Erster Bericht des deutschen Sonderbeauftragten liegt vor

Der im April von der deut­schen Bun­des­re­gie­rung ernann­te Son­der­be­auf­trag­te für den Frie­dens­pro­zess in Kolum­bi­en, Tom Koenigs, hat sei­nen ers­ten Bericht vor­ge­legt  (T. Koenigs: Bericht zum Frie­dens­pro­zess in Kolum­bi­en). Koenigs ist men­schen­rechts­po­li­ti­scher Spre­cher der Frak­ti­on Bünd­nis 90/Die Grü­nen im Deut­schen Bun­des­tag. In sei­nem Bericht skiz­ziert er in gro­ben Zügen die Ent­ste­hungs­ge­schich­te und den Ver­lauf der nun über 70-jäh­ri­gen Gewaltaus­ein­an­der­set­zung in Kolum­bi­en, geht auf die ver­än­der­ten geo­po­li­ti­schen Kon­stel­la­tio­nen ein und den Druck auf bei­de Sei­ten, sich einer rea­lis­ti­schen Sicht­wei­se zur Been­di­gung des Kon­flik­tes zu beugen.“Das offe­ne Ein­ge­ständ­nis, dass ein voll­stän­di­ger mili­tä­ri­scher Sieg über die Gue­ril­la nicht gelingt und das (impli­zi­te) Ein­ge­ständ­nis einer Mit­ver­ant­wor­tung für die zivi­len Opfer war für Kolum­bi­ens Prä­si­den­ten Juan San­tos nicht gra­tis. Er sieht sich einer Rechts­op­po­si­ti­on gegen­über, die von sei­nem Vor­gän­ger, Paten und frü­he­ren Dienst­her­ren Uri­be ange­führt wird und die einen gro­ßen Teil des land­be­sit­zen­den „Adels“, aber auch einen Teil von Pries­ter­schaft und Intel­lek­tu­el­len (z.B. Pli­nio Apu­leyo Men­do­za) umfasst. Auch wenn der Ton die­ser Oppo­si­ti­on scharf ist, sind die Anhän­ger bei­der Lager durch Fami­li­en- und Stan­des­in­ter­es­sen so eng mit­ein­an­der ver­floch­ten, dass nie ganz klar ist, wer wann und wie ent­schlos­sen auf wel­cher Sei­te steht.” (T. Koenigs: Bericht zum Frie­dens­pro­zess in Kolum­bi­en, S. 3).

Abge­se­hen von den bei­den Beauf­trag­ten der Signa­tar­staa­ten Nor­we­gen (Idun Aar­ak Tve­dt) und Kuba (Rodol­fo Bení­tez) ist Tom Koenigs neben dem US-Ame­ri­ka­ner Ber­nard Aron­son und dem EU-Son­der­ge­sand­ten Eam­on Gilmo­re der drit­te aus­län­di­sche Son­der­be­auf­trag­te für den Frie­dens­pro­zess. Die Tat­sa­che, dass die Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land, einen eige­nen Son­der­be­auf­trag­ten für den kolum­bia­ni­schen Frie­dens­pro­zess benann­te hat­te, war in Kolum­bi­en nicht über­all auf offe­nes Ver­ständ­nis gesto­ßen und hat­te Befürch­tun­gen einer Ein­mi­schung geweckt. Koenigs schreibt dazu: “Es hat zwei Mona­te und eines klä­ren­den Gesprächs und Essens zwi­schen den Außen­mi­nis­te­rIn­nen von Deutsch­land und Kolum­bi­en bedurft, um die ers­te Rei­se vor­zu­be­rei­ten. Jetzt sind die Beden­ken über­wun­den, die Nicht­ein­mi­schung in den Ver­hand­lungs­pro­zess auf der Insel ist garan­tiert und die Reser­ven wur­den auf­ge­ge­ben, wenn sie denn bestan­den haben. Dazu haben nicht nur die Gesprä­che des Beauf­trag­ten mit Regie­rungs­mit­glie­dern (Reyes, Hol­guín, Jara­mil­lo) son­dern auch die aus­führ­li­chen Inter­views im El Tiem­po vom 11.07.2015 und im El Espec­ta­dor vom 09.07.2015 bei­ge­tra­gen.” In sei­nem Bericht nennt König ins­ge­samt sie­ben “Ori­en­tie­rungs­punk­te” für Pro­jek­te des Frie­dens, sagt aber nichts dar­über, wie die­se Ori­en­tie­rungs­punk­te zustan­de gekom­men sind, ob und ggf. wel­che Bedeu­tung sie in den Gesprä­chen in Havan­na besit­zen und ob bzw. wie ggf. die kolum­bia­ni­schen Part­ner (bei­der Sei­ten) dar­auf reagiert haben. Ins­be­son­de­re sagt er nichts dar­über, in wel­chem Ver­hält­nis sie zu den in Havan­na bereits ver­han­del­ten Eck­punk­ten des “Tran­si­tio­nal-Jus­ti­ce-Pro­zes­ses” ste­hen, auf den sich die Ver­hand­lungs­de­le­ga­tio­nen geei­nigt haben. Auf “Tran­si­tio­nal Jus­ti­ce”, das Kon­zept und die in Havan­na dis­ku­tier­ten Eck­punk­te, wer­de ich in den nächs­ten Tagen etwas näher ein­ge­hen. Hier möch­te ich mich auf die Wie­der­ga­be der von Tom König vor­ge­leg­ten “Ori­en­tie­rungs­punk­te” beschrän­ken:

