung der Menschenrechte bezog sich nur auf französische Staatsbürger, während sie in Haiti für alle Menschen galt, die das Territorium betraten. Insofern also „alle Menschen“ als gleichberechtigt angesehen werden, geht die Haitianische Verfassung über die französische hinaus (129). Zu diesem Zeitpunkt war Haiti aber noch eine französische Kolonie („Saint Domingue“). Ja, auch die Haitianische Revolution hatte ihren „Terreur“ (immerhin wurden fast alle weißen ehemaligen Sklavenhalter und Plantagenbesitzer umgebracht), aber nicht weil sie Weiße waren, sondern weil sie Quäler, Henker und grausame Unterdrücker waren. Es gab Angehörige der französischen (napoleonischen) Interventionsarmee, die den Aufstand in Haiti niederschlagen sollten, die, als sie hörten dass die Sklavenarmee auf der anderen Seite die Marseillaise sangen, sich fragten, ob sie auf der richtigen Seite kämpften. Viele desertierten, unter ihnen auch Polen und Deutsche. Die konnten anschließend unbehelligt in Haiti leben.

Warum ich Buck-Morss‘ Ausführungen so interessant finde, liegt daran, dass sie das gängige Bild von der bürgerlichen Revolution, die im Interesse der Bourgeoisie lag und von dieser auch durchgeführt wurde, insofern ins Wanken gerät, als hier eine Revolution nicht im Namen einer Klasse (weder Bourgeoisie noch Proletariat) sondern von einem „buntscheckigen Haufen“ im Rahmen allgemeiner Menschenrechte gemacht wurde. D.h. hier kommen plötzlich andere Faktoren ins Spiel. Emanzipation bei Marx haißt ja vor allem, dass sich der Mensch als Mensch erkennt, als gleiches Gattungswesen, und nicht mehr nur als Besitzer von spezifischen Waren (Geld vs. Arbeitskraft). Bei Marx wird diese Emanzipation durch die Arbeitserklasse repräsentiert, weil sie die letzte unterdrückte Klasse darstellt und ihre Befreiung letztlich zur Befreiung aller führen muss. Das hat – wie wir wissen – nicht geklappt und jeglicher Repräsentatismus (Demokratische Republik der Bourgeoisie ebenso wie die Diktatur des Proletariats) ist – zurecht – in die Kritik geraten. Ja, es ist selbst diese universalgeschichtliche und aufklärerische Idee einer schrittweisen Emanzipazion, der wir mittlerweile mit Skepsis begegnen.

Der Blick auf Haiti öffnet allerdings der Möglichkeit die Tür, an der Emanzipationsidee festzuhalten, sie aber von den klassentheoretischen Implikationen zu befreien. Während die französische Revolution und auch die proletarische Revolution noch fragmentarischen Charakter hatte (144), zeigte sich in der Haitianischen Revolution von vornherein ein universeller Charakter. Deshalb sieht Buck-Morss hier den Bezug zu Hegels Position einer Emanzipation, in der der Mensch sich trotz aller ethnischer, geschlechtlichen, sexuellen und klassen bzw. standesmäßigen Vielfalt als einheitliches Menschengeschlecht anerkennt. D.h. Buck-Morss vertritt die These, dass es die Haitanische Revolution sein müsste, die man zur Referenz für eine Idee der Emanzipation machen müsste, nicht die französische oder die russische Revolution. Der Referenzpunkt heißt hier „Diversität“.

Referenz heißt hier natürlich auch immer: kritisch hinzusehen! Denn auch die Haitianische Revolution ist ja gescheitert. Auch hierzu gibt Buck-Morss einige interessante Ansatzpunkte. Das Hauptproblem nach der Revolution war ein ökonomisch-organisatorisches. Wie konnte mit diesem „buntscheckigen Haufen“, der sich gerade von seinen Ketten befreit hatte, eine Produktionsweise in der Landwirtschaft entwickelt werden, die zwar die vorgefundene Form der Plantagen und der Latifundien beibehielt, ohne dabei aber auf Sklavenarbeit zurückzugreifen? Welche Alternative hatte es gegeben? Und – hier kommt wieder Marx ins Spiel – warum hat es hier nicht den Umschwung in eine kapitalistische Lohnarbeit gegeben? Das war im Nachbarland der „Dominikanischen Republik“ der Fall, wo das Land aufgeteilt wurde unter Kleinbauern. Der Weg, den Haiti ging, war ja ein anderer. Man knüpfte an das erfolgreiche Konzept der Erhebung an, an militärische Disziplin und Kommandowirtschaft. An dieser Stelle hört Buck-Morss auf, man müsste aber genau hier ansetzen und weiterdenken.

