Archiv der Kategorie: orte

Medellin und seine „Comuna 13“

Die Medellin-Konferenz des RC-51 ist beendet. Für mich war es eine besondere Ehre, dass mein Vortrag vom Organisationskommittee der Konferenz als „Closing Presentation“ festgelegt wurde. So hatte ich über eine Stunde Zeit, meine Sicht der Dinge über den kolumbianischen Friedensprozess darzulegen und es blieb auch noch ausreichend Zeit, um mit den Kolleginnen und Kollegen darüber zu diskutieren. Meine Sorge, dass die kolumbianischen Kollegen an der Legitimität eines solchen Vortrages zweifeln könnten, erwies sich im Nachhinein als vollkommen unbegründet. Die Diskussion war ausgesprochen solidarisch und konstruktiv.

Michael Paetau während des Vortrages (Foto: Alexander Exquemelin, Wikipedia)

Es war reiner Zufall aber die sich am Wochenende anschließende gemeinsame Stadterkundung sollte sich wie eine Art Anschauungbeispiel meiner Präsentation vom Vortag entspuppen. Sie führte uns unter anderem in die „Comuna 13“, eines der ärmsten Stadtteile, der in den 80er und 90er Jahren Schauplatz blutiger und tödlicher Auseinandersetzungen zwischen rivalisierenden Drogenkartellen, zwischen zwischen Guerilla und paramilitärischer Gruppen und zwischen verfeindeten kriminellen Banden war. Dieses Barrio ist auch durch eine im Jahr 2002 mit äußerster Brutalität vorgetragene Militäroperation („Operación Orión“) bekannt geworden, in der unter dem Befehl des damaligen Präsidenten Alvaro Uribe und mit der Begründung, die Guerilla von ihrer sozialen Basis abzuschneiden, ein unvorstellbares Massaker unter der Zivilbevölkerung angerichtet wurde. Bis vor wenigen Jahren war die Comuna 13 eine absolute No-Go-Area. Und das nicht nur für Touristen. Constanza und ich sind vor vielen Jahren einmal über das Viertel hinweggeschwebt, als wir die Seilbahn genommen hatten, die zum Parque Arvi führt, einem Nationalpark auf einem der die Stadt Medellin umgebenden Berge. Es gibt eine Station der Seilbahn in der Comuna 13, bei der die Bowohner des Viertels ein- und aussteigen können. Haben wir aber nicht gemacht.

Seilbahn zum Parque Arvi über die Comuna 13 schwebend

Mittlerweile hat sich die Situation geändert. Aus der einstigen No-Go-Area ist eines der beliebtesten Touristen-Attraktionen Medellins geworden. Seit Sergio Fajardo sich als unabhängiger Kandidat gegen die etablierten Parteien in der Bürgermeisterwahl 2004 durchsetzen konnte und er anschließend 2013 bis 2015 Gouverneur des Departamanetos Antioquia war, wurde viel in die Struktur der armen Stadtviertel Medellins investiert. Und trotz der allgegenwärtigen Korruption in Kolumbien, scheinen viele der Projektmittel tatsächlich dort angekommen zu sein, wo sie Wirkung entfalten konnten. Eines der spektakulärsten Projekte war zweifellos die Errichtung einer 348 Meter langen Freiluft-Rolltreppe, die den Bewohnern des steil am Berghang liegenden Barrios den Weg zu ihren Häusern enorm erleichtert. Die Rolltreppe ist in sechs Abschnitte unterteilt und überwindet insgesamt einen Höhenunterschied, der ca. 28 Stockwerke bemessen würde. Am Anfang und Ende jedes Abschnittes haben sich neue informelle Strukturen herausgebildet, die zwar noch keine ökonomische oder soziale Struktur-Revolution darstellen, die aber einzelnen Familien ein bestimmtes Einkommen sicherstellen. Das liegt auch an den vielen Touristen, die erstens die bemerkenswerte Graffitikunst, in der die Bewohner der Comune 13 ihre wechselvolle Geschichte künstlerisch verarbeitet haben, bewundern, und zweitens an der Riesen-Rolltreppe, die auch in Europa Aufmerksamkeit gewonnen hat.

Überdachte Freilusft-Rolltreppe in der Comuna 13

Wir haben unter der Führung eines Künstlers und Menschenrechtsaktivisten der Kooperative „Kolacho“ eine Tour durch das Viertel unternommen, in der uns anhand der zahlreichen und äußerst bemerkenswerten Graffitis die wechselvolle Geschichte der Comuna 13 erläutert wurde. In der Zeit zwischen 2002 und 2012 fanden – nach Berichten der Tageszeitung El Tiempo insgesamt 10 militärische Säuberungsaktionen auf dem Gebiet der Comuna 13 statt, die sich vor allem gegen vermeintliche oder tatsächliche Sympathisanten der Guerilla richteten. In besonderer Weise haben sich die beiden Militäroperationen des Jahres 2002, die „Operación Mariscal“ und die „Operación Orion“ in das historische Gedächtnis der Comuna 13 eingebrannt. Die „Operación Mariscal“ fand am 21. Mai 2002 noch in den letzten Monaten der Präsidentschaft von Andrés Pastrana statt und forderte zahlreiche Opfer unter der Zivilbevölkerung.

Fünf Monate später – unmittelbar nach dem Amtsantritt von Alavaro Uribe – ereignete sich der zweite Angriff auf das Barrio, die „Operación Orion“, die mit Unterstützung paramilitärischer Verbände stattfand. Es war das erklärte Ziel von Uribe, die Guerilla nicht nur durch direkte militärische Operationen zu bekämpfen, sondern sie auch dadurch zu schwächen, dass sie von sozialen Basis abgeschnitten wird. Diesem Ziel dienten die Militäroperationen in der Comuna 13. Denn es wurde vermutet, dass gerade in diesem armen Stadtvietel, die Guerilla mit einer nicht unerheblichen Anzahl von Sympathisanten rechnen konnte. Noch heute ist der Verbleib von über 300 Personen, die in den beiden Tagen der Operation vom Militär und von Paramilitärs verschleppt wurden, ungeklärt. Insbesondere die Paramilitärs haben sich durch besondere Grausamkeit ausgezeichnet, indem sie vermeintliche oder tatsächliche linke Aktivisten gefoltert und anschließend hingerichtet haben. Diego Murillo Bejarano, einer der ehemals führenden Köpfe der paramilitärischen „Autodefensas Unidas de Colombia (AUC)“, hatte nach seiner Verhaftung der Staatsanwaltschaft zwar den Ort gezeigt, an dem die Hingerichteten, verscharrt worden waren. Ein gegenüber der Comuna 13 liegender Hügel, der von der Stadt Medellin dazu benutzt wurde, Bauschutt abzuladen. Aber die Zahl der Toten und ihre Identität ist nach wie vor unklar. Seit Jahren kämpfen die Angehörigen darum, dass die Angelegenheit aufgeklärt und die Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen werden. Wer Spanisch spricht kann sich über mehrere Youtube-Videos unter dem Stichwort „Operación Orión“ näher über die schrecklichen Ereignisse und über die Rolle, die der damalige Präsident Uribe dabei gespielt hat, informieren.

Operación Orión (16./17. Oktober 2002)

Die Tatsache, dass sich die Situation mittlerweile erheblich verbessert hat, heißt indes nicht, dass man hier nun sorglos durch die engen Gassen schlendern kann. Besser ist es, wenn man sich allzuweit von den Rolltreppen entfernt. Und in der Dunkelheit sollte man lieber auf einen Rundgang verzichten.

