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Medellin und seine “Comuna 13”

Die Medel­lin-Kon­fe­renz des RC-51 ist been­det. Für mich war es eine beson­de­re Ehre, dass mein Vor­trag vom Orga­ni­sa­ti­ons­kom­mit­tee der Kon­fe­renz als “Clo­sing Pre­sen­ta­ti­on” fest­ge­legt wur­de. So hat­te ich über eine Stun­de Zeit, mei­ne Sicht der Din­ge über den kolum­bia­ni­schen Frie­dens­pro­zess dar­zu­le­gen und es blieb auch noch aus­rei­chend Zeit, um mit den Kol­le­gin­nen und Kol­le­gen dar­über zu dis­ku­tie­ren. Mei­ne Sor­ge, dass die kolum­bia­ni­schen Kol­le­gen an der Legi­ti­mi­tät eines sol­chen Vor­tra­ges zwei­feln könn­ten, erwies sich im Nach­hin­ein als voll­kom­men unbe­grün­det. Die Dis­kus­si­on war aus­ge­spro­chen soli­da­risch und kon­struk­tiv.

Micha­el Pae­tau wäh­rend des Vor­tra­ges (Foto: Alex­an­der Exque­me­lin, Wiki­pe­dia)

Es war rei­ner Zufall aber die sich am Wochen­en­de anschlie­ßen­de gemein­sa­me Stadt­er­kun­dung soll­te sich wie eine Art Anschau­ung­bei­spiel mei­ner Prä­sen­ta­ti­on vom Vor­tag ent­spup­pen. Sie führ­te uns unter ande­rem in die “Comu­na 13”, eines der ärms­ten Stadt­tei­le, der in den 80er und 90er Jah­ren Schau­platz blu­ti­ger und töd­li­cher Aus­ein­an­der­set­zun­gen zwi­schen riva­li­sie­ren­den Dro­gen­kar­tel­len, zwi­schen zwi­schen Gue­ril­la und para­mi­li­tä­ri­scher Grup­pen und zwi­schen ver­fein­de­ten kri­mi­nel­len Ban­den war. Die­ses Bar­rio ist auch durch eine im Jahr 2002 mit äußers­ter Bru­ta­li­tät vor­ge­tra­ge­ne Mili­tär­ope­ra­ti­on (“Ope­ra­ción Orión”) bekannt gewor­den, in der unter dem Befehl des dama­li­gen Prä­si­den­ten Alva­ro Uri­be und mit der Begrün­dung, die Gue­ril­la von ihrer sozia­len Basis abzu­schnei­den, ein unvor­stell­ba­res Mas­sa­ker unter der Zivil­be­völ­ke­rung ange­rich­tet wur­de. Bis vor weni­gen Jah­ren war die Comu­na 13 eine abso­lu­te No-Go-Area. Und das nicht nur für Tou­ris­ten. Con­stan­za und ich sind vor vie­len Jah­ren ein­mal über das Vier­tel hin­weg­ge­schwebt, als wir die Seil­bahn genom­men hat­ten, die zum Par­que Arvi führt, einem Natio­nal­park auf einem der die Stadt Medel­lin umge­ben­den Ber­ge. Es gibt eine Sta­ti­on der Seil­bahn in der Comu­na 13, bei der die Bowoh­ner des Vier­tels ein- und aus­stei­gen kön­nen. Haben wir aber nicht gemacht.

Seil­bahn zum Par­que Arvi über die Comu­na 13 schwe­bend

Mitt­ler­wei­le hat sich die Situa­ti­on geän­dert. Aus der eins­ti­gen No-Go-Area ist eines der belieb­tes­ten Tou­ris­ten-Attrak­tio­nen Medel­lins gewor­den. Seit Ser­gio Fajar­do sich als unab­hän­gi­ger Kan­di­dat gegen die eta­blier­ten Par­tei­en in der Bür­ger­meis­ter­wahl 2004 durch­set­zen konn­te und er anschlie­ßend 2013 bis 2015 Gou­ver­neur des Departa­mane­tos Antio­quia war, wur­de viel in die Struk­tur der armen Stadt­vier­tel Medel­lins inves­tiert. Und trotz der all­ge­gen­wär­ti­gen Kor­rup­ti­on in Kolum­bi­en, schei­nen vie­le der Pro­jekt­mit­tel tat­säch­lich dort ange­kom­men zu sein, wo sie Wir­kung ent­fal­ten konn­ten. Eines der spek­ta­ku­lärs­ten Pro­jek­te war zwei­fel­los die Errich­tung einer 348 Meter lan­gen Frei­luft-Roll­trep­pe, die den Bewoh­nern des steil am Berg­hang lie­gen­den Bar­ri­os den Weg zu ihren Häu­sern enorm erleich­tert. Die Roll­trep­pe ist in sechs Abschnit­te unter­teilt und über­win­det ins­ge­samt einen Höhen­un­ter­schied, der ca. 28 Stock­wer­ke bemes­sen wür­de. Am Anfang und Ende jedes Abschnit­tes haben sich neue infor­mel­le Struk­tu­ren her­aus­ge­bil­det, die zwar noch kei­ne öko­no­mi­sche oder sozia­le Struk­tur-Revo­lu­ti­on dar­stel­len, die aber ein­zel­nen Fami­li­en ein bestimm­tes Ein­kom­men sicher­stel­len. Das liegt auch an den vie­len Tou­ris­ten, die ers­tens die bemer­kens­wer­te Graf­fi­ti­kunst, in der die Bewoh­ner der Comu­ne 13 ihre wech­sel­vol­le Geschich­te künst­le­risch ver­ar­bei­tet haben, bewun­dern, und zwei­tens an der Rie­sen-Roll­trep­pe, die auch in Euro­pa Auf­merk­sam­keit gewon­nen hat.

Über­dach­te Frei­luft-Roll­trep­pe in der Comu­na 13

Wir haben unter der Füh­rung eines Künst­lers und Men­schen­rechts­ak­ti­vis­ten der Koope­ra­ti­ve “Kola­cho” eine Tour durch das Vier­tel unter­nom­men, in der uns anhand der zahl­rei­chen und äußerst bemer­kens­wer­ten Graf­fi­tis die wech­sel­vol­le Geschich­te der Comu­na 13 erläu­tert wur­de. In der Zeit zwi­schen 2002 und 2012 fan­den — nach Berich­ten der Tages­zei­tung El Tiem­po ins­ge­samt 10 mili­tä­ri­sche Säu­be­rungs­ak­tio­nen auf dem Gebiet der Comu­na 13 statt, die sich vor allem gegen ver­meint­li­che oder tat­säch­li­che Sym­pa­thi­san­ten der Gue­ril­la rich­te­ten. In beson­de­rer Wei­se haben sich die bei­den Mili­tär­ope­ra­tio­nen des Jah­res 2002, die “Ope­ra­ción Maris­cal” und die “Ope­ra­ción Ori­on” in das his­to­ri­sche Gedächt­nis der Comu­na 13 ein­ge­brannt. Die “Ope­ra­ción Maris­cal” fand am 21. Mai 2002 noch in den letz­ten Mona­ten der Prä­si­dent­schaft von Andrés Pastra­na statt und for­der­te zahl­rei­che Opfer unter der Zivil­be­völ­ke­rung.

Fünf Mona­te spä­ter — unmit­tel­bar nach dem Amts­an­tritt von Ala­va­ro Uri­be — ereig­ne­te sich der zwei­te Angriff auf das Bar­rio, die “Ope­ra­ción Ori­on”, die mit Unter­stüt­zung para­mi­li­tä­ri­scher Ver­bän­de statt­fand. Es war das erklär­te Ziel von Uri­be, die Gue­ril­la nicht nur durch direk­te mili­tä­ri­sche Ope­ra­tio­nen zu bekämp­fen, son­dern sie auch dadurch zu schwä­chen, dass sie von sozia­len Basis abge­schnit­ten wird. Die­sem Ziel dien­ten die Mili­tär­ope­ra­tio­nen in der Comu­na 13. Denn es wur­de ver­mu­tet, dass gera­de in die­sem armen Stadt­vie­tel, die Gue­ril­la mit einer nicht uner­heb­li­chen Anzahl von Sym­pa­thi­san­ten rech­nen konn­te. Noch heu­te ist der Ver­bleib von über 300 Per­so­nen, die in den bei­den Tagen der Ope­ra­ti­on vom Mili­tär und von Para­mi­li­tärs ver­schleppt wur­den, unge­klärt. Ins­be­son­de­re die Para­mi­li­tärs haben sich durch beson­de­re Grau­sam­keit aus­ge­zeich­net, indem sie ver­meint­li­che oder tat­säch­li­che lin­ke Akti­vis­ten gefol­tert und anschlie­ßend hin­ge­rich­tet haben. Die­go Muril­lo Beja­ra­no, einer der ehe­mals füh­ren­den Köp­fe der para­mi­li­tä­ri­schen “Auto­de­fen­sas Uni­das de Colom­bia (AUC)“, hat­te nach sei­ner Ver­haf­tung der Staats­an­walt­schaft zwar den Ort gezeigt, an dem die Hin­ge­rich­te­ten, ver­scharrt wor­den waren. Ein gegen­über der Comu­na 13 lie­gen­der Hügel, der von der Stadt Medel­lin dazu benutzt wur­de, Bau­schutt abzu­la­den. Aber die Zahl der Toten und ihre Iden­ti­tät ist nach wie vor unklar. Seit Jah­ren kämp­fen die Ange­hö­ri­gen dar­um, dass die Ange­le­gen­heit auf­ge­klärt und die Ver­ant­wort­li­chen zur Rechen­schaft gezo­gen wer­den. Wer Spa­nisch spricht kann sich über meh­re­re You­tube-Vide­os unter dem Stich­wort “Ope­ra­ción Orión” näher über die schreck­li­chen Ereig­nis­se und über die Rol­le, die der dama­li­ge Prä­si­dent Uri­be dabei gespielt hat, infor­mie­ren.