Medellin

Dass die Kolumbianer Frühaufsteher sind, habe ich mittlerweile realisiert. Die Ratio daran ist der enorme Verkehr. Will man nicht im Stau festsitzen, lohnt sich eine Stunde früher zur Arbeit zu fahren. Jetzt stelle ich aber fest, dass ich offensichtlich schon von diesem Frühaufsteher-Virus infiziert bin. Mein Hotel hier in Medellin, in dem ich während des XI Congreso Nacional de Sociologia wohne, liegt zwar recht hübsch am Parque Poblado, aber ab sechs Uhr morgens ist hier schon die Hölle los. Nur das Frühstück gibt es erst ab sieben. Und da es auf der Terasse eingenommen wird, und es bisher fast jeden morgen um 7 einen Regenschauer gegeben hat, wird daraus dann meistens doch erst 8 Uhr. Aber um 8 Uhr beginnen bereits die Veranstaltungen der Konferenz an der Uni. Was die normalen Seminare betrifft, berichten meine kolumbianischen Kollegen von Veranstaltungen, die um sechs (sic!) Uhr morgens beginnen.

Dass ich immer um sechs wach werde kann hier im Hotel auch damit zu tun haben, dass jeden morgen um sechs die Nationalhymne auf allen Kanälen geschmettert wird. Und an der Rezeption haben die das Radio eigentlich immer an. Das Gleiche wiederholt sich dann abends um sechs. Und natürlich wurde auch der Kongress mit der Nationahymne eröffnet. Dann eine kleine Begrüßungsansprache des Rektors und danach wieder eine Hymne. Diesmal die der Universidad de Antioquia. Also immer aufstehen, hinsetzten, aufstehen und wieder hinsetzen. Katholiken mögen das ja bei ihren einschlägigen Versammlungen gewohnt sein, aber ich?

Das Frühstück ist eigentlich das einzige, was mir an dem Hotel nicht gefällt. Es gibt immer dasselbe und wird vom Bedienungspersonal lieblos vor einem hingeknallt. Das ist absolut untypisch für Kolumbien, wo man eigentlich immer sehr liebevoll bedient wird. Aber hier ist irgendwie der Wurm drin. Nachdem man auf der Terasse erschienen ist und sich an einen freien Platz gesetzt hat, schlürft eine der beiden Bedienungspersonen in diesen allgegenwärtigen kolumbianischen Gummi-Arbeits-Latschen (Crooks oder wie die heißen), die ein wenig an diese Holland-Latschen erinnern, aber eben aus Gummi oder Plastik sind und in allen Farben zu kriegen sind. Meistens sind sie aber blau. Constanza hat auch solche. Angeblich sollen die sehr bequem sein, aber ich werde sie nicht an meine Füße lassen.

Wenn man in Kolumbien „Café con Leche“ bestellt erhält man in der Regel „Leche con Café“. Da ich das weiß, bestell ich immer „Café Tinto (das ist schwarzer Kaffee) con un poquito (!) de leche“. Aber das Bedienungspersonal verwechselt das mit Penetranz und bringt „leche con un poquito café“ oder hört nur „leche“ und knallt mir dann einen Milchtopf ohne Untertasse vor die Nase, wo man nur ahnen kann, dass da eine Kaffeebohne durchgezogen wurde. Das hat sich all meinem Protest zuwider in den vier Tagen hier nicht geändert. Aber immerhin konnte ich heute – nach vier Tagen Muffelfrühstück der Señorita das erste mal ein Lächeln entlocken. Oh, der Tag muss gut werden..

Mein Hotel ist sehr klein (eigentlich eher eine Art „Pension“) und sehr einfach aber ganz neu und sehr modern eingerichtet (also nicht mit dicken Teppichboden, wo der Pilz nur auf sein nächstes Opfer wartet), sondern leicht zu reinigende Fliesen. Blitzblank. Und weil alles noch so neu ist, funktioniert alles prima. Da stört dann auch nicht so sehr, dass die Wasserhähne mal links, mal rechts herum aufzudrehen sind. Ja manchmal sogar der linke rechts und der rechte links. Und manchmal ist das warme Wasser links und das kalte rechts (wie ich das nach DIN-Norm kenne), manchmal aber eben das warme rechts und das kalte links. Egal, man kann das schnell rauskriegen und dann weiß man es eben.