Freiluft-Rolltreppen in Medellin, Comuna 13

Sociocybernetics in Medellin

Ich freue mich sehr auf unsere diesjährige Jahreskonferenz des Research-Committee „Sociocybernetics“, der „Internationl Sociological Association“ (ISA-RC-51), die erstmals in Kolumbien stattfinden wird. Dank der intensiven Bemühungen unserer kolumbianischen Kollegen Luciano Gallon von der „Pontificia Universidad Bolivariana“, Medellin, seiner Ehefrau Gloria Lodoño und Gabriél Velez von der „Universidad de Antioquia“, Medellin, sowie tatkräftiger Unterstützung aller Mitglieder des internationalen Konferenz-Kommittees kann die Konferenz, wie geplant, vom 20. bis 24. Juni in Medellin stattfinden. Ich werde in dieser Zeit bereits in Kolumbien sein und habe insofern eine kurze Anreise. Die Konferenzen der Soziokybernetischen Community sind immer sehr aktive Konferenzen. Die Teilnahme ist nur möglich über die Einreichung eines Präsentationsvorschlags und seiner Akzeptanz durch das internationale Konferenz-Kommittees. Mein diesjähriger Vortrag fällt ein wenig aus dem Rahmen meiner bis dato präsentierten Vorträge, die sich meist mit soziologischen Fragen des Internets und der Entstehung, Sedimentierung, Distribution von und des Zugangs zum gesellschaftlichen Wissen auseinandergesetzt hatten. Mein Thema diesmal ist die Komplexität des Friedensprozesses in Kolumbien. Dabei ist mir vollkommen bewusst, welches Risiko ich eingehe. Als Ausländer, hier in Kolumbien, vor einer Zuhörerschaft, die zwar in erster Linie international zusammengesetzt ist, bei denen aber zweifellos von einer nicht geringen Anzahl kolumbianischer Teilnehmer auszugehen ist, über Kolumbien zu sprechen, mag als anmaßend empfunden werden. Ich fahre also diesmal mit einer gehörigen Portion Selbstzweifel nach Medellin. Wird man sich nicht vielleicht fragen: was bildet der sich eigentlich ein, als Ausländer, als Europäer, hier in Kolumbien, einen Vortrag über unser eigenes Land zu halten und möglicherweise zu glauben, uns etwas erzählen zu können, was wir nicht viel besser wüssten? Nun, mit einer solchen Reaktion muss ich rechnen. Aber ich habe Gründe. Und vielleicht gelingt es mir, die Motivation für das, was ich in Medellin tun werde, verständlich zu machen. Denn, das ist den Lesern dieses Blogs natürlich schon klar, Kolumbien ist mir wirklich eine Herzensangelengenheit.

Seit mehr als 30 Jahren beobachte ich die Geschehnisse in diesem Land, habe unterschiedliche Perioden des Konfliktes miterlebt, die Gewaltexzesse der 80er und 90er Jahre, unterschiedliche Strategien mit dem Konflikt umzugehen, habe die mehrfachen Bemühungen um Frieden bzw. Befriedung unter verschiedenen Präsidenten, von Betancour über Pastrana, Uribe und nun Santos erlebt, die mit ihnen verbundenen Hoffnungen, die Enttäuschungen über ihr Scheitern, das Misstrauen, die Hoffnung und das Erarbeiten neuer Ansätze. Meine familiären Bindungen machen es mir möglich, an sehr unterschiedlichen Diskursen zu partizipieren. Und ich kann mir vorstellen, dass es nicht ganz uninteressant für Kolumbianer sein könnte, zu erfahren, wie dies alles von außen gesehen und gedeutet wird.

Nachdem ich mich mehr in die Vereinbarungen von Havanna vertieft hatte, das Desaster des Plebiszits vom 2. Oktober erlebt habe und die nach wie vor andauernde Polarisierung der kolumbianischen Gesellschaft in dieser Frage mit ansehen muss, war mir klar geworden, dass es sich hier um einen außerordentlich hochkomplexen Prozess einer gesellschaftlichen Entwicklung handelt, der von einer Wissenschaftsdisziplin, wie der Soziokybernetik, unwillkürlich als Herausforderung betrachtet werden muss. Es sind vor allem zwei Punkte, die mich motiviert haben, diesen Beitrag zu halten: Erstens die Überzeugung, dass die Soziokybernetik eine Wissenschaft ist, die ihr Wissen über den Umgang mit Komplexität, ihre Theorien und Methoden in diesen Prozess einbringen sollte, in welcher Weise auch immer. Das was in Kolumbien als „Posconflicto“, in Fachkreisen aber präziserer als „Posacuerdo“ bezeichnet wird, ist in Teilen eine konkrete Anwendung dessen, was in der Politikwissenschaft als „Transitional Justice“ thematisiert wird, eine der aus meiner Sicht anspruchsvollsten Herausforderungen, die Frage der Komplexität anzugehen. Hier kann die soziokybernetische Forschung ihre Analyse- und Problemlösungsfähigkeit erweisen.

Aber es geht nicht nur darum, soziokybernetische Theorien und Methoden für den schwierigen gesellschaftlichen Prozess der nächsten Jahre und Jahrzehnte zur Verfügung zu stellen, sondern auch umgekehrt, aus den Erfahrungen, die man in den nächsten zehn Jahren hier in Kolumbien machen wird, das Wissen über Transitional-Justice-Prozesse zu vertiefen.

Ein weiterer Punkt ist das internationale Selbstverständnis unserer wissenschaftlichen Arbeit und lässt sich in einen direkten Bezug zu dem Kaptel 6 des Friedensvertrages bringen. In dieser Vertragskomponente erklären beide Vertragsparteien, dass für die Etablerung eines stabilen und dauerhaften Friedens die Einbeziehung internationaler Beobachter und Berater sinnvoll und notwendig ist. Es wurden eine Reihe von Mechanismen einer derartige internationalen Komponente vereinbart. Darüberhinaus ist allen Beteiligten aber klar, dass nicht nur die offiziellen Institutionen, wie UNO, Signartarmächte (Cuba und Norwegen) oder einzelne Länder, die sich für den Frieden engagieren (EU, USA, u.a.), sondern auch die Unterstützung der weltweiten Zivilgesellschaft, der Aktivisten für Menschenrechte, Umwelt und Frieden, wichtig ist. Das Gleiche gilt auch für die Wissenschaft, die einen wichtigen Beitrag leisten kann und sollte. Ein Beispiel könnte das neugegründete kolumbianisch-deutsche Institut für den Frieden sein, dass in Bogotá seinen Sitz haben wird und noch in diesem Jahr mit Forschungs- und Beratungsarbeiten beginnen soll.

Was meinen Vortrag in Medellin betrifft, so kann ich zunächst nicht mehr viel mehr tun, als dafür zu apellieren, mit unsere soziokybernetischen Kapazitäten einen Beitrag für die Umsetzung des kolumbianischen Friedensprozess zu leisten. Zunächst sehe ich dafür drei Punkte: Erstens Erhebungen, Untersuchungen und Analysen bezüglich der Komplexität des Konfliktes selbst, zweitens die Operationalisierung der einzelnen Inhalte des Friedesnabkommens und drittens Evaluierungen hinsichtlich der Implementation der vereinbarten Ziele, der Schritte zur Bendigung des bewaffneten Konfliktes und der Etablierung einer „Post-Konflikt Gesellschaft“.

