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Scheitert Kolumbien?

Enri­que Ser­ra­no hat in sei­ner 2016 erschie­ne­nen Ana­ly­se nicht mehr die Fra­ge des “ob” gestellt, son­dern bereits danach gefragt “¿Por Qué Fra­ca­sa Colom­bia?”. Ich hielt das bis heu­te immer für ein wenig vor­ei­lig, bin aber mitt­ler­wei­le nicht mehr so sicher, ob mein Opti­mis­mus die nächs­ten Jah­re durch­hal­ten wird. Im Moment hal­ten wir uns in Deutsch­land auf und bekom­men die Nach­rich­ten über die Ent­wick­lung des Frie­dens­pro­zes­ses über die Medi­en und über Berich­te von Freun­den und Ver­wand­ten. Und die­se Berich­te sind alles ande­re als geeig­net, Opti­mis­mus und Zuver­sicht zu ver­brei­ten. Auf allen Ebe­nen scheint die Umset­zung des Frie­dens­ver­tra­ges zu sto­cken. Die Ver­sor­gung in den 23 “Zonas Ver­e­da­les” und 8 “Cam­pa­ment­os”, in denen die ehe­ma­li­gen FARC-Kämp­fer sich mitt­ler­wei­le alle ein­ge­fun­den haben und ihre Waf­fen an die UNO über­ge­ben haben, ist immer noch unak­zep­ta­bel. Beson­ders gra­vie­rend ist der Man­gel an Was­ser, an elek­tri­schem Strom und an Bau­ma­te­ria­li­en. Es man­gelt an Vie­lem. Mitt­ler­wei­le zwei­feln vie­le der Ex-Gue­ril­le­ros dar­an, ob sie eine ech­te Per­spek­ti­ve erhal­ten wer­den. Die ver­spro­che­ne Zutei­lung von Land, auf dem sie arbei­ten kön­nen, wur­de bis­lang nicht umge­setzt. Die Ein­glie­de­rung in das zivi­le Leben scheint frag­lich zu sein, nach­dem bereits im August der Dach­ver­band der Ban­ken sei­nen Mit­glie­dern emp­foh­len hat­te, kei­ne Bank­kon­ten für Ex-Gue­ril­le­ros zu eröff­nen, und der Dach­ver­band der mit­tel­stän­di­schen Indus­trie sei­nen Mit­glie­dern emp­foh­len hat­te, kei­ne Ex-Gue­ril­le­ros als Arbeits­kräf­te ein­zu­stel­len. Je mehr die Frus­tra­ti­on der in den Tran­si­ti­ons­zo­nen kon­zen­trier­ten Ex-Kämp­fern wächst, des­to grö­ßer wird die Gefahr des Schei­terns. Es wird von Deser­tio­nen berich­tet. Die sich dar­an anschlie­ßen­de Fra­ge, was die Der­setier­ten dann tun, bleibt offen. Aber vie­le Mög­lich­kei­ten, ins­be­son­de­re fried­li­che Mög­lich­kei­ten, kann man sich nicht vor­stel­len.

Bedroh­lich ist auch der von den kolum­bia­ni­schen Streit­kräf­ten nicht ver­hin­der­te Vor­marsch param­li­tä­ri­scher Grup­pen in die von den FARC geräum­ten Gebie­ten. Die Prä­senz die­ser “Ban­d­as Cri­mi­na­les” behin­dert auch die Kon­ver­si­on des Dro­gen­an­baus. Bau­ern, die auf ande­re Agra­pro­duk­te umstei­gen wol­len, wer­den mit Gewalt dar­an gehin­dert. So sind am 5. Okto­ber 10 Bau­ern ums Leben gekom­men, als das Mili­tär die Kon­ver­si­on in einem Gebiet des Muni­ci­pio Tumo­ca (Depar­ta­men­to Nari­ño) durch­set­zen woll­te. Die Bau­ern waren von dort mitt­ler­wei­le die Sze­ne beherr­schen­den bewaff­ne­ten Ban­den der Dro­gen­ba­ro­ne gezwun­gen wor­den, wei­ter­hin Koka anzu­bau­en. Als das Mili­tär ein­schrei­ten woll­te, wur­den sie von der Dro­gen­ma­fia in eine bewaff­ne­te Aus­ein­an­der­set­zung ver­wi­ckelt, wo sie als leben­de Schutz­schil­de benutzt wur­den. Die Mord­an­schlä­ge gegen ehe­ma­li­ge FARC-Kämp­fer aber auch an Akti­vis­ten der Zivil­ge­sell­schaft gehen wei­ter. Bis heu­te sol­len bereits 13 FARC-Mit­glie­der umge­bracht wor­den sein.

Die Men­schen­rechts­or­ga­ni­sa­ti­on Somos Defen­so­res zählt seit Beginn des Jah­res 335 Anschlä­ge gegen Per­so­nen, die sich für Men­schen­rech­te in Kolum­bi­en ein­set­zen und spricht von einem “Krieg gegen die Ver­tei­di­ger des Frie­dens”. Nach dem Nach­rich­ten­por­tal Colom­bia Plu­ral wird alle viert Tage ein Akti­vist für Men­schen­rech­te, Ver­tre­ter der Klein­bau­ern, von indi­ge­nen oder afro­ko­lum­bia­ni­schen Gemein­den umge­bracht. Im “Frie­dens­jahr” 2017 sind es bereits 66 Mor­de (Ende Sep­tem­ber), 2016 waren es 80).

Es scheint sich zu bewahr­hei­ten, was in der Frie­dens- und Kon­flikt­for­schung oft gesagt wird, dass näm­lich gera­de Post-Kon­flikt-Gesell­schaf­ten sich — zumin­dest für eine Wei­le — als beson­ders gewalt­tä­tig erwei­sen. Die ehe­mals mehr oder weni­ger klar defi­nier­ten Fron­ten, die für jeden Betei­lig­ten oder Betrof­fe­nen signa­li­sier­ten, wo er sich gefahr­los bewe­gen kann und wel­che Gebie­te für ihn eher eine No-Go-Aarea dar­stel­len, haben ihre Kon­tu­ren ver­lo­ren. Neue Unsi­cher­hei­ten ent­ste­hen. Genau das lässt sich gegen­wär­tig in Kolum­bi­en beob­ach­ten. Die FARC-Kämp­fer haben zwar ihre Waf­fen an die UN über­ge­ben, aber von Frie­den kann nicht die Rede sein.

Die FARC kri­ti­sie­ren, dass sich immer noch über 1.000 ehe­ma­li­ge FARC-Kämp­fer in Haft befin­den, die eigent­lich nach den Ver­ein­ba­run­gen von Hava­na frei­ge­las­sen wer­den müss­ten. Außer­dem sind wei­ter­hin Haft­be­feh­le gegen Mit­glie­der der FARC in Kraft, was immer wie­der zu Kon­flik­ten bei Poli­zei­kon­trol­len führt. Auch die schlep­pen­de gesetz­ge­be­ri­sche Umset­zung der Ver­ein­ba­run­gen wird kri­ti­siert. Das betrifft vor allem die Land­re­form und die “Jus­ti­cia Espe­cial para la Paz (JEP)”. Mir scheint es beson­ders bedroh­lich, dass Tei­le der poli­ti­schen Klas­se des Lan­des offen­bar wenig Inter­es­se zei­gen, die Frie­dens­ver­ein­ba­run­gen auch zügig umzu­set­zen. Steckt dahin­ter ein Kal­kül? Viel­leicht die Erwar­tung, dass bei den Wah­len im nächs­ten Jahr die Gege­ner des Frie­dens­ab­kom­mens um Exprä­si­dent Uri­be die Mehr­heit der Stim­men erhal­ten könn­ten und dann alles zurück­ge­dreht wird?

Medellin und seine “Comuna 13”

Die Medel­lin-Kon­fe­renz des RC-51 ist been­det. Für mich war es eine beson­de­re Ehre, dass mein Vor­trag vom Orga­ni­sa­ti­ons­kom­mit­tee der Kon­fe­renz als “Clo­sing Pre­sen­ta­ti­on” fest­ge­legt wur­de. So hat­te ich über eine Stun­de Zeit, mei­ne Sicht der Din­ge über den kolum­bia­ni­schen Frie­dens­pro­zess dar­zu­le­gen und es blieb auch noch aus­rei­chend Zeit, um mit den Kol­le­gin­nen und Kol­le­gen dar­über zu dis­ku­tie­ren. Mei­ne Sor­ge, dass die kolum­bia­ni­schen Kol­le­gen an der Legi­ti­mi­tät eines sol­chen Vor­tra­ges zwei­feln könn­ten, erwies sich im Nach­hin­ein als voll­kom­men unbe­grün­det. Die Dis­kus­si­on war aus­ge­spro­chen soli­da­risch und kon­struk­tiv.

Micha­el Pae­tau wäh­rend des Vor­tra­ges (Foto: Alex­an­der Exque­me­lin, Wiki­pe­dia)

Es war rei­ner Zufall aber die sich am Wochen­en­de anschlie­ßen­de gemein­sa­me Stadt­er­kun­dung soll­te sich wie eine Art Anschau­ung­bei­spiel mei­ner Prä­sen­ta­ti­on vom Vor­tag ent­spup­pen. Sie führ­te uns unter ande­rem in die “Comu­na 13”, eines der ärms­ten Stadt­tei­le, der in den 80er und 90er Jah­ren Schau­platz blu­ti­ger und töd­li­cher Aus­ein­an­der­set­zun­gen zwi­schen riva­li­sie­ren­den Dro­gen­kar­tel­len, zwi­schen zwi­schen Gue­ril­la und para­mi­li­tä­ri­scher Grup­pen und zwi­schen ver­fein­de­ten kri­mi­nel­len Ban­den war. Die­ses Bar­rio ist auch durch eine im Jahr 2002 mit äußers­ter Bru­ta­li­tät vor­ge­tra­ge­ne Mili­tär­ope­ra­ti­on (“Ope­ra­ción Orión”) bekannt gewor­den, in der unter dem Befehl des dama­li­gen Prä­si­den­ten Alva­ro Uri­be und mit der Begrün­dung, die Gue­ril­la von ihrer sozia­len Basis abzu­schnei­den, ein unvor­stell­ba­res Mas­sa­ker unter der Zivil­be­völ­ke­rung ange­rich­tet wur­de. Bis vor weni­gen Jah­ren war die Comu­na 13 eine abso­lu­te No-Go-Area. Und das nicht nur für Tou­ris­ten. Con­stan­za und ich sind vor vie­len Jah­ren ein­mal über das Vier­tel hin­weg­ge­schwebt, als wir die Seil­bahn genom­men hat­ten, die zum Par­que Arvi führt, einem Natio­nal­park auf einem der die Stadt Medel­lin umge­ben­den Ber­ge. Es gibt eine Sta­ti­on der Seil­bahn in der Comu­na 13, bei der die Bowoh­ner des Vier­tels ein- und aus­stei­gen kön­nen. Haben wir aber nicht gemacht.

Seil­bahn zum Par­que Arvi über die Comu­na 13 schwe­bend

Mitt­ler­wei­le hat sich die Situa­ti­on geän­dert. Aus der eins­ti­gen No-Go-Area ist eines der belieb­tes­ten Tou­ris­ten-Attrak­tio­nen Medel­lins gewor­den. Seit Ser­gio Fajar­do sich als unab­hän­gi­ger Kan­di­dat gegen die eta­blier­ten Par­tei­en in der Bür­ger­meis­ter­wahl 2004 durch­set­zen konn­te und er anschlie­ßend 2013 bis 2015 Gou­ver­neur des Departa­mane­tos Antio­quia war, wur­de viel in die Struk­tur der armen Stadt­vier­tel Medel­lins inves­tiert. Und trotz der all­ge­gen­wär­ti­gen Kor­rup­ti­on in Kolum­bi­en, schei­nen vie­le der Pro­jekt­mit­tel tat­säch­lich dort ange­kom­men zu sein, wo sie Wir­kung ent­fal­ten konn­ten. Eines der spek­ta­ku­lärs­ten Pro­jek­te war zwei­fel­los die Errich­tung einer 348 Meter lan­gen Frei­luft-Roll­trep­pe, die den Bewoh­nern des steil am Berg­hang lie­gen­den Bar­ri­os den Weg zu ihren Häu­sern enorm erleich­tert. Die Roll­trep­pe ist in sechs Abschnit­te unter­teilt und über­win­det ins­ge­samt einen Höhen­un­ter­schied, der ca. 28 Stock­wer­ke bemes­sen wür­de. Am Anfang und Ende jedes Abschnit­tes haben sich neue infor­mel­le Struk­tu­ren her­aus­ge­bil­det, die zwar noch kei­ne öko­no­mi­sche oder sozia­le Struk­tur-Revo­lu­ti­on dar­stel­len, die aber ein­zel­nen Fami­li­en ein bestimm­tes Ein­kom­men sicher­stel­len. Das liegt auch an den vie­len Tou­ris­ten, die ers­tens die bemer­kens­wer­te Graf­fi­ti­kunst, in der die Bewoh­ner der Comu­ne 13 ihre wech­sel­vol­le Geschich­te künst­le­risch ver­ar­bei­tet haben, bewun­dern, und zwei­tens an der Rie­sen-Roll­trep­pe, die auch in Euro­pa Auf­merk­sam­keit gewon­nen hat.

Über­dach­te Frei­luft-Roll­trep­pe in der Comu­na 13

Wir haben unter der Füh­rung eines Künst­lers und Men­schen­rechts­ak­ti­vis­ten der Koope­ra­ti­ve “Kola­cho” eine Tour durch das Vier­tel unter­nom­men, in der uns anhand der zahl­rei­chen und äußerst bemer­kens­wer­ten Graf­fi­tis die wech­sel­vol­le Geschich­te der Comu­na 13 erläu­tert wur­de. In der Zeit zwi­schen 2002 und 2012 fan­den — nach Berich­ten der Tages­zei­tung El Tiem­po ins­ge­samt 10 mili­tä­ri­sche Säu­be­rungs­ak­tio­nen auf dem Gebiet der Comu­na 13 statt, die sich vor allem gegen ver­meint­li­che oder tat­säch­li­che Sym­pa­thi­san­ten der Gue­ril­la rich­te­ten. In beson­de­rer Wei­se haben sich die bei­den Mili­tär­ope­ra­tio­nen des Jah­res 2002, die “Ope­ra­ción Maris­cal” und die “Ope­ra­ción Ori­on” in das his­to­ri­sche Gedächt­nis der Comu­na 13 ein­ge­brannt. Die “Ope­ra­ción Maris­cal” fand am 21. Mai 2002 noch in den letz­ten Mona­ten der Prä­si­dent­schaft von Andrés Pastra­na statt und for­der­te zahl­rei­che Opfer unter der Zivil­be­völ­ke­rung.

Fünf Mona­te spä­ter — unmit­tel­bar nach dem Amts­an­tritt von Ala­va­ro Uri­be — ereig­ne­te sich der zwei­te Angriff auf das Bar­rio, die “Ope­ra­ción Ori­on”, die mit Unter­stüt­zung para­mi­li­tä­ri­scher Ver­bän­de statt­fand. Es war das erklär­te Ziel von Uri­be, die Gue­ril­la nicht nur durch direk­te mili­tä­ri­sche Ope­ra­tio­nen zu bekämp­fen, son­dern sie auch dadurch zu schwä­chen, dass sie von sozia­len Basis abge­schnit­ten wird. Die­sem Ziel dien­ten die Mili­tär­ope­ra­tio­nen in der Comu­na 13. Denn es wur­de ver­mu­tet, dass gera­de in die­sem armen Stadt­vie­tel, die Gue­ril­la mit einer nicht uner­heb­li­chen Anzahl von Sym­pa­thi­san­ten rech­nen konn­te. Noch heu­te ist der Ver­bleib von über 300 Per­so­nen, die in den bei­den Tagen der Ope­ra­ti­on vom Mili­tär und von Para­mi­li­tärs ver­schleppt wur­den, unge­klärt. Ins­be­son­de­re die Para­mi­li­tärs haben sich durch beson­de­re Grau­sam­keit aus­ge­zeich­net, indem sie ver­meint­li­che oder tat­säch­li­che lin­ke Akti­vis­ten gefol­tert und anschlie­ßend hin­ge­rich­tet haben. Die­go Muril­lo Beja­ra­no, einer der ehe­mals füh­ren­den Köp­fe der para­mi­li­tä­ri­schen “Auto­de­fen­sas Uni­das de Colom­bia (AUC)“, hat­te nach sei­ner Ver­haf­tung der Staats­an­walt­schaft zwar den Ort gezeigt, an dem die Hin­ge­rich­te­ten, ver­scharrt wor­den waren. Ein gegen­über der Comu­na 13 lie­gen­der Hügel, der von der Stadt Medel­lin dazu benutzt wur­de, Bau­schutt abzu­la­den. Aber die Zahl der Toten und ihre Iden­ti­tät ist nach wie vor unklar. Seit Jah­ren kämp­fen die Ange­hö­ri­gen dar­um, dass die Ange­le­gen­heit auf­ge­klärt und die Ver­ant­wort­li­chen zur Rechen­schaft gezo­gen wer­den. Wer Spa­nisch spricht kann sich über meh­re­re You­tube-Vide­os unter dem Stich­wort “Ope­ra­ción Orión” näher über die schreck­li­chen Ereig­nis­se und über die Rol­le, die der dama­li­ge Prä­si­dent Uri­be dabei gespielt hat, infor­mie­ren.

