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Medellin und seine “Comuna 13”

Die Medel­lin-Kon­fe­renz des RC-51 ist been­det. Für mich war es eine beson­de­re Ehre, dass mein Vor­trag vom Orga­ni­sa­ti­ons­kom­mit­tee der Kon­fe­renz als “Clo­sing Pre­sen­ta­ti­on” fest­ge­legt wur­de. So hat­te ich über eine Stun­de Zeit, mei­ne Sicht der Din­ge über den kolum­bia­ni­schen Frie­dens­pro­zess dar­zu­le­gen und es blieb auch noch aus­rei­chend Zeit, um mit den Kol­le­gin­nen und Kol­le­gen dar­über zu dis­ku­tie­ren. Mei­ne Sor­ge, dass die kolum­bia­ni­schen Kol­le­gen an der Legi­ti­mi­tät eines sol­chen Vor­tra­ges zwei­feln könn­ten, erwies sich im Nach­hin­ein als voll­kom­men unbe­grün­det. Die Dis­kus­si­on war aus­ge­spro­chen soli­da­risch und kon­struk­tiv.

Micha­el Pae­tau wäh­rend des Vor­tra­ges (Foto: Alex­an­der Exque­me­lin, Wiki­pe­dia)

Es war rei­ner Zufall aber die sich am Wochen­en­de anschlie­ßen­de gemein­sa­me Stadt­er­kun­dung soll­te sich wie eine Art Anschau­ung­bei­spiel mei­ner Prä­sen­ta­ti­on vom Vor­tag ent­spup­pen. Sie führ­te uns unter ande­rem in die “Comu­na 13”, eines der ärms­ten Stadt­tei­le, der in den 80er und 90er Jah­ren Schau­platz blu­ti­ger und töd­li­cher Aus­ein­an­der­set­zun­gen zwi­schen riva­li­sie­ren­den Dro­gen­kar­tel­len, zwi­schen zwi­schen Gue­ril­la und para­mi­li­tä­ri­scher Grup­pen und zwi­schen ver­fein­de­ten kri­mi­nel­len Ban­den war. Die­ses Bar­rio ist auch durch eine im Jahr 2002 mit äußers­ter Bru­ta­li­tät vor­ge­tra­ge­ne Mili­tär­ope­ra­ti­on (“Ope­ra­ción Orión”) bekannt gewor­den, in der unter dem Befehl des dama­li­gen Prä­si­den­ten Alva­ro Uri­be und mit der Begrün­dung, die Gue­ril­la von ihrer sozia­len Basis abzu­schnei­den, ein unvor­stell­ba­res Mas­sa­ker unter der Zivil­be­völ­ke­rung ange­rich­tet wur­de. Bis vor weni­gen Jah­ren war die Comu­na 13 eine abso­lu­te No-Go-Area. Und das nicht nur für Tou­ris­ten. Con­stan­za und ich sind vor vie­len Jah­ren ein­mal über das Vier­tel hin­weg­ge­schwebt, als wir die Seil­bahn genom­men hat­ten, die zum Par­que Arvi führt, einem Natio­nal­park auf einem der die Stadt Medel­lin umge­ben­den Ber­ge. Es gibt eine Sta­ti­on der Seil­bahn in der Comu­na 13, bei der die Bowoh­ner des Vier­tels ein- und aus­stei­gen kön­nen. Haben wir aber nicht gemacht.

Seil­bahn zum Par­que Arvi über die Comu­na 13 schwe­bend

Mitt­ler­wei­le hat sich die Situa­ti­on geän­dert. Aus der eins­ti­gen No-Go-Area ist eines der belieb­tes­ten Tou­ris­ten-Attrak­tio­nen Medel­lins gewor­den. Seit Ser­gio Fajar­do sich als unab­hän­gi­ger Kan­di­dat gegen die eta­blier­ten Par­tei­en in der Bür­ger­meis­ter­wahl 2004 durch­set­zen konn­te und er anschlie­ßend 2013 bis 2015 Gou­ver­neur des Departa­mane­tos Antio­quia war, wur­de viel in die Struk­tur der armen Stadt­vier­tel Medel­lins inves­tiert. Und trotz der all­ge­gen­wär­ti­gen Kor­rup­ti­on in Kolum­bi­en, schei­nen vie­le der Pro­jekt­mit­tel tat­säch­lich dort ange­kom­men zu sein, wo sie Wir­kung ent­fal­ten konn­ten. Eines der spek­ta­ku­lärs­ten Pro­jek­te war zwei­fel­los die Errich­tung einer 348 Meter lan­gen Frei­luft-Roll­trep­pe, die den Bewoh­nern des steil am Berg­hang lie­gen­den Bar­ri­os den Weg zu ihren Häu­sern enorm erleich­tert. Die Roll­trep­pe ist in sechs Abschnit­te unter­teilt und über­win­det ins­ge­samt einen Höhen­un­ter­schied, der ca. 28 Stock­wer­ke bemes­sen wür­de. Am Anfang und Ende jedes Abschnit­tes haben sich neue infor­mel­le Struk­tu­ren her­aus­ge­bil­det, die zwar noch kei­ne öko­no­mi­sche oder sozia­le Struk­tur-Revo­lu­ti­on dar­stel­len, die aber ein­zel­nen Fami­li­en ein bestimm­tes Ein­kom­men sicher­stel­len. Das liegt auch an den vie­len Tou­ris­ten, die ers­tens die bemer­kens­wer­te Graf­fi­ti­kunst, in der die Bewoh­ner der Comu­ne 13 ihre wech­sel­vol­le Geschich­te künst­le­risch ver­ar­bei­tet haben, bewun­dern, und zwei­tens an der Rie­sen-Roll­trep­pe, die auch in Euro­pa Auf­merk­sam­keit gewon­nen hat.

Über­dach­te Frei­luft-Roll­trep­pe in der Comu­na 13

Wir haben unter der Füh­rung eines Künst­lers und Men­schen­rechts­ak­ti­vis­ten der Koope­ra­ti­ve “Kola­cho” eine Tour durch das Vier­tel unter­nom­men, in der uns anhand der zahl­rei­chen und äußerst bemer­kens­wer­ten Graf­fi­tis die wech­sel­vol­le Geschich­te der Comu­na 13 erläu­tert wur­de. In der Zeit zwi­schen 2002 und 2012 fan­den — nach Berich­ten der Tages­zei­tung El Tiem­po ins­ge­samt 10 mili­tä­ri­sche Säu­be­rungs­ak­tio­nen auf dem Gebiet der Comu­na 13 statt, die sich vor allem gegen ver­meint­li­che oder tat­säch­li­che Sym­pa­thi­san­ten der Gue­ril­la rich­te­ten. In beson­de­rer Wei­se haben sich die bei­den Mili­tär­ope­ra­tio­nen des Jah­res 2002, die “Ope­ra­ción Maris­cal” und die “Ope­ra­ción Ori­on” in das his­to­ri­sche Gedächt­nis der Comu­na 13 ein­ge­brannt. Die “Ope­ra­ción Maris­cal” fand am 21. Mai 2002 noch in den letz­ten Mona­ten der Prä­si­dent­schaft von Andrés Pastra­na statt und for­der­te zahl­rei­che Opfer unter der Zivil­be­völ­ke­rung.

Fünf Mona­te spä­ter — unmit­tel­bar nach dem Amts­an­tritt von Ala­va­ro Uri­be — ereig­ne­te sich der zwei­te Angriff auf das Bar­rio, die “Ope­ra­ción Ori­on”, die mit Unter­stüt­zung para­mi­li­tä­ri­scher Ver­bän­de statt­fand. Es war das erklär­te Ziel von Uri­be, die Gue­ril­la nicht nur durch direk­te mili­tä­ri­sche Ope­ra­tio­nen zu bekämp­fen, son­dern sie auch dadurch zu schwä­chen, dass sie von sozia­len Basis abge­schnit­ten wird. Die­sem Ziel dien­ten die Mili­tär­ope­ra­tio­nen in der Comu­na 13. Denn es wur­de ver­mu­tet, dass gera­de in die­sem armen Stadt­vie­tel, die Gue­ril­la mit einer nicht uner­heb­li­chen Anzahl von Sym­pa­thi­san­ten rech­nen konn­te. Noch heu­te ist der Ver­bleib von über 300 Per­so­nen, die in den bei­den Tagen der Ope­ra­ti­on vom Mili­tär und von Para­mi­li­tärs ver­schleppt wur­den, unge­klärt. Ins­be­son­de­re die Para­mi­li­tärs haben sich durch beson­de­re Grau­sam­keit aus­ge­zeich­net, indem sie ver­meint­li­che oder tat­säch­li­che lin­ke Akti­vis­ten gefol­tert und anschlie­ßend hin­ge­rich­tet haben. Die­go Muril­lo Beja­ra­no, einer der ehe­mals füh­ren­den Köp­fe der para­mi­li­tä­ri­schen “Auto­de­fen­sas Uni­das de Colom­bia (AUC)“, hat­te nach sei­ner Ver­haf­tung der Staats­an­walt­schaft zwar den Ort gezeigt, an dem die Hin­ge­rich­te­ten, ver­scharrt wor­den waren. Ein gegen­über der Comu­na 13 lie­gen­der Hügel, der von der Stadt Medel­lin dazu benutzt wur­de, Bau­schutt abzu­la­den. Aber die Zahl der Toten und ihre Iden­ti­tät ist nach wie vor unklar. Seit Jah­ren kämp­fen die Ange­hö­ri­gen dar­um, dass die Ange­le­gen­heit auf­ge­klärt und die Ver­ant­wort­li­chen zur Rechen­schaft gezo­gen wer­den. Wer Spa­nisch spricht kann sich über meh­re­re You­tube-Vide­os unter dem Stich­wort “Ope­ra­ción Orión” näher über die schreck­li­chen Ereig­nis­se und über die Rol­le, die der dama­li­ge Prä­si­dent Uri­be dabei gespielt hat, infor­mie­ren.

Ope­ra­ción Orión (16./17. Okto­ber 2002)

Die Tat­sa­che, dass sich die Situa­ti­on mitt­ler­wei­le erheb­lich ver­bes­sert hat, heißt indes nicht, dass man hier nun sorg­los durch die engen Gas­sen schlen­dern kann. Bes­ser ist es, wenn man sich nicht all­zu­weit von den Roll­trep­pen ent­fernt. Und in der Dun­kel­heit soll­te man lie­ber auf einen Rund­gang ver­zich­ten.

Frei­luft-Roll­trep­pen in Medel­lin, Comu­na 13

Bemerkungen zur Geschichte der Gewalt in Kolumbien

Die Geschich­te der Gewalt, oder genau­er gesagt, der wie es scheint unhin­ter­frag­ten Durch­set­zung von Macht mit Hil­fe von Gewalt, beginnt bereits mit der Grün­dung des Staa­tes. Oder noch frü­her, mit der Aus­ru­fung der Unab­hän­gig­keit 1810. Wie ich in mei­nen his­to­ri­schen Exkur­sen über die Unab­hän­gigs­keits­be­we­gung Neu­gra­na­das und den Aus­ein­an­der­set­zun­gen zwi­schen Zen­tra­lis­ten und Föde­ra­lis­ten noch wäh­rend der Geburt der Repu­blik zu zei­gen ver­sucht habe, wur­den die Mei­nungs­ver­schie­den­hei­ten über die künf­ti­ge Struk­tur des Staa­tes von Anfang an mit Gewalt aus­ge­tra­gen. Mit kata­stro­pha­len Fol­gen, denn die spa­ni­schen Trup­pen, die von Süden ange­rückt waren, um Neu­gra­na­da für das König­reich zurück­zu­er­obern, waren über die­sen Streit der Repu­bli­ka­ner natür­lich begeis­tert.

Eigent­lich gab es in die­sen Anfangs­jah­ren zwei Repu­bli­ken auf dem Boden des Vize­kö­nig­rei­ches Neu­gra­na­da: 1. Die “Repu­bli­ca de Cun­di­na­mar­ca” (zen­tra­lis­tisch mit der Haupt­stadt Bogo­tá und unter der Prä­si­dent­schaft von Anto­nia Nari­ño) und 2. die föde­ra­ti­ve Repu­blik der “Pro­vin­ci­as Uni­das” (unter Camil­lo Tor­res) mit Tun­ja als Haup­stadt. Seit 1812 stan­den sich bei­de Sei­ten in einem Bür­ger­krieg gegen­über, der bis zur Ein­nah­me von Bogo­tá durch die Trup­pen der Pro­vin­ci­as Uni­das unter Simon Boli­var (sic!) im Jah­re 1814 dau­er­te. Gleich­zei­tig aber gab es auf dem Ter­ri­to­ri­um von Neu­gra­na­da eini­ge Pro­vin­zen, die über­haupt kei­ne repu­bli­ka­ni­schen Ambi­tio­nen hat­ten, son­dern am spa­ni­schen Regent­schafts­rat (Con­se­jo de Regen­cia) und spä­ter dann an Fer­di­nand II als ihrem König fest­hiel­ten. Das waren u.a. San­ta Mar­ta, Popa­yan, Pas­to). Bogo­tá fiel schon zwei Jah­re spä­ter (1816) wie­der in die Hän­de der Spa­ni­er. All die­se gewalt­vol­len Aus­ein­an­der­set­zun­gen ver­lei­te­ten Anto­nia Nari­ño zu sei­nem berühm­ten Aus­spruch vom “Patria Boba”, dem “när­ri­schen Vater­land”. Erst ab 1819 nach der ent­schei­den­den Schlacht an der Brü­cke von Boya­ca und der anschlie­ßen­den Grün­dung der “Repu­bli­ca de Colom­bia” setz­te für eini­ge Jah­re eine gewis­se Sta­bi­li­tät ein, die aller­dings deut­lich an die Auto­ri­tät Simon Boli­vars gebun­den war.

Nach dem Zer­fall des von Boli­var gegrün­de­ten Groß­ko­lum­bi­ens 1830 ent­stan­den in kur­zer Fol­ge und fast immer nach Mili­tär­put­schen, denen meist Bür­ger­krie­ge folg­ten, ver­schie­de­ne Repu­bli­ken mit abwech­seln­den zen­tra­lis­ti­schen oder föde­ra­lis­ti­schen Ver­fas­sun­gen. Kolum­bi­en hat­te im 19 Jahr­hun­dert fol­gen­de Namen und Ver­fas­sun­gen:

    • 1810 — Repu­bli­ca de Cun­di­na­mar­ca (zen­tra­lis­tisch unter Anto­nia Nari­ño, Sitz Bogo­tá) und der föde­ra­ti­ven Repu­blik der Pro­vin­ci­as Uni­das (unter Camil­lo Tor­res, Sitz Tun­ja). Bei­de bestan­den aber nur bis Recon­quis­ta der Spa­ni­er im Jah­re 1816)
    • 1819 — Repu­bli­ca de Colom­bia (1819 — 1830: Gran Colom­bia)
    • 1830 — Repu­bli­ca de la Nue­va Gra­na­da (1853 libe­ra­le Ver­fas­sungs­re­form nach dem Brü­ger­krieg 1851. Erneu­ter Bür­ger­krieg 1854 )
    • 1858 — Con­fe­der­a­ción Gra­na­di­na (föde­ra­ti­ve Struk­tur mit 8 Ein­zel­staa­ten und einem Zen­tral­par­la­ment, 1860 — 1863 Bür­ger­krieg)
    • 1863 — Esta­dos Uni­dos de Colom­bia (Radi­kal-libe­ra­le und lai­zis­ti­sche Ver­afs­sung v. 8. Mai 1863 (Ver­fas­sung von Rio Negro, unter Prä­si­dent Mos­que­ra), neun weit­ge­hend unab­hän­gi­ge Ein­zel­staa­ten, aber erneu­te Bür­ger­krie­ge 1876–1877 und 1885 als die Libe­ra­len sich gegen den kon­ser­va­ti­ven Prä­si­dent Rafa­el Nuñez erho­ben.)
    • 1886 Repu­bli­ca de Colom­bia (Nuñez sieg­te, grün­de­te den “Par­ti­do Nacio­nal” und führ­te eine zen­tra­lis­ti­sche und kon­ser­va­tiv gepräg­te Ver­fas­sung ein)

Allein in der zwei­ten Hälf­te des 19. Jahr­hun­derts erlei­de­te Kolum­bi­en sie­ben Bür­ger­krie­ge. In vie­len Stu­di­en wird vor allem der “Krieg der 1000 Tage” (1899 — 1902), den auch Gabri­el Gar­cia Mar­quez in sei­nem Buch “100 Jah­re Ein­sam­keit” behan­delt hat, eine ver­hee­ren­de Wir­kung auf die Repro­duk­ti­ons­lo­gik der Macht nach­ge­sagt, die sich dann im 20 Jahr­hun­dert fort­setz­te.

Ein wei­te­res trau­ma­ti­sches Ereig­nis war der fürch­ter­li­che zehn­jäh­ri­ge Bür­ger­krieg von 1948 bis 1958, der als “Vio­len­cia” in die Geschich­te ein­ge­gan­gen ist. Er begann am am 9. April 1948, ein Tag der den Kolum­bia­nern als “Bogo­ta­zo” ins natio­na­le Gedächt­nis ein­ge­brannt ist. An die­sem Tag wur­de Jor­ge Elié­cer Gaitán, Hoff­nungs­trä­ger für einen sozia­len Wan­del und aus­sichts­rei­cher Prä­si­dent­schafts­kan­di­dat der Libe­ra­len Par­tei in Bogo­tá auf offe­ner Stra­ße ermor­det. Gaitáns Ein­tre­ten für eine Ver­bes­se­rung der mate­ri­el­len Lebens­be­din­gun­gen der armen Bevöl­ke­rung und sei­ner damit in Zusam­men­hang ste­hen­den anti-olig­ar­chi­schen Rhe­to­rik hat­ten ihm eine enor­me Popu­la­ri­tät in der ein­fa­chen Bevöl­ke­rung aber auch ein gro­ßes Miss­trau­en der soge­nann­ten Eli­te des Lan­des, der Bour­geoi­sie und der Lati­fun­di­stas, sowohl in der kon­ser­va­ti­ven als auch in sei­ner eige­nen Par­tei, den Libe­ra­len, ein­ge­bracht. Nie­mand zwei­fel­te dar­an, dass er die Wah­len gegen den kon­ser­va­ti­ven Amts­in­ha­ber Maria­no Ospi­na Pérez gewin­nen wür­de. Die Hin­ter­grün­de und Hin­ter­män­ner die­ses Mor­des sind bis heu­te nicht rest­los geklärt. Aber die Wut der Anhän­ger Gai­tans kann­te kei­ne Gren­zen. In hef­ti­gen Stra­ßen­schlach­ten mit der Poli­zei wur­den über 3.000 Men­schen getö­tet, die hal­be Inne­stadt von Bogo­tá ver­wüs­tet. Es begann das dun­kels­te Kapi­tel in der Geschich­te Kolum­bi­ens, ein Bür­ger­krieg, der nach Schät­zun­gen ca. 20.000 Men­schen das Leben gekos­tet hat. Nahe­zu jede kolum­bia­ni­sche Fami­lie kann von Erleb­nis­sen berich­ten, in denen Fami­li­en­mit­glie­der von der “Vio­len­cia” in irgend­ei­ner Form betrof­fen waren: Ermor­dung, Ver­trei­bung, Bedro­hung, Flucht, Ver­fol­gung. Das alles hat sich tief in das kul­tu­rel­le Gedächt­nis der Gesell­schaft ein­ge­brannt.

Tafel zum Geden­ken an die Ermor­dung von Gai­tan in Bogo­tá

Ich kann hier nur stich­punkt­mä­ßig die Ereig­nis­se skiz­zie­ren, deren Fol­gen bis heu­te zu spü­ren sind, denn letzt­lich führ­ten sie zur Grün­dung der Gue­ril­la und zu den krie­ge­ri­schen Aus­ein­an­der­set­zun­gen, die heu­te nach fast 70 Jah­ren, zu been­den ver­sucht wer­den. Wäh­rend der Kämp­fe wur­de im Grenz­ge­biet der süd­lich der Haupt­stadt Bogo­tá gele­ge­nen Pro­vin­zen Toli­ma, Hui­la, Cau­ca und Val­le del Cau­ca meh­re­re unab­hän­gi­ge Repu­bli­ken gegrün­det. Die his­to­risch bedeut­sams­te und gegen Inva­si­ons­ver­su­che der kolum­bia­ni­schen Armee wider­stän­digs­te war die “Repu­bli­ca de Mar­queta­lia”, in der die Kom­mu­nis­ti­sche Par­tei Kolum­bi­ens eine wich­ti­ge orga­ni­sie­ren­de Kraft dar­stell­te. Erst 1964 konn­te die kolum­bia­ni­sche Armee mit Unter­stüt­zung der CIA das Gebiet erobern und rich­te­te dabei ein Mas­sa­ker an. Die Über­le­ben­den zogen sich in die Ber­ge zurück und began­nen einen Gue­ril­la­krieg, auf den die Regie­rung mit der Auf­stel­lung von para­mi­li­tä­ri­schen Anti-Gue­ril­la-Ein­hei­ten, unter ihnen die wegen ihrer Grau­sam­keit gefürch­te­ten “Chul­avi­tas” und “Pája­ros”, reagier­te. Mit dem “Decre­to 3398” und “Ley 48” wur­den die­se Ein­hei­ten als “anti­kom­mu­nis­ti­sche Kampf­ein­hei­ten” vom kolum­bia­ni­schen Staat legi­ti­miert. 1966 schlos­sen sich dar­auf­hin die links­ge­rich­te­ten Gue­ril­la-Ein­hei­ten zu den »Fuer­zas Arm­a­das Revo­lu­tio­na­ri­as de Colom­bia – Ejér­ci­to de Pue­b­lo« (FARC-EP) zusam­men.

Auch die vor­über­ge­hen­de Errich­tung einer Mili­tär­dik­ta­tur unter Gene­ral Gus­ta­vo Rojas Pinil­la (1953) und Gabri­el París Gor­dil­lo (1957) konn­te den ver­hee­ren­den Bür­ger­krieg nicht been­den. Dies gelang erst als sich die bei­den Kon­flikt­par­tei­en, die Libe­ra­len und die Kon­ser­va­ti­ven auf die Bil­dung einer “Fren­te Natio­nal” einig­ten, in der die Macht geteilt wur­de. Alle Regie­rungs­pos­ten wur­den je zur Hälf­te auf die bei­den Par­tei­en auf­ge­teilt. Der Prä­si­dent wur­de alle vier Jah­re mal von den Libe­ra­len, mal von den Kon­ser­va­ti­ven gestellt. Erst 1974 gab es wie­der freie Wah­len.