Ope­ra­ción Orión (16./17. Okto­ber 2002)

Die Tat­sa­che, dass sich die Situa­ti­on mitt­ler­wei­le erheb­lich ver­bes­sert hat, heißt indes nicht, dass man hier nun sorg­los durch die engen Gas­sen schlen­dern kann. Bes­ser ist es, wenn man sich nicht all­zu­weit von den Roll­trep­pen ent­fernt. Und in der Dun­kel­heit soll­te man lie­ber auf einen Rund­gang ver­zich­ten.

Frei­luft-Roll­trep­pen in Medel­lin, Comu­na 13

Sociocybernetics in Medellin

Ich freue mich sehr auf unse­re dies­jäh­ri­ge Jah­res­kon­fe­renz des Rese­arch-Com­mit­tee “Socio­cy­ber­ne­tics”, der “Inter­na­ti­onl Socio­lo­gi­cal Asso­cia­ti­on” (ISA-RC-51), die erst­mals in Kolum­bi­en statt­fin­den wird. Dank der inten­si­ven Bemü­hun­gen unse­rer kolum­bia­ni­schen Kol­le­gen Lucia­no Gal­lon von der “Pon­ti­fi­cia Uni­ver­si­dad Boli­va­ria­na”, Medel­lin, sei­ner Ehe­frau Glo­ria Lodo­ño und Gabriél Velez von der “Uni­ver­si­dad de Antio­quia”, Medel­lin, sowie tat­kräf­ti­ger Unter­stüt­zung aller Mit­glie­der des inter­na­tio­na­len Kon­fe­renz-Kom­mit­tees kann die Kon­fe­renz, wie geplant, vom 20. bis 24. Juni in Medel­lin statt­fin­den. Ich wer­de in die­ser Zeit bereits in Kolum­bi­en sein und habe inso­fern eine kur­ze Anrei­se. Die Kon­fe­ren­zen der Sozio­ky­ber­ne­ti­schen Com­mu­ni­ty sind immer sehr akti­ve Kon­fe­ren­zen. Die Teil­nah­me ist nur mög­lich über die Ein­rei­chung eines Prä­sen­ta­ti­ons­vor­schlags und sei­ner Akzep­tanz durch das inter­na­tio­na­le Kon­fe­renz-Kom­mit­tees. Mein dies­jäh­ri­ger Vor­trag fällt ein wenig aus dem Rah­men mei­ner bis dato prä­sen­tier­ten Vor­trä­ge, die sich meist mit sozio­lo­gi­schen Fra­gen des Inter­nets und der Ent­ste­hung, Sedi­men­tie­rung, Dis­tri­bu­ti­on von und des Zugangs zum gesell­schaft­li­chen Wis­sen aus­ein­an­der­ge­setzt hat­ten. Mein The­ma dies­mal ist die Kom­ple­xi­tät des Frie­dens­pro­zes­ses in Kolum­bi­en. Dabei ist mir voll­kom­men bewusst, wel­ches Risi­ko ich ein­ge­he. Als Aus­län­der, hier in Kolum­bi­en, vor einer Zuhö­rer­schaft, die zwar in ers­ter Linie inter­na­tio­nal zusam­men­ge­setzt ist, bei denen aber zwei­fel­los von einer nicht gerin­gen Anzahl kolum­bia­ni­scher Teil­neh­mer aus­zu­ge­hen ist, über Kolum­bi­en zu spre­chen, mag als anma­ßend emp­fun­den wer­den. Ich fah­re also dies­mal mit einer gehö­ri­gen Por­ti­on Selbst­zwei­fel nach Medel­lin. Wird man sich nicht viel­leicht fra­gen: was bil­det der sich eigent­lich ein, als Aus­län­der, als Euro­pä­er, hier in Kolum­bi­en, einen Vor­trag über unser eige­nes Land zu hal­ten und mög­li­cher­wei­se zu glau­ben, uns etwas erzäh­len zu kön­nen, was wir nicht viel bes­ser wüss­ten? Nun, mit einer sol­chen Reak­ti­on muss ich rech­nen. Aber ich habe Grün­de. Und viel­leicht gelingt es mir, die Moti­va­ti­on für das, was ich in Medel­lin tun wer­de, ver­ständ­lich zu machen. Denn, das ist den Lesern die­ses Blogs natür­lich schon klar, Kolum­bi­en ist mir wirk­lich eine Her­zens­an­ge­len­gen­heit.

Seit mehr als 30 Jah­ren beob­ach­te ich die Gescheh­nis­se in die­sem Land, habe unter­schied­li­che Peri­oden des Kon­flik­tes mit­er­lebt, die Gewalt­ex­zes­se der 80er und 90er Jah­re, unter­schied­li­che Stra­te­gi­en mit dem Kon­flikt umzu­ge­hen, habe die mehr­fa­chen Bemü­hun­gen um Frie­den bzw. Befrie­dung unter ver­schie­de­nen Prä­si­den­ten, von Betan­cour über Pastra­na, Uri­be und nun San­tos erlebt, die mit ihnen ver­bun­de­nen Hoff­nun­gen, die Ent­täu­schun­gen über ihr Schei­tern, das Miss­trau­en, die Hoff­nung und das Erar­bei­ten neu­er Ansät­ze. Mei­ne fami­liä­ren Bin­dun­gen machen es mir mög­lich, an sehr unter­schied­li­chen Dis­kur­sen zu par­ti­zi­pie­ren. Und ich kann mir vor­stel­len, dass es nicht ganz unin­ter­es­sant für Kolum­bia­ner sein könn­te, zu erfah­ren, wie dies alles von außen gese­hen und gedeu­tet wird.

Nach­dem ich mich mehr in die Ver­ein­ba­run­gen von Havan­na ver­tieft hat­te, das Desas­ter des Ple­bis­zits vom 2. Okto­ber erlebt habe und die nach wie vor andau­ern­de Pola­ri­sie­rung der kolum­bia­ni­schen Gesell­schaft in die­ser Fra­ge mit anse­hen muss, war mir klar gewor­den, dass es sich hier um einen außer­or­dent­lich hoch­kom­ple­xen Pro­zess einer gesell­schaft­li­chen Ent­wick­lung han­delt, der von einer Wis­sen­schafts­dis­zi­plin, wie der Sozio­ky­ber­ne­tik, unwill­kür­lich als Her­aus­for­de­rung betrach­tet wer­den muss. Es sind vor allem zwei Punk­te, die mich moti­viert haben, die­sen Bei­trag zu hal­ten: Ers­tens die Über­zeu­gung, dass die Sozio­ky­ber­ne­tik eine Wis­sen­schaft ist, die ihr Wis­sen über den Umgang mit Kom­ple­xi­tät, ihre Theo­ri­en und Metho­den in die­sen Pro­zess ein­brin­gen soll­te, in wel­cher Wei­se auch immer. Das was in Kolum­bi­en als “Poscon­flic­to”, in Fach­krei­sen aber prä­zi­se­rer als “Posa­cuer­do” bezeich­net wird, ist in Tei­len eine kon­kre­te Anwen­dung des­sen, was in der Poli­tik­wis­sen­schaft als “Tran­si­tio­nal Jus­ti­ce” the­ma­ti­siert wird, eine der aus mei­ner Sicht anspruchs­volls­ten Her­aus­for­de­run­gen, die Fra­ge der Kom­ple­xi­tät anzu­ge­hen. Hier kann die sozio­ky­ber­ne­ti­sche For­schung ihre Ana­ly­se- und Pro­blem­lö­sungs­fä­hig­keit erwei­sen.

Aber es geht nicht nur dar­um, sozio­ky­ber­ne­ti­sche Theo­ri­en und Metho­den für den schwie­ri­gen gesell­schaft­li­chen Pro­zess der nächs­ten Jah­re und Jahr­zehn­te zur Ver­fü­gung zu stel­len, son­dern auch umge­kehrt, aus den Erfah­run­gen, die man in den nächs­ten zehn Jah­ren hier in Kolum­bi­en machen wird, das Wis­sen über Tran­si­tio­nal-Jus­ti­ce-Pro­zes­se zu ver­tie­fen.

Ein wei­te­rer Punkt ist das inter­na­tio­na­le Selbst­ver­ständ­nis unse­rer wis­sen­schaft­li­chen Arbeit und lässt sich in einen direk­ten Bezug zu dem Kap­tel 6 des Frie­dens­ver­tra­ges brin­gen. In die­ser Ver­trags­kom­po­nen­te erklä­ren bei­de Ver­trags­par­tei­en, dass für die Eta­ble­rung eines sta­bi­len und dau­er­haf­ten Frie­dens die Ein­be­zie­hung inter­na­tio­na­ler Beob­ach­ter und Bera­ter sinn­voll und not­wen­dig ist. Es wur­den eine Rei­he von Mecha­nis­men einer der­ar­ti­ge inter­na­tio­na­len Kom­po­nen­te ver­ein­bart. Dar­über­hin­aus ist allen Betei­lig­ten aber klar, dass nicht nur die offi­zi­el­len Insti­tu­tio­nen, wie UNO, Signartar­mäch­te (Cuba und Nor­we­gen) oder ein­zel­ne Län­der, die sich für den Frie­den enga­gie­ren (EU, USA, u.a.), son­dern auch die Unter­stüt­zung der welt­wei­ten Zivil­ge­sell­schaft, der Akti­vis­ten für Men­schen­rech­te, Umwelt und Frie­den, wich­tig ist. Das Glei­che gilt auch für die Wis­sen­schaft, die einen wich­ti­gen Bei­trag leis­ten kann und soll­te. Ein Bei­spiel könn­te das neu­ge­grün­de­te kolum­bia­nisch-deut­sche Insti­tut für den Frie­den sein, dass in Bogo­tá sei­nen Sitz haben wird und noch in die­sem Jahr mit For­schungs- und Bera­tungs­ar­bei­ten begin­nen soll.