Feierliche Unterzeichnung in Cartagena

Heute war es soweit. Unter der Anwesenheit von UN-Generalsekretär Ban Ki Moon, und fast aller Staatschefs aus Lateinamerika, unter ihnen Raúl Castro (Cuba), Michelle Bachelet (Chile), Nicolás Maduro (Venezuela), Rafael Correa (Ecuador), Salvador Sáchez (El Salvador), Horacio Cartes (Paraguay), Enrique Peña Nieto (Mexico), Jimi Morales (Guatemala), Luis Guillermo Soli (Costa Rica), Pedro Pablo Kuczynski (Peru), Mauricio Macri (Argentinien), Juan Carlos Varela (Panama), Danilo Medina Sánchez (Dominikanische Republik), wurde das in Havanna vereinbarte Friedensdokument zwischen der Regierung Kolumbiens und der FARC-EP in einer feierlichen Zeremonie von Präsident Santos und Guerillaführer Rodrigo Londoño (aka: Timoleón Jiménez, aka: Timochenko) unterzeichnet. Die Unterzeichnung fand auf der großen „Plaza de Banderas“ vor dem „Centro de Convenciones“ in Cartagena de Indias statt.

Die Zeitung „El Espectatdor“ hat die Unterzeichnung in einer TV-Sendung dokumentiert, die man sich hier ansehen kann:  Video der Unterzeichnung in Cartagena.

Wenige Tage zuvor hatten die FARC-EP von ihrer Seite aus den Weg für die Unterzeichnung frei gemacht. Am Dienstag, den 13. September war die gesamte Führung der FARC-EP von Kuba aus in La Macarena, Departamento Caquéta, eingetroffen, um am X. Kongress der FARC-EP teilzunehmen, der über die Annahme der in Havanna mit der kolumbianischen Regierung ausgehandelten Verträge entscheiden sollte. Mit diesem Zusammentreffen, das bis zum 23. September dauerte und an dem ca. 200 Delegierte der Guerilla teilnehmen, unter ihnen 29 Mitglieder des Generalstabs, hatte die Guerillabewegung ihre Transformation in eine legale politische Partei eröffnet (Quelle: Prensa Latina v. 14.9.2016).  Diese neue Partei wird – so steht es in den Vereinbarungen von Havanna – für eine Übergangszeit von zwei Legislaturperioden in beiden Kammern des kolumbianischen Nationalkongress mit jeweils 5 Abgeordneten vertreten sein. Anschließend muss sie sich wie alle anderen Parteien in allgemeinen und demokratischen Wahlen behaupten.

Ebenfalls am Dienstag, den 13. September hat der UN-Sicherheitsrat die Unterstützung des Friedensprozesses durch die Entsendung einer UNO-Mission beschlossen. Die bis zu 450 UN-Beobachter sollen die Einhaltung der Vereinbarungen überwachen. Dabei geht es insbesondere um die Kontrolle der Waffenübergabe der FARC in 40 relativ zerstreut voneinander liegenden speziell ausgewiesenen Zonen, in denen sie Anfang Oktober ihre Waffen an die UNO-Vertreter Anfang Oktober abgeben sollen.

Zunächst aber muss die kolumbianische Bevölkerung in einem für den 2. Oktober angesetzten Plebiszit den Vereinbarungen zustimmen. Allgemein wird mit einer Zustimmung gerechnet, wenngleich nicht zu übersehen ist, dass das Land in dieser Frage tief gespalten ist und die Gegner des Abkommens um die früheren Präsidenten Uribe und Pastrana seit Monaten einen enormen Propagandaaufwand betreiben, um die Friedensvereinbarungen in letzter Minute zu Fall zu bringen. Ein Widerstand, der teilweise die demokratischen Gepflogenheiten bei weitem überschreitet, wie etwa in einem von den rechtsradikalen paramilitärischen Verbänden mit terroristischen Maßnahmen erzwungenen „„Paro Armado“ (bewaffneter Streik) am 29. März 2016 (Vgl. hierzu meinen Artikel Uribistas und Paramilitarismus verhindern den Friedensschluss).

Quibdo

Seit einigen Tagen befinden wir, Constanza und ich, uns in Quibdo, der Hauptstadt des Departamentos Choco. Wir besuchen Ursula Holzapfel und Ulli Kollwitz. Mit beiden haben wir im Verein Wissenskulturen e.V. in den letzten Jahren mehrere Veranstaltungen zu Kolumbien insbesondere zur Situation im Choco, durchgeführt. Nun haben wir es endlich geschafft, der Einladung nach Quibdo folgen zu können. Constanza und ich waren vor vielen Jahren – es war in den 80er des vorigen Jahrhunderts – schon einmal für ein paar Tage in Quibdo und waren gespannt, was sich seit dieser Zeit verändert hat. Ich habe in Erinnerung, dass die Stadt aus einer Vielzahl von Holzhäusern bestand, die dem häufigen Regen in dieser Region ausgesetzt waren. Dies kist heute anders. Viele Steinbauten sind an die Stelle der Holzhäuser getreten. Und auch die Kathedrale, der damals noch die beiden Türme fehlten, ist in der Zwischenzeit vollendet worden. Zwar sind die Türme wesentlich niedriger als ursprünglich geplant, aber immerhin hat die Kathedrale nun ihre beiden Turmabschlüsse.

Uli, Constanza, Ursula und Michael in Quibdo (vlnr)

Geblieben ist die Armut. Aber die eigentlich tiefgreifenden Veränderungen gegenüber des Jahres 1986 haben sich als Folge des bewaffneten Konflikts ergeben. Ich erinnere mich, dass Mitte der 80er Jahre kaum ein Haus trotz der großen Armut abgeschlossen war. Die Türen standen offen und demsnestprechend waren auch die sozialen Beziehungen. Die bewaffneten Konflikte im Choco, der was die Bodenschätze betrifft zu den reichsten Gebieten Kolumbiens gehört, aber was die soziale Struktur betrifft, zu den ärmsten. Das war auch schon in den 80er Jahren so, aber mittlerweile ist das Problem der Vetriebenen dazugekommen.

Vom 24. bis 27. Februar 1997, also kurz vor Beginn der Friedensverhandlungen zwischen der damaligen Regierung unter Andrès Pastrana und der FARC, die dann später zum leider sehr brüchigen Waffenstillstand von „“El Caguán“ führten, hat das kolumbianische Militär in Kooperation mit paramilitärischen Verbänden die sogenannte Operación Genesis im Gebiet um Rio Sucio am Rio Atrato, neben dem Rio Magdalena und dem Rio Cauca eines der größten Flüsse Kolumbiens, durchgeführt. Ziel war es, die Frente 57 der FARC-EP zu zerstören. Die Operation wurde mit großer Härte und – wie nicht anders zu erwarten, wenn Paramilitärs beteiligt sind, goßer Brutalität durchgeführt. Die meisten Opfer waren, wie meistens in solchen Fällen, Zivilisten, die mit dem bewaffneten Konflikt nichts zu tun hatten. Aber auch schon zu diesem Zeitpunkt gehörte es zur Strategie der kolumbianischen Regierung, die Zivilbevölkerung, denen man eine Unterstützung der FARC unterstellte, einzuschüchtern, um so die Guerilla von ihrer angeblichen oder tatsächlichen sozialen Basis auf dem Lande zu trennen. Insgesamt wurden ca. 3.500 Menschen von ihrem Land vertrieben. 2013 wurde Kolumbien wegen der massiven Menschenrechtsverletzungen während der „Operación Genesis“ vom interamerikanischen Gerichtshof verurteilt. Doch Frieden ist seit dieser Zeit im Choco nicht mehr eingekehrt. Zwar wurde das militärische Ziel einer Zerschlagung der FARC nicht erreicht, aber die Operation ermöglichte das Einsickern größerer paramilitärischer Verbände in den Choco. Diese Invasion hat vor allem in den Jahren zwischen 1997 und 2004 stattgefunden. Seit dieser Zeit kommt die Region nicht mehr zur Ruhe. Die kleine Kapelle neben der Kathedrale in Quibdo gibt mit der errichtung von Gedenktafeln aller Opfer ein aufschlussreiches Zeugnis von der Vielzahl der Menschenrechtsverletzungen, die sich hier zugetragen haben (Vgl. auch die detaillierte Studie von U. Holzapfel & U. Kollwitz: 40 Años de Conflicto en el Alto y Medio Atrato. Diócesis de Quibdo, 2014).