Ope­ra­ción Orión (16./17. Okto­ber 2002)

Die Tat­sa­che, dass sich die Situa­ti­on mitt­ler­wei­le erheb­lich ver­bes­sert hat, heißt indes nicht, dass man hier nun sorg­los durch die engen Gas­sen schlen­dern kann. Bes­ser ist es, wenn man sich nicht all­zu­weit von den Roll­trep­pen ent­fernt. Und in der Dun­kel­heit soll­te man lie­ber auf einen Rund­gang ver­zich­ten.

Frei­luft-Roll­trep­pen in Medel­lin, Comu­na 13

Sociocybernetics in Medellin

Ich freue mich sehr auf unse­re dies­jäh­ri­ge Jah­res­kon­fe­renz des Rese­arch-Com­mit­tee “Socio­cy­ber­ne­tics”, der “Inter­na­ti­onl Socio­lo­gi­cal Asso­cia­ti­on” (ISA-RC-51), die erst­mals in Kolum­bi­en statt­fin­den wird. Dank der inten­si­ven Bemü­hun­gen unse­rer kolum­bia­ni­schen Kol­le­gen Lucia­no Gal­lon von der “Pon­ti­fi­cia Uni­ver­si­dad Boli­va­ria­na”, Medel­lin, sei­ner Ehe­frau Glo­ria Lodo­ño und Gabriél Velez von der “Uni­ver­si­dad de Antio­quia”, Medel­lin, sowie tat­kräf­ti­ger Unter­stüt­zung aller Mit­glie­der des inter­na­tio­na­len Kon­fe­renz-Kom­mit­tees kann die Kon­fe­renz, wie geplant, vom 20. bis 24. Juni in Medel­lin statt­fin­den. Ich wer­de in die­ser Zeit bereits in Kolum­bi­en sein und habe inso­fern eine kur­ze Anrei­se. Die Kon­fe­ren­zen der Sozio­ky­ber­ne­ti­schen Com­mu­ni­ty sind immer sehr akti­ve Kon­fe­ren­zen. Die Teil­nah­me ist nur mög­lich über die Ein­rei­chung eines Prä­sen­ta­ti­ons­vor­schlags und sei­ner Akzep­tanz durch das inter­na­tio­na­le Kon­fe­renz-Kom­mit­tees. Mein dies­jäh­ri­ger Vor­trag fällt ein wenig aus dem Rah­men mei­ner bis dato prä­sen­tier­ten Vor­trä­ge, die sich meist mit sozio­lo­gi­schen Fra­gen des Inter­nets und der Ent­ste­hung, Sedi­men­tie­rung, Dis­tri­bu­ti­on von und des Zugangs zum gesell­schaft­li­chen Wis­sen aus­ein­an­der­ge­setzt hat­ten. Mein The­ma dies­mal ist die Kom­ple­xi­tät des Frie­dens­pro­zes­ses in Kolum­bi­en. Dabei ist mir voll­kom­men bewusst, wel­ches Risi­ko ich ein­ge­he. Als Aus­län­der, hier in Kolum­bi­en, vor einer Zuhö­rer­schaft, die zwar in ers­ter Linie inter­na­tio­nal zusam­men­ge­setzt ist, bei denen aber zwei­fel­los von einer nicht gerin­gen Anzahl kolum­bia­ni­scher Teil­neh­mer aus­zu­ge­hen ist, über Kolum­bi­en zu spre­chen, mag als anma­ßend emp­fun­den wer­den. Ich fah­re also dies­mal mit einer gehö­ri­gen Por­ti­on Selbst­zwei­fel nach Medel­lin. Wird man sich nicht viel­leicht fra­gen: was bil­det der sich eigent­lich ein, als Aus­län­der, als Euro­pä­er, hier in Kolum­bi­en, einen Vor­trag über unser eige­nes Land zu hal­ten und mög­li­cher­wei­se zu glau­ben, uns etwas erzäh­len zu kön­nen, was wir nicht viel bes­ser wüss­ten? Nun, mit einer sol­chen Reak­ti­on muss ich rech­nen. Aber ich habe Grün­de. Und viel­leicht gelingt es mir, die Moti­va­ti­on für das, was ich in Medel­lin tun wer­de, ver­ständ­lich zu machen. Denn, das ist den Lesern die­ses Blogs natür­lich schon klar, Kolum­bi­en ist mir wirk­lich eine Her­zens­an­ge­len­gen­heit.

Seit mehr als 30 Jah­ren beob­ach­te ich die Gescheh­nis­se in die­sem Land, habe unter­schied­li­che Peri­oden des Kon­flik­tes mit­er­lebt, die Gewalt­ex­zes­se der 80er und 90er Jah­re, unter­schied­li­che Stra­te­gi­en mit dem Kon­flikt umzu­ge­hen, habe die mehr­fa­chen Bemü­hun­gen um Frie­den bzw. Befrie­dung unter ver­schie­de­nen Prä­si­den­ten, von Betan­cour über Pastra­na, Uri­be und nun San­tos erlebt, die mit ihnen ver­bun­de­nen Hoff­nun­gen, die Ent­täu­schun­gen über ihr Schei­tern, das Miss­trau­en, die Hoff­nung und das Erar­bei­ten neu­er Ansät­ze. Mei­ne fami­liä­ren Bin­dun­gen machen es mir mög­lich, an sehr unter­schied­li­chen Dis­kur­sen zu par­ti­zi­pie­ren. Und ich kann mir vor­stel­len, dass es nicht ganz unin­ter­es­sant für Kolum­bia­ner sein könn­te, zu erfah­ren, wie dies alles von außen gese­hen und gedeu­tet wird.

Nach­dem ich mich mehr in die Ver­ein­ba­run­gen von Havan­na ver­tieft hat­te, das Desas­ter des Ple­bis­zits vom 2. Okto­ber erlebt habe und die nach wie vor andau­ern­de Pola­ri­sie­rung der kolum­bia­ni­schen Gesell­schaft in die­ser Fra­ge mit anse­hen muss, war mir klar gewor­den, dass es sich hier um einen außer­or­dent­lich hoch­kom­ple­xen Pro­zess einer gesell­schaft­li­chen Ent­wick­lung han­delt, der von einer Wis­sen­schafts­dis­zi­plin, wie der Sozio­ky­ber­ne­tik, unwill­kür­lich als Her­aus­for­de­rung betrach­tet wer­den muss. Es sind vor allem zwei Punk­te, die mich moti­viert haben, die­sen Bei­trag zu hal­ten: Ers­tens die Über­zeu­gung, dass die Sozio­ky­ber­ne­tik eine Wis­sen­schaft ist, die ihr Wis­sen über den Umgang mit Kom­ple­xi­tät, ihre Theo­ri­en und Metho­den in die­sen Pro­zess ein­brin­gen soll­te, in wel­cher Wei­se auch immer. Das was in Kolum­bi­en als “Poscon­flic­to”, in Fach­krei­sen aber prä­zi­se­rer als “Posa­cuer­do” bezeich­net wird, ist in Tei­len eine kon­kre­te Anwen­dung des­sen, was in der Poli­tik­wis­sen­schaft als “Tran­si­tio­nal Jus­ti­ce” the­ma­ti­siert wird, eine der aus mei­ner Sicht anspruchs­volls­ten Her­aus­for­de­run­gen, die Fra­ge der Kom­ple­xi­tät anzu­ge­hen. Hier kann die sozio­ky­ber­ne­ti­sche For­schung ihre Ana­ly­se- und Pro­blem­lö­sungs­fä­hig­keit erwei­sen.

Aber es geht nicht nur dar­um, sozio­ky­ber­ne­ti­sche Theo­ri­en und Metho­den für den schwie­ri­gen gesell­schaft­li­chen Pro­zess der nächs­ten Jah­re und Jahr­zehn­te zur Ver­fü­gung zu stel­len, son­dern auch umge­kehrt, aus den Erfah­run­gen, die man in den nächs­ten zehn Jah­ren hier in Kolum­bi­en machen wird, das Wis­sen über Tran­si­tio­nal-Jus­ti­ce-Pro­zes­se zu ver­tie­fen.

Ein wei­te­rer Punkt ist das inter­na­tio­na­le Selbst­ver­ständ­nis unse­rer wis­sen­schaft­li­chen Arbeit und lässt sich in einen direk­ten Bezug zu dem Kap­tel 6 des Frie­dens­ver­tra­ges brin­gen. In die­ser Ver­trags­kom­po­nen­te erklä­ren bei­de Ver­trags­par­tei­en, dass für die Eta­ble­rung eines sta­bi­len und dau­er­haf­ten Frie­dens die Ein­be­zie­hung inter­na­tio­na­ler Beob­ach­ter und Bera­ter sinn­voll und not­wen­dig ist. Es wur­den eine Rei­he von Mecha­nis­men einer der­ar­ti­ge inter­na­tio­na­len Kom­po­nen­te ver­ein­bart. Dar­über­hin­aus ist allen Betei­lig­ten aber klar, dass nicht nur die offi­zi­el­len Insti­tu­tio­nen, wie UNO, Signartar­mäch­te (Cuba und Nor­we­gen) oder ein­zel­ne Län­der, die sich für den Frie­den enga­gie­ren (EU, USA, u.a.), son­dern auch die Unter­stüt­zung der welt­wei­ten Zivil­ge­sell­schaft, der Akti­vis­ten für Men­schen­rech­te, Umwelt und Frie­den, wich­tig ist. Das Glei­che gilt auch für die Wis­sen­schaft, die einen wich­ti­gen Bei­trag leis­ten kann und soll­te. Ein Bei­spiel könn­te das neu­ge­grün­de­te kolum­bia­nisch-deut­sche Insti­tut für den Frie­den sein, dass in Bogo­tá sei­nen Sitz haben wird und noch in die­sem Jahr mit For­schungs- und Bera­tungs­ar­bei­ten begin­nen soll.

Was mei­nen Vor­trag in Medel­lin betrifft, so kann ich zunächst nicht mehr viel mehr tun, als dafür zu apel­lie­ren, unse­re sozio­ky­ber­ne­ti­schen Kapa­zi­tä­ten zur Ver­fü­gung zu stel­len, um einen Bei­trag für die Umset­zung des kolum­bia­ni­schen Frie­dens­pro­zess zu leis­ten. Zunächst sehe ich dafür drei Punk­te: Ers­tens Erhe­bun­gen, Unter­su­chun­gen und Ana­ly­sen bezüg­lich der Kom­ple­xi­tät des Kon­flik­tes selbst, zwei­tens die Ope­ra­tio­na­li­sie­rung der ein­zel­nen Inhal­te des Frie­dens­ab­kom­mens und drit­tens Eva­lu­ie­run­gen hin­sicht­lich der Imple­men­ta­ti­on der ver­ein­bar­ten Zie­le, der Schrit­te zur Ben­di­gung des bewaff­ne­ten Kon­flik­tes und der Eta­blie­rung einer “Post-Kon­flikt Gesell­schaft”.

Bemerkungen zur Geschichte der Gewalt in Kolumbien

Die Geschich­te der Gewalt, oder genau­er gesagt, der wie es scheint unhin­ter­frag­ten Durch­set­zung von Macht mit Hil­fe von Gewalt, beginnt bereits mit der Grün­dung des Staa­tes. Oder noch frü­her, mit der Aus­ru­fung der Unab­hän­gig­keit 1810. Gabri­el Gar­cía Már­quez spricht in sei­nem Erin­ne­rungs­buch “Vivir para con­tar­la” hin­sicht­lich der dort geschil­der­ten Ereig­nis­se der “Vio­len­cia” (1948 — 1953) von einem Bür­ger­krieg, “der uns seit der Unab­hän­gig­keit von Spa­ni­en beglei­tet hat­te und nun bereits die Uren­kel der ursprüng­li­chen Prot­ago­nis­ten ereil­te” (S. 344). Wie ich in mei­nen his­to­ri­schen Exkur­sen über die Unab­hän­gigs­keits­be­we­gung Neu­gra­na­das und den Aus­ein­an­der­set­zun­gen zwi­schen Zen­tra­lis­ten und Föde­ra­lis­ten noch wäh­rend der Geburt der Repu­blik zu zei­gen ver­sucht habe, wur­den die Mei­nungs­ver­schie­den­hei­ten über die künf­ti­ge Struk­tur des Staa­tes von Anfang an mit Gewalt aus­ge­tra­gen. Mit kata­stro­pha­len Fol­gen, denn die spa­ni­schen Trup­pen, die von Süden ange­rückt waren, um Neu­gra­na­da für das König­reich zurück­zu­er­obern, waren über die­sen Streit der Repu­bli­ka­ner natür­lich begeis­tert.

Eigent­lich gab es in die­sen Anfangs­jah­ren zwei Repu­bli­ken auf dem Boden des Vize­kö­nig­rei­ches Neu­gra­na­da: 1. Die “Repu­bli­ca de Cun­di­na­mar­ca” (zen­tra­lis­tisch mit der Haupt­stadt Bogo­tá und unter der Prä­si­dent­schaft von Anto­nia Nari­ño) und 2. die föde­ra­ti­ve Repu­blik der “Pro­vin­ci­as Uni­das” (unter Camil­lo Tor­res) mit Tun­ja als Haup­stadt. Seit 1812 stan­den sich bei­de Sei­ten in einem Bür­ger­krieg gegen­über, der bis zur Ein­nah­me von Bogo­tá durch die Trup­pen der Pro­vin­ci­as Uni­das unter Simon Boli­var (sic!) im Jah­re 1814 dau­er­te. Gleich­zei­tig aber gab es auf dem Ter­ri­to­ri­um von Neu­gra­na­da eini­ge Pro­vin­zen, die über­haupt kei­ne repu­bli­ka­ni­schen Ambi­tio­nen hat­ten, son­dern am spa­ni­schen Regent­schafts­rat (Con­se­jo de Regen­cia) und spä­ter dann an Fer­di­nand II als ihrem König fest­hiel­ten. Das waren u.a. San­ta Mar­ta, Popa­yan, Pas­to). Bogo­tá fiel schon zwei Jah­re spä­ter (1816) wie­der in die Hän­de der Spa­ni­er. All die­se gewalt­vol­len Aus­ein­an­der­set­zun­gen ver­lei­te­ten Anto­nia Nari­ño zu sei­nem berühm­ten Aus­spruch vom “Patria Boba”, dem “när­ri­schen Vater­land”. Erst ab 1819 nach der ent­schei­den­den Schlacht an der Brü­cke von Boya­ca und der anschlie­ßen­den Grün­dung der “Repu­bli­ca de Colom­bia” setz­te für eini­ge Jah­re eine gewis­se Sta­bi­li­tät ein, die aller­dings deut­lich an die Auto­ri­tät Simon Boli­vars gebun­den war.

Nach dem Zer­fall des von Boli­var gegrün­de­ten Groß­ko­lum­bi­ens 1830 ent­stan­den in kur­zer Fol­ge und fast immer nach Mili­tär­put­schen, denen meist Bür­ger­krie­ge folg­ten, ver­schie­de­ne Repu­bli­ken mit abwech­seln­den zen­tra­lis­ti­schen oder föde­ra­lis­ti­schen Ver­fas­sun­gen. Kolum­bi­en hat­te im 19 Jahr­hun­dert fol­gen­de Namen und Ver­fas­sun­gen:

    • 1810 — Repu­bli­ca de Cun­di­na­mar­ca (zen­tra­lis­tisch unter Anto­nia Nari­ño, Sitz Bogo­tá) und der föde­ra­ti­ven Repu­blik der Pro­vin­ci­as Uni­das (unter Camil­lo Tor­res, Sitz Tun­ja). Bei­de bestan­den aber nur bis Recon­quis­ta der Spa­ni­er im Jah­re 1816)
    • 1819 — Repu­bli­ca de Colom­bia (1819 — 1830: Gran Colom­bia)
    • 1830 — Repu­bli­ca de la Nue­va Gra­na­da (1853 libe­ra­le Ver­fas­sungs­re­form nach dem Brü­ger­krieg 1851. Erneu­ter Bür­ger­krieg 1854 )
    • 1858 — Con­fe­der­a­ción Gra­na­di­na (föde­ra­ti­ve Struk­tur mit 8 Ein­zel­staa­ten und einem Zen­tral­par­la­ment, 1860 — 1863 Bür­ger­krieg)
    • 1863 — Esta­dos Uni­dos de Colom­bia (Radi­kal-libe­ra­le und lai­zis­ti­sche Ver­afs­sung v. 8. Mai 1863 (Ver­fas­sung von Rio Negro, unter Prä­si­dent Mos­que­ra), neun weit­ge­hend unab­hän­gi­ge Ein­zel­staa­ten, aber erneu­te Bür­ger­krie­ge 1876–1877 und 1885 als die Libe­ra­len sich gegen den kon­ser­va­ti­ven Prä­si­dent Rafa­el Nuñez erho­ben.)
    • 1886 Repu­bli­ca de Colom­bia (Nuñez sieg­te, grün­de­te den “Par­ti­do Nacio­nal” und führ­te eine zen­tra­lis­ti­sche und kon­ser­va­tiv gepräg­te Ver­fas­sung ein)

Allein in der zwei­ten Hälf­te des 19. Jahr­hun­derts erlei­de­te Kolum­bi­en sie­ben Bür­ger­krie­ge. In vie­len Stu­di­en wird vor allem der “Krieg der 1000 Tage” (1899 — 1902), den auch Gabri­el Gar­cia Mar­quez in sei­nem Buch “100 Jah­re Ein­sam­keit” behan­delt hat, eine ver­hee­ren­de Wir­kung auf die Repro­duk­ti­ons­lo­gik der Macht nach­ge­sagt, die sich dann im 20 Jahr­hun­dert fort­setz­te.