Was mei­nen Vor­trag in Medel­lin betrifft, so kann ich zunächst nicht mehr viel mehr tun, als dafür zu apel­lie­ren, unse­re sozio­ky­ber­ne­ti­schen Kapa­zi­tä­ten zur Ver­fü­gung zu stel­len, um einen Bei­trag für die Umset­zung des kolum­bia­ni­schen Frie­dens­pro­zess zu leis­ten. Zunächst sehe ich dafür drei Punk­te: Ers­tens Erhe­bun­gen, Unter­su­chun­gen und Ana­ly­sen bezüg­lich der Kom­ple­xi­tät des Kon­flik­tes selbst, zwei­tens die Ope­ra­tio­na­li­sie­rung der ein­zel­nen Inhal­te des Frie­dens­ab­kom­mens und drit­tens Eva­lu­ie­run­gen hin­sicht­lich der Imple­men­ta­ti­on der ver­ein­bar­ten Zie­le, der Schrit­te zur Ben­di­gung des bewaff­ne­ten Kon­flik­tes und der Eta­blie­rung einer “Post-Kon­flikt Gesell­schaft”.

Feierliche Unterzeichnung in Cartagena

Heu­te war es soweit. Unter der Anwe­sen­heit von UN-Gene­ral­se­kre­tär Ban Ki Moon, und fast aller Staats­chefs aus Latein­ame­ri­ka, unter ihnen Raúl Cas­tro (Cuba), Michel­le Bache­let (Chi­le), Nicolás Madu­ro (Vene­zue­la), Rafa­el Cor­rea (Ecua­dor), Sal­va­dor Sáchez (El Sal­va­dor), Hora­cio Car­tes (Para­gu­ay), Enri­que Peña Nie­to (Mexi­co), Jimi Mora­les (Gua­te­ma­la), Luis Guil­ler­mo Soli (Cos­ta Rica), Pedro Pablo Kuc­zyn­ski (Peru), Mau­ricio Macri (Argen­ti­ni­en), Juan Car­los Vare­la (Pana­ma), Dani­lo Medi­na Sán­chez (Domi­ni­ka­ni­sche Repu­blik), wur­de das in Havan­na ver­ein­bar­te Frie­dens­do­ku­ment zwi­schen der Regie­rung Kolum­bi­ens und der FARC-EP in einer fei­er­li­chen Zere­mo­nie von Prä­si­dent San­tos und Gue­ril­la­füh­rer Rod­ri­go Lon­do­ño (aka: Timo­león Jimé­nez, aka: Timo­chen­ko) unter­zeich­net. Die Unter­zeich­nung fand auf der gro­ßen “Pla­za de Ban­de­ras” vor dem “Cen­tro de Con­vencio­nes” in Car­ta­ge­na de Indi­as statt.

Die Zei­tung “El Espec­tat­dor” hat die Unter­zeich­nung in einer TV-Sen­dung doku­men­tiert, die man sich hier anse­hen kann:  Video der Unter­zeich­nung in Car­ta­ge­na.

Weni­ge Tage zuvor hat­ten die FARC-EP von ihrer Sei­te aus den Weg für die Unter­zeich­nung frei gemacht. Am Diens­tag, den 13. Sep­tem­ber war die gesam­te Füh­rung der FARC-EP von Kuba aus in La Macare­na, Depar­ta­men­to Caqué­ta, ein­ge­trof­fen, um am X. Kon­gress der FARC-EP teil­zu­neh­men, der über die Annah­me der in Havan­na mit der kolum­bia­ni­schen Regie­rung aus­ge­han­del­ten Ver­trä­ge ent­schei­den soll­te. Mit die­sem Zusam­men­tref­fen, das bis zum 23. Sep­tem­ber dau­er­te und an dem ca. 200 Dele­gier­te der Gue­ril­la teil­neh­men, unter ihnen 29 Mit­glie­der des Gene­ral­stabs, hat­te die Gue­ril­la­be­we­gung ihre Trans­for­ma­ti­on in eine lega­le poli­ti­sche Par­tei eröff­net (Quel­le: Pren­sa Lati­na v. 14.9.2016).  Die­se neue Par­tei wird — so steht es in den Ver­ein­ba­run­gen von Havan­na — für eine Über­gangs­zeit von zwei Legis­la­tur­pe­ri­oden in bei­den Kam­mern des kolum­bia­ni­schen Natio­nal­kon­gress mit jeweils 5 Abge­ord­ne­ten ver­tre­ten sein. Anschlie­ßend muss sie sich wie alle ande­ren Par­tei­en in all­ge­mei­nen und demo­kra­ti­schen Wah­len behaup­ten.

Eben­falls am Diens­tag, den 13. Sep­tem­ber hat der UN-Sicher­heits­rat die Unter­stüt­zung des Frie­dens­pro­zes­ses durch die Ent­sen­dung einer UNO-Mis­si­on beschlos­sen. Die bis zu 450 UN-Beob­ach­ter sol­len die Ein­hal­tung der Ver­ein­ba­run­gen über­wa­chen. Dabei geht es ins­be­son­de­re um die Kon­trol­le der Waf­fen­über­ga­be der FARC in 40 rela­tiv zer­streut von­ein­an­der lie­gen­den spe­zi­ell aus­ge­wie­se­nen Zonen, in denen sie Anfang Okto­ber ihre Waf­fen an die UNO-Ver­tre­ter Anfang Okto­ber abge­ben sol­len.

Zunächst aber muss die kolum­bia­ni­sche Bevöl­ke­rung in einem für den 2. Okto­ber ange­setz­ten Ple­bis­zit den Ver­ein­ba­run­gen zustim­men. All­ge­mein wird mit einer Zustim­mung gerech­net, wenn­gleich nicht zu über­se­hen ist, dass das Land in die­ser Fra­ge tief gespal­ten ist und die Geg­ner des Abkom­mens um die frü­he­ren Prä­si­den­ten Uri­be und Pastra­na seit Mona­ten einen enor­men Pro­pa­gan­da­auf­wand betrei­ben, um die Frie­dens­ver­ein­ba­run­gen in letz­ter Minu­te zu Fall zu brin­gen. Ein Wider­stand, der teil­wei­se die demo­kra­ti­schen Gepflo­gen­hei­ten bei wei­tem über­schrei­tet, wie etwa in einem von den rechts­ra­di­ka­len para­mi­li­tä­ri­schen Ver­bän­den mit ter­ro­ris­ti­schen Maß­nah­men erzwun­ge­nen “„Paro Arm­a­do“ (bewaff­ne­ter Streik) am 29. März 2016 (Vgl. hier­zu mei­nen Arti­kel Uri­bi­s­tas und Para­mi­li­ta­ris­mus ver­hin­dern den Frie­dens­schluss).

Quibdo

Seit eini­gen Tagen befin­den wir, Con­stan­za und ich, uns in Quib­do, der Haupt­stadt des Depar­ta­ment­os Cho­co. Wir besu­chen Ursu­la Holz­ap­fel und Ulli Koll­witz. Mit bei­den haben wir im Ver­ein Wis­sens­kul­tu­ren e.V. in den letz­ten Jah­ren meh­re­re Ver­an­stal­tun­gen zu Kolum­bi­en ins­be­son­de­re zur Situa­ti­on im Cho­co, durch­ge­führt. Nun haben wir es end­lich geschafft, der Ein­la­dung nach Quib­do fol­gen zu kön­nen. Con­stan­za und ich waren vor vie­len Jah­ren — es war in den 80er des vori­gen Jahr­hun­derts — schon ein­mal für ein paar Tage in Quib­do und waren gespannt, was sich seit die­ser Zeit ver­än­dert hat. Ich habe in Erin­ne­rung, dass die Stadt aus einer Viel­zahl von Holz­häu­sern bestand, die dem häu­fi­gen Regen in die­ser Regi­on aus­ge­setzt waren. Dies kist heu­te anders. Vie­le Stein­bau­ten sind an die Stel­le der Holz­häu­ser getre­ten. Und auch die Kathe­dra­le, der damals noch die bei­den Tür­me fehl­ten, ist in der Zwi­schen­zeit voll­endet wor­den. Zwar sind die Tür­me wesent­lich nied­ri­ger als ursprüng­lich geplant, aber immer­hin hat die Kathe­dra­le nun ihre bei­den Turm­ab­schlüs­se.

Uli, Con­stan­za, Ursu­la und Micha­el in Quib­do (vlnr)

Geblie­ben ist die Armut. Aber die eigent­lich tief­grei­fen­den Ver­än­de­run­gen gegen­über des Jah­res 1986 haben sich als Fol­ge des bewaff­ne­ten Kon­flikts erge­ben. Ich erin­ne­re mich, dass Mit­te der 80er Jah­re kaum ein Haus trotz der gro­ßen Armut abge­schlos­sen war. Die Türen stan­den offen und dems­nest­pre­chend waren auch die sozia­len Bezie­hun­gen. Die bewaff­ne­ten Kon­flik­te im Cho­co, der was die Boden­schät­ze betrifft zu den reichs­ten Gebie­ten Kolum­bi­ens gehört, aber was die sozia­le Struk­tur betrifft, zu den ärms­ten. Das war auch schon in den 80er Jah­ren so, aber mitt­ler­wei­le ist das Pro­blem der Vetrie­be­nen dazu­ge­kom­men.