Gedenktafel für die Opfer des Konfliktes im Choco

Wir haben heute mit Ursula und Ulli ein Viertel besucht, dass vor vielen Jahren mit Hilfe spanischer Gelder als ein „provisorisches Barrio für die Vertriebenen errichtet wurde. Es heißt „Villa España“. Ursulas und Ulis Anwesenheit ermöglichte uns einen Zugang zu den Menschen und ihren Problemen, den wir sonst selbstverständlich nie gewonnen hätte. Ein immer wiederkehrendes Thema bei den Gesprächen war die Frage der Gewalt. Die Tragik vieler Familien besteht darin, dass nach dem Verlust des Vaters oder der Mutter durch bewaffnete Gruppen und der anschließenden Vertreibung der verbliebenen Familie, die Kinder in einer äußerst präkeren sozialen Situation aufwachsen müssen. Vater oder Mutter sind tagsüber nicht zu Hause, weil sie arbeiten, die Kinder haben nach der Schule wenig Freizeitbeschäftigungsmöglichkeiten. Fehlende Zuwendung bei Jugendlichen wird von paramilitärischen Gruppen sytematisch ausgenutzt. Sie umwerben die Jugendlichen für eine aktive Mitarbeit bei ihnen, sie vermitteln ihnen ein Gefühl der Aufmerksamkeit, persönlicher Zuwendung und individueller Bedeutung. So werden die Jugendlichen in einen Kreislauf der Gewalt hineingezpgen, dem die Familien durch ihre Flucht eigentlich entgehen wollte.

„Villa España“: Barrio der Vertriebenen

Den Jugendlichen auf dem Lande eine Perspektive zu geben, ist somit einer der vorrangisten Aufgaben, um Frieden tatsächlich zu verankern. Die Diözese Quibdo und andere kirchliche Organisationen aber auch eine Reihe von NGOs bemühen sich, solche Perspektiven aufzubauen. Wir haben uns entschlossen, auch einen bescheidenen Beitrag dazu zu leisten und werden in Zukunft ein kleines Projekt der Fundacion Marajuera unterstützen. Diese Fundación hat sich zum Ziel gesetzt, die Kinder nach der Schule von der Straße zu holen, ihnen zusätzliche Kunst- und Sportaktivität zu ermöglichen. Für den Kunstunterricht wurde ein kleines Häuschen gemietet und für den Sportunterricht wird stundenweise ein Kunstrasenplatz angemietet. Das ist der einzige Kunstrasenplatz in ganz Quibdo, absoluter Luxus, der sich mit seinem strahlenden Grün aus dem grauen Bild der Stadt mit seinen Schotterstraßen, luftverpestenden Motorradfahrern, oft nur mühsam zusammengehaltenen Holzhäusern, Staub und Müll, wie ein Smaragd heraushebt. Ulli wollte es kaum glauben, dass es diesen Platz gibt, und dann noch ganz in der Nähe dieses Problemviertels. Aber es gibt ihn und es ist einfach toll, wie die Kinder Besitz davon ergreifen.

Es ist so ermutigend zu sehen, mit welcher Freude und Begeisterung diese Kinder das bescheidene Angebot, das wir ihnen hier machen können, annehmen und wie entschlossen sie sind, diese klitzekleine Chance, die sich ihnen hier bietet, zu ergreifen. Diese Motivation zu sehen stärkt den Optimismus: Ja, DAS ist die Zukunft des Landes. Diese lachenden, lärmenden und die Zukunft herausfordernden Kinder werden es besser machen.

Gleichzeitig weiß man natürlich ganz genau, dass das so nicht sein wird. Man weiß von den Strukturen, in denen diese Kinder aufwachsen, und man weiß von den Zwängen, denen sie sich, je älter sie werden, immer mehr beugen (müssen?). Vieles von dem hier zu sehenden Optimismus wird auf der Strecke bleiben. Das Lachen wird in vielen Fällen der Enttäuschung, Verbitterung und Traurigkeit weichen. Und dennoch: das ist ja nicht vorherbestimmt. Wer weiß? Die Zukunft ist offen. Und das wiederum motiviert, zu helfen, wo es geht.

Es ist ja nur ein Tropfen auf den heißen Stein, was wir ihnen bieten können, aber unsere Hoffnung ist, dass dieser Tropfen dazu beitragen kann, einen Teil der Kinder von der Straße zu holen, wo sie der Spirale der Gewalt ausgesetzt sind. Es ist ja so unendlich traurig mit anzusehen, wie Kinder, deren Väter von den Paramilitares, der Guerilla oder der Polizei ermordet wurden, und die in diesen hoffnungslosen Barrios der Vertriebenen aufgewachsen sind, versuchen ihr Glück dadurch zu erzwingen, dass sie genau zu derjenigen Gewalt greifen, die sie in diese Lage gestürzt hat. Wenn es gelingt, ein wenig dazu beizutragen, diese Spirale zu durchbrechen, dann ist es gut.

Das was hier durch private Hilfe ermöglicht wird, sollte eigentlich eine genuine Aufgabe des Staates sein. Aber wenn man das hier sagt, erntet man nur trotziges Lachen. Hier verschwinden nicht nur die Steuergelder (die natürlich auch) sondern selbst die Hilfsgelder des UNHCR in den Taschen korrupter Politiker, die manchmal ganz offen zugeben, dass die persönliche Bereicherung eines der Motive war, Politiker geworden zu sein. Hmm, da bleibt nicht nur ein bitterer Nachgeschmack, sondern auch ein Zweifel des Soziologen an der Allgemeingültigkeit des Codes des politischen Systems in einer funktional differenzierten Gesellschaft.