Para­mi­li­tä­ri­sche Ein­hei­ten, soge­nann­te “Auto­de­fen­sas”, wur­den nun auch von Groß­grund­be­sit­zern, in ers­ter Linie von Vieh­züch­tern, aber auch von Dro­gen­kar­tel­len finan­ziert, um sich so gegen die Akti­vi­tä­ten der Gue­ril­la zu weh­ren. 1994 wur­den Struk­tu­ren auf­ge­baut, um die sich im gan­zen Lan­de aus­brei­ten­den para­mi­li­tä­ri­schen Ver­bän­de zu koor­di­nie­ren (“CONVIVIR”). Es wird geschätzt, das CONVIVIR zeit­wei­se 120.000 bewaff­ne­te Kämp­fer kon­trol­lier­te (vgl. M. Koessl: Gewalt und Habi­tus. Para­mi­li­ta­ris­mus in Kolum­bi­en. Münster:Lit-Verlag; sowie: R. Zelik: Die kolum­bia­ni­schen Para­mi­li­tärs. “Regie­ren ohne Staat? oder ter­ro­ris­ti­sche For­men der Inne­ren Sicher­heit. Müns­ter 2009, West­fä­li­sches Dampf­boot). Dies wur­de aber bald für den Staat zu einem schwer kal­ku­lier­ba­ren Risi­ko und so wur­den die­se “Wach­schutz­ko­ope­ra­ti­ven” 1997 wie­der ver­bo­ten. Doch bereits im sel­ben Jahr erfolg­te die Grün­dung der “AUC” (Auto­de­fen­sas Uni­das de Colom­bia), die in den fol­gen­den Jah­ren die domi­nie­ren­de Rol­le der para­mi­li­tä­ri­schen Ver­bän­de ein­neh­men soll­te.

Wäh­rend der 90er Jah­re war nicht mehr zu igno­rie­ren, dass die Gewalt in Kolum­bi­en nicht allein ein Kon­flikt zwi­schen der Gue­ril­la und der Regie­rung war. Die Opfer waren immer mehr Zivil­per­so­nen, füh­ren­de Akti­vis­ten indi­ge­ner und afro-kolum­bia­ni­scher Gemein­den, Gewerk­schafts­füh­rer, kri­ti­sche Jour­na­lis­ten, Rechts­an­wäl­te, Poli­ti­ker. Um nur ein Bei­spiel zu nen­nen: In der Zeit zwi­schen 1986 und 2002 hat der gewerk­schaft­li­che Dach­ver­band CUT 4.000 Mit­glie­der durch Ermor­dun­gen ver­lo­ren. In eini­gen Fäl­len waren gro­ße inter­na­tio­na­le Kon­zer­ne in sol­che Taten ver­wi­ckelt, wie beis­pils­wei­se das us-ame­ri­ka­ni­sche Berg­bau­un­ter­neh­men Drum­mond, Bri­tish Petro­le­um, Eco­Pe­trol, CocaCo­la, Chi­qui­ta u.a.. Die­se Fak­ten alar­mier­ten die inter­na­tio­na­le Öffent­lich­keit und die Fra­ge nach der Rol­le und der Ver­ant­wor­tung des Staa­tes wur­de gestellt.

Vor der Men­schen­rechts­kom­mis­si­on der Ver­ein­ten Natio­nen kam es zu einer Ankla­ge gegen die kolum­bia­ni­sche Regie­rung. Da es zu den Auf­ga­ben der Regie­rung gehö­re, die Sicher­heit der Ein­woh­ner zu garan­tie­ren, kön­ne sich die kolum­bia­ni­sche Regie­rung nicht von der Ver­ant­wor­tung über die Men­schen­rechts­ver­let­zun­gen frei­spre­chen, so lau­te­te die Ankla­ge. Die Regie­rung ver­such­te sich damit zu ent­schul­di­gen, dass sie doch alles in ihrer Macht ste­hen­de unter­näh­me, um die Ver­stö­ße zu unter­bin­den, aber die geo­gra­fi­sche Lage des Lan­des und ande­re Grün­de wür­den dies sehr schwer machen. Ja, zwei­fel­los macht die geo­gra­fi­sche Beschaf­fen­heit Kolum­bi­ens es sehr schwer, jeden Fleck des Ter­ri­to­ri­ums zu kon­trol­lie­ren, aber mitt­ler­wei­le gilt es als erwie­sen, dass der kolum­bia­ni­sche Staat nicht nur wegen der Unter­las­sung eines not­wen­di­gen Ein­grei­fens ver­want­wort­lich war, son­dern auch durch Mit­wis­sen und zum Teil auch durch Kom­pli­zen­schaft mit den maro­die­ren­den para­mi­li­tä­ri­schen Ver­bän­den. In Kolum­bi­en leug­net heu­te nie­mand mehr die zum Teil engen Bezie­hun­gen zwi­schen eini­gen poli­ti­schen Reprä­sen­tan­ten und Mili­tär­an­ge­hö­ri­gen zu para­mi­li­tä­ri­schen Grup­pen. Eini­ge Men­schen­rechts­ak­ti­vis­ten spre­chen von einer “neu­en infor­mel­len Art des Regie­rens”, einer Stra­te­gie der Absch­re­chung, die auch gegen die Zivil­be­völ­ke­rung gerich­tet war, um die Gue­ril­la von ihrer sozia­len Basis zu tren­nen.

Ins­be­son­de­re unter der Regie­rung von Alva­ro Uri­be beklag­te die Men­schen­rechts­kom­mis­si­on der UNO ein dra­ma­ti­sches Anstei­gen der Ver­stö­ße gegen die Men­schen­rech­te. Es ist hier nicht der Ort auf Details ein­zu­ge­hen, aber es ist m.E. sehr wich­tig davon Kennt­nis zu neh­men, dass in den lau­fen­den Ver­fah­ren im Zuge der Spe­zi­al-Gerichts­bar­keit für den Frie­den nicht nur die Gue­ril­la son­dern auch der Staat ange­klagt ist. Und aus mei­ner Sicht ist es bemer­kens­wert, dass die gegen­wär­ti­ge Regie­rung unter Manu­el San­tos dies aner­kannt hat und auf die­se Wei­se den Weg für den Frie­den frei­ge­macht hat. D.h. bei­de Ver­trags­part­ner sit­zen auf der Ankla­ge­bank.

Die Frage der Gewalt

Wer nach Kolum­bi­en reist oder dort wohnt muss damit leben, stän­dig einem Wech­sel­bad der Gefüh­le aus­ge­setzt zu sein. Wäh­rend uns einer­seits die atem­be­rau­ben­de Schön­heit des Lan­des und die Lie­bens­wür­dig­keit sei­ner Bewoh­ner, die Viel­falt der Natur, der Eth­ni­en und der Kul­tu­ren fas­zi­niert, wer­den wir gleich­zei­tig Zeu­gen von Men­schen­rechts­ver­let­zun­gen und sozia­ler Gewalt, die nicht nur die Besu­cher aus Euro­pa oft in tie­fer Bestür­zung zurück las­sen. Seit fast einem hal­ben Jahr­hun­dert berei­se ich die­ses Land, und seit eini­gen Jah­ren leben Con­stan­za und ich zeit­wei­se in Bogo­tá. Ohne jeden Zwei­fel habe ich die­ses Land lie­ben gelernt. Aber die­se eigen­tüm­li­che Wider­sprüch­lich­keit zwi­schen Lie­be und Gewalt gibt mir bis heu­te Rät­sel auf. Und das, obwohl die Lite­ra­tur über die Gewalt in Kolum­bi­en mitt­ler­wei­le gan­ze Biblio­the­ken fül­len könn­te. Her­vor­zu­he­ben sind vor allem zwei Arbei­ten: zum einen die von G. Guz­man; O. Falls Bor­da & E. Umaña Luna “La Vio­len­cia en Colom­bia” (1962), die sich mit der Pha­se des Bür­ger­krie­ges in den 50er Jah­ren beschäf­tigt und die mitt­ler­wei­le als Klas­si­ker der kolum­bia­ni­schen Sozio­lo­gie gilt. Bei der ande­ren Arbeit han­delt es sich um die 1987 von der “Comi­sión de Estu­di­os la Vio­len­cia” her­aus­ge­brach­te Stu­die “Colom­bia: Vio­len­cia y Demo­cra­cia”. Sie eröff­ne­te eine wah­re Flut von sozio­lo­gi­schen Arbei­ten über die Gewalt in Kolum­bi­en, so dass in der kolum­bia­ni­schen Sozio­lo­gie schon von einer “Vio­len­to­lo­gia” gespro­chen wird.

Der Jus­tiz­pa­last in Bogo­tá: Ein Sym­bol für die gewalt­vol­le Ver­gan­gen­heit

Wer sich auch nur ansatz­wei­se mit die­ser Fül­le von Lite­ra­tur beschäf­tigt, droht in Kom­ple­xi­tät unter­zu­ge­hen. Die Schwie­rig­keit beginnt bereits mit der Beschrei­bung von Tätern und Opfern. Der gegen­wär­ti­ge Dis­kurs des “Post-Con­flic­to” behan­delt vor­ran­gig die Rebel­li­on der FARC. Aber die Situa­ti­on ist viel kom­pli­zier­ter, weil eine Rei­he ande­rer Akteu­re in den Gewalt­pro­zess invol­viert sind: Dro­gen-Kar­tel­le, ande­re Gue­ril­la-Grup­pen, wie die ELN, eine gan­ze Rei­he von rechts­ex­tre­mis­ti­schen para­mi­li­tä­ri­schen Grup­pen, und selbst­ver­ständ­lich eine Rei­he von Akteu­ren, die nicht sicht­bar sind, die nicht direkt an den bewaff­ne­ten Aus­ein­an­der­set­zun­gen betei­ligt sind, die aber eine gewis­se Ver­ant­wor­tung tra­gen für das was gesche­hen ist und immer noch geschieht. Und auch auf der Sei­te der Opfer und Betroff­nen steht man vor einer schier unend­lich erschei­nen­den Kom­ple­xi­tät: denn immer geht es ja um spe­zi­fi­sche Bezie­hun­gen zwi­schen den Tätern und den Opfern. War­um und in wes­sen Inter­es­se wur­den gera­de bestimm­te Per­so­nen als Opfer aus­ge­wählt? Wel­che Vor­ge­schich­te ist zu berück­sich­ti­gen? Wel­che Regio­nen sind in beson­de­rer Wei­se betrof­fen und wel­che nicht? Wel­che Stra­te­gi­en wer­den von den ver­schie­de­nen Akteu­ren ver­folgt und wel­che Rol­le spie­len die­se für die poli­ti­schen Ver­su­che einer Befrie­dung?

Und nicht zu ver­ges­sen ist die Fra­ge nach den gesell­schaft­li­chen Kon­se­quen­zen, die der Kon­flikt hat­te und noch immer hat. Wel­chen Ein­fluss hat die Bereit­schaft, Gewalt ein­zu­set­zen, um poli­ti­schen Ein­fluss zu neh­men  auf die öffent­li­che Mei­nung, auf die Frei­heit der Pres­se und des Rechts- und Jus­tiz­sys­tems, auf die Ver­samm­lungs­frei­heit, auf die freie gewerk­schaft­li­che Betä­ti­gung in den Betrie­ben, auf die Ent­ste­hung und die Ent­fal­tungs­mög­lich­kei­ten sozia­ler Pro­test­be­we­gun­gen. In wel­cher Wei­se hat der Kon­flikt die Sta­bi­li­tät der Zivil­ge­sell­schaft beein­träch­tigt sowie die von Umwelt, Wirt­schaft, Poli­tik., aber auch auf die Fra­ge der Anwen­dung intra­fa­mi­liä­rer Gewalt und Gen­der­ge­walt. Erst das Zusam­men­wir­ken all die­ser Fak­to­ren kann die Basis sein für die Ver­su­che, so etwas wie eine “Land­kar­te des Kon­flik­tes” zu zeich­nen. Mit die­ser “Land­kar­te” lässt sich dann der nächs­te Schritt voll­zie­hen,  die ver­schie­de­ne Bestand­tei­le des Frie­dens­ab­kom­mens dar­auf zu bezie­hen.

Die Ein­stel­lung der kon­ser­va­ti­ven Eli­te zum Frie­dens­pro­zess, deren erbit­ter­ter Wider­stand und das Desas­ter des Ple­bis­zits vom 2. Okto­ber 2016 gibt der Fra­ge nach der Rol­le von Gewalt im Spiel der poli­ti­schen Kräf­te eine neue Bri­sanz. Denn könn­te es sein, dass sich die­se Kräf­te bei den anste­hen­den Wah­len im Jahr 2018 durch­set­zen kön­nen? Was wird dann gesche­hen? Wie kann es über­haupt sein, dass ein Land, dass so lan­ge unter einem erbit­ter­ten Bür­ger­krieg gelit­ten hat, sich zu 50% dafür aus­spricht, den Krieg wei­ter­zu­füh­ren? Wie kann der Hass so groß sein, dass die Mehr­heit der Bevöl­ke­rung nicht bereit ist, end­lich einen Schluss­strich zu zie­hen? Wie kann in einem katho­li­sche Land das Bedürf­nis nach Ver­gel­tung grö­ßer sein als nach Ver­ge­bung? Wie kann die Angst vor gesell­schaft­li­cher Ver­än­de­rung so groß sein, dass bestimm­te Krei­se kei­ne Skru­pel haben, Gewalt als pro­ba­tes Mit­tel anzu­se­hen, dies zu ver­hin­dern anstatt sie in einem gesell­schaft­li­chen Dia­log gemein­sam zu gestal­ten? Ein in Bonn leben­der Kolum­bia­ner hat ein­mal sein Hei­mat­land im Schmerz über die dor­ti­gen Ereig­nis­se als “Locom­bia” bezeich­net. Und in der Tat trifft die­se Bezeich­nung ganz gut die ers­te spon­ta­ne Reak­ti­on vie­ler Kolum­bia­ner auf das, was gegen­wär­tig dort geschieht: ver­rückt. So ähn­lich hat­te es auch schon Anto­nio Nari­ño, der ers­te Prä­si­dent des 1810 tem­po­rär von den Spa­ni­ern befrei­ten Gebie­tes auf dem Ter­ri­to­ri­um des dama­li­gen “Vize­kö­nig­rei­ches Neu­gra­na­da” aus­ge­drückt, als er ange­sichts der Zer­strit­ten­heit der repu­bli­ka­ni­schen Kräf­te, die sich unge­ach­tet der vor­rü­cken­den spa­ni­schen Trup­pen sogar einen Bür­ger­krieg zwi­schen Zen­tra­lis­ten und Föde­rals­ten leis­te­ten, vom “Patria Boba” (när­ri­sches Vater­land) gespro­chen hat. Wil­liam Ospi­na, eine bekann­ter kolum­bia­ni­scher Schrift­stel­ler, beklagt in sei­ner Kolum­ne in “El Espec­ta­dor” zwei Wochen nach dem desas­trö­sen Ergeb­nis des Refe­ren­dums 2016: “Nun­ca se había vis­to una situación más incom­pren­si­ble: la guer­ril­la quie­re dejar de hacer la guer­ra, y los due­ños del país no se ponen de acuer­do para acep­tar­lo.“

Für den euro­päi­schen Beob­ach­ter ist das alles nur sehr schwer zu ver­ste­hen. Man muss tief in die His­to­rie und die Sozio­lo­gie des Lan­des ein­tau­chen, um einen Zugang zu die­ser Fra­ge zu gewin­nen. Und dies ist in der Tat auch der Ansatz, den die meis­ten sozio­lo­gi­schen Stu­di­en für ihren Erklä­rungs­ver­such wäh­len (vgl. F.E. Gon­zá­les Gon­zá­les: Poder y Vio­len­cia en Colom­bia. Bogo­tá 2014: CINEP). Und dabei wird immer wie­der eine Fra­ge gestellt: Könn­te es nicht sein, dass die kolum­bia­ni­sche Gesell­schaft durch ihre gewalt­vol­le Geschich­te eine Art “Kul­tur der Gewalt” her­aus­ge­bil­det hat, in der die Anwen­dung von Gewalt zur Durch­set­zung von Macht eine unhin­ter­frag­ba­re Opti­on dar­stellt? Könn­te es sein, dass sich die gewalt­vol­len Ereig­nis­se der Ver­gan­gen­heit so stark in das kul­tu­rel­le his­to­ri­sche Gedächt­nis der Gesell­schaft ein­ge­brannt haben, dass dies Aus­wir­kun­gen auf die Art und Wei­se hat, Kon­flik­te und Inter­es­sens­wi­der­sprü­che aus­zu­tra­gen?  (vgl. E. Ser­ra­no: ¿Por que fra­ca­sa Colom­bia? Deli­ri­os de una Nación que se des­co­no­ce a sí mis­ma. Bogo­tá 2016: Edi­to­ri­al Pla­ne­ta; oder auch: M. Koessl: Gewalt und Habi­tus. Para­mi­li­ta­ris­mus in Kolum­bi­en. Münster:Lit-Verlag)  Der­fran­zö­si­sche Sozio­lo­ge Pierre Bour­dieu hat hier­für den Begriff des “Habi­tus” ver­wen­det, auf den ich spä­ter (in einem mei­ner nächs­ten Bei­trä­ge) noch ein­mal detail­lier­ter zurück­kom­men wer­de.

An die­ser Fra­ge ent­zün­den sich immer wie­der äußerst kon­tro­ver­se Debat­ten. Sicher­lich lässt sich nicht leug­nen, dass in 70 Jah­ren bewaff­ne­ter Aus­ein­an­der­set­zun­gen in gewis­ser Wei­se eine Gewöh­nung an die­sen per­ma­nen­ten Zustand von Gewalt statt­ge­fun­den hat, so dass für vie­le Kolum­bia­ner der Gedan­ke,  ohne die­sen Zustand zu leben, kei­ne so gro­ße Bedeu­tung  besitzt. Aber — das muss jedoch hin­zu­ge­fügt wer­den — trifft dies mit Sicher­heit nicht auf die­je­ni­gen Men­schen zu, die in den umkämpf­ten Gebie­ten unmit­tel­bar betrof­fen sind. Für sie — und das erfährt man immer wie­der in Gesprä­chen auf dem Lan­de oder mit Ver­trie­be­nen in den Städ­ten, kann der Krieg kein Zustand sein, an den man sich in irgend­ei­ner Wei­se gewöh­nen könn­te. Denn immer­hin han­delt es sich um einen Zustand per­ma­nen­ter Lebens­be­dro­hung. Die Bewoh­ner der gro­ßen Städ­ten, die den Krieg vor allem über die Medi­en erfah­ren haben (und zum Teil durch Ein­schrän­kung ihrer Rei­se­frei­heit), mögen dies jedoch anders sehen. Es ist schwer zu ver­ste­hen, wie indif­fe­rent man­che Kolum­bia­ner die­ser so wich­ti­gen Zukunfts­fra­ge ihres Lan­des gegen­über­ste­hen. Es ist ein merk­wür­di­ger Defä­tis­mus, der einem da ent­ge­gen­ge­bracht wird, ohne den Glau­ben an die Mög­lich­keit, die Zukunft des Lan­des gestal­ten zu kön­nen. Und oft fehlt sogar der Wil­le dazu.

Ich tref­fe immer wie­der auf Leu­te, für die es aus­ge­macht ist,  dass der Frie­dens­pro­zess nicht klap­pen wird. War­um? Weil es schon immer so gewe­sen wäre und weil kein Ver­lass sei auf die Poli­ti­ker und der FARC sowie­so nicht trau­en sei. Und über­haupt wür­de die Kor­rup­ti­on im Lan­de schon alle Ansät­ze für eine Ver­än­de­rung von vorn­her­ein zunich­tema­chen. Die­se resi­gna­ti­ve Hal­tung wird aber noch über­trof­fen von einer expli­zi­ten ver­schwö­rungs­theo­re­tisch begrün­de­ten Ableh­nung, nach der die San­tos-Regie­rung das Land auf einen kom­mu­nis­ti­schen Weg füh­ren will, unter­stützt von einem kom­mu­nis­tisch unter­wan­ter­ten Kon­gress, beglei­tet von Juris­ten, die in ihrer Aus­bil­dung durch lin­ke Hoch­schul­leh­rer indok­tri­niert wur­den. Die­ses Bild wird von den ultra­rech­ten Kräf­ten um Exprä­si­dent Uri­be gezeich­net und man ist erstaunt, wie oft es einem ent­ge­gen­ge­hal­ten wird von Per­so­nen, die man eigent­lich als durch­aus nüch­tern den­kend gekannt hat­te. Die Wochen­zeit­schrift Sema­na berich­tet, dass angeb­lich die Hälf­te aller Kolum­bia­ner glau­ben, dass das Land sich in Gefahr befin­det, ein “neu­es Vene­zue­la” zu wer­den. Vor einem Jahr hat­te Uri­be das “Gespenst des Cas­tro­cha­vis­mus” an die Wand gemalt und damit — wie bereits berich­tet — das Ple­bis­zit vom 2. Okto­ber nicht uner­heb­lich beein­flus­sen kön­nen.

Die unter­schied­li­che Betrof­fen­heit mag das gro­ße Land-Stadt-Gefäl­le bei der Fra­ge der Zustim­mung zum Frie­dens­b­kom­men erklä­ren. Aber die­se Beschrei­bung beant­wor­tet noch nicht die gestell­te Fra­ge. In einem mei­ner nächs­ten Bei­trä­ge wer­de ich ver­su­chen, die­se Fra­ge zu ver­tie­fen.

