Cartagena

Seit einigen Tagen sind Constanza und ich in Cartagena de Indias. Cartagena wird – nicht nur von den Kolumbianern – die „Perle der Karibik“ genannt, und das ist diese Stadt in gewisser Hinsicht auch zweifellos. Die mit der seit Jahrhunderten existierenden Mauer umgebene Altstadt (sie ist seit 1984 samt den spanischen Verteidigungsanlagen aus dem 17. Jahrhundert UNESCO-Weltkulturerbe) sucht ohne Frage Ihresgleichen. Neben Bogotá ist Cartagena in den letzten Jahren, mein zweites kolumbianisches Zuhause geworden. Unsere Wohnung, im Stadteil La Boquilla liegt nur wenige (Auto- oder Bus-) Minuten von der Altstadt und einigen unserer Lieblingsplätzen entfernt, auf denen wir je nach Stimmungslage entspannende Ruhe genießen oder uns dem ganz speziellen Lärmgemisch dieser Stadt aussetzen, hervorgebracht durch Straßenverkäufer aller Art, Salsa-oder Merengue-Gruppen, Hufgetrappel der Pferdedroschken, die sich den Touristen für einen stilvollen ersten Überblick über die Altstadt anbieten.

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Auch nach über 30 Jahren ist die Ankunft hier am Aeropuerto Rafael Nunez für mich immer wieder ein aufregendes Ereignis, auf das ich mich schon während des ganzen Fluges gefreut habe. Man steigt hier noch wie in den Anfangstagen der zivilen Luftfahrt die Gangway hinunter auf das offene Flugfeld und wird dabei ganz behutsam umströhmt von einer feuchtwarmen Luft, die einem sofort nach der Öffnung der Kabinentüren entgegentritt und einen einzigartigen Geruch verbreitet, den Geruch der nahen karibischen See vermischt mit einem Hauch von Kerosin. Nur wenig später, nachdem wir uns mit unserem Gepäck durch die lärmende auf Taxis wartende Menge gedrängt haben, erreichen wir nach kurzer Fahrt die vertraute Wohnung. Da diese unmittelbar am Strand liegt, hat ein Sprung ins Meer erstmal absolute Priorität. Ich lasse mich mit hinter dem Nacken verschränkten Armen entspannt auf dem Rücken liegend von den sanften salzhaltigen Wellen schaukeln. Über mir entdecke ich alte Freunde, die Pelikane. Sie fliegen auf mich zu, als würden sie mich begrüßen wollen. Dabei beobachten sie ganz genau jeden Fleck im Wasser links und rechts von mir, um sich sofort auf jeden Fisch, den ich ohne es zu merken aufscheuche, zu stürzen. Und dies machen sie mit einer wahren Akrobatennummer, die man diesen eigentlich ja etwas plump wirkenden Vögeln gar nicht zugetraut hat. Platsch, dicht neben mir taucht wieder einer ein. Bilde ich mir es nur ein, oder sieht er mich beim Auftauchen tatsächlich etwas spöttisch an, bevor er dann schnell mit seiner Beute davonzufliegt?

Auch für Pelikane muss diese Art der Nahrungssuche auf die Dauer doch ziemlich antrengend sein. Wohl deshalb sehen wir sie etwas später wieder, wie sie sich für einen leichteren Weg entschieden haben. Sie stehen gemeinsam mit einigen Einheimischen und Touristen am Strand und warten auf die Fischer, die mit ihrem Boot gerade ans Ufer fahren, dort die Netze zusammenziehen und an Ort und Stelle beginnen, ihren spärlichen Fang zu verkaufen. Für die sich geduldig in die Reihe der Wartenden Menschen einreihenden Pelikane – einige Fischreiher haben sich mittlerweile dazu gesellt – bleibt genug übrig. Noch einfacher machen sich es einige ihrer Kollegen, die die Idee hatten, direkt zum Fischmarkt zu fliegen, sich dort auf die Dächer der Hütten zu setzen, um von dort den guten Überblick über das Marktreiben ausnutzend auf günstige Gelegenheiten zu warten. Einmal nicht aufgepasst, ruck zuck, und schon ist einer der dort massenhaft feilgebotenen Fische im Sammelschnabel der Freunde verschwunden. Bewundernswert.