Getsemani

Gestern waren Constanza und ich nach längerer Zeit mal wieder in Getsemani, einem der vier Stadtviertel Cartagenas, die von der großen Verteidungsmauer umgeben ist, die die Spanier während ihrer Kolonalherrschaft hier zum Schutz gegen Piraten errichtet hatten. Getsemani ist insofern etwas Besonderes, als es noch immer eine  Sozialstruktur besitzt, in der sich Tourismus und gewachsene Urbanität noch die Waage halten. Während in den beiden anderen innerhalb der ummauerten Stadt liegenden Barrios  Santo Domingo (Centro) und San Diego nahezu alle kleinen Gemischtwarengeschäfte und Handwerker, die wir vor zehn Jahren dort noch vorgefunden hatten,  verschwunden sind und an ihre Stelle Juwelierläden, Boutiquen, Souvenierläden und Luxusrestaurants getreten sind, macht Getsemani (noch) einen ganz anderen Eindruck. Auch hier gibt es Hotels, aber es sind vor allem kleinere Hostales mit geringer Bettenkapazität, die man mit unseren Pensionen vergleichen könnte. Nicht dass es hier keine Touristen gibt, aber es gibt eine wohltuende Vermischung von Touristen und alteingesessenen Cartageneros. Als Symbol für diese Verbindung kann man die  Plaza de la Trinidad  bezeichnen, die eine Art Zentrum Getsemanis darstellt. Unser Sohn, Simon, hatte während seines einjährigen Aufenthalts in Cartagena unmittelbar an diesem Platz in der Calle San Antonio gewohnt. Die Häuser in Getsemani sind in der Regel kleiner als die Prachtbauten im Centro.  Mehrgeschossige Bauten mit prächtigen Balkonen gibt es vor allem an der Calle Larga und der Calle de la Media Luna.  Die meisten Häuser haben jedoch keine Obergeschosse sondern sind ganz im spanischen Kolonailstil erbaut, oft mit einem traumhaften Patio und zur Straßenseite – das unterscheidet sie von den Kolonalbauten der Candelaria im Zentrum von Bogotá – nach außen hin offen, mit den traditionellen holzgeschnitzten Stäben vor den meist glaslosen Fenstern, wohl fremden Zugriff nicht aber fremde Blicke abwehrend. So hat man insbesondere am Abend einen interessanten Einblick in das Familienleben der Cartageneros.

plaza-trinidad_abendsSeit Simon hier nicht mehr wohnt, waren wir selten hier. Aber viel hat sich in den vergangenen Jahren eigentlich nicht verändert. Vielleicht gibt es doch ein paar Hostales mehr als damals. Nach wie vor ist  abends an der „Plaza de la Trinidad“ der Teufel los. Die in den angrenzenden Straßen wohnenden Cartageneros sitzen auf den Bänken an der Plaza, während die Kinder bis in die späten Abendstunden herumtollen. Jugendliche Cartageneros und Cartageneras plaudern, flirten, machen Musik. Dazwischen stehen junge Touristen, eine Bierflasche oder auch eine Flasche Rum oder Aguardiente in der Hand.

plaza-trinidad_constanzaAus  eignen Erfahrungen durch unsere Besuche bei Simon, in der Zeit als hier wohnte, wissen wir, dass an ein frühes Zu-Bett-Gehen in dieser lebhaften Atmosphäre nicht zu denken ist. Und zwar an keinem der Wochentage. Wie oft haben wir hier abends auf den Stufen der Iglesia de la Trinidad, der größten Kirche Getsemanis, gesessen, ein Bier oder einen Mojito getrunken und dem bunten  Treiben zugesehen. Mitte auf dem Platz stand damals ein großes Trampolin, auf dem die Kinder unter den Augen ihrer plaudernden, trinkenden, manchmal auch Musik machenden Eltern bis in die späten Abendstunden herumtobten. An den Seiten war das Trampolin mit Netzen gesichert, so dass auch die ganz Kleinen gefahrlos sich dem Spaß hingeben konnten. Heute ist dieses Trampolin verschwunden. Dafür stehen jetzt an dem Platz ein paar lebensgroße Bronzestatuen. Ob es irgendwelche Heiligen sind? Ich bin nicht sattelfest in der Lehre der katholischen Kirche, kann es deshalb nicht beurteilen. Aber die Figuren könnten auch Fischer sein, oder Handwerker, von denen es in Getsemani noch immer jede Menge gibt. Das sieht man tagsüber sofort. Die Tischlerei, wo Simon damals sein Bett, seinen Tisch und seinen wunderschönen Schaukelstuhl bauen ließ, befindet sich noch immer in der Calle de Las Palmas. Und die „Zapateros“ öffnen ihre „Läden“ noch immer indem sie eine Werkbank mit den typischen Schumacher-Werkzeugen und Töpfen mit Leim vor ihr Haus stellen. Fertig. Die Auslagen der „Ferreterías“  sehen aus, als hätten die Teile alle schon zwei Leben in irgendwelchen Armaturen hinter sich. Aber man bekommt hier alles, was man braucht.

Die Plaza de la Trinidad entschädigt uns für den allabendlichen Schlafentzug  durch ein  – für kolumbianische Verhältnisse eher ungewöhnliches – morgendliches Ausschlafen.  Der Platz ist bis 10 Uhr wie ausgestorben. Lediglich die beiden Geschäfte, ein Gemischtwarenladen und eine Panaderia haben dann geöffnet und natürlich der auch abends unermüdliche „Vendedor de Jugos“  mit seinem fahrbaren Stand, an dem er aus der Vielfalt der – aus unserer Sicht – exotischen Früchte Kolumbiens frisch-gepresste Säfte anbietet. Für Simon, der eine Leidenschaft für diese Säfte entwickelt hatte, war es jeden Morgen die erste Aktion, noch schlaftrunkend aus seiner Wohnung schlurfend quer über den Platz zu dem Saft-Verkäufer.  Mag sein, dass Simon bald sein bester Kunde war. Jedenfalls hatten die beiden nach kurzer Zeit ein ausgesprochenes Vertrauensverhältnis aufgebaut. Ich erinnere mich an ein Erlebnis, als Simon und ich diesen morgendlichen Gang unternahmen, den Saft pressen ließen und ihn mit dem Verkäufer plaudernd in der karibischen Morgensonne genossen. Der Verkäufer bat uns plötzlich, seinen Stand für ein paar Minuten zu übernehmen, da er noch unbedingt einige Früchte vom nahen Markt besorgen müsse. Da wir sowieso dort standen und – je nach Lust und Laune – unseren „Jugo de Guanabana“, „Jugo de Guayaba“, „Jugo de Lulo“, „Jugo de Tamarindo“  oder einfach den für deutsche Ohren nicht ganz so exotische „Jugo de Naranja“ tranken, hatten wir nichts dagegen einzuwenden. Aus den paar Minuten wurde dann aber mehr als eine halbe Stunde. Den Stand verlassen, das konnten wir natürlich nicht, versprochen ist versprochen. Aber nun kamen schon die ersten Kunden. Also was blieb uns anderes übrig, als die Handpresse selbst in Ganz zu setzen und den Job zu machen. Wäre ein solches Erlebnis in Deutschalnd denkbar?

cartagena_baluarteEine der Straßen, die vom Plaza de la Trinidad in Richtung Centro gehen, ist die Calle de Espiritu Santo. Sie führt direkt zur zweiten Kirche, die Iglesia de San Roque und führt uns direkt zur „Ciudad Movil“ , einem Kulturzentrum, das von Lobadis Perez gegründet wurde, der damals Tänzer im „Colegio del Cuerpo“ war und bei dem Simon die ersten Wochen seines Cartagena-Aufenthaltes bis zu seinem Umzug in die Calle de San Antonio gewohnt hatte. Die „Ciudad Movil“ passt zu Getsemani. Es ist ein alternatives Kulturzentrum, das mit ganz wenig Geld aber mit viel Enthusiasmus der Betreiber (über)lebt. Es ist ein junges Publikum, dass hierher findet, und das sich irgendwie wohltuend vom Mainstream der nicht selten gold- und smaragdkettenbehangenen Touristen des Centro abhebt.

cartagena_mauer

Medellin

Dass die Kolumbianer Frühaufsteher sind, habe ich mittlerweile realisiert. Die Ratio daran ist der enorme Verkehr. Will man nicht im Stau festsitzen, lohnt sich eine Stunde früher zur Arbeit zu fahren. Jetzt stelle ich aber fest, dass ich offensichtlich schon von diesem Frühaufsteher-Virus infiziert bin. Mein Hotel hier in Medellin, in dem ich während des XI Congreso Nacional de Sociologia wohne, liegt zwar recht hübsch am Parque Poblado, aber ab sechs Uhr morgens ist hier schon die Hölle los. Nur das Frühstück gibt es erst ab sieben. Und da es auf der Terasse eingenommen wird, und es bisher fast jeden morgen um 7 einen Regenschauer gegeben hat, wird daraus dann meistens doch erst 8 Uhr. Aber um 8 Uhr beginnen bereits die Veranstaltungen der Konferenz an der Uni. Was die normalen Seminare betrifft, berichten meine kolumbianischen Kollegen von Veranstaltungen, die um sechs (sic!) Uhr morgens beginnen.