Ein wei­te­res trau­ma­ti­sches Ereig­nis war der fürch­ter­li­che zehn­jäh­ri­ge Bür­ger­krieg von 1948 bis 1958, der als “Vio­len­cia” in die Geschich­te ein­ge­gan­gen ist. Er begann am am 9. April 1948, ein Tag der den Kolum­bia­nern als “Bogo­ta­zo” ins natio­na­le Gedächt­nis ein­ge­brannt ist. An die­sem Tag wur­de Jor­ge Elié­cer Gaitán, Hoff­nungs­trä­ger für einen sozia­len Wan­del und aus­sichts­rei­cher Prä­si­dent­schafts­kan­di­dat der Libe­ra­len Par­tei in Bogo­tá auf offe­ner Stra­ße ermor­det. Gaitáns Ein­tre­ten für eine Ver­bes­se­rung der mate­ri­el­len Lebens­be­din­gun­gen der armen Bevöl­ke­rung und sei­ner damit in Zusam­men­hang ste­hen­den anti-olig­ar­chi­schen Rhe­to­rik hat­ten ihm eine enor­me Popu­la­ri­tät in der ein­fa­chen Bevöl­ke­rung aber auch ein gro­ßes Miss­trau­en der soge­nann­ten Eli­te des Lan­des, der Bour­geoi­sie und der Lati­fun­di­stas, sowohl in der kon­ser­va­ti­ven als auch in sei­ner eige­nen Par­tei, den Libe­ra­len, ein­ge­bracht. Nie­mand zwei­fel­te dar­an, dass er die Wah­len gegen den kon­ser­va­ti­ven Amts­in­ha­ber Maria­no Ospi­na Pérez gewin­nen wür­de. Die Hin­ter­grün­de und Hin­ter­män­ner die­ses Mor­des sind bis heu­te nicht rest­los geklärt. Aber die Wut der Anhän­ger Gai­tans kann­te kei­ne Gren­zen. In hef­ti­gen Stra­ßen­schlach­ten mit der Poli­zei wur­den über 3.000 Men­schen getö­tet, die hal­be Inne­stadt von Bogo­tá ver­wüs­tet. Es begann das dun­kels­te Kapi­tel in der Geschich­te Kolum­bi­ens, ein Bür­ger­krieg, der nach Schät­zun­gen ca. 300.000 Men­schen das Leben gekos­tet hat. Nahe­zu jede kolum­bia­ni­sche Fami­lie kann von Erleb­nis­sen berich­ten, in denen Fami­li­en­mit­glie­der von der “Vio­len­cia” in irgend­ei­ner Form betrof­fen waren: Ermor­dung, Ver­trei­bung, Bedro­hung, Flucht, Ver­fol­gung. Das alles hat sich tief in das kul­tu­rel­le Gedächt­nis der Gesell­schaft ein­ge­brannt.

Tafel zum Geden­ken an die Ermor­dung von Gai­tan in Bogo­tá

Ich kann hier nur stich­punkt­mä­ßig die Ereig­nis­se skiz­zie­ren, deren Fol­gen bis heu­te zu spü­ren sind, denn letzt­lich führ­ten sie zur Grün­dung der Gue­ril­la und zu den krie­ge­ri­schen Aus­ein­an­der­set­zun­gen, die heu­te nach fast 70 Jah­ren, zu been­den ver­sucht wer­den. Wäh­rend der Kämp­fe wur­de im Grenz­ge­biet der süd­lich der Haupt­stadt Bogo­tá gele­ge­nen Pro­vin­zen Toli­ma, Hui­la, Cau­ca und Val­le del Cau­ca meh­re­re unab­hän­gi­ge Repu­bli­ken gegrün­det. Die his­to­risch bedeut­sams­te und gegen Inva­si­ons­ver­su­che der kolum­bia­ni­schen Armee wider­stän­digs­te war die “Repu­bli­ca de Mar­queta­lia”, in der die Kom­mu­nis­ti­sche Par­tei Kolum­bi­ens eine wich­ti­ge orga­ni­sie­ren­de Kraft dar­stell­te. Erst 1964 konn­te die kolum­bia­ni­sche Armee mit Unter­stüt­zung der CIA das Gebiet erobern und rich­te­te dabei ein Mas­sa­ker an. Die Über­le­ben­den zogen sich in die Ber­ge zurück und began­nen einen Gue­ril­la­krieg, auf den die Regie­rung mit der Auf­stel­lung von para­mi­li­tä­ri­schen Anti-Gue­ril­la-Ein­hei­ten, unter ihnen die wegen ihrer Grau­sam­keit gefürch­te­ten “Chul­avi­tas” und “Pája­ros”, reagier­te. Mit dem “Decre­to 3398” und “Ley 48” wur­den die­se Ein­hei­ten als “anti­kom­mu­nis­ti­sche Kampf­ein­hei­ten” vom kolum­bia­ni­schen Staat legi­ti­miert. 1966 schlos­sen sich dar­auf­hin die links­ge­rich­te­ten Gue­ril­la-Ein­hei­ten zu den »Fuer­zas Arm­a­das Revo­lu­tio­na­ri­as de Colom­bia – Ejér­ci­to de Pue­b­lo« (FARC-EP) zusam­men.

Auch die vor­über­ge­hen­de Errich­tung einer Mili­tär­dik­ta­tur unter Gene­ral Gus­ta­vo Rojas Pinil­la (1953) und Gabri­el París Gor­dil­lo (1957) konn­te den ver­hee­ren­den Bür­ger­krieg nicht been­den. Dies gelang erst als sich die bei­den Kon­flikt­par­tei­en, die Libe­ra­len und die Kon­ser­va­ti­ven auf die Bil­dung einer “Fren­te Natio­nal” einig­ten, in der die Macht geteilt wur­de. Alle Regie­rungs­pos­ten wur­den je zur Hälf­te auf die bei­den Par­tei­en auf­ge­teilt. Der Prä­si­dent wur­de alle vier Jah­re mal von den Libe­ra­len, mal von den Kon­ser­va­ti­ven gestellt. Erst 1974 gab es wie­der freie Wah­len.

Para­mi­li­tä­ri­sche Ein­hei­ten, soge­nann­te “Auto­de­fen­sas”, wur­den nun auch von Groß­grund­be­sit­zern, in ers­ter Linie von Vieh­züch­tern, aber auch von Dro­gen­kar­tel­len finan­ziert, um sich so gegen die Akti­vi­tä­ten der Gue­ril­la zu weh­ren. 1994 wur­den Struk­tu­ren auf­ge­baut, um die sich im gan­zen Lan­de aus­brei­ten­den para­mi­li­tä­ri­schen Ver­bän­de zu koor­di­nie­ren (“CONVIVIR”). Es wird geschätzt, das CONVIVIR zeit­wei­se 120.000 bewaff­ne­te Kämp­fer kon­trol­lier­te (vgl. M. Koessl: Gewalt und Habi­tus. Para­mi­li­ta­ris­mus in Kolum­bi­en. Münster:Lit-Verlag; sowie: R. Zelik: Die kolum­bia­ni­schen Para­mi­li­tärs. “Regie­ren ohne Staat? oder ter­ro­ris­ti­sche For­men der Inne­ren Sicher­heit. Müns­ter 2009, West­fä­li­sches Dampf­boot). Dies wur­de aber bald für den Staat zu einem schwer kal­ku­lier­ba­ren Risi­ko und so wur­den die­se “Wach­schutz­ko­ope­ra­ti­ven” 1997 wie­der ver­bo­ten. Doch bereits im sel­ben Jahr erfolg­te die Grün­dung der “AUC” (Auto­de­fen­sas Uni­das de Colom­bia), die in den fol­gen­den Jah­ren die domi­nie­ren­de Rol­le der para­mi­li­tä­ri­schen Ver­bän­de ein­neh­men soll­te.

Wäh­rend der 90er Jah­re war nicht mehr zu igno­rie­ren, dass die Gewalt in Kolum­bi­en nicht allein ein Kon­flikt zwi­schen der Gue­ril­la und der Regie­rung war. Die Opfer waren immer mehr Zivil­per­so­nen, füh­ren­de Akti­vis­ten indi­ge­ner und afro-kolum­bia­ni­scher Gemein­den, Gewerk­schafts­füh­rer, kri­ti­sche Jour­na­lis­ten, Rechts­an­wäl­te, Poli­ti­ker. Um nur ein Bei­spiel zu nen­nen: In der Zeit zwi­schen 1986 und 2002 hat der gewerk­schaft­li­che Dach­ver­band CUT 4.000 Mit­glie­der durch Ermor­dun­gen ver­lo­ren. In eini­gen Fäl­len waren gro­ße inter­na­tio­na­le Kon­zer­ne in sol­che Taten ver­wi­ckelt, wie beis­pils­wei­se das us-ame­ri­ka­ni­sche Berg­bau­un­ter­neh­men Drum­mond, Bri­tish Petro­le­um, Eco­Pe­trol, CocaCo­la, Chi­qui­ta u.a.. Die­se Fak­ten alar­mier­ten die inter­na­tio­na­le Öffent­lich­keit und die Fra­ge nach der Rol­le und der Ver­ant­wor­tung des Staa­tes wur­de gestellt.

Vor der Men­schen­rechts­kom­mis­si­on der Ver­ein­ten Natio­nen kam es zu einer Ankla­ge gegen die kolum­bia­ni­sche Regie­rung. Da es zu den Auf­ga­ben der Regie­rung gehö­re, die Sicher­heit der Ein­woh­ner zu garan­tie­ren, kön­ne sich die kolum­bia­ni­sche Regie­rung nicht von der Ver­ant­wor­tung über die Men­schen­rechts­ver­let­zun­gen frei­spre­chen, so lau­te­te die Ankla­ge. Die Regie­rung ver­such­te sich damit zu ent­schul­di­gen, dass sie doch alles in ihrer Macht ste­hen­de unter­näh­me, um die Ver­stö­ße zu unter­bin­den, aber die geo­gra­fi­sche Lage des Lan­des und ande­re Grün­de wür­den dies sehr schwer machen. Ja, zwei­fel­los macht die geo­gra­fi­sche Beschaf­fen­heit Kolum­bi­ens es sehr schwer, jeden Fleck des Ter­ri­to­ri­ums zu kon­trol­lie­ren, aber mitt­ler­wei­le gilt es als erwie­sen, dass der kolum­bia­ni­sche Staat nicht nur wegen der Unter­las­sung eines not­wen­di­gen Ein­grei­fens ver­want­wort­lich war, son­dern auch durch Mit­wis­sen und zum Teil auch durch Kom­pli­zen­schaft mit den maro­die­ren­den para­mi­li­tä­ri­schen Ver­bän­den. In Kolum­bi­en leug­net heu­te nie­mand mehr die zum Teil engen Bezie­hun­gen zwi­schen eini­gen poli­ti­schen Reprä­sen­tan­ten und Mili­tär­an­ge­hö­ri­gen zu para­mi­li­tä­ri­schen Grup­pen. Eini­ge Men­schen­rechts­ak­ti­vis­ten spre­chen von einer “neu­en infor­mel­len Art des Regie­rens”, einer Stra­te­gie der Absch­re­chung, die auch gegen die Zivil­be­völ­ke­rung gerich­tet war, um die Gue­ril­la von ihrer sozia­len Basis zu tren­nen.

Ins­be­son­de­re unter der Regie­rung von Alva­ro Uri­be beklag­te die Men­schen­rechts­kom­mis­si­on der UNO ein dra­ma­ti­sches Anstei­gen der Ver­stö­ße gegen die Men­schen­rech­te. Es ist hier nicht der Ort auf Details ein­zu­ge­hen, aber es ist m.E. sehr wich­tig davon Kennt­nis zu neh­men, dass in den lau­fen­den Ver­fah­ren im Zuge der Spe­zi­al-Gerichts­bar­keit für den Frie­den nicht nur die Gue­ril­la son­dern auch der Staat ange­klagt ist. Und aus mei­ner Sicht ist es bemer­kens­wert, dass die gegen­wär­ti­ge Regie­rung unter Manu­el San­tos dies aner­kannt hat und auf die­se Wei­se den Weg für den Frie­den frei­ge­macht hat. D.h. bei­de Ver­trags­part­ner sit­zen auf der Ankla­ge­bank.

Die Frage der Gewalt

Wer nach Kolum­bi­en reist oder dort wohnt muss damit leben, stän­dig einem Wech­sel­bad der Gefüh­le aus­ge­setzt zu sein. Wäh­rend uns einer­seits die atem­be­rau­ben­de Schön­heit des Lan­des und die Lie­bens­wür­dig­keit sei­ner Bewoh­ner, die Viel­falt der Natur, der Eth­ni­en und der Kul­tu­ren fas­zi­niert, wer­den wir gleich­zei­tig Zeu­gen von Men­schen­rechts­ver­let­zun­gen und sozia­ler Gewalt, die nicht nur die Besu­cher aus Euro­pa oft in tie­fer Bestür­zung zurück las­sen. Seit fast einem hal­ben Jahr­hun­dert berei­se ich die­ses Land, und seit eini­gen Jah­ren leben Con­stan­za und ich zeit­wei­se in Bogo­tá. Ohne jeden Zwei­fel habe ich die­ses Land lie­ben gelernt. Aber die­se eigen­tüm­li­che Wider­sprüch­lich­keit zwi­schen Lie­be und Gewalt gibt mir bis heu­te Rät­sel auf. Und das, obwohl die Lite­ra­tur über die Gewalt in Kolum­bi­en mitt­ler­wei­le gan­ze Biblio­the­ken fül­len könn­te. Her­vor­zu­he­ben sind vor allem zwei Arbei­ten: zum einen die von G. Guz­man; O. Falls Bor­da & E. Umaña Luna “La Vio­len­cia en Colom­bia” (1962), die sich mit der Pha­se des Bür­ger­krie­ges in den 50er Jah­ren beschäf­tigt und die mitt­ler­wei­le als Klas­si­ker der kolum­bia­ni­schen Sozio­lo­gie gilt. Bei der ande­ren Arbeit han­delt es sich um die 1987 von der “Comi­sión de Estu­di­os la Vio­len­cia” her­aus­ge­brach­te Stu­die “Colom­bia: Vio­len­cia y Demo­cra­cia”. Sie eröff­ne­te eine wah­re Flut von sozio­lo­gi­schen Arbei­ten über die Gewalt in Kolum­bi­en, so dass in der kolum­bia­ni­schen Sozio­lo­gie schon von einer “Vio­len­to­lo­gia” gespro­chen wird.

Der Jus­tiz­pa­last in Bogo­tá: Ein Sym­bol für die gewalt­vol­le Ver­gan­gen­heit

Wer sich auch nur ansatz­wei­se mit die­ser Fül­le von Lite­ra­tur beschäf­tigt, droht in Kom­ple­xi­tät unter­zu­ge­hen. Die Schwie­rig­keit beginnt bereits mit der Beschrei­bung von Tätern und Opfern. Der gegen­wär­ti­ge Dis­kurs des “Poscon­flic­to” — oder prä­zi­ser: des “Posa­cue­do” — behan­delt vor­ran­gig die Rebel­li­on der FARC. Aber die Situa­ti­on ist viel kom­pli­zier­ter, weil eine Rei­he ande­rer Akteu­re in den Gewalt­pro­zess invol­viert sind: Dro­gen-Kar­tel­le, ande­re Gue­ril­la-Grup­pen, wie die ELN, eine gan­ze Rei­he von rechts­ex­tre­mis­ti­schen para­mi­li­tä­ri­schen Grup­pen, und selbst­ver­ständ­lich eine Rei­he von Akteu­ren, die nicht sicht­bar sind, die nicht direkt an den bewaff­ne­ten Aus­ein­an­der­set­zun­gen betei­ligt sind, die aber eine gewis­se Ver­ant­wor­tung tra­gen für das was gesche­hen ist und immer noch geschieht. Und auch auf der Sei­te der Opfer und Betroff­nen steht man vor einer schier unend­lich erschei­nen­den Kom­ple­xi­tät: denn immer geht es ja um spe­zi­fi­sche Bezie­hun­gen zwi­schen den Tätern und den Opfern. War­um und in wes­sen Inter­es­se wur­den gera­de bestimm­te Per­so­nen als Opfer aus­ge­wählt? Wel­che Vor­ge­schich­te ist zu berück­sich­ti­gen? Wel­che Regio­nen sind in beson­de­rer Wei­se betrof­fen und wel­che nicht? Wel­che Stra­te­gi­en wer­den von den ver­schie­de­nen Akteu­ren ver­folgt und wel­che Rol­le spie­len die­se für die poli­ti­schen Ver­su­che einer Befrie­dung?