Historischer Exkurs: Der Krieg der “Tausend Tage”

Im Jahr 1886 wur­de die von einer libe­ra­len Regie­rung erst 1863 ver­ab­schie­de­te föde­ra­ti­ve Ver­fas­sung zuguns­ten einer neu­en zen­tra­lis­ti­schen Ver­fas­sung abge­schafft. Der kon­ser­va­ti­ve Staats­prä­si­dent Rafa­el Núñez (1884–1894) woll­te damit den Ein­heits­staat und die Vor­herr­schaft der katho­li­schen Kir­che ins­be­son­de­re auf dem Gebiet der Erzie­hung und Bil­dung wie­der­her­stel­len. Die Libe­ra­len in Kolum­bi­en ver­stan­den sich als Föde­ra­lis­ten wäh­rend die Kon­ser­va­ti­ven einen zen­tra­lis­ti­schen Staat anstreb­ten. Dar­über hin­aus betrach­te­ten die Libe­ra­len die Macht der katho­li­schen Kir­che als Hin­der­nis bei der Moder­ni­sie­rung des Lan­des, wäh­rend die Kon­ser­va­ti­ven in ihr den Garant der mora­li­schen Ord­nung sahen.

Die Ver­fas­sungs­än­de­rung 1886 ver­schärf­te den poli­ti­schen Kon­flikt zwi­schen dem Zen­tral­re­gime und den Pro­vin­zen. Zwi­schen Libe­ra­len und Kon­ser­va­ti­ven ent­brann­te ein aus­ge­dehn­ter Kampf um die Kon­trol­le über das Land. Hin­zu kam die Schwä­che des alten Prä­si­den­ten Manu­el Anto­nio Sancle­men­te, der zu krank war um zu regie­ren. Es kam zu Auf­stän­den gegen ihn und die pre­kä­re wirt­schaft­li­che Situa­ti­on, die durch das extre­me und chro­ni­sche Defi­zit droh­te.

Der genaue Beginn des Bür­ger­krie­ges ist umstrit­ten. Meist wird er auf den 20. Okto­ber 1899 oder den Jah­res­wech­sel 1900 datiert. Die Rebel­li­on begann in Socor­ro und erwar­te­te mili­tä­ri­sche Unter­stüt­zung aus Vene­zue­la. Die kon­ser­va­ti­ve Regie­rung ent­sand­te Trup­pen nach Buca­ra­man­ga. Mit der Zeit dehn­te sich der Krieg auf das gan­ze Land aus.

100.000 Men­schen ver­lo­ren im Krieg der tau­send Tage ihr Leben. 1903 wur­de die Pro­vinz Pana­ma aus Sor­ge um die Nicht­an­er­ken­nung von Aus­lands­schul­den und die Inter­es­sen am Pana­ma­ka­nal auf US-ame­ri­ka­ni­schen Druck ein eige­ner Staat.

Die­ser Bür­ger­krieg bil­det einen Teil des his­to­ri­schen Hin­ter­grun­des, vor dem der Lite­ra­tur­no­bel­preis­trä­ger Gabri­el Gar­cía Már­quez sein Epos „Hun­dert Jah­re Ein­sam­keit“ ent­fal­tet.

Historischer Exkurs: Der Streit zwischen Föderalismus
und Zentralismus

In den Anfän­gen der Unab­hän­gig­keits­be­stre­bun­gen gab es 1810 eigent­lich zwei Repu­bli­ken auf dem Boden des Vize­kö­nig­rei­ches Neu­gra­na­da: 1. Die “Repu­bli­ca de Cun­di­na­mar­ca” (zen­tra­lis­tisch unter Anto­nia Nari­ño) und die föde­ra­ti­ve Repu­blik der “Pro­vin­ci­as Uni­das” (unter Camil­lo Tor­res). Seit 1812 stan­den sich bei­de Sei­ten in einem Bür­ger­krieg gegen­über, der bis zur Ein­nah­me von Bogo­tá durch die Trup­pen der Pro­vin­ci­as Uni­das unter Simon Boli­var (sic!) im Jah­re 1814 dau­er­te. Gleich­zei­tig aber gab es auf dem Ter­ri­to­ri­um von Neu­gra­na­da eini­ge Pro­vin­zen, die über­haupt kei­ne repu­bli­ka­ni­schen Ambi­tio­nen hat­ten, son­dern am spa­ni­schen Regent­schafts­rat (Con­se­jo de Regen­cia) und spä­ter dann an Fer­di­nand II als ihrem König fest­hiel­ten. Das waren u.a. San­ta Mar­ta, Popa­yan, Pas­to). Bogo­tá fiel schon zwei Jah­re spä­ter (1816) wie­der in die Hän­de der Spa­ni­er. 1818 wur­de Juan de Sama­no Vize­kö­nig von Neu­gra­na­da.

Ins­ge­samt wur­den in den Anfangs­jah­ren der Revo­lu­ti­on über ein Dut­zend Ver­fas­sun­gen ver­ab­schie­det. Das alles ende­te aber zunächst mit der Rück­erobe­rung des Lan­des durch die Spa­ni­er. Nari­ño konn­te zwar Sama­no noch 1814 bei Cali­bío schla­gen, wur­de aber dabei gefan­gen­ge­nom­men und nach Spa­ni­en ver­schleppt. Danach war’s erst­mal aus mit der Unab­hän­gig­keit. Auch Boli­var war in Ven­zue­la geschla­gen und muss­te 1815 ins Exil nach Jamai­ca.

Am 12. Dezem­ber 1819 wird im Kon­gress von Angus­tu­ra die Ver­ei­ni­gung der bei­den ehe­ma­li­gen Vize­kö­nig­rei­che Vene­zue­la und Neu­gra­na­da zur “Repu­bli­ca de Colom­bia” beschlos­sen. Von His­troi­kern wird die­ser Staat auch als “Groß­ko­lum­bi­en” bezeich­net, um es vom heu­ti­gen Staat, der seit 1886 den Namen Repu­blik Kolum­bi­en trägt, und der im Grun­de ledig­lich das Ter­ri­to­ri­um von Neu­gra­na­da umfasst, zu unter­schei­den. Ecua­dor war zu Beginn der Unab­hän­gi­ge­kits­krie­ge Bestand­teil des Vize­kö­nig­rei­ches Neu­gra­na­da, Pro­vinz Qui­to. Nach dem Zer­fall von “Groß­ko­lum­bi­en” im Jah­re 1830 hieß Kolum­bi­en zunächst “Repu­blik Neu­gra­na­da” . Ab 1861 dann “Repu­bli­ca de Colom­bia”.)

Der neue Staat soll­te aus den drei Depar­te­ments Vene­zue­la, Cun­di­na­mar­ca (das ehe­ma­li­ge Neu-Gra­na­da, bestehend aus den heu­ti­gen Län­dern Kolum­bi­en, Pana­ma und Tei­len Zen­tral­ame­ri­kas) und Qui­to (heu­te Ecua­dor) gebil­det wer­den. Simón Bolívar wur­de zum Prä­si­den­ten, Fran­cis­co Anto­nio Zea zum Vize-Prä­si­den­ten der Repu­blik gewählt, Fran­cis­co de Pau­la San­tan­der erhielt die Regie­rungs­ge­walt in Neu-Gra­na­da, Ger­mán Roscio in Vene­zue­la. Nach der Befrei­ung Qui­tos soll­te auch dort ein Regie­rungs­chef gewählt wer­den. Aber das alles war noch ein Pro­vi­so­ri­um bis zur Ver­ab­schie­dung einer end­gül­ti­gen Ver­fas­sung, die dann andert­halb Jah­re spä­ter in Cucu­ta beschlos­sen wur­de. In ihr waren aber wich­ti­ge Ver­än­de­run­gen gegen­über der ers­ten Pro­kla­ma­ti­on von Angus­te­ro ant­hal­ten:

Der Kon­gress von Cucu­ta wähl­te Boli­var zum Prä­si­den­ten der “Repu­bli­ca de Colom­bia”. Am 3. Okto­ber 1821 leg­te er den Amts­eid auf die neue Ver­fas­sung ab. Die­se Ver­fas­sung war in eini­gen Punk­ten anders als in den Beschlüs­sen von Angos­tu­ra. Der Prä­si­dent soll­te sin Amt nur für 4 Jah­re beklei­den und nur ein­mal wie­der­ge­wählt wer­den. Die Legis­la­ti­ve bestand aus zwei Kam­mern: einem Age­ord­ne­ten­haus, das auf vier Jah­re gewählt wird und einem Senat, der auf acht Jah­re gewählt wird (also nicht, wie Boli­var es sich wünsch­te lebens­lang). Es gab einen Vize­prä­si­den­ten und ein Kabi­nett bestehend aus fünf Staats­se­kre­tä­ren und einem Mit­glied des Obers­ten Gerichts­ho­fes. D.h. die regio­na­len Vize­prä­si­den­ten wur­den abge­schafft. An ihrer Stel­le wur­de das Amt des Inten­dan­ten geschaf­fen. Aber die drei in Angus­tu­ra vor­ge­schla­gen Depar­ta­ment­os wur­den ersetzt durch meh­re­re klei­ne­re Pro­vin­zen. Vene­zue­la wur­de in drei, Neu­gra­na­da in vier Pro­vin­zen geglie­dert. Als Haupt­stadt wur­de Bogo­tá fest­ge­legt, was eini­ge Vene­zo­la­ner ver­är­ger­te. Und auch die Skla­ve­rei wur­de, Boli­vars Ver­spre­chen zum Trotz, nicht grund­sätz­lich abge­schafft, son­dern nur für die Söh­ne und Töch­ter der gegen­wär­ti­gen Skla­ven. Boli­var hät­te ger­ne Nari­ño als Vize­prä­si­den­ten gehabt. Aber der konn­te ich bei den Par­la­men­ta­ri­ern nicht durch­set­zen. Des­halb schlug Boli­var dann San­tan­der vor, der auch gewählt wur­de.

Nach dem Zer­fall des von Boli­var gegrün­de­ten Groß­ko­lum­bi­ens ent­stan­den in kur­zer Fol­ge und fast immer nach Mili­tär­put­schen ver­schie­de­ne Repu­bli­ken mit abwech­seln­den zen­tra­lis­ti­schen oder föde­ra­lis­ti­schen Ver­fas­sun­gen. Kolum­bi­en hat­te im 19 Jahr­hun­dert fol­gen­de Namen und Ver­fas­sun­gen:

  • 1810 — Repu­bli­ca de Cun­di­na­mar­ca (zen­tra­lis­tisch unter Anto­nia Nari­ño, Sitz Bogo­tá) und der föde­ra­ti­ven Repu­blik der Pro­vin­ci­as Uni­das (unter Camil­lo Tor­res, Sitz Tun­ja). Bei­de bestan­den aber nur bis Recon­quis­ta der Spa­ni­er im Jah­re 1816)
  • 1819 — Repu­bli­ca de Colom­bia (1819 — 1830: Gran Colom­bia)
  • 1830 — Repu­bli­ca de la Nue­va Gra­na­da (1853 libe­ra­le Ver­fas­sungs­re­form nach dem Brü­ger­krieg 1851. Erneu­ter Bür­ger­krieg 1854 )
  • 1858 — Con­fe­der­a­ción Gra­na­di­na (föde­ra­ti­ve Struk­tur mit 8 Ein­zel­staa­ten und einem Zen­tral­par­la­men, 1860 — 1863 Bür­ger­krieg)
  • 1863 — Esta­dos Uni­dos de Colom­bia (Radi­kal-libe­ra­le und lai­zis­ti­sche Ver­afs­sung v. 8. Mai 1863 (Rio Negro, Mos­que­ra), neun weit­ge­hend unab­hän­gi­ge Ein­zel­staa­ten, aber erneu­te Bür­ger­krie­ge 1876–1877 und 1885 als die Libe­ra­len sich gegen Prä­si­dent Rafa­el Nuñez erho­ben.)
  • 1886 Repu­bli­ca de Colom­bia (Nuñez sieg­te, grün­de­te die Par­ti­do Nacio­nal und führ­te eine zen­tra­lis­ti­sche und kon­ser­va­tiv gepräg­te Ver­fas­sung ein)

Ori­gi­nal­quel­len der dama­li­gen Aus­ein­an­der­set­zung zwi­schen San­tan­der und Nari­ño sind:

  • San­tan­der: Arti­kel unter dem Pseud­onym “El Toro” in der von Nari­ño her­aus­ge­ge­be­nen Zei­tung “El Patrio­ta” (1823) (Kri­tik am Föde­ra­lis­mus und Plä­doy­er für die Ver­fas­sung von Cucu­tá, aber m.E. kein Plä­doy­er für Zen­tra­lis­mus, wie manch­mal behaup­tet wird, son­dern nur für die Ein­heit Kolum­bi­ens auf der Basis einer ver­fas­sungs­recht­li­chen Ord­nung, wie sie in Cucu­ta beschlos­sen wur­de und gegen die Selb­stän­dig­keit der drei Staa­ten, wie sie noch vor­her im Beschluss von Angus­te­ra vor­han­den waren: Vene­zue­la, Cun­di­na­mar­ca und Qui­to. Die Ver­fas­sung von Cucu­ta hat die­se Ein­hei­ten ja auf­ge­löst und an ihre Stel­le meh­re­re klei­ne­re Pro­vin­zen gesetzt. Vene­zue­la wur­de in drei, Neu­gra­na­da in vier Pro­vin­zen geglie­dert. Auch die regio­na­len Vize­prä­si­den­ten wur­den abge­schafft. An ihrer Stel­le wur­de das Amt des Inten­dan­ten geschaf­fen. Damit war die Ver­fas­sung von Cucu­tá im Grun­de eine zen­tra­lis­ti­sche Ver­fas­sung, die aber föde­ra­ti­ve Ele­men­te ent­hielt durch die Schaf­fung von ins­ge­samt acht Pro­vin­zen. Die­se föde­ra­ti­ven Ele­men­te waren aber nicht mehr iden­tisch mit den vor­an­ge­gen­a­ge­nen Staa­ten bzw. spa­ni­schen Ver­wal­tungs­ein­hei­ten und inso­fern wur­den sie als Absa­ge gegen den Föde­ra­lis­mus gese­hen. Da San­tan­der die­se Rege­lung mit Nach­druck unter­stütz­te, wur­de ihm vor­ge­wo­fern vom Föde­ral­si­ten zum Zen­tra­lis­ten mutiert zu sein. Aber das ist m.E. nicht wahr. Als Haupt­stadt wur­de Bogo­tá fest­ge­legt, was im Übri­gen eini­ge Vene­zo­la­ner ver­är­ger­te. (sie­he auch: Boli­vars Staats­theo­rie )
  • Anto­nio Nari­ño: Los Toros de Fucha (Mono­gra­phie 1823, Kri­tik der Kri­tik von San­tan­der und erst­mals der Begriff des “Patria Boba”)
  • Anto­nio Nari­ño: Ensayo de unnue­vo plan de admi­nis­tra­ción en el Nue­vo Rein­a­to de Nue­va­gra­na­da (1810 ?, Plä­doy­er für den Zen­tra­lis­mus)

Historischer Exkurs: Bolivars Staatstheorie

(Die fol­gen­den Aus­füh­run­gen stüt­zen sich weit­ge­hend auf Ger­hard Man­sur: Simon Boli­var und die Befrei­ung Süd­ame­ri­kas. Kon­stanz 1949, Süd­ver­lag, S. 333 ff, ins­be­son­der aber S. 340 ff)

Man muss beden­ken, dass zu der Zeit, in der Boli­var sei­ne demo­kra­ti­sche und repu­bli­ka­ni­sche Staats­auf­fas­sung ent­wi­ckel­te, es außer den USA und Hai­ti kei­ne Bei­spiel­se auf der Welt gab für ein der­ar­ti­ges Staats­ge­bil­de. Des­halb ist es auch nicht ver­wun­der­lich, dass ande­re Frei­heits­kämp­fer wie z.B. San Mar­tin oder O’Higgins ande­re, eher an mon­ar­chis­ti­sche Vor­bil­der ori­en­tier­ten. Boli­vars hat­te die Zusam­men­brü­che der ers­ten bei­den Repu­bli­ken, die ja nicht allein den mili­tä­ri­schen Schlä­gen, son­dern auch inter­nen Strei­tig­kei­ten geschul­det waren, ana­ly­siert und gelernt. Nach der Aus­ru­fung der drit­ten vene­zo­la­ni­schen Repu­blik 1818 ent­wi­ckel­te er nun eine sehr spe­zi­fi­sche Staats-Auf­fas­sung, die man m.E. durch­aus als Boli­vars Staats­theo­rie bezeich­nen kann (Genaue­res bei Masur S. 333 ff.) und die er beim ers­ten par­la­men­ta­ri­schen Kon­gress in Angos­tu­ra am 15. Febru­ar 1819 vor­stell­te.

Aus­gangs­punkt waren drei nor­ma­ti­ve Leit­bil­der, die alles wei­te­re bestim­men soll­ten:

  • Höchst­maß an Glück­se­lig­keit,
  • Höchst­maß an Sicher­heit
  • Höchst­maß an poli­ti­scher Bestän­dig­keit

Jeder Staat in Süd­ame­ri­ka, der die­sen drei Wer­ten gerecht wer­den woll­te, muss­te — so Boli­vars Über­zeu­gung — eine Repu­blik sein, in der Volks­sou­ve­rä­ni­tät, Gewal­ten­tei­lung, bür­ger­li­che Frei­heit, Abschaf­fung der Skla­ve­rei und Abschaf­fung aller mit der Mon­ar­chie ver­bun­de­nen Pri­vi­le­gi­en vor­herr­schen soll­ten. So weit so gut. Aber Boli­var war durch die Geschich­te, auch die der bei­den vor­an­ge­gen­a­ge­nen Ver­su­che eine Repu­blik in Vene­zue­la zu errich­ten, gewarnt. Er warn­te des­halb vor einer “abso­lu­ten Demo­kra­tie”. Boli­var kann­te die Schrif­ten der Auf­klä­rer und die Schrif­ten von Mon­tes­quieu, er hat­te die fran­zö­si­sche Revo­lu­ti­on ver­folgt und auch den Bona­par­tis­mus. Er woll­te des­halb eine Insti­tu­ti­on schaf­fen, die ggf. die frei gewähl­ten Abge­ord­ne­ten des Par­la­men­tes, in ihre Schran­ken ver­wei­sen konn­te und als Garant für die Sta­bi­li­tät fun­gie­ren könn­te. So schlug er ein Zwei-Kam­mern Sys­tem vor: Ein Abge­ord­ne­ten­haus (“Came­ra de Rep­re­sen­tan­tes”) und einen Senat, der aber eine Art Ober­haus dar­stell­te und aus erb­li­chen Sena­to­ren bestehen soll­te. Boli­var woll­te der Wech­sel­haf­tig­keit der Lau­nen des Vol­kes, dem Auf- und Ab der Volks­mei­nung einen Damm ent­ge­gen­set­zen (Masur S. 341). “Er glau­bee an die Nati­on aber nicht an die Mas­se. Die Volks­sou­ve­rä­ni­tät, schrieb er ein­mal, ist nicht unbe­grenzt, denn die Gerech­tig­keit ist ihre Grund­la­ge und die voll­kom­me­ne Nütz­lich­keit ihr Ziel. ‘Die meis­ten Men­schen ver­ken­nen ihre wah­ren Inter­es­sen …’” (Masur S. 341). Masur schreibt: ” Boli­vars Gedan­ken berüh­ren sich mit denen Napo­le­ons und neh­men das Sys­tem der faschis­ti­schen Füh­rer­schu­le vor­weg. Er ver­tei­dig­te sich gegen den Vor­wurf, einen neu­en Adel schaf­fen zu wol­len. Die Wür­de des Sena­tors wäre kein Titel, son­dern ein Amt, auf das sich die Anwär­ter vor­be­rei­ten müss­ten.” (S. 342). Masur sieht hier aber zumin­dest den Ver­such, eine neue Eli­te zu schaf­fen, die sich im Lau­fe der Zeit zu einem latein­ame­ri­ka­ni­schen Patri­zi­at ent­wi­ckeln wür­de. Hier sieht Masur die Schwä­che der boli­va­ri­schen Staats­auf­fas­sung, denn “die­ser Senat war unver­ein­bar mit den demo­kra­ti­schen Grund­rech­ten der Repu­blik ; und, was noch schwe­rer wog, es gab in der Wirk­lich­keit der latein­ame­ri­ka­ni­schen Völ­ker nichts, wor­auf er sich grün­den könn­te.” (S. 342)

Aber, so muss Man­sur kon­sta­tie­ren, in allen latein­ame­ri­ka­ni­schen Län­dern hat sich nach der Befrei­ung genau eine sol­che Eli­te her­aus­ge­bil­det, eine gesell­schaft­li­che Ober­schicht von viel­leicht nicht ein­mal zwei­hun­dert Fami­li­en in ganz Süd­ame­ri­ka, “eine Olig­ar­chie, die sich auf Tra­di­ti­on, Reich­tum, Boden­be­sitz und kapi­ta­lis­ti­schen Inter­es­sen grün­det. Aber die Vor­macht­stel­lung die­ser Olig­ar­chie ist anonym und dis­kret. Sie erscheint nicht in Staats­do­ku­em­netn und die Ver­fas­sun­gen igno­rie­ren sie. Der Jock­ei­club und der Coun­tryclub sind für ihre Macht wich­ti­ger als das Par­la­ment. Sie sit auch nicht her­me­tisch abge­schlos­sen, zögernd und lang­sam nimmt sie neue Fami­li­en auf­und erkennt wirt­schaft­li­che und poli­ti­sche Ver­diens­te an. (…) Der demo­kra­ti­schen Ideo­lo­ge zufol­ge sind alle gleich”, haben alle die­sel­ben rech­te, so “dass es, wie Ana­to­le Fran­ce sagen wür­de, auch den rei­chen ver­bo­ten ist, in den Haus­flu­ren zu schla­fen. Man muss die süd­ame­ri­ka­ni­schen Gesell­schaf­ten ken­nen, um zu ver­ste­hen, war­um der erb­li­che Senat Boli­vars eine Fehl­kon­struk­ti­on war. (S. 343).

Was die Exe­ku­ti­ve Gewalt betrifft, so hat Boli­var aus den Feh­lern der ers­ten Repu­blik gelernt. Er woll­te einen star­ken Prä­si­den­ten als Chef einer prä­si­dia­len Repu­blik. Man weiß dass Boli­var mit der Idee eines lebens­läng­li­chen Prä­si­den­ten lieb­äu­gel­te, sich aber hüte­te, dies in Angos­tu­ra zu arti­ku­lie­ren.

