Wissenskulturen e.V.

Arbeitskreise und Veranstaltungen


Seminarveranstaltung an der Universität Bielefeld, WS 2011/12:
"Mediatisierung von Wissenskulturen" (Michael Paetau)

"In jeder historischen Situation entwickeln Gesellschaften besondere soziale Mechanismen, die den Umgang mit ihrem Wissen steuern. Hier wird entschieden welches Wissen bewahrt, welches vergessen oder welches gar vollständig vernichtet wird, und in welcher Weise dies geschieht. In diesem Sinne sind alle Gesellschaften Wissensgesellschaften. Es werden Strukturen aufgebaut, in denen das Wissen produziert, verteilt, angewendet, gespeichert, wiedergefunden und vergessen wird." (Wissenskulturen e.V., 2008)

Wissenskulturen sind in den letzten Jahren mehr und mehr zum Gegenstand einer interdisziplinären Forschung geworden. Dabei geht es um die Frage, welche sozialen, technischen und symbolischen Faktoren den Umgang einer Gesellschaft mit ihrem Wissen hinsichtlich seiner Erzeugung, seiner Speicherung, seiner Verteilung und seines Zugangs beeinflussen. Das in diesen vier allgemeinen Dimensionen einer jeden Wissensformation zu identifizierende Kulturelle lässt sich zwar als »handlungsorientierende Sinnkonstruktion« (T. Luckmann) verstehen, gleichwohl ist es weit davon entfernt als etwas Homogenes und als »one true self« (S. Hall) gelten zu können. Im Sinne der »Cultural Studies« und – in deren Folge – der neueren »Subcultural Studies« lassen sich Wissenskulturen eher als differentielle und hybride Syndrome bezeichnen, die einen relevanten Einfluss auf andere gesellschaftliche Bereiche ausüben (z.B. auf die öffentliche Meinung, auf den Zugang zu Bildung, auf die Freiheit der Kunst, auf Geschlechterverhältnisse, rassistische und sexuelle Diskriminierungsphänomene aber auch auf gesellschaftliche Machtverhältnisse) und umgekehrt natürlich auch selbst von diesen beeinflusst werden (z.B. von informations- und kommunikationstechnischen Systemen oder von den Rechtsverhältnissen einer Gesellschaft). Dieses Seminar stellt die Frage der Mediatisierung von Wissenskulturen in das Zentrum der Diskussion. Es geht um die Beschreibung und die Analyse des mit dem Einsatz neuer Medien verbundenen Wandels in der Art und Weise, wie die Gesellschaft mit ihrem Wissen umgeht. Dazu werden wir Verschiebungen aufspüren, die sich in – ausgewählten – Bereichen der Wissenskultur feststellen lassen. Dabei soll neben der Berücksichtigung einiger – für die Entwicklungsgeschichte der Medien und der Medientechnik relevanter - historischer Beispiele (z.B. R. Stallman 1985; E. Raymond 1999; L. Lessig 2004) vor allem auf aktuelle Beispiele eingegangen werden. Denkbar sind Themen wie »Social-Media-Technologies«, Fragen des sogenannten »geistigen Eigentums«, die »Post-Privacy-Debatte«, »Vorratsdatenspeicherung«, »WikiLeaks« u.a.m..


Arbeitskreis "Wissensgeschichte des Liberalismus" (ab August 2011)

"Es ist schon eigenartig, dass dieselben Leute, die in geschliffenene Worten von politischer Freiheit sprechen und das Recht auf Steuererhebung für ein unveräußerliches Menwschenrecht halten, keine Skrupel haben, einen Großteil ihnen ähnlicher Geschöpfe Bedingungen zu unterwerfen, in denen diese nicht nur allen Eigentums, sondern auch fast aller Rechte beraubt sind." (John Millar, schottischer Aufklärer 1771)

Der AK »Wissensgeschichte des Liberalismus« des Vereins »Wissenskulturen e.V.« beschäftigt sich mit den philosophischen Grundlagen, der Herausbildung des freien Welthandels und die Entwicklung Englands zur dominanten Weltmacht im 18. Jahrhundert, die Auseinandersetzungen innerhalb des Liberalismus im Zusammenhang mit der amerikanischen Revolution, über Sklavenhandel und Sklavenhaltung in den USA und den europäischen Kolonien sowie über die Leibeigenschaft in Europa selbst. Wir wollen auch die Bedeutung liberalen Denkens in der französischen Revolution und danach untersuchen, die Auswirkungen auf die Unabhängigkeitsbewegung in Südamerika, sowie die Rolle des Liberalismus im Zusammenhang mit der deutschen und italienischen Nationalbewegung des 19. Jahrhunderts. Betrachtungen zur zeitweiligen Zurückdrängens liberalen Denkens in der ersten Hälfte des 20. Jahhrunderts und seiner erneuten Durchsetzung in der zweiten Hälfte des 20. Jahhunderts runden das Programm dieses Arbeitskreise ab.


Arbeitskreis "Am Kreuzweg der Wissensordnung" (abgeschlossen)

"A Spectre is haunting multinational capitalism – the spectre of free information. All the powers of 'globalism' have entered into an unholy alliance to exorzise this spectre (...) Througout the world the movement for free information announces the arrival of a new social structure, born of the transformation of bourgeois industrial society by the digital technology of its own invention." (Eben Moglen: The dotCommunist Manifesto 2003)

In dem Arbeitskreis stellen wir uns die Frage: "was ist eigentlich das Revolutionäre" an der sogenannten "digitalen Revolution"? Wer sind die Subjekte dieser Transformation und was ist ihr Gegenstand? Wir knüpfen an die Beobachtung an, dass die Wissensformation der Gesellschaft sich insofern an einem Kreuzweg befindet, als gegenwärtig Weichenstellungen erfolgen, die darüber entscheiden, ob die Potenziale der Informations- und Kommunikationstechnologien genutzt werden, um mehr Selbstbestimmung der Individuen und größere Transparenz der anonymen Systeme der Macht herzustellen, oder aber eher umgekehrt eine stärkere Kontrolle der Bürger durch Sammlung und Auswertung der Daten, die sie bei all ihren Handlungen hinterlassen. Darüber hinaus stellt sich die Frage, inwieweit der freien gemeinschaftlichen Verfügung zugänglich sein wird, oder aber immer mehr zu einer Ware wird, die proprietären Prinzipien und ökonomischen Kalkülen unterworfen sein wird.