Im Hotel gefällt mir sogar die Einrichtung gut. Nicht der übliche Hotelkitsch und sogar ausgesprochen tolle Bilder (scheinen sogar Originale zu sein). Alles modern bis post-modern. Das erste Zimmer musste ich allerdings wechseln, weil es anstatt Fenster nur solche Glasbausteine hatte, durch die etwas Licht fiel. Ich leide zwar nicht unter Klaustrophobie aber dennoch, das war nicht auszuhalten. Am nächsten Tag hatte ich ein neues Zimmer auf der anderen Seite des Hotels, der Straßenseite. Na ja, Straßenlärm schreckt mich nicht, aber ich wusste nicht, dass genau unter dem Zimmer sich eine Diskothek befindet. Nun kriege ich immer gute Musik in absoluter Dröhnstärke zum Einschlafen. Na ja, ganz so schlimm ist es auch nicht, weil die Disco pünktlich um Mitternacht schließt, und dann ist es ruhig.

Also morgens nach dem sagenumwobenen Frühstück mache ich mich dann auf zur Uni. Zehn Minuten Fußweg und dann in die Metro. Ziemliches Gedränge. Programm, Handy und Tablet in die Tasche gesteckt, manchmal auch die Kamera , den Schulterriehmen über beide Schultern gelegt, also so, dass der Riemen auf der linken (oder rechten) Schulter und dann nach rechts (oder links) über den Kopf gezogen wird, so dass die Tasche dann rechts (oder links) ist. Dann kann einem keiner die Tasche einfach so von der Schulter reißen.

Dann zehn Minuten zur Metro. Die Metro ist echt ein Prunkstück. Und zwar in mehrfacher Hinsicht. Sauberkeit (kein Vergleich zu Bonner Straßenbahn, wo überall Essensreste rumliegen, Jugendlich mit Füßen auf den Sitzen rumlungern, kaputte Flaschen rumliegen, nee das gibts hier nicht. Und die Metro hat eine Klimaanlage (wo gibt’s denn sowas?), was zu den Stoßzeiten morgens und abends echt ein Segen ist. Die Medelliner sind zurecht stolz auf ihre Metro und achten darauf, dass sie erhalten bleibt. Auch die Bahnsteige sind eine Augenweide. Alles picobello. Interessanterweise wird hier alles von der „Policía Nacional“ geregelt. Die Zugdurchsagen, die Bewachung, dafür zu sorgen, dass man bei der Zugeinfahrt nicht zu dicht an der Bahnsteigkante steht, Leute zurückhalten, wenn der Zug abfährt, Touristen beraten, die nicht wissen, in welchen Schlitz man die Karte stecken muss bzw. auf welche Scanfläche die Tarjeta gelegt werden muss. Die Policía macht hier einfach alles, außer Fahrkartenverkaufen. Das machen Zivilisten in der Taquilla.

Die Kolumbianer rempeln übrigens bein Ein- und Aussteigen genau wie in Deutschland. Der einzige Unterschied ist der, dass man nach dem Anrempeln ein Lächeln erhält, während in Deutschland die Leute so tun, als hätten sie nicht gemerkt dass sie einen angerempelt haben. Na ja, das ist dann ja doch ein ziemlicher Unterschied, der das Rempeln etwas erträglicher macht.

Nur etwas ist echt Mist. Die beiden metallischen Stangen, die sich längsschnittig unterhalb des Zugdaches durch den ganzen Zug ziehen, damit sich die Fahrgäste mit Stehplatz (und das sind natürlich die meisten) daran festhalten können, sind einfach nicht für die Körpergröße eines normalen Mitteleuropäers konstruiert. Ich habe mir schon zweimal ziemlich hart den Kopf daran gestoßen.

Apropos Kopf stoßen. Im Hotel ist wie gesagt alles (außer Frühstück) super, aber die Dusche hat so eine Glastür, wie wir sie auch in Bonn haben. Oben wird sie begrenzt durch eine Metallschiene, die leider so niedrig ist, dass ich jeden morgen schlaftrunken dagegen knalle. Ich brauch wohl noch ein paar schmerhafte Erfahrungen, um das zu lernen. Aber dann reise ich ja schon wieder ab.

Die Uni ist schön, aber auch hier habe ich eine überraschende Erfahrung gemacht. Das Personal in der Mensa, in den vielen Cafeterias und an den vielen Kiosken auf dem Campus ist genau so unfreundlich wie ich es von deutschen Universitäten kenne, sei es nun Marburg, Bonn, Essen, Siegen oder Bielefeld. Wer erinnert sich nicht daran, wie einem immer die Sachen auf den Teller geknallt wurden und man angemault wurde, wenn man es wagte, irgendeinen Sonderwunsch zu äußern?. Hier ist das nicht anders. Eigentlich doch völlig untypisch für Kolumbien oder hat das was mit Paisaland
(Antioqia) zu tun? Keine Ahnung.

Ansonsten aber sind die Kolumbianer hier so wie man es gewohnt ist. Äusgesprochen hilfsbereit, liebevoll, und natürlich (zurecht) stolz auf ihr schönes Land.