Boli­var hat­te auch die Idee einer “Vier­ten Gewalt” in Form einer Insti­tu­ti­on, die — den Zen­so­ren der römi­schen Repu­blik ver­gleich­bar — die sitt­li­che Erzei­hung über­wa­chen soll­te. “Die Vene­zo­la­ner, sag­te Boli­var, lie­ben ihr Vater­land, aber sie lie­ben die Geset­ze nicht, und sie lie­ben auch die Beam­ten des Staa­tes nicht.” (345) Die neue Insti­tu­ti­on soll­te die Repu­blik “von aller Fäul­nis rei­ni­gen, den Ego­is­mus, den Klein­mut, die Nach­läs­sig­keit anpran­gern. Aber Süd­maeri­ka hat­te nicht gera­de die spa­ni­sche Inqui­si­ti­on abge­schüt­telt, um sich schon wie­der einem neu­en Sit­ten­ge­richt zu unter­wer­fen. Die­se Idee war undurch­führ­bar. Er muss­te die Auf­ga­be der Sit­ten­kon­trol­le letz­lich doch wie­der der Kir­che über­las­sen “und jenem Areo­pag alter Damen, die noch heu­te in der süd­ame­ri­ka­ni­schen Gesell­schaft über Moral und Her­kom­men zu Gericht sit­zen, und die zuwei­len furcht­ba­rer sind als die spa­ni­sche Inqui­si­ti­on selbst.” (345 f.)

Es war also das Bild einer kon­ser­va­ti­ven, zen­tra­lis­ti­schen Repu­blik, “die Pla­nung eines Man­nes, der die Anar­chie fürch­te­te und dem Ins­tikt der Mas­sen miss­trau­te” und der Ver­such demo­kra­ti­sche und auto­ri­tä­re Ten­den­zen zu ver­ein­ba­ren. Boli­var war Repu­bli­ka­ner, aber ein gro­ßer Demo­krat war er sicher nicht. Das wird deut­lich, wenn man sich die Ver­fas­sun­gen ansieht, die spä­ter nach der Erobe­rung von Peru und Alto-Peru (Boli­vi­en) beschlos­sen wur­den. Boli­var han­del­te in die­sen bei­den Län­dern als Dik­ta­tor. Die boli­via­ni­sche Ver­fas­sung war eine auf einen Füh­rer aus­ge­rich­te­te Staats­ord­nung, die zudem noch mon­ar­chis­ti­sche Züge ent­hielt. Denn das Amt des Prä­si­den­ten und das des Vize­prä­si­den­ten waren ers­tens auf Lebens­zeit fest­ge­legt und zwei­tens erb­lich, was ange­sichts der Kin­der­lo­sig­keit von Boli­var eine etwas absur­de Rege­lung war. Viel­leicht stieg Boli­var sein Ruhm zu Kopf. So war es irgend­wie kon­se­quent, als Paez ihm 1825 vor­schlug, sich zum Kai­ser krö­nen zu las­sen, ähn­lich wie Napo­le­on es getan hat­te. Aber Mon­arch woll­te Boli­var nicht sein, die cäsa­ris­ti­sche Macht­fül­le, die ihm ange­bo­ten und auch — vor allem in Peru und Boli­vi­en zur Ver­fü­gung stand, genoss er aber sicht­lich. Den­noch sind die Gerüch­te, Boli­var lieb­äu­ge­le mit einer sol­chen Lösung, nie ganz ver­klun­gen. Nur in Kolum­bi­en selbst, wo die Ver­fas­sung von Cucu­tá zumin­dest bis 1831 Bestand haben soll­te, bevor man über eine ande­re Lösung nach­den­ken woll­te, stie­ßen die­se Plä­ne auf strik­te Ableh­nung. Ins­be­son­de­re San­tan­der, der Hüter der Ver­afs­sung, wehr­te sich gegen die­se cäsa­ris­ti­schen Gedan­ken.

Aus heu­ti­ger Sicht, war das Auf­zwin­gen der boli­via­ni­schen Ver­fas­sung auf Peru und der anschlie­ßen­de Ver­such, die­se auch in Kolum­bi­en ein­zu­füh­ren ein gro­ßer Feh­ler Boli­vars, der letzt­lich eine Ket­te von Reak­tio­nen in Gang gesetzt hat­te, die dann zum Zer­fall von Groß­ko­lum­bi­en führ­ten und auch alle Träu­me von Boli­var von einer gro­ßen Anden­re­pu­blik zunich­te mach­ten. Es ist die Tra­gik die­ses Man­nes, dass er alles was er sel­ber auf­ge­bau­te hat­te, letzt­lich durch sei­ne star­re Hal­tung mit zum Ein­sturz brach­te.

Historischer Exkurs: Simon Bolivars “Gran Colombia” (1819 — 1830)

Am 12. Dezem­ber 1819 wird im Kon­gress von Angus­tu­ra die Ver­ei­ni­gung des Vize­kö­nig­reichs Neu­gra­na­da und des Gene­ral­ka­pita­nats Vene­zue­la zur “Repu­bli­ca de Colom­bia” beschlos­sen (von His­troi­kern auch als “Groß­ko­lum­bi­en” bezeich­net, um es von der ers­ten Repu­blik Kolum­bi­en (nach der Unab­hän­gig­keit Neu­gra­na­das von Spa­ni­en im Jah­re 1810 bis zur Recon­quis­ta durch die Spa­ni­er im Jah­re 1816 und vom heu­ti­gen Staat Kolum­bi­en, der im Grun­de ledig­lich das Ter­ri­to­ri­um von Neu­gra­na­da umfasst, zu unter­schei­den. Nach dem Zer­fall von “Groß­ko­lum­bi­en” im Jah­re 1830 hieß Kolum­bi­en zunächst “Repu­blik Neu­gra­na­da” . Ab 1861 dann “Repu­bli­ca de Colom­bia”.)

Der Kon­gress von Angos­tu­ra 1819
Boli­var war ja nicht nur Heer­füh­rer, son­dern auch Prä­si­dent der (bis dato nur teil­wei­se befrei­ten) Repu­blik Vene­zue­la. Nun sah er die Gele­gen­heit sei­ne Visi­on von einer Ver­ei­ni­gung von Neu­gra­na­da und Vene­zue­la umzu­set­zen. Die Spa­ni­er hat­ten Neu­gra­na­da nahe­zu voll­stän­dig auf­ge­ben müs­sen. Ledig­lich Car­ta­ge­na und die Küs­ten­re­gi­on der Kari­bik, die Grenz­re­gi­on zu Ecua­dor sowie Cucu­ta war noch in spa­ni­scher Hand. In Bogo­tá wur­de San­tan­der damit beauf­tragt, eine zivi­le Ver­wal­tung auf­zu­bau­en, als Stell­ver­tre­ter des Libertadors.

Boli­var kehr­te nach Angos­tu­ra zurück. Dort woll­te er einen Kon­gress vor­be­rei­ten, der über den Zusam­men­schluss von Vene­zue­la, Neu­gra­na­da und der — nach wie vor von den Spa­ni­ern besetz­ten — Pro­vinz Qui­to (heu­te: Ecua­dor) zur “Repu­blik Kolum­bi­en” bera­ten und beschlie­ßen soll­te. Die­ser Beschluss wur­de am 17. Dezem­ber 1819 in Angos­tu­ra gefasst. Die­se soll­te drei gro­ße Depar­ta­ment­os umfas­sen: Vene­zue­la, Cun­di­na­mar­ca und Qui­to. Neben dem Prä­si­den­ten und dem Vize­prä­si­den­ten der Zen­tral­ge­walt soll­te jedes Depar­ta­men­to über einen eige­nen Gou­ver­neur ver­fü­gen, der der Titel “Vize­prä­si­dent” tra­gen soll­te. Boli­var wur­de ein­stim­mung zum Prä­si­den­ten gewählt, Zea (ein Neu­gra­na­di­ner) zum Vize­prä­si­den­ten. Die Vize­prä­si­den­ten der Depar­ta­ment­os wur­den San­tan­der (für Cun­di­na­mar­ca) und Roscio für Vene­zue­la. Roscio starb aller­dings kurz nach sei­ner Eren­nung. Sein Nach­fol­ger wur­de Gene­ral Anzuo­la, der aller­dings auch kurz nach der Befrei­ung Cara­cas’ 1820 starb. Dar­auf­hin ernann­te Boli­var, den kurz zuvor aus spa­ni­schem Ker­ker in Cadiz ent­las­se­nen Anto­nio Narño zum Vize­prä­si­den­ten Ven­zue­las. Qui­to war noch icht befreit. Des­halb wur­de die Wahl die­ses Vize­prä­si­den­ten ver­scho­ben. Gleich­zei­tig wur­de beschlos­sen im Janu­ar 1820 einen Kon­gress in Cucu­ta statt­fin­den zu las­sen, der dem neu­en Staat Kolum­bi­en eine demo­kra­ti­sche und repu­bli­ka­ni­sche Ver­fas­sung geben soll­te. Auch die Ent­schei­dung über die zukünf­ti­ge Haupt­stadt des Lan­des soll­te dort gefällt wer­den. In Bogo­tá wur­den eini­ge Tage spä­ter unter San­tan­ders Lei­tung, die Beschlüs­se von Angos­tu­ra in einer Nota­blen­ver­samm­lung ein­stim­mig gebil­ligt (Masur S. 385).

Die Ver­fas­sung von Cucu­ta 1821
Der Kon­gress von Cucu­ta wähl­te Boli­var zum Prä­si­den­ten der “Repu­bli­ca de Colom­bia”. Am 3. Okto­ber 1821 leg­te er den Amts­eid auf die neue Ver­fas­sung ab. Die­se Ver­fas­sung war in eini­gen Punk­ten anders als in den Beschlüs­sen von Angos­tu­ra. Der Prä­si­dent soll­te sein Amt nur für 4 Jah­re beklei­den und nur ein­mal wie­der­ge­wählt wer­den. Die Legis­la­ti­ve bestand aus zwei Kam­mern: einem Age­ord­ne­ten­haus, das auf vier Jah­re gewählt wird und einem Senat, der auf acht Jah­re gewählt wird (also nicht, wie Boli­var es sich wünsch­te lebens­lang). Es gab einen Vize­prä­si­den­ten und ein Kabi­nett bestehend aus fünf Staats­se­kre­tä­ren und einem Mit­glied des Obers­ten Gerichts­ho­fes. D.h. die regio­na­len Vize­prä­si­den­ten wur­den abge­schafft. An ihrer Stel­le wur­de das Amt des Inten­dan­ten geschaf­fen. Aber die drei in Angus­tu­ra vor­ge­schla­gen Depar­ta­ment­os wur­den ersetzt durch meh­re­re klei­ne­re Pro­vin­zen. Vene­zue­la wur­de in drei, Neu­gra­na­da in vier Pro­vin­zen geglie­dert. Als Haupt­stadt wur­de Bogo­tá fest­ge­legt, was eini­ge Vene­zo­la­ner ver­är­ger­te. Und auch die Skla­ve­rei wur­de, Boli­vars Ver­spre­chen zum Trotz, nicht grund­sätz­lich abge­schafft, son­dern nur für die Söh­ne und Töch­ter der gegen­wär­ti­gen Skla­ven. Boli­var hät­te ger­ne Nari­ño als Vize­prä­si­den­ten gehabt. Aber der konn­te ich bei den Par­la­men­ta­ri­ern nicht durch­set­zen. Des­halb schlug Boli­var dann San­tan­der vor, der auch gewählt wur­de.

Quin­ta Boli­var in Bogo­tá

Die Ein­nah­me von Qui­to
Boli­var über­ließ nun den Auf­bau und die Orga­ni­sa­ti­on des neu ent­stan­de­nen Staas­we­sen San­tan­der, wäh­rend er selbst sich mit zwei Divi­sio­nen und 3000 Mann nach Süden auf­mach­te, um die auf dem Papier bereits beschlos­se­ne Inte­gra­ti­on der Pro­vinz Qui­to auch prak­tisch zu voll­enden. Auf die­sem Marsch in den Süden des Lan­des stieß er v.a. in Pas­to auf hef­ti­gen Wider­stand. Die Bevöl­ke­rung dort war tra­di­tio­nell — und zwar bereits seit Beginn der Unab­hän­gig­keits­krie­ge — königs­treu und unter­stütz­te die spa­ni­sche Gar­ni­son. Die Spa­ni­er unter Oberst Don Basi­lio Gar­cia hat­ten sich bei Bom­bo­na vor­teil­haft auf­ge­stellt und lie­ßen Boli­var eigent­lich kaum eine Mög­lich­keit, erfolg­reich anzu­grei­fen. Er tat es den­noch, was aller­dings ledig­lich zu hohen Ver­lus­ten führ­te (ca. 1000 Mann, ein Drit­tel sei­ner Strei­macht, kamen ums Leben) und letzt­lich erfolg­los blieb. Die Ent­schei­dung zugi­uns­ten von Boli­var wur­de dann aller­dings doch noch her­bei­ge­führt, weil Suc­re mit der zwei­ten Divi­si­on an der Küs­te ent­lang mar­schier­te und — wäh­rend Boli­var die Spa­ni­er in
die Schlacht ver­wi­ckel­te — bei Pichin­cha nach Qui­to durch­bre­chen konn­te. Als Gar­cia hör­te, dass Qui­to gefal­len war und Suc­re mit sei­nen Leu­ten sich in sei­nem Rücken befand, gab er den Kampf auf und kapi­tu­lier­te. Boli­var zog in Qui­to ein, wur­de anders als in Pas­to enthu­si­as­tisch von der Bevöl­ke­rung begrüßt. Qui­to wur­de in die Repu­blik Kolum­bi­en als eigen­stän­di­ges Depar­ta­men­to ein­ge­glie­dert und Suc­re zu sei­nem prä­si­den­ten ernannt.

Gua­y­aquil und die Begeg­nung mit San Mar­tin
Auch Gua­y­aquil war — mit nicht wenig Druck von Sei­ten Boli­vars — bereit, die kolum­bia­ni­sche Ver­fas­sung anzu­er­ken­nen. In Gua­y­aquil gabe es drei Frak­tio­ne­ne: die eine woll­te eine unab­hän­gi­ge Pro­vinz Gua­y­aquil, die zwei­te ein Anschluss an Peru, wo sich San Mar­tin befabd, und dir drit­te einen Anschluss an Kolum­bi­en. San Mar­tin hoff­te auf die argen­ti­ni­sche Divi­si­on, die Boli­var in der Schlacht von Bomo­boná untertützt hat­te und die nun nach Gua­y­aquil zurück­keh­ren soll­te. Mit ihrer Hil­fe wür­de man den argen­ti­schi­schen Anspruch durch­set­zen kön­nen. Boli­v­ra aber hin­der­te die Divi­si­on aus Qui­to abzu­mar­schie­ren und rück­te statt­des­sen selbst am 11. Juli 1822 mit einer kolum­bia­ni­schen Divi­son in Guay­quil ein. Ein Teil der Bevöl­ke­rung begrüß­te ihn als Befrei­er, ein ande­rer als Occup­a­tor. Die Situa­ti­on war sehr auf­ge­la­den. Boli­var sag­te eine Volks­b­fra­gung zu, in der die Zuge­hö­rig­keit ent­schie­den wer­den soll­te. Durch die Anwe­sen­heit der kolum­bia­ni­schen Trup­pen, hoff­te er das Ergeb­nis beein­flus­sen zu kön­nen. Am 25. Juli lan­de­te jedoch völ­lig über­ra­schend San Mar­tin mit einem chi­le­ni­schen Kriegs­schiff im Hafen von Gua­y­aquil. (Vgl. Masur S. 443 ff.)

Historischer Exkurs: Die Befreiung Neugranadas

Den Unab­hän­gig­keits­kampf und die dar­auf­fol­gen­de Epo­che der ver­schie­de­nen kolum­bia­ni­schen Repu­bli­ken, in der mal eine föde­ra­lis­ti­sche und mal eine zen­tra­lis­ti­sche Staats­form domi­nier­te lässt sich spie­gel­strich­mä­ßig wie folgt dar­stel­len:

  • 1810 — Repu­bli­ca de Cun­di­na­mar­ca (zen­tra­lis­tisch unter Anto­nio Nari­ño, Sitz Bogo­tá) exis­tiert neben und der Repu­blik der Pro­vin­ci­as Uni­das (föde­ra­tiv unter Camil­lo Tor­res, Sitz Tun­ja). Bei­de bestan­den aber nur bis Recon­quis­ta der Spa­ni­er im Jah­re 1816)
  • 1819 — Repu­bli­ca de Colom­bia (“Gran Colom­bia”) nach dem Beschluss von Angos­tu­ra 1819 mit einer auf Boli­var zuge­schnit­te­nen zen­tra­lis­ti­schen Staats­form
  • 1830 — Repu­bli­ca de la Nue­va Gra­na­da (1853 libe­ra­le Ver­fas­sungs­re­form nach dem Brü­ger­krieg 1851. Erneu­ter Bür­ger­krieg 1854 )
  • 1858 — Con­fe­der­a­ción Gra­na­di­na (föde­ra­ti­ve Struk­tur mit 8 Ein­zel­staa­ten und einem Zen­tral­par­la­men, 1860 — 1863 Bür­ger­krieg)
  • 1863 — Esta­dos Uni­dos de Colom­bia (Radi­kal-libe­ra­le und lai­zis­ti­sche Ver­afs­sung v. 8. Mai 1863 (Rio Negro, Mos­que­ra), neun weit­ge­hend unab­hän­gi­ge Ein­zel­staa­ten, aber erneu­te Bür­ger­krie­ge 1876–1877 und 1885 als die Libe­ra­len sich gegen Prä­si­dent Rafa­el Nuñez erho­ben.)
  • 1886 — Repu­bli­ca de Colom­bia (Nuñez sieg­te, grün­de­te die Par­ti­do Nacio­nal und führ­te eine zen­tra­lis­ti­sche und kon­ser­va­tiv gepräg­te Ver­fas­sung ein)

Deklaration der Unabhängigkeit

Nach der Gefan­gen­nah­me und Abset­zung des spa­ni­schen Königs Fer­nan­do VII durch Napo­le­on setz­te die­ser “sei­nen Bru­der Joseph zum neu­en König von Spa­ni­en ein. Die Macht der von König Josef geführ­ten Regie­rung und Ver­wal­tung reich­te aber nicht über ganz Spa­ni­en. Ande­rer­seits wur­den die Anord­nun­gen des Rey Intru­so (uner­wünsch­ten Königs) von Tei­len der spa­ni­schen Ver­wal­tung igno­riert. Dar­auf­hin bil­de­ten sich in ganz Spa­ni­en, beson­ders aber in den nicht von fran­zö­si­schen Trup­pen beherrsch­ten Gebie­ten Jun­tas Pro­vin­cia­les, die eine ört­li­che Ver­wal­tung an den von König Josef getrof­fe­nen Anord­nun­gen vor­bei orga­ni­sier­ten. Die­se Jun­tas bil­de­ten sich teil­wei­se aus vor­han­de­nen Insti­tu­tio­nen wie z. B. Stadt­rä­ten und Regio­nal­ver­samm­lun­gen. Um auch über­re­gio­na­le Ange­le­gen­hei­ten, beson­ders die Auf­stel­lung und Aus­rüs­tung einer Befrei­ungs­ar­mee oder den Kon­takt mit dem Aus­land, regeln zu kön­nen, war es nötig, eine Dach­or­ga­ni­sa­ti­on die­ser Jun­tas zu bil­den. Ver­tre­ter der Jun­tas Pro­vicia­les bil­de­ten im Sep­tem­ber 1808 eine Jun­ta Supre­ma Cen­tral y Guber­na­ti­va del Rei­no.” (Wiki­pe­dia: Jun­ta Supre­ma Cen­tral).

Die Grün­dung der Jun­ta Supre­ma Cen­tral y Guber­na­ti­va del Rei­no wur­de nicht als ein revo­lu­tio­nä­rer Akt gese­hen, bei dem die Regie­rung des Königs oder gar der König Fer­di­nand VII. sel­ber durch Ver­tre­ter der Bevöl­ke­rung ersetzt wur­den. Die­se Jun­ta gab alle ihre öffent­li­chen Erklä­run­gen im Namen des Königs Fer­di­nand VII. ab. Die Ein­set­zung der Jun­ta fand am 25. Sep­tem­ber 1808 in einem fei­er­li­chen Akt in der Schloss­kir­che in Aran­ju­ez statt, bei dem die Mit­glie­der auf König Fer­di­nand ver­ei­digt wur­den. Die Jun­ta ver­leg­te im Novem­ber 1808 ihren Sitz erst in die Extre­ma­du­ra, dann nach Sevil­la und end­lich auf die Isla de León bei Cádiz.” (Wiki­pe­dia: Jun­ta Supre­ma Cen­tral).

Um sicher­zu­stel­len, dass die spa­ni­schen Kolo­ni­en der spa­ni­schen Kro­ne treu blie­ben und nicht ins napo­leo­ni­sche Lager über­lie­fen rief die Jun­ta Supre­ma in Sevil­la dazu auf, auch in den Kolo­ni­en der­ar­ti­ge Jun­tas zu grün­den. Es wur­den königs­treue Abge­sand­te in die Kolo­ni­en geschickt, die dort den Vor­sitz der Jun­tas über­neh­men soll­ten. Nach Bogo­tá wur­de Juan José Llo­ren­te geschickt, um die Grün­dung einer Jun­ta unter dem Vor­sitz des Vize­kö­nigs zu orga­ni­sie­ren. Dies wird aber von Bogo­ta­nern nicht aner­kannt. Statt­des­sen wird José Miguel Pey zum Vor­sit­zen­den gewählt, der Vize­kö­nig für abge­setzt erklärt, zusam­men mit sei­nen füh­ren­den gen­rä­len (unter ihnen der wegen sei­ner Grau­sam­keit gegen Auf­stän­di­sche bekann­te Juan de Sama­no, der spä­ter noch eine wich­ti­ge Rol­le im Unab­hän­gig­keis­krieg spie­len soll­te, nach Spa­ni­en zurück­ge­schickt. Das war am 20. Juli 1810. Die­ses Datum wird heu­te in Kolum­bi­en als Tag der Unab­hän­gik­eit gefei­ert, obwohl es bis zur Unab­hän­gi­gek­ti noch ein wei­ter Weg und zehn Jah­re Krieg war.

