Institutioneller GAU

Das Ver­hält­nis der Kolum­bia­ner zu ihren staat­li­chen Insti­tu­tio­nen ist, vor­sich­tig for­mu­liert, durch eine kri­ti­sche Distanz geprägt. Von einem tie­fen Miss­trau­en zu spre­chen, trä­fe den Sach­ver­halt nicht min­der. Eine Rei­he von Kor­rup­ti­ons­af­fai­ren in den letz­ten Jah­ren und die Ver­wick­lung von Ange­hö­ri­gen der Poli­zei und des Mili­tärs, ja auch des Par­la­men­tes in äußerst frag­wür­di­ge Ereig­nis­se, haben dazu bei­ge­tra­gen. Was wir aber nun hier erle­ben, ist eine Art insti­tu­tio­nel­ler Super-GAU. Jor­ge Pre­telt Chal­jub, ein “Magis­tra­do” des “Cor­te Con­sti­tu­cio­nal”, ver­gleich­bar mit einem Rich­ter beim Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt in Deutsch­land, soll für die Beein­flus­sung eines Urteils zuguns­ten der Erd­öl­fir­ma “Fidu­petrol” finan­zi­el­le Vor­tei­le erhal­ten oder ver­langt haben oder dies zumin­dest nahe­ge­legt haben. Er selbst bestrei­tet zwar alle Vor­wür­fe und wei­gert sich den öffent­li­chen Rück­tritts­for­de­run­gen Fol­ge zu leis­ten. Aber die Bele­ge für sein Fehl­ver­hal­ten müs­sen wohl ziem­lich erdrü­ckend sein, so dass der Staats­prä­si­dent Juan Manu­el San­tos vor ein paar Tagen sich ver­an­lasst sah, sich in einer Fern­seh­an­spra­che direkt zu den Vor­wür­fen zu äußern und zu ver­su­chen das zer­schla­ge­ne Por­zel­lan zu kit­ten. Er beschwört das angeb­lich “tra­di­tio­nell tie­fe Ver­trau­en der Kolum­bia­ner in die Insti­tu­tio­nen der Jus­tiz” und hat eine Unter­su­chungs­kom­mis­si­on ein­ge­setzt, die die Vor­wür­fe klä­ren soll. Dar­über hin­aus hat er eine insti­tu­tio­nel­le Reform ange­kün­digt, in der neue Kon­troll­or­ga­ne ent­ste­hen sol­len. Dies ist inso­fern inter­es­sant, weil ja das Ver­fas­sungs­ge­richt selbst eine Art Kon­troll­or­gan ist, das die Ein­hal­tung der ver­fas­sungs­mä­ßi­gen Rech­te auf allen Ebe­nen der kolum­bia­ni­schen Gesell­schaft über­wa­chen und gewähr­leis­ten soll. Die neun Mit­glie­der des “Cor­te Con­sti­tu­cio­nal” wer­den vom “Sena­do”, neben der “Came­ra de Rep­re­sen­tan­tes” einer der bei­den Kam­mern des kolum­bia­ni­schen Par­la­ments, für acht Jah­re gewählt. Vor­ge­schla­gen wer­den die Kan­di­da­ten von drei Sei­ten: vom Prä­si­den­ten der Repu­blik, vom “Cor­te Supre­me de Jus­ti­cia”, ver­gleich­bar mit dem Bun­des­ge­richts­hof in Deutsch­land, und dem “Con­se­jo del Esta­do”, ver­gleich­bar mit dem Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt. Jor­ge Pre­telt wur­de 2009 von San­tos Vor­gän­ger Uri­be vor­ge­schla­gen. Damit steht auch der Prä­si­dent zwar nicht per­sön­lich aber als Insti­tu­ti­on unter Druck. Zumal die oben genann­ten Vor­wür­fe nicht die ein­zi­gen gegen Pre­telt sind. Ein zwei­ter Vor­wurf betrifft den Erwerb drei­er Fin­cas mit frag­wür­di­gen Eigen­tums­ver­hält­nis­sen. Eine die­ser Fin­cas mit dem sinn­fäl­li­gen Namen “No Hay Como Dios” war 1997 von der rechts­ge­rich­te­ten para­mi­li­tä­ri­schen Grup­pe AUC über­fal­len und nie­der­ge­brannt wor­den. Die dama­li­gen Eigen­tü­mer, eine Bau­ern­fa­mi­lie, wur­den ermor­det (Eltern, zwei Töch­ter, Schwie­ger­sohn und Enke­lin), die noch ver­blie­be­nen Fami­li­en­mit­glie­der ver­trie­ben. Vor eini­gen Jah­ren wur­de das Grund­stück die­ser Fin­ca als soge­nann­ten Ödland zu einem unge­wöhn­lich güns­ti­gen Preis an die Ehe­frau von Jor­ge Pre­telt ver­kauft (Quel­le: El Espec­ta­dor, 23.3.2015).