Vom 24. bis 27. Febru­ar 1997, also kurz vor Beginn der Frie­dens­ver­hand­lun­gen zwi­schen der dama­li­gen Regie­rung unter Andrès Pastra­na und der FARC, die dann spä­ter zum lei­der sehr brü­chi­gen Waf­fen­still­stand von ““El Caguán” führ­ten, hat das kolum­bia­ni­sche Mili­tär in Koope­ra­ti­on mit para­mi­li­tä­ri­schen Ver­bän­den die soge­nann­te Ope­ra­ción Gene­sis im Gebiet um Rio Sucio am Rio Atrato, neben dem Rio Mag­da­le­na und dem Rio Cau­ca eines der größ­ten Flüs­se Kolum­bi­ens, durch­ge­führt. Ziel war es, die Fren­te 57 der FARC-EP zu zer­stö­ren. Die Ope­ra­ti­on wur­de mit gro­ßer Här­te und — wie nicht anders zu erwar­ten, wenn Para­mi­li­tärs betei­ligt sind, goßer Bru­ta­li­tät durch­ge­führt. Die meis­ten Opfer waren, wie meis­tens in sol­chen Fäl­len, Zivi­lis­ten, die mit dem bewaff­ne­ten Kon­flikt nichts zu tun hat­ten. Aber auch schon zu die­sem Zeit­punkt gehör­te es zur Stra­te­gie der kolum­bia­ni­schen Regie­rung, die Zivil­be­völ­ke­rung, denen man eine Unter­stüt­zung der FARC unter­stell­te, ein­zu­schüch­tern, um so die Gue­ril­la von ihrer angeb­li­chen oder tat­säch­li­chen sozia­len Basis auf dem Lan­de zu tren­nen. Ins­ge­samt wur­den ca. 3.500 Men­schen von ihrem Land ver­trie­ben. 2013 wur­de Kolum­bi­en wegen der mas­si­ven Men­schen­rechts­ver­let­zun­gen wäh­rend der “Ope­ra­ción Gene­sis” vom inter­ame­ri­ka­ni­schen Gerichts­hof ver­ur­teilt. Doch Frie­den ist seit die­ser Zeit im Cho­co nicht mehr ein­ge­kehrt. Zwar wur­de das mili­tä­ri­sche Ziel einer Zer­schla­gung der FARC nicht erreicht, aber die Ope­ra­ti­on ermög­lich­te das Ein­si­ckern grö­ße­rer para­mi­li­tä­ri­scher Ver­bän­de in den Cho­co. Die­se Inva­si­on hat vor allem in den Jah­ren zwi­schen 1997 und 2004 statt­ge­fun­den. Seit die­ser Zeit kommt die Regi­on nicht mehr zur Ruhe. Die klei­ne Kapel­le neben der Kathe­dra­le in Quib­do gibt mit der errich­tung von Gedenk­ta­feln aller Opfer ein auf­schluss­rei­ches Zeug­nis von der Viel­zahl der Men­schen­rechts­ver­let­zun­gen, die sich hier zuge­tra­gen haben (Vgl. auch die detail­lier­te Stu­die von U. Holz­ap­fel & U. Koll­witz: 40 Años de Con­flic­to en el Alto y Medio Atrato. Dióce­sis de Quib­do, 2014).

Gedenk­ta­fel für die Opfer des Kon­flik­tes im Cho­co

Wir haben heu­te mit Ursu­la und Ulli ein Vier­tel besucht, dass vor vie­len Jah­ren mit Hil­fe spa­ni­scher Gel­der als ein “pro­vi­so­ri­sches Bar­rio für die Ver­trie­be­nen errich­tet wur­de. Es heißt “Vil­la España”. Ursu­las und Ulis Anwe­sen­heit ermög­lich­te uns einen Zugang zu den Men­schen und ihren Pro­ble­men, den wir sonst selbst­ver­ständ­lich nie gewon­nen hät­te. Ein immer wie­der­keh­ren­des The­ma bei den Gesprä­chen war die Fra­ge der Gewalt. Die Tra­gik vie­ler Fami­li­en besteht dar­in, dass nach dem Ver­lust des Vaters oder der Mut­ter durch bewaff­ne­te Grup­pen und der anschlie­ßen­den Ver­trei­bung der ver­blie­be­nen Fami­lie, die Kin­der in einer äußerst prä­ke­ren sozia­len Situa­ti­on auf­wach­sen müs­sen. Vater oder Mut­ter sind tags­über nicht zu Hau­se, weil sie arbei­ten, die Kin­der haben nach der Schu­le wenig Frei­zeit­be­schäf­ti­gungs­mög­lich­kei­ten. Feh­len­de Zuwen­dung bei Jugend­li­chen wird von para­mi­li­tä­ri­schen Grup­pen syte­ma­tisch aus­ge­nutzt. Sie umwer­ben die Jugend­li­chen für eine akti­ve Mit­ar­beit bei ihnen, sie ver­mit­teln ihnen ein Gefühl der Auf­merk­sam­keit, per­sön­li­cher Zuwen­dung und indi­vi­du­el­ler Bedeu­tung. So wer­den die Jugend­li­chen in einen Kreis­lauf der Gewalt hin­ein­gez­pgen, dem die Fami­li­en durch ihre Flucht eigent­lich ent­ge­hen woll­te.

Vil­la España”: Bar­rio der Ver­trie­be­nen

Den Jugend­li­chen auf dem Lan­de eine Per­spek­ti­ve zu geben, ist somit einer der vor­ran­gis­ten Auf­ga­ben, um Frie­den tat­säch­lich zu ver­an­kern. Die Diö­ze­se Quib­do und ande­re kirch­li­che Orga­ni­sa­tio­nen aber auch eine Rei­he von NGOs bemü­hen sich, sol­che Per­spek­ti­ven auf­zu­bau­en. Wir haben uns ent­schlos­sen, auch einen beschei­de­nen Bei­trag dazu zu leis­ten und wer­den in Zukunft ein klei­nes Pro­jekt der Funda­ci­on Mara­ju­e­ra unter­stüt­zen. Die­se Funda­ción hat sich zum Ziel gesetzt, die Kin­der nach der Schu­le von der Stra­ße zu holen, ihnen zusätz­li­che Kunst- und Sport­ak­ti­vi­tät zu ermög­li­chen. Für den Kunst­un­ter­richt wur­de ein klei­nes Häus­chen gemie­tet und für den Sport­un­ter­richt wird stun­den­wei­se ein Kunst­ra­sen­platz ange­mie­tet. Das ist der ein­zi­ge Kunst­ra­sen­platz in ganz Quib­do, abso­lu­ter Luxus, der sich mit sei­nem strah­len­den Grün aus dem grau­en Bild der Stadt mit sei­nen Schot­ter­stra­ßen, luft­ver­pes­ten­den Motor­rad­fah­rern, oft nur müh­sam zusam­men­ge­hal­te­nen Holz­häu­sern, Staub und Müll, wie ein Sma­ragd her­aus­hebt. Ulli woll­te es kaum glau­ben, dass es die­sen Platz gibt, und dann noch ganz in der Nähe die­ses Pro­blem­vier­tels. Aber es gibt ihn und es ist ein­fach toll, wie die Kin­der Besitz davon ergrei­fen.

Es ist so ermu­ti­gend zu sehen, mit wel­cher Freu­de und Begeis­te­rung die­se Kin­der das beschei­de­ne Ange­bot, das wir ihnen hier machen kön­nen, anneh­men und wie ent­schlos­sen sie sind, die­se klit­ze­klei­ne Chan­ce, die sich ihnen hier bie­tet, zu ergrei­fen. Die­se Moti­va­ti­on zu sehen stärkt den Opti­mis­mus: Ja, DAS ist die Zukunft des Lan­des. Die­se lachen­den, lär­men­den und die Zukunft her­aus­for­dern­den Kin­der wer­den es bes­ser machen.

Gleich­zei­tig weiß man natür­lich ganz genau, dass das so nicht sein wird. Man weiß von den Struk­tu­ren, in denen die­se Kin­der auf­wach­sen, und man weiß von den Zwän­gen, denen sie sich, je älter sie wer­den, immer mehr beu­gen (müs­sen?). Vie­les von dem hier zu sehen­den Opti­mis­mus wird auf der Stre­cke blei­ben. Das Lachen wird in vie­len Fäl­len der Ent­täu­schung, Ver­bit­te­rung und Trau­rig­keit wei­chen. Und den­noch: das ist ja nicht vor­her­be­stimmt. Wer weiß? Die Zukunft ist offen. Und das wie­der­um moti­viert, zu hel­fen, wo es geht.

Es ist ja nur ein Trop­fen auf den hei­ßen Stein, was wir ihnen bie­ten kön­nen, aber unse­re Hoff­nung ist, dass die­ser Trop­fen dazu bei­tra­gen kann, einen Teil der Kin­der von der Stra­ße zu holen, wo sie der Spi­ra­le der Gewalt aus­ge­setzt sind. Es ist ja so unend­lich trau­rig mit anzu­se­hen, wie Kin­der, deren Väter von den Para­mi­li­ta­res, der Gue­ril­la oder der Poli­zei ermor­det wur­den, und die in die­sen hoff­nungs­lo­sen Bar­ri­os der Ver­trie­be­nen auf­ge­wach­sen sind, ver­su­chen ihr Glück dadurch zu erzwin­gen, dass sie genau zu der­je­ni­gen Gewalt grei­fen, die sie in die­se Lage gestürzt hat. Wenn es gelingt, ein wenig dazu bei­zu­tra­gen, die­se Spi­ra­le zu durch­bre­chen, dann ist es gut.

Das was hier durch pri­va­te Hil­fe ermög­licht wird, soll­te eigent­lich eine genui­ne Auf­ga­be des Staa­tes sein. Aber wenn man das hier sagt, ern­tet man nur trot­zi­ges Lachen. Hier ver­schwin­den nicht nur die Steu­er­gel­der (die natür­lich auch) son­dern selbst die Hilfs­gel­der des UNHCR in den Taschen kor­rup­ter Poli­ti­ker, die manch­mal ganz offen zuge­ben, dass die per­sön­li­che Berei­che­rung eines der Moti­ve war, Poli­ti­ker gewor­den zu sein. Hmm, da bleibt nicht nur ein bit­te­rer Nach­ge­schmack, son­dern auch ein Zwei­fel des Sozio­lo­gen an der All­ge­mein­gül­tig­keit des Codes des poli­ti­schen Sys­tems in einer funk­tio­nal dif­fe­ren­zier­ten Gesell­schaft.