XI Congreso Nacional de Sociología

Es ist das erste mal, dass ich an einem kolumbianischen „Congreso Nacional de Sociología“  teilnehme. In diesem Jahr konnten wir unsere Reisepläne so abstimmen, dass eine Teilnahme möglich wurde.  Ich hatte einen Beitrag über Niklas Luhmann in der von Andrés Londoño und Rafael Rubiano (beide von der Universidad de Antioquia) geleiteten Session „Sociológicas: Clásicos y Contemporáneos“ eingereicht. Er wurde in das Programm aufgenommen und nun befinde ich mich also seit zwei Tagen in Medellin auf dem XI Congreso Nacional de Sociología, der an der Universidad de Antioquia stattfindet, ein ausgesprochen schöner Campus mit sehr vielen tropischen Grünflächen.

Der soziologische Diskurs hier in Kolumbien hat mich doch ziemlich überrascht. Die alten politischen Haudegen der 68er hätten ihre helle Freude daran. Marx ist allgegenwärtig, ergänzt mit linken Theoretikern aus Mexico oder der Allende-Zeit aus Chile, deren Namen ich zum Teil noch nie gehört habe, die aber hier sehr präsent sind. Aber auch die soziologischen Klassiker, wie Weber, Simmel, Durkheim, natürlich auch Foucault und Bourdieu werden hier intensiv diskutiert. Auch die neueren „Theorien des Südens“ und des „Postkolonialismus“ spielen eine große Rolle. Und dabei wird ganz schön rumgehackt auf den imperialistischen Ländern des Westens. Natürlich kriegt auch Alemania sein Fett weg. Und ich als Exot aus Alemania mittendrin habe dann manchmal das Gefühl, den Kopf etwas einziehen zu müssen.

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Zunehmend beschleicht mich das ungute Gefühl mit meinem Vortrag über „Niklas Luhmann: Sociología Clásica encuentra el Pensamiento Cibernetico“ hier kaum eine Chance zu haben. Heute war ich in einer Session „Sociología de Trabajo“. Das kam mir vor wie in einer Mitgliederversammlung der Roten Zelle. Nicht allein wegen der Inhalte (Marx, Mehrwertrate, Surplus-Profit, konstantes und variables Kapital – obwohl die hier zu meiner Überraschung die Begriffe „totes“ und „lebendiges“ Kapital verwendeten, was ich in meiner Marburger Zeit, als ich mich wirklich gut in Politischer Ökonomie auskannte, immer sehr kritisiert hatte) sondern auch wegen der kommunikativen Atmosphäre. Da saß rechts (!) neben mir eine ganze Gruppe junger Leute, die an bestimmten Stellen tosenden Beifall klatschten und an bestimmten Stellen, die ich leider nicht verstanden habe, in kollektives Gelächter ausbrachen, während der Rest des Saales finster dreinblickte. Irgendwie kam mir das alles bekannt vor, obwohl ich gestehen muss, nicht voll durchgeblickt zu haben. Auch nicht als in der heutigen Abend-Plenar Session ein Transparent durch den Saal getragen wurde und dann an der Stirnseite des Auditoriums mit Tesafilm (Cinta-Pegante heißt das hier, was außerhalb Kolumbiens auch in Lateinamerika niemand versteht) befestigt wurde und den ganzen Kongress für abgesetzt erklärte. Na toll ….).

MARX-LENIN-MAO

MARX-LENIN-MAO

Luhmann hin, Luhmann her, die ganze Sache fing an, mir Spaß zu machen. Heute habe ich eine interessanten Soziolgen kennengelernt, den ich bisher nicht kannte, ihn aber hätte kennen sollen: Boaventura de Sousa Santos. Offensichtlich eine Kapazität im post-kolonialen Diskurs, dem ich in vielerlei Hinsicht zustimmen konnte, wenngleich mir seine spezifische Nord-Süd-Differenz das Re-Entry (Luhmannn) dieser Differenz innerhalb der lateinamerikanischen Länder ein wenig zu kurz kommt. Aber seine Epistemologie fand meinen Beifall.

Dann habe ich noch einen chilenischen Soziologen kenngelernt, der hat mir aus der Seele, nein aus dem Herzen gesprochen weil er einen differenztheoeretischen Systemansatz vertreten hat. Leider hatte ich keine Gelegneheit, nach seinem Vortrag mit ihm zu reden. Das muss ich also per Email nachholen.

