Nach dem Referendum: Was nun, Kolumbien?

Der Schock sitzt tief. Die Mehr­heit der Kolum­bia­ner haben sich gegen den zwi­schen der Regie­rung und der FARC-Gue­ril­la in Havan­na aus­ge­han­del­ten Frie­dens­ver­trag aus­ge­spro­chen. Mit einer hauch­dün­nen Mehr­heit von ca. fünf­zig­tau­send Stim­men fiel die Ent­schei­dung. Bei einer Wahl­be­tei­li­gung, die man nicht anders als ent­täu­schend bezeich­nen kann. Zwar sind 37% für kolum­bia­ni­sche Ver­hält­nis­se gar nicht so schlecht, bei einer der­art wich­ti­gen Ent­schei­dung aber zu wenig.

Und bei der Wahl­be­tei­li­gung wird in eini­gen Medi­en denn auch mit Erklä­rungs­ver­su­chen für das Desas­ter ange­setzt. Vie­le poten­zi­el­le Befür­wor­ter waren sich — so wird ver­mu­tet — der von den Mei­nungs­for­schungs­in­sti­tu­ten pro­gnos­ti­zier­ten Zustim­mungs­mehr­heit zu sicher und sind dann aus wel­chen Grün­den auch immer zuhau­se geblie­ben, weil sie annah­men, auf ihre eine Stim­me käme es wohl nicht an. Wenn das so war, ein fata­ler Irr­tum. Nun gab es aber auch Kolum­bia­ner, für die der Gang zur Wahl­ur­ne tat­säch­lich mit eini­gen Schwie­rig­kei­ten ver­bun­den war. Das betrifft vor allem die Regio­nen der Kari­bik­küs­te. Hef­ti­ge, durch den Hur­ri­kan “Mat­thew” ver­ur­sach­te Regen­fäl­le, lie­ßen vie­le Kolum­bia­ner zunächst abwar­ten, ob sich die Wet­ter­ver­hält­nis­se bes­sern wür­den. Drei der an der Karib­küs­te gele­ge­nen Depar­ta­ment­os hat­ten des­halb dar­um gebe­ten, den für 16 Uhr vor­ge­se­he­nen Zeit­punkt der Schlie­ßung der Wahl­lo­ka­le um eini­ge Stun­den zu ver­schie­ben, was aber von der Wahl­kom­mis­si­on abge­lehnt wur­de. Und so geschah es, dass vie­le Kolum­bia­ner, die sich dann, nach­dem die Aus­sicht auf eine Bes­se­rung der Wet­ter­ver­hält­nis­se nicht mehr rea­lis­tisch erschien, ver­spä­tet auf den Weg mach­ten, tat­säch­lich vor ver­schlos­se­nen Türen stan­den.

Eini­ge poli­ti­sche Kom­men­ta­to­ren sehen auch in dem popu­lis­ti­schen Wahl­kampf der “Nein”-Verfechter, der mehr an anti­kom­mu­nis­ti­sche Refle­xe als an die zu ent­schei­den­den inhalt­li­chen Fra­gen aus­ge­rich­tet war, einen Grund für das Ergeb­nis. In der Tat hat­ten Uri­bes Anhän­ger alles was kon­ser­va­tiv den­ken­den Men­schen zuwi­der ist, mit der Fra­ge des Frie­dens­ab­kom­mens ver­mengt. So wur­den die Gesprä­che von vorn­her­ein, bevor über­haupt die ers­ten “Pre-Acuer­dos” vor­la­gen — als Bedro­hung der gege­be­nen Ord­nung ange­pran­gert. Der durch sei­ne tra­di­tio­na­lis­ti­sche und erz­ka­tho­li­sche Hal­tung bekann­te Ale­jan­dro Ordóñez, den man­che für einen poten­ti­el­len Prä­si­dent­schafs­kan­di­da­ten der Kon­ser­va­ti­ven hal­ten, mach­te gar durch die Aus­sa­ge von sich reden, dass die Ver­ein­ba­run­gen von Havan­na auch ein Angriff auf die “hei­li­ge Insti­tu­ti­on der Ehe” dar­stel­len. Ordóñez ist nun nicht irgend­je­mand, son­dern ehe­ma­li­ger Pro­cu­ra­dor Gene­ral de la Nación, eine Insti­tu­ti­on, die so weit mir bekannt ist, eine Beson­der­heit des kolum­bia­ni­schen poli­ti­schen Sys­tems dar­stellt und die man sich als eine Art “Ober­auf­sicht” über die Recht- und Ord­nungs­mä­ßig­keit der poli­ti­schen Pro­zes­se im Staat vor­stel­len muss. Die­ser Mann, der schon in der Ver­gan­gen­heit durch mar­ki­ge und pro­vo­kan­te Äuße­run­gen auf­ge­fal­len ist, freut sich nun, dass “die Gott­gläu­bi­gen” gewon­nen haben und for­der­te den sofor­ti­gen Rück­zug aller an den bis­he­ri­gen Ver­hand­lun­gen in Havan­na betei­lig­ten Per­so­nen (Vgl. zu Ordóñez: “Colom­bia Infor­ma” v. 7.9.2016).