Die Kreo­len (in Kolum­bi­en gebo­re­ne Nach­fah­ren der Spa­ni­er. Im Gegen­satz dazu: Mes­ti­zen sind die aus gemisch­ten Ehen her­vor­ge­gan­ge­nen Ein­woh­ner. Im Grun­de sind aber — heut­zu­ta­ge — nahe­zu alle Latein­ame­ri­ka­ner Mes­ti­zen, wie gene­ti­schen For­schun­gen in letz­ter Zeit gezeigt haben) nutz­ten die Auf­for­de­run­gen zur Grün­dung von loka­len Jun­tas nicht wie von den Spa­ni­ern gewünscht, um die Treue zum Königs­haus zu mani­fes­tie­ren, son­dern die in den letz­ten Jah­ren immer wie­der dis­ku­tier­te Fra­ge nach einer Unab­hän­gik­eit, durch­zu­set­zen. Es wur­de eine Rei­he von Jun­tas gegrün­det, die aller­dings kei­nes­weg eine ein­heit­li­che Posi­ti­on zu die­ser Fra­ge bezo­gen.

Die Rebel­li­on begann im Grun­de aber schon im Jahr 1808, als der Auf­ruf zur Bil­dung von Jun­tas de Gobi­er­no aus Sevil­la erfolg­te. Zunächst war es nur zag­haf­ter Zwei­fel und vor­sich­ti­ger Wider­stand. Das Jahr 1810 stand aber ganz im Zei­chen einer offe­nen Wei­ge­rung der Kreo­len den Anord­nun­gen der Spa­ni­er Fol­ge zu leis­ten. Es ging jetzt Schlag auf Schlag: Am 3. Juli bil­de­te sich eine Jun­ta in Cali, einen Tag spä­ter in Pam­plo­na, am 10. Juli in Socor­ro, am 20. Juli in San­ta­fé (Bogo­tá), am 25. in Tun­ja und am 26. in Mari­qui­ta. Am 4. August folg­ten Nei­va, am 6. Mom­pos, am 10. San­ta Mar­ta, am 11. Popa­yan, am 13. Car­ta­ge­na und am 31. August Quib­do. Am 1. Sep­tem­ber folg­te Medel­lin, am 7. Iba­gue (Quel­le: Ger­mán Rod­ri­go Mejía Pav­o­ny: La Patria Boba? Sema­na v. 18.7.2009).

Nun gabe es aber enor­me Mei­nungs­ver­schie­den­hei­ten zwi­schen den ver­schie­de­nen Jun­tas in Bezug auf die anzu­stre­ben­de Regie­rungs­form. Eini­ge woll­ten sich an die Anwei­sun­gen aus Sevil­la hal­ten und streb­ten eine kon­sti­tu­tio­nel­le Mon­ar­chie an, die ja auch in Spa­ni­en ange­strebt wur­de, nach der Nie­der­la­ge Napo­le­ons aber wie­der rück­gän­gig gemacht wur­de.

San­ta­fé (Bogo­tá) spiel­te wäh­rend der Kolo­ni­la­zeit wegen sei­ner Rol­le als Sitz des Vize­kö­nigs zwar eine domi­nie­ren­de Rol­le in Neu­gra­na­da, aber es war kei­nes­wegs das öko­no­mi­sche, poli­ti­sche und geis­ti­ge Zen­trum, so wie es heu­te der Fall ist. Ande­re Städ­te, v.a. Car­ta­ge­na stan­den der Bedeu­tung San­ta­fés nicht nach. Inso­fern war es kei­nes­wegs selbst­ver­ständ­lich, dass die ver­schie­de­nen Jun­tas de Gobi­er­no sich der Jun­ta in Bogo­tá unter­ord­nen wür­den. Tra­di­tio­nell bean­spruch­te Bogo­tá aber die Füh­rungs­rol­le, die eini­ge ande­re Pro­vin­zen in Fra­ge stell­ten und bei­spiels­wei­se der wich­tigs­te Kari­bik­ha­fen der Lan­des, Car­ta­ge­na de Indi­as, wäre selbst gern füh­rend tätig gewe­sen. Die sich über mehr als ein Jahr hin­zie­hen­den Mei­nungs­ver­schie­den­hei­ten führ­ten Anfang 1812 zu einem Umzug des Kon­gres­ses des Bun­des der Pro­vin­zen Neu-Gra­na­das von Bogo­tá (über Iba­gué) nach Tun­ja.

Die erste Republik: “Cundinamarca” und die “Provincias Unidas de Nueva Granada”

(Quel­len: G. Masur 1949; Wiki­pe­dia “Ers­te Repu­blik Kolum­bi­en”, Sema­na v. 18.7.2009)

Nach der Unab­hän­gig­keits­er­klä­rung vom 20. Juli 1810 bil­de­te sich auf dem Ter­ro­to­ri­um von Neu­gra­na­da ein Staat, der im Grun­de aus zwei Staa­ten bestand: Zum einen aus einem zen­tra­lis­tisch auf­ge­bau­ten Staat auf dem Gebiet von Cun­di­na­mar­ca, wo Anto­nio Nari­ño zum Prä­si­den­ten ernannt wur­de, zum ande­ren eine Ver­ei­ni­gung unab­hän­gi­ger Staa­ten, der frü­he­ren Ver­wal­tungs­ein­hei­ten, die Camil­lo Tor­res zu ihrem Spre­cher mach­ten. (G. Masur, S. 168 f.) Bei­de Sei­ten bekämpf­ten sich nicht nur ideo­lo­gisch, son­dern auch mili­tä­risch.

Nach der Aus­ru­fung der Repu­blik wur­den Ände­run­gen in der Besteue­rung der Hazi­en­das durch­ge­setzt, die das wirt­schaft­li­che Rück­grat der Kolo­ni­al­ge­bie­te waren, und die Indi­gi­nas von Tri­but­zah­lun­gen befreit und recht­lich gleich­ge­stellt. Die Skla­ven­be­frei­ung wur­de inten­siv dis­ku­tiert, aber nur in Antio­quia umge­setzt, weil es Pro­vin­zen gab, die mehr­heit­lich aus Indi­ge­nen und Skla­ven bestan­den. Der Han­del, der bis dato nur mit dem kolo­nia­len Mut­ter­land erlaubt war, wur­de frei­ge­ge­ben und die Ver­wal­tung neu geord­net.

Mili­tä­risch war das Land nicht unter Kon­trol­le einer der bei­den Par­tei­en gebracht wor­den. An der Nord­küs­te war nur Car­ta­ge­na im Wes­ten in den Hän­den der Sepa­ra­tis­ten, die sich stän­dig Kämp­fe mit den Roya­lis­ten aus San­ta Mar­ta und Rio­hacha um die Vor­herr­schaft am unte­ren Río Mag­da­le­na lie­fer­ten. Im Nord­os­ten war der Grenz­be­reich zu Vene­zue­la in der Anden­re­gi­on immer dann schwer in Bedräng­nis, wenn die Sepa­ra­tis­ten in Vene­zue­la geschla­gen waren und die Spa­ni­er Feld­zü­ge nach Neu-Gra­na­da orga­ni­sier­ten. Das größ­te Pro­blem der Auf­stän­di­schen war jedoch über Jah­re hin­weg der Süden des Lan­des, vor allen das Kir­chen­zen­trum Pas­to in der dama­li­gen Pro­vinz Popayán. Auch in den ande­ren Lan­des­tei­len gab es gele­gent­lich Kämp­fe zwi­schen Königs­treu­en und Sepa­ra­tis­ten, deren Bedeu­tung meist jedoch lokal beschränkt blieb. Wo dies nicht der Fall war, griff der Bun­des­kon­gress, soweit er dazu in Lage war, hel­fend ein.

Der Streit zwi­schen den bei­den Prot­ago­nis­ten, dem Prä­si­den­ten der Cun­di­na­mar­ca (um die Haupt­stadt Bogo­tá), Anto­nio Nari­ño, und dem Prä­si­den­ten des Bun­des­kon­gres­ses, Cami­lo Tor­res y Ten­orio, ver­schärf­te sich bis zum Bür­ger­krieg inner­halb der Patrio­ten um den Jah­res­wech­sel 1812/1813. Es sieg­te schließ­lich der Zen­tra­lis­mus über den Föde­ra­lis­mus. Obwohl sich wei­ter­hin ein­zel­ne Gemein­den und Pro­vin­zen der zen­tra­lis­ti­schen Haupt­stadt anschlie­ßen woll­ten, schaff­te der mili­tä­ri­sche Sie­ger Nari­ño es nicht, die not­wen­di­ge Lan­des­ein­heit her­zu­stel­len. Im Gegen­teil: der Bun­des­kon­gress der Föde­ra­lis­ten bau­te im Gegen­teil sei­ne Macht­po­si­ti­on aus, auch indem er sich der Unter­stüt­zung von Simón Bolívar ver­si­cher­te, der gera­de für sei­nen erfolg­rei­chen Mag­da­le­na-Feld­zug (im Auf­trag Car­ta­ge­nas) zum Bri­ga­de­ge­ne­ral der Neu­gre­na­di­ner Uni­on ernannt wor­den war und sich anschick­te, Vene­zue­la für sei­ne Zwei­te Repu­blik zu erobern. Die fort­ge­setz­ten Strei­tig­kei­ten zwi­schen den Föde­ra­lis­ten und den Zen­tra­lis­ten sorg­ten für unnö­ti­ge Ver­sor­gungs­schwie­rig­kei­ten im Kampf gegen die Spa­ni­er.

Rei­ter­denk­mal von Simon Boli­var in Medel­lin

Inter­es­sant ist, dass Nari­ño zehn Jah­re spä­ter (nach den Beschlüs­sen über die Ver­fas­sung von Cucu­tá) genau die gegen­sätz­li­che Posi­ti­on ver­trat, näm­lich für den Föde­ra­lis­mus ein­trat (A. Nari­ño: Los Toros de Fucha). Sein Gegen­spie­ler war nun Fran­cis­co Pau­la San­tan­der (F.P. San­tan­der: El Patrio­ta), der für einen star­ken Zen­tral­staat ein­trat, den er jedoch zehn Jah­re zuvor, als er einer der füh­ren­den Offi­zie­re der Ejér­ci­tos de las Pro­vin­ci­as Uni­das war, noch abglehnt hat­te. Über die Grün­de für die­se Gesin­nungs­wech­sel muss noch gere­det wer­den.

Die spanische “Reconquista” 1813 bis 1819

In Neu­gra­na­da waren die Sepa­ra­tis­ten zunächst noch in den Streit zwi­schen Föde­ra­lis­mus und Zen­tra­lis­mus invol­viert, bevor sie sich dem eigent­li­chen Geg­ner zuwen­den konn­ten. Ein ers­ter Feld­zug der Spa­ni­er hat­te bereits zu Nie­der­la­gen der Patrio­ten Neu-Gra­na­das geführt. Durch sei­ne Offen­si­ve, die von Cúcu­ta aus begann, hielt sie Bolívar von wei­te­ren Ein­fäl­len in die Grenz­pro­vinz Pam­plo­na ab, aber noch im sel­ben Jahr ent­stand eine königs­treue Gue­ril­la, die Fran­cis­co de Pau­la San­tan­der, der die Siche­rung der Grenz­re­gi­on über­nom­men hat­te, der­art in Bedräng­nis brach­te, dass die Pro­vinz dem ent­schei­den­den Feld­zug von Sebas­ti­an de la Calza­da nach dem Unter­gang der Zwei­ten Repu­blik in Vene­zue­la zu wenig ent­ge­gen­zu­set­zen hat­te. Mit Mühe und eini­gen her­ben Nie­der­la­gen gelang es, die Spa­ni­er auf­zu­hal­ten, aber die in ande­ren Lan­des­tei­len drin­gend benö­tig­ten Trup­pen waren hier gebun­den.

Zum Jah­res­en­de flamm­ten die Kämp­fe mit den Spa­ni­ern vor allen im Süden der Pro­vinz auf. Pas­to war uner­schüt­ter­lich in sei­ner Spa­ni­en­treue und eine Rei­he von Expe­di­tio­nen wur­de gestar­tet, um die Stadt der befrei­ten Pro­vinz anzu­glie­dern. Einer die­sen frü­hen Feld­zü­ge brach­te den kurz­zei­ti­gen Besitz der Stadt, aber der Prä­si­dent von Popayán selbst gab den Königs­treu­en selbst die Mög­lich­keit wie­der die alte Herr­schaft zu über­neh­men. Trotz eines erfolg­rei­chen Befrei­ungs­feld­zu­ges (Schlacht von Pas­to) schei­ter­te auch im Mai 1814 der aus Bogo­tá mit einem Heer gekom­me­ne Prä­si­dent der Cun­di­na­mar­ca, Anto­nio Nari­ño. Zwar sieg­ten die neu­gra­na­di­ni­schen Trup­pen über die von Juan Samo­go ange­führ­ten spa­ni­schen Trup­pen aber Nari­ño geriet dabei in die Hän­de der Spa­ni­er, die ihn bis 1820 auf der ibe­ri­schen Halb­in­sel in Fes­tungs­haft hiel­ten.

Mit dem Aus­fall des füh­ren­den Zen­tra­lis­ten Nari­ño gewan­nen inner­halb der Repu­blik Neu­gra­na­da der Bund der Pro­vin­zen an Gewicht, aber erst Bolívar, der nach dem Ver­lust sei­ner zwei­ten vene­zo­la­ni­schen Repu­blik erneut nach Neu-Gra­na­da geflo­hen war, befrie­de­te die Anhän­ger Nari­ños in Bogo­tá mili­tä­risch um den Jah­res­wech­sel 1814/1815. Nach der mili­tä­ri­schen Nie­der­la­ge in Vene­zue­la und dem Unter­gangd er zwei­ten vene­zo­la­ni­schen Repu­blik war Simon Boli­va nach Car­ta­ge­na geflo­hen. Dort woll­te er sich ähn­lich wie bereits 1812 in den Dienst der Ver­ei­nig­te Pro­vin­zen stel­len. Er reis­te 1814 nach Tun­ja, wo er dem Kon­gress die Umstän­de des Zusam­men­bruchs der zwei­ten vene­zo­la­ni­schen Repu­blik dar­leg­te. Er mach­te auf die Gefahr auf­merk­sam, die von den spa­ni­schen Trup­pen aus­ging und for­der­te mehr Ein­heit der neu­gra­na­di­ni­schen Gesell­schaft. Er wur­de dar­auf­hin beauf­tragt, mit einem Expe­di­ti­ons­heer die Haupt­stadt Bogo­tá (und das sich als eige­nen Staat ver­ste­hen­de) Cun­di­na­mar­ca für die ver­ei­nig­ten Pro­vin­zen zu unter­wer­fen. Das gelang auch. Am 12. Dezem­ber 1814 zog er in Bogo­tá ein. Neu­gra­na­da war somit in einer Hin­sicht ver­eint, es war nun eine föde­ra­ti­ve Repu­blik und der seit 1810 schwe­len­de Bür­ger­krieg zwi­schen Föde­ra­lis­ten und Zen­tra­lis­ten war been­det.

Aber unge­fähr zur glei­chen Zeit (Janu­ar 1815) setz­te der nach Napo­le­ons Rück­zug aus Spa­ni­en wie­der­ein­ge­setz­te König Fer­nan­do II eine gro­ße spa­ni­sche Expe­di­ti­ons­flot­te unter Pablo Moril­lo in Marsch, um sich sei­ner Rech­te in den Kolo­ni­en zu ver­si­chern. Mit 18 Kriegs- und 40 Trans­port­schif­fen und mehr als 12.000 Mann (G. Masur S. 249) lan­de­te Moril­lo in Vene­zue­la und besetz­te zuerst Vene­zue­la und anschlie­ßend Neu­gra­na­da. Cara­cas wur­de von Moril­los Trup­pen bereits am 11. Mai 1814 ein­ge­nom­men. Die zwei­te vene­zo­la­ni­sche Repu­blik war unter­ge­gan­gen. Damit konn­te Moril­lo sich nun gegen Neu­gra­na­da wen­den.

Im August 1815 erreich­te Moril­lo mit sei­nem Heer und sei­ner Flot­te Car­ta­ge­na, unter­stützt vom Bezwin­ger Bolívars in Vene­zue­la, Fran­cis­co Tomás Mora­les. Bela­gert von Land und See hielt sich die Stadt über drei Mona­te. Als Moril­lo nach der größ­ten­teils geschei­ter­ten Mas­sen­flucht der Sepa­ra­tis­ten über das Meer in die Stadt ein­zog, ohne dass irgend­je­mand kapi­tu­liert hät­te, lagen Hun­der­te ver­hun­gert in den Stra­ßen. Der Krieg hat­te zwei Drit­tel der Bevöl­ke­rung des vor dem Krieg 16.000 Ein­woh­ner beher­ber­gen­den Hafens das Leben gekos­tet. Auch ein Drit­tel von Moril­los zehn­tau­send Bela­ge­rern war tot, die meis­ten aller­dings an Krank­hei­ten gestor­ben.

Die­ser teu­re Sieg war der Auf­takt zur Rück­erobe­rung des gan­zen Lan­des. Die aus Vene­zue­la ein­ge­drun­ge­nen Roya­lis­ten auf der nörd­li­chen Ost­kor­dil­le­re besieg­ten die Sepa­ra­tis­ten selb­stän­dig und ebne­ten die­sen Teil des Weges für Moril­los Rück­erobe­rung. Die letz­te Regie­rung floh ange­sichts der vor­rü­cken­den Spa­ni­er nach Süden. Dort war aber breits ein von Qui­to aus ein spa­ni­sches Heer unter Juan Samo­go in Marsch gesetzt wor­den, dass zah­len­mä­ßig und aus­rüs­tungs­mä­ßig den Neu­gra­na­di­ni­ern über­le­gen war. Den­noch wag­ten die Neo­gra­na­di­ner den Angriff auf das fast drei­mal so star­ke Heer der Spa­ni­er aus Ecua­dor und wur­de dabei voll­kom­men auf­ge­rie­ben. Ledig­lich einem klei­nen Teil der Repu­bli­ka­ner gelang die Flucht.

Doch noch vor Moril­los Lan­dung in Venez­eu­la war auch im Nor­den das Ter­ri­to­ri­um von Neu­gra­na­da durch die Spa­ni­er bedroht wor­den. Nach dem Sieg gegen Boli­var mar­schier­te der spa­ni­sche Gene­ral Fran­cis­co Mora­les an der Karib­küs­te über Mara­cai­bo, Rio­hacha, San­ta Mar­ta Rich­tung Car­ta­ge­na. Boli­var war den Spa­ni­ern von Bogo­tá aus gegen Nor­den ent­ge­gen­ge­zo­gen (24. Janu­ar 1815) und hat­te anfangs auch eini­ge Erfol­ge. So wur­de Mom­pox von den Spa­ni­ern zurück­ge­won­nen. Aber ein ent­schlos­se­nes und rasches Nach­set­zen auf die sich zurück­zie­hen­den spa­ni­schen Trup­pen schei­ter­te an inter­nen Strei­tig­klei­ten zwi­schen Boli­var und dem Gene­ral Cas­til­lo, der in Car­ta­ge­na das Kom­man­do führ­te und Boli­var jede Auto­ri­tät für eine gemein­sa­me Stra­te­gie gegen die Spa­ni­er absprach. Boli­var mach­te nun den Feh­ler, sei­ne Posi­ti­on mit Gewalt durch­set­zen zu wol­len und bela­ger­te Car­ta­ge­na. Als dies erfolg­los blieb, und statt­des­sen die spa­ni­schen Trup­pen, die in Vene­zue­la gelan­det waren, erst Bar­ran­quil­la erober­ten und auf Car­ta­ge­na zumar­schier­ten, sah er die Sinn­lo­sig­keit die­ser Bela­ge­rung, gab er den Ober­be­fehl ab (7. Mai 1815) und segel­te frus­triert auf einem eng­li­schen Kriegs­schiff (von Car­ta­ge­na aus???) nach Jamai­ka. Hier ver­fass­te er sei­nen berühm­ten Brief aus Jamai­ca, in dem er sei­ne Visi­on über ein künf­ti­ges Süd­ame­ri­ka dar­leg­te. Im Dezem­ber erhielt er aus dem von Moril­los Trup­pen bela­ger­ten Car­ta­ge­na einen Hil­fe­ruf und das Ange­bot den Ober­be­fehl über die Ver­tei­di­gung zu über­neh­men. Er zöger­te nicht, schiff­te sich am 18. Dezem­ber ein, um dann aber die Nach­rift zu erhal­ten dass die Stadt bereits am 6. Dezem­ber 1815 gefal­len war. Es war also zu spät. Boli­var ließ den Kurs wech­seln und segel­te nach Hai­ti.

Ein hal­bes Jahr spä­ter nach der Ein­nah­me Car­ta­ge­nas zogen die Spa­ni­er auch sieg­reich in Bogo­tá ein (am 6. Mai 1816). Damit war nun auch die ers­te kolum­bia­ni­sche Repu­blik, die Repu­blik der “Esta­dos Uni­dos de Nuve­gra­na­da, unter­ge­gan­gen Die kolum­bia­ni­schen Trup­pen konn­ten dem spa­ni­schen Vor­marsch nichts ent­ge­gen­set­zen. Das kolum­bia­ni­sche Heer wur­de voll­kom­men auf­ge­rie­ben. Tun­ja wur­de besetzt eben­so wie Bogo­tá. Camil­lo Tor­res wur­de von den Spa­ni­ern erschos­sen. San­tan­der, Urda­ne­ta, Mari­ño, Piar und Ber­mu­dez konn­ten sich aber ret­ten und began­nen einen Gue­ril­la­krieg gegen die Spa­ni­er zu organisieren.(G. Masur, S. 250).

Moril­lo, der als “Paci­fi­ca­dor”, Frie­dens­brin­ger, in die Geschich­te ein­ging, ließ mit bru­ta­ler Här­te durch­grei­fen und ver­folg­te alle, die in den Ver­dacht gerie­ten, sepa­ra­tis­tisch gewe­sen zu sein, unnach­gie­big. Allein 7.000 voll­streck­te Todes­ur­tei­le ver­zeich­ne­ten die Spa­ni­er selbst. Die in den Kämp­fen Gefal­le­nen und nach der Nie­der­la­ge ohne Pro­zess ermor­de­ten Patrio­ten über­stei­gen die­se Zahl noch. Ent­eig­nun­gen und Ker­ker­haft bezie­hungs­wei­se Zwangs­ar­beit stan­den an der Tages­ord­nung. Die Frau­en der füh­ren­den Patrio­ten wur­den nach der Hin­rich­tung ihrer Män­ner aus Bogo­tá in königs­treue Gemein­den im gan­zen Land umge­sie­delt. Bis zum Erobe­rungs­feld­zug von Bolívar, der mit der Schlacht von Boyacá am 7. August die Herr­schaft der Kolo­ni­al­her­ren in Neu-Gra­na­da brach, änder­te sich an den Macht­ver­hält­nis­sen nichts.