Am Freitag war es dann soweit mit meinem Luhmann-Vortrag. Entgegen der Ankündigung im Programm war ich dann tatsächlich der einzige, der über Luhmann gesprochen hat (der zweite zu diesem Thema abgekündigte Vortrag fiel aus). In der anschließenden Diskussion hatte ich das Gefühl, dass ich den Vortrag auch in Deutsch hätte halten können. Jedenfalls gab es eine lebhafte Diskussion, in der sich herausstellte, dass viele der Soziologie-Professoren ihre Ausbildung an einer deutschen Universität erhalten haben und besser Deutsch sprachen als ich Spanisch. Dass ich so etwas wie „Luhmann-Begeisterung“ habe wecken können, glaube ich nicht. Allerdings hat mich die Reaktion von einigen Studenten gefreut, die zumindest von der Soziokybernetik soweit angetan zu sein schienen, dass sie das Gefühl artikulierten, ihr Lehrplan sei vielleicht doch zu einseitig und dass da wohl etwas fehle. Ha, ha, ha …

Am Ende der Session gab es dann eine Generaldebatte, die sich auf alle gehaltenen Vorträge bezog. Und hier nahm die Diskussion dann eine Wende, die ich nicht erwartet hatte. Es ging nämlich plötzlich um Fragen der WISSENSKULTUREN und zwar am Beispiel der kolumbianischen Soziologie. Es ging nämlich um die Frage der epistemischen Kultur in der kolumbianischen Soziologie, die das Phänomen eines sehr stark an den (vor allem deutschen) Klassikern orientierten Diskurses hervorbringt und dem daran erhobenen Vorwurf einer eurozentristischen Reduktion. Warum werden die eigenen Denker so gering geschätzt? Und Lateinamerika hat ja nun eine Menge hervorragender Theoretiker und Empiriker hervorgebracht, aber die europäischen Klassiker stehen immer noch ganz obenauf auf der Skala der Lehrinhalte. Nun würde ich mir nicht anmaßen, kenntnisreich über die kolumbianische Soziologie zu reden (ich habe sie im Grunde ja in den drei vorangegangenen Tagen gerade erst kennengelernt) aber ich glaube etwas darüber zu verstehen, wie epistemische Kulturen funktionieren. Ohne lange darüber nachzudenken, wie sehr ich mich mit meiner fehlerhaften Unterscheidung von Indefinido und Preterite imperfect, meinem fragwürdigen Gebrauch der richtigen Futur-Form, meinen chronischen Artikelverwechslungen und meinem viel zu geringen Wortschatz blamieren würde, versuchte ich mich, in die Debatte einzubringen. Und erstaunlicherweise, es ging. Es ging sogar ziemlich gut. Anschließend habe ich mit einigen Kollegen aus Medellin darüber diskutiert, wie man das Thema WISSENSKULTUREN am besten in die Fakultät hineinbringen könnte. Und dann kam tatsächlich die Frage, ob ich nicht bereit wäre ….. Nein, bin ich natürlich nicht. Ich bin Renter, und dazu bekenne ich mich mittlerweile auch ohne wenn und aber. Na ja, ein kleines „aber“ ist vielleicht doch denkbar. Dann nämlich, wenn es in unseren Reiseplan für Kolumbien im nächsten Jahr passt, aber auf gar keinen Fall eine ganze Lehrveranstaltung, höchstens mal einen Vortrag.

Abends bin ich jedenfalls immer fix und fertig, weil ich mich immer so sehr konzentrieren muss allein schon wegen der Sprache. Vieles versteh ich aber auch einfach nicht. Jetzt genehmige ich mir est mal einen Mojito und dann gehe im Parque Lleras etwas essen.

Kolumbien gewinnt den Supercup und ich bin Weltmeister

Ich habe mich ja immer lustig gemacht über die Meldungen der deutschen Boulevard-Presse wie „Wir sind Papst“ oder „Wir sind Weltmeister“, aber nun hier in Kolumbien wurden mir die Augen geöffnet und ich weiß nun, dass die Bild-Zeitung recht hat. Ja, so isses. Die Tatsache, dass James Rodriguez bei Real Madrid mitgespielt hat und mit dieser Mannschaft den Super-Cup geholt hat, ist ein nationales Ereignis. Nicht nur James, nein ganz Kolumbien hat den Supercup gewonnen.

Und ich? Ja, man wahrscheinlich schon was nun kommt. Ich bin tatsächlich Weltmeister. Überall wo ich hinkomme und dann nach einiger Zeit gefragt werde, woher ich komme [hier ist diese Frage ihrem diskriminierenden Charakter, den sie in Schland hat, natürlich völlig entledigt 🙂 ], und ich dann antworte „Alemania“ wird mir eine Hochachtung, ja nahezu eine Bewunderung entgegengebracht, als hätte ich selbst auf dem Rasen des Maracanã gestanden. Am krassesten gestern bei einem Jungen von ungefähr 13 oder 14 Jahren, der mich, als ich ihn über seinen Irrtum, mich für einen US-Amerikaner zu halten, aufgeklärt hatte, mit offenen Munde fast eine Minute anstarrte, als hatte ich persönlich die sieben Tore gegen Brasilien und das gegen Argentinen dazu geschossen.