1. Die Opfer im Vor­der­grund

Zivil­ge­sell­schaft und Regie­rung wün­schen, dass die deut­sche Koope­ra­ti­on zur Ver­trau­ens­bil­dung, zum  Inter­es­sen­aus­gleich und zu kon­kre­ter Zusam­men­ar­beit zwi­schen Zivil­ge­sell­schaft und staat­li­chen Insti­tu­tio­nen  bei­trägt. Nicht nur aus huma­ni­tä­ren Grün­den son­dern auch um sich über die Wech­sel­bä­der poli­ti­scher  Ein­fluss­nah­men zu erhe­ben, lohnt es, bei den Opfern und ihren Orga­ni­sa­tio­nen anzu­set­zen, mit ihnen  zusam­men­zu­ar­bei­ten und auf sie zu hören. Frau­en, Kin­der, Hin­ter­blie­be­ne und Ange­hö­ri­ge von Ver­schwun­de­nen  sind die bes­ten Prot­ago­nis­ten von Wahr­heit, Gerech­tig­keit und Nicht­wie­der­ho­lung (ver­dad, jus­ti­cia y no  repeti­ción).

2. Drei Schwer­punkt­pro­vin­zen

Deut­sche Zusam­men­ar­beits­struk­tu­ren und Kon­takt­net­ze sind gut eta­bliert. An „Pedago­gia para la Paz“ schließt  sich als Auf­ga­be die Unter­stüt­zung bei der Umset­zung frie­dens­schaf­fen­der Maß­nah­men und der Gestal­tung  loka­ler Frie­dens­ord­nun­gen in den Regio­nen an. Die deut­sche Ent­wick­lungs­zu­sam­men­ar­beit hat zu Recht drei  Schwer­punkt­re­gio­nen (Nor­te de San­tan­der, Meta, Caque­tá) aus­ge­wählt, alles Pro­vin­zen, die vom Kon­flikt  gezeich­net sind und in denen FARC und ELN ope­rie­ren, wo also der Frie­den ent­schei­den­de Ver­än­de­run­gen brin­gen könn­te. An die­ser Fokus­sie­rung, die mit den Pla­nun­gen der Regie­rung zu den Schwer­punkt­re­gio­nen des
Post-Kon­flikts über­ein­stim­men, soll­te fest­ge­hal­ten wer­den.

3. Die Koor­di­nie­rung

Die Viel­zahl von Inter­es­sier­ten und Hilfs­be­rei­ten aus aller Welt und die will­kom­me­ne Bereit­schaft aller Ebe­nen der kolum­bia­ni­schen Gesell­schaft und des kolum­bia­ni­schen Staa­tes mit der Inter­na­tio­na­len Gemein­schaft zusam­men­zu­ar­bei­ten, führt zu einem engen, oft unüber­schau­ba­ren Netz von Akti­vi­tä­ten. Kein Dorf ohne NGO, kei­ne Hilfs­or­ga­ni­sa­ti­on ohne Prä­senz. Die Anwe­sen­heit inter­na­tio­na­ler Akteu­re in den Regio­nen ist für die Bevöl­ke­rung ein Ver­trau­ens- und Sicher­heits­fak­tor. Die nach­weis­li­che Betei­li­gung an Koor­di­nie­rungs­me­cha­nis­men  (vor allem der UN) soll­te bei den Pla­nun­gen zivil­ge­sell­schaft­li­cher Pro­jek­te zum Stan­dard wer­den. Kein durch deut­sche öffent­li­che Mit­tel unter­stütz­tes Pro­jekt soll­te sich die­ser Logik ent­zie­hen.