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Obwohl man in Cartagena grundsätzlich ein angenehmens tropisches Klima erwarten kann, erlebt man immer wieder Überraschungen. Mal gibt es wochenlang nahezu täglich zur immer wiederkehrenden Uhrzeit am Nachmittag einen gewaltigen tropischen Regenguss, der die Überforderung des alten Abwassersystems schnell zu Tage treten lässt. Ein anderes mal fällt die Brise des Meeres schwächer als normalerweise aus, was die Hitze unerträglich macht und auch die Mücken auf den Plan ruft, die sich sonst eher in den Mangrovenwäldern des dem Meer abgewandten Ciénaga (Mangroven Sumpf) versteckt halten. In diesem Jahr ist es umgekehrt. Täglich frischt der Wind am Nachmittag so kräftig auf, dass dann an ein Schwimmen im Meer kaum mehr zu denken ist und sich gegen Abend ein handfester Orkan herausgebildet hat. Gestern waren wir tatsächlich so besorgt, dass wir das Internet nach einer „Alerta por Huracan“ abgesucht haben. Aber es gab keine. Der Wind ist immerhin so stark, dass er anfängt, den Sand von Strand zu Dünen aufzutürmen. Ein Phänomen, das ich hier noch nie beobachtet habe.

Andererseits besänftigt der starke Wind ein wenig unsere Besorgnis hinsichtlich der Chikunguya-Epidemie, die hier dummerweise gerade herrscht. Das Chikunguya-Virus wird durch Mücken übertragen und gegenwärtig gibt es keinen wirksamen Schutz. Weder eine Impfung noch Medikamente. Empfohlen wird, sich so zu verhalten, dass man Mückenstiche möglichst vermeidet. Aber das ist kaum möglich. Trotz langer Ärmel, langer Hosen und „Repelente“ habe ich schon eine Reihe von Stichen kassiert. Obwohl, das muss man betonen, in Cartagena das Mückenproblem normalerweise nicht besonders stark ist. Am Strand sind die Vorsichtsmaßnahmen ja sowieso nicht durchzuhalten. Aber da hilft eben der starke Wind am Meer, der die Mücken davontreibt. Solange man nicht selbst davon geweht wird, ist das ein Kompromiss, mit dem man leben kann.

Der Ort, an dem unsere Wohnung liegt, ist ein schmaler Streifen zwischen dem Meer einerseits und dem Ciénaga mit seinen Mangroven anderseits. Wie alle Ciénagas ist auch der von Cartagena ein Paradies für verschiedene Pflanzen- und Tierarten. Konfrontiert wird man immer wieder mit Leguanen, die keine Scheu haben, sich auf die Wanderschaft von der einen, an den Ciénaga grenzenden, Seite des schmalen Landstreifens auf die andere, dem Meer zugewandten, Seite zu begeben. Als Autofahrer muss man schon mal aufpassen, dass ein vermeintlicher Pflanzenast, sich beim Näherkommen nicht als Leguan herausstellt. Heute war einer der Leguane so frech, dass er in unseren Swimmingpool watschelte. Da es sich hierbei um ein ziemlich ausgewachsenes Exemplar von über 1,50 m handelte, kann man sich die Aufregung der Leute gut vorstellen. Er wurde verjagt, aber mit allem Respekt, den man diesen altehrwürdigen Echsen selbstverständlich entgegenbringt.

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Während ich das schreibe – es ist mittlerweile Mitternacht und mein Schwiegervater schläft schon lange – tobt im Patio unseres Nachbarhauses eine Wahnsinns-Party. Constanza glaubt der Musik-Mischung zu entnehmen, es müsse eine Initiationsparty für jemand sein, der gerade 15 Jahre alt geworden ist. Kein Problem. Die Musik ist prima: Ein wenig Salsa, ein wenig Reggaeton, Bachata, Merengue und ein wenig Hip-Hop-Mashups von klassischen Rock-Titels der 70er Jahre. Zwischendurch dann ab und zu ein klassischer Johann-Strauss-Walzer, der es auch den Großeltern erlauben soll, sich auf der Tanzfläche wohlzufühlen. Teilweise life, teilweise Disco. Aber sie ist so laut, als würden wir uns direkt in der Disko befinden. Jetzt kommt gerade noch eine Vallenato-Gruppe dazu und bringt etwas ruhigere Musik hinzu. Aber dennoch: An Schlaf ist nicht zu denken. Wie mein Schwiegervater das hinkriegt, ist mir ein Rätsel. Constanza und ich nutzen einfach die Musik und beginnen auf unserer Terasse zu tanzen.

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