Es nützt dann auch nichts, wenn ich erwähne, dass ich keineswegs dort mitgespielt habe, nein das ist egal: Ich bin Weltmeister.

Ja, so fühlt man sich hier. Die spinnen die Kolumbianer. Aber ich liebe sie! 🙂

Cartagena

Seit einigen Tagen sind Constanza und ich in Cartagena de Indias. Cartagena wird – nicht nur von den Kolumbianern – die „Perle der Karibik“ genannt, und das ist diese Stadt in gewisser Hinsicht auch zweifellos. Die mit der seit Jahrhunderten existierenden Mauer umgebene Altstadt (sie ist seit 1984 samt den spanischen Verteidigungsanlagen aus dem 17. Jahrhundert UNESCO-Weltkulturerbe) sucht ohne Frage Ihresgleichen. Neben Bogotá ist Cartagena in den letzten Jahren, mein zweites kolumbianisches Zuhause geworden. Unsere Wohnung, im Stadteil La Boquilla liegt nur wenige (Auto- oder Bus-) Minuten von der Altstadt und einigen unserer Lieblingsplätzen entfernt, auf denen wir je nach Stimmungslage entspannende Ruhe genießen oder uns dem ganz speziellen Lärmgemisch dieser Stadt aussetzen, hervorgebracht durch Straßenverkäufer aller Art, Salsa-oder Merengue-Gruppen, Hufgetrappel der Pferdedroschken, die sich den Touristen für einen stilvollen ersten Überblick über die Altstadt anbieten.

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Auch nach über 30 Jahren ist die Ankunft hier am Aeropuerto Rafael Nunez für mich immer wieder ein aufregendes Ereignis, auf das ich mich schon während des ganzen Fluges gefreut habe. Man steigt hier noch wie in den Anfangstagen der zivilen Luftfahrt die Gangway hinunter auf das offene Flugfeld und wird dabei ganz behutsam umströhmt von einer feuchtwarmen Luft, die einem sofort nach der Öffnung der Kabinentüren entgegentritt und einen einzigartigen Geruch verbreitet, den Geruch der nahen karibischen See vermischt mit einem Hauch von Kerosin. Nur wenig später, nachdem wir uns mit unserem Gepäck durch die lärmende auf Taxis wartende Menge gedrängt haben, erreichen wir nach kurzer Fahrt die vertraute Wohnung. Da diese unmittelbar am Strand liegt, hat ein Sprung ins Meer erstmal absolute Priorität. Ich lasse mich mit hinter dem Nacken verschränkten Armen entspannt auf dem Rücken liegend von den sanften salzhaltigen Wellen schaukeln. Über mir entdecke ich alte Freunde, die Pelikane. Sie fliegen auf mich zu, als würden sie mich begrüßen wollen. Dabei beobachten sie ganz genau jeden Fleck im Wasser links und rechts von mir, um sich sofort auf jeden Fisch, den ich ohne es zu merken aufscheuche, zu stürzen. Und dies machen sie mit einer wahren Akrobatennummer, die man diesen eigentlich ja etwas plump wirkenden Vögeln gar nicht zugetraut hat. Platsch, dicht neben mir taucht wieder einer ein. Bilde ich mir es nur ein, oder sieht er mich beim Auftauchen tatsächlich etwas spöttisch an, bevor er dann schnell mit seiner Beute davonzufliegt?

Auch für Pelikane muss diese Art der Nahrungssuche auf die Dauer doch ziemlich antrengend sein. Wohl deshalb sehen wir sie etwas später wieder, wie sie sich für einen leichteren Weg entschieden haben. Sie stehen gemeinsam mit einigen Einheimischen und Touristen am Strand und warten auf die Fischer, die mit ihrem Boot gerade ans Ufer fahren, dort die Netze zusammenziehen und an Ort und Stelle beginnen, ihren spärlichen Fang zu verkaufen. Für die sich geduldig in die Reihe der Wartenden Menschen einreihenden Pelikane – einige Fischreiher haben sich mittlerweile dazu gesellt – bleibt genug übrig. Noch einfacher machen sich es einige ihrer Kollegen, die die Idee hatten, direkt zum Fischmarkt zu fliegen, sich dort auf die Dächer der Hütten zu setzen, um von dort den guten Überblick über das Marktreiben ausnutzend auf günstige Gelegenheiten zu warten. Einmal nicht aufgepasst, ruck zuck, und schon ist einer der dort massenhaft feilgebotenen Fische im Sammelschnabel der Freunde verschwunden. Bewundernswert.