Kolumbien-Veranstaltung "Choco - Der Kampf um die Menschenrechte in Kolumbien" (25. Oktober 2010)

Veranstaltung mit Ulrich Kollwitz, dem Leiter der "Equipo Misionero Justicia y Paz" in Quibdo, Kolumbien, der über die Situation der Menschenrechte in Kolumbien und die Arbeit der Equipo Misionero berichtete. (Montag, den 25. Oktober 2010, im Bonner Institut für Migrationsforschung und Interkulturelles Lernen (BIM) e.V., Thomas-Mann-Str. 1, 53111 Bonn)

Im Departament Choco, im kolumbianischen Regenwald zwischen Pazifik- und Atlantik im Norden Südamerikas gelegen, haben Megaprojekte der kolumbianischen Regierung und nordamerikanischer Interessengruppen zu massiven sozialen Auseinandersetzungen, begleitet von Landvertreibung und Verarmung der ansässigen afro-kolumbianischen und indigenen Gemeinschaften geführt. Paramilitärische Gruppen, die teilweise offen von den regulären Streitkräften unterstützt werden, und linke Guerillagruppen liefern sich eine erbitterte militärische Auseinandersetzung, unter der vor allem die Zivilbevölkerung zu leiden hat. Einige Gemeinschaften versuchen sich gegen diese Spirale der Gewalt zur Wehr zu setzen. Sie versuchen, durch solidarisches Handeln die sozialen und gesellschaftlichen Bedingungen für ein selbstbestimmtes Leben in Frieden und Freiheit zu entwickeln. In seinem beeindruckenden Vortrag, der von vielen Fotos der Landschaft und des sozialen Lebens in dieser imponierenden Region unterstützt wurde, berichtete Ulrich Kollwitz von diesem Versuchen und wie die "Equipo Misionero Vida Justicia y Paz" die Gemeinschaften in ihrem Überlebenskampf zu unterstützen.


Arbeitskreis "Historischer Wandel von Wissenskulturen am Beispiel von Aufklärung, Romantik und Postmoderne" (abgeschlossen)

"Die Vernunft hat immer existiert, nur nicht immer in der vernünftigen Form." (K. Marx, Brief an A. Ruge, 1843)

Am Beispiel des Umbruchs von der Aufklärung zur Romantik wird nachgezeichnet, wie sich Diskurskonstellationen verändern und so letztlich zu einer neuen Wissensordnung führen können. Anhand ausgewählter Literaturstellen wird der Wandel in den Diskursen von Philosophie, Epistemologie, Politik und Kunst herausgearbeitet und in eine Beziehung gesetzt zu den Debastten, wie sie im Diskurs um die sogenannte "Postmoderne" geführt werden und zu den aktuellen Veränderungen der gesellschaftlichen Kommunikationsverhältnisse, wie wir sie gegenwärtigen im Zuge der sogenannten "digitalen Revolution" beobachten.


Arbeitskreis "Emanzipatorische Potenziale der Wissensgesellschaft" (abgeschlossen)

"Die Dekonstruktion aller Subjektreferenzen führt uns zur Position eines Beobachters zweiter Ordnung, der es sich zur Gewohnheit gemacht hat, jeweils zu fragen: wer sieht das?, wer sagt das?" (N. Luhmann: Die Wissenschaft der Gesellschaft, 1990)

Dem Arbeitskreis "Emanzipatorische Potenziale der Wissensgeselllschaft" geht es darum, den gegenwärtigen durch die rasante Entwicklung der Informations- und Kommunikationstechnologien ausgelösten oder zumindest beflügelten Transitionsprozess, in dem sich die moderne Gesellschaft befindet, zu verstehen. Wir greifen die vielerorts vertretene These auf, dass die gegenwärtig zu beobachtende Transition in einen gesellschaftlichen Zustand führt, der als "Wissensgesellschaft" bezeichnet werden kann und fragen nach der sozialen Qualiät eines solchen Transitionsprozesses gemessen an einer emanzipatorischen Entwicklung.


Arbeitskreis "Wissenskulturen und Geschlechterverhältnisse" (abgeschlossen)

"Der springende Punkt ist nicht, neue Geschlechternormen vorzuschreiben, so als ob man die Verpflichtung hätte, ein Maß, einen Maßstab oder eine Norm für die Beurteilung konkurrierender Genderdarstellungen zu liefern." (J. Butler: Die Macht der Geschlechternormen, 2009, S. 56)

Der AK "Wissenskulturen und Geschlechterverhältnisse" setzt sich mit hegemonialen und kritischen Konzepten von Geschlechterverhältnissen in unterschiedlichen Epochen und Wissenskulturen auseinander. Diese werden in ein Verhältnis gesetzt zu der heutigen Diskussion um ein nicht-identitäres und post-koloniales Verständnis von Gender, in der sowohl die diskursive Konstruktion von Geschlecht in den Vordergrund gehoben wird als auch ihre intersektionale Konstituierung (Gender - Class - Race) zum Tragen kommt.