Allein die Tat­sa­che, dass San­tos in Havan­na dem Vor­sit­zen­den der FARC die Hand gege­ben hat, macht ihn für die­se Leu­te bereits zu einem Sym­pa­tis­an­ten von Kom­mu­nis­ten. Sie wer­fen ihm vor, das Land in einen sozia­lis­ti­schen Trans­for­ma­ti­ons­pro­zess a la Vene­zue­la zu füh­ren. Die in Havan­na ver­ein­bar­te Par­ti­zi­pa­ti­on der FARC am poli­ti­schen Leben des Lan­des ist für sie ein Indiz, dass er das Land den Kom­mu­nis­ten aus­lie­fe­re. Dabei sehen die Ver­ein­ba­run­gen ledig­lich vor, dass der noch zu grün­den­den lin­ken poli­ti­schen Orga­ni­sa­ti­on für zwei Legis­la­tur­pe­ri­oden bis 2026 fünf Man­da­te in bei­den Häu­sern des Kon­gres­ses zuge­stan­den wird. D.h. fünf Sit­ze in der “Cama­ra de Rep­re­sen­tan­tes”  und fünf wei­te­re im “Sena­do”. Nach 2026 wird ihre par­la­men­ta­ri­sche Reprä­sen­ta­ti­on ganz nor­mal wie bei allen ande­ren Par­tei­en vom Ergeb­nis der Wah­len abhän­gen. Eine Rege­lung, die auch in Deutsch­land nach der Wie­der­ver­ei­ni­gung für die dama­li­ge PDS ange­wandt wur­de. Aber der Auf­schrei der kolum­bia­ni­schen Kon­ser­va­ti­ven zeigt, wie ver­ängs­tigt die rechts­ori­en­tiert poli­ti­sche Eli­te des Lan­des sein muss. Sie scheint sich ihrer poli­ti­schen Hege­mo­nie nicht mehr so sicher zu sein.

So zeigt sich denn in der Aus­ein­an­der­set­zung um den Frie­dens­pro­zess mehr als nur die Ein­stel­lung für oder gegen Krieg. Man könn­te fast von einer Aggre­ga­ti­on der viel­fäl­ti­gen poli­ti­schen Kräf­te in zwei gro­ße Lager spre­chen, in denen sich zwei fun­da­men­ta­le Posi­tio­nen iden­ti­fi­zie­ren las­sen: Auf der einen Sei­te die­je­ni­gen, die sich ein welt­of­fe­nes, sozi­al gerech­te­res und moder­nes Kolum­bi­en wün­chen, und auf der ande­ren die­je­ni­gen, die jed­we­de Ver­än­de­rung als Schritt in den Unter­gang der gott­ge­be­nen Ord­nung des Vater­lan­des, also letzt­lich als Angriff auf ihre Pri­vi­le­gi­en, betrach­ten. Also eigent­lich dann doch wie­der die alte Dif­fe­renz zwi­schen Links und Rechts? Doch so ein­fach ist es nicht.