Die Befreiung 1819 (Boyacá) und 1824 (Ayacucho)

Die Befrei­ung Neu­gra­na­das war das Resul­tat eines stra­te­gi­schen Schach­zu­ges von Boli­var, das sei­nes­glei­chen sucht. Er war 1816 über Hai­ti nach Vene­zue­la mit einem klei­nen Expe­di­ti­ons­korps zurück­ge­kehrt und in einem Gue­ril­la­krieg den Osten Vene­zue­las zurück­ge­won­nen, ins­be­son­de­ren Gua­ya­na und den Ori­no­ko. Dort konn­ten sie sich im Osten des Ori­no­ko fest­set­zen und sogar einen eige­nen Staat aus­ru­fen, die drit­te Repu­blik Vene­zue­la, mit der pro­vi­so­ri­schen Haup­stadt Angos­tu­ra, solan­ge Cara­cas noch von den Spa­ni­ern gehal­ten wur­de. Doch anstatt wie von Moril­lo erwar­tet, von die­sem repu­bli­ka­ni­schen ter­ri­to­rim den Ver­such zu unter­neh­men, den Nor­den Vene­zue­las anzu­grei­fen, mar­schier­te Boli­var mit eine Heer von ca. 2000 Mann über die Anden nach Neu­gra­na­da.

Hilfe aus Haiti

Hai­ti war neben den USA das ein­zi­ge freie Land in Ame­ri­ka. Boli­var wur­de von Prä­si­dent Alex­an­der Peti­on (ein ehe­ma­li­ger Skla­ve) herz­lich auf­ge­nom­men und in all sei­nen Plä­nen sehr unter­stützt. Über das Ver­hält­nis der bei­den schreibt G. Masur S. 272 ff etwas Bemer­kens­wer­tes. Peti­on knüpf­te sei­ne Unter­stüt­zung Boli­va­res aller­dings an eine Bedin­gung: Die Befrei­ung der Skla­ven! Boli­var ging dar­auf ein, was — wie sich spä­ter her­aus­stell­te — einen wich­ti­gen Umbruch in sei­ner Visi­on und Staats­theo­rie dar­stel­len soll­te. Nach Hai­ti hat­ten sich auch eini­ge vene­zo­la­ni­sche und neu­gra­na­di­ni­sche Offi­zie­re geflüch­tet. Mit die­sen plan­te Boli­var nun eine erneu­te Lan­dung in Vene­zue­la. Das klei­ne Expe­di­ti­ons­heer von 250 Mann erhielt Waf­fen von Peti­on und auch eine klei­ne Folt­te von sechs Scho­nern, mit dem man am 31. März 1816 (also noch vor dem Fall Bogo­tás) auf­brach. Die Lan­dung war zunächst ein Fias­ko. (Genau­es kann man bei G. Masur S. 272 ff. nach­le­sen). Ein zwei­ter Anlauf kalpp­te aller­dings, weil Boli­var sich auf den Osten Vene­zue­las kon­zen­trier­te, auf das Urwald­ge­biet Gua­ya­nas. Von dort aus konn­te er zunächst den Fluss­lauf des Ori­no­cos befrei­en und nach­dem er sich mit Paez ver­bür­dern konn­ten die Repu­bli­ka­ner — nach sehr wech­seln­dem Kriegs­glück — den gesam­ten Osten Ven­zue­las, d.h. das Gebiet Gua­ya­na, befrei­en.

Die Befreiung des Orinoko

Die inne­ren Strei­tig­kei­ten der mili­tä­ri­schen Füh­rer des repu­bli­ka­ni­schen Hee­res waren mit ein Grund für Boli­var, mög­lichst rasch geord­ne­te und qua­si-staat­li­che Struk­tu­ren in dem eror­ber­ten Gebiet zu eta­blie­ren. Nach­dem das Hin­ter­land des Ori­no­kos eror­bert war und mit ihm die bei­den wich­tigs­ten Städ­te Angos­tu­ra und Ciu­dad Gua­ya­na, wur­de am 1. Novem­ber 1817 die drit­te Repu­blik gegrün­det, die vor­serst noch auf das Gebiet öst­lich des Ori­no­kos beschränkt war und — da Cara­cas noch in fes­ter Hand der Spa­ni­er und damit uner­reich­bar war — mit Angos­tu­ra als pro­vi­so­ri­schen Haupt­stad (heu­te Ciu­dad Boli­var) (Masur S. 312 f). Beim Auf­bau die­ses neu­en Staats­we­sen zeig­te sich, dass Boli­var aus den Zusam­men­brü­chen der ers­ten bei­den Repu­bli­ken, die ja nicht allein den mili­tä­ri­schen Schlä­gen, son­dern auch inter­nen Strei­tig­kei­ten geschul­det waren, gelernt hat­te. Hier ent­wi­ckel­te er nun sei­ne Auf­fas­sung vom Staat, die man m.E. durch­aus als Boli­vars Staats­theo­rie bezeich­nen kann (Genaue­res bei Masur S. 333 ff.) und die beim ers­ten par­la­men­ta­ri­schen Kon­gress in Angos­tu­ra am 15. Febru­ar 1819 vor­stell­te.

Am 16. Febru­ar wur­de Boli­var zum ers­ten Staats­prä­si­den­ten der neu­en Repu­blik gewählt und, da die Repu­blik sich im Krie­ge befand, mit außer­or­dent­li­chen Voll­mach­ten aus­ge­stat­tet. Er war nun die unan­ge­zwei­fel­te Füh­rer­ge­stalt im Befrei­ungs­krieg.

Die Überquerung der Anden

Da sein Traum, Cara­cas und den Nor­den Vene­zue­las zurück­zu­er­obern nicht gelang, weil die Kräf­te­ver­hält­nis­se ein­fach nicht ent­spre­chend waren, ent­schloss er sich zu einem bei­spiels­lo­sen Coup. Anstatt dort anzu­grei­fen, wo Moril­lo es erwar­te­te, mar­schier­te er mit einer Grup­pe von ca. 2000 Mann über die Anden nach Neu­gra­na­da. Dort hat­ten sich in dem Grenz­ge­biet der Lla­nos zu Vene­zue­la, in Cas­a­na­re, die neu­gra­na­di­ni­schen Repu­bli­ka­ner unter San­tan­der fest­ge­setzt. Für die Spa­ni­er war es sehr schwie­rig, hier ein­zu­grei­fen, weil es ein sump­fi­ges und je nach Jah­res­zeit zwi­schen Tro­cken­zeit, Über­schwem­mung und Sumpf­ge­län­de wech­sel­te. Boli­var woll­te sich dort mit den Trup­pen San­tan­ders ver­ei­nen und die Spa­ni­er dann in Boya­ca über­ra­schen.

Die Spa­ni­er hat­ten eine Divi­si­on im Osten Vene­zue­las, zwei an den Pas­sa­gen, die in das Hoch­land von Cara­cas führ­ten und eine auf den Méri­da-Anden, an der West­gren­ze Vene­zue­las. In Neu­gra­na­da, das ziem­lich bru­tal unter­wor­fen wor­den war, soll­te eine ein­zi­ge Divi­si­on zur Ver­tei­di­gung aus­rei­chen. Ober­fehls­ha­ber die­ser Divi­si­on war der noch jun­ge Artil­le­rie­obers­ten José María Bar­rei­ro. Die Spa­ni­er hat­ten sich in Neu­gra­na­da auf zwei stra­te­gisch wich­ti­ge Punk­te kon­zen­triert: Bogo­tá und Car­ta­ge­na. In Bogo­tá befand sich Sama­go, der neue Vize­kö­nig, und Car­ta­ge­na war für Neu­gra­na­da und für das gan­ze spa­ni­sche Kolo­ni­al­reich “das Tor zur Welt”.

Bolívar ließ sei­nen Stell­ver­tre­ter in der Pro­vinz Apu­re, José Anto­nio Páez, ab der Jah­res­wen­de 1818/19 einen Ablen­kungs­feld­zug gegen Pablo Moril­lo füh­ren, der ihn glau­ben machen soll­te, dass Bolívar auf Vene­zue­la fixiert blie­be. Als die Feld­zug­sai­son wegen der Regen­zeit zu Ende ging (nas­ses Schieß­pul­ver erfor­dert zu viel Nah­kampf), stieß Bolívar mit über zwei­tau­send Mann unter äußerst schwie­ri­gen Bedin­gun­gen, da die Flüs­se über die Ufer getre­ten waren, von den Spa­ni­ern zu spät bemerkt, nach Cas­a­na­re, um sich dort mit den von San­tan­der auf­ge­stell­ten Trup­pen zu ver­ei­ni­gen. Páez hielt inzwi­schen die West­front Vene­zue­las gegen Moril­lo und führ­te einen unzu­rei­chend kur­zen Ablen­kungs­feld­zug am Fuß der Méri­da-Anden, wäh­rend ver­schie­de­ne Offi­zie­re die Spa­ni­er im Osten Vene­zue­las beschäf­tig­ten, wie Bolívar es geplant hat­te. In Tame, einem Ort in Cas­a­na­re an der Ost­sei­te der öst­li­chen Kor­dil­le­re, tra­fen San­tan­der und Boli­var auf­ein­an­der.

(Die fol­gen­den Absät­ze sind ent­nom­men aus: Ste­fan Becks Latein­ame­ri­ka­sei­ten)

Es gab zwei grö­ße­re Kolo­ni­al­stra­ßen, auf denen das Heer eini­ger­ma­ßen bequem auf die Ost­kor­dil­le­re gelan­gen konn­te, aber Ver­lus­te bei den zu erwar­te­ten Kämp­fen mit den Spa­ni­ern, die die Stra­ßen bewach­ten, ein­brin­gen wür­de. Der Weg dazwi­schen, über den fast vier­tau­send Meter hohen Para­mo (span.: Hoch­ebe­ne) de Pis­ba, wür­de Ver­lus­te in Form von Erschöp­fung und vor allem Erfrie­ren brin­gen, aber auf die­se Wei­se konn­ten sich die Patrio­ten län­ger unent­deckt hal­ten. Aus die­sem Grund zog Boli­var die­sen Weg vor. Er hat­te dies bereits bei der Vor­be­rei­tung gewußt, aber hat­te kei­ne Zeit mehr, um sei­nen Sol­da­ten wenigs­tens war­me Klei­dung zu beschaf­fen, von der eigent­lich nöti­gen Hoch­ge­birgs­aus­rüs­tung ganz zu schwei­gen.

Am 22. begann das mul­ti­na­tio­na­le Befrei­ungs­heer von Pore aus, wo die Trup­pen San­tan­ders war­te­ten, den Auf­stieg auf die Ost­kor­dil­le­re. Die aus Vene­zue­la gekom­me­nen Trup­pen hat­ten vor­her schon 600 Kilo­me­ter in einem Monat zurück­ge­legt. Im Tal des Rio Paypa began­nen die Patrio­ten ihren Marsch ins Gebir­ge. Im 900 Meter hoch gele­ge­nen Ort Paya traf San­tan­ders Vor­hut auf einen spa­ni­schen Außen­pos­ten, wo er die Spa­ni­er mit sei­ner nume­ri­schen Über­macht in die Flucht schlug. Nun wuss­ten die Spa­ni­er von der Anwe­sen­heit des Befreie­ungs­hee­res in Neu­gra­na­da. Nach­dem sie ihre Über­ra­schung über­wun­den hat­ten, setz­ten sie sich in Bewe­gung, um ihn beim Abstieg aus den Anden, emp­fan­gen zu kön­nen.

Monu­men­tal­denk­mal am Pan­ta­no de Var­gas

Von Paypa aus waren es nur vier Tages­etap­pen bis ins Tal des Rio Soga­mo­so, der heu­te Chi­ca­mocha heißt, nach Socha. Wegen der Stra­pa­zen, die einem Drit­tel der Sol­da­ten Boli­vars das Leben kos­te­ten, und weil die Dis­zi­plin zusam­men­brach, kamen die letz­ten Ver­spreng­ten erst Mit­te Juli auf der West­sei­te de Para­mo de Pis­ba an. Die unglaub­li­chen Stra­pa­zen des Auf­stiegs über den Pass des Pis­ba, ver­bun­den mit völ­lig unzu­rei­chen­der Beklei­dung, sorg­ten dafür, dass Bolívar etwa ein Drit­tel sei­ner Män­ner, um die tau­send Sol­da­ten, an Erschöp­fung und Käl­te star­ben (vgl. die ein­drucks­vol­le Schil­de­rung von Masur S. 349 ff). Boli­var war sei­nen Leu­ten vor­aus­ge­rit­ten und rich­te­te Ende Juni einen Auf­ruf an die Neu­gre­na­di­ner, in dem er bat, ihn zu unter­stüt­zen. Neben den vie­len Frei­wil­li­gen, die sich dem Heer anschlos­sen, aber sei­ne Ver­lus­te nicht aus­glei­chen konn­ten, tru­gen vie­le ört­li­che Gue­ril­la­trup­pen, die die Spa­ni­er beschäf­tig­ten und deren Trup­pen ban­den, ent­schei­dend zum Erfolg des Feld­zugs bei.

San­tan­ders Vor­hut erreich­te am 05. Juli Socha, wo sie auf den Rest des Hee­res war­te­te. Am 09. wuß­te Bar­rei­ro, der lan­ge im Dun­keln getappt war, wann und wo die Patrio­ten auf­tau­chen wür­den end­gül­tig Bescheid und ent­sand­te zwei jeweils 800 Mann umfas­sen­de Kon­tin­gen­te von sei­nem Haupt­quar­tier in Soga­mo­so Rich­tung Nor­den in die Orte Cor­ra­les und Game­za, etwa 30 Kilo­me­ter süd­west­lich von Socha auf bei­den Sei­ten des Flus­ses. Boli­var hat­te ihnen Trup­pen am 10. ent­ge­gen­ge­schickt, die in Cor­ra­les erfolg­reich waren, aber in Game­za zurück­ge­schla­gen wur­den.

Der Über­gang dau­er­te für das gan­ze Heer gut zwei Wochen, bis Mit­te Juli, aber die Spa­ni­er lie­ßen Bolívar nicht die Zeit, sein Heer aus­ru­hen und umor­ga­ni­sie­ren zu las­sen. Obwohl sein Heer noch nicht voll­stän­dig ein­satz­be­reit war, führ­te Boli­var selbst 1000, viel­leicht 1200 Sol­da­ten nach Game­za, wenn­gleich das War­ten auf den Rest sei­nes Hee­res nach­voll­zieh­ba­rer gewe­sen wäre. Bei Paya Socha, nörd­lich von Soga­mo­so, am damals gleich­na­mi­gen Fluss Soga­mo­so (heu­te: Chi­ca­mocha), gab es am 5. Juli ers­te Schar­müt­zel, bei denen Boli­var nur einen Teil sei­ner Trup­pe ein­set­zen konn­te, weil der größ­te Teil sei­nes Hee­res immer noch mit dem Abstieg aus den Ber­gen beschäf­tigt war. Ein vor­ge­scho­be­nes Batail­lon des Numan­cia-Regi­ments konn­te den Vor­marsch zwei Stun­den lang ver­zö­gern, bis die Patrio­ten an die Brü­cke über den Game­za-Bach gelang­ten, wo die Spa­ni­er ihre Haupt­ver­tei­di­gung auf­ge­baut hat­ten. Bar­rei­ro such­te der­weil nicht, die Initia­ti­ve an sich zu zie­hen, son­dern begnüg­te sich mit Trup­pen­be­we­gun­gen, die sei­ne Sol­da­ten immer in die güns­ti­ge­re Posi­ti­on brach­ten, bevor Boli­var ein­traf. Außer­dem war­te­te er auf Ver­stär­kung aus Bogo­tá. Er hat­te sein Haupt­quar­tier nach Pai­pa ver­legt, in des­sen Nähe sich ein Sumpf, der Pan­ta­no de Var­gas, befin­det. Boli­var hat­te sich bei sei­nen Umge­hun­gen inzwi­schen ver­gal­lo­piert und konn­te nicht mehr zurück, ohne den Spa­ni­ern ein leich­tes Zeil zu bie­ten. Mit dem Sumpf im Rücken und den Geg­nern auf den umlie­gen­den Höhen­zü­gen, hat­te er am 25. Juli kei­ne ande­re Wahl mehr, als berg­auf anzu­grei­fen.

Am Pan­ta­no de Var­gas stie­ßen bei­de Hee­re erst­mals direkt auf­ein­an­der, bei denen aber nie­mand als Sie­ger her­vor­ging. Dann begann Bolívar das Manö­ver, das dem Feld­zug letzt­lich legen­där mach­te. Er täusch­te am Nach­mit­tag des 4. August einen Rück­zug nach Osten vor, ließ nach Ein­bruch der Dun­kel­heit kehrt­ma­chen, zuerst zurück nach Wes­ten und dann nach Süden, öst­lich des Rio Chi­ca­mocha, auf Tun­ja zu, mar­schie­ren. Bis Bar­rei­ro am nächs­ten Tag begrif­fen hat­te, dass Bolívar ihn getäuscht hat­te, stand die­ser bereits vor der Pro­vinz­haupt­stadt, die er am mor­gen des 5. August pro­blem­los mit der Kaval­le­rie ein­nahm.

Die Schlacht von Boyaca 1819

Die Spa­ni­er fan­den die Patrio­ten am fol­gen­den Tag nicht mehr dort, wo sie sie ver­mu­te­ten, aber beim Nach­schub­fas­sen, erfuhr der völ­lig über­rasch­te Stabs­chef von Bar­rei­ro, daß Boli­var Tun­ja ein­ge­nom­men hat­te. Bar­rei­ro hat­te nicht nur die Pro­vinz­haupt­stadt Tun­ja ein­ge­büßt, son­dern, was noch schlim­mer war, die Ver­bin­dung zu Vize­kö­nig Sáma­no war unter­bro­chen. Nun, als es zu spät war, zeig­te er Initia­ti­ve und hetz­te sei­ne Sol­da­ten auf der West­sei­te des Chi­ca­mocha (damals hieß der Fluss Soga­mo­so) auf Tun­ja zu. Nun hat­te Bolívar die Wahl des Gefechts­or­tes, da er genau wuss­te, wie wich­tig die Ver­bin­dung nach Bogo­tá war. Barei­ro erreich­te Tun­ja am 6., ließ es aber nicht ein­neh­men und ver­such­te statt­des­sen, nach Süden, hin­ter die Sepa­ra­tis­ten zu gelan­gen. Ein in ost-west­li­cher Rich­tung flie­ßen­der Fluss, der Rio Tea­t­ri­nos, mach­te wegen der Regen­zeit die Benut­zung einer Brü­cke unum­gäng­lich. Hier ver­lief auch eine Haupt­stra­ße, die ein schnel­le­res Mar­schie­ren gestat­te­te.

Boli­var hat­te nur eine klei­ne Gar­ni­son in Tun­ja gelas­sen und war noch in der Nacht Rich­tung Süden auf­ge­bro­chen. Bar­rei­ro folg­te zwar noch vor Tages­an­bruch, aber nun hat­te der Befrei­er die Platz­wahl, wäh­rend die Spa­ni­er von den Eil­mär­schen erschöpft waren. An der Brü­cke von Boya­ca erwar­te­te er, ver­steckt hin­ter einen Hügel die in Kolon­ne mar­schie­ren­den Spa­ni­er, wäh­rend sei­ne Vor­hut auf der Süd­sei­te der Brü­cke in Stel­lung ging. Das war der Ort, an dem Bolívar sei­ne Sol­da­ten ver­steck­te und auf die Spa­ni­er war­te­te. Wäh­rend die Vor­hut von San­tan­der an der Brü­cke Stel­lung bezog, blieb die Haupt­di­vi­si­on Anzoá­te­gu­is hin­ter den Hügeln am Weg­rand, mit Bolívar, der sich die Füh­rung der Reser­ve vor­be­hielt.