Dass ich immer um sechs wach werde kann hier im Hotel auch damit zu tun haben, dass jeden morgen um sechs die Nationalhymne auf allen Kanälen geschmettert wird. Und an der Rezeption haben die das Radio eigentlich immer an. Das Gleiche wiederholt sich dann abends um sechs. Und natürlich wurde auch der Kongress mit der Nationahymne eröffnet. Dann eine kleine Begrüßungsansprache des Rektors und danach wieder eine Hymne. Diesmal die der Universidad de Antioquia. Also immer aufstehen, hinsetzten, aufstehen und wieder hinsetzen. Katholiken mögen das ja bei ihren einschlägigen Versammlungen gewohnt sein, aber ich?

Das Frühstück ist eigentlich das einzige, was mir an dem Hotel nicht gefällt. Es gibt immer dasselbe und wird vom Bedienungspersonal lieblos vor einem hingeknallt. Das ist absolut untypisch für Kolumbien, wo man eigentlich immer sehr liebevoll bedient wird. Aber hier ist irgendwie der Wurm drin. Nachdem man auf der Terasse erschienen ist und sich an einen freien Platz gesetzt hat, schlürft eine der beiden Bedienungspersonen in diesen allgegenwärtigen kolumbianischen Gummi-Arbeits-Latschen (Crooks oder wie die heißen), die ein wenig an diese Holland-Latschen erinnern, aber eben aus Gummi oder Plastik sind und in allen Farben zu kriegen sind. Meistens sind sie aber blau. Constanza hat auch solche. Angeblich sollen die sehr bequem sein, aber ich werde sie nicht an meine Füße lassen.

Wenn man in Kolumbien „Café con Leche“ bestellt erhält man in der Regel „Leche con Café“. Da ich das weiß, bestell ich immer „Café Tinto (das ist schwarzer Kaffee) con un poquito (!) de leche“. Aber das Bedienungspersonal verwechselt das mit Penetranz und bringt „leche con un poquito café“ oder hört nur „leche“ und knallt mir dann einen Milchtopf ohne Untertasse vor die Nase, wo man nur ahnen kann, dass da eine Kaffeebohne durchgezogen wurde. Das hat sich all meinem Protest zuwider in den vier Tagen hier nicht geändert. Aber immerhin konnte ich heute – nach vier Tagen Muffelfrühstück der Señorita das erste mal ein Lächeln entlocken. Oh, der Tag muss gut werden..

Mein Hotel ist sehr klein (eigentlich eher eine Art „Pension“) und sehr einfach aber ganz neu und sehr modern eingerichtet (also nicht mit dicken Teppichboden, wo der Pilz nur auf sein nächstes Opfer wartet), sondern leicht zu reinigende Fliesen. Blitzblank. Und weil alles noch so neu ist, funktioniert alles prima. Da stört dann auch nicht so sehr, dass die Wasserhähne mal links, mal rechts herum aufzudrehen sind. Ja manchmal sogar der linke rechts und der rechte links. Und manchmal ist das warme Wasser links und das kalte rechts (wie ich das nach DIN-Norm kenne), manchmal aber eben das warme rechts und das kalte links. Egal, man kann das schnell rauskriegen und dann weiß man es eben.

Im Hotel gefällt mir sogar die Einrichtung gut. Nicht der übliche Hotelkitsch und sogar ausgesprochen tolle Bilder (scheinen sogar Originale zu sein). Alles modern bis post-modern. Das erste Zimmer musste ich allerdings wechseln, weil es anstatt Fenster nur solche Glasbausteine hatte, durch die etwas Licht fiel. Ich leide zwar nicht unter Klaustrophobie aber dennoch, das war nicht auszuhalten. Am nächsten Tag hatte ich ein neues Zimmer auf der anderen Seite des Hotels, der Straßenseite. Na ja, Straßenlärm schreckt mich nicht, aber ich wusste nicht, dass genau unter dem Zimmer sich eine Diskothek befindet. Nun kriege ich immer gute Musik in absoluter Dröhnstärke zum Einschlafen. Na ja, ganz so schlimm ist es auch nicht, weil die Disco pünktlich um Mitternacht schließt, und dann ist es ruhig.

Also morgens nach dem sagenumwobenen Frühstück mache ich mich dann auf zur Uni. Zehn Minuten Fußweg und dann in die Metro. Ziemliches Gedränge. Programm, Handy und Tablet in die Tasche gesteckt, manchmal auch die Kamera , den Schulterriehmen über beide Schultern gelegt, also so, dass der Riemen auf der linken (oder rechten) Schulter und dann nach rechts (oder links) über den Kopf gezogen wird, so dass die Tasche dann rechts (oder links) ist. Dann kann einem keiner die Tasche einfach so von der Schulter reißen.

Dann zehn Minuten zur Metro. Die Metro ist echt ein Prunkstück. Und zwar in mehrfacher Hinsicht. Sauberkeit (kein Vergleich zu Bonner Straßenbahn, wo überall Essensreste rumliegen, Jugendlich mit Füßen auf den Sitzen rumlungern, kaputte Flaschen rumliegen, nee das gibts hier nicht. Und die Metro hat eine Klimaanlage (wo gibt’s denn sowas?), was zu den Stoßzeiten morgens und abends echt ein Segen ist. Die Medelliner sind zurecht stolz auf ihre Metro und achten darauf, dass sie erhalten bleibt. Auch die Bahnsteige sind eine Augenweide. Alles picobello. Interessanterweise wird hier alles von der „Policía Nacional“ geregelt. Die Zugdurchsagen, die Bewachung, dafür zu sorgen, dass man bei der Zugeinfahrt nicht zu dicht an der Bahnsteigkante steht, Leute zurückhalten, wenn der Zug abfährt, Touristen beraten, die nicht wissen, in welchen Schlitz man die Karte stecken muss bzw. auf welche Scanfläche die Tarjeta gelegt werden muss. Die Policía macht hier einfach alles, außer Fahrkartenverkaufen. Das machen Zivilisten in der Taquilla.

Die Kolumbianer rempeln übrigens bein Ein- und Aussteigen genau wie in Deutschland. Der einzige Unterschied ist der, dass man nach dem Anrempeln ein Lächeln erhält, während in Deutschland die Leute so tun, als hätten sie nicht gemerkt dass sie einen angerempelt haben. Na ja, das ist dann ja doch ein ziemlicher Unterschied, der das Rempeln etwas erträglicher macht.

Nur etwas ist echt Mist. Die beiden metallischen Stangen, die sich längsschnittig unterhalb des Zugdaches durch den ganzen Zug ziehen, damit sich die Fahrgäste mit Stehplatz (und das sind natürlich die meisten) daran festhalten können, sind einfach nicht für die Körpergröße eines normalen Mitteleuropäers konstruiert. Ich habe mir schon zweimal ziemlich hart den Kopf daran gestoßen.