Und nicht zu ver­ges­sen ist die Fra­ge nach den gesell­schaft­li­chen Kon­se­quen­zen, die der Kon­flikt hat­te und noch immer hat. Wel­chen Ein­fluss hat die Bereit­schaft, Gewalt ein­zu­set­zen, um poli­ti­schen Ein­fluss zu neh­men  auf die öffent­li­che Mei­nung, auf die Frei­heit der Pres­se und des Rechts- und Jus­tiz­sys­tems, auf die Ver­samm­lungs­frei­heit, auf die freie gewerk­schaft­li­che Betä­ti­gung in den Betrie­ben, auf die Ent­ste­hung und die Ent­fal­tungs­mög­lich­kei­ten sozia­ler Pro­test­be­we­gun­gen. In wel­cher Wei­se hat der Kon­flikt die Sta­bi­li­tät der Zivil­ge­sell­schaft beein­träch­tigt sowie die von Umwelt, Wirt­schaft, Poli­tik., aber auch auf die Fra­ge der Anwen­dung intra­fa­mi­liä­rer Gewalt und Gen­der­ge­walt. Erst das Zusam­men­wir­ken all die­ser Fak­to­ren kann die Basis sein für die Ver­su­che, so etwas wie eine “Land­kar­te des Kon­flik­tes” zu zeich­nen. Mit die­ser “Land­kar­te” lässt sich dann der nächs­te Schritt voll­zie­hen,  die ver­schie­de­ne Bestand­tei­le des Frie­dens­ab­kom­mens dar­auf zu bezie­hen.

Die Ein­stel­lung der kon­ser­va­ti­ven Eli­te zum Frie­dens­pro­zess, deren erbit­ter­ter Wider­stand und das Desas­ter des Ple­bis­zits vom 2. Okto­ber 2016 gibt der Fra­ge nach der Rol­le von Gewalt im Spiel der poli­ti­schen Kräf­te eine neue Bri­sanz. Denn könn­te es sein, dass sich die­se Kräf­te bei den anste­hen­den Wah­len im Jahr 2018 durch­set­zen kön­nen? Was wird dann gesche­hen? Wie kann es über­haupt sein, dass ein Land, dass so lan­ge unter einem erbit­ter­ten Bür­ger­krieg gelit­ten hat, sich zu 50% dafür aus­spricht, den Krieg wei­ter­zu­füh­ren? Wie kann der Hass so groß sein, dass die Mehr­heit der Bevöl­ke­rung nicht bereit ist, end­lich einen Schluss­strich zu zie­hen? Wie kann in einem katho­li­sche Land das Bedürf­nis nach Ver­gel­tung grö­ßer sein als nach Ver­ge­bung? Wie kann die Angst vor gesell­schaft­li­cher Ver­än­de­rung so groß sein, dass bestimm­te Krei­se kei­ne Skru­pel haben, Gewalt als pro­ba­tes Mit­tel anzu­se­hen, dies zu ver­hin­dern anstatt sie in einem gesell­schaft­li­chen Dia­log gemein­sam zu gestal­ten? Ein in Bonn leben­der Kolum­bia­ner hat ein­mal sein Hei­mat­land im Schmerz über die dor­ti­gen Ereig­nis­se als “Locom­bia” bezeich­net. Und in der Tat trifft die­se Bezeich­nung ganz gut die ers­te spon­ta­ne Reak­ti­on vie­ler Kolum­bia­ner auf das, was gegen­wär­tig dort geschieht: ver­rückt. So ähn­lich hat­te es auch schon Anto­nio Nari­ño, der ers­te Prä­si­dent des 1810 tem­po­rär von den Spa­ni­ern befrei­ten Gebie­tes auf dem Ter­ri­to­ri­um des dama­li­gen “Vize­kö­nig­rei­ches Neu­gra­na­da” aus­ge­drückt, als er ange­sichts der Zer­strit­ten­heit der repu­bli­ka­ni­schen Kräf­te, die sich unge­ach­tet der vor­rü­cken­den spa­ni­schen Trup­pen sogar einen Bür­ger­krieg zwi­schen Zen­tra­lis­ten und Föde­rals­ten leis­te­ten, vom “Patria Boba” (när­ri­sches Vater­land) gespro­chen hat. Wil­liam Ospi­na, eine bekann­ter kolum­bia­ni­scher Schrift­stel­ler, beklagt in sei­ner Kolum­ne in “El Espec­ta­dor” zwei Wochen nach dem desas­trö­sen Ergeb­nis des Refe­ren­dums 2016: “Nun­ca se había vis­to una situación más incom­pren­si­ble: la guer­ril­la quie­re dejar de hacer la guer­ra, y los due­ños del país no se ponen de acuer­do para acep­tar­lo.“

Für den euro­päi­schen Beob­ach­ter ist das alles nur sehr schwer zu ver­ste­hen. Man muss tief in die His­to­rie und die Sozio­lo­gie des Lan­des ein­tau­chen, um einen Zugang zu die­ser Fra­ge zu gewin­nen. Und dies ist in der Tat auch der Ansatz, den die meis­ten sozio­lo­gi­schen Stu­di­en für ihren Erklä­rungs­ver­such wäh­len (vgl. F.E. Gon­zá­les Gon­zá­les: Poder y Vio­len­cia en Colom­bia. Bogo­tá 2014: CINEP). Und dabei wird immer wie­der eine Fra­ge gestellt: Könn­te es nicht sein, dass die kolum­bia­ni­sche Gesell­schaft durch ihre gewalt­vol­le Geschich­te eine Art “Kul­tur der Gewalt” her­aus­ge­bil­det hat, in der die Anwen­dung von Gewalt zur Durch­set­zung von Macht eine unhin­ter­frag­ba­re Opti­on dar­stellt? Könn­te es sein, dass sich die gewalt­vol­len Ereig­nis­se der Ver­gan­gen­heit so stark in das kul­tu­rel­le his­to­ri­sche Gedächt­nis der Gesell­schaft ein­ge­brannt haben, dass dies Aus­wir­kun­gen auf die Art und Wei­se hat, Kon­flik­te und Inter­es­sens­wi­der­sprü­che aus­zu­tra­gen?  (vgl. E. Ser­ra­no: ¿Por que fra­ca­sa Colom­bia? Deli­ri­os de una Nación que se des­co­no­ce a sí mis­ma. Bogo­tá 2016: Edi­to­ri­al Pla­ne­ta; oder auch: M. Koessl: Gewalt und Habi­tus. Para­mi­li­ta­ris­mus in Kolum­bi­en. Münster:Lit-Verlag)  Der­fran­zö­si­sche Sozio­lo­ge Pierre Bour­dieu hat hier­für den Begriff des “Habi­tus” ver­wen­det, auf den ich spä­ter (in einem mei­ner nächs­ten Bei­trä­ge) noch ein­mal detail­lier­ter zurück­kom­men wer­de.

An die­ser Fra­ge ent­zün­den sich immer wie­der äußerst kon­tro­ver­se Debat­ten. Sicher­lich lässt sich nicht leug­nen, dass in 70 Jah­ren bewaff­ne­ter Aus­ein­an­der­set­zun­gen in gewis­ser Wei­se eine Gewöh­nung an die­sen per­ma­nen­ten Zustand von Gewalt statt­ge­fun­den hat, so dass für vie­le Kolum­bia­ner der Gedan­ke,  ohne die­sen Zustand zu leben, kei­ne so gro­ße Bedeu­tung  besitzt. Aber — das muss jedoch hin­zu­ge­fügt wer­den — trifft dies mit Sicher­heit nicht auf die­je­ni­gen Men­schen zu, die in den umkämpf­ten Gebie­ten unmit­tel­bar betrof­fen sind. Für sie — und das erfährt man immer wie­der in Gesprä­chen auf dem Lan­de oder mit Ver­trie­be­nen in den Städ­ten, kann der Krieg kein Zustand sein, an den man sich in irgend­ei­ner Wei­se gewöh­nen könn­te. Denn immer­hin han­delt es sich um einen Zustand per­ma­nen­ter Lebens­be­dro­hung. Die Bewoh­ner der gro­ßen Städ­ten, die den Krieg vor allem über die Medi­en erfah­ren haben (und zum Teil durch Ein­schrän­kung ihrer Rei­se­frei­heit), mögen dies jedoch anders sehen. Es ist schwer zu ver­ste­hen, wie indif­fe­rent man­che Kolum­bia­ner die­ser so wich­ti­gen Zukunfts­fra­ge ihres Lan­des gegen­über­ste­hen. Es ist ein merk­wür­di­ger Defä­tis­mus, der einem da ent­ge­gen­ge­bracht wird, ohne den Glau­ben an die Mög­lich­keit, die Zukunft des Lan­des gestal­ten zu kön­nen. Und oft fehlt sogar der Wil­le dazu.

Ich tref­fe immer wie­der auf Leu­te, für die es aus­ge­macht ist,  dass der Frie­dens­pro­zess nicht klap­pen wird. War­um? Weil es schon immer so gewe­sen wäre und weil kein Ver­lass sei auf die Poli­ti­ker und der FARC sowie­so nicht trau­en sei. Und über­haupt wür­de die Kor­rup­ti­on im Lan­de schon alle Ansät­ze für eine Ver­än­de­rung von vorn­her­ein zunich­tema­chen. Die­se resi­gna­ti­ve Hal­tung wird aber noch über­trof­fen von einer expli­zi­ten ver­schwö­rungs­theo­re­tisch begrün­de­ten Ableh­nung, nach der die San­tos-Regie­rung das Land auf einen kom­mu­nis­ti­schen Weg füh­ren will, unter­stützt von einem kom­mu­nis­tisch unter­wan­ter­ten Kon­gress, beglei­tet von Juris­ten, die in ihrer Aus­bil­dung durch lin­ke Hoch­schul­leh­rer indok­tri­niert wur­den. Die­ses Bild wird von den ultra­rech­ten Kräf­ten um Exprä­si­dent Uri­be gezeich­net und man ist erstaunt, wie oft es einem ent­ge­gen­ge­hal­ten wird von Per­so­nen, die man eigent­lich als durch­aus nüch­tern den­kend gekannt hat­te. Die Wochen­zeit­schrift Sema­na berich­tet, dass angeb­lich die Hälf­te aller Kolum­bia­ner glau­ben, dass das Land sich in Gefahr befin­det, ein “neu­es Vene­zue­la” zu wer­den. Vor einem Jahr hat­te Uri­be das “Gespenst des Cas­tro­cha­vis­mus” an die Wand gemalt und damit — wie bereits berich­tet — das Ple­bis­zit vom 2. Okto­ber nicht uner­heb­lich beein­flus­sen kön­nen.

Die unter­schied­li­che Betrof­fen­heit mag das gro­ße Land-Stadt-Gefäl­le bei der Fra­ge der Zustim­mung zum Frie­dens­b­kom­men erklä­ren. Aber die­se Beschrei­bung beant­wor­tet noch nicht die gestell­te Fra­ge. In einem mei­ner nächs­ten Bei­trä­ge wer­de ich ver­su­chen, die­se Fra­ge zu ver­tie­fen.

Ein anderes Kolumbien (III): Streitpunkt Sonderjustiz

Die im Frie­dens­ver­trag ver­ein­bar­te Son­der­ge­richts­bar­keit war und ist eines der wich­tigs­ten Streit­punk­te in der kolum­bia­ni­schen Öffent­lich­keit. Immer wie­der wird einem von Skep­ti­kern oder Geg­nern des Frie­dens­ab­kom­men ent­ge­gen­ge­hal­ten, dass es doch nicht rich­tig sei, die Ver­bre­chen der Gue­ril­la unbe­straft zu las­sen. Abge­se­hen davon, dass die­se Aus­sa­ge nicht die Wahr­heit über die Son­der­ge­richts­bar­keit trifft, wer­den dabei die Men­schen­rechts­ver­let­zun­gen, die der kolum­bia­ni­sche Staat sich — vor allem in den 80er und 90er Jah­ren — hat zu Schul­den kom­men las­sen, igno­riert. Doch gera­de hier­in sehe ich eine der größ­ten Leis­tun­gen der Regie­rung unter von Manu­él San­tos, dass sie die­se Schuld aner­kannt hat und dadurch einen ent­schei­den­den Bei­trag zur Öff­nung des Weges in den Frie­den geleis­tet hat. Fest­zu­hal­ten ist also, dass vor den Son­der­ge­rich­ten bei­de Kon­tra­hen­ten auf der Ankla­ge­bank sit­zen. Die Gue­ril­la und der Staat.

Die “Son­der­ge­richts­bar­keit für den Frie­den “ist das Herz­stück der kolum­bia­ni­schen Vari­an­te eines “Tran­si­ti­tio­nal-Jus­ti­ce-Sys­tems”, einer bereits in ver­schie­de­nen ande­ren Kon­flik­ten (z.B. Süd­afi­ka, Burun­di, u.a.) erprob­te und inter­na­tio­nal aner­kann­ten Metho­de des Über­gangs von einer durch Krieg oder Bür­ger­krieg gepräg­ten Ver­gan­gen­heit in einen Zustand des Frie­dens. Die kolum­bia­ni­sche Son­der­ge­richts­bar­keit für den Frie­den (genaue Bezeich­nung: Sis­te­ma Inte­gral de Ver­dad, Jus­ti­cia, Repa­ra­ción y No Repeti­ción [SIVJRNR] y Jus­ti­cia Espe­cial para la Paz [JEP]) wur­de geschaf­fen, um sowhl für Ver­söh­nung als auch für Gerech­tig­keit zu sor­gen. Dabei spie­len Wahr­heits­fin­dung und Ent­schä­di­gung der Opfer eine wich­ti­ge Rol­le. Aus­gangs­punkt war die Ein­sicht, dass wenn ein Krieg mit zahl­rei­chen blu­ti­gen Ver­bre­chen zu Ende geht, die Wie­der­her­stel­lung des Rechts­staats auf der Grund­la­ge his­to­ri­scher Auf­ar­bei­tung gesche­hen muss. Man muss wis­sen, wel­che Ver­bre­chen began­gen wur­den, wer dafür ver­ant­wort­lich war, was genau gesche­hen ist. Die­se Auf­ar­bei­tung wird die Auf­ga­be der Wahr­heits­fin­dungs­kom­mis­sio­nen sein, die über­all im Lan­de instal­liert wer­den.

Dazu kommt die mora­li­sche Ver­pflich­tung, die Opfer zu iden­ti­fi­zie­ren und zu benen­nen – und Ent­schä­di­gun­gen zu zah­len. Gefäng­nis­stra­fen sind im Zuge einer sol­chen Wie­der­gut­ma­chungs- oder Über­gangs­jus­tiz jedoch nicht zwin­gend not­wen­dig, zumal wenn das obers­te Ziel ist, zu einer „befrie­de­ten Gesell­schaft“ zu gelan­gen, und das Schick­sal einer Nati­on und ihrer Men­schen auf dem Spiel steht. Ent­schei­dend für die Art der Bestra­fung ist letzt­lich die Schwe­re der von den Ange­klag­ten auf sich gela­de­nen Schuld.