Als die Spa­ni­er am 7. August gegen 14 Uhr ein­tra­fen, sahen sie ledig­lich eini­ge Rei­ter, denen sie jedoch kei­ne wei­te­re Beach­tung schenk­ten, da sie so schnell wie mög­lich über die Brü­cke woll­ten. Durch den schnel­len Marsch befand sich die Vor­hut Bar­rei­ros etwa einen Kilo­me­ter vor der spa­ni­schen Haupt­macht, was die Auf­ga­be für die Patrio­ten erheb­lich erleich­ter­te. San­tan­ders Vor­hut bei der Brü­cke eröff­ne­te das Gefecht, aber die Spa­ni­er glaub­ten immer noch nicht, dass es hier zur ent­schei­den­den Schlacht kom­men wer­de. Als Anzoá­te­gu­is Divi­si­on aus den Ver­ste­cken auf­tauch­te, war es zu spät, um in For­ma­ti­on zu gehen, um der Atta­cke ange­mes­sen zu begeg­nen. Ein reich­lich ver­är­ger­ter Rich­ter des nun ehe­ma­li­gen könig­li­chen Gerichts­hofs in Bogo­tá schrieb sei­nem König Fer­di­nand VII. am 19. Okto­ber: „Er ermü­de­te Eure König­li­che Divi­si­on, damit sie ihn ein­ho­len konn­te, [und] als sie dies geschafft hat­te, erwar­te­te sie der Feind an einem zer­klüf­te­ten Ort, wo sie weder auf­mar­schie­ren, noch die Kaval­le­rie ope­rie­ren las­sen konn­te, er nahm eine vor­teil­haf­te Posi­ti­on auf den Höhen ein, die das Gelän­de beherrsch­ten, und mög­li­cher­wei­se ging sie furcht­sam in die Ver­tei­di­gung des Punk­tes, zer­streu­te sich in ihrer Ver­wir­rung, und, in weni­ger, Herr, als zwan­zig Minu­ten, lös­te sie sich auf, Gene­ral­kom­man­dant Bar­rei­ro und sein Stell­ver­tre­ter Jimé­nez gerie­ten in Gefan­gen­schaft, ohne, dass es ein Mas­sen­ster­ben gege­ben hät­te, man kann sagen, es gab kei­ne Schlacht.“ (Zitat aus Gar­cía Valle­cil­los)

Die Brü­cke von Boya­ca

Die Ver­fol­gung mit­ge­rech­net, geben die Repu­bli­ka­ner für die Schlacht zwei Stun­den an. Der Sieg wur­de sicher nicht mit einer Kühn­heit errun­gen, wie sie zum Bei­spiel José Anto­nio Páez bei dem denk­wür­di­gen Tref­fen an den Que­se­ras del Medio (Mitt­le­re Käse­rei­en) bei der Ablen­kungs­kam­pa­gne am Jah­res­an­fang gezeigt hat­te. Es war viel­mehr ein Sieg der haus­hoch über­le­ge­nen stra­te­gi­schen Fähig­kei­ten des Simón José Anto­nio de la San­tis­si­ma Tri­ni­dad Bolívar y Pala­ci­os, die zur dama­li­gen Zeit in Süd­ame­ri­ka ein­zig­ar­tig war. Mit einer ein­zi­gen Bewe­gung, einem nächt­li­chen Eil­marsch, hat­te er die Hei­mat­ver­tei­di­gung Neu­gra­na­das düpiert und sei­ne anfäng­li­che Unter­le­gen­heit in eine unwi­der­steh­li­che Supe­rio­ri­tät ver­wan­delt. Selbst, wenn die Spa­ni­er in die­sem Moment aus­schließ­lich hoch­mo­ti­vier­te Eli­te-Sol­da­ten hät­ten auf­bie­ten kön­nen, wäre den Frei­heits­kämp­fern der Sieg nicht zu neh­men gewe­sen. Da aber bis auf die Offi­zie­re fast aus­schließ­lich Süd­ame­ri­ka­ner in den Rei­hen der Kolo­ni­al­ar­mee stan­den, konn­ten die Repu­bli­ka­ner die drit­te Divi­si­on zer­schla­gen. Sie mach­ten 1600 Gefan­ge­ne, die zusam­men mit den etwa 200 Toten und Ver­wun­de­ten zwar nicht die gan­ze Streit­macht umfass­ten, aber den Flüch­ti­gen, die sich nicht spä­ter erga­ben oder über­lie­fen setz­ten die nun mora­lisch und per­so­nell gestärk­ten ört­li­chen Patrio­ten uner­bitt­lich nach.

Pablo Moril­lo hat­te seit 1817 für die­se mehr­heit­lich aus Süd­ame­ri­ka­nern bestehen­de Divi­si­on ver­geb­lich Ver­stär­kun­gen aus Spa­ni­en ange­for­dert, da er an ihrer Loya­li­tät zwei­fel­te. Daher kapi­tu­lier­te Bar­rei­ro recht schnell, aber durch die geschick­te Platz­wahl Boli­vars hät­ten auch spa­ni­sche Eli­te­trup­pen das Ende nur ver­zö­gern, aber nicht abwen­den kön­nen. Des­we­gen waren die Ver­lus­te an Toten und Ver­wun­de­ten an die­sem Tag rela­tiv gering. Bei­de Hee­re umfaß­ten etwa 3000 Mann, wobei die Spa­ni­er 200 Sol­da­ten ver­lo­ren und die Patrio­ten zir­ka ein Drit­tel davon. Aber rund 1600 Sol­da­ten gin­gen in Gefan­gen­schaft. Von den ver­blei­ben­den 1200 Roya­lis­ten, deser­tier­ten zwar vie­le, aber eini­ge Ein­hei­ten blie­ben fast kom­plett intakt und ver­stärk­ten die loka­len Gar­ni­so­nen, die sich der Rück­erobe­rung des gesam­ten Lan­des wider­setz­ten.

In den frü­hen Mor­gen­stun­den des 09. August wur­de Vize­kö­nig Sama­no die Nach­richt der ver­hee­ren­den Nie­der­la­ge über­bracht, und er berief sein Kabi­nett ein, um es auf­zu­lö­sen, sowie sei­ne Flucht vor­zu­be­rei­ten. Als India­ner ver­klei­det, stahl er sich im Mor­gen­grau­en aus Bogo­ta, um in Hon­da ein Schiff zu neh­men, das ihn nach Car­ta­ge­na brach­te. Von Pana­ma aus ver­such­te er wei­ter zu regie­ren, aber sei­ne eige­nen Leu­te erkann­ten ihn nicht mehr an, obwohl er sich für sei­ne letz­ten Lebens­mo­na­te Anfang 1821 noch ein­mal den Titel des Vize­kö­nigs hat­te ver­lei­hen las­sen.

Noch auf dem Schlacht­feld hat­ten eini­ge sei­ner Offi­zie­re Boli­var gebe­ten, sie zur Befrei­ung ihrer Hei­mat­or­te frei­zu­stel­len und mit Sol­da­ten zu ver­se­hen. Die­ser kam den Wün­schen nach und schick­te selbst noch eini­ge ande­re aus, die sich wich­ti­ger Städ­te bemäch­ti­gen soll­ten. Er selbst zog am 10. in Bogo­ta ein und koor­di­nier­te die mili­tä­ri­schen Ope­ra­tio­nen und lei­te­te den Auf­bau sei­ner Repu­blik Groß­ko­lum­bi­en. Mit San­tan­der als Stell­ver­tre­ter rich­te­te er in den fol­gen­den Wochen repu­bli­ka­ni­sche Struk­tu­ren ein und berei­te­te das Land auf die Befrei­ung aller Pro­vin­zen und der Nach­bar­län­der vor. Pablo Moril­lo wuß­te genau, wie­so er der ver­lo­re­nen Res­sour­cen Neu­gra­na­das nach­trau­er­te.

Wäh­rend die Königs­treu­en ihre Flucht, meis­tens auf dem Rio Mag­da­le­na nach Car­ta­ge­na oder nach Süden Rich­tung Ecua­dor vor­be­rei­te­ten, nah­men die Abtei­lun­gen Boli­vars, ver­stärkt von ört­li­chen Gue­ril­las, eine Rei­he von wich­ti­gen Pro­vin­zen ein. José Maria Cor­do­ba befrei­te “sein” Antio­quia noch im August. Leo­nar­do Infan­te besetz­te Hon­da in der Pro­vinz Mari­qui­ta, und Anzoate­gui stell­te in der Pro­vinz Pam­plo­na ein Heer zur Grenz­si­che­rung gegen die Roya­lis­ten in West­ve­ne­zue­la auf.

Sebas­ti­an de la Calza­da hat­te sich zum Zeit­punkt der Schlacht in Bogo­ta befun­den. Er über­nahm das dort sta­tio­nier­te Batail­lon Ara­gon und zog damit Rich­tung Popa­yan. Ambro­sio Pla­za erhielt von Boli­var den Auf­trag, die Spa­ni­er zu ver­fol­gen. Schon vor dem Ein­tref­fen von Nico­las Lopez, der einen Teil der Flücht­lin­ge von Boya­ca dem Heer de la Calz­adas anschloß, waren die Ver­fol­ger nicht aus­rei­chend stark, um einen Angriff zu ris­kie­ren. Auch die loka­len Patrio­ten, die sich zu Gue­ril­la-Trup­pen zusam­men­ge­schlos­sen hat­ten, konn­ten die Spa­ni­er kaum mehr als beläs­ti­gen. Anfang Sep­tem­ber teil­te de la Calza­da sei­ne Trup­pen auf. Wäh­rend er mit rund 400 Sol­da­ten nach Popa­yan zog, soll­te Miguel Rod­ri­guez fünf­hun­dert Mann über die Zen­tral­kor­dil­le­re ins Tal des Rio Cau­ca füh­ren.

Joa­quin Ricaur­te, der die ver­gan­ge­nen Jah­re krank in Cas­a­na­re ver­bracht hat­te, war nach dem Sieg Boli­vars ins Kern­land zurück­ge­kehrt. Im Cau­ca­tal brach­te er 2000 bewaff­ne­te Patrio­ten zusam­men, die am 29. Sep­tem­ber bei einer Hazi­en­da namens San Jua­ni­to, bei Buga, nörd­lich von Cali, Rod­ri­guez Trup­pe auf­rieb. Die­ser letz­te Sieg des letz­ten über­le­ben­den Gene­rals der Ers­ten Repu­blik, brach­te nicht nur die Befrei­ung des Cau­ca­tals, son­dern zwang de la Calza­da oben­drein zum Rück­zug nach Pas­to.

Die Spa­ni­er auf der Ost­kor­dil­le­re hat­ten sich ange­sichts der vor­rü­cken­den Patrio­ten, denen sich loka­le Gue­ril­la-Grup­pen anschlos­sen, zurück­zie­hen müs­sen, sodaß auch die Pro­vinz Pam­plo­na im Sep­tem­ber an die Repu­blik fiel. Anzoate­gui hat­te den Auf­trag, ein Heer gegen die Divi­si­on de la Tor­res auf­zu­stel­len, der die Pro­vinz nach wie vor bedroh­te. Das Unent­schie­den zwi­schen dem Spa­ni­er und Car­los Sou­blet­te, der die vene­zo­la­ni­schen Ver­bän­de in ihre vor­he­ri­gen Ope­ra­ti­ons­ge­bie­te zurück­brach­te, änder­te nichts an der Not­wen­dig­keit für die Patrio­ten, ein Heer in der Grenz­re­gi­on zu hal­ten, um ein Gleich­ge­wicht zu errei­chen, damit die Spa­ni­er nicht ein­fal­len konn­ten. Die­se Trup­pen fehl­ten bei der anste­hen­den Erobe­rung der Nord­küs­te. Erschwe­rend kam im Novem­ber der krank­heits­be­ding­te Tod Anzoate­gu­is hin­zu. Bar­to­lo­mé Salom über­nahm sei­ne Auf­ga­ben und schaff­te es im fol­gen­den Janu­ar die Spa­ni­er auf Mer­i­da zurück­zu­wer­fen.

Der Kongress von Angostura 1819

Boli­var war ja nicht nur Heer­füh­rer, son­dern auch Prä­si­dent der Repu­blik Vene­zue­la. Nun sah er die Gele­gen­heit sei­ne Visi­on von einer Ver­ei­ni­gung von Neu­gra­na­da und Vene­zue­la umzu­set­zen. Die Spa­ni­er hat­ten Neu­gra­na­da nahe­zu voll­stän­dig auf­ge­ben müs­sen. Ledig­lich Car­ta­ge­na und die Küs­ten­re­gi­on der Kari­bik, die Grenz­re­gi­on zu Ecua­dor sowie Cucu­ta war noch in spa­ni­scher Hand. In Bogo­tá wur­de San­tan­der damit beauf­tragt, eine zivi­le Ver­wal­tung auf­zu­bau­en, als Stell­ver­tre­ter des Libertadors.

Boli­var kehr­te nach Angos­tu­ra zurück. Dort woll­te er einen Kon­gress vor­be­rei­ten, der über den Zusam­men­schluss von Vene­zue­la, Neu­gra­na­da und der — nach wie vor von den Spa­ni­ern besetz­ten — Pro­vinz Qui­to (heu­te: Ecua­dor) zur “Repu­blik Kolum­bi­en” bera­ten und beschlie­ßen soll­te. Die­ser Beschluss wur­de am 17. Dezem­ber 1819 in Angos­tu­ra gefasst. Die­se soll­te drei gro­ße Depar­ta­ment­os umfas­sen: Vene­zue­la, Cun­di­na­mar­ca und Qui­to. Neben dem Prä­si­den­ten und dem Vize­prä­si­den­ten der Zen­tral­ge­walt soll­te jedes Depar­ta­men­to über einen eige­nen Gou­ver­neur ver­fü­gen, der der Titel “Vize­prä­si­dent” tra­gen soll­te. Boli­var wur­de ein­stim­mung zum Prä­si­den­ten gewählt, Zea (ein Neu­gra­na­di­ner) zum Vize­prä­si­den­ten. Die Vize­prä­si­den­ten der Depar­ta­ment­os wur­den San­tan­der (für Cun­di­na­mar­ca) und Roscio für Vene­zue­la. Roscio starb aller­dings kurz nach sei­ner Eren­nung. Sein Nach­fol­ger wur­de Gene­ral Anzuo­la, der aller­dings auch kurz nach der Befrei­ung Cara­cas’ 1820 starb. Dar­auf­hin ernann­te Boli­var, den kurz zuvor aus spa­ni­schem Ker­ker in Cadiz ent­las­se­nen Anto­nio Nari­ño zum Vize­prä­si­den­ten Ven­zue­las. Qui­to war noch nicht befreit. Des­halb wur­de die Wahl die­ses Vize­prä­si­den­ten ver­scho­ben. Gleich­zei­tig wur­de beschlos­sen im Janu­ar 1820 einen Kon­gress in Cucu­ta statt­fin­den zu las­sen, der dem neu­en Staat Kolum­bi­en eine demo­kra­ti­sche und repu­bli­ka­ni­sche Ver­fas­sung geben soll­te. Auch die Ent­schei­dung über die zukünf­ti­ge Haupt­stadt des Lan­des soll­te dort gefällt wer­den. In Bogo­tá wur­den eini­ge Tage spä­ter unter San­tan­ders Lei­tung, die Beschlüs­se von Angos­tu­ra in einer Nota­blen­ver­samm­lung ein­stim­mig gebil­ligt (Masur S. 385).

Der Ein­gang zur Quin­ta Boli­var in Bogo­tá

Waffenstillstand 1820

Noch aber waren die Spa­ni­er im Lan­de. Und immer noch gin von ihnen eine Bedro­hung aus. Ein wei­te­res Expe­di­ti­ons­heer war ange­kün­digt wor­den. Aber dazu kam es nicht mehr. Wie­der ein­mal hat­ten Ereig­nis­se, die sich im fer­nen Spa­ni­en zutru­gen, ent­schei­den­de Wir­kun­gen auf die neue kolum­bia­ni­sche Repu­blik. Am 1. Janu­ar 1820 meu­ter­ten in Cadiz die Trup­pen, die nach Süd­ame­ri­ka geschickt wer­den soll­ten. Die­ser Auf­stand griff schnell auf das gan­ze Land über, wo man den König zur Wie­der­ein­füh­rung der Ver­fas­sung, die er nach sei­ner Rück­kehr auf den Thron sus­pen­diert hat­te, auf­for­der­te. Der König knick­te ein und leg­te am 9. Mai den Eid auf die Ver­fas­sung einer nun nicht mehr abso­lu­tis­ti­schen son­dern kon­sti­tu­tio­nel­len Mon­ar­chie ab. Moril­lo wur­de nun ange­wie­sen in Vene­zue­la die Ver­fas­sung zu ver­öf­fent­li­chen und den Frie­den in den Kolo­ni­en her­zu­stel­len. Der Krieg droh­te das Mut­ter­land zu rui­nie­ren. Moril­lo muss­te die poli­ti­schen Gefan­ge­nen frei­las­sen und sie unter den Schutz der Ver­afs­sung stel­len. Moril­lo beug­te sich, aber mit Groll. Er rief in Cara­cas eine “Jun­ta de Paci­fi­cación” ein. Die­se sand­te ein Rund­schrei­ben an alle Heer­füh­rer der repu­bli­ka­ni­schen Armee und schlug einen Waf­fen­stills­zand von einem Monat vor, um über eine endggül­ti­ge Beed­nigung des Krie­ges zu bera­ten. Aber Moril­lo wur­de für anste­hen­de Ver­hand­lun­gen an den “Prä­si­den­ten der Repu­blik Kolum­bi­en” ver­wie­sen. Boli­var woll­te nicht von “Heer­füh­rer” zu Heer­füh­rer ver­han­deln, son­dern von Staat zu Staat. So bliebt Moril­lo nichts ande­res übrig, als mit Boli­var in sei­ner Eigen­schaft als Prä­si­dent einer unab­hän­gi­gen Repu­blik zu ver­han­deln, was qua­si einer Aner­ken­nung der Unab­hän­gig­keit gleich­kam. Moril­lo zöger­te. Boli­var nut­ze die Zeit für einen über­ra­schen­den Vor­stoß nach Ven­zue­la schreib aber gleich­zei­tig an Moril­lo, dass ihm sehr an einem Frie­den gele­gen wäre. Und tat­säch­lich, am 25. Novem­ber wur­de ein sehcs­mo­na­ti­ger Waf­fen­still­stand unter­schrie­ben, der das gan­ze Gebiet der kolum­bia­ni­schen Repu­blik umfass­te. (Masur S. 401). Und am 27. Novem­ber tra­fen sich die bei­den Heer­füh­rer per­sön­lich in San­ta Ana de Tru­jil­lo, einer klei­nen Ort­schaft öst­lich des Lago de Mara­cai­bo in Vene­zue­la (vgl. den sehr amü­san­ten Bericht über die­ses Tref­fen bei G. Masur S. 402 f.). Kurz nach dem Tref­fen von San­ta Ana erklär­te Moril­lo sei­nen Rück­tritt als Ober­kom­man­die­ren­der der spa­ni­schen Streit­kräf­te und segel­te nach Euro­pa zurück. Sein Nach­fol­ger war Gene­ral La Tor­re, der — Iro­nie des Schick­sals — mit einer Ver­wand­ten Boli­vars ver­hei­ra­tet war.

Entscheidung in Carabobo

Aber der Waf­fen­still­stand wird gebro­chen., weil der kolum­bia­ni­sche Gene­ral Urda­ne­ta, der in Mara­cai­bo gebo­ren war, sich an iner Erhe­bung in der zu die­ser Zeit noch von den Spa­ni­ern besetz­ten Stadt betei­ligt hat. Boli­var hat­te dies zwar öffent­lich aus­drück­lich miss­bi­ligt, intern aber Urda­ne­te zum Erfolg beglück­wünscht und sei­ne Heer­füh­rer auf die Wie­der­auf­nah­men von Kampf­hand­lun­gen vor­be­rei­tet. Am 9. Okto­ber 1820 war in Gua­y­aquil eine Erhe­bung gegen die spa­ni­sche Herr­schaft aus­ge­bro­chen. Da Qui­to als drit­ter Bestand­teil der kolum­bia­ni­schen Repu­blik ange­se­hen wird. beglück­wünscht Boli­var die Auf­stän­di­schen und sichert ihnen die Unter­stüt­zung Kolum­bi­ens zu. Natür­lich beschul­dig­te La Tor­re Boli­var des Bruchs der Waf­fen­still­stands­ver­ein­ba­rung. Es begann ein diplo­ma­ti­sche Spiel. Boli­var schlug vor, einen neu­en Waf­fen­still­stand zu ver­ein­ba­ren, schraub­te dabei aber die For­de­run­gen hoch. La Tor­re lehn­te ab und erklär­te das Ende der Waf­fen­ru­he zum 28. April 1820. Die Kampf­hand­lun­gen began­nen erneut. Am 15. Juni stan­den sich bei­de Arme­en erneut gegen­über. Boli­var war es gelun­gen, die drei West­ar­me­en der Repu­blik zusam­men­zu­füh­ren und sich mit Urda­ne­ta und Paez zu ver­ei­ni­gen. Damit hat­ten sie eine gewal­ti­ge Streit­macht von 6.500 Mann und waren erst­mals den Spa­ni­ern (5.000 Mann) zah­len­mä­ßig über­le­gen. In den Ebe­nen von Cara­bobo, ein Platz den La Tor­re sich selbt für die Schlacht aus­ge­sucht hat­te, wur­de die spa­ni­sche Armee ver­nich­tend gech­la­gen. Von 5.000 Sol­da­ten über­leb­ten nur 400 (Masur S. 413). Die Schlacht von Cara­bobo war neben der Schlacht von Boya­ca die zwei­te ent­schei­den­de Schalcht, die letzt­end­lich das Ende der spa­ni­schen Herr­schaft in Kolum­bi­en bedeu­te­te. Zwar konn­ten sich La Tor­re und Mora­les in die Fes­tung Puer­to Cabel­lo flüch­ten, konn­ten von dort aus aber kei­ne ent­schei­den­den Vor­stö­ße mehr unter­neh­men. Es folg­te ein tri­um­pha­ler Ein­zug Boli­vars in Cara­cas am 29. Juni 1820. .Auch Vene­zue­la war nun befreit.

Die Verfassung von Cucuta 1821

Der Kon­gress von Cucu­ta wähl­te Boli­var zum Prä­si­den­ten der “Repu­bli­ca de Colom­bia”. Am 3. Okto­ber 1821 leg­te er den Amts­eid auf die neue Ver­fas­sung ab. Die­se Ver­fas­sung war in eini­gen Punk­ten anders als in den Beschlüs­sen von Angos­tu­ra. Der Prä­si­dent soll­te sin Amt nur für 4 Jah­re beklei­den und nur ein­mal wie­der­ge­wählt wer­den. Die Legis­la­ti­ve bestand aus zwei Kam­mern: einem Age­ord­ne­ten­haus, das auf vier Jah­re gewählt wird und einem Senat, der auf acht Jah­re gewählt wird (also nicht, wie Boli­var es sich wünsch­te lebens­lang). Es gab einen Vize­prä­si­den­ten und ein Kabi­nett bestehend aus fünf Staats­se­kre­tä­ren und einem Mit­glied des Obers­ten Gerichts­ho­fes. D.h. die regio­na­len Vize­prä­si­den­ten wur­den abge­schafft. An ihrer Stel­le wur­de das Amt des Inten­dan­ten geschaf­fen. Aber die drei in Angus­tu­ra vor­ge­schla­gen Depar­ta­ment­os wur­den ersetzt durch meh­re­re klei­ne­re Pro­vin­zen. Vene­zue­la wur­de in drei, Neu­gra­na­da in vier Pro­vin­zen geglie­dert. Als Haupt­stadt wur­de Bogo­tá fest­ge­legt, was eini­ge Vene­zo­la­ner ver­är­ger­te. Und auch die Skla­ve­rei wur­de, Boli­vars Ver­spre­chen zum Trotz, nicht grund­sätz­lich abge­schafft, son­dern nur für die Söh­ne und Töch­ter der gegen­wär­ti­gen Skla­ven. Boli­var hät­te ger­ne Nari­ño als Vize­prä­si­den­ten gehabt. Aber der konn­te ich bei den Par­la­men­ta­ri­ern nicht durch­set­zen. Des­halb schlug Boli­var dann San­tan­der vor, der auch gewählt wur­de.