Apropos Kopf stoßen. Im Hotel ist wie gesagt alles (außer Frühstück) super, aber die Dusche hat so eine Glastür, wie wir sie auch in Bonn haben. Oben wird sie begrenzt durch eine Metallschiene, die leider so niedrig ist, dass ich jeden morgen schlaftrunken dagegen knalle. Ich brauch wohl noch ein paar schmerhafte Erfahrungen, um das zu lernen. Aber dann reise ich ja schon wieder ab.

Die Uni ist schön, aber auch hier habe ich eine überraschende Erfahrung gemacht. Das Personal in der Mensa, in den vielen Cafeterias und an den vielen Kiosken auf dem Campus ist genau so unfreundlich wie ich es von deutschen Universitäten kenne, sei es nun Marburg, Bonn, Essen, Siegen oder Bielefeld. Wer erinnert sich nicht daran, wie einem immer die Sachen auf den Teller geknallt wurden und man angemault wurde, wenn man es wagte, irgendeinen Sonderwunsch zu äußern?. Hier ist das nicht anders. Eigentlich doch völlig untypisch für Kolumbien oder hat das was mit Paisaland
(Antioqia) zu tun? Keine Ahnung.

Ansonsten aber sind die Kolumbianer hier so wie man es gewohnt ist. Äusgesprochen hilfsbereit, liebevoll, und natürlich (zurecht) stolz auf ihr schönes Land.

Cartagena

Seit einigen Tagen sind Constanza und ich in Cartagena de Indias. Cartagena wird – nicht nur von den Kolumbianern – die „Perle der Karibik“ genannt, und das ist diese Stadt in gewisser Hinsicht auch zweifellos. Die mit der seit Jahrhunderten existierenden Mauer umgebene Altstadt (sie ist seit 1984 samt den spanischen Verteidigungsanlagen aus dem 17. Jahrhundert UNESCO-Weltkulturerbe) sucht ohne Frage Ihresgleichen. Neben Bogotá ist Cartagena in den letzten Jahren, mein zweites kolumbianisches Zuhause geworden. Unsere Wohnung, im Stadteil La Boquilla liegt nur wenige (Auto- oder Bus-) Minuten von der Altstadt und einigen unserer Lieblingsplätzen entfernt, auf denen wir je nach Stimmungslage entspannende Ruhe genießen oder uns dem ganz speziellen Lärmgemisch dieser Stadt aussetzen, hervorgebracht durch Straßenverkäufer aller Art, Salsa-oder Merengue-Gruppen, Hufgetrappel der Pferdedroschken, die sich den Touristen für einen stilvollen ersten Überblick über die Altstadt anbieten.

cartagena_catedral

Auch nach über 30 Jahren ist die Ankunft hier am Aeropuerto Rafael Nunez für mich immer wieder ein aufregendes Ereignis, auf das ich mich schon während des ganzen Fluges gefreut habe. Man steigt hier noch wie in den Anfangstagen der zivilen Luftfahrt die Gangway hinunter auf das offene Flugfeld und wird dabei ganz behutsam umströhmt von einer feuchtwarmen Luft, die einem sofort nach der Öffnung der Kabinentüren entgegentritt und einen einzigartigen Geruch verbreitet, den Geruch der nahen karibischen See vermischt mit einem Hauch von Kerosin. Nur wenig später, nachdem wir uns mit unserem Gepäck durch die lärmende auf Taxis wartende Menge gedrängt haben, erreichen wir nach kurzer Fahrt die vertraute Wohnung. Da diese unmittelbar am Strand liegt, hat ein Sprung ins Meer erstmal absolute Priorität. Ich lasse mich mit hinter dem Nacken verschränkten Armen entspannt auf dem Rücken liegend von den sanften salzhaltigen Wellen schaukeln. Über mir entdecke ich alte Freunde, die Pelikane. Sie fliegen auf mich zu, als würden sie mich begrüßen wollen. Dabei beobachten sie ganz genau jeden Fleck im Wasser links und rechts von mir, um sich sofort auf jeden Fisch, den ich ohne es zu merken aufscheuche, zu stürzen. Und dies machen sie mit einer wahren Akrobatennummer, die man diesen eigentlich ja etwas plump wirkenden Vögeln gar nicht zugetraut hat. Platsch, dicht neben mir taucht wieder einer ein. Bilde ich mir es nur ein, oder sieht er mich beim Auftauchen tatsächlich etwas spöttisch an, bevor er dann schnell mit seiner Beute davonzufliegt?

Auch für Pelikane muss diese Art der Nahrungssuche auf die Dauer doch ziemlich antrengend sein. Wohl deshalb sehen wir sie etwas später wieder, wie sie sich für einen leichteren Weg entschieden haben. Sie stehen gemeinsam mit einigen Einheimischen und Touristen am Strand und warten auf die Fischer, die mit ihrem Boot gerade ans Ufer fahren, dort die Netze zusammenziehen und an Ort und Stelle beginnen, ihren spärlichen Fang zu verkaufen. Für die sich geduldig in die Reihe der Wartenden Menschen einreihenden Pelikane – einige Fischreiher haben sich mittlerweile dazu gesellt – bleibt genug übrig. Noch einfacher machen sich es einige ihrer Kollegen, die die Idee hatten, direkt zum Fischmarkt zu fliegen, sich dort auf die Dächer der Hütten zu setzen, um von dort den guten Überblick über das Marktreiben ausnutzend auf günstige Gelegenheiten zu warten. Einmal nicht aufgepasst, ruck zuck, und schon ist einer der dort massenhaft feilgebotenen Fische im Sammelschnabel der Freunde verschwunden. Bewundernswert.

pelikan

Obwohl man in Cartagena grundsätzlich ein angenehmens tropisches Klima erwarten kann, erlebt man immer wieder Überraschungen. Mal gibt es wochenlang nahezu täglich zur immer wiederkehrenden Uhrzeit am Nachmittag einen gewaltigen tropischen Regenguss, der die Überforderung des alten Abwassersystems schnell zu Tage treten lässt. Ein anderes mal fällt die Brise des Meeres schwächer als normalerweise aus, was die Hitze unerträglich macht und auch die Mücken auf den Plan ruft, die sich sonst eher in den Mangrovenwäldern des dem Meer abgewandten Ciénaga (Mangroven Sumpf) versteckt halten. In diesem Jahr ist es umgekehrt. Täglich frischt der Wind am Nachmittag so kräftig auf, dass dann an ein Schwimmen im Meer kaum mehr zu denken ist und sich gegen Abend ein handfester Orkan herausgebildet hat. Gestern waren wir tatsächlich so besorgt, dass wir das Internet nach einer „Alerta por Huracan“ abgesucht haben. Aber es gab keine. Der Wind ist immerhin so stark, dass er anfängt, den Sand von Strand zu Dünen aufzutürmen. Ein Phänomen, das ich hier noch nie beobachtet habe.

Andererseits besänftigt der starke Wind ein wenig unsere Besorgnis hinsichtlich der Chikunguya-Epidemie, die hier dummerweise gerade herrscht. Das Chikunguya-Virus wird durch Mücken übertragen und gegenwärtig gibt es keinen wirksamen Schutz. Weder eine Impfung noch Medikamente. Empfohlen wird, sich so zu verhalten, dass man Mückenstiche möglichst vermeidet. Aber das ist kaum möglich. Trotz langer Ärmel, langer Hosen und „Repelente“ habe ich schon eine Reihe von Stichen kassiert. Obwohl, das muss man betonen, in Cartagena das Mückenproblem normalerweise nicht besonders stark ist. Am Strand sind die Vorsichtsmaßnahmen ja sowieso nicht durchzuhalten. Aber da hilft eben der starke Wind am Meer, der die Mücken davontreibt. Solange man nicht selbst davon geweht wird, ist das ein Kompromiss, mit dem man leben kann.