4. La Paz Ter­ri­to­ri­al – La Paz Ambi­en­tal

Der Krieg wur­de und wird in den ver­nach­läs­sig­ten Regio­nen und Pro­vin­zen geführt. Im soge­nann­ten Paz Ter­ri­to­ri­al müs­sen sich die Ergeb­nis­se der Frie­dens­ver­hand­lun­gen mate­ria­li­sie­ren. Loka­le Kon­flik­te blei­ben der Nähr­stoff des kolum­bia­ni­schen Bin­nen­kon­flikts. Dabei geht es i.d.R. um natür­li­che Res­sour­cen und ihre Nut­zung. Sie wer­den auch nach einer Frie­dens­ver­ein­ba­rung fort­be­stehen und kön­nen die Akzep­tanz des Frie­dens  schwä­chen. Die in Deutsch­land in den ver­gan­ge­nen Jahr­zehn­ten gemach­ten gesell­schaft­li­chen, poli­ti­schen und tech­ni­schen Erfah­run­gen einer stür­mi­schen öko­lo­gi­schen Ent­wick­lung und die Leh­ren aus durch­leb­ten und/oder  durch­lit­te­nen hef­ti­gen Kon­tro­ver­sen über Umwelt­pro­ble­me soll­ten in die Pro­jek­te in Kolum­bi­en ein­flie­ßen. Paz Ter­ri­to­ri­al muss auch Paz Ambi­en­tal sein. Auf­bau­end auf bestehen­den Leis­tun­gen soll­te die Ein­setz­bar­keit der GIZ in Kon­flikt­re­gio­nen gra­du­ell aus­ge­wei­tet wer­den. Frei­räu­me auf­grund ver­bes­ser­ter Sicher­heits­la­ge soll­ten nach Ver­hand­lungs­ab­schluss für die Aus­wei­tung des Ope­ra­ti­ons­ra­di­us fle­xi­bel genutzt wer­den.

5. Die Finan­zie­rung

Die Finan­zie­rung der Umset­zung der Frie­dens­ver­trä­ge wirft in Kolum­bi­en noch vie­le Fra­ge­zei­chen auf. Ein brei­ter Ein­satz von Instru­men­ten, wie z.B. von FZ-Pro­gramm­kre­di­ten soll­te fort­ge­führt wer­den. Dies wird dem Ent­wick­lungs­sta­tus Kolum­bi­ens gerecht, knüpft an die Grund­la­gen staat­li­cher Frie­dens­po­li­tik an, bin­det Deutsch­land in die Pla­nun­gen ein und schafft Kolum­bi­en gege­be­nen­falls Puf­fer für Finan­zie­rungs­be­din­gun­gen am Ende des Roh­stoff-Booms. Inter­na­tio­na­le Betei­li­gung an der Post-Kon­flikt-Ent­wick­lung kann jedoch — so die Regie­rung — selbst nur max. 5% des Bedarfs decken. In einer zukünf­ti­gen Finan­zie­rungs­ar­chi­tek­tur soll­ten bila­te­ra­le und mul­ti­la­te­ra­le Instru­men­te gemäß ihrer jewei­li­gen Vor­tei­le aus­ge­wo­gen genutzt wer­den. Eine Betei­li­gung am EU Trust-Fund ist wün­schens­wert, vor­aus­ge­setzt die EU berück­sich­tigt die Gestal­tungs­wün­sche
der Mit­glieds­staa­ten.

6. Der lan­ge Atem

Mit der Unter­schrift unter dem Frie­dens­ver­trag wird Kolum­bi­en für Demo­bi­li­sie­rung, Reinte­gra­ti­on, Sicher­heit und Moni­to­ring kurz­fris­tig um Unter­stüt­zung bit­ten. Der Frie­dens­pro­zess währt aber schon lan­ge und braucht noch einen lan­gen Atem. Vie­le Frie­dens­in­itia­ti­ven sind unter­wegs schon geschei­tert. Das inter­na­tio­na­le Enga­ge­ment in Kolum­bi­en bleibt nur glaub­wür­dig, wenn es sich auf die­sen lan­gen Weg mit sei­nen Höhen und Tie­fen beharr­lich ein­lässt und eili­gen Erwar­tun­gen in Kolum­bi­en und Deutsch­land prin­zi­pi­en­fest ent­ge­gen­tritt.

7. Die Ver­än­de­rung in den Köp­fen

Ent­schei­dend für die Ent­wick­lung von Demo­kra­tie und Frie­den und für die Schaf­fung einer Frie­dens­kul­tur, die die kom­men­de Gene­ra­ti­on bestimmt, ist die Ver­än­de­rung in den Köp­fen, an der gesell­schaft­li­chen Soft­ware. Des­halb soll­ten sich Pro­jek­te vor allem auf Erzie­hung auf allen Ebe­nen, Capa­ci­ty-Buil­ding, Wis­sens- und Tech­no­lo­gie­trans­fer, Zusam­men­ar­beit von Bil­dungs­in­sti­tu­tio­nen etc. rich­ten. So kön­nen die zeit­lich, räum­lich und finan­zi­ell ja immer begrenz­ten Pro­jek­te doch nach­hal­ti­ge Wir­kung gewin­nen.” (T. Koenigs: Bericht zum Frie­dens­pro­zess in Kolum­bi­en

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