Das System der Sonderjustiz

Das Sys­tem der Son­der­jus­tiz lässt sich anhand von vier Eck­pfei­lern dar­stel­len (vgl. hier­zu auch die Doku­men­ta­ti­on von Adve­ni­at, Amnes­ty Inter­na­tio­nal, Cari­tas, Kolko: Hei­len­de Wun­den. Mit Gerech­tig­keit zum Frie­den. Doku­men­ta­ti­on zur Podi­ums­dis­kus­si­on am 1. Juni 2016, Ber­lin)

  1. Recht auf Gerech­tig­keit
    • Rechen­schafts­le­gung (accoun­ta­bi­li­ty) auf natio­na­ler und inter­na­tio­na­ler Ebe­ne im Sin­ne von Straf­ver­fol­gung
    • Opfer­schutz
    • Moni­to­ring von Gerichts­pro­zes­sen
  2. Recht auf Wahr­heit
    • Wah­heits- und Ver­söh­nungs­kom­mis­sio­nen
    • Doku­men­ta­tio­nen ver­gan­ge­nen Unrechts und Gewalt
    • Archi­vie­rung von Infor­ma­tio­nen (sto­ry tel­ling & local histo­ry)
  3. Garan­ti­en der Nicht-Wie­der­ho­lung
    • Refor­men des Sicher­heits­sek­tors
    • Refor­men zivi­ler staat­li­cher Insti­tu­tio­nen
    • wirt­schafts- und sozi­al­po­li­ti­sche Refor­men zur Min­de­rung gesell­schaft­li­cher Ungleich­heit
    • Gewalt­prä­ven­ti­on und zivi­le Kon­flikt­be­ar­bei­tung
    • Demo­bi­li­sie­rung, Ent­waff­nung und Reinte­gra­ti­on bewaff­ne­ter Grup­pen
  4. Recht auf Wie­der­gut­ma­chung
    • Mate­ri­el­le Ent­schä­di­gung und Kom­pen­sa­ti­on für erlit­te­nes Unrecht
    • Reha­bi­li­ta­ti­on zur Über­win­dung der Fol­gen von Gewalt
    • Rück­ga­be geraub­ten Eigen­tums
    • indi­vi­du­el­le und kol­lek­ti­ve Ent­schul­di­gun­gen zur Aner­ken­nung ver­gan­ge­nen Unrechts
    • Erin­ne­rungs­ar­beit
    • Gedenk­or­te als sym­bo­li­sche Wür­di­gung

Die insti­tu­tio­nel­len Maß­nah­men, die egrif­fen wer­den müs­sen, sind fol­gen­de:

  • Son­der­ge­richts­bar­keit für den Frie­den
  • Wahr­heits­kom­mis­sio­nen
  • Son­der­such­ein­heit für Ver­schwun­de­ne
  • Mecha­nis­mus ganz­heit­li­cher Repa­ra­ti­on
  • Garan­ti­en der Nicht­wie­der­hol­bar­keit

Außer­dem wer­den Pro­gram­me, Insti­tu­tio­nen und Instru­men­te zur Gewähr­leis­tung der gege­be­nen Sicher­heits­ga­ran­ti­en errich­tet:

  • Minen- und Kampf­mit­tel­räum­pro­gramm
  • Mecha­nis­mus zur sofor­ti­gen Suche von Ver­schwun­de­nen
  • Prä­ven­ti­ons- und Früh­warn­sys­tem zum Schutz vor kri­mi­nel­len Orga­ni­sa­tio­nen (damit sind auch die neu­en para­mi­li­tä­ri­schen Grup­pen gemeint)
  • Mecha­nis­mus zur Über­wa­chung und Kon­trol­le pri­va­ter Sicher­heits­diens­te
  • Ein­rich­tung einer Son­der­ein­heit zur Unter­su­chung und Zer­schla­gung kri­mi­nel­ler Ver­ei­ni­gun­gen
  • Auf­bau einer neu­en Eli­te-Ein­heit der Natio­na­len Poli­zei
  • Sicher­heits- und Schutz­pro­gramm für Gemein­den und Orga­ni­sa­tio­nen in länd­li­chen Gemein­den
  • Ver­fah­ren zur Prä­ven­ti­on und Bekämp­fung von Kor­rup­ti­on
  • zwei inter­na­tio­na­le Beob­ach­tungs­mis­sio­nen unter UN-Man­dat
  • Moni­to­ring-, Kon­troll- und Veri­fi­zie­rungs­kom­mis­si­on zur Umset­zung des Frie­dens­ver­tra­ges und für Kon­flikt­lö­sun­gen
  • Sys­te­me zur Garan­tie von Sicher­heit bei poli­ti­scher Betä­ti­gung

Amnestien, Begnadigungen und Strafen

Vor den Son­der­ge­rich­ten sol­len alle erschei­nen, die sich direkt oder indi­rekt am bewaff­ne­ten Kon­flikt betei­ligt haben Die Son­der­jus­tiz sieht zwei grund­sätz­lich unter­schied­li­che Arten von Maß­nah­men im Hin­blick auf Straf­ta­ten im Zusam­men­hang mit den Kriegs­hand­lun­gen vor:

  1. Inklu­si­ve Maß­nah­men (Amnes­ti­en, Wie­der­ein­glie­de­rung)
  2. Restrik­ti­ve Maß­nah­men (Bestra­fun­gen)

Inklu­si­ve Maß­nah­men sind vor­ge­se­hen für Per­so­nen, die ange­klagt waren oder sind für Straf­ta­ten im Zusam­men­hang mit der Rebel­li­on (Kom­ba­tan­ten, Unter­stüt­zer, Finan­zie­rer etc.), Straf­ta­ten gegen den Staat, Straf­ta­ten zur Unter­süt­zung der Rebel­li­on,

Restrik­ti­ve Maß­nah­men (Bestra­fun­gen) sol­len aus­ge­spro­chen wer­den für Ver­bre­chen gegen die Mensch­lich­keit, Völ­ker­mord, schwer­wie­gen­de Kriegs­ver­bre­chen, Gei­sel­nah­me und Ent­füh­run­gen, Ver­schwin­den­las­sen, Ver­ge­wal­ti­gun­gen, Rekru­tie­rung von Kin­dern, sowie für
gewöhn­li­che Straf­ta­ten ohne Bezug zur Rebel­li­on.

Drei Typen von Bestrafungen

  • Alter­na­tivstra­fen: Wer die Fak­ten früh­zei­tig offen­legt und sei­ne Schuld aner­kennt, kommt mit zwei bis acht Jah­ren „ein­ge­schränk­ter Frei­heit“ davon. Für die­je­ni­gen, die voll­stän­dig und detail­liert ein­räu­men, wel­che Straf­ta­ten sie began­gen haben und dafür ihre Ver­ant­wor­tung aner­ken­nen, bevor ein Ver­fah­ren eröff­net wor­den ist, sind fol­gen­de Maß­nah­men vor­ge­se­hen: Teil­nah­me an Sozi­al­diens­ten mit „repa­rie­ren­der und restau­rie­ren­de Funk­ti­on“. Z.B.: Wie­der­auf­bau von Infra­struk­tur, Umwelt­schutz, länd­li­che Ent­wick­lung, Minen- und Kampf­mit­tel­räum­pro­gram­me (2 – 8 Jah­re) . Die  Frei­heits­be­schrän­kung fin­det in die­sen Fäl­len nur statt soweit sie zur Erfül­lung der Stra­fe erfor­der­lich ist
  • Stren­ge Alter­na­tivstra­fen: für die­je­ni­gen, die wäh­rend eines lau­fen­den Ver­fah­rens voll­stän­dig ein­räu­men, wel­che Straf­ta­ten sie began­gen haben und dafür ihre Ver­ant­wor­tung aner­ken­nen Gefäng­nis­stra­fen mit „süh­nen­der Funk­ti­on“ (2 – 8 Jah­re)
  • Gewöhn­li­che Stra­fen:  für die­je­ni­gen, denen vor dem Frie­dens­tri­bu­nal ihre Schuld nach­ge­wie­sen wird, ohne dass sie dies ein­räu­men oder ihre Ver­ant­wor­tung aner­ken­nen
    Nor­ma­le Gefäng­nis­stra­fen (15 – 20 Jah­re)

Zustimmung im Kongress, aber ohne Verfassungsrang

Nach der Zustim­mung bei­der Kam­mern des kolum­bia­ni­schen Kon­gres­ses zu dem Frie­dens­ver­trag in sei­ner Fas­sung vom 24. Novem­ber 2016, wur­de nun auch die erfol­der­li­che Ver­fas­sungs­än­de­rung ver­ab­schie­det, die die Eta­blie­rung einer Son­der­ge­richts­bar­keit über­haupt erst mög­lich macht. Die­se Abstim­mung ist jedoch nicht so aus­ge­fal­len, wie von den Ver­trags­par­tei­en vor­ge­se­hen war.

Einem Ver­fas­sungs­rang, wie ursprüng­lich geplant, wur­de dem Frie­dens­ver­trag nicht zuer­kannt, obwohl die Mehr­heits­ver­hält­nis­se hier­zu durch­aus aus­ge­reicht hät­ten. Außer­dem soll­te die JEP ursprüng­lich weit über Ankla­gen gegen bewaff­ne­te Akteu­re wie Gue­ril­le­ros, Mili­tär­an­ge­hö­ri­ge und Para­mi­li­tärs hin­aus­ge­hen. Alle, die an dem Kon­flikt betei­ligt waren, sol­len sich für ihre Taten vor der Wahr­heits­kom­mis­si­on recht­fer­ti­gen, auch die „Nicht­kom­bat­tan­ten“. Das hät­te die kolum­bia­ni­sche Gesell­schaft gezwun­gen, sich unbe­que­men Wahr­hei­ten zu stel­len, und ver­sprach einen Blick in die tiefs­ten Abgrün­de. Und genau das wur­de jetzt, in dem Beschluss des Senats zur Ver­fas­sungs­än­de­rung aber ver­hin­dert, wor­auf es eine hef­ti­ge Kri­tik der FARC gab aber auch des Beauf­trag­ten des UNHCR, Todd How­land, der kri­ti­sier­te, dass nun die Mög­lich­keit aus­ge­schlos­sen sei, gegen zivi­le Akteue­ren, Hin­ter­män­ner und Finanz­ge­ber der Para­mi­li­tärs vor­zu­ge­hen.

Die unglei­che Land­ver­tei­lung ist eine der struk­tu­rel­len und his­to­ri­schen Ursa­chen des Kon­flikts. Hier­an wird sich auch so schnell wohl nichts ändern. Denn Umver­tei­lun­gen durch Ent­eig­nun­gen unge­nutz­ten Groß­grund­be­sit­zes wird es nicht geben, zumin­dest nicht über die bereits bestehen­den gesetzt­li­chen Mög­lich­kei­ten hin­aus. Laut dem bis­he­ri­gen Stand der Ver­ein­ba­rung soll der Zugang zu Land zuguns­ten der armen und klein­bäu­er­li­chen Bevöl­ke­rung erleich­tert wer­den und dies durch Sub­ven­tio­nen unter­stützt wer­den. Die Erfah­run­gen mit dem Gesetz zur Opfer­ent­schä­di­gung und Land­rück­ga­be (Nr. 1448 von 2011) machen deut­lich, dass Geset­ze nicht aus­rei­chen: in vier Jah­ren wur­den ledig­lich 2% der geraub­ten Flä­chen tat­säch­lich zurück­ge­ge­ben. Dies zeigt, dass poli­ti­scher Wil­le und struk­tu­rel­le Ver­än­de­run­gen not­wen­dig sind, wenn länd­li­che Ent­wick­lung nach sozia­len Kri­te­ri­en Erfolg haben soll.

Die aktu­el­le Aus­rich­tung der Roh­stoff­po­li­tik steht im Wider­spruch zu den kol­lek­ti­ven Rech­ten der afro­ko­lum­bia­ni­schen, indi­ge­nen und klein­bäu­er­li­chen Gemein­den sowie zu den bis­her getrof­fe­nen Teil­ver­ein­ba­run­gen. So sieht z.B. der Natio­na­le Ent­wick­lungs­plan 2014–2018 knapp 20% des Lan­des als stra­te­gi­sche Berg­bau­zo­nen vor. Die geplan­ten Zonen über­schnei­den sich größ­ten­teils mit indi­ge­nen Gebie­ten. Außer­dem wer­den mehr als Drei­vier­tel aller Men­schen­rechts­ver­let­zun­gen in Gegen­den regis­triert, in denen die tra­di­tio­nel­le Land­wirt­schaft und Fisch­fang auf­grund von gro­ßen Berg­bau­pro­jek­ten unmög­lich bzw. deren Bewohner_innen ver­trie­ben wur­den. In die­sem Zusam­men­hang sind auch gera­de Menschenrechtsverteidiger_ innen und Umweltaktivist_innen einem erheb­li­chen Sicher­heits­ri­si­ko aus­ge­setzt. So regis­trier­ten die Ver­ein­ten Natio­nen 2015 682 Dro­hun­gen, wovon 69 töd­lich ende­ten. Auch die Schaf­fung „länd­li­cher Wirt­schafts­ent­wick­lungs­zo­nen“ (sog. ZIDRES) stellt ein Hin­der­nis für eine ernst­haf­te Land­re­form dar, denn sie ermög­licht Groß­un­ter­neh­mern die Nut­zung von Län­de­rei­en aus öffent­li­cher Hand, die ursprüng­lich zur Umver­tei­lung an Klein­bau­ern vor­ge­se­hen waren. Dies wider­spricht dem erklär­ten Ziel der Ver­hand­lun­gen, für eine gerech­te­re Land­ver­tei­lung zu sor­gen.

Ein anderes Kolumbien (II): Demokratische Öffnung

Im zwei­ten Abschnitt des Frie­dens­ab­kom­mens geht es um die demo­kra­ti­sche Mit­wir­kung aller Kolum­bia­ner bei der Gestal­tung des Frie­dens. Ohne eine demo­kra­ti­sche Öff­nung wird es kei­nen erfolg­rei­chen und nach­hal­ti­gen Frie­den geben, so die Über­zeu­gung bei­der Ver­trags­par­tei­en. Die unten skiz­zier­ten Ver­ein­ba­run­gen beschrei­ben drei Zie­le einer  Demo­kra­ti­sie­rung des Lan­des: Ers­tens eine gene­rell grö­ße­re Bür­ger­be­tei­li­gung in allen poli­ti­schen und öffent­li­chen Ange­le­gen­hei­ten, zwei­tens die Aus­wei­tung der Demo­kra­tie als ein Weg, um die Gewalt im Lan­de bei­zu­le­gen, und drit­tens den in Kolum­bi­en so tief sit­zen­den und his­to­risch ver­fes­tig­ten Zusam­men­hang zwi­schen poli­ti­scher und gewalt­sa­mer — auch bewaff­ne­ter — Aus­ein­an­der­set­zung auf­zu­bre­chen.

Dem­entspre­chend weit­rei­chend sind die ver­ein­bar­ten Zie­le, die sich in den fol­gen­den Eck­punk­ten zusam­men­fas­sen las­sen:

  1. Die Absi­che­rung garan­tier­ter Rech­te für jeg­li­che oppo­si­tio­nel­le poli­ti­sche Betä­ti­gung im all­ge­mei­nen und für die im Zuge des Frie­desn­pro­zes­ses neu ent­ste­hen­den Par­tei­en und zivil­ge­sell­schaft­li­chen Grup­pen im Beson­de­ren.
  2. Ent­wick­lung demo­kra­ti­scher Mecha­nis­men zu einer umfas­sen­den Bür­ger­be­tei­li­gung, ein­schließ­lich direk­ter Mit­wir­kung auf den ver­schie­de­nen poli­ti­schen Ebe­nen und bezüg­lich unter­schied­li­cher The­men
  3. Auf­bau von effek­ti­ven Medi­en um eine größt­mög­li­che poli­ti­sche Par­ti­zi­pa­ti­on auf natio­na­ler, regio­na­ler und loka­ler Ebe­ne und in allen gesell­schaft­li­chen Sek­to­ren zu ermög­li­chen. Dies schließt ins­be­son­de­re die beson­ders ver­letzt­li­chen und bedroh­ten Bevöl­ke­rungs­tei­le ein, denen mit ent­spre­chen­den Sicher­heits­ga­ran­ti­en eine akti­ve poli­ti­sche Betä­ti­gung unter glei­chen Bedin­gun­gen ermög­licht wer­den soll.

All die­se Punk­te bezie­hen sich nicht nur — aber natür­lich auch in beson­de­rem Maße — auf die eben­falls im Ver­trag ver­ein­bar­te Trans­for­ma­ti­on der FARC-EP von einer Gue­ril­la-Orga­ni­sa­ti­on in eine lega­le poli­ti­sche Par­tei. Dar­über hin­aus erstre­cken sie sich aber ganz gene­rell auf das poli­ti­sche Leben im Lan­de. Aus­drück­lich wird im Ver­trags­text dar­auf hin­ge­wie­sen, dass die Aus­übung von Poli­tik sich kei­nes­wegs  auf die Teil­nah­me an Wah­len beschränkt, und dass des­halb die Erzeu­gung eines Rau­mes von Demo­kra­tie und Plu­ra­lis­mus in Kolum­bi­en  ver­bun­den sein muss mit der aus­drück­li­chen Aner­ken­nung von Oppo­si­ti­on, die sowohl von poli­ti­schen Par­tei­en aber auch von ver­schie­de­nen sozia­len Bewe­gun­gen und zivil­ge­sell­schaft­li­chen Grup­pen aus­ge­übt wer­den kann und die sich sowohl gegen die natio­na­le Regie­rung als auch gegen die Auto­ri­tä­ten in den Depar­ta­ment­os und den Gemein­den rich­ten kön­nen.

Her­vor­ge­ho­ben wird, dass die För­de­rung einer demo­kra­ti­schen und par­ti­zi­pa­ti­ven poli­ti­schen Kul­tur auf dem Respekt demo­kra­ti­scher Wer­te und Prin­zi­pi­en basiert, einem trans­pa­ren­ten Umgang in den öffent­li­chen Ange­le­gen­hei­ten, sowie der Bekämp­fung von Patro­na­ge und Kor­rup­ti­on. Und sie erfor­dert die Inte­gra­ti­on von mar­gi­na­li­sier­ten Bevöl­ke­rungs­grup­pen, wie indi­ge­nen und afro-kolum­bia­ni­schen Grup­pen, Ange­hö­ri­gen der LGTBI und Frau­en (ins­be­son­de­re auf dem Lan­de).