Getsemani

Ges­tern waren Con­stan­za und ich nach län­ge­rer Zeit mal wie­der in Get­se­ma­ni, einem der vier Stadt­vier­tel Car­ta­ge­nas, die von der gro­ßen Ver­tei­dungs­mau­er umge­ben ist, die die Spa­ni­er wäh­rend ihrer Kolo­nal­herr­schaft hier zum Schutz gegen Pira­ten errich­tet hat­ten. Get­se­ma­ni ist inso­fern etwas Beson­de­res, als es noch immer eine  Sozi­al­struk­tur besitzt, in der sich Tou­ris­mus und gewach­se­ne Urba­ni­tät noch die Waa­ge hal­ten. Wäh­rend in den bei­den ande­ren inner­halb der ummau­er­ten Stadt lie­gen­den Bar­ri­os  San­to Dom­in­go (Cen­tro) und San Die­go nahe­zu alle klei­nen Gemischt­wa­ren­ge­schäf­te und Hand­wer­ker, die wir vor zehn Jah­ren dort noch vor­ge­fun­den hat­ten,  ver­schwun­den sind und an ihre Stel­le Juwe­lier­lä­den, Bou­ti­quen, Sou­ve­nier­lä­den und Luxus­re­stau­rants getre­ten sind, macht Get­se­ma­ni (noch) einen ganz ande­ren Ein­druck. Auch hier gibt es Hotels, aber es sind vor allem klei­ne­re Hos­ta­les mit gerin­ger Bet­ten­ka­pa­zi­tät, die man mit unse­ren Pen­sio­nen ver­glei­chen könn­te. Nicht dass es hier kei­ne Tou­ris­ten gibt, aber es gibt eine wohl­tu­en­de Ver­mi­schung von Tou­ris­ten und alt­ein­ge­ses­se­nen Car­ta­ge­n­eros. Als Sym­bol für die­se Ver­bin­dung kann man die  Pla­za de la Tri­ni­dad  bezeich­nen, die eine Art Zen­trum Get­se­ma­nis dar­stellt. Unser Sohn, Simon, hat­te wäh­rend sei­nes ein­jäh­ri­gen Auf­ent­halts in Car­ta­ge­na unmit­tel­bar an die­sem Platz in der Cal­le San Anto­nio gewohnt. Die Häu­ser in Get­se­ma­ni sind in der Regel klei­ner als die Pracht­bau­ten im Cen­tro.  Mehr­ge­schos­si­ge Bau­ten mit präch­ti­gen Bal­ko­nen gibt es vor allem an der Cal­le Lar­ga und der Cal­le de la Media Luna.  Die meis­ten Häu­ser haben jedoch kei­ne Ober­ge­schos­se son­dern sind ganz im spa­ni­schen Kolo­nail­stil erbaut, oft mit einem traum­haf­ten Patio und zur Stra­ßen­sei­te — das unter­schei­det sie von den Kolo­nal­bau­ten der Can­del­aria im Zen­trum von Bogo­tá — nach außen hin offen, mit den tra­di­tio­nel­len holz­ge­schnitz­ten Stä­ben vor den meist glas­lo­sen Fens­tern, wohl frem­den Zugriff nicht aber frem­de Bli­cke abweh­rend. So hat man ins­be­son­de­re am Abend einen inter­es­san­ten Ein­blick in das Fami­li­en­le­ben der Car­ta­ge­n­eros.

plaza-trinidad_abendsSeit Simon hier nicht mehr wohnt, waren wir sel­ten hier. Aber viel hat sich in den ver­gan­ge­nen Jah­ren eigent­lich nicht ver­än­dert. Viel­leicht gibt es doch ein paar Hos­ta­les mehr als damals. Nach wie vor ist  abends an der “Pla­za de la Tri­ni­dad” der Teu­fel los. Die in den angren­zen­den Stra­ßen woh­nen­den Car­ta­ge­n­eros sit­zen auf den Bän­ken an der Pla­za, wäh­rend die Kin­der bis in die spä­ten Abend­stun­den her­um­tol­len. Jugend­li­che Car­ta­ge­n­eros und Car­ta­ge­ne­ras plau­dern, flir­ten, machen Musik. Dazwi­schen ste­hen jun­ge Tou­ris­ten, eine Bier­fla­sche oder auch eine Fla­sche Rum oder Aguar­dien­te in der Hand.

plaza-trinidad_constanzaAus  eig­nen Erfah­run­gen durch unse­re Besu­che bei Simon, in der Zeit als hier wohn­te, wis­sen wir, dass an ein frü­hes Zu-Bett-Gehen in die­ser leb­haf­ten Atmo­sphä­re nicht zu den­ken ist. Und zwar an kei­nem der Wochen­ta­ge. Wie oft haben wir hier abends auf den Stu­fen der Igle­sia de la Tri­ni­dad, der größ­ten Kir­che Get­se­ma­nis, geses­sen, ein Bier oder einen Moji­to getrun­ken und dem bun­ten  Trei­ben zuge­se­hen. Mit­te auf dem Platz stand damals ein gro­ßes Tram­po­lin, auf dem die Kin­der unter den Augen ihrer plau­dern­den, trin­ken­den, manch­mal auch Musik machen­den Eltern bis in die spä­ten Abend­stun­den her­um­tob­ten. An den Sei­ten war das Tram­po­lin mit Net­zen gesi­chert, so dass auch die ganz Klei­nen gefahr­los sich dem Spaß hin­ge­ben konn­ten. Heu­te ist die­ses Tram­po­lin ver­schwun­den. Dafür ste­hen jetzt an dem Platz ein paar lebens­gro­ße Bron­ze­sta­tu­en. Ob es irgend­wel­che Hei­li­gen sind? Ich bin nicht sat­tel­fest in der Leh­re der katho­li­schen Kir­che, kann es des­halb nicht beur­tei­len. Aber die Figu­ren könn­ten auch Fischer sein, oder Hand­wer­ker, von denen es in Get­se­ma­ni noch immer jede Men­ge gibt. Das sieht man tags­über sofort. Die Tisch­le­rei, wo Simon damals sein Bett, sei­nen Tisch und sei­nen wun­der­schö­nen Schau­kel­stuhl bau­en ließ, befin­det sich noch immer in der Cal­le de Las Pal­mas. Und die “Zapa­teros” öff­nen ihre “Läden” noch immer indem sie eine Werk­bank mit den typi­schen Schu­ma­cher-Werk­zeu­gen und Töp­fen mit Leim vor ihr Haus stel­len. Fer­tig. Die Aus­la­gen der “Fer­re­te­rías”  sehen aus, als hät­ten die Tei­le alle schon zwei Leben in irgend­wel­chen Arma­tu­ren hin­ter sich. Aber man bekommt hier alles, was man braucht.

Die Pla­za de la Tri­ni­dad ent­schä­digt uns für den all­abend­li­chen Schlaf­ent­zug  durch ein  — für kolum­bia­ni­sche Ver­hält­nis­se eher unge­wöhn­li­ches — mor­gend­li­ches Aus­schla­fen.  Der Platz ist bis 10 Uhr wie aus­ge­stor­ben. Ledig­lich die bei­den Geschäf­te, ein Gemischt­wa­ren­la­den und eine Panade­ria haben dann geöff­net und natür­lich der auch abends uner­müd­li­che “Ven­de­dor de Jugos”  mit sei­nem fahr­ba­ren Stand, an dem er aus der Viel­falt der — aus unse­rer Sicht — exo­ti­schen Früch­te Kolum­bi­ens frisch-gepress­te Säf­te anbie­tet. Für Simon, der eine Lei­den­schaft für die­se Säf­te ent­wi­ckelt hat­te, war es jeden Mor­gen die ers­te Akti­on, noch schlaf­trun­kend aus sei­ner Woh­nung schlur­fend quer über den Platz zu dem Saft-Ver­käu­fer.  Mag sein, dass Simon bald sein bes­ter Kun­de war. Jeden­falls hat­ten die bei­den nach kur­zer Zeit ein aus­ge­spro­che­nes Ver­trau­ens­ver­hält­nis auf­ge­baut. Ich erin­ne­re mich an ein Erleb­nis, als Simon und ich die­sen mor­gend­li­chen Gang unter­nah­men, den Saft pres­sen lie­ßen und ihn mit dem Ver­käu­fer plau­dernd in der kari­bi­schen Mor­gen­son­ne genos­sen. Der Ver­käu­fer bat uns plötz­lich, sei­nen Stand für ein paar Minu­ten zu über­neh­men, da er noch unbe­dingt eini­ge Früch­te vom nahen Markt besor­gen müs­se. Da wir sowie­so dort stan­den und — je nach Lust und Lau­ne — unse­ren “Jugo de Guana­ba­na”, “Jugo de Guaya­ba”, “Jugo de Lulo”, “Jugo de Tama­rin­do”  oder ein­fach den für deut­sche Ohren nicht ganz so exo­ti­sche “Jugo de Naran­ja” tran­ken, hat­ten wir nichts dage­gen ein­zu­wen­den. Aus den paar Minu­ten wur­de dann aber mehr als eine hal­be Stun­de. Den Stand ver­las­sen, das konn­ten wir natür­lich nicht, ver­spro­chen ist ver­spro­chen. Aber nun kamen schon die ers­ten Kun­den. Also was blieb uns ande­res übrig, als die Hand­pres­se selbst in Ganz zu set­zen und den Job zu machen. Wäre ein sol­ches Erleb­nis in Deutschalnd denk­bar?

cartagena_baluarteEine der Stra­ßen, die vom Pla­za de la Tri­ni­dad in Rich­tung Cen­tro gehen, ist die Cal­le de Espi­ri­tu San­to. Sie führt direkt zur zwei­ten Kir­che, die Igle­sia de San Roque und führt uns direkt zur “Ciu­dad Movil” , einem Kul­tur­zen­trum, das von Loba­dis Perez gegrün­det wur­de, der damals Tän­zer im “Cole­gio del Cuer­po” war und bei dem Simon die ers­ten Wochen sei­nes Car­ta­ge­na-Auf­ent­hal­tes bis zu sei­nem Umzug in die Cal­le de San Anto­nio gewohnt hat­te. Die “Ciu­dad Movil” passt zu Get­se­ma­ni. Es ist ein alter­na­ti­ves Kul­tur­zen­trum, das mit ganz wenig Geld aber mit viel Enthu­si­as­mus der Betrei­ber (über)lebt. Es ist ein jun­ges Publi­kum, dass hier­her fin­det, und das sich irgend­wie wohl­tu­end vom Main­stream der nicht sel­ten gold- und sma­ragd­ket­ten­be­han­ge­nen Tou­ris­ten des Cen­tro abhebt.