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Obwohl man in Cartagena grundsätzlich ein angenehmens tropisches Klima erwarten kann, erlebt man immer wieder Überraschungen. Mal gibt es wochenlang nahezu täglich zur immer wiederkehrenden Uhrzeit am Nachmittag einen gewaltigen tropischen Regenguss, der die Überforderung des alten Abwassersystems schnell zu Tage treten lässt. Ein anderes mal fällt die Brise des Meeres schwächer als normalerweise aus, was die Hitze unerträglich macht und auch die Mücken auf den Plan ruft, die sich sonst eher in den Mangrovenwäldern des dem Meer abgewandten Ciénaga (Mangroven Sumpf) versteckt halten. In diesem Jahr ist es umgekehrt. Täglich frischt der Wind am Nachmittag so kräftig auf, dass dann an ein Schwimmen im Meer kaum mehr zu denken ist und sich gegen Abend ein handfester Orkan herausgebildet hat. Gestern waren wir tatsächlich so besorgt, dass wir das Internet nach einer „Alerta por Huracan“ abgesucht haben. Aber es gab keine. Der Wind ist immerhin so stark, dass er anfängt, den Sand von Strand zu Dünen aufzutürmen. Ein Phänomen, das ich hier noch nie beobachtet habe.

Andererseits besänftigt der starke Wind ein wenig unsere Besorgnis hinsichtlich der Chikunguya-Epidemie, die hier dummerweise gerade herrscht. Das Chikunguya-Virus wird durch Mücken übertragen und gegenwärtig gibt es keinen wirksamen Schutz. Weder eine Impfung noch Medikamente. Empfohlen wird, sich so zu verhalten, dass man Mückenstiche möglichst vermeidet. Aber das ist kaum möglich. Trotz langer Ärmel, langer Hosen und „Repelente“ habe ich schon eine Reihe von Stichen kassiert. Obwohl, das muss man betonen, in Cartagena das Mückenproblem normalerweise nicht besonders stark ist. Am Strand sind die Vorsichtsmaßnahmen ja sowieso nicht durchzuhalten. Aber da hilft eben der starke Wind am Meer, der die Mücken davontreibt. Solange man nicht selbst davon geweht wird, ist das ein Kompromiss, mit dem man leben kann.

Der Ort, an dem unsere Wohnung liegt, ist ein schmaler Streifen zwischen dem Meer einerseits und dem Ciénaga mit seinen Mangroven anderseits. Wie alle Ciénagas ist auch der von Cartagena ein Paradies für verschiedene Pflanzen- und Tierarten. Konfrontiert wird man immer wieder mit Leguanen, die keine Scheu haben, sich auf die Wanderschaft von der einen, an den Ciénaga grenzenden, Seite des schmalen Landstreifens auf die andere, dem Meer zugewandten, Seite zu begeben. Als Autofahrer muss man schon mal aufpassen, dass ein vermeintlicher Pflanzenast, sich beim Näherkommen nicht als Leguan herausstellt. Heute war einer der Leguane so frech, dass er in unseren Swimmingpool watschelte. Da es sich hierbei um ein ziemlich ausgewachsenes Exemplar von über 1,50 m handelte, kann man sich die Aufregung der Leute gut vorstellen. Er wurde verjagt, aber mit allem Respekt, den man diesen altehrwürdigen Echsen selbstverständlich entgegenbringt.

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Während ich das schreibe – es ist mittlerweile Mitternacht und mein Schwiegervater schläft schon lange – tobt im Patio unseres Nachbarhauses eine Wahnsinns-Party. Constanza glaubt der Musik-Mischung zu entnehmen, es müsse eine Initiationsparty für jemand sein, der gerade 15 Jahre alt geworden ist. Kein Problem. Die Musik ist prima: Ein wenig Salsa, ein wenig Reggaeton, Bachata, Merengue und ein wenig Hip-Hop-Mashups von klassischen Rock-Titels der 70er Jahre. Zwischendurch dann ab und zu ein klassischer Johann-Strauss-Walzer, der es auch den Großeltern erlauben soll, sich auf der Tanzfläche wohlzufühlen. Teilweise life, teilweise Disco. Aber sie ist so laut, als würden wir uns direkt in der Disko befinden. Jetzt kommt gerade noch eine Vallenato-Gruppe dazu und bringt etwas ruhigere Musik hinzu. Aber dennoch: An Schlaf ist nicht zu denken. Wie mein Schwiegervater das hinkriegt, ist mir ein Rätsel. Constanza und ich nutzen einfach die Musik und beginnen auf unserer Terasse zu tanzen.