Gefor­dert wird eine Wahl­rechts­re­form, Garan­ti­en für die freie Betä­ti­gung sozia­ler Orga­ni­sa­tio­nen und Bewe­gun­gen, wie Men­schen­rechts­be­we­gun­gen, öko­lo­gi­schen Bewe­gun­gen, Frau­en­be­we­gun­gen, LGTBI etc., Garan­ti­en für die unge­hin­der­te Aus­übung von poli­ti­schem Pro­test, die akti­ve Erwei­te­rung zivil­ge­sell­schaft­li­cher Par­ti­zi­pa­ti­on in den Medi­en-Insti­tu­tio­nen, um die Bevöl­ke­rung bes­ser über die Akti­vi­tä­ten von zivil­ge­sell­schaft­li­chen Orga­ni­sa­tio­nen zu info­mie­ren und zur Mit­ar­beit zu moti­vie­ren. Und dies betrifft  alle Ebe­nen,  natio­nal, regio­nal und lokal. Aber auch der Auf­bau neu­er Medi­en­in­sti­tu­tio­nen ist Bestand­teil des Ver­tra­ges: Ein neu­er TV-Kanal soll auf­ge­baut wer­den, der sozia­len und zivil­ge­sell­schaft­li­chen Grup­pen zur Ver­fü­gung ste­hen soll, aber auch den poli­ti­schen Par­tei­en. Außer­dem sol­len Maß­nah­men ergrif­fen wer­den, um Tole­ranz und Aus­söh­nung zu för­dern. Um dies umzu­set­zen wird um inter­na­tio­na­le Unter­stüt­zung gebe­ten.

Regeln für die Beendigung des Konfliktes

Im drit­ten Abschnitt des Frie­dens­ver­tra­ges erklä­ren bei­de Ver­trags­part­ner, die Regie­rung und die FARC-EP , ihren Wil­len zur defi­ni­ti­ven Bee­di­gung der Kampf­hand­lun­gen und der gegen­sei­ti­gen Feind­lich­keit. Die­se Erklä­rung, die unter der Über­schrift “Cese al Fue­go y de Hos­ti­li­dades Bila­te­ral y Defi­ni­tivo [CFHBD] steht, besteht aus drei Eck­punk­ten:

  1. Ver­ein­ba­rung über einen bila­te­ra­len  Waf­fen­still­stand und die Abga­be der Waf­fen
  2. Wie­der­ein­glie­de­rung der FARC-EP in das zivi­le Leben, in wirt­schaft­li­cher, sozia­ler und poli­ti­scher Hin­sicht
  3. Ver­pflich­tung der Exkom­man­dan­ten der FARC zu deren akti­vem Bei­trag, auf den Erfolg der Reinte­gra­ti­ons­maß­nah­men hin­zu­wir­ken
  4. Ver­ein­ba­run­gen zur Gewähr­leis­tung der Sicher­heit und zur Bekämp­fung kri­mi­nel­ler Ban­den

Haupt­ziel die­ses Abschnitts ist die Sicher­stel­lung eines geord­ne­ten Über­gangs in einen Zustand, der als “Post-Con­flic­to” bezeich­net wird. Eine Bezeich­nung, die von vie­len Kolum­bia­nern als irre­füh­rend ange­se­hen wird, weil mit dem Ende der Aus­ein­an­der­set­zung zwi­schen der Regie­rung und der FARC noch lan­ge nicht die Gewalt im Lan­de been­det sein wird. Dies ist zwei­fel­los rich­tig, denn nach wie vor gibt es die ELN als akti­ve Gue­ril­la-Grup­pe, para­mi­li­tä­ri­sche Grup­pen (von der Regie­rung nur mehr als “kri­mi­nel­le Ban­den” bezeich­net) trei­ben nach wie vor ihr Unwe­se und rich­ten ihre Greu­el­ta­ten gegen Men­schen­rechts- und Öko­ak­ti­vis­ten. Zu erwar­ten ist, dass auch ehe­ma­li­ge FARC-Kämp­fer in naher Zukunft von die­sen pro­fa­schis­ti­schen Grup­pen aufs Korn genom­men wer­den. Die Ereig­nis­se aus den 80er Jah­ren, als Tei­le der FARC ihre Waf­fen nie­der­ge­legt hat­ten, sich als poli­ti­sche Par­tei, der “Unión Patrióti­ca” (UP), for­mier­ten, anschlie­ßend aber von para­mi­li­tä­ri­schen Grup­pen rei­hen­wei­se ermor­det wur­den (unter ihnen zwei ihrer Prä­si­dent­schafts­kan­di­da­ten) , hat sich tief in das his­to­ri­sche Gedächt­nis ein­ge­schrie­ben. Aber es gibt auch FARC-Dis­si­den­ten, die nicht mit dem Frie­dens­pro­zess ein­ver­stan­den sind, und von denen man nicht weiß, wie sie sich in der Zukunft ver­hal­ten wer­den.

Der Ver­trags­text legt — so kon­kret wie das in solch einem Doku­ment mög­lich ist — die Ein­zel­hei­ten des wei­te­ren Vor­ge­hens fest. Außer­dem berei­tet er die Schaf­fung eines insti­tu­tio­nel­len Rah­mens vor, in dem die Wie­der­ein­glie­de­rung statt­fin­den soll. Es wer­den ins­ge­samt 31 Tran­si­ti­ons­zo­nen ein­ge­rich­tet (23 Zonas Ver­e­da­les und 8  Cam­pa­ment­os). In die­sen Zonen sol­len die erfor­der­li­chen logis­ti­schen und Sicher­heits-Bedin­gun­gen geschaf­fen wer­den, um den Über­gang der Kämp­fer in ein zivi­les Leben zu ermög­li­chen. In ihnen sol­len sich bis März 2017  die FARC-Kämp­fer und Käm­pe­rin­nen sam­meln, und hier soll auch die Regis­trie­rung aller Waf­fen durch Ver­tre­ter der UNO erfol­gen, die dann  bis August 2017 end­gül­tig abge­ge­ben wer­den.

Sowohl bei den  “Zonas Ver­e­da­les” (genaue Bezeich­nung: “Zonas Ver­e­da­les Tran­si­to­rio­as de Nor­ma­li­za­ción [ZVTN]”) als auch bei den “Cam­pa­ment­os”  han­delt es sich um bestimm­te Ter­ri­to­ri­en, die als  tem­po­rä­re Über­gangs­zo­nen defi­niert und deren Gren­zen im vor­aus   zwi­schen der natio­na­len Regie­rung und den FARC-EP ver­ein­bart wer­den. Die bei­den Typen von Tran­si­ti­ons­zo­nen unter­schei­den sich hin­sicht­lich der Auto­no­mie­rech­te wäh­rend der Über­gangs­zeit, die mit 180 Tage ange­ge­ben wird (ob die­se Zeit tat­säch­lich aus­reicht, bleibt abzu­war­ten). In den “Zonas Ver­e­da­les” haben (unbe­waff­ne­te) Ange­hö­ri­ge der staat­li­chen Behör­den jeder­zeit und ohne jede Ein­schrän­kung Zutritt. Dies ist bei den Cam­pa­ment­os nicht der Fall. Die­se unter­lie­gen voll­stän­dig den Struk­tu­ren und der Kon­trol­le der FARC-EP  (Nue­vo Acur­do, S. 111).  In den “Zonas Ver­e­da­les” ist wäh­rend der gesam­ten Zeit­dau­er ihrer Exis­tenz auch für die dort ansäs­si­ge Zivil­be­völ­ke­rung der Besitz und das Tra­gen von Waf­fen unter­sagt.

Die von der Regie­rung gege­be­nen Sicher­heits­ga­ran­ti­en spie­len zwei­fel­los eine wich­ti­ge Rol­le. In dem Ver­trags­text zie­len die­se nicht nur auf die Ex-Kom­ba­tan­ten der FARC ab, son­dern erstre­cken sich auch auf Mit­glie­der von Men­schen­rechts­or­ga­ni­sa­tio­nen, öko­lo­gi­sche Akti­vis­ten,  auf alle poli­tisch akti­ven Men­schen, ins­be­son­de­re auf jene, die in Oppo­si­ti­on zur Regie­rung ste­hen. Ob die Regie­rung die in die­sem Zusam­men­hang gege­be­nen Ver­spre­chen ein­hal­ten kann, ist indes zwei­fel­haft. Immer­hin hat sie sich bereit erklärt zur Schaf­fung von Insti­tu­tio­nen, die den Umset­zungs­pro­zess des Frie­dens­ver­tra­ges im all­ge­mei­nen und des Reinte­gra­ti­ons­pro­zess im beson­de­ren über­wa­chen und sei­ne Sicher­heit garan­tie­ren sol­len. Hier­für wird auch die von inter­na­tio­na­len Orga­ni­sa­tio­nen (UNO) und ein­zel­nen Län­dern ange­bo­te­ne Unter­stüt­zung  in Anspruch genom­men. Außer­dem wur­de der Auf­bau eines Eli­te-Corps der Natio­nal­po­li­zei ver­ein­bart, die für die Ein­hal­tung der Sicher­heits­ga­ran­ti­en zustän­dig sein wird.

Implementierung, Überprüfung und Berichterstattung

Um die  die Umset­zung des Abkom­mens zu beglei­ten, Plä­ne zu dis­ku­tie­ren, Prio­ri­tä­ten zu set­zen, Indi­ka­to­ren fest­zu­le­gen, wur­de eine eige­ne “Comi­sión de segu­i­mi­en­to, impul­so y veri­fi­cación a la imple­men­ta­ción del Acuer­do Final — CSIVI” gebil­det. Ihr gehö­ren jeweils 3 Mit­glie­der der Regie­rung und drei der FARC-EP.  Die Kom­mis­si­on wird inter­na­tio­nal  unter­stützt (UNO, Signatar­mäch­te Kuba und Nor­we­gen, EU, Deutsch­land u.a.).

Ein anderes Kolumbien (I): “Tierra y Libertad”

Nach dem Schei­tern des Ple­bis­zits vom 2. Okto­ber 2016 hat­ten bei­de Dele­gan­ti­on nach einer kur­zen Pau­se die Ver­hand­lun­gen in Hava­na wie­der auf­geommen. Die Regie­rung hat­te sich zuvor mit der rech­ten Oppo­si­ti­on um Exprä­si­dent Uri­be getrof­fen und ver­sucht, deren  wich­tigs­te Kri­tik­punk­te in einen neu­en Ver­hand­lungs­vor­schlag ein­zu­ar­bei­ten. Zu einer gemein­sa­men Posi­ti­on ist es zwar nicht gekom­men (nach wie vor lehnt Uri­be das Abkom­men ab), aber die Regie­rungs­de­le­ga­ti­on ist mit eini­gen gra­vie­ren­den Ände­rungs­wün­schen nach Hava­na zurück­ge­reist. Dort wur­de dann in zähen Ver­hand­lun­gen mit der FARC-Dele­gan­ti­on ein neu­er Ver­trag aus­ge­ar­bei­tet, der am 24. Novem­ber — dies­mal in Bogo­tá — unter­zeich­net wur­de und bei dem die FARC nicht uner­heb­li­che Zuge­ständ­nis­se gemacht hat.

Dies­mal ließ sich San­tos nicht auf ein erneu­tes Ple­bis­zit ein, son­dern begnüg­te sich — voll­kom­men ver­fas­sungs­kon­form — mit der Zustim­mung des kolum­bia­ni­schen Kon­gres­ses. Die­se Zustim­mung wur­de am 30. Novem­ber von bei­den Kam­mern, der “Cama­ra de Rep­re­sen­tan­tes” und dem “Sena­do” erteilt, womit der Ver­trag zum 1. Dezem­ber 2016 in Kraft tre­ten konn­te. Die Zustim­mung erfolg­te in bei­den Kam­mern ein­stim­mig. Die Uri­be-Oppo­si­ti­on hat­te an der Abstim­mung nicht teil­ge­nom­men. Da sie jedoch nur über 16 Stim­men im Par­la­ment (von 166 Sit­zen) und 5 Stim­men im Senat (von 102 Sit­zen) ver­fügt,  hät­te ihre förm­li­che Ableh­nung nicht viel am Resul­tat geän­dert.

Nach­dem ich mich in die Inhal­te des mehr als 300 Sei­ten umfass­sen­den Doku­men­tes des “ACUERDO FINAL PARA LA TERMINACIÓN DEL CONFLICTO Y LA CONSTRUCCIÓN DE UNA PAZ ESTABLE Y DURA­DE­RA­de” ver­tieft habe, begin­ne ich lang­sam zu begrei­fen, war­um ein Teil der soge­nann­ten “Eli­te” des Lan­des so viel Angst vor die­ser Ent­wick­lung hat und sie des­halb auch unent­wegt mit allen Mit­telns, die die klas­si­schen und moder­nen Medi­en zur Ver­fü­gung stel­len, bekämpft. Denn eins ist klar: Soll­te es tat­säch­lich gelin­gen, die im Frie­dens­ab­kom­men ver­ein­bar­ten Punk­te umzu­set­zen, dann wird die­ses Land nicht mehr das­sel­be sein. Ins­be­son­de­re die bei­den ers­ten Abschnit­te über die Ent­wick­lung in den länd­li­chen Regio­nen Kolum­bie­nes und die För­de­rung einer poli­ti­schen Par­ti­zi­pa­ti­on der Bevöl­ke­rung auf allen Ebe­nen der Gesell­schaft haben es in sich. Ins­ge­samt besteht das Abkom­men aus 6 Kom­po­nen­ten:

  1. Poli­tik inte­gra­ler land­wirt­schaft­li­cher Ent­wick­lung: Über­win­dung der Armut u. unglei­cher Land­ver­tei­lung (Poli­ti­ca de des­ar­al­lo agra­rio inte­gral)
  2. För­de­rung der poli­ti­schen Par­ti­zi­pa­ti­on auf ver­schie­de­nen Ebe­nen der Gesell­schaft (Par­ti­ci­pa­ción Poli­ti­ca)
  3. Regeln zur Been­di­gung des Kon­flik­tes mit den FARC-EP (Fin del con­flic­to)
  4. Lösung des Pro­blems der ille­ga­len Dro­gen (Solu­ción al pro­ble­ma de las dro­gas ilì­ci­tas)
  5. Ent­schä­di­gung der Opfer und straf­recht­li­che Auf­ar­bei­tung des Kon­flik­tes unter einer Son­der­ge­richts­bar­keit, die vor allem den Zie­len einer umfas­sen­den Auf­ar­bei­tung des Wahr­heit, Gerech­tig­keit, Wie­der­gut­ma­chung, Nicht-Wie­der­hol­bar­keit (Jus­ti­cia para las Vic­timas und die Schaf­fung einer “Juris­dic­ción Espe­cial para la Paz”)
  6. Imple­men­tie­rung, Über­prü­fung und Bericht­erstat­tung: u.a. durch inter­na­tio­na­le Beob­ach­tung und Mit­wir­kung (Imple­men­ta­ción, Veri­fi­cación y Refren­da­ción)

Jedes die­ser Punk­te ist der­art kom­plex, dass eine zusam­men­fas­sen­de Dar­stel­lung nahe­zu unmög­lich ist. Ich möch­te ver­su­chen, hier ledig­lich die Eck­stei­ne der ein­zel­nen Kapi­tel zu skiz­zie­ren. Es gibt aller­dings zwei Punk­te, die von Anfang an in der kolum­bia­ni­schen Öffent­lich­keit beson­ders umstrit­ten waren und die auch für den Aus­gang des Ple­bis­zits vom 2. Okto­ber 2016 zwei­fel­los eine ent­schei­den­de Rol­le gespielt haben: Ers­tens die Fra­ge des “GENERO” und zwei­tens die Son­der­ge­richts­bar­keit (Jus­ti­cia espe­cial de la paz). In der Kam­pa­gne der Geg­ner des Frie­dens­ab­kom­mens wur­den bei­de Aspek­te in äußerst ver­zerr­ter Wei­se dar­ge­stellt. So wur­de bei­spiels­wei­se behaup­tet, dass das Frie­dens­ab­kom­men eine Auf­lö­sung der Fami­lie her­bei­füh­ren wird und dass alle FARC-Kämp­fer straf­los davon­kom­men wür­den. Bei­des ist schlicht­weg dum­mes Zeug, wird aber immer wie­der gern von kolum­bia­ni­schen Gesprächs­part­nern behaup­tet. In die­sem Bei­trag wer­de ich ein wenig auf die Aus­ein­an­der­set­zung um den “Gen­der­an­satz” sowie auf das ers­te Kapi­tel des Frie­dens­ver­tra­ges, in dem die Struk­tur­re­form in den länd­li­chen Gebie­ten Kolum­bi­ens behan­delt wird. Auf die Fra­ge der Spe­zi­al­jus­tiz für den Frie­den wer­de ich geson­dert ein­ge­hen.

Enfoque de Género” als Kampfbegriff

Dort, wo im “Acuer­do Final” noch expli­zit von “Gen­der­per­spek­ti­ve” (Enfo­que de Géne­ro) oder von “Geschlech­ter­gleich­heit” (Equi­dad de Géne­ro) die Rede ist, wur­de im zwei­ten Anlauf nach dem geschei­ter­ten Ple­bis­zit, im “Nue­vo Acuer­do Final” dies in vie­len Fäl­len “ent­schärft”, ent­we­der durch ersatz­lo­se Strei­chung wur­de oder durch Umfor­mu­lie­run­gen. Das­sel­be gilt für Hin­wei­se auf Per­so­nen (per­so­nas con ori­en­ta­ción sexu­al e identi­dad de géne­ro diver­sa). Nahe­zu in allen Abschnit­ten des Doku­men­tes fin­det man der­ar­ti­ge Text­mo­di­fi­ka­tio­nen. Grund für die­se Ein­grif­fe waren mas­si­ve Pro­tes­te erz­kon­ser­va­ti­ver und reli­giö­ser Kräf­te, ins­be­son­de­re — aber nicht nur — aus dem Lager der evan­ge­li­ka­len Kir­chen­ge­mein­den, die sich gegen­wär­tig über­all in Latein­ame­ri­ka eines regen Zulaufs erfreu­en.