cartagena_mauer

Medellin

Dass die Kolum­bia­ner Früh­auf­ste­her sind, habe ich mitt­ler­wei­le rea­li­siert. Die Ratio dar­an ist der enor­me Ver­kehr. Will man nicht im Stau fest­sit­zen, lohnt sich eine Stun­de frü­her zur Arbeit zu fah­ren. Jetzt stel­le ich aber fest, dass ich offen­sicht­lich schon von die­sem Früh­auf­ste­her-Virus infi­ziert bin. Mein Hotel hier in Medel­lin, in dem ich wäh­rend des XI Con­gre­so Nacio­nal de Socio­lo­gia woh­ne, liegt zwar recht hübsch am Par­que Pob­la­do, aber ab sechs Uhr mor­gens ist hier schon die Höl­le los. Nur das Früh­stück gibt es erst ab sie­ben. Und da es auf der Ter­as­se ein­ge­nom­men wird, und es bis­her fast jeden mor­gen um 7 einen Regen­schau­er gege­ben hat, wird dar­aus dann meis­tens doch erst 8 Uhr. Aber um 8 Uhr begin­nen bereits die Ver­an­stal­tun­gen der Kon­fe­renz an der Uni. Was die nor­ma­len Semi­na­re betrifft, berich­ten mei­ne kolum­bia­ni­schen Kol­le­gen von Ver­an­stal­tun­gen, die um sechs (sic!) Uhr mor­gens begin­nen.

Dass ich immer um sechs wach wer­de kann hier im Hotel auch damit zu tun haben, dass jeden mor­gen um sechs die Natio­nal­hym­ne auf allen Kanä­len geschmet­tert wird. Und an der Rezep­ti­on haben die das Radio eigent­lich immer an. Das Glei­che wie­der­holt sich dann abends um sechs. Und natür­lich wur­de auch der Kon­gress mit der Natio­na­hym­ne eröff­net. Dann eine klei­ne Begrü­ßungs­an­spra­che des Rek­tors und danach wie­der eine Hym­ne. Dies­mal die der Uni­ver­si­dad de Antio­quia. Also immer auf­ste­hen, hin­setz­ten, auf­ste­hen und wie­der hin­set­zen. Katho­li­ken mögen das ja bei ihren ein­schlä­gi­gen Ver­samm­lun­gen gewohnt sein, aber ich?

Das Früh­stück ist eigent­lich das ein­zi­ge, was mir an dem Hotel nicht gefällt. Es gibt immer das­sel­be und wird vom Bedie­nungs­per­so­nal lieb­los vor einem hin­ge­knallt. Das ist abso­lut unty­pisch für Kolum­bi­en, wo man eigent­lich immer sehr lie­be­voll bedient wird. Aber hier ist irgend­wie der Wurm drin. Nach­dem man auf der Ter­as­se erschie­nen ist und sich an einen frei­en Platz gesetzt hat, schlürft eine der bei­den Bedie­nungs­per­so­nen in die­sen all­ge­gen­wär­ti­gen kolum­bia­ni­schen Gum­mi-Arbeits-Lat­schen (Crooks oder wie die hei­ßen), die ein wenig an die­se Hol­land-Lat­schen erin­nern, aber eben aus Gum­mi oder Plas­tik sind und in allen Far­ben zu krie­gen sind. Meis­tens sind sie aber blau. Con­stan­za hat auch sol­che. Angeb­lich sol­len die sehr bequem sein, aber ich wer­de sie nicht an mei­ne Füße las­sen.

Wenn man in Kolum­bi­en “Café con Leche” bestellt erhält man in der Regel “Leche con Café”. Da ich das weiß, bestell ich immer “Café Tin­to (das ist schwar­zer Kaf­fee) con un poqui­to (!) de leche”. Aber das Bedie­nungs­per­so­nal ver­wech­selt das mit Pene­tranz und bringt “leche con un poqui­to café” oder hört nur “leche” und knallt mir dann einen Milch­topf ohne Unter­tas­se vor die Nase, wo man nur ahnen kann, dass da eine Kaf­fee­boh­ne durch­ge­zo­gen wur­de. Das hat sich all mei­nem Pro­test zuwi­der in den vier Tagen hier nicht geän­dert. Aber immer­hin konn­te ich heu­te — nach vier Tagen Muf­fel­früh­stück der Seño­ri­ta das ers­te mal ein Lächeln ent­lo­cken. Oh, der Tag muss gut wer­den..

Mein Hotel ist sehr klein (eigent­lich eher eine Art “Pen­si­on”) und sehr ein­fach aber ganz neu und sehr modern ein­ge­rich­tet (also nicht mit dicken Tep­pich­bo­den, wo der Pilz nur auf sein nächs­tes Opfer war­tet), son­dern leicht zu rei­ni­gen­de Flie­sen. Blitz­blank. Und weil alles noch so neu ist, funk­tio­niert alles pri­ma. Da stört dann auch nicht so sehr, dass die Was­ser­häh­ne mal links, mal rechts her­um auf­zu­dre­hen sind. Ja manch­mal sogar der lin­ke rechts und der rech­te links. Und manch­mal ist das war­me Was­ser links und das kal­te rechts (wie ich das nach DIN-Norm ken­ne), manch­mal aber eben das war­me rechts und das kal­te links. Egal, man kann das schnell raus­krie­gen und dann weiß man es eben.

Im Hotel gefällt mir sogar die Ein­rich­tung gut. Nicht der übli­che Hotel­kitsch und sogar aus­ge­spro­chen tol­le Bil­der (schei­nen sogar Ori­gi­na­le zu sein). Alles modern bis post-modern. Das ers­te Zim­mer muss­te ich aller­dings wech­seln, weil es anstatt Fens­ter nur sol­che Glas­bau­stei­ne hat­te, durch die etwas Licht fiel. Ich lei­de zwar nicht unter Klaus­tro­pho­bie aber den­noch, das war nicht aus­zu­hal­ten. Am nächs­ten Tag hat­te ich ein neu­es Zim­mer auf der ande­ren Sei­te des Hotels, der Stra­ßen­sei­te. Na ja, Stra­ßen­lärm schreckt mich nicht, aber ich wuss­te nicht, dass genau unter dem Zim­mer sich eine Dis­ko­thek befin­det. Nun krie­ge ich immer gute Musik in abso­lu­ter Dröhn­stär­ke zum Ein­schla­fen. Na ja, ganz so schlimm ist es auch nicht, weil die Dis­co pünkt­lich um Mit­ter­nacht schließt, und dann ist es ruhig.

Also mor­gens nach dem sagen­um­wo­be­nen Früh­stück mache ich mich dann auf zur Uni. Zehn Minu­ten Fuß­weg und dann in die Metro. Ziem­li­ches Gedrän­ge. Pro­gramm, Han­dy und Tablet in die Tasche gesteckt, manch­mal auch die Kame­ra , den Schul­ter­rieh­men über bei­de Schul­tern gelegt, also so, dass der Rie­men auf der lin­ken (oder rech­ten) Schul­ter und dann nach rechts (oder links) über den Kopf gezo­gen wird, so dass die Tasche dann rechts (oder links) ist. Dann kann einem kei­ner die Tasche ein­fach so von der Schul­ter rei­ßen.

Dann zehn Minu­ten zur Metro. Die Metro ist echt ein Prunk­stück. Und zwar in mehr­fa­cher Hin­sicht. Sau­ber­keit (kein Ver­gleich zu Bon­ner Stra­ßen­bahn, wo über­all Essens­res­te rum­lie­gen, Jugend­lich mit Füßen auf den Sit­zen rum­lun­gern, kaput­te Fla­schen rum­lie­gen, nee das gibts hier nicht. Und die Metro hat eine Kli­ma­an­la­ge (wo gibt’s denn sowas?), was zu den Stoß­zei­ten mor­gens und abends echt ein Segen ist. Die Medel­li­ner sind zurecht stolz auf ihre Metro und ach­ten dar­auf, dass sie erhal­ten bleibt. Auch die Bahn­stei­ge sind eine Augen­wei­de. Alles pico­bel­lo. Inter­es­san­ter­wei­se wird hier alles von der “Poli­cía Nacio­nal” gere­gelt. Die Zug­durch­sa­gen, die Bewa­chung, dafür zu sor­gen, dass man bei der Zug­ein­fahrt nicht zu dicht an der Bahn­steig­kan­te steht, Leu­te zurück­hal­ten, wenn der Zug abfährt, Tou­ris­ten bera­ten, die nicht wis­sen, in wel­chen Schlitz man die Kar­te ste­cken muss bzw. auf wel­che Scan­flä­che die Tar­je­ta gelegt wer­den muss. Die Poli­cía macht hier ein­fach alles, außer Fahr­kar­ten­ver­kau­fen. Das machen Zivi­lis­ten in der Taquil­la.

Die Kolum­bia­ner rem­peln übri­gens bein Ein- und Aus­stei­gen genau wie in Deutsch­land. Der ein­zi­ge Unter­schied ist der, dass man nach dem Anrem­peln ein Lächeln erhält, wäh­rend in Deutsch­land die Leu­te so tun, als hät­ten sie nicht gemerkt dass sie einen ange­rem­pelt haben. Na ja, das ist dann ja doch ein ziem­li­cher Unter­schied, der das Rem­peln etwas erträg­li­cher macht.