Historischer Exkurs: Bolivar und die Befreiung Venezuelas

Auch in Vene­zue­la gab es die Aus­ein­an­der­set­zung zwi­schen Föde­ral­si­ten und Zen­tra­lis­ten, die aller­dings anders als in Neu-Gra­na­da nicht zu einem Bür­ger­krieg zwi­schen den riva­li­sie­ren­den Repu­bli­ka­nern führ­te. Statt­des­sen erho­ben sich die Roya­lis­ten. Am 19. April 1810 wur­de in Cara­cas Vene­zue­la als unab­hän­gi­ge Nati­on aus­ge­ru­fen. Die ers­te Repu­blik war gegrün­det, ihr Füh­rer war Fran­cis­co Miran­da, der zusmmen mit Boli­var aus Eng­land, wo er sich meh­re­re Jah­re im Exil befand, zurück­ge­kehrt war. Die spa­ni­sche Kro­ne hat­te jedoch nach wie vor vie­le Anhän­ger. Am 11. Juli gab es eine Demons­tra­ti­on in Cara­cas und am 13. Juli erho­ben sich die Roya­lis­ten in Valen­cia. Der Auf­stand wur­de von Miran­da nie­der­ge­schla­gen. Boli­var nahm an der Expe­di­ti­on als Adju­dant von Mar­quis de Toro teil.

Erste Republik: Föderative Verfassung

Im Dezem­ber 1811 wur­de vom Kon­gress eine föde­ra­lis­tisch gepräg­te Ver­fas­sung ver­ab­schie­det. Die “Ver­ei­nig­ten Staa­ten von Vene­zue­la” set­zen sich aus sie­ben sou­ve­rä­nen Staa­ten (die zuvor unter der spa­ni­schen Kro­ne Ver­wal­tungs­ein­hei­ten waren) zusam­men, von denen jeder das Recht besaß, sei­ne eige­ne Ver­fas­sung zu ver­ab­schie­den (G. Masur, S. 142).

Nach einem Jahr gab es eine Wirt­schafts­kri­se. Dann gab es am 26. März 1812 ein Erd­be­ben, das die Haupt­stadt Cara­cas in Schutt und Asche leg­te. Die katho­li­sche Kir­che erklär­te dies als “Stra­fe Got­tes für die Rebel­li­on gegen die spa­ni­sche gott­ge­ge­be­ne Ord­nung”. Da die wirt­schaft­li­chen und sozia­len Pro­ble­me zunah­men wand­ten sich vie­le Ein­woh­ner wie­der der alten Ord­nung zu. In Mara­cai­bo, das noch königs­treu war, wur­de ein spa­ni­sches Expe­di­ti­ons­heer unter Dom­in­go Mon­te­ver­de auf­ge­stellt, dass nun gegen die jun­ge Repu­blik mar­schier­te und dem die Repu­bli­ka­ner nicht gewach­sen waren. Nach vie­len Kämp­fen kapi­tu­lier­te Miran­da und Mon­te­ver­de zog in die Haupt­sadt ein. Die füh­ren­den repu­bli­ka­ni­schen Poli­ti­ker wur­den ver­haf­tet und nach Spa­ni­en gebracht. Boli­var war nicht unter ihnen, da ein Spa­ni­er, Fran­cis­co Itur­be, für ihn ein­trat. Er erhielt sogra einen Pass zur Aus­rei­se aus Vene­zue­la, mit dem er sich zunächst nach Cura­cao und anschlie­ßend nach Car­ta­ge­na ein­schiff­te. Das war im August 1812.

Die Spa­ni­er ver­such­ten nun auch in Neu­gra­na­da die Uhr zurück­zu­stel­len. Über San­ta Mar­ta, das mehr­heit­lich königs­treu geblie­ben war, mar­schier­te sie in Rich­tung Car­ta­ge­na ud Mag­da­le­na. In Car­ta­ge­na ein­ge­trof­fen half Boli­var, den Wider­stand zu orga­ni­sie­ren. Dort ver­fass­te er auch sein berühmt gewor­de­nes “Mani­fest von Car­ta­ge­na”.

Pla­za Boli­var in Car­ta­ge­na

Nach sei­ner Nie­der­la­ge in Vene­zue­la und dem Fall der ers­ten vene­zo­la­ni­schen Repu­blik war Boli­var über Cura­cao nach Car­ta­ge­na geflüch­tet und stell­te sich dort in den Dienst der Trup­pen der Ver­ei­nig­ten Pro­vin­zen Neu­gra­na­das. Zunächst wur­de er dem Gene­ral Pierre Laba­tut, einem Fran­zo­sen, der bereits im Heer der vene­zo­la­ni­schen Repu­blik gegen die Spa­ni­er gekämpft hat­te, in Car­ta­ge­na unter­stellt. Er drang mit einer klei­nen Trup­pe, sei­nen ursprüng­li­chen Auf­trag zur blo­ßen Ver­tei­di­gung von Bar­ran­cas igno­rie­rend, eigen­mäch­tig zum Mag­da­le­na vor und befrei­te den Fluß von den Spa­ni­ern. Anschlie­ßend wand­te er sich Rich­tung Cucu­ta in der Hoff­nung, von dort aus Vene­zue­la zurück­er­obern zu kön­nen. Dem Ober­kom­man­die­ren­den der Ver­ei­nig­ten Pro­vin­zen in die­sem Bereich, Cas­til­lo, ging dies aber zu weit. Boli­var sieg­te, aber sein Zer­würf­nis mit Cas­til­lo war tief und soll­te noch schwer­wie­gen­de Kon­se­quen­zen haben.

Zweite Republik: Acht Monate Militärdikatatur Bolivars

Zunächst aber war Boli­var erfolg­reich und konn­te am 6. August 1813, knapp ein Jahr nach sei­ner Flucht aus Vene­zue­la wie­der in Cara­cas als “Libertador” ein­zie­hen, muss­te es aber bereits 8 Mona­te spä­ter, am 6. Juli 1814, vor den anrü­cken­den im Land ver­blie­be­nen spa­ni­schen Trup­pen unter Tomas Boves erneut räu­men. Boves konn­te Boli­va­res Heer ver­nich­tend schla­gen und anschlie­ßend ganz Vene­zue­la für die Spa­ni­er zurück­er­obern. Boli­var blieb erneut nichts ande­res übrig, als sich mit einem Schiff abzu­set­zen. Erneut such­te er Zuflucht in Car­ta­ge­na, wo er am 19. Sep­tem­ber 1814 wie ein Held emp­fan­gen wur­de.

Er woll­te sich ähn­lich wie bereits 1812 in den Dienst der Ver­ei­nig­te Pro­vin­zen stel­len. Er reis­te nach Tun­ja, wo er dem Kon­gress die Umstän­de des Zusam­men­bruchs der zwei­ten vene­zo­la­ni­schen Repu­blik dar­leg­te. Er mach­te auf die Gefahr auf­merk­sam, die von den spa­ni­schen Trup­pen aus­ging und for­der­te mehr Ein­heit der neu­gra­na­di­ni­schen Gesell­schaft. Er wur­de dar­auf­hin beauf­tragt, mit einem Expe­di­ti­ons­heer die Haupt­stadt Bogo­tá (und das sich als eige­nen Staat ver­ste­hen­de) Cun­di­na­mar­ca für die ver­ei­nig­ten Pro­vin­zen zu unter­wer­fen. Das gelang auch. Am 12. Dezem­ber 1814 zog er in Bogo­tá ein. Neu­gra­na­da war somit in einer Hin­sicht ver­eint, es war nun eine föde­ra­ti­ve Repu­blik und der seit 1810 schwe­len­de Bür­ger­krieg zwi­schen Föde­ra­lis­ten und Zen­tra­lis­ten war been­det. Cun­di­na­mar­cas Prä­si­dent, Anto­nio Nari­ño, zu die­sem Zeit­punkt noch ein Vor­rei­ter des Zen­tra­lis­mus, war eini­ge Mona­te zuvor, in einer für die kolum­bia­ni­schen Trup­pen zwar sieg­rei­chen Schlacht gegen die Spa­ni­er unter Juan Sama­no, von die­sen gefan­gen genom­men wor­den und (erneut) nach Spa­ni­en ver­schleppt wor­den (Mai 1814).

Aber unge­fähr zur glei­chen Zeit war aber in Vene­zue­la das vom wie­der­ein­ge­setz­ten spa­ni­schen König Fer­nan­do II aus­ge­rüs­te­te spa­ni­sche Expe­di­ti­ons­heer unter Pablo Moril­lo ange­kom­men. Mit 18 Kriegs- und 40 Trans­port­schif­fen und mehr als 10.000 Mann (G. Masur S. 249) lan­de­ten sie und besetz­ten zuerst Vene­zue­la und anschlie­ßend Neu­gra­na­da. Cara­cas wur­de von Moril­los Trup­pen bereits am 11. Mai 1814 ein­ge­nom­men. Die zwei­te vene­zo­la­ni­sche Repu­blik war unter­ge­gan­gen. Damit konn­te Moril­lo sich nun gegen Neu­gra­na­da wen­den.

Boli­var war den Spa­ni­ern von Bogo­tá aus ent­ge­gen­ge­zo­gen (24. Janu­ar 1815) und hat­te anfangs auch eini­ge Erfol­ge. So wur­de Mom­pox von den Spa­ni­ern zurück­ge­won­nen. Aber ein ent­schlos­se­nes und rasches Nach­set­zen auf die sich zurück­zie­hen­den spa­ni­schen Trup­pen schei­ter­te an inter­nen Strei­tig­klei­ten zwi­schen Boli­var und dem Gene­ral Cas­til­lo, der in Car­ta­ge­na das Kom­man­do fürhte und Boli­var jede Auto­ri­tät für eine gemein­sa­me Stra­te­gie gegen die Spa­ni­er absprach. Boli­var mach­te nun den Feh­ler, sei­ne Posi­ti­on mit Gewalt durch­set­zen zu wol­len und bela­ger­te Car­ta­ge­na. Als dies erfolg­los blieb, und statt­des­sen die spa­ni­schen Trup­pen, die in Vene­zue­la gelan­det waren, erst Bar­ran­quil­la erober­ten und auf Car­ta­ge­na zumar­schier­ten, sah er die Sinn­lo­sig­keit die­ser Bela­ge­rung, gab er den Ober­be­fehl ab (7. Mai 1815) und segel­te frus­triert auf einem eng­li­schen Kriegs­schiff (von Car­ta­ge­na aus???) nach Jamai­ka.

Hier ver­fass­te er sei­nen berühm­ten Brief aus Jamai­ca, in dem er sei­ne Visi­on über ein künf­ti­ges Süd­ame­ri­ka dar­leg­te. Im Dezem­ber erhielt er aus dem von Moril­los Trup­pen bela­ger­ten Car­ta­ge­na einen Hil­fe­ruf und das Ange­bot den Ober­be­fehl über die Ver­tei­di­gung zu über­neh­men. Er zöger­te nicht, schiff­te sich am 18. Dezem­ber ein, um dann aber die Nach­rift zu erhal­ten dass die Stadt bereits am 6. Dezem­ber 1815 gefal­len war. Es war also zu spät. Boli­var ließ den Kurs wech­seln und segel­te nach Hai­ti.

Ein hal­bes Jahr spä­ter nach der Ein­nah­me Car­ta­ge­nas zogen die Spa­nie auch sieg­reich in Bogo­tá ein (am 6. Mai 1816). Damit war nun auch die ers­te kolum­bia­ni­sche Repu­blik, die Repu­blik der “Esta­dos Uni­dos de Nuve­gra­na­da, unter­ge­gan­gen Die kolum­bia­ni­schen Trup­pen konn­ten dem spa­ni­schen Vor­marsch nichts ent­ge­gen­set­zen. Das kolum­bia­ni­sche Heer wur­de voll­kom­men auf­ge­rie­ben. Tun­ja wur­de besetzt eben­so wie Bogo­tá. Camil­lo Tor­res wur­de von den Spa­ni­ern erschos­sen. San­tan­der, Urda­ne­ta, Mari­ño, Piar und Ber­mu­dez konn­ten sich aber ret­ten und began­nen einen Gue­ril­la­krieg gegen die Spa­ni­er zu organisieren.(G. Masur, S. 250).

Dritte Republik: Zentralstaat mit 8 Provinzen und zwei Kammern

Hai­ti war neben den USA das ein­zi­ge freie Land in Ame­ri­ka. Boli­var wur­de von Prä­si­dent Alex­an­der Peti­on (ein ehe­ma­li­ger Skla­ve) herz­lich auf­ge­nom­men und in all sei­nen Plä­nen sehr unter­stützt. Über das Ver­hält­nis der bei­den schreibt G. Masur S. 272 ff. Bemer­kens­wer­tes: Peti­on knüpf­te sei­ne Unter­stüt­zung Boli­va­res  an eine Bedin­gung: Die Befrei­ung der Skla­ven! Boli­var ging dar­auf ein, was — wie sich spä­ter her­aus­stell­te — einen wich­ti­gen Umbruch in sei­ner Visi­on und Staats­theo­rie dar­stel­len soll­te. Nach Hai­ti hat­ten sich auch eini­ge vene­zo­la­ni­sche und neu­gra­na­di­ni­sche Offi­zie­re geflüch­tet. Mit die­sen plan­te Boli­var nun eine erneu­te Lan­dung in Vene­zue­la. Das klei­ne Expe­di­ti­ons­heer von 250 Mann erhielt Waf­fen von Peti­on und auch eine klei­ne Folt­te von sechs Scho­nern, mit dem man am 31. März 1816 (also noch vor dem Fall Bogo­tás) auf­brach. Die Lan­dung war zunächst ein Fias­ko. (Genau­es kann man bei G. Masur S. 272 ff. nach­le­sen). Ein zwei­ter Anlauf kalpp­te aller­dings, weil Boli­var sich auf den Osten Vene­zue­las kon­zen­trier­te, auf das Urwald­ge­biet Gua­ya­nas. Von dort aus konn­te er zunächst den Fluss­lauf des Ori­no­cos befrei­en und nach­dem er sich mit Paez ver­bür­dern konn­ten die Repu­bli­ka­ner — nach sehr wech­seln­dem Kriegs­glück — den gesam­ten Osten Ven­zue­las, d.h. das Gebiet Gua­ya­na, befrei­en.

Die inne­ren Strei­tig­kei­ten der mili­tä­ri­schen Füh­rer des repu­bli­ka­ni­schen Hee­res waren mit ein Grund für Boli­var, mög­lichst rasch geord­ne­te und qua­si-staat­li­che Struk­tu­ren in dem eror­ber­ten Gebiet zu eta­blie­ren. Nach­dem das Hin­ter­land des Ori­no­kos eror­bert war und mit ihm die bei­den wich­tigs­ten Städ­te Angos­tu­ra und Ciu­dad Gua­ya­na, wur­de am 1. Novem­ber 1817 die drit­te Repu­blik gegrün­det, die vor­serst noch auf das Gebiet öst­lich des Ori­no­kos beschränkt war und — da Cara­cas noch in fes­ter Hand der Spa­ni­er und damit uner­reich­bar war — mit Angos­tu­ra als pro­vi­so­ri­schen Haupt­stad (heu­te Ciu­dad Boli­var) (Masur S. 312 f). Beim Auf­bau die­ses neu­en Staats­we­sen zeig­te sich, dass Boli­var aus den Zusam­men­brü­chen der ers­ten bei­den Repu­bli­ken, die ja nicht allein den mili­tä­ri­schen Schlä­gen, son­dern auch inter­nen Strei­tig­kei­ten geschul­det waren, gelernt hat­te. Hier ent­wi­ckel­te er nun sei­ne Auf­fas­sung vom Staat, die man m.E. durch­aus als Boli­vars Staats­theo­rie bezeich­nen kann (Genaue­res bei Masur S. 333 ff.) und die beim ers­ten par­la­men­ta­ri­schen Kon­gress in Angos­tu­ra am 15. Febru­ar 1819 vor­stell­te.

Am 16. Febru­ar wur­de Boli­var zum ers­ten Staats­prä­si­den­ten der neu­en Repu­blik gewählt und, da die Repu­blik sich im Krie­ge befand, mit außer­or­dent­li­chen Voll­mach­ten aus­ge­stat­tet. Er war nun die unan­ge­zwei­fel­te Füh­rer­ge­stalt im Befrei­ungs­krieg.

Anstatt, wie von Moril­lo erwar­tet, sich nun nach Nor­den zu wen­den, um Cara­cas zu befrei­en, über­quer­te Boli­var mit einer Armee von ca. 2000 Mann die Anden, um sich im neu­gra­na­di­ni­schen Cas­a­na­re mt den dor­ti­gen Gue­ril­la­trup­pen von San­tan­der zu ver­ei­nen. So wur­de der Befrei­ungs­krieg zunächst in Neu­gra­na­da wei­ter­ge­führt (s. Befrei­ung Neu­gra­na­das).

Historischer Exkurs: Vizekönigreich Neugranada

Das Vize­kö­nig­reich Neu­gra­na­da (spa­nisch Vir­rein­a­to de Nue­va Gra­na­da) war ein spa­ni­sches Vize­kö­nig­reich in Süd­ame­ri­ka, das die heu­ti­gen Staa­ten Vene­zue­la, Kolum­bi­en, Pana­ma und Ecua­dor umfasste.[1] Außer­dem erhob es Anspruch auf die vom König­reich Eng­land bzw. König­reich Groß­bri­tan­ni­en beherrsch­te Mis­ki­to­küs­te. Sei­ne Haupt­stadt war zunächst Car­ta­ge­na de Indi­as und dann San­ta Fé de Bogo­tá (heu­te Kolum­bi­en), es war in Statt­hal­ter­schaf­ten unter­glie­dert.

Gegrün­det wur­de das Vize­kö­nig­reich am 27. Mai 1717[2] unter dem Namen Vir­rein­a­to de San­ta Fé del Nue­vo Rei­no de Gra­na­da. Nach der Auf­lö­sung 1723 wur­de es 1739 unter dem Namen Vir­rein­a­to de Nue­va Gra­na­da erneut gegrün­det. 1768 wur­de Vene­zue­la eine eigen­stän­di­ge Pro­vinz.

Das Vize­kö­nig­reich wur­de aus Tei­len der bereits bestehen­den spa­ni­schen Vize­kö­nig­rei­che Neu­spa­ni­en und Peru gebil­det und war somit das drit­te spa­ni­sche Vize­kö­nig­reich auf ame­ri­ka­ni­schem Boden. Neu­spa­ni­en bestand aus wei­ten Tei­len der heu­ti­gen USA, Mexi­ko, den kari­bi­schen Inseln, Mit­tel­ame­ri­ka mit Aus­nah­me Pana­mas, sowie den Phil­ip­pi­nen, Nord­bor­neo und eini­gen pazi­fi­schen Inseln. Außer­dem umfass­te es bis zur Grün­dung von Neu­gra­na­da auch Vene­zue­la. Peru umfass­te ursprüng­lich den gesam­ten, Spa­ni­en nach dem Ver­trag von Tor­des­il­las zuste­hen­den Teil des süd­ame­ri­ka­ni­schen Kon­ti­nents mit Aus­nah­me Vene­zue­las, fer­ner auch Pana­ma und die Mis­ki­to­küs­te (1655 an Eng­land abge­tre­ten).

Die Grün­dung eines wei­te­ren Vize­kö­nig­reichs wur­de not­wen­dig, nach­dem sich die Ver­wal­tung der wei­ten Gebie­te, die unter spa­ni­scher Herr­schaft stan­den, in einem ein­zi­gen Vize­kö­nig­reich zuneh­mend als schwie­rig erwies. Damals muss­ten alle Waren, die von und nach Spa­ni­en ein- bezie­hungs­wei­se aus­ge­führt wur­den, erst über den Isth­mus von Pana­ma, dann über die Haupt­stadt des Vize­kö­nig­reichs Peru, Lima, ver­bracht wer­den. Dort wur­den die­se ver­steu­ert oder mit Abga­ben belegt, was zu einer erheb­li­chen Kor­rup­ti­on führ­te.

Nach der Unab­hän­gig­keit der Vize­kö­nig­rei­che ab 1810[4] über­nahm die heu­ti­ge Repu­blik Kolum­bi­en zunächst den Namen Neu­gra­na­da, bis sie 1819 Teil Groß­ko­lum­bi­ens wur­de. Nach der Auf­lö­sung Groß­ko­lum­bi­ens durch die Abspal­tung von Vene­zue­la und Ecua­dor im Jah­re 1830 trug Kolum­bi­en noch bis 1861 den Namen des ehe­ma­li­gen Vize­kö­nig­rei­ches.

In die­sem Zitat von G. Masur wird die Beson­der­heit der spa­ni­schen Kolo­ni­en im Ver­hält­nis zu Nord­ame­ri­ka sehr deut­lich: “Mono­po­lis­ti­sche Ver­wal­tung, mono­po­lis­ti­sche Wirt­schaft (jeder Ver­kehr zwi­schen den Pro­vin­zen muss­te über Spa­ni­sche Häfen abge­wi­ckelt wer­den), mono­po­lis­ti­sche Kul­tur, sp könn­te man die Epo­che der spa­ni­schen Kolo­ni­al­herr­schaft cha­rak­te­ri­sie­ren. Gerin­ger Ver­kehr zwi­chen den Pro­vin­zen des Rei­ches, kein Zustrom von Frem­den, wenig Schif­fe, Rei­sen nur unter größ­ten Aben­teu­ern und Gefah­ren, Brie­fe in sel­te­nen Fäl­len, und Bücher in Aus­nah­men — war es unter die­sen Umstän­den erstaun­lich, dass es den Spa­ni­ern durch mehr als zwei Jahr­hun­der­te gelang, die bak­te­ri­en des Zwei­fels und der Auf­lö­sung von Ame­ri­ka fern­zu­hal­ten?” (G. Masur: Simon Boli­var und die Befrei­ung Süd­maeri­kas, 1949, S. 28 f.)

Das änder­te sich aller­dings als die Bou­bo­nen den Thron bestie­gen und ver­such­ten einen auf­ge­klär­ten Abso­lu­tis­mus ein­zu­füh­ren.