Die Vetrags­for­mu­lie­run­gen, die einen der­ar­ti­gen Schre­cken unter den — irri­tie­ren­der­wei­se nicht nur männ­li­chen — Ange­hö­ri­gen der soge­nann­ten “Eli­te” aus­lö­sen konn­ten, waren in jah­re­lan­gen zähen Ver­hand­lun­gen einer Gen­der-Kom­mis­si­on erar­bei­tet wor­den, die pari­tä­tisch aus Mit­glie­dern der bei­den Dele­ga­tio­nen bestand. In einem geson­der­ten Papier hat­te die­se Komis­si­on fol­gen­de Quer­schnitts­for­de­run­gen für alle Kapi­tel des Frie­dens­ab­kom­mens auf­ge­stellt:

  1. Beim Zugang zu Land und der For­ma­li­sie­rung von Eigen­tums­rech­ten müs­sen Frau­en die glei­chen Rech­te wie die Män­ner zuge­stan­den wer­den.
  2. Die von der kolum­bia­ni­schen Ver­fas­sung garan­tier­ten Rech­te von Per­so­nen mit einer ande­ren sexu­el­len Ori­en­tie­rung und Geschlechts­iden­ti­tät (LGTBI) müs­sen auch in länd­li­chen Gebie­ten durch­ge­setzt wer­den.
  3. Die Teil­nah­me von Frau­en in Ver­tre­tungs- und Ent­schei­dungs­or­ga­nen sowie in Kon­flikt­lö­sungs­gre­mi­en muss geför­dert wer­den.
  4. Es müs­sen Maß­nah­men ergrif­fen wer­den, um Frau­en bes­ser vor Dis­kri­mi­nie­rung und Gewalt — auch vor häus­li­cher Gewalt — zu schüt­zen.
  5. Der Zugang von Frau­en bei der im Frie­dens­ver­trag vor­ge­se­he­nen Wahr­heits­fin­dung, bei der Ent­schä­di­gung von Opfern und staat­li­chen Garan­ti­en für Nicht-Wie­der­ho­lung muss gesi­chert wer­den.
  6. Die öffent­li­che Aner­ken­nung der poli­ti­schen Arbeit von Frau­en auf dem Lan­de muss gestärkt wer­den, und sie müs­sen vor Gewalt und Dis­kri­mi­nie­rung geschützt wer­den.
  7. Es müs­sen Maß­nah­men zur Stär­kung der Frau­en­or­ga­ni­sa­tio­nen und LGBTI Per­so­nen ergrif­fen wer­den.
  8. Um die­se For­de­run­gen umzu­set­zen ist eine sorg­fäl­ti­ge Erfas­sung der aktu­el­len Situa­ti­on erfor­der­lich. Die Daten­ba­sis, auf der dies geschieht ist jedoch gegen­wär­tig nicht aus­rei­chend, um das zu rea­li­sie­ren. Des­halb wur­den auch Anfor­de­run­gen an die Ver­än­de­run­gen von sta­tis­ti­schen Erhe­bungs­me­tho­den gestellt.

Trotz der beschrie­be­nen Ein­grif­fe in den Ver­trags­text nach dem Schei­tern des Ple­bis­zits, konn­te der größ­te Teil die­ser For­de­run­gen in das end­gül­ti­ge Ver­trags­werk ein­ge­bracht wer­den, was auch inter­na­tio­nal Beach­tung als bei­spiel­haft gefun­den hat. An ins­ge­samt über 400 Stel­len im Doku­ment wird expli­zit auf die Gen­der­fra­ge ein­ge­gan­gen eben­so wie auf die For­de­rung nach Stär­kung der Rech­te von gleich­ge­schlecht­li­chen Part­ner­schaf­ten und gene­rell von LGT­BI-Ange­hö­ri­gen. Im Kapi­tel 6 (Imple­men­tie­rung, Über­prü­fung und Bericht­erstat­tung­über) wur­de sogar ein gan­zer Abschnitt neu eige­fügt, in dem eini­ge der grund­le­gen­den Prin­zi­pi­en des gesam­ten Ver­trags­werks zusam­men­fas­send erläu­tert wur­de, unter ihnen auch “Enfo­que de Géne­ro”.

Politik integraler landwirtschaftlicher Entwicklung: Überwindung der Armut und ungleicher Landverteilung (Politica de desarallo agrario integral)

Die­ser Punkt war einer der ers­ten, die in Hava­na ver­han­delt wur­den und bereits im Mai 2013 wur­de eine ers­te Teil­über­ein­kunft erzielt. Aus der Sicht der FARC-EP, die ja von ihrem ursprüng­li­chen Selbst­ver­ständ­nis her eine Bau­ern-Gue­ril­la war, han­delt es sich bei der Fra­ge der gerech­ten Land­ver­tei­lung um einen ihrer poli­tisch wich­tigs­ten Punk­te. Denn die unglei­che Land­ver­tei­lung in Kolum­bi­en ist eines der Ursa­chen des lan­gen Kon­flik­tes, und gleich­zei­tig auch eine sei­ner Wir­kun­gen: Mitt­ler­wei­le besit­zen 1% der kolum­bia­ni­schen Land­ei­gen­tü­mer 43% des Lan­des.

Die Ver­ein­ba­run­gen orin­tier­ten sich an fol­gen­den Grund­prin­zi­pi­en: Der Land­be­völ­ke­rung soll ein ange­mes­se­ner Zugang zu eige­nem Land ermög­licht und die For­ma­li­sie­rung von Rechts­ti­teln an Land erleich­tert wer­den. Ins­be­son­de­re in Gebie­ten mit indi­ge­nen und afro-kolum­bia­ni­schen Gemein­schaf­ten war dies in der Ver­gan­gen­heit ein gro­ßes Pro­blem, da nicht in allen Fäl­len das gemein­schaft­li­che Eigen­tum an Land im Katas­ter ein­ge­tra­gen war. Die länd­li­chen Katas­ter sol­len über­prüft und moder­ni­siert wer­den. Gleich­zei­tig wur­den neue Regeln für die Nut­zung von Land erar­bei­tet, die eine nach­hal­ti­ge Land­wirt­schaft för­dern sol­len. Die ille­ga­le Inbe­sitz­nah­me von Boden und die ille­ga­le Aus­beu­tung der Boden­schät­ze soll zurück­ge­drängt wer­den. Ins­be­son­de­re den­je­ni­gen Gebie­ten, die am meis­ten unter dem Kon­flickt gelit­ten haben, die durch krie­ge­ri­sche Hand­lun­gen ver­las­sen wur­den und ver­wahr­lost sind, soll dabei Prio­ri­tät zuteil wer­den. Vetrie­be­ne sol­len wie­der in ihre Rech­te ein­ge­setzt wer­den. Bei der Pla­nung, Durch­füh­rung und Nach­be­ar­bei­tung der hier­für zu erar­bei­ten­den Plä­ne und der ent­spre­chen­den Durch­füh­rungs­pro­gram­me wird eine akti­ve Par­ti­zi­pa­ti­on der Gemein­schaf­ten der länd­li­chen Bevöl­ke­rung ver­ein­bart, und zwar von Män­nern und Frau­en in gleich­be­rech­tig­ter Wei­se. Außer­dem ist eine trans­pa­ren­te Rechen­schafts­le­gung über die in den Gemein­schaf­ten erziel­ten Erträ­ge zu gewähr­leis­ten, die auch einer effi­zi­en­ten zivil­ge­sell­schaft­li­chen Kon­trol­le unter­zo­gen wer­den soll. Außer­dem soll der Staat in abge­le­ge­nen länd­li­che Regio­nen stär­ker Prä­senz zei­gen, damit von vorn­her­ein alle Ver­su­che bestimm­ter Krei­se, sich mit gewalt­sa­men Mit­teln Vor­tei­le zu ver­schaf­fen, ver­ei­telt wer­den kön­nen. Die Ein­räu­mung güns­ti­ger Kre­di­te für die Bau­ern und staat­li­che Hil­fe­stel­lung für tech­ni­sche Mit­tel der land­wirt­schaft­li­chen Pro­duk­ti­on steht eben­falls in der Lis­te der Ver­ein­ba­run­gen.

Die vier Eck­punk­te die­ses Abschnit­tes las­sen sich wie folgt zusam­men­fas­sen:

Die Ver­ein­ba­run­gen beinhal­ten vier Eck­punk­te:

  1. Struk­tur­re­for­men zur Ver­än­de­rung des Zugangs und der Nut­zung des Lan­des, sowie der Ein­rich­tung und des effi­zi­en­tes Schut­zes von Natur­schutz­ge­bie­ten
  2. Ent­wick­lung eines Pro­gramms zur ter­ri­to­ria­len Ent­wick­lung des Stadt-Land-Ver­hält­nis­ses
  3. Auf­stel­lung natio­na­ler Plä­ne für die Ent­wick­lung der Infra­stru­kur spe­zi­ell auf dem Lan­de ein­schließ­lich der Ein­füh­rung von par­ti­zi­pa­ti­ven Ver­fah­ren.
  4. Ent­wick­lung eines ver­bind­li­chen Sys­tems zur fort­schrei­ten­den Absi­che­rung der Rech­te und der Ernäh­rung der Land­be­völ­ke­rung

All die­se Punk­te las­sen erah­nen, wel­che Angst den­je­ni­gen Krei­sen in die Kno­chen gefah­ren ist, denen es vor allem dar­auf ankommt, die herr­schen­den Ver­hält­nis­se in Kolum­bi­en zu zemen­tie­ren und jede Ver­än­de­rung als Bedro­hung der eige­nen Pri­vi­le­gi­en abzu­leh­nen. Das erklärt aller­dings noch nicht, wie­so es die­sen Krei­sen gelun­gen ist, eine zumin­dest für die Hälf­te der kolum­bia­ni­schen Bevöl­ke­rung hege­mo­nia­le ideo­lo­gi­sche Posi­ti­on auf­zu­bau­en.

Das Problem der illegalen Drogen

In einem engen Zusam­men­hang mit der Fra­ge der länd­li­chen Ent­wick­lung steht auch die Lösung eines ande­ren wich­ti­gen Pro­blems, das seit vie­len Jahr­zehn­ten star­ke Aus­wir­kun­gen auf nahe­zu alle Berei­che der kolum­bia­ni­sche Gesell­schaft hat: das Pro­blem des Anbaus und des Han­dels mit ille­ga­len Dro­gen. In einem eige­nen Abschnitt (Abschnitt 4) wur­de die­ses Pro­blem zum Gegen­stand des Frie­dens­ver­tra­ges gemacht. Ers­tens weil auch die FARC den Dro­gen­han­del zu einer Ein­kom­mens­quel­le genutzt hat, um damit ihre mili­tä­ri­schen Ope­ra­tio­nen zu finan­zie­ren, und zwei­tens weil in eini­gen länd­li­chen Gebie­ten, der Anbau von Coca und Can­na­bis die ein­zi­ge siche­re Ein­kom­mens­quel­le für vie­le Bau­ern gewor­den ist. Im Ver­trag eini­gen sich bei­de Part­ner, die Pro­duk­ti­on und den Ver­trieb der ille­ga­len Dro­gen zu bekämp­fen und gemein­sam eine defi­ni­ti­ve Lösung des Pro­blems zu suchen. Die FARC ver­pflich­tet sich zudem, ihre Kennt­nis­se über Anbau­ge­bie­te und Ver­triebs­we­ge dafür zur Ver­fü­gung zu stel­len. Es wird aber zugleich betont, dass man eine Lösung suchen will, die von den betrof­fe­nen Bau­ern mit­ge­tra­gen wird.  Eine gesund­heits­schäd­li­che Ver­nich­tung der Fel­der durch Sprüh­flug­zeu­ge, so wie in der Ver­gan­gen­heit gesche­hen, wird es nicht geben.

Doch nicht nur mit den betroff­ne­ne Bau­ern muss eine ein­ver­nehm­li­che Lösung gesucht wer­den. Auch die Kon­su­men­ten sind ein Teil der Pro­blem­lö­sung. Im Ver­trags­text wird aner­kannt, dass die Fra­ge des Kon­sums von Can­na­bis in ein gesund­heits­po­li­ti­sches Kon­zept ein­ge­bun­den wer­den muss. So stel­len sich ins­ge­samt drei Fel­der dar, für die Lösungs­vor­schlä­ge erar­bei­tet  wer­den müs­sen:

  1. Pro­gram­me der Sub­sti­tu­ti­on des Anbaus
  2. Pro­gram­me der Prä­ven­ti­on des Kon­sums und der öffent­li­chen Gesund­heit
  3. Pro­gram­me zur Bekämp­fung des Pro­duk­ti­on und der Kom­erzia­li­sie­rung von Rausch­mit­teln

 

Friedensnobelpreis und die Zivilgesellschaft

Man kann zu Juan Manu­el San­tos eine kri­tisch distan­zier­te Hal­tung ein­neh­men, aber die heu­te in Oslo bekannt gege­be­ne Ver­lei­hung des Frie­dens­no­bel­prei­ses an ihn ist zwei­fel­los eine sehr gute Nach­richt. Denn die­ser Preis ist auch eine Aus­zeich­nung für all die­je­ni­gen, die trotz erbit­ter­ter Wider­stän­de im Lan­de in den letz­ten Jah­ren immer wie­der für den Frie­dens­pro­zess ein­ge­tre­ten sind. Er ist also auch eine Aus­zeich­nung für die kolum­bia­ni­sche Zivil­ge­sell­schaft, die durch Akti­vi­tä­ten von indi­ge­nen Grup­pen, afro-kolum­bia­ni­schen Gemein­schaf­ten, Men­schen­rechts­be­we­gung, LGTB-Bewe­gung, Umwelt­schüt­zer, Gewerk­schaf­ten u.a.m. geprägt ist. San­tos hat den Mut gehabt, die­sen Weg als Ange­hö­ri­ger der tra­di­tio­nel­len poli­ti­schen Klas­se zu gehen und dar­an sein poli­ti­sches Schick­sal zu knüp­fen. Und er wuß­te sehr wohl, dass er die­ses Schick­sal auch in die Hän­de derer gelegt hat, die sich unter der Regen­bo­gen­fah­ne zusam­men­ge­fun­den haben. Er hat sich dazu auch bekannt und ganz schön Prü­gel ein­ste­cken müs­sen von sei­ner eige­nen sozia­len und poli­ti­schen Klas­se, der soge­nann­ten “Eli­te” des Lan­des. Die Aus­zeich­nung mit dem Nobel­preis ist jetzt, nach dem “Nein” beim Ple­bis­zit am 2. Okto­ber dop­pelt wich­tig. Denn er gibt all denen Mut, die sich mit der knap­pen Ent­schei­dung am Sonn­tag, nicht zufrie­den geben wol­len, die sich nicht mit dem Gedan­ken abfin­den kön­nen, einen Krieg fort­zu­set­zen, den offen­sicht­lich nur noch die­je­ni­gen gut fin­den, die weit weg von sei­nen bru­ta­len Wir­kun­gen leben. Denn eins hat sich in den letz­ten Tagen seit Sonn­tag deut­lich gezeigt: Mit dem “Nein” ist der Kampf für Frie­den in Kolum­bi­en nicht zu Ende.

Neben den spon­ta­nen Mani­fes­ta­tio­nen in Bogo­tá und ande­ren Städ­ten am Wahl­abend, von denen ich bereits berich­tet hat­te, haben in den letz­ten Tagen nicht nur wei­te­re Demons­tra­tio­nen statt­ge­fun­den. Unter dem Mot­to “La lucha por la paz sigue” haben sich meh­re­re zivil­ge­sell­schaft­li­che Grup­pen zur Situa­ti­on geäu­ßert. Zeit­gleich mit dem ers­ten Tref­fen der Prot­ago­nis­ten der bei­den poli­ti­schen Lager zu einem Gespräch im Pala­cio Nari­ño, dem kolum­bia­ni­schen Prä­si­den­ten­pa­last in Bogo­tá, am 5. Okto­ber, zeig­te sich die kolum­bia­ni­sche Zivil­ge­sell­schaft kämp­fe­risch. “Movi­li­za­ción soci­al es la via para exi­gir la paz” hör­te man auf dem “Con­gre­so de los pue­b­los”, auf dem sich Reprä­sen­tan­ten der indi­ge­nen Gemein­schaf­ten, der afro-kolum­bia­ni­schen Gemein­schaf­ten, der Land­ar­bei­ter und ande­rer Grup­pen getrof­fen haben. Hier wur­de eine Reso­lu­ti­on ver­ab­schie­det, in der die sozia­le Mobi­lie­rung als Weg zur Umset­zung des Frie­dens erklärt wur­de. (El Espec­ta­dor v. 5. Okto­ber 2016)

In glei­cher Wei­se hat­te sich der “Pro­ce­so de Comu­n­i­dades Negras PCN”, eines der Ver­bän­de, die für die afro-kolum­bia­ni­sche Bevöl­ke­rung Kolum­bi­ens spre­chen, bereits am Diens­tag zu Wort gemel­det. In einem Auf­ruf, der sich sowohl an die inter­na­tio­na­le Gemein­schaft rich­tet als auch an die FARC und die Regie­rung wen­det, beto­nen sie das Recht der Kolum­bia­ner in einem sta­bi­len Frie­den zu leben und erhe­ben die For­de­rung, wei­ter zu ver­han­deln und an der Rea­li­sie­rung des Frie­dens zu arbei­ten. In einem Kom­mu­ni­qué heben sie her­vor, dass sie, die wäh­rend der krie­ge­ri­schen Aus­ein­an­der­set­zun­gen sehr vie­le Opfer gebracht haben, ihren Bei­trag zur Ver­söh­nung leis­ten wol­len und dies auch schon bei den Anhö­run­gen der Opfer wäh­rend der Ver­hand­lun­gen in Havan­na zum Aus­druck gebracht haben. Sie sind aber nicht bereit, sich von der Mehr­heit der Bevöl­ke­rung, die in siche­ren Gebie­ten lebt, vor­schrei­ben zu las­sen, wei­ter­hin die Schmer­zen erdul­den zu müs­sen, die sie in den ver­gan­ge­nen Jah­ren erlit­ten haben. Comu­ni­ca­do al Gobi­er­no, las FARC-EP, La Socie­dad Colom­bia­na en su Con­jun­to).