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Die Schaf­fung einer Insti­tu­ti­on der Beob­ach­tung zwei­ter Ord­nung und der Ver­such mehr Trans­pa­renz zu erzeu­gen, scheint eine durch­aus ange­mes­se­ne Reak­ti­on auf die gegen­wär­ti­ge Kri­se zu sein und zeigt, wie ernst die poli­ti­sche Klas­se des Lan­des die Kri­se nimmt. Denn es steht eini­ges auf dem Spiel. Die kolum­bia­ni­sche Jus­tiz hat­te tat­säch­lich in den letz­ten Jah­ren Ver­trau­en zurück­ge­won­nen, hat­te durch­aus auch Mut und Enga­ge­ment bewie­sen, wenn es bei­spiels­wei­se um die Ver­fol­gung von Men­schen­rechts­ver­let­zun­gen ging, die zum Teil — vor allem wäh­rend der rechts­ge­rich­te­ten Prä­si­dent­schaft Álva­ro Uri­be Vélez’ — von der Regie­rung oder Mit­glie­dern der Regie­rung gedeckt wur­den. So wur­den noch wäh­rend Uri­bes Regie­rungs­zeit Kon­gress­ab­ge­ord­ne­te sei­ner Par­tei ange­klagt mit den pro­fa­schis­ti­schen Para­mi­li­tärs zusam­men­zu­ar­bei­ten. Nicht nur in die­sem Skan­dal um die soge­nann­ten “Para­po­li­ti­cos” zeig­te die Jus­tiz Flag­ge, auch der schreck­li­che Skan­dal um die Ent­füh­rung von Jugend­li­chen aus den ärms­ten Stadt­tei­len von Bogo­tá und ande­ren Städ­ten durch das Mili­tär, ihre Ermor­dung und anschlie­ßen­de öffent­li­che Prä­sen­ta­ti­on in gefälsch­ten Uni­for­men der FARC, was als angeb­li­cher mili­tä­ri­scher Erfolg des Mili­tärs demons­triert wer­den soll­te, wur­de auf­ge­deckt und ist im Bewußt­sein der Bevöl­ke­rung unter dem Begriff “Fal­sos Posi­tiv­os” bis heu­te prä­sent. Bei­de Skan­da­le stürz­ten die dama­li­ge Regie­rung Uri­be in eine tie­fe Ver­trau­ens­kri­se und zei­gen, dass ein pau­scha­li­sie­ren­des Urteil, etwa in dem Sin­ne, dass die kolum­bia­ni­sche Jus­tiz durch und durch kor­rupt sei, so nicht zu hal­ten ist. Auch wenn es immer wie­der Skan­da­le gege­ben hat, und auch die Fäl­le nicht über­se­hen wer­den dür­fen, in der Staats­an­wäl­te auf­ge­ge­ben haben, weil sie sich durch Poli­tik oder auch inner­halb des Jus­tiz­ap­pa­ra­tes blo­ckiert fühl­ten, oder per­sön­li­chen Bedro­hun­gen (auch von Sei­ten der Regie­rung Uri­be) aus­ge­setzt waren, hat die kolum­bia­ni­sche Jus­tiz zumin­dest ihre Unab­hän­gig­keit von der Poli­tik in den letz­ten Jah­ren demons­triert. Aber gera­de des­halb ist die gegen­wär­ti­ge Kri­se so ver­hee­rend, weil sie das mög­li­cher­wei­se in den letz­ten Jah­ren gestie­gen Anse­hen der Jus­tiz mit einem Schlag wie­der zer­set­zen kann. Es ist des­halb so ver­hee­rend, weil es der Bevöl­ke­rung ein­mal mehr vor Augen führt, dass die soge­nann­te “Eli­te” des Lan­des kei­ner­lei mora­li­sche Skru­pel zu besit­zen scheint, wenn es um die per­sön­li­che Berei­che­rung geht, auch nicht, wenn dabei die Geset­ze gebeugt wer­den müs­sen. Wie soll­te da der von Stra­ßen­kri­mi­na­li­tät leben­de, oft­mals erst durch die Ver­trei­bung in die sozia­le Mise­re gestürz­te, in Bogo­tá ohne fes­ten Wohn­sitz leben­de und ohne sozia­les Netz sich mehr schlecht als recht durch­schla­gen­de Beob­ach­ter die­ser Sze­ne, davon abge­bracht wer­den kön­nen, Glei­ches nur auf einer ande­ren Ebe­ne zu tun?

Es besteht Hand­lungs­be­darf in Kolum­bi­en. Das hat San­tos in sei­ner Fern­seh­an­spra­che auch klar zu erken­nen gege­ben. Aber alles zu sei­ner Zeit. Ostern steht vor der Tür und da macht die poli­ti­sche Klas­se des Lan­des erst­mal Urlaub und fährt in der “Sema­na San­ta” aufs Land, auf ihre Fin­cas.

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