Nur etwas ist echt Mist. Die bei­den metal­li­schen Stan­gen, die sich längs­schnit­tig unter­halb des Zug­da­ches durch den gan­zen Zug zie­hen, damit sich die Fahr­gäs­te mit Steh­platz (und das sind natür­lich die meis­ten) dar­an fest­hal­ten kön­nen, sind ein­fach nicht für die Kör­per­grö­ße eines nor­ma­len Mit­tel­eu­ro­pä­ers kon­stru­iert. Ich habe mir schon zwei­mal ziem­lich hart den Kopf dar­an gesto­ßen.

Apro­pos Kopf sto­ßen. Im Hotel ist wie gesagt alles (außer Früh­stück) super, aber die Dusche hat so eine Glas­tür, wie wir sie auch in Bonn haben. Oben wird sie begrenzt durch eine Metall­schie­ne, die lei­der so nied­rig ist, dass ich jeden mor­gen schlaf­trun­ken dage­gen knal­le. Ich brauch wohl noch ein paar schmer­haf­te Erfah­run­gen, um das zu ler­nen. Aber dann rei­se ich ja schon wie­der ab.

Die Uni ist schön, aber auch hier habe ich eine über­ra­schen­de Erfah­rung gemacht. Das Per­so­nal in der Men­sa, in den vie­len Cafe­te­ri­as und an den vie­len Kios­ken auf dem Cam­pus ist genau so unfreund­lich wie ich es von deut­schen Uni­ver­si­tä­ten ken­ne, sei es nun Mar­burg, Bonn, Essen, Sie­gen oder Bie­le­feld. Wer erin­nert sich nicht dar­an, wie einem immer die Sachen auf den Tel­ler geknallt wur­den und man ange­mault wur­de, wenn man es wag­te, irgend­ei­nen Son­der­wunsch zu äußern?. Hier ist das nicht anders. Eigent­lich doch völ­lig unty­pisch für Kolum­bi­en oder hat das was mit Paisa­l­and
(Antio­qia) zu tun? Kei­ne Ahnung.

Ansons­ten aber sind die Kolum­bia­ner hier so wie man es gewohnt ist. Äus­ge­spro­chen hilfs­be­reit, lie­be­voll, und natür­lich (zurecht) stolz auf ihr schö­nes Land.

Cartagena

Seit eini­gen Tagen sind Con­stan­za und ich in Car­ta­ge­na de Indi­as. Car­ta­ge­na wird — nicht nur von den Kolum­bia­nern — die “Per­le der Kari­bik” genannt, und das ist die­se Stadt in gewis­ser Hin­sicht auch zwei­fel­los. Die mit der seit Jahr­hun­der­ten exis­tie­ren­den Mau­er umge­be­ne Alt­stadt (sie ist seit 1984 samt den spa­ni­schen Ver­tei­di­gungs­an­la­gen aus dem 17. Jahr­hun­dert UNESCO-Welt­kul­tur­er­be) sucht ohne Fra­ge Ihres­glei­chen. Neben Bogo­tá ist Car­ta­ge­na in den letz­ten Jah­ren, mein zwei­tes kolum­bia­ni­sches Zuhau­se gewor­den. Unse­re Woh­nung, im Stadt­eil La Boquil­la liegt nur weni­ge (Auto- oder Bus-) Minu­ten von der Alt­stadt und eini­gen unse­rer Lieb­lings­plät­zen ent­fernt, auf denen wir je nach Stim­mungs­la­ge ent­span­nen­de Ruhe genie­ßen oder uns dem ganz spe­zi­el­len Lärm­ge­misch die­ser Stadt aus­set­zen, her­vor­ge­bracht durch Stra­ßen­ver­käu­fer aller Art, Sal­sa-oder Meren­gue-Grup­pen, Huf­ge­trap­pel der Pfer­de­drosch­ken, die sich den Tou­ris­ten für einen stil­vol­len ers­ten Über­blick über die Alt­stadt anbie­ten.

cartagena_catedral

Auch nach über 30 Jah­ren ist die Ankunft hier am Aeropu­er­to Rafa­el Nun­ez für mich immer wie­der ein auf­re­gen­des Ereig­nis, auf das ich mich schon wäh­rend des gan­zen Flu­ges gefreut habe. Man steigt hier noch wie in den Anfangs­ta­gen der zivi­len Luft­fahrt die Gang­way hin­un­ter auf das offe­ne Flug­feld und wird dabei ganz behut­sam umst­röhmt von einer feucht­war­men Luft, die einem sofort nach der Öff­nung der Kabi­nen­tü­ren ent­ge­gen­tritt und einen ein­zig­ar­ti­gen Geruch ver­brei­tet, den Geruch der nahen kari­bi­schen See ver­mischt mit einem Hauch von Kero­sin. Nur wenig spä­ter, nach­dem wir uns mit unse­rem Gepäck durch die lär­men­de auf Taxis war­ten­de Men­ge gedrängt haben, errei­chen wir nach kur­zer Fahrt die ver­trau­te Woh­nung. Da die­se unmit­tel­bar am Strand liegt, hat ein Sprung ins Meer erst­mal abso­lu­te Prio­ri­tät. Ich las­se mich mit hin­ter dem Nacken ver­schränk­ten Armen ent­spannt auf dem Rücken lie­gend von den sanf­ten salz­hal­ti­gen Wel­len schau­keln. Über mir ent­de­cke ich alte Freun­de, die Peli­ka­ne. Sie flie­gen auf mich zu, als wür­den sie mich begrü­ßen wol­len. Dabei beob­ach­ten sie ganz genau jeden Fleck im Was­ser links und rechts von mir, um sich sofort auf jeden Fisch, den ich ohne es zu mer­ken auf­scheu­che, zu stür­zen. Und dies machen sie mit einer wah­ren Akro­ba­ten­num­mer, die man die­sen eigent­lich ja etwas plump wir­ken­den Vögeln gar nicht zuge­traut hat. Platsch, dicht neben mir taucht wie­der einer ein. Bil­de ich mir es nur ein, oder sieht er mich beim Auf­tau­chen tat­säch­lich etwas spöt­tisch an, bevor er dann schnell mit sei­ner Beu­te davon­zu­fliegt?

Auch für Peli­ka­ne muss die­se Art der Nah­rungs­su­che auf die Dau­er doch ziem­lich antren­gend sein. Wohl des­halb sehen wir sie etwas spä­ter wie­der, wie sie sich für einen leich­te­ren Weg ent­schie­den haben. Sie ste­hen gemein­sam mit eini­gen Ein­hei­mi­schen und Tou­ris­ten am Strand und war­ten auf die Fischer, die mit ihrem Boot gera­de ans Ufer fah­ren, dort die Net­ze zusam­men­zie­hen und an Ort und Stel­le begin­nen, ihren spär­li­chen Fang zu ver­kau­fen. Für die sich gedul­dig in die Rei­he der War­ten­den Men­schen ein­rei­hen­den Peli­ka­ne — eini­ge Fisch­rei­her haben sich mitt­ler­wei­le dazu gesellt — bleibt genug übrig. Noch ein­fa­cher machen sich es eini­ge ihrer Kol­le­gen, die die Idee hat­ten, direkt zum Fisch­markt zu flie­gen, sich dort auf die Dächer der Hüt­ten zu set­zen, um von dort den guten Über­blick über das Marktrei­ben aus­nut­zend auf güns­ti­ge Gele­gen­hei­ten zu war­ten. Ein­mal nicht auf­ge­passt, ruck zuck, und schon ist einer der dort mas­sen­haft feil­ge­bo­te­nen Fische im Sam­mel­schna­bel der Freun­de ver­schwun­den. Bewun­derns­wert.

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Obwohl man in Car­ta­ge­na grund­sätz­lich ein ange­neh­mens tro­pi­sches Kli­ma erwar­ten kann, erlebt man immer wie­der Über­ra­schun­gen. Mal gibt es wochen­lang nahe­zu täg­lich zur immer wie­der­keh­ren­den Uhr­zeit am Nach­mit­tag einen gewal­ti­gen tro­pi­schen Regen­guss, der die Über­for­de­rung des alten Abwas­ser­sys­tems schnell zu Tage tre­ten lässt. Ein ande­res mal fällt die Bri­se des Mee­res schwä­cher als nor­ma­ler­wei­se aus, was die Hit­ze uner­träg­lich macht und auch die Mücken auf den Plan ruft, die sich sonst eher in den Man­gro­ven­wäl­dern des dem Meer abge­wand­ten Cié­na­ga (Man­gro­ven Sumpf) ver­steckt hal­ten. In die­sem Jahr ist es umge­kehrt. Täg­lich frischt der Wind am Nach­mit­tag so kräf­tig auf, dass dann an ein Schwim­men im Meer kaum mehr zu den­ken ist und sich gegen Abend ein hand­fes­ter Orkan her­aus­ge­bil­det hat. Ges­tern waren wir tat­säch­lich so besorgt, dass wir das Inter­net nach einer “Aler­ta por Hura­can” abge­sucht haben. Aber es gab kei­ne. Der Wind ist immer­hin so stark, dass er anfängt, den Sand von Strand zu Dünen auf­zu­tür­men. Ein Phä­no­men, das ich hier noch nie beob­ach­tet habe.

Ande­rer­seits besänf­tigt der star­ke Wind ein wenig unse­re Besorg­nis hin­sicht­lich der Chi­kun­gu­ya-Epi­de­mie, die hier dum­mer­wei­se gera­de herrscht. Das Chi­kun­gu­ya-Virus wird durch Mücken über­tra­gen und gegen­wär­tig gibt es kei­nen wirk­sa­men Schutz. Weder eine Imp­fung noch Medi­ka­men­te. Emp­foh­len wird, sich so zu ver­hal­ten, dass man Mücken­sti­che mög­lichst ver­mei­det. Aber das ist kaum mög­lich. Trotz lan­ger Ärmel, lan­ger Hosen und “Repel­en­te” habe ich schon eine Rei­he von Sti­chen kas­siert. Obwohl, das muss man beto­nen, in Car­ta­ge­na das Mücken­pro­blem nor­ma­ler­wei­se nicht beson­ders stark ist. Am Strand sind die Vor­sichts­maß­nah­men ja sowie­so nicht durch­zu­hal­ten. Aber da hilft eben der star­ke Wind am Meer, der die Mücken davon­treibt. Solan­ge man nicht selbst davon geweht wird, ist das ein Kom­pro­miss, mit dem man leben kann.