Wie die FARC reagie­ren wer­den, weiß man nicht genau. Auch sie wol­len, wie sie erklärt haben, wei­ter am Frie­dens­pro­zess fest­hal­ten. Aber sie ste­hen vor dem Pro­blem, dass ihre Ver­bän­de eigent­lich schon seit meh­re­ren Tagen in die für die Ent­waff­nung vor­ge­se­he­nen Zonen ein­rü­cken soll­ten. Unter den gege­be­nen Umstän­den haben die FARC nun aller­dings erklärt, ihre Trup­pen auf siche­re Posi­tio­nen zurück­zu­zie­hen. Die gegen­wär­ti­ge Situa­ti­on stel­le für ihre Kämp­fer eine zu gro­ße Gefähr­dung dar. Die Gue­ril­la steht unter einem gewis­sen Zeit­druck. Der mit der Regie­rung ver­ein­bar­te Waf­fen­still­stand war ja zeit­lich befris­tet und läuft offi­zi­ell Ende des Mona­tes aus. Zwar hat­ten die FARC Ende August ein­sei­tig einen “end­gül­ti­gen Waf­fen­still­stand” ver­kün­det, aber was geschieht, wenn sie von der kolum­bia­ni­schen Armee ange­grif­fen wer­den? Die FARC-Ein­hei­ten war­ten auf den Befehl, ent­we­der die Waf­fen abzu­ge­ben oder wei­ter­zu­kämp­fen.

Viel­leicht ist es nicht über­trie­ben davon zu spre­chen, dass nun eine neue Pha­se im Rin­gen um Frie­den in Kolum­bi­en begon­nen hat. Es geht nicht mehr um die Unter­süt­zung des­sen, was die poli­ti­schen Reprä­sen­tan­ten in Havan­na aus­ge­han­delt haben, son­dern nun mel­det sich die Zivil­ge­sell­schaft stär­ker als zuvor mit eige­nen For­de­run­gen zu Wort. Sie will das “Nein” nicht akzep­tie­ren. Ins­be­son­de­re die vom Krieg beson­ders Betrof­fe­nen kön­nen nicht ein­se­hen, dass die­je­ni­gen, die von den Aus­ein­an­der­set­zun­gen wenig mit­be­kom­men, in einer solch dras­ti­schen Wei­se über ihr wei­te­res Schick­sal bestim­men sol­len.

Nach dem Referendum: Was nun, Kolumbien?

Der Schock sitzt tief. Die Mehr­heit der Kolum­bia­ner haben sich gegen den zwi­schen der Regie­rung und der FARC-Gue­ril­la in Havan­na aus­ge­han­del­ten Frie­dens­ver­trag aus­ge­spro­chen. Mit einer hauch­dün­nen Mehr­heit von ca. fünf­zig­tau­send Stim­men fiel die Ent­schei­dung. Bei einer Wahl­be­tei­li­gung, die man nicht anders als ent­täu­schend bezeich­nen kann. Zwar sind 37% für kolum­bia­ni­sche Ver­hält­nis­se gar nicht so schlecht, bei einer der­art wich­ti­gen Ent­schei­dung aber zu wenig.

Und bei der Wahl­be­tei­li­gung wird in eini­gen Medi­en denn auch mit Erklä­rungs­ver­su­chen für das Desas­ter ange­setzt. Vie­le poten­zi­el­le Befür­wor­ter waren sich — so wird ver­mu­tet — der von den Mei­nungs­for­schungs­in­sti­tu­ten pro­gnos­ti­zier­ten Zustim­mungs­mehr­heit zu sicher und sind dann aus wel­chen Grün­den auch immer zuhau­se geblie­ben, weil sie annah­men, auf ihre eine Stim­me käme es wohl nicht an. Wenn das so war, ein fata­ler Irr­tum. Nun gab es aber auch Kolum­bia­ner, für die der Gang zur Wahl­ur­ne tat­säch­lich mit eini­gen Schwie­rig­kei­ten ver­bun­den war. Das betrifft vor allem die Regio­nen der Kari­bik­küs­te. Hef­ti­ge, durch den Hur­ri­kan “Mat­thew” ver­ur­sach­te Regen­fäl­le, lie­ßen vie­le Kolum­bia­ner zunächst abwar­ten, ob sich die Wet­ter­ver­hält­nis­se bes­sern wür­den. Drei der an der Karib­küs­te gele­ge­nen Depar­ta­ment­os hat­ten des­halb dar­um gebe­ten, den für 16 Uhr vor­ge­se­he­nen Zeit­punkt der Schlie­ßung der Wahl­lo­ka­le um eini­ge Stun­den zu ver­schie­ben, was aber von der Wahl­kom­mis­si­on abge­lehnt wur­de. Und so geschah es, dass vie­le Kolum­bia­ner, die sich dann, nach­dem die Aus­sicht auf eine Bes­se­rung der Wet­ter­ver­hält­nis­se nicht mehr rea­lis­tisch erschien, ver­spä­tet auf den Weg mach­ten, tat­säch­lich vor ver­schlos­se­nen Türen stan­den.

Eini­ge poli­ti­sche Kom­men­ta­to­ren sehen auch in dem popu­lis­ti­schen Wahl­kampf der “Nein”-Verfechter, der mehr an anti­kom­mu­nis­ti­sche Refle­xe als an die zu ent­schei­den­den inhalt­li­chen Fra­gen aus­ge­rich­tet war, einen Grund für das Ergeb­nis. In der Tat hat­ten Uri­bes Anhän­ger alles was kon­ser­va­tiv den­ken­den Men­schen zuwi­der ist, mit der Fra­ge des Frie­dens­ab­kom­mens ver­mengt. So wur­den die Gesprä­che von vorn­her­ein, bevor über­haupt die ers­ten “Pre-Acuer­dos” vor­la­gen — als Bedro­hung der gege­be­nen Ord­nung ange­pran­gert. Der durch sei­ne tra­di­tio­na­lis­ti­sche und erz­ka­tho­li­sche Hal­tung bekann­te Ale­jan­dro Ordóñez, den man­che für einen poten­ti­el­len Prä­si­dent­schafs­kan­di­da­ten der Kon­ser­va­ti­ven hal­ten, mach­te gar durch die Aus­sa­ge von sich reden, dass die Ver­ein­ba­run­gen von Havan­na auch ein Angriff auf die “hei­li­ge Insti­tu­ti­on der Ehe” dar­stel­len. Ordóñez ist nun nicht irgend­je­mand, son­dern ehe­ma­li­ger Pro­cu­ra­dor Gene­ral de la Nación, eine Insti­tu­ti­on, die so weit mir bekannt ist, eine Beson­der­heit des kolum­bia­ni­schen poli­ti­schen Sys­tems dar­stellt und die man sich als eine Art “Ober­auf­sicht” über die Recht- und Ord­nungs­mä­ßig­keit der poli­ti­schen Pro­zes­se im Staat vor­stel­len muss. Die­ser Mann, der schon in der Ver­gan­gen­heit durch mar­ki­ge und pro­vo­kan­te Äuße­run­gen auf­ge­fal­len ist, freut sich nun, dass “die Gott­gläu­bi­gen” gewon­nen haben und for­der­te den sofor­ti­gen Rück­zug aller an den bis­he­ri­gen Ver­hand­lun­gen in Havan­na betei­lig­ten Per­so­nen (Vgl. zu Ordóñez: “Colom­bia Infor­ma” v. 7.9.2016).

Allein die Tat­sa­che, dass San­tos in Havan­na dem Vor­sit­zen­den der FARC die Hand gege­ben hat, macht ihn für die­se Leu­te bereits zu einem Sym­pa­tis­an­ten von Kom­mu­nis­ten. Sie wer­fen ihm vor, das Land in einen sozia­lis­ti­schen Trans­for­ma­ti­ons­pro­zess a la Vene­zue­la zu füh­ren. Die in Havan­na ver­ein­bar­te Par­ti­zi­pa­ti­on der FARC am poli­ti­schen Leben des Lan­des ist für sie ein Indiz, dass er das Land den Kom­mu­nis­ten aus­lie­fe­re. Dabei sehen die Ver­ein­ba­run­gen ledig­lich vor, dass der noch zu grün­den­den lin­ken poli­ti­schen Orga­ni­sa­ti­on für zwei Legis­la­tur­pe­ri­oden bis 2026 fünf Man­da­te in bei­den Häu­sern des Kon­gres­ses zuge­stan­den wird. D.h. fünf Sit­ze in der “Cama­ra de Rep­re­sen­tan­tes”  und fünf wei­te­re im “Sena­do”. Nach 2026 wird ihre par­la­men­ta­ri­sche Reprä­sen­ta­ti­on ganz nor­mal wie bei allen ande­ren Par­tei­en vom Ergeb­nis der Wah­len abhän­gen. Eine Rege­lung, die auch in Deutsch­land nach der Wie­der­ver­ei­ni­gung für die dama­li­ge PDS ange­wandt wur­de. Aber der Auf­schrei der kolum­bia­ni­schen Kon­ser­va­ti­ven zeigt, wie ver­ängs­tigt die rechts­ori­en­tiert poli­ti­sche Eli­te des Lan­des sein muss. Sie scheint sich ihrer poli­ti­schen Hege­mo­nie nicht mehr so sicher zu sein.

So zeigt sich denn in der Aus­ein­an­der­set­zung um den Frie­dens­pro­zess mehr als nur die Ein­stel­lung für oder gegen Krieg. Man könn­te fast von einer Aggre­ga­ti­on der viel­fäl­ti­gen poli­ti­schen Kräf­te in zwei gro­ße Lager spre­chen, in denen sich zwei fun­da­men­ta­le Posi­tio­nen iden­ti­fi­zie­ren las­sen: Auf der einen Sei­te die­je­ni­gen, die sich ein welt­of­fe­nes, sozi­al gerech­te­res und moder­nes Kolum­bi­en wün­chen, und auf der ande­ren die­je­ni­gen, die jed­we­de Ver­än­de­rung als Schritt in den Unter­gang der gott­ge­be­nen Ord­nung des Vater­lan­des, also letzt­lich als Angriff auf ihre Pri­vi­le­gi­en, betrach­ten. Also eigent­lich dann doch wie­der die alte Dif­fe­renz zwi­schen Links und Rechts? Doch so ein­fach ist es nicht.

Dass die Ent­schei­dung äußerst knapp aus­ge­fal­len ist, konn­te für auf­merk­sa­me Beob­ach­ter kei­ne Über­ra­schung sein. Das hat­te sich schon lan­ge vor­her ange­deu­tet. Bereits bei der letz­ten Prä­si­dent­schafts­wahl, die bereits ganz im Zei­chen der Aus­ein­an­der­set­zun­gen um die Frie­dens­ver­hand­lun­gen geführt wor­den war, hat­te sich deut­lich gezeigt, wie tief das Land gespal­ten ist. Und auch in den Dis­kus­sio­nen der letz­ten zwei Jah­re war die Pola­ri­sie­rung nicht zu über­se­hen. Der Riss zwi­schen Befür­wor­tern und Geg­nern der Frie­dens­ver­hand­lun­gen in Havan­na ging quer durch alle Klas­sen und auch durch alle Fami­li­en. Die Fami­lie des Prä­si­den­ten ist hier­für selbst ein Bei­spiel. Denn Fran­cis­co San­tos, ein Cou­sin des Prä­si­den­ten Juan Manu­el San­tos, unter­stützt das Lager der Frie­dens­geg­ner, deren popu­lärs­te Figur der frü­he­re Prä­si­dent Alva­ro Uri­be ist. Ähn­li­ches erle­be ich bei den Fami­li­en von Freun­den und Bekann­ten. Und das wird auch bestä­tigt in vie­len Gesprä­chen mit Taxi­fah­rern, denen man ja eine seis­mo­gra­phi­sche Funk­ti­on für die Stim­mung in der Bevöl­ke­rung nach­sagt. In den Umfra­gen der Mei­nungs­for­schungs­in­sti­tu­ten vor dem Wahl­gang gab es immer wie­der Schwan­kun­gen, aber zuletzt lag das Lager der Befür­wor­ter vorn und ich ken­ne eigent­lich nie­man­den, der nicht von einer Zustim­mung der Bevöl­ke­rung aus­ge­gan­gen ist. Nun, wir haben uns alle geirrt. Wie­der ein­mal, muss man sagen, ange­sichts der BREX­IT-Ent­schei­dung im Juni die­ses Jah­res.

Eine deut­li­che Spra­che spricht auch ein genau­er Blick auf die ver­schie­de­nen Depar­ta­ment­os. Die­je­ni­gen Depar­ta­ment­os, die am meis­ten unter dem Krieg gelit­ten haben, haben mehr­heit­lich für den Frie­den gestimmt.  Die­je­ni­gen, die von den Kriegs­ge­sche­hen am wenigs­ten betroif­fen waren, haben eher für “nein” gestimmt. Ein nicht ganz unbe­kann­tes Mus­ter.

Man konn­te befürch­ten, dass San­tos, der sein poli­ti­sches Schick­sal voll­stän­dig an den Frie­dens­pro­zess gebun­den hat­te, nach der Nie­der­la­ge zurück­tre­ten wür­de. So war denn am Abend des Wahl­ta­ges, als tau­sen­de Frie­dens­be­für­wor­ter — “que­re­mos la paz, que­re­mos la paz” skan­die­rend — spon­tan vor den Prä­si­den­ten­pa­last zogen und ihm ihre wei­te­re Unter­stüt­zung zusi­cher­ten, eine sehr span­nungs­ge­la­de­ne Stim­mung zu spü­ren. Aber San­tos trat nicht zurück. Im Gegen­teil, ange­sichts der star­ken Pola­ri­sie­rung im Lan­de, beton­te er sei­ne Ver­ant­wor­tung als Garant für die Ein­heit und Sta­bi­li­tät im Lan­de. Er bekann­te sei­ne Nie­der­la­ge, bekräf­tig­te jedoch, wei­ter an sei­nem Ziel, den Frie­den zu schaf­fen, zu arbei­ten. Sei­ne Geg­ner for­der­te er auf, kon­struk­ti­ve Vor­schlä­ge zu machen, wie man nun aus der ver­fah­re­nen Situa­ti­on her­aus­kommt, denn auch ihnen kon­ze­dier­te er, letzt­lich den Frie­den zu wol­len, wenn­gleich mit ande­ren Vor­stel­lun­gen. Nur “nein” zu sagen, kön­ne nicht rei­chen. Sei­ner noch am sel­ben Abend aus­ge­spro­che­ne Ein­la­dung für ein ers­tes Gespräch am Mon­tag, wur­de aller­dings von der Uri­be-Frak­ti­on aus­ge­schla­gen. Man muss abwar­ten.

Die ande­re Fra­ge ist: wie wird die FARC reagie­ren? Auch Rod­ri­go Lon­do­ño (aka: Timo­chen­ko), der FARC-Chef, trat noch am Abend vor die Kame­ras und äußer­te sich zurück­hal­tend und aus­ge­spro­chen ver­ant­wor­tungs­voll. Auch er sieht kei­ne ande­re Zukunft des Lan­des, als in der Eta­blie­rung des Frie­dens und ver­si­cher­te, dass die FARC an die­sem Ziel fest­hal­ten wer­de. Die Kalasch­ni­kow bleibt also zunächst im Schrank. Angst kann einem dage­gen die grau­en­vol­le Het­ze machen, die die Rechts­ra­di­ka­len auf Twit­ter ges­tern los­ge­tre­ten haben. Ein erschre­cken­des Kriegs­ge­brüll mit viel­fäl­ti­gen Mord­dro­hun­gen an in- und aus­län­di­schen lin­ken Poli­ti­kern. So schnell wird Kolum­bi­en wohl nicht zur Ruhe kom­men.