Dass die Ent­schei­dung äußerst knapp aus­ge­fal­len ist, konn­te für auf­merk­sa­me Beob­ach­ter kei­ne Über­ra­schung sein. Das hat­te sich schon lan­ge vor­her ange­deu­tet. Bereits bei der letz­ten Prä­si­dent­schafts­wahl, die bereits ganz im Zei­chen der Aus­ein­an­der­set­zun­gen um die Frie­dens­ver­hand­lun­gen geführt wor­den war, hat­te sich deut­lich gezeigt, wie tief das Land gespal­ten ist. Und auch in den Dis­kus­sio­nen der letz­ten zwei Jah­re war die Pola­ri­sie­rung nicht zu über­se­hen. Der Riss zwi­schen Befür­wor­tern und Geg­nern der Frie­dens­ver­hand­lun­gen in Havan­na ging quer durch alle Klas­sen und auch durch alle Fami­li­en. Die Fami­lie des Prä­si­den­ten ist hier­für selbst ein Bei­spiel. Denn Fran­cis­co San­tos, ein Cou­sin des Prä­si­den­ten Juan Manu­el San­tos, unter­stützt das Lager der Frie­dens­geg­ner, deren popu­lärs­te Figur der frü­he­re Prä­si­dent Alva­ro Uri­be ist. Ähn­li­ches erle­be ich bei den Fami­li­en von Freun­den und Bekann­ten. Und das wird auch bestä­tigt in vie­len Gesprä­chen mit Taxi­fah­rern, denen man ja eine seis­mo­gra­phi­sche Funk­ti­on für die Stim­mung in der Bevöl­ke­rung nach­sagt. In den Umfra­gen der Mei­nungs­for­schungs­in­sti­tu­ten vor dem Wahl­gang gab es immer wie­der Schwan­kun­gen, aber zuletzt lag das Lager der Befür­wor­ter vorn und ich ken­ne eigent­lich nie­man­den, der nicht von einer Zustim­mung der Bevöl­ke­rung aus­ge­gan­gen ist. Nun, wir haben uns alle geirrt. Wie­der ein­mal, muss man sagen, ange­sichts der BREX­IT-Ent­schei­dung im Juni die­ses Jah­res.

Eine deut­li­che Spra­che spricht auch ein genau­er Blick auf die ver­schie­de­nen Depar­ta­ment­os. Die­je­ni­gen Depar­ta­ment­os, die am meis­ten unter dem Krieg gelit­ten haben, haben mehr­heit­lich für den Frie­den gestimmt.  Die­je­ni­gen, die von den Kriegs­ge­sche­hen am wenigs­ten betroif­fen waren, haben eher für “nein” gestimmt. Ein nicht ganz unbe­kann­tes Mus­ter.

Man konn­te befürch­ten, dass San­tos, der sein poli­ti­sches Schick­sal voll­stän­dig an den Frie­dens­pro­zess gebun­den hat­te, nach der Nie­der­la­ge zurück­tre­ten wür­de. So war denn am Abend des Wahl­ta­ges, als tau­sen­de Frie­dens­be­für­wor­ter — “que­re­mos la paz, que­re­mos la paz” skan­die­rend — spon­tan vor den Prä­si­den­ten­pa­last zogen und ihm ihre wei­te­re Unter­stüt­zung zusi­cher­ten, eine sehr span­nungs­ge­la­de­ne Stim­mung zu spü­ren. Aber San­tos trat nicht zurück. Im Gegen­teil, ange­sichts der star­ken Pola­ri­sie­rung im Lan­de, beton­te er sei­ne Ver­ant­wor­tung als Garant für die Ein­heit und Sta­bi­li­tät im Lan­de. Er bekann­te sei­ne Nie­der­la­ge, bekräf­tig­te jedoch, wei­ter an sei­nem Ziel, den Frie­den zu schaf­fen, zu arbei­ten. Sei­ne Geg­ner for­der­te er auf, kon­struk­ti­ve Vor­schlä­ge zu machen, wie man nun aus der ver­fah­re­nen Situa­ti­on her­aus­kommt, denn auch ihnen kon­ze­dier­te er, letzt­lich den Frie­den zu wol­len, wenn­gleich mit ande­ren Vor­stel­lun­gen. Nur “nein” zu sagen, kön­ne nicht rei­chen. Sei­ner noch am sel­ben Abend aus­ge­spro­che­ne Ein­la­dung für ein ers­tes Gespräch am Mon­tag, wur­de aller­dings von der Uri­be-Frak­ti­on aus­ge­schla­gen. Man muss abwar­ten.

Die ande­re Fra­ge ist: wie wird die FARC reagie­ren? Auch Rod­ri­go Lon­do­ño (aka: Timo­chen­ko), der FARC-Chef, trat noch am Abend vor die Kame­ras und äußer­te sich zurück­hal­tend und aus­ge­spro­chen ver­ant­wor­tungs­voll. Auch er sieht kei­ne ande­re Zukunft des Lan­des, als in der Eta­blie­rung des Frie­dens und ver­si­cher­te, dass die FARC an die­sem Ziel fest­hal­ten wer­de. Die Kalasch­ni­kow bleibt also zunächst im Schrank. Angst kann einem dage­gen die grau­en­vol­le Het­ze machen, die die Rechts­ra­di­ka­len auf Twit­ter ges­tern los­ge­tre­ten haben. Ein erschre­cken­des Kriegs­ge­brüll mit viel­fäl­ti­gen Mord­dro­hun­gen an in- und aus­län­di­schen lin­ken Poli­ti­kern. So schnell wird Kolum­bi­en wohl nicht zur Ruhe kom­men.

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