Der Ort, an dem unsere Wohnung liegt, ist ein schmaler Streifen zwischen dem Meer einerseits und dem Ciénaga mit seinen Mangroven anderseits. Wie alle Ciénagas ist auch der von Cartagena ein Paradies für verschiedene Pflanzen- und Tierarten. Konfrontiert wird man immer wieder mit Leguanen, die keine Scheu haben, sich auf die Wanderschaft von der einen, an den Ciénaga grenzenden, Seite des schmalen Landstreifens auf die andere, dem Meer zugewandten, Seite zu begeben. Als Autofahrer muss man schon mal aufpassen, dass ein vermeintlicher Pflanzenast, sich beim Näherkommen nicht als Leguan herausstellt. Heute war einer der Leguane so frech, dass er in unseren Swimmingpool watschelte. Da es sich hierbei um ein ziemlich ausgewachsenes Exemplar von über 1,50 m handelte, kann man sich die Aufregung der Leute gut vorstellen. Er wurde verjagt, aber mit allem Respekt, den man diesen altehrwürdigen Echsen selbstverständlich entgegenbringt.

cartagena_leguan

Während ich das schreibe – es ist mittlerweile Mitternacht und mein Schwiegervater schläft schon lange – tobt im Patio unseres Nachbarhauses eine Wahnsinns-Party. Constanza glaubt der Musik-Mischung zu entnehmen, es müsse eine Initiationsparty für jemand sein, der gerade 15 Jahre alt geworden ist. Kein Problem. Die Musik ist prima: Ein wenig Salsa, ein wenig Reggaeton, Bachata, Merengue und ein wenig Hip-Hop-Mashups von klassischen Rock-Titels der 70er Jahre. Zwischendurch dann ab und zu ein klassischer Johann-Strauss-Walzer, der es auch den Großeltern erlauben soll, sich auf der Tanzfläche wohlzufühlen. Teilweise life, teilweise Disco. Aber sie ist so laut, als würden wir uns direkt in der Disko befinden. Jetzt kommt gerade noch eine Vallenato-Gruppe dazu und bringt etwas ruhigere Musik hinzu. Aber dennoch: An Schlaf ist nicht zu denken. Wie mein Schwiegervater das hinkriegt, ist mir ein Rätsel. Constanza und ich nutzen einfach die Musik und beginnen auf unserer Terasse zu tanzen.

Bogotá

Dies ist  mein erster Beitrag zu diesem thematisch auf KOLUMBIEN konzentrierten Blog. (Die vorangegangenen historischen Exkurse wurden später eingefügt, aber wegen der besseren Übersicht an das Ende der Blog-Beiträge gestellt.)  Nachdem ich in den letzten Jahren meine Eindrücke von diesem Land per Email (an einen speziell eingegrenzten Personenkreis gerichtet) oder über Diaspora (zwar an einen größeren und nicht immer ganz genau bestimmten Personenkreis gerichtet, dafür aber mit dem Nachteil einer hohen Fluidität versehen) geschrieben und versendet hatte, habe ich den seit längerer Zeit gehegten Plan, dies durch einen thematisch orientierten Blog zu ersetzen, endlich realisiert.

Ich reise seit vielen Jahrzehnten nach Kolumbien, aber dass ich mich neben meinem Bonner Wohnsitz als in Bogotá wohnend bezeichne, ist eine Entwicklung, die erst vor ca. anderthalb Jahren eingesetzt hat, als meine Aufenthalte in Kolumbien sich aus familiären Gründen sukzessive immer mehr ausgeweitet haben. Bei meiner jetzigen Ankunft in Bogotá zeigte sich die Stadt von ihrer besten Seite. Nichts zu spüren von der ungemütlichen Nässe und Kälte und den ihre „Mantelkragen hochschlagenden, eilig davoneilenden Passanten“, die Garcia Marquez so einzigartig in Abgrenzung zu seiner karibischen Heimat beschrieben hatte. Nein, als ich ankam, herrschte außerordentlich tolles sonniges und sehr warmes Wetter. Für die Bogotaner eine angenehme und sichtbar genossene Freude. Für den dem winterlichen Europa entfliehenden Reisenden, eine doppelte Wohltat.

Ich bin immer wieder aufs Neue davon angetan, wie grün Bogotá, diese fast 10 Millionen Einwohner umfassende Stadt ist. Aber natürlich sind es vor allem die nördlich vom Stadtzentrum gelegenen reicheren Stadtteile, die diese positive Eigenschaft aufweisen. Viele vierspurige Straßen haben dort einen mit nahezu alle Klimazonen Kolumbiens repräsentierenden beflanzten Mittelstreifen. Für einen Europäer ist dies schon allein deshalb beeindruckend, weil in dieser Höhe von 2.700 Metern in unseren Breiten ja nur ganz wenige Pflanzen wachsen.

bogota_strasse-1

Getrübt wurde mein Wohlbefinden allerdings bereits am nächsten Morgen aus völlig anderen, und nun gar nicht mit dem Klima in Verbindung zu bringenden Gründen: Als ich aus dem Haus trat und mit Erschrecken die baulichen Veränderungen an der Ummauerung unseres „Condominio“ sah. Eine Mauer bzw. an einigen Stellen ein hoher und durchaus stabiler Zaun waren da zwar schon immer vorhanden, aber während meiner Abwesenheit hatte man auf die Mauer noch einen über drei oder vier Stufen reichenden hohen elektrisch aufgeladenen Stacheldrahtzaun draufgesetzt, der leicht nach innen versetzt ist und einen unwillkürlich an längst vergangene schreckliche Zeiten erinnert. Ich fühlte mich plötzlich in einer Art Festung, die ich bisher in dieser krassen Form nur in Johannesburg gesehen hatte.

Auf Nachfragen wurde uns erläutert, dass diese Veränderung aufgrund eines Einbruchs erfolgt sei, bei dem die Einbrecher über die Mauer geklettert waren. Ja, die Sicherheitslage wird wieder einmal als katastrophal beschrieben und es werden Beispiele genannt, wie die von einer jungen Frau, der mitten in einem vollbesetzten Bus von zwei Mitfahrern ein Messer an den Hals gesetzt wurde, damit sie ihr Smartphone rausrückt.

Ähnliche Erzählungen begleiten uns seit mehreren Jahrzehnten. Sie ließen sich beliebig erweitern und sie verweisen auf die nach wie vor – trotz eines in den letzten Jahren allgemein gewachsenen gesellschaftlichen Reichtums – ungelösten und sich gegenwärtig womöglich wieder verschärfenden sozialen Probleme in diesem wunderschönen und liebenswerten Land. Allerdings haben sich die in den 90er Jahren des vorigen Jahrhunderts so gefürchteten Entführungen gegen Lösegelderpressungen nachgelassen. Ob sich die „normale“ Kriminalität in letzter Zeit wieder verstärkt hat, wie von vielen Kolumbianern behauptet wird, lässt sich schwer prüfen, da längst nicht alle Ereignisse den polizeilichen Behörden gemeldet werden und insofern die Statistiken nicht sehr zuverlässig sind. Aber über dieses Problem und seine im krassen Klassengegensatz und der gewaltvollen 70jährigen Vergangenheit Kolumbiens zu suchenden Ursachen wird noch zu reden sein.

bogota_fensterblick-2