Der Ort, an dem unse­re Woh­nung liegt, ist ein schma­ler Strei­fen zwi­schen dem Meer einer­seits und dem Cié­na­ga mit sei­nen Man­gro­ven ander­seits. Wie alle Cié­na­gas ist auch der von Car­ta­ge­na ein Para­dies für ver­schie­de­ne Pflan­zen- und Tier­ar­ten. Kon­fron­tiert wird man immer wie­der mit Legua­nen, die kei­ne Scheu haben, sich auf die Wan­der­schaft von der einen, an den Cié­na­ga gren­zen­den, Sei­te des schma­len Land­strei­fens auf die ande­re, dem Meer zuge­wand­ten, Sei­te zu bege­ben. Als Auto­fah­rer muss man schon mal auf­pas­sen, dass ein ver­meint­li­cher Pflan­zen­ast, sich beim Näher­kom­men nicht als Legu­an her­aus­stellt. Heu­te war einer der Legua­ne so frech, dass er in unse­ren Swim­ming­pool wat­schel­te. Da es sich hier­bei um ein ziem­lich aus­ge­wach­se­nes Exem­plar von über 1,50 m han­del­te, kann man sich die Auf­re­gung der Leu­te gut vor­stel­len. Er wur­de ver­jagt, aber mit allem Respekt, den man die­sen alt­ehr­wür­di­gen Ech­sen selbst­ver­ständ­lich ent­ge­gen­bringt.

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Wäh­rend ich das schrei­be — es ist mitt­ler­wei­le Mit­ter­nacht und mein Schwie­ger­va­ter schläft schon lan­ge — tobt im Patio unse­res Nach­bar­hau­ses eine Wahn­sinns-Par­ty. Con­stan­za glaubt der Musik-Mischung zu ent­neh­men, es müs­se eine Initia­ti­ons­par­ty für jemand sein, der gera­de 15 Jah­re alt gewor­den ist. Kein Pro­blem. Die Musik ist pri­ma: Ein wenig Sal­sa, ein wenig Reg­gae­ton, Bacha­ta, Meren­gue und ein wenig Hip-Hop-Mas­h­ups von klas­si­schen Rock-Titels der 70er Jah­re. Zwi­schen­durch dann ab und zu ein klas­si­scher Johann-Strauss-Wal­zer, der es auch den Groß­el­tern erlau­ben soll, sich auf der Tanz­flä­che wohl­zu­füh­len. Teil­wei­se life, teil­wei­se Dis­co. Aber sie ist so laut, als wür­den wir uns direkt in der Dis­ko befin­den. Jetzt kommt gera­de noch eine Val­len­ato-Grup­pe dazu und bringt etwas ruhi­ge­re Musik hin­zu. Aber den­noch: An Schlaf ist nicht zu den­ken. Wie mein Schwie­ger­va­ter das hin­kriegt, ist mir ein Rät­sel. Con­stan­za und ich nut­zen ein­fach die Musik und begin­nen auf unse­rer Ter­as­se zu tan­zen.

Bogotá

Dies ist  mein ers­ter Bei­trag zu die­sem the­ma­tisch auf KOLUMBIEN kon­zen­trier­ten Blog. (Die vor­an­ge­gan­ge­nen his­to­ri­schen Exkur­se wur­den spä­ter ein­ge­fügt, aber wegen der bes­se­ren Über­sicht an das Ende der Blog-Bei­trä­ge gestellt.)  Nach­dem ich in den letz­ten Jah­ren mei­ne Ein­drü­cke von die­sem Land per Email (an einen spe­zi­ell ein­ge­grenz­ten Per­so­nen­kreis gerich­tet) oder über Dia­spo­ra (zwar an einen grö­ße­ren und nicht immer ganz genau bestimm­ten Per­so­nen­kreis gerich­tet, dafür aber mit dem Nach­teil einer hohen Flu­i­di­tät ver­se­hen) geschrie­ben und ver­sen­det hat­te, habe ich den seit län­ge­rer Zeit geheg­ten Plan, dies durch einen the­ma­tisch ori­en­tier­ten Blog zu erset­zen, end­lich rea­li­siert.

Ich rei­se seit vie­len Jahr­zehn­ten nach Kolum­bi­en, aber dass ich mich neben mei­nem Bon­ner Wohn­sitz als in Bogo­tá woh­nend bezeich­ne, ist eine Ent­wick­lung, die erst vor ca. andert­halb Jah­ren ein­ge­setzt hat, als mei­ne Auf­ent­hal­te in Kolum­bi­en sich aus fami­liä­ren Grün­den suk­zes­si­ve immer mehr aus­ge­wei­tet haben. Bei mei­ner jet­zi­gen Ankunft in Bogo­tá zeig­te sich die Stadt von ihrer bes­ten Sei­te. Nichts zu spü­ren von der unge­müt­li­chen Näs­se und Käl­te und den ihre „Man­tel­kra­gen hoch­schla­gen­den, eilig davon­ei­len­den Pas­san­ten”, die Gar­cia Mar­quez so ein­zig­ar­tig in Abgren­zung zu sei­ner kari­bi­schen Hei­mat beschrie­ben hat­te. Nein, als ich ankam, herrsch­te außer­or­dent­lich tol­les son­ni­ges und sehr war­mes Wet­ter. Für die Bogo­ta­ner eine ange­neh­me und sicht­bar genos­se­ne Freu­de. Für den dem win­ter­li­chen Euro­pa ent­flie­hen­den Rei­sen­den, eine dop­pel­te Wohl­tat.

Ich bin immer wie­der aufs Neue davon ange­tan, wie grün Bogo­tá, die­se fast 10 Mil­lio­nen Ein­woh­ner umfas­sen­de Stadt ist. Aber natür­lich sind es vor allem die nörd­lich vom Stadt­zen­trum gele­ge­nen rei­che­ren Stadt­tei­le, die die­se posi­ti­ve Eigen­schaft auf­wei­sen. Vie­le vier­spu­ri­ge Stra­ßen haben dort einen mit nahe­zu alle Kli­ma­zo­nen Kolum­bi­ens reprä­sen­tie­ren­den beflanz­ten Mit­tel­strei­fen. Für einen Euro­pä­er ist dies schon allein des­halb beein­dru­ckend, weil in die­ser Höhe von 2.700 Metern in unse­ren Brei­ten ja nur ganz weni­ge Pflan­zen wach­sen.

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Getrübt wur­de mein Wohl­be­fin­den aller­dings bereits am nächs­ten Mor­gen aus völ­lig ande­ren, und nun gar nicht mit dem Kli­ma in Ver­bin­dung zu brin­gen­den Grün­den: Als ich aus dem Haus trat und mit Erschre­cken die bau­li­chen Ver­än­de­run­gen an der Ummaue­rung unse­res „Con­do­mi­nio“ sah. Eine Mau­er bzw. an eini­gen Stel­len ein hoher und durch­aus sta­bi­ler Zaun waren da zwar schon immer vor­han­den, aber wäh­rend mei­ner Abwe­sen­heit hat­te man auf die Mau­er noch einen über drei oder vier Stu­fen rei­chen­den hohen elek­trisch auf­ge­la­de­nen Sta­chel­draht­zaun drauf­ge­setzt, der leicht nach innen ver­setzt ist und einen unwill­kür­lich an längst ver­gan­ge­ne schreck­li­che Zei­ten erin­nert. Ich fühl­te mich plötz­lich in einer Art Fes­tung, die ich bis­her in die­ser kras­sen Form nur in Johan­nes­burg gese­hen hat­te.

Auf Nach­fra­gen wur­de uns erläu­tert, dass die­se Ver­än­de­rung auf­grund eines Ein­bruchs erfolgt sei, bei dem die Ein­bre­cher über die Mau­er geklet­tert waren. Ja, die Sicher­heits­la­ge wird wie­der ein­mal als kata­stro­phal beschrie­ben und es wer­den Bei­spie­le genannt, wie die von einer jun­gen Frau, der mit­ten in einem voll­be­setz­ten Bus von zwei Mit­fah­rern ein Mes­ser an den Hals gesetzt wur­de, damit sie ihr Smart­pho­ne raus­rückt.

Ähn­li­che Erzäh­lun­gen beglei­ten uns seit meh­re­ren Jahr­zehn­ten. Sie lie­ßen sich belie­big erwei­tern und sie ver­wei­sen auf die nach wie vor — trotz eines in den letz­ten Jah­ren all­ge­mein gewach­se­nen gesell­schaft­li­chen Reich­tums — unge­lös­ten und sich gegen­wär­tig womög­lich wie­der ver­schär­fen­den sozia­len Pro­ble­me in die­sem wun­der­schö­nen und lie­bens­wer­ten Land. Aller­dings haben sich die in den 90er Jah­ren des vori­gen Jahr­hun­derts so gefürch­te­ten Ent­füh­run­gen gegen Löse­geld­erpres­sun­gen nach­ge­las­sen. Ob sich die “nor­ma­le” Kri­mi­na­li­tät in letz­ter Zeit wie­der ver­stärkt hat, wie von vie­len Kolum­bia­nern behaup­tet wird, lässt sich schwer prü­fen, da längst nicht alle Ereig­nis­se den poli­zei­li­chen Behör­den gemel­det wer­den und inso­fern die Sta­tis­ti­ken nicht sehr zuver­läs­sig sind. Aber über die­ses Pro­blem und sei­ne im kras­sen Klas­sen­ge­gen­satz und der gewalt­vol­len 70jährigen Ver­gan­gen­heit Kolum­bi­ens zu suchen­den Ursa­chen wird noch zu reden sein.

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