Bogotá

Dies ist mein erster Beitrag zu diesem thematisch auf KOLUMBIEN konzentrierten Blog. Nachdem ich in den letzten Jahren meine Eindrücke von diesem Land per Email (an einen speziell eingegrenzten Personenkreis gerichtet) oder über Diaspora (zwar an einen größeren und nicht immer ganz genau bestimmten Personenkreis gerichtet, dafür aber mit dem Nachteil einer hohen Fluidität versehen) geschrieben und versendet hatte, habe ich den seit längerer Zeit gehegten Plan, dies durch einen thematisch orientierten Blog zu ersetzen, endlich realisiert.

Ich reise seit vielen Jahrzehnten nach Kolumbien, aber dass ich mich neben meinem Bonner Wohnsitz als in Bogotá wohnend bezeichne, ist eine Entwicklung, die erst vor ca. anderthalb Jahren eingesetzt hat, als meine Aufenthalte in Kolumbien sich aus familiären Gründen sukzessive immer mehr ausgeweitet haben. Bei meiner jetzigen Ankunft in Bogotá zeigte sich die Stadt von ihrer besten Seite. Nichts zu spüren von der ungemütlichen Nässe und Kälte und den ihre „Mantelkragen hochschlagenden, eilig davoneilenden Passanten“, die Garcia Marquez so einzigartig in Abgrenzung zu seiner karibischen Heimat beschrieben hatte. Nein, als ich ankam, herrschte außerordentlich tolles sonniges und sehr warmes Wetter. Für die Bogotaner eine angenehme und sichtbar genossene Freude. Für den dem winterlichen Europa entfliehenden Reisenden, eine doppelte Wohltat.

Ich bin immer wieder aufs Neue davon angetan, wie grün Bogotá, diese fast 10 Millionen Einwohner umfassende Stadt ist. Aber natürlich sind es vor allem die nördlich vom Stadtzentrum gelegenen reicheren Stadtteile, die diese positive Eigenschaft aufweisen. Viele vierspurige Straßen haben dort einen mit nahezu alle Klimazonen Kolumbiens repräsentierenden beflanzten Mittelstreifen. Für einen Europäer ist dies schon allein deshalb beeindruckend, weil in dieser Höhe von 2.700 Metern in unseren Breiten ja nur ganz wenige Pflanzen wachsen.

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Getrübt wurde mein Wohlbefinden allerdings bereits am nächsten Morgen aus völlig anderen, und nun gar nicht mit dem Klima in Verbindung zu bringenden Gründen: Als ich aus dem Haus trat und mit Erschrecken die baulichen Veränderungen an der Ummauerung unseres „Condominio“ sah. Eine Mauer bzw. an einigen Stellen ein hoher und durchaus stabiler Zaun waren da zwar schon immer vorhanden, aber während meiner Abwesenheit hatte man auf die Mauer noch einen über drei oder vier Stufen reichenden hohen elektrisch aufgeladenen Stacheldrahtzaun draufgesetzt, der leicht nach innen versetzt ist und einen unwillkürlich an längst vergangene schreckliche Zeiten erinnert. Ich fühlte mich plötzlich in einer Art Festung, die ich bisher in dieser krassen Form nur in Johannesburg gesehen hatte.

Auf Nachfragen wurde uns erläutert, dass diese Veränderung aufgrund eines Einbruchs erfolgt sei, bei dem die Einbrecher über die Mauer geklettert waren. Ja, die Sicherheitslage wird wieder einmal als katastrophal beschrieben und es werden Beispiele genannt, wie die von einer jungen Frau, der mitten in einem vollbesetzten Bus von zwei Mitfahrern ein Messer an den Hals gesetzt wurde, damit sie ihr Smartphone rausrückt.

Ähnliche Erzählungen begleiten uns seit mehreren Jahrzehnten. Sie ließen sich beliebig erweitern und sie verweisen auf die nach wie vor – trotz eines in den letzten Jahren allgemein gewachsenen gesellschaftlichen Reichtums – ungelösten und sich gegenwärtig womöglich wieder verschärfenden sozialen Probleme in diesem wunderschönen und liebenswerten Land. Allerdings haben sich die in den 90er Jahren des vorigen Jahrhunderts so gefürchteten Entführungen gegen Lösegelderpressungen nachgelassen. Ob sich die „normale“ Kriminalität in letzter Zeit wieder verstärkt hat, wie von vielen Kolumbianern behauptet wird, lässt sich schwer prüfen, da längst nicht alle Ereignisse den polizeilichen Behörden gemeldet werden und insofern die Statistiken nicht sehr zuverlässig sind. Aber über dieses Problem und seine im krassen Klassengegensatz und der gewaltvollen 70jährigen Vergangenheit Kolumbiens zu suchenden Ursachen wird noch zu reden sein.

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